vor,
präp. und adv., zur schreibung mit v
vgl. th. 1,
vorr. lxii,
th. 3,
sp. 1210, 1888; Zesen
schreibt fohr (
adriat. Ros. xxx
ndr.), Fischart for
spielerisch als alterthümlich (
Garg. 50
ndr.),
vgl. noch: for allen
aber zu der nidersächsischen (
sprache) Bellin
rechtschreibung (1657) 85; o strenger ritter, mercket for Sachs
fastn. sp. 1,
s. 6
ndr.; erwartend, for zusehen, wasz
von gelährteren darinnen mög geschehen Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch s. reimged. 3.
zur herkunft von vor
s. unter für
th. 4, 1, 1,
sp. 617. II.
im got. stehen neben einander faur
und faura;
beide können als präp. und als adv. gebraucht werden; als präp. hat faur
den acc., faura
den dat. bei sich; neben der räumlich-zeitlichen ist bei beiden übertragene verwendung vorhanden. beide erscheinen als präfix, faura-
betont, faur-
unbetont (
dieses faur-
steckt in einem theil der deutschen mit ver-
zusammengesetzten verba). —
im altnord. entspricht for
dem got. faura,
es kommt nur als präfix vor (
die masse der im dän.-norw. mit for-
zusammengesetzten verba ist aber deutschen ursprungs).
die präp. (
mit dat. und acc.)
erscheint in drei formen fyr, fyrir, fyri. fyr
dem ahd. furi
entsprechend ist alterthümlich und gehört der poetischen sprache an, fyrir,
comparative erweiterung von fyr,
ist die normale form der prosa als präp., adv. und präfix (
in der letzten verwendung besonders durch die gelehrte prosa verbreitet)
; das seltene fyri
ist vielleicht aus fyrir
entstanden (Noreen
altisl. gr. § 300, 2, a;
s. aber altschwed. gr. § 321, 1,
anm. 2).
eine feststellung der verbreitung der einzelnen formen ist dadurch erschwert, dasz die handschriften meist abkürzen. schwed. för, före
entsprechen älterem fyr, fyri,
aber seltsam stehen dän.-norw. for, fore
dem altn. fyrir
gegenüber; als präfix entspricht före, fore
dem betonten deutschen vor-. —
das ags. hat for
und fore
als präp. mit dem dativ und acc., daneben fore
als adv., engl. for
und before;
beide erscheinen im engl. als präfixe, fore
dem betonten deutschen vor-
entsprechend. —
altfries. fara, fore,
präp. mit dem dat. und adv., fori, fore, for;
präp. mit dem acc. Richthofen 728
b; 751
a. —
alts. for, far, fur, fora, furi
präp. mit dat. und acc., furi
auch als adv. (
s. Gallée,
alts. gr. § 148, 10). —
ahd. fora, furi (
s. die wechselnden formen bei Graff 3, 612); fora
hat fast ausschlieszlich den dat. bei sich, s. ebenda 615, furi
den acc. 619;
über den gebrauch der beiden präp. s. Graff
die ahd. präpositionen 130 -144;
beim demonstr. mit dem instr. (fora thiu)
und genit. (fora thes). —
dem ahd. fora
entspricht mhd. vore, vor
mhd. wb. 3, 372
b; Lexer 3, 457;
mnd. vore, vor (
auch für
vertretend) Schiller-Lübben 5, 305
b; 306
a;
mnld. vore Verwijs-Verdam 9, 926
b;
nld. voor. —
für das nhd. vgl. Maaler 474
a; Stieler 583; Steinbach 2, 904; Frisch 2, 406
c; Adelung; Campe.
das verhältnis von vor
und für
in den perioden der deutschen sprachgeschichte ist unter für
behandelt (
th. 4, 1, 1,
sp. 617,
besonders sp. 648,
s. auch gr. 4, 785
ff. vgl. Paul
d. gr. 4 § 287);
hier soll nur das wesentliche bezeichnet und einzelnes hinzugefügt werden. während in der älteren sprache die gebrauchsweisen der beiden präpositionen noch gut auseinander gehalten werden (
ausnahmen s. z. b. gr. 4, 787),
tritt später eine unsicher heit dadurch ein, dasz nicht nur im nd., sondern auch in einem groszen theile des md. eine form (
vorzugweise md. vor,
nd. för; für Bauer-Collitz 36
a)
an stelle der beiden gebraucht wird. diese unsicherheit zu beseitigen sind grammatiker und lexikographen bemüht, sobald der begriff einer schriftsprache sich befestigt, s. z. b. Stieler 583; Kramer 1, 439
a.
zwar noch Steinbach 2, 904
läugnet, dasz zwischen für
und vor
zu unterscheiden sei: hinc non est, ut quidam auxie harum (
praepositionum)
distinctas significationes quaerant, quia ubique una alterius loco adhiberi potest, aber Frisch 2, 407
c stellt schon fest, dasz sich eine scheidung vollzieht, ohne dasz er doch zu klaren vorstellungen gelangt; das aber ist bei Adelung
der fall, dessen formulierung Paul,
der in seinem wb. für
und vor
zusammen behandelt, im wesentlichen übernommen hat. Adelung
sagt: 'vor
hat die eigentlichen bedeutungen, nebst einigen der nächsten figürlichen für sich behalten; die entfernteren figürlichen aber sich dem wörtchen für
zu theil geworden.'
wie unsicher aber im ganzen genommen der sprachgebrauch des 18.
jh. noch ist, wird sich in der folgenden darstellung ebenso erweisen wie oben unter für; für
und vor
z. b. neben einander: der reiter selbst schützt die frommen für dem hunger durch seine wage, wie sein vorfahrer durch das schwert vor dem krieg Jung-Stilling 3, 129
Gr. die unsicherheit zeigt sich auch im schwankenden gebrauch der casus bei richtiger unterscheidung zwischen für
und vor (
s. III 1). —
von dem nunmehr gefestigten sprachgebrauch aus gesehen hat sich vor
als stärker erwiesen, einmal in der zusammensetzung (fürhang, vorhang, für-, vorbringen),
dann insofern, dasz es als präp. für
in dessen ursprünglicher bedeutung, d. h. in räumlicher anwendung die richtung bezeichnend, völlig verdrängt hat; dagegen ist die verbindung von für
mit dem dat. (
räumlich, zeitlich),
ein übergriff in die gebrauchsweise von vor,
wieder aufgegeben worden; anderseits hat vor
die von für
übernommenen anwendungen mit dem acc. etwa im sinne des lat. pro,
die im 18.
jh. noch ganz gewöhnlich sind, bis auf geringe reste verloren. in einigen fällen ist das vordringen von vor
im 19.
jh. besonders deutlich z. b. bei der bezeichnung der ursache einer gemütsbewegung und deren ausdruck (vor freude weinen): und weinen für schmerzen und freude Schiller 11, 289
G.; s. Paul
d. gr. 4 § 287.
verkürzte formen des bestimmten artikels hinter vor,
besonders bei dem, das
und des: und das brot vorm maul abschneit Vogelsang-Cochläus
v. d. trag. Joh. Hussen 31
ndr.; enthielte ihne derowegen vorm streich Grimmelshausen 3, 41
Keller; mit hörnern vorm kopf Gerstenberg
schlesw. litbr. 147 (
lit.-dkm.); auch vorm feind Fontane I 6, 12;
im namen: Vormwalde; du birgst ihn nicht vorm blick der immer wachen Göthe
Iph. 3, 1. das: die disputanten machen einem ein nebel, dufft oder rauch vors liecht Lehman
floril. polit. (1662) 1, 150; er ging auch hinaus vors thor Gutzkow
ritter v. geiste (1850
ff.) 1, 4; ewr leben unverdrossen vors vatterlandt uffsetzt Zinkgref
auserl. ged. 65
ndr.; ihr gabt ihm doch vors erste, was an schätzen ich euch gelassen hatte Lessing
Nathan 1, 1. des;
gen. sing.: steltz ietzt vors bauren thür im land von haus zu haus Grimmelshausen 3, 5
Keller. den,
dat. plur.: ich weisz mich vorn leuten wol zu halten Vogelsang-Cochläus
v. d. trag. Joh. Hussen 33
ndr.; mancher kan in die fern sehen, und siehet nicht, was vorn füszen liegt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 63; solts auch vorn leuten nit verquanten Scheit
Grob. 499
ndr. den,
acc. sing. m.: bis ich vorn magnificus komme Lenz 1, 58
Tieck; sich vorn kopf schlagend Schiller
räuber 1, 2. — vor
substantiviert: der edelmann hat keinen vorzug mehr, von seinem vorrecht schwand das vor schon längst Hoffmann v. Fallersleben (1890
ff.) 5, 292. IIII. vor
mit dem dativ. II@11)
in räumlicher anwendung, gegensatz hinter,
zur bezeichnung einer lage, eines standes; es sind immer zwei anschauungen möglich, die auch allen übertragenen anwendungen zu grunde liegen, ein zugewendetsein oder ein vorausliegen, -stehen oder -gehen. II@1@aa)
zunächst vom körper aus bestimmt, auf der gesichtsseite: so ich dich ... in solcher gestalt v. mir sich Wickram 1, 20
B.; vermeynende, sie haben ein bach, klotz oder gruoben v. ihnen Ambach
vom zusauffen c 1
a; ein köstlicher wein, wie ich damal v. mir stehen hatte Grimmelshausen 3, 20
Keller; (
vorarbeiten,) die ... in zahllosen blättern v. mir liegen Göthe 7, 154
W.; v. ihm sitzt Eva maler Müller (1811) 1, 7; setzte sich so, dasz er die breite mittelöffnung gerade v. sich hatte Fontane I 5, 159; er kniete v. ihr nieder; fiel auf sein angesicht v. ihm;
freier: verbeugte sich v. ihm; daz wir in hiezen hêrre und vor im knieten Walther v.
d. Vogelweide 11, 11; schneid ein guote portz darvon, wilts nit gar vor dir ligen lon Scheit
Grob. 720
ndr.; als aus rauch und flamme mit eins er vor uns stand Lessing
Nathan 1, 1; ja, dann seyd ihr vor mir, wälder mit seufzenden tannen! bist du vor mir, sprudelnder erlenbach Denis
lieder Sineds (1772) 175; vor mir den tag, und hinter mir die nacht Göthe
Faust 1087; und der cherub steht vor gott Schiller 4, 2
G.; er steht v. ihm
heiszt gewöhnlich, dasz gesicht dem gesicht zugewendet ist, doch kann auch gemeint sein, dasz beide nach der gleichen richtung sehen: N. stand im gliede v. mir.
