Humor etwa 300 Belege. G-s Wortgebrauch spiegelt versch ältere u zeitgenöss Bedeutungen dieses bei Adelung noch nicht belegten Wortes. Überwiegend verwendet iS der zeitgenössisch üblichen Bed ‘Laune, Stimmung’ (2), hat er zudem noch Teil an der Ableitung aus der antik-mittlalterl Säfte- u Temperamentenlehre mit ihren vier humores (naturales) iSv ‘Naturell, charakterl Grundzug’ (1). In der Schulung an den Engländern (bes Sterne u Goldsmith) u durch die Auseinandersetzung mit den Romantikern rezipiert G die Verschiebung u Erweiterung des Begriffs zu einer spezif Grundhaltung (5) u ästhetischen Ausdrucksqualität (6), wobei zudem ein Reflex der in England zunächst ausgebildeten Bed des ‘Sonderlichen, Kauzigen’ wahrnehmbar ist (5bζ).
Zwar wird ‘Humor’ keine zentrale Kategorie in G-s Ästhetik u Dichtungstheorie, jedoch wird er insbesondere durch die Reflexion aktueller dichtungstheoret Positionen u poetischer Verfahrensweisen sowie in Nähe bzw Zshg mit dem romant Ironie-Begriff als Ausdrucks- u Bewältigungsinstanz eines als gebrochen erfahrenen Weltverhältnisses nutzbar. 1
Sinnesart, Naturell, geistiger Habitus Fritz [
vStein] .. hat .. Gelegenheit sich zu unterrichten und den glücklichsten H. zum Lernen und Erfahren GWBB9,119,19 CarlAug [Mitte Mai 89] [
Huri zum Dichter:] Wir haben Grillen und haben Launen, | Ja, wohl auch manchmal eine Flause, | .. Du aber bist von freiem H. GWB6,259 DivParadies 55 Er [
Komponist KDitters von Dittersdorf] hatte mit glücklichem Naturell und H. für ein fürstliches Privat-Theater gearbeitet GWB33,252,18 Camp GWB44,352,11 CellAnh XII GWB38,118,17 Claud
1 uö(selten) 2
Stimmung, Laune, Gemütsverfassung a
in Charakterisierung einer wechselnden (individuellen, vereinzelt: kollektiven) Gefühlslage; häufig mit Attributen wie ‘gut, heiter, frech, übel’; auch ‘augenblicklicher H./H. des Augenblicks’; vereinzelt personifiziert u im Bild [
betr Gemütsverfassung nach Abschied von Rom] Darüber habe ich denn jede Stunde wenigstens siebenerley H. und es freut mich von Herzen daß die Sudeley dieses Briefs ins lustige Siebentel fällt GWBB8,374,17 CarlAug 23.5.88 [
Carlos auf Clavigos Gruß:] Ein schwermüthiges gepreßtes: Guten Tag! Kommst du in dem H. von deiner Braut? GWB11,92,19 Clav IV [
betr Briefwechsel mit Schiller] Äußerungen über Personen und Verhältnisse, vielleicht manchmal im augenblicklichen H., die man kaum später irgend jemand vertrauen dürfte GWBB38,148,23 Cotta 30.5.24 [
Lothario vorlesend:] Da unter allen Gästen .. ein guter H. der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumführe GWB23,222,5 Lj VIII 6 [
Jena] Die Wittrung ist nicht lustig und hindert uns an manchem. Indessen da wir das [
natwiss] Cabinet oben [
im Schloß], die [
Büttnersche] Bibliotheck unten und guten H. in der Mitte haben, so kann es uns nicht fehlen GWBB9,153,23 Voigt 19.9.89 GWBB4,50,14 CEGoethe 9.8.79 GWB17,4,21 TriumphEmpfindsamk I GWB40,6,10 WeimTheatSaal
uö(häufig) iSv Geneigtheit, Wohlwollen ein Pack Schauspiele. Da Sie doch solche mit gutem H. ansehen; so werfen Sie doch ein Paar Worte auf’s Papier über jedes GWBB17,232,3 Schiller [1.1.05]
‘verwegener H.’ iSv Übermut Es entwickelte sich .. in mir ein verwegener H., der sich dem Augenblick überlegen fühlt, nicht allein keine Gefahr scheut, sondern sie vielmehr muthwillig herbeilockt GWB27,115,3 DuW 7
mit Anspielung auf die seit der Antike ausgebildete Säftelehre der vier ‘humores’ (Humoralpathologie, sd) Die Übrigen von der Truppe thaten [
