laune ,
f. menschliche stimmung. 11)
wie das wort, lehnwort aus dem lat. luna,
im deutschen des mittelalters von seiner eigentlichen bedeutung des mondes, dann des mondenlaufes und mondwechsels zu der ihm jetzt und seit lange eigenthümlichen bedeutung gekommen ist, weist Wackernagel
in Haupts zeitschr. 6, 143
ff. (=
kleinere schriften 1, 251
ff.)
nach: jener begriff des wechselnden mondes gieng über auf das wechselnde glück, das nach einer dem alterthume entsprossenen vorstellung als rad oder scheibe erschien, und endlich auf die wechselnde gemütsstimmung des menschen; zunächst ward wol an die des höhern gegen den niedern gedacht, die den glücksumständen des letztern unerwünschte veränderung brachte: die andern fürsten alle sint vil milte, iedoch sô stæteclîchen niht (
wie der landgraf von Düringen): er was eʒ ê und ist eʒ noch. dâ von kan er baʒ danne si dermite gebâren: er wil dekeiner lûne vâren. Walther 35, 12;
und auch später noch: das ein jglicher amptman, richter oder ratherr, wolt einen pfarrherr, des er kein fug, recht, noch ursachen hat, nach seinem laun freventlich vertreiben, gott wird und kans auch nicht leiden. Luther 8, 108
b;
wobei hier, wie in einer anzahl folgender beispiele, ein im 16.
und 17.
jh. häufiger, noch jetzt in der alemannischen und bairischen mundart dauernder wechsel des grammatischen geschlechts erscheint (
auf den wol muth
eingewirkt hat, das ja in der älteren sprache auch die stimmung ausdrückte). 22)
im 16.
und noch im 17.
jh. heiszt laune
oft die schlechte gemütsstimmung (
das klingt bis ins 18.
jh. im adj. launisch
nach, s. d.):
morositas der laun, odder die laun. Alberus; weil ich eben in laune war, wie dann die musici gemeiniglich seltzame grillenfänger sind.
Simpl. 1, 363
Kurz; der prior gwan darob ein laun, legt den munnich in die prisaun. H. Sachs 2, 4, 94
b; die weiber haben etwann ein laun. 5, 276
b; dem musz in der finstern prisaun mit ruten vertrieben werdn der laun. 4, 3, 72
c; das du möchst deine laun bezwingn. B. Ringwald
tr. Eck. N 1
a; laune auf einen haben,
zornig sein: da schnurt sie trotzig hin von mir, ich merkt sie hett ein laun auf mich. H. Sachs 2, 4, 10
a; der paur sich nicht merken liesz und het doch auf den knecht ein laun. 85
a.
von thieren: es setzen etlich, es sey (
der büffel) ein einfaltig und zam thier, doch weisz ich, dʒ es gar seer zornig wirt: deszhalben es weder umb schlahen, stächen noch zwicken gibt so es inn laun kumpt. Forer
thierb. 32
a. 33)
diese bedeutung ist jetzt mehr verblaszt, und laune
blosz eine unmotivierte, schnell kommende und gehende verstimmung bezeichnend: dasz ich endlich nicht lassen konnte, diese situation, zu einer quälenden und belehrenden busze, dramatisch zu behandeln. daraus entsprang die älteste meiner überbliebenen dramatischen arbeiten, das kleine stück, die laune des verliebten. Göthe 25, 111; und doch vergnüg ich mich, da, wenn er mich nur sieht, wenn er mein schmeicheln hört, bald seine laune flieht. 7, 5; allein bei freunden läszt man frei sich gehn, man ruht in ihrer liebe, man erlaubt sich eine laune, ungezähmter wirkt die leidenschaft, und so verletzen wir am ersten die, die wir am zärtsten lieben. 9, 184; aber zu dulden die laune des herrn, wenn er ungerecht tadelt, oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in zwiespalt. 40, 328.
häufiger aber im pl., der das wachsende und nachlassende solcher gemütsverfassung hervorheben will: dieser mann hat launen;
mit personification das glück hat seine launen; so tröstet er sich selbst; allein die zeit will dieses mahl ihm keine rosen bringen. die launen (
seiner frau) nehmen überhand und täuschen seinen besten willen. oft werden aus den launen grillen. Wieland 18, 178; auf meinem stillen rasen mir launen einzublasen; den meister will ich sehn! Voss 5, 95. 44) laune
aber auch allgemeiner die augenblickliche gemütsstimmung jeder art, wie denn Göthe
das wort im wechsel mit augenblicklicher stimmung
braucht: dasz hiebei (
bei der darstellung der farbenlehre) mancher zufall gewaltet, manches einer augenblicklichen stimmung seinen ursprung verdankt, kann nicht geläugnet werden. indessen wird man einige launen auch wohl einer ernsten sammlung verzeihen, zu einer zeit, in der ganze wetterwendische bücher mit vergnügen und beifall aufgenommen werden. 53, 8.
in diesem allgemeinen sinne wird laune
durch adjective oder andere zusätze näher bezeichnet; zunächst gute
und böse, üble laune: mit diesem sentenz nam ich vor lieb, weil ich sahe, dasz er sich erzörnen wolte, und damit ich ihn wieder auf einen guten laun brächte, bat ich, er wolte meiner einfalt etwas zu gute halten.