beim collectivum: der hauptmann hält 14 schritte vor der front. II@1@vv. sich sehen
kann in freierem sinne gebraucht, auf vorgestelltes, besonders auch auf bevorstehendes oder geplantes bezogen werden; ebenso v. sich haben (
s. vorhaben)
u. ä.: ein schweres werck v. sich haben Kramer 2 (1702) 1215
c; Ambrogiolo sein ungelücke gegenwürtig und v. im bereyt sache Arigo
decamerone 152
lit. ver.; der ... marschalk ... ein ander fürnemen v. im hat Wickram 1, 114
B.; bey Hercle, das hastu auch noch v. dir (
nam Hercle etiam hoc restat Ad. 2, 1) Boltz
Terenz (1539) 89
a; wenn nun ein fraw noch 5 oder 6 wochen v. ir hat (
vor der niederkunft) Wirsung
artzneybuch (1588) 553
a; der fleucht, der siehet, dasz er v. sich unglück und schaden hat Lehman
floril. polit. (1662) 1, 222; also habe ich keine ursache v. mir gesehen, warum ich ... zweifeln solte Chr. Weise
polit. redner (1677)
vorr.; wenn ich nicht so einen weiten weg v. mir hätte Chr. Reuter
ehrl. frau 20
ndr.; das sicherste bleibt immer, nur das nächste zu thun, was v. uns liegt Göthe 23, 4
W.; anders: wenn des geschehenen so viel erfreuliches v. uns liegt 46, 6; bin allzeit gweszt von solchem sinn, was vor mir ist, nem ich erst hin, so lang bis ich ein bessers gwin Waldis
Esopus 1, 127
K.; bewegung, handlung: die thür v. eim zuoschlahen Frisius (1556) 891
a; Apius tritt ein, setzt sich, so tritt Virginia mit ihrer magd v. ihm ab Sachs 2, 4
K.; vor vorbei
wie an vorbei: wer ligt der ligt, vor ihm laufft männiglich vorbey Zinkgref
auserl. ged. 65
ndr. II@1@bb)
die vorderseite durch körpertheile bezeichnet, natürlich auch bei andern; ein brett vorm kopf haben,
schwer von begriffen sein; einem etwas v. dem gesicht wegrauben Kramer 2 (1702), 1215
a; den augendienern, die trew seyn vorm gesicht und tragen den schalck auffm rücken Lehman
floril. polit. (1662) 1, 142; springt auf, das schnupftuch vorm gesicht Lenz 1, 58
Tieck; und dasz im schwindet vor dem gsicht Scheit
Grob. 1874
ndr.; von der sonne: demnach sich aber der himmel wieder ausheiterte und seine schwartze decke v. dem angesicht des groszen weltliechts wieder hinweg zog Grimmelshausen 3, 428
Keller. — v. der stirn,
in freiem sinne: sie (
ein volksstamm) liegen gleichsam dem Teutschlande v. der stirn Prätorius
bericht vom Katzenveite (1665) a 5
a; dieses ziel, das vor der stirn euch dünket, zu erreichen H. v. Kleist
Hermannsschl. 1, 3;
besondere wendung: hitzig v. der stirn seyn Adelung; ein Gasconier ist hitzig v. der stirnen (
leicht erregt, besonders zum zorn) Sebiz
feldbau (1579) 40. — vor augen,
in mannigfaltigen wendungen, in eigentlichem sinne: eine binde v. den augen haben;
freier in dem sinne, dasz man etwas sieht: v. meinen augen lag die weite landschaft ausgebreitet; er wurde v. seinen augen, v. aller augen hingerichtet;
ferner dann von der inneren wahrnehmung und aufmerksamkeit: sich etwas v. augen halten. — sunder auch euer züchtige schöne geperde täglich v. meinen augen gesehen hab Arigo
decamerone 244
lit. ver.; wir sehen täglich genugsame wunderwercke gottes v. augen Grimmelshausen 3, 389
Keller; o du rabenasz gehe mir geschwinde v. meinen augen weg Chr. Reuter
ehrl. frau 5
ndr.; tausend kühne thaten, die v. ihren augen geschahen Lessing 8, 4
M.; mir wird ganz trübe v. den augen Gerstenberg
Ugolino 256 (
d. nat. lit.); die schönen lebendigen bäume v. meinen augen maler Müller (1811) 1, 16; infusionsthiere, die sich ... v. unserm auge in der feuchtigkeit bewegen Göthe II 6, 13
W.; kühn: recht wie ein schiff in vollem lauff die Syrten zwar vor augen siehet
Königsb. dichterkr. 58
ndr. vorgestelltes bild: es schwäbe im v. den augen Frisius (1556) 902
a; sein bild, o sein bild steht mir immer v. den augen Lenz 1, 53
Tieck; die allee mit den geputzten männern und frauen schwebte mir v. den augen Steffens
was ich erlebte 1, 18.
dann aber auch mit bezeichnung des inneren: ein bild schwebt mir v. der seele; immer schwebte vor seinem geiste das bild des treflichen vaters (
ὀσσόμενος πατέρ' ἐσθλὸν ἐνὶ φρεσίν) Vosz
Od. 1, 115
Bernays. —
bereit gestellt für die betrachtung, gegenstand der aufmerksamkeit u. ä.: darnach wird die sünd geöfnet v. den augen der menschen A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) a 1
b; der seiner eltern und sein eygen ehr und guten namen v. augen hat Lehman
floril. polit. (1662) 1, 155; wiewohl ich die regel stets v. augen hatte,
sie beobachtete Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 6; dem beobachter liegt im thiere das thierische mit allen unmittelbaren forderungen ... v. augen Göthe II 8, 8
W.; dasz wir in kurzen zügen die weltbegebenheiten v. unsern augen vorübergehen lassen Ranke
s. w.2 14, 4; laszt euch seinen tod ... beständig vor den augen seyn Stoppe
parnasz (1735) 100.
gegenstand der verehrung, besonders auf gott bezogen: er hat mich v. augen, ...
colit, veneratur Stieler 583; heten wir alle einen glauben, gott und den gemeynen nutz v. augen
sprichw. (1548) 73
a; hab auch, wie sie vor augen got Sachs 1, 218
K. in manchen wendungen vertreten die augen die person: du hast gnade gefunden v. meinen augen Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 205. so liesz ich an verborgner stätte sie, vor meinen augen fern, geheimniszvoll, durch fremde hand erziehn Schiller 14, 65
G. bevorstehendes, notwendig kommendes, oder auch was klar, unbestreitbar ist: es ist v. augen,
egli è chiaro Kramer 2 (1702) 1214
c; und die ding so klärlich v. augen waren, das sie niemant widersprechen (
möchte) Hutten 1, 406
B.; das du sunder zweyfel erkennen muoszt, das die letsten, bösen ... täg v. augen sein Nas
antipap. eins u. hundert (1567) 1
vorr. a 3
a; über das stehet v. augen,
ist deutlich, ist zu erkennen Schottel
haubtspr. 3; sie werden sich nit halten lang, vor augen ist ihr undergang Spreng
Ilias (1610) 91
b; blick: das antlitz vor euren männerblicken zu entschleiern Schiller 14, 15
G.; das buch liegt dir ja v. der nase,
unmittelbar vor dir; einem etwas v. der nase weg nehmen Kramer 2 (1702) 108
c; der mir das gericht fische, das er mir vorgesetzt, niemals v. der nase wegzieht, wenn es mir eben recht wohl schmeckt E. Th. A. Hoffmann 10, 15
Gr.; die thür v. der nase zuschlagen;
frei: eine braut, die ich hatte, ... heirathete mir v. der nase weg einen anderen Gutzkow
zauberer v. Rom (1858
ff.) 5, 203. — mund, lippen: das brot diebischer weis vorm maul hinweg zu stehlen Grimmelshausen 4, 504
Keller; unsinnlich: dasz er ihr das wort wie mit einer sichel v. dem munde wegschnitt Brentano (1852
ff.) 5, 21; ihm zehrt der gram das nächste glück vor seinen lippen weg Göthe 10, 3 (
Iphig. 1, 1)
W. hand: v. der faust sich wehren,
difendersi ... la spada in mano Kramer 2 (1702) 1215
a; v. hand heben, arbeiten
wenn das heben einer last ohne hebezeuge geschieht Mothes 4, 435; v. der hand
in ähnlichem sinne bei den seilern Prechtl 14, 565; v. der faust weg,
ohne weiteres: eine sache so v. der faust weg für falsch und unmöglich erklären Bode
Montaigne (1793
ff.) 1, 363. — v. der hand haben,
bereit haben oder vorhaben: ob er ettwas senfftmütigs, lieplichs, süsz und angenems ze reden v. hand und macht hab Riederer
rhetoric (1493) a 3
b; dieweil ich allein ... v. Teutschen zuo sagen v. der hand hab Franck
chron. Germ. (1538) 28
b; er habe sachen v. der hand, die den pabst auszer sich bringen müszten Ranke
s. w. 38, 215; (
Pontus) sey mit seim heer schon vor der handt Sachs 13, 415
K.-G.; als nun die Griechen mit verstand die arbeyt hetten vor der hand Spreng
Ilias (1610) 92
b.
plural: vater ich han noch was sünde v. handen (
zu beichten) Arigo
decamerone 25
lit. ver.; oder ob ich auch etwas v. handen hab (
zu schreiben) Hutten 1, 323
B. — v. der hand sein,
bereit sein, oder: in vorbereitung sein, bevorstehen: denn die zeit ist augenscheinlich v. der hendt, von wölcher
s. Paulus geredt Nas
antipap. eins u. hundert (1567) 1, 231
b; wann aber so eine grosze kolen nicht v. der hand (
vgl. vorhanden) were Bech
Agricolas bergw. b. (1621) 316; wer weisz ist, der nimpt v. gut, was v. der hand ist Lehman
floril. polit. (1662) 1, 267; und eh ein unglück hat ein endt, ist schon ein anders vor der hendt Sachs 8, 259
K. v. der hand,
ganz verblaszt im sinne von zunächst, vorläufig: dasz er sie meinetwegen v. der hand beruhigen würde Lessing 17, 240
M.; haben sie itzt viele fremde im hause? v. der hand haben wir nur ein junges frauenzimmer hier
samml. v. schauspielen (1764
ff.) 1, 7; bin v. der hand nur demüthiger bruder Göthe 8, 11
W.; aber v. der hand ... nur so viel fürst Pückler
briefw. u. tageb. 1, 388; ich hört es nur vor der hand (
I hear it by the way Macbeth 3, 4) Schiller 13, 92
G.; es ligt dir v. den füszen Maaler 474
b; also der staub gieng uber sich vor ihrer füszen hefftigklich Spreng
Ilias (1610) 29
b; schallet dir nicht v. deinen ohren die träue vermahnung Buchholtz
Herkuliskus (1665) 1; deine lieben musikalischen hieroglyphen sollen sich bald v. meinem ohre auflösen Göthe
br. 41, 114
W.; hörtet ihr, hart vor den ohren, nicht den uhu: 'Hugo!' schrein? Müllner
die schuld 1, 2.
in besonderer wendung: der pörtner war gar stumpf vorm hirn und zog vil runtzlen an die stirn Scheit
d. frölich heimfart 861
Str. II@1@cc)
steht vor
bei unbelebtem, so kann die seite gemeint sein, der man zugewendet ist: er stand unschlüszig vor dem graben, bewundernd vor der säule.
anderseits stellt sich die vorstellung einer natürlichen vorderseite in zahllosen fällen ein, oder es wird der gegensatz zwischen drinnen und drauszen empfunden, die vorstellung des räumlichen verhältnisses kann schlieszlich auch unbestimmt bleiben. — die engel stehen allezeit v. dem thron gottes Kramer 2 (1702) 1214
c; la do dein gab v. dem altar
d. erste d. bibel 1, 19
lit. ver. (fur dem altar
Matth. 5, 24); jem. die hand v. dem altar reichen (
zur ehe); am tische v. einer landkarte und dem compasz unbeweglich sitzen Brentano (1852
ff.) 5, 7; eim solchen wir disz sprichwort lesen, er ist vor mehr vorm garn gewesen Eyering
prov. copia (1601
ff.) 1, 44; schon einmal sah ich mich vor diesen fahnen Schiller
Piccol. 1, 2;
in techn. sprache: v. dem ort arbeiten,
die arbeitsstelle des bergmanns bezeichnend; v. ort schlafen, das ist, faulenzen Jacobsson 8, 113
b; wie unzähliche mal habe ich nicht v. ort gesessen und bei dem schein meiner lampe das schlichte kruzifix ... betrachtet Novalis 4, 121
Minor. die pferde werden unruhig v. dem wagen.
anders, dem wagen zugewendet: sieh doch, wie sie bittend stehn und vor deinem wagen flehn Fleming
d. ged. 1, 93
L.; v. einem bilde knieen. — dantzt ir v. den abgötern
d. erste d. bibel 2, 7
lit. ver.; de vrouwen stan ein jar unde
Dach v. dem speigel Tunnicius
sprichw. nr. 712; v. dem sofa ... stand auf einem malachittischchen das kaffeegeschirr Fontane I 5, 152.
gegensatz zum innern: vor dem walde was sîn (
des quells) ganc Walther v.
d. Vogelweide 94, 18. v. dem thor, v. der thüre, v. dem hause, v. dem rahthause, v. der kirchen stehen Kramer 2 (1702) 1215
a;
das haus hat seine natürliche vorderseite; in der Schweiz bezeichnet v. dem hause
auch die ostseite (
schweiz. id. 1, 926). v. dem hause, der thüre stehen
kann sowohl das zugewendet- wie das abgewendetsein bezeichnen. v. der thür
in freierem sinne soviel als drauszen. v. dem geschwell grüszen,
a limine salutare Franck
sprüchw. (1545) 1, 1
b; v. der thüren losen Frisius (1556) 146
a; v. der thüren bettelen, v. der thüre warten lassen
u. ä.; ich alle tage v. euer porten vil armes volkes funden han Arigo
decamerone 43
lit. ver.; als wir v. dem hofthore anfuhren Göthe 19, 26
W.; ein offner platz v. dem pallast der Heracliden Klinger
neues theater (1790) 1, 1. vor diser kammer weich ich nicht, bisz morn der tag an himmel bricht Wickram 6, 120
B.; so vor eim hausz ein junckfraw steht Scheit
Grob. 1069
ndr.; die scherben vor meinem fenster bethaut ich mit thränen, ach Göthe
Urfaust 1299; dasz uns nicht die kleinen bettler vor der himmelsthür verklagen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 75; mancher kehrt und fegt auszwendig vorm hausz und inwendig lest ers ungefegt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 100. jeder fege v. seiner thür,
jeder kümmere sich nur um seine eignen angelegenheiten, erfülle seine eigenen aufgaben: ein ieder kere v. seiner eygen thür, so werden alle wege rein
sprichwörter (1548) 57
b. — v. der thür,
bereit, leicht erreichbar: kauff, weil der marck v. der thür ist Lehman
a. a. o. 1, 91.
