stürmisch,
adj. ,
seit dem mhd. belegt (
s. mhd. wb. 2, 2, 717),
doch vor dem 16.
jh. äuszerst karg. diese bildung hat sich im nhd. gegenüber ähnlichen (
s. stürmerisch, stürmig, stürmlich)
allein durchgesetzt. entgegen sturm
liegt der hauptanwendungsbereich des wortes heute im uneigentlichen (
s. u. 5). 11)
an den kriegerischen sturm knüpft die bedeutung in wenigen frühen belegen an: ich bin dazu geboren, das ich mit den roten und teuffeln mus kriegen und zu felde ligen, darumb meiner bücher viel stürmisch und kriegisch sind Luther 30, 2, 68
W.; selten in junger sprache: als er endlich sie (
die schlacht) lieferte, überwand er seinen stürmischen gegner Mommsen
röm. gesch. 2, 236.
hierher auch stürmischer angriff: sie (
die maurischen reiter) meinen es selten mit diesen stürmischen angriffen ernsthaft Tieck (1828) 19, 384; dasz die groszen leiber der germanischen krieger nur zum stürmischen angriff tüchtig gewesen seien Fouqué
gefühle, bilder 1, 204. 22) '
aufrührerisch': so ich doch nichts denn seynem rottischem, sturmischem und schwermischem geyste widder stehe Luther 18, 68
W.; wie nun der Zwingel von Carlstadt diese grille auffgefangen, hat er zugleich auch etwas von seinem stormischen geist empfangen G. Nigrinus
anticalvinismus (1595) 453;
äuszerlicher in jungen belegen: Wladislaw II. war kein mann, um den stürmischen adel in zaun zu halten Ranke
s. w. 2, 285. 33) '
aufbrausend, schroff, heftig, ungestüm': da ist sie nicht ruhmorisch, gegen kind und gsind nicht stürmisch Nic. Schmidt
zehen teufel (1557) f 1
b; hette sie (
die tochter) meinen stürmischen schedel nicht so wol gewust, ich weisz, sie hette ihn die stunde noch nicht für ihren gümpel angenommen Schoch
studentenleben (1657) d 3
b; ir gesicht und wesen ist sauer, unfreundlich, stürmisch Dapper
Africa (1671) 463
b; ein weib solle nicht rauh und stürmisch, sondern freundlich und leutselig von sitten seyn v. Hohberg
georg. curiosa 3, 79
b; da ist der unerzogene, stürmische mann gleich davon gelaufen Gottsched
dtsche schaubühne 4, 280; ein stürmischer, genialischer jüngling E.
M. Arndt (1892) 1, 33; heftig, aufbrausend, stürmisch, ein zelot Ranke 37, 114;
besonders oft stürmischer liebhaber: ist dieser schmeichelnde, stürmische liebhaber der kalte Tellheim? Lessing 2, 255
L.-M.; stürmischen verehrern Costenoble
tagebücher 1, 8;
vgl. mundartlich: stürmisch
aufgeregt Martin-Lienhart 2, 614.
vereinzelt bleibt die übertragung auf ein starkes, hitziges getränk: ein stürmisch bier, das im gehirne tobet J. E. Schlegel (1761) 4, 131. 44) stürmisch
von den bewegungen der elemente. allgemein: hierauf war es immer kälter und stürmischer geworden Göthe IV 21, 319
W.; je stürmischer um lichtmesz, je sicherer ein schön frühjahr Körte
sprichwörter 151.
stürmischer wind: der nortwind ... ist der aller stürmiste wind Barth
weiberspiegel (1565) 78
b; und halte (
herbst) die stürmischen winde zurück Giseke
poet. werke (1767) 110.