Simpl. 1, 362
Kurz; brachte sie auch damit (
mit zärtlichkeiten) auf so einen guten laun, dasz es schiene, als wann sie der verwichenen nacht allerdings vergessen. 4, 62; er ist jetzt nicht im guten laun,
jam non est hilaris. Kirsch
cornuc.; der mönch von st. Gallen, der auch gesta Caroli
M., oder vielmehr den Carl bei guter laune geschrieben, und sich nicht so viel um das wahre, als um das lustige gekümmert hat. Möser
osnabr. gesch. 1, 288; Pervonte, der an diesem morgen just bei guter laune war. Wieland 18, 132; so bald er ernsthaft spricht, erwiedert sie mit lachen; und gute laune, fröhlichkeit, muthwille selbst (diesz hat sie ausgefunden) macht ihre stärke aus. 188;
im plural (
vgl. oben 3
a. e.): als ihn der sultan, in einer von seinen guten launen, hohlen liesz. 8, 7; (
sie) findet mit erstaunen die dame wach, und in der besten aller launen. 22, 194 (
Oberon 5, 6); darüber fiel ich in böse laune. Göthe 23, 87; die böse laune über das miszlingen meiner poetischen versuche .. glaubte ich an ihr auslassen zu dürfen. 25, 110; wenn sie besteht ir böser laun, bricht sie ein hader von eim zaun. H. Sachs 1, 504
c; in diesem selbstgespräch war etwas üble laune. man weisz, sie malt die dinge gern ins braune. Wieland 18, 180;
Alba. wie verlieszen sie den könig?
Feria. in der fürchterlichsten laune. er hat sich eingeschlossen. Schiller
Carlos 5, 8; frohe, heitere, tolle, empfindsame, melancholische, düstere, finstere, schwarze laune (
vgl. franz. humeur noir)
u. ähnl.: in einem plötzlichen anstosz von empfindsamer laune. Wieland 6, 198; dieser anstosz von sultanischer laune. 77; man weilt nachdenklich bei ihren (
Angelica Kaufmanns) werken, und geräth unversehens in die sanfte elegische laune der künstlerin. Sturz 1, 36; in einem anfall von toller laune, die ihn immer ergriff, sobald er den grafen gewahr ward. Göthe 20, 290; wenn ich .. personen von stande selbst, mit unüberlegter laune und niemals zu billigender schadenfreude, ihres gleichen von einem wege abschrecken sehe, auf dem einen jeden ehre und zufriedenheit erwartet. 18, 295; das giebt so melancholsche laune.
der junge Göthe 1, 29; du (
leier), der veralterung unzugängliche, tönst, üppiger launen voll. Voss 3, 275; schäme dich der finstern launen, schäme deiner trüben blicke dich vor gott und deiner liebsten, die es dir so gut gemacht. Rückert 391; die laune, die launen eines weibes: was ist ein vorsatz, was beständigkeit, was männertreue, wenn in einer lauen minute eine sechzigjährge regel wie eines weibes laune schmilzt? Schiller
Carlos 5, 10; unendlich sind die preise zwar verschieden, die dem verdienst Fortunens laun ertheilt. Gotter 1, 252;
und, belebt gedacht: wohl hundert launen, kraus und hold, umflattern täglich meine traute. bald singt und lacht, bald weint und schmollt, bald klimpert sie auf ihrer laute. Bürger 19
b. laune etwas zu thun, zu wollen: seit jener zeit regte sich in Napoleon die laune den völkern einige rechte und freiheiten zuzutheilen. Gervinus
gesch. des 19.
jahrh. 1, 261; Uli war oftmals in der laune, welche die suppe kalt haben will, wenn sie heisz ist, und heisz, wenn sie kalt ist. J. Gotthelf
Uli der pächter s. 173; der mocht mich in dem laun finden, ich wollt im den schlot mit schaub anzinden.
fastn. sp. 789, 13; ich bin nicht in der gebe-laune heut.