gewöhnlicher aber: unmittelbar bevorstehend, notwendiger weise kommend: das glück ist dir v. der thür Frisius (1556) 159
b; wo er das nit thuon wölte, wurde er den zorn und straaff gottes v. der thür haben Stumpf
Schweizerchron. (1606) 261
b; ein neuer kreuzzug ist v. der thür Novalis 4, 101
Minor; der todt ist vor der thür und klopffet an bey mir
Königsb. dichterkr. 114
ndr.; auch ist der winter vor der thür Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 1, 30. vor
bei einem ort, im gegensatz zum innern. vor den mauern, den thoren; vor dem thore
kann heiszen drauszen vor der stadt: v. dem thore spazieren gehen. — nur blosze bürger dürfen unbewegliche güter in und v. der stadt besitzen Nicolai
reise durch Deutschland (1783ff.) 1, 225. —
belagerer liegen vor einer stadt, oder ein kampf findet in der nähe eines ortes statt u. ä.: eyn kif vor eyner borch,
antarium Diefenbach
nov. gl. 25
b; den feind v. dem thore sehen Steinbach 2, 905; anno 100 ward v. Köln in der belegerung diser Traianus zuom keyser erwelt Franck
chron. Germ. (1538) 24; bis nach dem treffen v. Herbsthausen Grimmelshausen 3, 8
Keller; Hannibal v. Rom, die Griechen v. Troja; v. Paris nichts neues (
sich immer wiederholende nachricht bei der belagerung von Paris 1870); wie man die fendleyn fliegen sach vor Wien Schmeltzl
zug in d. Hungerland (1556) a 2
a.
andere anwendungen; v. dem mast (
dem vordersten),
aufenthaltsraum der mannschaft; in einem buche: v. dem titelblatte ist ein bild des verfassers; dir kann es nichts schaden, wenn dein name v. einer schrift von mir zu lesen ist D. Fr. Strausz (1877) 3, xiv; ein schlosz vorm munde,
das schweigen oder schweigen müssen bezeichnend; freier: ein schlosz v. den falschen hertzen Böhme
spr. (1620) 2, 238. —
ein schiff, das den anker ausgeworfen hat, liegt v. anker: wo immer 20 bis 30 segel v. anker lagen Ritter
erdkunde (1822ff.) 1, 308; vor dem winde,
wie unter dem winde
als lage, durch die richtung des windes bestimmt, ihm ausgesetzt: das ganze stadtviertel, das v. dem winde lag O. Ludwig (1891
ff.) 1, 365. —
der begriff der reihenfolge tritt hervor: v. der 7 steht noch eine 6; v. dem worte ist ein komma
u. ä. — v. dem ziele umkehren, auf halbem wege stehen bleiben,
auch übertragen; hier in dem sinne: ehe das ziel erreicht ist. vor
mit vorbei
verbunden wie an vorbei: sie kommt ... v. meinem garten vorbey Göthe
br. 3, 83
W.; v. der wachparade vorbei Brentano (1852
ff.) 5, 24;
mit über
im sinne von gegenüber: gerad v. der statt über Frisius (1556) 126
b; an der rechten siten des Zürichsees v. Hurden über gelegen Tschudi
chron. helv. (1734ff.) 1, 40. II@1@dd)
zur bezeichnung einer bewegung vor bewegtem in gleicher richtung: schafe v. sich her treiben; er geht v. mir her; v. ihm schreitet ein herold;
sprichw.: rauch geht v. dem feuer her. — v. dem (
abte) riten czwen alte ritter Arigo
decamerone 67
lit. ver.; (
dasz er die krone) allweg auff einem stecken v. im her tragen lassen Franck
chron. Germ. (1538) 86; gehet es also mit dem spion (
hund) v. der flinte zu suchen Döbel
jägerpractica (1754) 1, 116; der gute getreue
hund springt v. ihm hin (
wie sonst her) maler Müller (1811) 1, 10; den freundlichen Amor, der leichtgerüstet vor ihr (
Cythere) hüpft Ramler
lyr. ged. (1772) 6; bald schritt er vor, bald hinter Hektorn her Bürger 165
Bohtz (
Il. 5, 595); dasz viele wellen vor jenen wandeln, ein ewiger strom Göthe 2, 82
W.; er will, dasz du vor ihm die heilge fahne tragest Schiller
jungfrau 4, 3;
übertragen: v. ihr (
der imagination) her geht ... die kraft der beobachtung Gerstenberg
schlesw. lit.br. 224 (
lit.-dkm.). — v. dem winde segeln,
so dasz der wind von hinten oder schräg von hinten kommt: ein schiff wol geladen erleidet v. dem winde mindern schaden Fischart
Garg. 59
ndr. (
hier in allgemeinerem sinne); einem (
schiffer), der weder in dy Wysel v. dem winde quam
d. Marienb. treszlerb. 432
Joachim; (
schiffe,) die mit segeln nur v. dem winde, sonst auch mit rudern gehen Ritter
erdkunde 3, 94;
wenn das schiff nicht mehr manövrierfähig ist, treibt es v. dem winde Jacobsson 8, 110
b.
in allgemeiner anwendung: ich hab mich rumgetrieben in der welt wie vor dem wind die abgefallnen blätter Müllner
dram. w. (1823) 3, 5. II@22)
auch wenn die räumliche vorstellung festgehalten wird oder wenigstens mitwirkt, braucht der in vor
liegende eigentliche sinn nicht mehr deutlich zu sein; es kann die gegenwart einer person, das vorhandensein eines gegenstandes bezeichnet sein, auf das sich ein verhalten bezieht oder wodurch es bedingt ist; dann aber kann die räumliche vorstellung ganz aufgegeben werden; beachte etwa: v. jemandem erscheinen, sich blicken lassen, sich verbeugen, den hut abnehmen, achtung haben. II@2@aa)
im sinne von in gegenwart, gegenüber; der sache, dem inhalte nach zugewendet; die handlung, der vorgang ist bezogen auf oder auch bewirkt durch; die räumliche vorstellung kann dabei deutlich sein: v. jemandem sich demütigen, entschuldigen; v. jemandem seine composition spielen; v. dem richter, der behörde; v. dem feinde; v. den leuten, v. aller augen
u. ä. — v. yederman, v. aller welt Frisius (1556) 1075
b; v. der gemeinde 1060
b; v. dem rächten (
gericht) 201
a; v. uns, das ist in unserem beywäsen Maaler 474
b; zeugnusz v. dem richter einlegen oder gäben 474
a;
propalam gar offenlich, v. mencklichem Calepinus (1598) 1172
a; es ist v. mir notario erschienen der
N. Kramer 2 (1702), 1214
c; were es nicht v. dem heiligen vater gewesen Arigo
decamerone 72
lit. ver.; sandt er nach einem priester und liesz sy zusamen geben v. iren baiden vater und muoter
Fortunatus 56
ndr.; ir werdet für die künig und vögt gefürt, dasz ir v. inen von mir bezügind Zwingli
d. schr. (1828ff.) 1, 82; wenn du ... mir deine hand v. dem priester reichst Göthe 21, 99
W.; ich glaube, ich hätte nicht v. euch geklagt H. v. Kleist
Käthchen 1, 1; v. dem strengen richterstuhle der kritik E. Th. Hoffmann 9, 12
Gr.; v. der polizei bekäme sie gegen keine anklage mehr recht Gutzkow
zauberer v. Rom (1858ff.) 1, 27; dasz er auszerhalb seiner eignen gerichte v. niemand sonst zu rechte stehe, auszer v. dem könig allein Ranke (1867
ff.) 1, 79; damit sy mich ... verklagt hand hie vor üwerm gwalt H. R. Manuel
weinspiel 3375
ndr.; der vertritt uns vor dem gericht Sachs 1, 433
K.; sie aber sollen mir nun zeugen vor den seligen Olymps, den sterblichen auf erden, und vor diesem rasenden gebieter seyn Bürger 146
a Bohtz (
Il. 1, 398); (
schüler,) die v. dem meister messe sungen
Marienb. treszlerb. 256
Joachim; er (
Simson) spilt v. in
d. erste d. bibel 4, 403
lit. ver. (fur inen
richter 16, 25); von allerley instrumenten, die v. dem heiligen gott spielen Böhme
schr. (1820) 2, 65. ohne jemals v. dem feinde gewesen zu sein E. Th. A. Hoffmann 10, 20
Gr.; die wollen dem soldaten, der vorm feinde liegt, das brod vorschneiden Schiller
Piccol. 1, 2. v. jemanden aufstehen,
zeichen der achtung: kleine dieb hänckt man, v. den groszen thut man den hut ab Lehman
floril. polit. (1662) 1, 136; iedweder den hut v. mir musz unter den arm nehmen Chr. Reuter
Schelmuffsky vollst. 12
ndr.; v. mir huldigte nun die ganze natur maler Müller (1811) 1, 20; hut ab v. solchem mut; er beugte sich vor dem überlegnen talent
u. ä.; (
ich musz) mich auch ducken vor meinem mon Sachs 1, 55
K.; weil ihr euch nicht vor Rom auch naiget Weckherlin
ged. 1, 90
F. den das scheynet v. den leuthen Luther 2, 81
W.; Cham, der sein vatter Noah v. seinen brüdern beschemet Scheit
Grobian. s. 5
ndr.; keines von beyden werde ich v. den leuten thun Weise
d. grün. jugend überfl. gedanken 9
ndr.; um v. dem ästhetisch kritischen Johann Hagel nicht lächerlich zu werden Bürger 185
Bohtz; hier vorm volk? Klinger
neues theater (1790) 1, 12; wenn er v. allen offizieren erklären musz Iffland
theatral. w. (1827ff.) 1, 39; thränen, die ich weine v. dir, der geliebte v. der geliebten Hölderlin 2, 68
Litzmann; v. einer ganzen stadt mit der reitpeitsche durchgehauen Gutzkow
zauberer v. Rom (1858ff.) 1, 275; wenn die alpenwanderer beginnen, mündig zu werden v. dem volke der berge v. Barth
Kalkalpen (1874) xxii; wiltu vor jungfrawen brangen Scheit
Grobian. 143
ndr.; vor jederman er also sagt Spreng
Ilias (1610) 2
b; ich lasse mich vor keinem menschen sehn Göthe 11, 315
W.; vor allen augen wählt er sie als seine Tieck (1828) 1, 90. wenn ich v. mir allein bin Göthe
br. 5, 304
W.; dasz man wie ein lauskerl v. sich selber dasteht Bettine
dies buch gehört dem könig (1843) 1, 21; er that v. sich selbst, als wollte er die nachtigall hören Storm (1899) 1, 36; womit du liebend meine seele fülltest und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest Göthe 2, 12
W. eigenthümlich, was mich angeht: vor mir ich dise meinung hab, das man einstell den krieg hiemit Spreng
Ilias (1610) 90
b.