bei den Theateraufführungen] auch ihr Möglichstes, besonders da .. eine bessere Circulation des Geldes den Kreislauf ihres stockenden H-s völlig wieder herstellte GWB51,239,10 ThS III 9
uö(selten) b
in Charakterisierung einer produktiven Gestimmtheit, einer schöpferischen seelischen Verfassung Die Gedichte an Hafis sind auf 30 angewachsen und machen ein kleines Ganze, das sich wohl ausdehnen kann, wenn der H. wieder rege wird GWBB25,28,2 Riemer 29.8.14 An Faust wird schon seit einigen Jahren probirt .. Er steht gar zu weit von theatralischer Vorstellung ab. Man müßte vieles aufopfern, das aber auf andere Weise zu ersetzen, dazu hat Geist und H. nicht hinreichen wollen GWBB25,293,25 Gf Brühl 1.5.15 Ich hoffe daß die Xenien auf eine ganze Weile wirken und den bösen Geist gegen uns in Thätigkeit erhalten sollen .. Nicht eher als bis sie [
die Gegner] wieder ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der H. frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern GWBB11,281,2 Schiller 7.12.96 GWBB19,27,5 Meyer 22.7.05 GWB35,145,13 TuJ 1803 GWB42
2,85,14 Üb:Jacobi,Briefw
uö iSv Schwung, Spielwitz, Spiel-, Vortragslaune Dieß [
Bedeutung der Schauspielerpersönlichkeit für Gelingen der Aufführung] war besonders bei halb oder ganz extemporirten Stücken der Fall, wo alles auf den H. und das Talent der komischen Schauspieler ankam GWB28,192,10 DuW 13 An ihm [
Iffland] zu rühmen ist die lebhafte Einbildungskraft .. und .. der H., womit er das Ganze von Anfang bis zu Ende lebhaft durchführt GWBB13,130,7 Schiller 2.5.98 Ob man gleich den Schauspielern das Extemporiren nicht ganz verbieten kann, weil ein glücklicher H. denselben etwas augenblicklich in den Mund legt, was dem Stücke sehr wohl thut GWBB51,213 Voigt dJ 21.3.07 GWB35,128,21 TuJ 1802 GWB17,9,25 TriumphEmpfindsamk I Regiebem
uö 3
gute Laune, fröhliche Stimmung Die Politik hat mir meinen H. nicht verdorben, und es soll der Philosophie gewiß auch nicht gelingen GWB47,126,12 Samml 2 Gott erhalte deinen H.! GWBB24,93,15 Trebra 7.1.14 K GWBTgb 2.9.79 4
Mißmut, Verdruß, Verstimmung Ich mache mir schon eine Zeitlang Vorwürfe daß ich, in einem Anfall von H., welches mir nicht leicht begegnet, eine halbverdrießliche und zugleich nicht wohl zu erklärende Stelle in meinem Briefe einfließen ließ GWBB46,24,2 Willemer 28.7.29 5
als seelisches Vermögen, Anschauungsweise a
umfassend, bes als Ausdruck schmerzl Widersprüchlichkeit, der Diskrepanz zwischen ‘Vernunft’ u ‘Ding’, dem Gefühl einer grundsätzl Entzweiung (mit daraus erwachsenden möglichen Erscheinungsweisen des Humors); mehrf dem ‘Genie’ zugewiesen; einmal ‘reiner H.’ Der H. entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht damit zu Stande kommen kann: welches der ärgerliche oder üble Humor ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen läßt, salvo honore: welches der heitre Humor oder der gute ist GWB42
2,242,19 MuR(1006) wie es möglich wird daß das alberne, ja das absurde sich mit der höchsten ästhetischen Herrlichkeit der Musik so glücklich verbindet. Es geschieht dieses allein durch den Humor, denn dieser, selbst ohne poetisch zu seyn, ist eine Art von Poesie und erhebt uns seiner Natur nach über den Gegenstand GWBB13,49,13 Schiller 31.1.98 Temperament, Sinn, Geist, H., Fluß, Süße, Kraft und endlich die echten Zeichen des Genies: Naivetät und Ironie müssen ihm [
Haydn] durchaus zugestanden werden GWB41