Shakesp. Richard III 4, 2; J am not in the giving vein to day. laune kommt einem an, der laune dünkt etwas, gefällt etwas: die nicht gemeiner weise rasen worden sind, sondern so tief grewlich toben, das sie jtzt menner, jtzt weiber sein wollen, und des keine gewisse zeit wissen, wenn sie die laun ankomen wird. Luther 8, 217
b; komm schmücke selbst dein mädchen itzt, wie deiner laun am besten dünket! Bürger 18
b; die herrlichsten gaben theilt als ein mädchen sie aus, wie es die laune gebeut. Göthe 1, 270. 55)
selten wird mehr als die augenblickliche stimmung durch laune
bezeichnet: sei guter laune! dort, beim hagebuchenzaune reitet man im starken pasz. Gotter 1, 55,
gewöhnlich gutes muthes.
es steht für temperament: er (
Hamlet) besasz mehr fröhlichkeit der laune als des herzens. Göthe 19, 28; Klopstock, der (
in seinem Messias) wider diesz jüdische costume nie offenbar handelt, und der es oft in feinen zügen bemerkt, diesem wünschte ich, dasz er nationalgeist und jüdische laune durchgängig in sein ganzes gebracht hätte. dazu gehört viel, aber das zeugt von genie und zaubert uns mitten unter andre völker. Herder
z. litt. 2, 44.
auch für trieb, neigung der einer nachhängt: legte mich zu meinem herrn bruder grafen ins bette, welcher noch eben auf der stelle da lag, und in einem weg schnarchte. ich war kaum ins bette wieder hinein, so kriegte ich auch etwa seine laune, und schnarchten da alle beide.
Schelmuffsky 1, 36.
in diesen bedeutungen ist laune
wie das engl. humour
gesetzt, und es fragt sich, ob nicht schon in dem letzt gegebenen beispiele eine übertragung des englischen wortes gegeben werden soll, wie Lessing
einmal das gleiche wagte, s. unten no. 7. —
Mundartlich greift laune
sogar in die bedeutung sinn, vorsatz über: baslerisch was hesch im lun (
im sinne, was gedenkst du zu thun)? Seiler 196
a. 66) laune (
gegensätzlich zur bedeutung 2. 3)
die heitere gemütsstimmung: aber ich bin wohl lächerlich, lieber vater, dasz ich ihre laune für ernst aufnehme? Schiller
kab. u. liebe 1, 7; alles so schön, so voll ebenmasz, so göttlich vollkommen! überall das werk seiner himmlischen schäferstunde! bei gott! als wäre die grosze welt nur entstanden, den schöpfer für dieses meisterstück in laune zu setzen. 5, 7; lassen sie sichs zur nacht hier gefallen, wir haben ohnedies noch unser gespräch von heut morgen aufzunehmen, fügte er mit laune hinzu. Freytag
handschr. 1, 97; kurz, es entdeckte sich, dasz eine eigne gnade dazu gehört, um fern von hof und stadt in einem dörfchen sich bei laune zu erhalten. Wieland 18, 175; drauf ging ich ganz gewisz, hatt ich nicht so viel laune, bräch ich mir nicht gar manche lust vom zaune, lacht ich nicht da wo keine seele lacht.
der j. Göthe 1, 32; doch warte nur, wenn mich die laune treibt, und deine gunst mir sonst versichert bleibt, so schreib ich dir noch manchen brief wie diesen. 34; Minchen sasz am clavier; es war der vater zugegen, hörte die töchterchen singen, und war entzückt und in laune. Göthe 40, 255;
wofür heute, nach dem theil 4
2, 1907
bemerkten, auch das fremde humor
gebraucht werden kann. 77)
dasz Lessing
das engl. humour
durch laune
übersetzte und diese übersetzung später wieder zurücknahm, ist ebenda angeführt; wie dennoch einige mal, freilich selten, laune
sich im begriff mit dem englischen worte berührt, lehren die beispiele unter 5.
in bezug auf litterarisches und künstlerisches empfinden und darstellen ist laune
kunstwort geblieben: laune im guten verstande bedeutet das talent, sich willkührlich in eine gewisse gemüthsdisposition versetzen zu können, in der alle dinge ganz anders, als gewöhnlich, sogar umgekehrt und doch gewissen vernunftprincipien gemäsz beurtheilt werden. Kant 7, 202; (
ein gedicht) welches durchaus mehr einem bloszen spiele der fantasie und der freiwilligen ergieszung einer reichen brunnader von witz und laune als einem werke des nachdenkens und der kunst gleich sieht. Wieland 4, x;
wie J. Paul humor
und laune
unterscheidet, vgl. theil 4
2, 1907;
es heiszt ein schriftsteller schreibt, schildert mit laune; denk an den mann, den schalkheit, laune, witz, in jenem schönen land (einst ihrem lieblingssitz) zu seinem landsmann Flakkus heben! Gotter 1, 241. 88) laune
in Düringen eine krankheit der hunde, sonst seuche, sucht.