ganz verblaszt, verglichen mit: mein kind, dich müssen leuthe lieben, vor welchen ich ein schatten bin
Königsb. dichterkr. 11
ndr. die person durch eine geistige function vertreten: das die religionsveränderung Winckelmanns das romantische seines lebens und wesens v. unserer einbildungskraft merklich erhöht Göthe 46, 33
W.; vor stillem schaun so zeit- als volksgewinde zum abgrund wallt, zur himmelhöhe steigt 2, 152
W. mit abstracten verbunden: v. einer entscheidung, einem schweren entschlusz, einem rätsel stehen
u. ä. —
ungewöhnliche wendung: auch ehrlich weiber und junckfrawen solln vor deim wäschen all zuschawen (
das waschen der hände soll in ihrer gegenwart geschehen) Scheit
Grobian. 3599
ndr. II@2@bb)
sehr oft vor gott
in dem sinne des glaubens, dazu dann im gegensatz vor der welt, den menschen,
oder auch beides verbunden; v. der welt
kann natürlich auch ohne diese gegensätzliche beziehung gebraucht werden. — v. gott und v. den menschen rechtschaffen wandeln Kramer 2 (1702) 1214
c; das ist eine schande vor der gantzen ehrlichen welt
ebda; und alles fleisch wird nit gerechthaftigt v. im von den wercken der ee
d. erste d. bibel 2, 20 (
Röm. 3, 20)
lit. ver.; wann Noe vand gnad v. dem herren 3, 61 (
gen. 6, 8); ich bezeug v. got und v. Jhesu Cristo und v. seinen erwelten engeln 2, 219 (
1. Tim. 5, 21); klagt uns daruff an v. dem angesicht gotz Keisersberg
bilgersch. (1512) b 4
b; es gefall euch oder nit, so ist sy v. got und der welt mein Arigo
decamerone 637
lit. ver.; lyden ist v. der welt eyn verworffenheit, und ist aber v. myr ein unmeszige wirdikeit
d. ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 31
b; wer nu wider got ist, der ist todt v. gott
theologia deutsch 34
Mandel; ein jeder der mich vergicht v. den menschen, den würd auch ich verjehen v. minem vatter, der in den himlen ist Zwingli
v. freiheit d. sp. 21
ndr.; der im liecht und v. der welt hoch sitzet
sprichw. (1548) 49
b; ich bekenne ... v. der ganzen welt Rabener (1777) 1, 147; so war der schwur erfüllt, den er so ernstlich v. gott gethan hatte Göthe 43, 97
W.; die v. dem herrn treu erfunden werden Jung-Stilling 3, 146
Gr.; zu dem manne, der mein vater v. der welt heiszt Immermann 1, 9
B.; sîn name der ist vor gote erkant Walther v.
d. Vogelweide 16, 7; wölche die grechtigkeit verbringen, vor gott mag inen nicht misselingen
N. Manuel
todtentanz str. 59; gestraffet ausz göttlicher rach, vor aller welt zu schand und schmach Sachs 2, 19
K.; nur, — meynt der patriarch — sey bubenstück vor menschen nicht auch bubenstück vor gott Lessing
Nathan 1, 8; dir zu fluchen den fluch glühenden rachedursts, vor dem auge der schöpfung, vor des ewigen angesicht Schiller 1, 40
G.; die fischlein, die da schwimmen, sind, herr, vor dir nicht stumm, du hörest ihre stimmen, vor dir kömmt keines um Brentano (1852
ff.) 5, 177; dein guter name lag in diesem topfe und vor der welt mit ihm ward er zerstoszen, wenn auch vor gott nicht, und vor mir und dir H. v. Kleist
zerbr. krug 6.
nach 1. Mos. 10, 9: daher spricht man, das ist ein gewaltiger jeger fur dem herrn, wie Nimrod
werden in der umgangssprache auch andre wendungen gebildet, um besondere leidenschaft für eine beschäftigung zu bezeichnen, meist spöttisch. II@2@cc)
aus der räumlichen vorstellung entwickelt sich mannigfaltiger freier gebrauch, indem das räumliche verhältnisz ausgedeutet, eine beziehung zwischen dem mit vor
verbundenen und einem verhalten hergestellt wird. besonders kann dieser gegenstand (
oder person)
veranlassung, ursache des verhaltens sein, wobei die räumliche vorstellung ganz schwinden kann. s. unten d. II@2@c@aα)
die ursprüngliche räumliche vorstellung ist noch fühlbar: Jericho, wo die mauern v. den trompeten umfielen Kretschmann (1784
ff.) 3, 2, 144; alle ihre sorgen waren nun wie schnee v. der frühlingssonne hinweg geschmolzen Tieck (1828) 4, 356; (
landesgesetzgebung,) vor welcher ... weisthümer und bräuche verschwinden Ranke (1867
ff.) 1, 134; dasz du erlegen wärst vor meinem ersten mächtigern gemahl Bürgfr 155 (
Il. 3, 429)
Bohtz; vor seinem (
des sturmes) starren wüthen streckt der schiffer klug die segel nieder Göthe 2, 73
W.; vor deren kühnem angesicht der feinde lanzen splittern 1, 163; dasz eine quelle vor seinem schwert aus trocknem felsen sprang 16, 177; vor eines nebenbuhlers kraft sank er zu boden Platen 1, 10
R.; der abend ist behaglich kühl, die fluht vor seinem lichten scheine klares gold Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 151; vor solcher grösze schweigt mein armes lied A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 208.
ungewöhnlich: hierumb mir diser zeit allein v. den curtisanen ... fahre zuostat (
a curtisanis periculum est) Hutten 1, 415
B. II@2@c@bβ) vor
bedeutet ein bestreben, die gegenwart eines dinges zu vermeiden: v. einem fliehen, davor laufen, weichen, die flucht v. ihm ergreiffen Adelung
lehrgebäude 2, 178;
in eigentlichem und übertragenem sinne flucht v. dem lichte Göthe II 6, 433
W.; concret: vor missewende ein wâriu fluht Wolfram
Parz. 4, 22; etlich dürstig nach gut fliehen vor der armuth Zinkgref
auserl. ged. 34
ndr.; Daphne, Daphne, ach lauff doch nicht vor mir Voigtländer
oden u. lieder (1642) 34; nun flohn die Troer vor den Danaern Bürger 159
Bohtz; soll ich sie grüszen? soll ich vor ihr fliehen? Göthe 2, 142
W.; vor diesen fränkschen weichlingen zu fliehn Schiller
jungfrau 2, 5; vor der sonne flammenpracht musz das nebelbild entfliehen A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 203;
ebenso vor sinnverwandten ausdrücken: v. ungewitter, kält oder hitz in eine hül schlieffen Fischart
Garg. 305
ndr.; sich v. der römischen übermacht in das innere land zurückzuziehen Eichhorn
d. staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 44; indem die cultur im osten v. unbildsamen völkern zurückwich Ranke 14 (1875), 4; da ich kroch in seinen ärmel vor der katz Brentano (1852
ff.) 5, 40; etwas flüchten: gottlob! noch etwas weniges hat man geflüchtet — vor den fingern der Kroaten Schiller
Piccol. 1, 2.
innerliches sich abwenden: floh er ängstlich vor dem grabgedanken Schiller 1, 180
G. bergen, verbergen, sich verbergen, verstecken, verwahren, zuschlieszen
u. s. w.: er kann es v. gott nit verbergen Frisius (1556) 208
a; ging sy uszer ihrem huse und beschlos daz v. irem stiefsunen
N. v. Wyle
transl. 44
lit. ver.; ich het nicht gelaubet, daz du dich v. mir keiner deiner begire oder willen verporgen oder geschüchet hettest Arigo
decamer. 132
lit. ver.; aber thuond eweren sack und kasten zuo v. den eslen in klöstern Eberlin v. Günzburg 1, 61
ndr.; man soll jeden menschen v. ein engel halten, aber v. ihme auffheben und ein ding verwahren, wie vorm dieb Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 84; (
Falstaff bittet,) ihn v. der wuth des aufgebrachten mannes zu verbergen Gerstenberg
schlesw. lit.br. 145 (
lit.-dkm.); die schüchterne zärtlichkeit, die v. dem auge der sonne und menschen sich verbirgt Göthe 21, 45
W.; sie ducken sich eins unter das andre v. dem blitz Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 97; (
wild) verbirgt sich for der kält Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch 87; barg dich des grabes dämmerung vor der zeiten zahn? Rückert (1867
ff.) 3, 29. geheim halten, geheimnisse haben: deswegen hatte er alles v. ihm geheim gehalten J. E. Schlegel 3, 207; er hatte nichts geheimes v. mir Göthe 22, 104
W.; dasz freunde v. einander geheimnisse haben Tieck (1828) 4, 23. —
vor dem adj. oder adv.: heimlich v. den wächtern; (
er) wollte sie ihr unversehens v. ihren geliebten eltern schenken maler Müller (1811) 1, 11; und führte, heimlich vor Laomedon, die stuten vor Bürger 161
Bohtz; besondere wendung: eine ganze seite des schlosses (
war) v. ihm immer unzugänglich gewesen Göthe 23, 119
W. sich die ohren zustopfen, das herz verschlieszen vor: Ulysses verstopfft die ohren v. der Syrenen gesang Scheit
Grobian. s. 68
ndr. II@2@c@gγ) hüten, sich hüten (
auch im sinne von meiden, fliehen), schirmen, bewahren, retten
u. ä. (
s. von
unter 4). — v. der kelte, oder wider die kelte ein ding bewaren und beschirmen Maaler 474
b; das du sy behütest v. dem ubel
d. erste d. bibel 1, 406
lit. ver.; ich sol mich wol heut und alwege v. wolffen und ungelücke hüten Arigo
decamerone 574
lit. ver.; retta io retta io v. dem pösen graffen 128; under das ich durch euch v. inen mög enthalten werden Hutten 1, 418
B.; huetend üch als v. gift, dasz ir nieman beschwerind mit zinsen Zwingli
d. schw. (1828ff.) 1, 87; hüt dich v. den katzen, die vornen lecken, hinden kratzen
sprichw. (1548) 94
b; hütt dich v. lachenden wirten und v. weynenden pfaffen 76
b; (
handschuhe) wormit die hände v. dem froste verwahret und bekleidet werden Gueintz
rechtschreibung (1666) 173; ach, herr! bewahre mich v. verzweiflung Gerstenberg
Ugolino 259 (
d. nat. lit.); das edle blut schützte nicht v. peinlicher frage, noch v. dem beile des henkers Ranke (1867
ff.) 1, 109; nu heiz des grabes waltanvor jungoron sînen haltan Otfrid 4, 36, 9; daz sîn helfe mich vor sorgen ner Wolfram
Parz. 451, 20; bewar uns an dem ende, sô uns der geist verlât, vor helleheizen wallen Walther v.
d. Vogelweide 78, 8; im hornung eygt das feber sich, vor kraut, antvögel, gensz hiet dich
d. ewigen wiszh. betbüchl. (1518) a 3
a; Minerva das grawäuget weib bewahrt vor schaden seinen leib Spreng
Ilias (1610) 5
b; vor seel und leibs gefahr erhalt uns allesammen Spee
trutznacht. (1649) 83; vor dem winter hat ihn (
Anakreon) endlich der hügel geschützt Göthe 2, 124
W.; wie er nicht der schlange trauen, vor ihrem bisz sich hüten solle Tieck (1828) 1, 80.
seltenere verbindungen: wer wolt mich dann v. solchem gewalt gefreyt haben? Wickram 1, 9
B.; werden dich schon vor unfall freyhen Weckherlin
ged. 1, 88
F.; durch ein schönen sieg, oder ein schönen todt sich hab versichert vor allem feindes spott Zinkgref
auserl. ged. 63
ndr. jetzt sich sichern vor. wenn ich dann sihe, das ich v. den verachtern bleiben mag Boltz
Terenz (1539) a 3
a; das mir das leben v. im bleiben möge
buch d. liebe (1587) 82
c; weisz nicht, wo er vor unfall bleib Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 320; vor dir traw ich wol zu genesen Sachs 14, 5
G.; (
Achilles) begünnt zu tretten auff den plan und darff bestehn vor seinem man Spreng
Ilias (1610) 314
a; kein übelthäter bleibt vor mir. ich bin der rächer, ich, der herr Giseke
poet. w. (1767) 11; warnen: er warnte sie ... v. den frühen heirathen Lenz 3, 103
Tieck; und warn vor schaden jedermann Grimmelshausen 3, 327
Keller; und ich, vor hadersucht und fehden selber warnend ... Bürger 167
Bohtz. ganz allgemein im sinne der abwehr, oft gleichbedeutend mit gegen: es stehet mit dem ubel, der einen strohen harnisch v. hawen und stechen anlegt Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 83; war ist das alt sprichwort, das gicht, alter helff vor kein thorheit nicht Sachs 9, 127
K.; doch nun umfried, o herr, auch deinen acker vorm argen feuer meiner übelthaten Rückert (1867
ff.) 1, 36; da baute er (
Adam) sich gar geschwind eine hütte vor regen und wind Baumeister
zimmermannsspr. 62. II@2@c@dδ)
in gleichem sinne auch besonders häufig nach adj. (
adv.)
und subst.: sicher vor, ruhe, frieden, schutz v.