2,384,18 Haydn,Schöpfg [Zelter/G] Der H. ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt GWB48,186,7 MuR(65) Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit H. GWB42
2,199,21 MuR(757) GWB41
2,227,13 ÜbLehrged Gespr Kanzl Müller 6.6.24 (116)
uö(selten) b
im engeren Sinn α
(Sinn für) Komik; mehrf ‘H. haben, bereiten’ [
Meph als Geiz, einen Phallus knetend:] Da muß ich mich um einen Schwank bemühn. | .. [
Herold:] Was fängt der an der magre Thor! | Hat so ein Hungermann H.? GWBFaust II 5784 Ich .. attachirte mich sehr an den Mann [
Kupferstecher JMStock], der bei seinem anhaltenden Fleiße einen herrlichen H. besaß und die Gutmüthigkeit selbst war GWB27,180,14 DuW 8 Wieland z. B. hatte H., weil er ein Skeptiker war, und den Skeptikern ist es mit Nichts ein groser Ernst. Wieland hielt sich Niemanden responsabel .. Wer untersteht sich denn H. zu haben, wenn er die Unzahl von Verantwortlichkeiten gegen sich selbst und Andere erwägt, die auf ihm lasten? Gespr Kanzl Müller 6.6.24 (117) da der Mann [
Kaufmann in Palermo] einmal im Zuge war, bescherzte er noch mehrere Polizeimißbräuche, mir zu tröstlichem Beweis, daß der Mensch noch immer H. genug hat, sich über das Unabwendbare lustig zu machen GWB31,100,8 ItR Man konnte in seinen [
JMRLenz’] Arbeiten große Züge nicht verkennen; eine liebliche Zärtlichkeit schleicht sich durch zwischen den albernsten und barockesten Fratzen, die man selbst einem so gründlichen und anspruchlosen H., einer wahrhaft komischen Gabe kaum verzeihen kann GWB28,247,23 DuW 14 GWB42
2,197,3 MuR(742) GWB41
2,227,12 ÜbLehrged
uö β
Heiterkeit, Frohsinn als grundsätzl Haltung, sich von äußeren Widrigkeiten nicht beeindrucken zu lassen, Gelassenheit, Gleichmut, Lebenszuversicht zu bewahren; mehrf mit verstärkenden Attributen wie ‘gut, heiter’; auch neben ‘Ironie’ [
mBez auf die durch das Wartburgfest ausgelöste Mißstimmung] Mein bester Trost .. nährt sich aus Ihro gutem H., der, auf Gleichmuth und Charackterkraft gegründet, Sie mit einem heitern Element umgiebt, und in den schlimmsten Tagen sich am glorreichsten erweist GWBB28,331,20 CarlAug 14.12.17 Zuvörderst kann ich nicht genug aussprechen, wie leid es mir thut, dich in so üblem Befinden [
schwierige Schwangerschaft] zu wissen .. Nur daß ich überzeugt bin, dein guter Geist und H. lasse dich das halbweg Erträgliche mit Heiterkeit und Resignation aufnehmen GWBB33,122,17 Ottilie 21.7.20 Wenn ich .. in dem Muthwillen [
des Kindes] guten H. [allen künftigen guten H. Werth
1], und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! AA32,18 Werth
2 I Dieses culinarische Abenteuer [
Aufregung üb eine Mahlzeit mit von G gesammelten Pilzen] gab mir Anlaß, in stillem H. [humoristisch
Var] zu bedenken, daß ich selbst, von einem ganz eignen Gifte angesteckt, in Verdacht gekommen sei, durch gleiche Unvorsichtigkeit eine ganze Gesellschaft zu vergiften GWB32,130,19 ItR Wer [
nach Shaftesburys Auffassung] mit Heiterkeit in seinen eigenen Busen schauen könne, müsse ein guter Mann sein. Darauf komme alles an, und alles übrige Gute entspringe daher. Geist, Witz, H. seien die echten Organe, womit ein solches Gemüth die Welt anfasse GWB36,323,6 Zu brüderlAndenkWielands 1813 GWBB26,414 Gutachten 26.2.16 [
Beilage zu Br Meyer an Schadow v 5.3.] GWBB37,192,18 Zelter 24.8.23 GWB42
2,243,2 MuR(1006)
uö γ
iSv (aufgesetzte, übermütige) Lustigkeit, Ausgelassenheit; einmal ‘ausgelassenster H.’ Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein [
Eduards] Herz war verschlossen .. Der stille Vorwurf, den er sich selbst hierüber machen mußte, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine Art von H. zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der gewohnten Anmuth ermangelte GWB20,148,3 Wv I 13 Der unvergleichliche H., den er [
Wieland] besaß, war, sobald er über ihn kam, von einer solchen Ausgelassenheit, daß er mit seinem Herrn und Gebieter hinging, wohin er nur wollte Gespr(He2,765) Falk [25.1.13] GWB27,368,25 DuW 10 GWB30,144,25 ItR~GWBT1,291,21 v 10.10.86 δ
iSv (schlagfertiger) Witz, Schalkheit, Scherzhaftigkeit Sie [
G-s Schwester] war erfinderisch mich zu erheitern, und entwickelte sogar einige Keime von possenhaftem H. GWB27,198,13 DuW 8 [
betr Ifflands Rolle in der Aufführung von FLSchröders ‘Stille Wasser sind tief’] so wie Iffland den Wallen nimmt ist es die personificirte Welt-Leerheit, durch einen Pudelnärrischen H. ausgestopft und ausgestattet GWBB13,125,12 Schiller [28.]4.98 GWB27,265,24 DuW 9 GWBB34,38,14 Boisserée 9.12.20
uö(selten) ε
iSv Sarkasmus; auch ‘scharfer, bissiger, bitterer, ärgerlicher, übler H.’ [
Carlos üb Beaumarchais’ Auftreten gegenüber Clav:] ich hab’ wohl in Komödien gesehen, daß man einen Landjunker so geprellt hat .. [
Clav:] Ich bitte, spare deinen H. auf meine Hochzeit GWB11,80,26 Clav II Was Herdern betrifft, so schrieb sich das Übergewicht seines widersprechenden, bittern, bissigen H-s gewiß von seinem [
Augen-]Übel .. her GWB27,307,1 DuW 10 Ich .. hoffte von ihnen [
den Brüdern Jacobi] Vergebung wegen kleiner Unarten zu erhalten, die aus unserer großen, durch Herders scharfen H. veranlaßten Unart entsprungen waren GWB28,281,20 DuW 14 GWB42
2,242,22 MuR(1006) GWB28,227,7 DuW 13 ζ
für: das Seltsame, Sonderbare, Wunderliche, Skurrile Geheimnisse der Schöpfung .. Die Kombinationen in diesem Felde sind so unendlich, daß selbst der H. darin eine Stelle gefunden hat. Ich will nur die Schmarotzerpflanzen nehmen; wie viel Phantastisches, Possenhaftes, Vogelmäßiges ist nicht allein in den flüchtigen Schriftzügen derselben enthalten! Gespr(He2,460) Falk [30.6.09] 6
als ästhetische Qualität, künstlerischer Ausdruckswert; auch neben bzw annähernd gleichgesetzt mit ‘Ironie’, einmal ‘ironischer H.’; einmal ‘wahrer H.’ [
Stellungnahme zu den in der Berliner ‘Mittwochsgesellschaft’ vorgelegten Gedichten zu G-s Geburtstag] Die einleitende Rede beginnt mit gutem H., der nur zu spielen und zu scherzen scheint GWBB41,207,5 Zelter 22.10.26 Was jedoch solchen Productionen [
s Titel] eigentlich den höchsten Werth gibt, ist ein guter H., eine heitere, leidenschaftslose Ironie, wodurch die Bitterkeit des Scherzes, der das Thierische im Menschen hervorhebt, gemildert .. wird GWB49
1,350,13 Skizzen zu CastisFabelged Er [
JKGrübel] hat Sachen gemacht von H. und Natürlichkeit, die leicht ins reinere Deutsch zu übersetzen wären und deren sich niemand schämen dürfte GWBB13,49,24 Schiller 31.1.98 In den letzten Epigrammen [
‘Xenien’] die Sie mir senden ist ein herrlicher H. GWBB11,12,9 Schiller 23.1.96 was Goldsmith und Sterne .. auf mich gewirkt haben. Diese hohe wohlwollende Ironie .. Merkwürdig ist noch hiebey daß Yorik [
LSterne] sich mehr in das Formlose neigt und Goldsmith ganz Form ist, der ich mich denn auch ergab, indessen die werthen Deutschen sich überzeugt hatten die Eigenschaft des wahren H-s sey das Formlose GWBB46,194,13 Zelter 25.12.29 GWBTgb 20.12.29 GWB48,184,1 MuR=GWBTgb 25.10.17~GWB41
1,456,6 KuA Inh GWBB38,84,21 CarlAug 22.3.24
uö Rüdiger Nutt-Kofoth R.
N.-K.