stürmisches meer, stürmische see, wogen
u. s. w.: das (
meer) welches so stürmisch und von vilen schiffbrüchen übel berichtiget Butschky
Pathmos (1677) 601; (
völker) die blosz das stürmische meer ernährt Haller
Usong (1771) 53; von dem stürmischen meer des hoflebens Gleim
briefw. 1, 421
Körte; nach einer beschwerlichen fahrt bei stürmischer see Heilmann
pelop. krieg (1760) 316; in einem kahn allein auf die stürmische see O. Jahn
Mozart 4, 165; das land der wahrheit, umgeben von einem weiten und stürmischen oceane Kant 3, 202
akad. ausg.; die stürmische woge Fr. Schlegel (1846) 4, 125.
stürmischer himmel, stürmische witterung
u. s. f.: der himmel will sich selbst bey meiner fürstin reisen in reinster heiterkeit, nicht länger stürmisch weisen B. Neukirch
bei Hoffmannswaldau u. a. D. ged. 7, 214; die witterung des himmels war damals ungemein kalt und stürmisch
Leipz. avanturieur (1756) 2, 102; nachmittags bin ich der frau cammerherrin bei sehr stürmischem wetter entgegen gereiset Zinzendorf
tageb. in zs. f. brudergesch. 1, 140.
von den zeiten: (
frühling) der immer beblühmet und grünend verbleibt, dieweil ihn kein stürmischer winter vertreibt Triller
poet. betracht. (1750) 1, 497; der stürmische herbst Lenz 16
Weinhold; dieser unbeständige und stürmische aprill Lohenstein
Arminius 2, 1511
b; an einem stürmischen herbstabend E. T. A. Hoffmann 10, 90
Gr.; besonders häufig und läufig die stürmische nacht: schwarz und stürmisch war die nacht Göthe 1, 181
W.; stürmischer als eine decembernacht J.
M. Miller
briefw. dreier ak. freunde (1778) 1, 101; eine rauhe stürmische winternacht A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 265; stürmische novembernacht W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 250.
von sturmumbrausten örtlichkeiten: auf dem stürmischen hügel Göthe 37, 67
W.; der fürst der stürmischen inseln Bürger 283
B.; der mensch verwildert in wilden, stürmischen zonen Schiller 1, 166
G. 55)
vornehmlich von 3
und 4
her entwickelt, tritt stürmisch
seit dem 17.
jh. in zunehmendem, zuletzt unbegrenztem masze als attribut neben die verschiedensten abstracta. hier nur einige beispiele: und kehrt euch nichts an ihr geschrey, ob es schon noch so stürmisch sey Moscherosch
gesichte (1650) 2, 789; stürmisches geseufz
Shakespeare 3, 153; stürmische und zärtliche gesänge Gleim
briefw. 1, 220
Körte; stürmische angst Lessing 2, 347
L.-M.; von stürmischer freude Adelung
lehrgeb. 2, 565; stürmischer jubel Ruge
briefw. u. tageb. 2, 13; meiner stürmischen wünsche Heinse 4, 368
Sch.; zu dem stürmischen auftritt im park Mörike 3, 149; von einem stürmischen gefühl Caroline 2, 48
Waitz; stürmisches denken Auerbach (1892) 3, 7; stürmische entwicklung unsrer politik Bismarck
ged. u. erinn. 2, 184;
besonders oft von zeit und leben: möchten doch die jetzigen stürmischen zeiten durch einen baldigen frieden wieder ruhig werden Gottschedin
briefe 1, 111
Runkel; in den stürmischen zeiten des 14. und 15. jahrhunderts Eichhorn
dtsche staats- u. rechtsgesch. (1822) 3, 219; o des stürmischen lebens maler Müller (1811) 1, 353; möchte dir mein leben gleichen, das oft trüb und stürmisch ist Becker
mildh. liederb. 15. 66)
zusammensetzungen. stürmischbewegt Hölderlin 1, 220
Litzmann; -grimm Ahlwardt
Ossian 1, 136; -heiter Novalis 2, 95
Minor; -kalt Gottsched
ged. (1828) 2, 199; -rasch J. Nordmann
ged. 249; -regnerisch Göthe 35, 100
W.; -trüb Kerner
lyr. ged. (1854) 15; -wogend Schiller 6, 399
G.