u. ä.: sie söltind v. inen sicher und one sorg sin Tschudi
chron. helv. (1734
ff.) 1, 72; sicherer v. allzuhäufigen anfällen Abbt
verm. w. (1768ff.) 6, 2, 22; bis man v. der kälte ganz sicher ist Göthe
br. 35, 226
W.; das haus war v. dieben sicher O. Ludwig (1891
ff.) 1, 229; niemand war sicher v. den griffen seiner polizei Treitschke
d. gesch. (1879) 1, 217; so schliefst du da sicher vor den schwäzern Klopstock
oden 1, 26
M.-P.; kaum bist du sicher vor dem gröbsten trug Göthe 1, 5
W.; sicherheit v. überfall. — v. dem mangel gesichert Lessing 7, 5
M. besondere wendungen: mach uns frei v. allem unglick
zimm. chron. 4, 333, 43; das er das liecht fry mög tragen v. dem wind Keisersberg
bilgersch. (1512) 16
a;
vgl. mhd. wb. 3, 373
a, 23
ff.; wir bleiben nit vorm schwetzer rein Forster
frische teutsche liedlein 28, 3
ndr.; vor allem unfall unerschrocken Spreng
Äneis (1610) 3
a; er ist allzeit forchtlosz, vor dem strahl unverblichen Zinkgref
auserl. ged. 35
ndr. fried v. einem haben Kramer 2 (1702), 1215
a; als sie nun besorgten, sie hetten kein ruo v. inen Franck
chron. Germ. (1538) 49
a; so hat dein todter leib doch rhu vor schanden Sachs 2, 15
K.; das blech, des leibes schutz und wehr vor pfeilen (
ἔρυμα χροός,
ἕρκος ἀκόντων Il. 4, 137) Bürger 157
Bohtz. in lässiger sprache vor mir
wie meinetwegen: wo kann er hin seyn? o, v. mir nach Africa Müller
dram. w. (1828) 5, 37;
in gleichem sinne: v. meinetwegen brennt die lampen ja nicht an Ludwig (1891
ff.) 2, 196;
mit dem gen.: v. mein Schmeller-Fr. 1, 846. II@2@c@eε)
erregung von zuständen; veranlassung zu einem verhalten; hier ist der leichte übergang zu dem im folgenden (
unter 2 d)
behandelten gebrauch zu beachten; in wendungen wie sich schämen, ekeln, fürchten vor, achtung, respect vor
ist zwar der mit vor
verbundene begriff ursache und veranlassung des zustandes oder verhaltens, aber die zu grunde liegende räumliche vorstellung wird noch gefühlt, bei v. furcht zittern
nicht mehr. — aus liebe und achtung v. dem vater O. Ludwig (1891
ff.) 1, 152; ehrfurcht, bewunderung v. jemandem haben. — eine art von scheu v. dem wirklichen leben Göthe 46, 20
W.; schew dich vor Menelao nicht Spreng
Il. (1610) 30
b;
von pferden: der vollblüter scheute v. der niederen thür v. Polenz
Büttnerbauer 1, 59. — schämt euch v. den leuten Kramer 2 (1702), 1214
c; so wirt ers in sein oren nemen und sich vor erbarn leuten schemen Scheit
Grob. 505
ndr. wez besorgt ir euch oder v. wem habt ir forcht? Arigo
decam. 89
lit. ver.; er besorget sich v. seiner jugent Franck
chron. Germ. (1538) 70
b; wer sich v. worten förcht, der hat kein hertz zum thun Lehman
floril. polit. (1662) 1, 252; zittre v. dem sohne Gherardescas Gerstenberg
Ugolino s. 218 (
d. nat. lit.); ihm war v. prügeln angst maler Müller (1811) 1, 171; ich zittre v. dieser zusammenkunft Iffland
theatr. w. (1827ff.) 1, 242; fürchst du dich denn nit vor der hell? Sachs 1, 60
K.; ich sahe, noch beb ich vor ihr! sah der richtenden norne wink Klopstock
oden 1, 180
M.-P.; erschrecken, sich entsetzen, grausen
u. ä.: (
sie möchten) als vor einem schedlichen gifft ein grawen haben Scheit
Grobian. s. 6; dasz ich mich ... v. meiner macht entsetzte Grimmelshausen 3, 329
Keller; der ambosz erschrickt nicht v. dem hammer Lehman
floril. polit. (1662) 3, 45; ihm (
dem bären) graust v. seinem (
des stromes) gewaltigen gange maler Müller (1811) 1, 5; wem wil grausen vor den winden? Spee
trutznachtigall (1649) 105; Heinrich! mir grauts vor dir Göthe
Faust 4250; du erschrickst vor deiner eignen fahne Schiller
jungfrau 4, 3; wie vor mir selbst entsetzt stand ich vor Tordosas thoren Müllner
die schuld 2, 5. abscheu, ekel: ein gewisser militarischer eckel v. politischen neuigkeiten Lessing 8, 3
M.; worin der freiherr seinen abscheu v. dem laster des lügens ... ausspricht Immermann 1, 7
B.; es ekelt ihm v. dem wilden leben O. Ludwig (1891
ff.) 2, 121; so scheint es, dasz dem occident ... vor allem blutdurst schon ein ekel angekommen Gottsched
ged. (1751) 1, 43. rot werden, die augen nicht aufschlagen können, verstummen v. jemandem. —
freier: der riese höret dich und fällt zu boden v. deiner stimme maler Müller (1811) 1, 5; es ist mir, als sei v. deinem liede alles zurückgetreten und verschwunden Brentano (1852
ff.) 5, 273; vor diesem blick, aus dem die seele schaute, schwieg jeder rohe laut Tiedge (1823) 2, 187.
ungewöhnlich: nicht abgeneigt bist du vor ungerechtem gewinn Schiller 13, 27
G. (
Macbeth 1, 9). II@2@dd) vor
bezeichnet die ursache, den bewegenden grund für zustände, besonders innere, dann aber auch für ein verhalten in ganz allgemeiner anwendung: vor begierde brennen, vor scham verstummen, die augen nicht aufschlagen können, rot werden, vor wut beben, vor angst, ungeduld zittern, vor neid bersten, vor lachen sich schütteln, thränen vergieszen, v. freuden weinen, vor lachen umkommen, vor schmerz vergehen, v. schrecken erstarren, zusammenfahren, schreien v. vergnügen, das herz zittert v. verlangen, brennt v. liebe, bricht v. kummer; hüpft v. freude, das gesicht glüht v. zorn, v. hunger sterben, v. durst verschmachten, v. müdigkeit umsinken, v. langeweile einschlafen
u. s. w. Adelung
bemerkt, dasz die wirkende ursache des artikels ermangelt umst. lehrgebäude 2, 178;
auch hierin zeigt sich, dasz die ursprüngliche räumliche anschauung ganz verblaszt ist. die wirkende ursache ist gewöhnlich nichts von auszen kommendes, abgesehen von kälte, hitze u. ä., wo gleichzeitig ein innerer zustand bezeichnet wird, und so ist dann das bewirkte wiederum ein innerer zustand, dessen ausdruck oder ein verhalten, eine handlung, ein vorgang, die als unwillkürliche folgen angesehen werden können; besonders oft wird auch durch eine negation eine verhinderung, hemmung bezeichnet (
s. unten unter g);
gerade in dieser anwendung hat vor
jetzt für
vollständig verdrängt, während im 18.
jh. für
noch allgemein im gebrauch ist; zu beachten ist hier die berührung mit von (von 8). — das feur gadt im v. scham durch das angsicht aufhär, er wirt gantz rot von scham (
s. von 8) Frisius (1556) 1089
a; wann vor der begnugsam des hertzen redt der mund (
Matth. 12, 34)
d. erste d. bibel 1, 46
K.; (
er) v. leyt und zorn schir von sinnen komen were Arigo
decam. 85
lit. ver.; manchem die augen übergehen v. andacht Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567
ff.) 1, 188
b; vielleicht ist er v. furcht und schrecken gestorben Creizenach
schausp. engl. comöd. 90; das hertz hupffte mir gleichsam v. freuden Grimmelshausen
simpl. schr. 3, 11
Keller; welcher den mund ganze vierthelstunden lang v. lachen aufbehält J. E. Schlegel 3, 278; der schwatzselige langeweilemacher glühet v. vergnügen Zimmermann
über d. einsamk. 1, 35; v. langer weile sterben Göthe 21, 211
W.; da ward das männlein so roth am hals wie ein krebs v. zorn 8, 25; Lucifer rast abscheulich v. galle maler Müller (1811) 2, 9; ich zittere v. überraschung und freude Schiller 14, 139
G.; die v. eile fast athemlos klopfende brust Gutzkow
zauberer von Rom (1858ff.) 1, 60; ewig im begriffe, v. bereitwilligkeit vom stuhle zu fallen O. Ludwig (1891
ff.) 2, 307; vor vorhten bleichent mir diu wangen rôt Walther v.
d. Vogelweide 123, 11; dasz wer es seh vor unlust kotz Scheit
Grobian. 242
ndr.; ich zerspring schier vor leyd und zorn Sachs 1, 31
K.; es (
pferd) tobet sehr vor schmertzen grosz Spreng
Il. (1610) 96
b; wenn ich recht vor liebeshitz einen sawren schweisz auszschwitz Voigtländer
oden u. lieder (1642) 27; ich bin gantz rasend, toll und berste schier vor zorn Chr. Reuter
Harlequins hochzeitschmausz 50
ndr.; ich brenne vor verlangen Lessing
Nathan 2, 5; ihrem vor entzückung thränenden angesicht zu Klopstock
oden 1, 37
M.-P.; uns brach das herz vor entsetzen (
ἡμῖν δ' αὖτε κατεκλάσθη φίλον ἦτορ) Vosz
Od. 9, 256
Bernays; vor kummer altert ich zu frühe Göthe 2, 115
W. bewirkende ursache und folge können sich dem sinne nach nahe stehen: als ich vor verwunderung über seine erzehlung gleichsam erstaunete Grimmelshausen 4, 520
Keller; dasz ihm vor ohnmacht thete schwinden Spreng
Ilias (1610) 52
b; ach wie weh ist mir im hertzen vor dem innerlichen schmertzen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 131;
bei einem adj. oder adv.: diu (
eine brücke) was vor jugende niht sô geil Wolfram
Parz. 181, 10; stumm vor bittrer wuth Bürger 156
Bohtz (
Il. 4, 22); noch bin ich starr vor schrecken Tieck (1828) 1, 69; bleich v. schreck, wuth; auszer sich v. zorn, furcht, freude; halb tot v. angst. undultig v. durst Frisius (1556) 125
a; v. freude trunken Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 172; nach einer v. hitze schlaflosen nacht Seidel
vorstadtgesch. 104.
in freierem gebrauch braucht einmal die wirkende ursache kein innerer zustand zu sein, anderseits kann die folge eines inneren zustandes ein verhalten, ein vorgang, eine handlung sein, die sonst auch willkürlich eintreten, oder es handelt sich überhaupt um gegenständliches; scharf läszt sich dieser gebrauch gegen den vorher behandelten nicht immer abgrenzen: v. lieb friszt der wolff das schaff Franck
sprüchw. (1545); da wer kein wunder, sie leckten v. durst die kacheln Fischart
Garg. 76
ndr.; wilst du v. groszem alter gar kindisch werden A. Gryphius
Horrib. 35
ndr.; indem ihr meine fuszstapffen ... v. fette trieffen sehet Chr. Weise
polit. redner (1677) 29; v. ungeduld läuft das mädchen fort Göthe 41, 1, 154
W.; da schwieg er nun und asz v. bosheit 45, 7; Lucinde sank v. dem plötzlich haltenden wagen (
in dem sie sitzt) in den sitz zurück Gutzkow
zauberer v. Rom (1858ff.) 1, 68. ein schmucker spielhahn rauschte v. meinen tritten (
hier wieder mit räumlicher vorstellung verbunden) aus dem krummholze auf v. Barth
Kalkalpen (1874) 399; alles (
im zimmer) glänzte v. neuheit v. Polenz
Grabenhäger 1, 10; es was umb mich grön vor gras Hätzlerin
liederb. 155
a; o wie kömmt es (dünket mich) würdest du vor eifer fragen Neukirch
ged. (1744) 3; der folgt mir nicht vor langer weile Lessing
Nathan 1, 5; die tannen schütteln sich rings vor frost Geibel (1888) 1, 135.
in besonderer wendung: wie jene mönch zu Franckfort kein lutherisch bücher nit in ir kloster wolten einstellen, v. ängsten sie würden ketzerisch Fischart
Garg. 5
ndr. — vor
verstärkt durch wegen: v. groszer forcht wägen, die ich hab Maaler 474
b. II@2@ee)
aus der räumlichen vorstellung heraus entwickelt sich der gebrauch, mit vor
ein rang- und werthverhältnis zu bezeichnen: was voransteht, vorangeht oder vor ein anderes gestellt wird, hat die höhere ehre, den bessern werth, den vorzug überhaupt. der gebrauch entwickelt sich zu groszer freiheit, es kommt nur darauf an, dasz das nach vor
im dativ stehende weniger in betracht kommt, darin braucht dann keine herabsetzung zu liegen (er ist v. allen anderen verachtet). — ich hab dich alwege ... v. allen mannen gern gesechen Arigo
decamerone 192
lit. ver.; das myr dyn pynliches leiden v. allen menschen zuo hertzen gienge
d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 34
a; den preisz v. mengklich behalten Wickram 1, 32
B.; so einer priesterschafft v. den leyen veracht und den adel v. den bauren Eberlin v. Günzburg 1, 62
ndr.; v. allen erdtrichen das schönest Franck
weltb. 4; gleichwie das alter v. der jugend geehrt wird Lehman
floril. polit. (1662) 1, 155; diese richtige vorstellung, die uns v. unsern nachbarn ... grosze vortheile verschafft Gerstenberg
Hamb. n. zeitg. 171 (
d. lit.-denkm.); gold und silber in wunderlichen figuren zeichneten dieses band v. allen bändern der welt aus Göthe 23, 16
W.; die vorzüge der Hellenen v. den Italikern Mommsen
röm. gesch. 1, 29; tiuschiu zuht gât vor in allen Walther v.
d. Vogelweide 56, 36; nichts nicht wird an ihren leibern köstlichers gespührt, weder, was vor allen weibern Rosabella führt
Königsb. dichterkr. 56
ndr.; dein anblick strahlt heraus vor allen, die wir sehen v. König
ged. (1745) 107; wir möchten gern dem kritikus gefallen: nur nicht dem kritikus vor allen Lessing 1, 3
M.; (
der Cyclop) glich dem waldichten gipfel hoher kettengebirge, der einsam vor allen emporsteigt (
ὅτε φαίνεται οἶον ἀπ' ἄλλων) Vosz
Od. 9, 192
B.; wie vor allen menschen phäacische männer verstehen schiffe zu führen durchs meer Göthe 4, 327
W.; schön wie engel, voll Walhallas wonne, schön vor allen jünglingen war er Schiller 1, 128
G.; stern aus norden! hell vor allen globen, leuchtest du durch die verworrne nacht Tiedge (1823) 3, 64.
besonders gern auch mit ander
verbunden: v. andern hoch angesehen werden Kramer 2 (1702) 1215
a; dieweil diese jungfrau mit den vier leibzierden v. anderen begabet wäre Moscherosch
gesichte (1650) 123; damit keinem v. dem andern unrecht und zu viel geschehe Grimmelshausen 3, 369
Keller; hat dir das glücke v. andern etwas von geld und gute zugeworffen Chr. Weise
polit. redner (1677) 28; vor andern er sein leben wagt Spreng
Ilias (1610) 30
a; Daphnis vor andern allen sich hefftig drob entsetzt Zinkgref
auserl. ged. 49; ein drängend heer! doch eine ward herlicher vor allen andern! Klopstock
oden 1, 72
M.-P.; etwas v. jemandem voraus haben, vorzug, vorsprung v. jemanden haben
u. ä.: wer darumb viel guts thut, dasz es ihm gott belohnen soll, der hat v. dem kein vortheil, der nichts thut Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 243; der teutsche barde hat folglich einen starken vorsprung v. dem kaledonischen Kretschmann (1784
ff.) 1, 16; je mehr der mann vor der frau voraus hat O. Ludwig
ges. schr. 2, 318.
bei v. allen dingen
geht der vorzug sehr leicht in eine zeitliche vorstellung über, ebenso bei vor allem: v. allen dingen,
cum primis Frisius (1556) 350
b; bezalent disen unflettigen menschen v. allen dingen, sobald ir mögen Boltz
Terenz (1539) 91
b; (
weil ich) einen appetit empfand, frühestuckte ich v. allen dingen Grimmelshausen 3, 419
Keller; v. allen dingen muszte der trosz das lager räumen Mommsen
röm. gesch. 2, 16; vor allen dingen nimb dir für, dasz du auch nemst ein hund mit dir Scheit
Grobian. 2861
ndr.; Daja, lasz vor allen dingen dir erzählen Lessing
Nathan 1, 1; ich musz dich nun vor allen dingen in lustige gesellschaft bringen Göthe
Faust 1803; v. allen sachen: v. a.
s. fleisz hetten (
sie) sich nyemant eygen noch zuo erkennen geben Arigo
decamerone 129
lit. ver. vor allem: mich aber zog v. allem neugierige lust zum baume des lebens hin maler Müller (1811) 1, 77; (
man musz) v. allem sich selber nichts weisz machen Fontane I 5, 151; vor allem seltsam wars, als, unterm grund auftauchend, schritte rechts sich gaben kund A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 97
Cotta. wie bei von neuem, frischem
in lässiger sprache auch vor allen: last euch disz mein hochzeitfest gefallen, vor allen müst ihr recht lustig seyn Chr. Reuter
Harleg. hzt.-schm. 68
ndr. verkürzt: da soll vor allder echoschall mit mir mein jammer klagen Spee
trutznachtigall (1649) 89. gehen vor,
einen vorzug haben: die verderbte natur gehet ... alzeit v. dem guten Moscherosch
insomnis cura par. 79
ndr.; weiszheit gehet v. leibskräfften und ehrn Lehman
floril. polit. (1662) 1, 23; wir sind drillinge, ... keiner geht vor dem andern Brentano (1852
ff.) 5, 197. —
in wendungen wie gnade geht vor recht, kauf geht v. miethe
ist der dativ nicht mehr erkennbar (
auch der acc. kommt vor, s. III 1): freyheit geht v. gold, sagt der vogel und flog ins holtz Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 225; gunst gehet heutiges tages v. recht 1, 28; es sei nun mal so: macht gehe v. recht Fontane I 5, 162;
nd. dâr geit nicht v. woldoen Tunnicius
sprichw. nr. 1168. —
dagegen in gnade vor recht ergehen lassen
steht vor
an stelle von für (
anstatt). — vor sein: das yeder vermeint dem andern vor zu sein Forster
frische t. liedlein 4
ndr.; in besonderem sinne: ich aber bin vor disem allen (
d. h.: allen diesen nöthen entrückt) H. Sachs
fastn.sp. 1,
s. 27
ndr. (
s. unter f).
kein vorzug, sondern nur ein unterschied: der weisz vor schwartz erkennen kan Waldis
Esopus 1, 81, 29
K. II@2@ff)
was vor
einem dinge steht, hindert das sehen oder herankommen an den gegenstand oder die person, ferner auch dessen bewegung und einwirkung: so entwickeln sich die vorstellungen des hinderns, der abwehr und anderseits des schutzes: wor vor solt ich im seyn,
quid isti caveam Frisius (1556) 198
b; eim v. schaden seyn,
cavere alicui Maaler 474
b; im selbs v. gefaar seyn,
periculum a se depellere 474
c; vor etwas seyn,
esser avanti qualche male Kramer 2 (1702) 1215
a; sie meinen dem tode v. seyn (
wenn sie dem genusz leben) Arigo
decamerone 10
lit. ver.; weysz in auch der treuw, wo er eynem meines gnädigen herren diener v. schaden sein möcht Wickram 1, 29
B.; damit wir aber dem läser v. vil irrthumb seyen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 236
b; wann gleich er ... v. den gewOehnlichen groszen ausgaben hätte seyn wollen (
sie verhindern) Grimmelshausen 2, 156, 18
Kurz; wilt du dir selbs vor unglück sein, so misch dich nicht mit weibern ein Scheit
Grobian. 2970
ndr. diese verwendung von vor sein
ist veraltet mit ausnahme der formel da sei gott vor: da sey gott v.,
ò gott sey davor Kramer 2 (1702) 1215
a; da sey got v. Arigo
decam. 94
lit. ver.; da wölle got v. sein Wickram 2, 125
B.; da sey der höchste himmel v. Creizenach
schausp. engl. comöd. 86;
der älteren sprache bewuszt sich nähernd: gott wird ja v. sein, dasz der junge nicht zu unglück kommt O. Ludwig (1891
ff.) 1, 295.
die ursprüngliche räumliche vorstellung tritt noch deutlich hervor in der wendung jemandem v. dem lichte stehen:
praeumbro, beschattigen, verduncklen eben wie etwas das einem v. dem liecht steht Calepinus
XI ling. (1598) 1149
b;
dann auch: wer sich gering und wolfeyl macht, der steht im selbst vorm liecht Lehman
florileg. polit. (1662) 2, 794;
freier: du begehrtest deiner tochter v. ihrem glück zu stehen Grimmelshausen 3, 364
Keller. —
es tritt hier berührung ein mit dem unter 2 c
γ behandelten gebrauch: sie legte v. der sonne die hand über die augen Eichendorf (1864) 2, 207; er drückte sich v. dem wind die mütze fester ins gesicht, er hielt sich v. dem lärm die ohren zu, er schlosz vor dem blendenden licht die augen. II@2@gg) vor
wird dann in neuerer sprache besonders verbunden mit einem hindernden gegenstand oder auch mit etwas unsinnlichen; die zu grunde liegende anschauung kann deutlich sein: den wald v. bäumen nicht sehen; die hintersten sehens nicht v. den vordern, was der priester beginnt Heinse 4, 32
Sch.; die art und farbe der augen liesz sich v. dem schirm einer leichten sommermütze, die er trug, nicht erkennen Gutzkow
zaub. v. Rom (1858ff.) 1, 74; trittst du begierig zu sälen herein, siehst du zuerst nicht den stein vor dem stein Göthe 4, 47
W. es liegt in der natur der sache, dasz hier das verbum verneint oder dasz der positive sinn abgeschwächt ist, etwa durch kaum;
fremd klingt uns daher: so mügt ir ye vor mir wol schlaffen (
ich hindere euch nicht daran) H. Sachs 9, 251
K. das hindernde ist im entwickelten nhd. gewöhnlich nicht ein gegenstand oder eine person, doch sind solche wendungen nicht ausgeschlossen: er konnte vor soldaten nicht in sein haus; ich wolte es gerne sehen, aber ich kan nicht v. den leuten Kramer 2 (1702) 1215
a; und do sy in nit mochten brengen zuo im v. der gesellschaft
erste d. bibel 1, 125
K.; wie das sie aber die köpff zuoruck wider hinein rucken wölten, kunden sie nicht v. den hörnern Lindener
Katzipori 92
lit. ver.; diese (
vögel) wagten sich v. zwei bewohnern heute nicht ins zimmer Gutzkow
zaub. v. Rom (1858ff.) 2, 265; kaum hält er v. wein die augen auf Mommsen
röm. gesch. 2, 405; torst ich vor den wandelbæren, sô lobte ich die ze lobenne wæren Walther v.
d. Vogelweide 45, 11; es kan niemants vor dir zred kon
N. Manuel
Barbali 1157
B.; dasz er vor kraut (
ihm ins gesicht geblasen) kan sehen nicht Scheit
Grob. 2854
ndr.; sie machen immerfort chausseen, bis niemand vor wegegeld reisen kann Göthe 3, 316
W. man beachte den unterschied zwischen v. lachen bersten (
s. oben unter 2 d)
und vor lachen sich nicht halten können. — er kann v. heiserkeit nicht reden, weisz sich v. schadenfreude nicht zu lassen
u. ä.: mochten nit nachvolgen den fliehenden v. der müde (
richter 8, 4)
erste d. bibel 4, 368
K.; welcher v. kranckheit nit mag dem chor volgen Eberlin v. Günzburg 1, 39
ndr.; (
trinker) v. übrigem fleisz zum wollust fülen sie nicht, das sie allen wollust verlieren Ambach
vom zusauffen c 3
a; der ... v. lauter recht nicht zur gerechtigkeit kommen kann Göthe 24, 168
W.; wenn er v. lauter gründlichkeit auch nicht einmal an die oberfläche der dinge gelangen kann Tieck (1828) 4, 52; ich schlief kaum v. ungeduld Arnim 1, 347
Gr.; kaum war das stille, anmuthige heuschreckengechwirre vernehmlich v. dem übrigen lärm Brentano (1852
ff.) 5, 361; unter Friedrich Wilhelm II ... war es v. zusammenflusz der groszen nicht möglich, hier platz zu finden Gutzkow (1872
ff.) 7, 56; ich getar vor tûsent sorgen ... leider nicht getuon den willen sîn Walther v.
d. Vogelweide 114, 11; vor verlangen hab ich chain ruo
Hätzlerin 1, 89
b; kein speise wolt ihr schmecken vor angst und schwerer pein Zinkgref
auserl. ged. 49
ndr.; vor schnellem lauffen kann ich kaum mehr schlucken v. König
ged. (1745) 64; ich will dir lesen seine zeilen, weil du es nicht vor weinen magst Lenau 474
Barthel. II@33)
aus der räumlichen vorstellung entwickelt sich eine zeitliche, wobei eine stelle im ablauf der zeit bezeichnet werden kann, die in der vergangenheit, der gegenwart oder in der zukunft liegt. II@3@aa)
im ersten falle wird der standpunct so genommen, als sollte der bezeichnete zeitraum erst noch ablaufen, aber diese vorstellung wird nicht mehr gefühlt; vor
verbindet sich dabei mit zeitbegriffen oder beliebigen wörtern, die irgendwie eine zeitliche auffassung zulassen. —
ein vergangener zeitpunct oder zeitraum wird bezeichnet durch bestimmte oder unbestimmte zeitbegriffe: v. vierzehn tagen, v. zwei jahren, v. jahren, v. zeiten (
auch für früher
im gegensatz zu jetzt), v. einer kleinen weile (Steinbach 2, 905); v. alten zeyten Frisius (1556) 914
b; v. einer guoten weyl 614
a; vorm jahre,
im vorigen jahre; v. ungefähr einem halben jahre; v. kurzer zeit (H. Sachs 17, 243
K.-G.); v. wenig jahren; v. nicht sehr langer zeit; v. ein paar stunden; v. jahr und tag,
mit aufgegebner flexion; man hatte dem knechte v. 1 yare nicht geschanckt
Marienb. treszlerb. 270
Joachim; wye der herr Jhesus v. sechs tagen der ostern gein Bethania kam
d. erste d. bibel 1, 436
K.; den der abte v. langen zeiten ... erkant (
gekannt) ... het Arigo
decam. 47; anzeigungen, welche doch so viel zeugnusz geben, dasz sie v. zeiten auff der erde gewesen Moscherosch
ges. (1650) 31; rock, den ich erst v. zweyen jahren hab machen lassen Grimmelshausen 3, 334
Keller; v. zeiten hat man den fürsten gefrohnet, jetzt den fuchsschwäntzern Lehman
floril. polit. (1662) 1, 88; v. einem vollen jahrhundert Ritter
erdkunde 1, 31; so leckten sich die leute v. funfzig bis sechzig jahren auf den eiszapfen der aufklärung hinauf Immermann 1, 8
B.; v. einigen nächten träumte mir Bettine
die Günderode (1840) 1, 4; die alten truogen auch vor zeitten lang har Scheit
Grobian. 166
ndr.; auch wird sie helffen nicht die maur, so sie mit groszer arbeyt saur haben vor kurtzer zeit gemacht Spreng
Ilias (1610) 98
a; ihr musen, denen nichts entfällt, was auch vor grauer zeit geschehen Gottsched
ged. (1751) 1, 39; ich kam vor wenig zeit in eines kaufmanns haus Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 11; vor grauen jahren lebt ein mann in osten Lessing
Nathan 3, 7;
in älterer sprache auch v. zeit,
früher, in alter zeit: ob auch vor zeit sind narrn gewesen Scheit
Grobian. 1305
ndr.; besser heyraten ist denn brinnen, weyl ein alt sprichwort sagt vor zeit (
von alter zeit her), es sey ein obs, das nicht lang leyt H. Sachs 2, 38
K. v. kurzem,
vor nicht langer zeit: in meiner dänischen Edda, die ich ihnen v. kurzem übersandt habe Gerstenberg
schlesw. litbr. 237
lit.-denkm.; hier stand v. kurzem noch ein schönes lager Göthe 22, 3
W. — v. diesem,
d. h. der jetzigen zeit, früher, früher einmal, ehemals, von Adelung
verzeichnet, jetzt altmodisch: will geschweigen der eröseten dörffschafften, so v. diesem alsz stätte gestanden Moscherosch
insomnis cura par. 137
ndr.; ich solle euch irgendwo v. diesem gesehen haben A. Gryphius
Horribil. 56
ndr.; es ist beynahe kein ort, welcher sich nicht rühmte, v. diesem das vaterland und der sitz dieser ehrwürdigen tugend gewesen zu seyn J. E. Schlegel 5, 291; viel bäume, die verdeckt in tiefster wildnisz stunden, und die die sonne selbst vor diesem nie gefunden v. König
ged. (1745) 23.
es kann die folgende zeit mit eingeschlossen sein, so dasz die bedeutung von seit
eintritt: und lit die sach v. vil jaren ze hof Richental
Constanzer conzil 164
lit. ver.; du hast vor zweintzig jarn verschuldt, das man dich lebendig het graben H. Sachs
fastn.sp. 10, 92
ndr. gleiche anwendung kann bei vor längst (
das gewöhnlich zusammengeschrieben wird, s. vorlängst)
vorliegen, doch wird es nicht immer so gebraucht: wär ich vor langist von im gloffen H. R. Manuel
weinsp. 2785
ndr.; nun hab ich begert vor langst, das mich das glück auch thet begaben H. Sachs 1, 437
K.; und das sie nun erneuert hetten, was vor längst ir vorfarn theten Fischart
glückh. schiff 936
ndr.; v. lang, lange: Philostrate v. lange daz gepote der künigin empfangen het Arigo
decam. 165
lit. ver.; du hast ausz macht herwider pracht, das vor lang was verloren durch Adams val H. Sachs 22, 85
G.; ich weisz, mein bräutigam war hier und ziemlich grob vor nicht gar lang Brentano (1852
ff.) 5, 41.
statt des zeitbegriffs andere bestimmungen, z. b. personen: er ist v. mir abgereist; die tochter starb v. der mutter; zeiten die v. uns gewesen sind
pred. Sal. 1, 10; die solches nest v. mir gehabt und gebraucht hatte Grimmelshausen 3, 329
Keller; dasz er lange v. Knud dem groszen gelebt haben müsse Gerstenberg
schlesw. litbr. 233
lit.-dkm.; ist die erde, auch ohne ihn (
den menschen) und v. ihm, der schauplatz der naturbegebenheiten Ritter
erdkunde (1822
ff.) 1, 4; (
fremder) der gekommen kurz vor dir Müllner
d. schuld 2, 3.
dem entsprechend bildet man adj. wie voradamisch: früher in vor-Dörrscher zeit Fontane I 5, 122.
bestimmung durch unpersönliches: v. Klopstocks grammatischen gesprächen ist es mir niemals begegnet
Athenäum 1, 3; ein leben voll liebe, voll seligkeit, wie v. der sünde, in ewiger jugend E. Th. A. Hoffmann 1, 38; ich merkt es wohl, vor tische las mans anders Schiller
Piccol. 4, 7. II@3@bb)
die bestimmung eines zeitpunctes oder zeitraumes durch bevorstehendes: vor abend, freitag, pfingsten kann ich nicht kommen; lange v. tage aufstehen (
vgl. alts. fora daga
Gen. 288); den tag v. dem abend loben; die stunden v. mitternacht; v. und nach der beichte; v. dem tische beten (Hulsius 2, 58
a; 1618);
die stelle, von der auf vorhergehendes hingewiesen wird, kann natürlich auch in der vergangenheit liegen: vor seinem tode hatte er noch bestimmungen über sein begräbnis getroffen.
diese gebrauchsweise steht der unter a
belegten ganz nahe, nur dasz hier ein engerer logischer zusammenhang zwischen dem bestimmenden späteren und dem bestimmten früheren hergestellt ist. — eyn voghel de singhet v. dem daghe Diefenbach
nov. gl. 5; v. tag auf seyn Frisius (1556) 905
a; ein wenig v. tage Kramer 2 (1702) 1215
b; daz ich v. meinem tode einen meiner pruder gesechen han Arigo
decam. 81
lit. ver.; diser war auch v. angang seines reichs ein senfftiger gütiger man Franck
chron. Germ. (1538) 22
a; der rath sol gehn v. der that
sprichw. (1548) 45
b; wer v. xx. jaren nicht hübsch wirt, und v. xxx. jaren nit starck, und v. xl. jaren nit witzig, v. fünfftzig jaren nit reich, an dem ist alle hoffnung verloren 76
a; darff man nicht dencken, das man v. eim gantzen tag (
eh er zu ende geht) darmit fertig werde Sebiz
feldbau (1579) 79; witz kompt nicht vorm alter Lehman
floril. polit. (1662) 1, 17; die augen müssen vorm bauch voll seyn 63; den sie gehen theils sehr frühe zu holtze, offters eine halbe auch wohl eine gantze stunde v. tage Täntzer
Dianen jagtgeh. (1682ff.) 1, 78; v. dem essen wird kein tanz Gottsched
sprachk. (1762) 556
b; sie kann v. ende october bequem in Weimar sein Göthe
br. 8, 29
W.; ich liesze ihm rathen, ... diese nacht vor zehn uhr hinaus zu gehen Iffland
theatr. w. (1827ff.) 1, 264; einige stunden v. der sonne Arndt (1892
ff.) 1, 48; brüste dich nicht v. deinem ende Bettine
die Günderode (1840ff.) 1, 37; die trübe schwüle v. einem gewittersturm fürst Pückler
briefw. u. tageb. 1, 99; ... fora einen ôstoron sô, ... fora theru wîhun zîti Otfrid 3, 6, 13; (
er) begert sie vor seym end zu schawen H. Sachs 2, 34
K.; das hun krehet vor dem han Voigtländer
oden u. lieder (1642) 22; offt morgens in der kühle, noch vor dem sonnenschein Spee
trutzn. (1649) 106; die mägdlein lernens auch noch vor dem abc Rachel
satyr. ged. 49; sprecht nicht mit den partein, herr richter Adam, vor der session H. v. Kleist
zerbr. krug 7; mich verstiesz mein haus vor der geburt Müllner
könig Yngurd 4, 1; und nun schleppt man dich zum tode, vor mir, weil du fetter warest Rückert (1867
ff.) 3, 101. v. der schrift (
avant la lettre),
zur bezeichnung der ersten abdrücke bei kupferstichen, radierungen. II@3@cc)
in v. der zeit, v. den jahren
u. ä. ist die zeitbestimmung prägnant genommen, ehe die richtige zeit da ist, das richtige alter, ehe genügende zeit verlaufen ist: v. der zeit kan nicht geschehen
sprichw. (1548) 83
a; ewer widertheyl v. der zeit hat müssen abston Wickram 1, 66
B.; die furcht, ihr geliebter möchte ihre übrigen verhältnisse v. der zeit entdecken Göthe 21, 13
W.; siehst du, wie mein haar grau geworden ist v. der zeit Lenz
hofmeister 5, 12; des alte ich vor den tagen Walther v.
d. Vogelweide 107, 20; wie Lieschen vor der zeit bald wird was gutes thun (
niederkommen) Rachel
sat. ged. 19
ndr.; vor jahren und vor tagen wird niemand völlig klug 49; verstand kommt nicht vor jahren Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 139
ndr.; geschlechter starben aus, viel junge vor den jahren Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 79; nöthge mich zu einem lauten bruche vor der zeit Schiller
Piccol. 5, 3. IIIIII. vor,
präp. mit dem acc. III@11)
diese verbindung gehört ursprünglich für (
ahd. furi)
zu; im entwickelten nhd. ist für
in der räumlichen anwendung durch vor
vollständig verdrängt worden. in nachlässiger sprache findet sich auch eine dem acc. nicht entsprechende anwendung, wo sonst der dativ steht: dasz ich mich v. ihn nicht scheuete Chr. Reuter
Schelm. vollst. 25
ndr. (
s. II 2 c
ε); (
fing an) zu schnarchen, dasz ich v. ihn kein auge zu dem andern bringen kunte 20 (
s. II 2, g); wie glückselig ist ein rechtschaffener christ v. alle gottlose ... glückselig ist er v. allen heyden Scriver
seelenschatz (1737) 1, 455
b; die troschel und fraw nachtigall hört man vor andre vögel all Scheit
d. frölich heimfart 88
Str. (
s. II 2, e); man kan sich nicht wohl vor sie hüten Rachel
sat. ged. 146
ndr. (
s. II 2, c,
γ).
nd. mannich hot sich v. dat swert unde kumt an den galgen Tunnicius
sprichw. nr. 456. —
wendungen wie gewalt geht v. recht, gnade v. recht ergehen lassen (
ps. 119, 8)
sind oben unter den dativ gestellt (II 2 e),
vgl. aber: der probst geet v. den magister, darumb wil pröbstin auch höher sein Vogelsang-Cochläus
gespräch v. d. trag. Joh. Hussen 25
ndr.; wenn das gelt zu sehr geht vor die tugend, zucht und ehr Waldis
Esopus 2,
s. 110
Kurz; vgl.: her ferit fora inan,
praecedet ante illum Tat. 2, 7. —
beachtenswert ist der eigenthümliche sprachgebrauch bei H. v. Kleist,
dativ statt des acc.: dem gespenst des misztrauns, das wieder vor mir treten könnte
Schroffenstein 3, 1; wie scheu ein hund etwa zur seite weicht, wenn sich die katze prustend vor ihm setzt
zerbr. krug 11. III@22) vor
mit dem acc. bezeichnet zunächst die richtung und bewegung auf eine natürliche vorderseite zu: v. einen hin, jemandem v. die augen treten; komm mir nicht v. die augen,
ich will dich nicht mehr sehen; jemanden v. die brust schlagen; man schlägt sich v. den kopf, die stirne,
ausdruck des höchsten erstaunens; jemandem etwas v. die füsze werfen,
auch übertragen; kein blatt v. den mund nehmen,
offen reden; jem. v. den kopf stoszen,
ihn schroff behandeln, abweisen; wie v. den kopf geschlagen,
wie betäubt; jem. etwas v. die nase halten;
oft übertragen; er redet, was ihm v. den mund kommt (
beachte hier die andere richtungsvorstellung, wie bei er geht v. die thür). III@2@aa) etwas v. einen setzen, legen Kramer 2 (1702) 1214
c; gut. einen tisch in die mitte — daher — v. mich hin Iffland
theatr. w. (1827ff.) 1, 284; sie ... nahm das stengelchen ... zwischen die lippen und trat v. ihn hin Fontane I 5, 147. — men sal de perlen nicht v. de swyne werpen Tunnicius
sprichw. nr. 6
H. (
Matth. 7, 6); man musz nicht speck v. die katzen werffen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 285; v. die hunde gehen,
zu grunde gehen (
vgl. hund 12,
th. 4, 2, 1916): und das rad zubrach in dem morastloche? freylich giengs v. die hunde Chr. Reuter
Schlamp. krankh. u. tod 106
ndr.; den handschuh wärf ich vor euch hin Schiller
Tell 3, 3. III@2@bb) den schleyer vors gesicht henken Kramer 2 (1702) 1214
c; was? ist er todt? (schlägt sich vors gesicht) Lenz
hofmeister 4, 3; hielt sich dann wieder den luftwedel vors gesicht Gaudy (1844) 2, 99. — bringt seine beiden hände v. die stirne Göthe 45, 24
W.; schieszt sich v. die stirn Schiller
räuber 5, 1; ekles schwindeln zögert mir vor die stirne dein zaudern Göthe 2, 65
W. 'schiesz ihn v. den kopf!' schrie der teufel Brentano (1852
ff.) 5, 462;
freie und übertragene anwendung: deren gewaltige anverwandte er nicht v. den kopff stoszen dörffte Grimmelshausen 4, 576
Keller; als wenn sie v. den kopff geschlagen wäre Chr. Reuter
Schelmuffsky vollst. 7
ndr.; (
als wenn man) etwas ins publicum bringt, was den leuten v. die köpfe fährt Göthe
br. 41, 205
W.; nehmt dem pöbel seinen aberglauben, er wird freigeistern wie ihr und euch v. den kopf schlagen Lenz
hofmeister 5, 9. — als er seinem weib ein gebraten hinterviertel davon v. die nase hielte Grimmelshausen 3, 427
Keller. — dem vogel, dem dergleichen fülle nie vor den schnabel kommen war Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 12; sie hielten die schilde v. den mund, damit die stimme durch den wiederhall voller und tiefer würde Kretschmann (1784
ff.) 1, 8. (
sie hat) überdiesz sein dringend werben ... mir vor das ohr gebracht (
given to mine ear)
Shakespeare Hamlet 2, 2. er faszt Francesco v. die brust Gerstenberg
Ugolino 240 (
d. nat. lit.); und nahm vor brust und schultern ihren kriegesschild (
Il. 5, 738
ἀμφὶ δ' ἄρ' ὤμοισιν βάλετ' αἰγίδα θυσανόεσσαν) Bürger 167
Bohtz. einem etwas v. die füsze niderwerffen Kramer 2 (1702) 1214
c; er wolle sie (
die krone) eher selbst v. seine füsze werfen Ranke (1867
ff.) 1, 96; wenn ich zu morgens früh mit bät und lobgesang for deine füsze knü Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch 34; vor den fusz des Messias rauscht ein blatt Klopstock
Messias 2, 621. jem. den kopf v. die füsze legen,
ihn enthaupten. — betrug macht ein nebel v. die augen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 107; v. die (
meist fehlt der artikel) augen stellen, führen, kommen
u. ä. in eigentlichem und uneigentlichem sinne: komm mir nicht mehr vors gesicht, er wagt ihm nicht v. die augen (
neben unter
d. a.) zu treten
u. ä.; so würde ich ... vor ihre hochvernünfftige augen stellen Rist
d. friedewünsch. Teutschl. (1648) 3; und sind alle regulae, wie auch termini artis, nur mit teutschen wörteren ausgedrukt, erkläret und vor augen gestellet worden Schottel
haubtspr. (1663) 2; (
Lessing) scheint mir die veranlassung jeder reflexion gleichsam v. augen zu führen Herder 3, 12
M.; mir brachte die erzählung des frischen mannes die werthesten freunde ... so klar v. die augen Göthe
br. 28, 61
W.; sind alte papiere ... mir wieder v. augen und herz gekommen Arndt 6, 14
R.-M.; die groszen umwandlungen ... v. augen zu legen Ranke
2 14, 4; kam dir der vorhof deiner göttin nicht, dein unvollendet werk dir nicht vors auge? Grillparzer 7, 9
Cotta; (
dies blatt) trage sanft sein bild vor euren blick Körner 1, 107
Hempel. v. die hand nehmen,
etwas vor sich legen, um sich damit zu beschäftigen, daran zu arbeiten; dann freier: ein grosz werck v. sich
ò v. die hand nehmen Kramer 2 (1702) 1215
a; dasz der keyser ... nach nicht verfangter güte den ernst v. die hand namb v. Brandis
d. tirol. adlers ehrenkränzel (1678) 215; könntest du immer von zeit zu zeit ein blatt v. die hand nehmen und mir, wie in einem becher, einen trunk Berliner lebenslust darreichen Göthe
br. 35, 146
W.; nimb du den handel vor die hand, zeuch über meer S. Dach 178
Ö.; (
ich) will den süszen heyrahts stand wieder nehmen vor die hand
Königsb. dichterkr. 288
ndr. die verbindung ist altmodisch. III@2@cc)
ebenso auch mit dem inneren verbunden: (
er brachte) v. sein andenken alle scenen des vergangenen glücks Göthe 21, 120
W.; kommt, bilder sanfter unschuld, v. meine brünstige seele maler Müller (1811) 1, 6; ein entzückender traum schwebt durch die schwarze nacht, die Apollos ausspruch v. meine sinne zog Klinger
neues theater (1790) 1, 28; da schwebt mir unaufhörlich ein gedanke v. die seele H. v. Kleist 5, 261
Schm. III@2@dd)
die vorstellung der richtung auf die vorderseite einer person hin kann dann undeutlich werden, es wird ausgedrückt, dasz etwas heran, in die gegenwart von jem. gebracht wird: etwas v. den könig bringen, v. den richter führen;
collectivum: jemanden v. gericht fordern; diese sache gehört v. das gewerbegericht;
ein symbol: vor den thron, v. den h. stuhl bringen. —
auch kann das gegenübertreten nur gedacht sein. — v. gericht laden Frisius (1556) 105
b; (
dasz ich) v. keinen richter gefordert bin Hutten 1, 412
B.; zwölf Tage ..., an deren jedem zwölf verschiedene beschwerden v. sie (
eam) gebracht werden Gerstenberg
schlesw. litbr. 29
lit.-dkm.; als er ... hinüber v. die gräfin gefordert wurde Göthe 21, 265
W.; (
er) trat nun v. die menschen mit seiner entdeckung Klinger (1809
ff.) 3, 5; (
ich) denke nun meinen sündigen busen v. den stuhl unsers allerheiligsten vaters in Rom auszuschütten Tieck (1828) 4, 211; (
rechtssachen,) die nicht nothwendig v. das grafending gehörten Eichhorn
d. staats- u. rechtsg. (1821) 1, 217; ich ward v. den rector geführt Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 47; ich komme in der sonderbarsten angelegenheit v. sie (
anrede) Mörike 3, 16
Göschen; (
brachten) eine gemeinsame vorstellung v. den thron Treitschke
d. gesch. 1, 241; wenn mein geblüt entbrennt, so hab ich mich gewehnt, vor deinen stuel zu träten Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 316; (
ich) sende meine thränen vor gottes hohe majestät Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 128; so lad ich über tausend jahre sie wiederum vor diesen stuhl Lessing
Nathan 3, 3; wir, die mit zittern vor den pöbel der afterkenner uns gewagt Schiller 4, 2
G.; nach stehen: bereitet oder nicht, zu gehen, er musz vor seinen richter stehen
Tell 4, 3.
besondere wendung: hinweg sage ich nochmahlen v. alle teufel Rist
d. friedewünsch. Teutschland (1648) 74. III@2@ee)
in verbindung mit dem persönlichen pronomen; zunächst räumlich, die richtung auf die vorderseite zu, oder die von der vorderseite ausgehende bezeichnend, meist durch hin
oder her
verdeutlicht: ein salvet v.
ò v. sich nehmen Kramer 2 (1702) 1214
c; einen esel v. sich hertreiben 1129
c;
gegensatz zu hinter: (
fuhrmann,) der mit pferd und wagen im tieffsten schlam in einem pfuel steckete, kondte weder hinter sich noch v. sich Hayneccius 4
ndr.; ich habe ihn reden hören, dasz er weder hinter sich noch v. sich gekonnt hat J. E. Schlegel 5, 166. — die harfe, die er v. sich genommen hatte Göthe 21, 203
W.; (
er) legt den schweren baum v. sich hin maler Müller (1811) 1, 14; hielt es (
das instrument) v. sich hin E. Th. A. Hoffmann 10, 50
Gr.; drehte den hirschfänger v. sich hin Gutzkow
zauberer v. Rom (1858
ff.) 1, 178; als der junge fürst ... die Ungarn v. sich her trieb Ranke (1867
ff.) 1, 66; wie einem menschen, der eine weile rüstig vor sich hin geschritten ist v. Polenz
Grabenhäger 1, 15; eine karte vor sich ausbreiten, einen becher v. sich hinsetzen
u. s. w.; ebenso im bilde und übertragen: diesz wünscht die kleine bach, indem sie nach und nach geht vor sich flieszen S. Dach 109
Ö.; wie regte nicht der tag die raschen flügel, schien die minuten vor sich her zu treiben Göthe 3, 21
W. v. sich nehmen
wie jetzt sich vornehmen: (
nimmt er) eine erzählung wieder v. sich, die er vorher angefangen und unvollendet gelassen Gerstenberg
schleswigsche litbr. 33
lit.-dkm. — v. sich bringen
im übertragenen sinne, etwas für sich erarbeiten: und habe ein schön stücklein heller v. mich bracht A. Gryphius
Horribil. 81
ndr.; jedermann, der durch fleisz etwas v. sich bringen will J. E. Schlegel 5, 359; aber ich hielt mich auch strenger als je und habe mancherley vor mich gebracht Göthe
br. 34, 232
W (
hier von geistiger arbeit); ein mann, der ... viel fluchens und arge werke trieb, deszwegen auch sein gut nicht vor sich bringen (
sein gut nicht mehren) konnte Stifter (1901
ff.) 1, 267; wohl situirte leute ..., die das ihrige v. sich gebracht haben Raabe
Horacker (1876) 108. —
eigenthümlich auf die zeit bezogen, hinbringen: die nun entweder wirklich hunger fühlten oder eine halbe stunde damit v. sich bringen wollten Grillparzer 13, 242
Cotta. vor sich gehen,
verblaszt, zum geschehen kommen, zur thatsache werden, ablaufen, stattfinden, sich ereignen: das fest der huldigung sollte am sonntag palmarum den 7. april v. sich gehen Göthe
br. 27, 5
W.; morgens, da die hinrichtung v. sich gehen sollte Klinger (1809
ff.) 3, 125; wo ihre bildung v. sich ging, im inneren heiligthume ihres busens Brentano (1852
ff.) 5, 288; die kleinen veränderungen, die doch v. sich gegangen waren Stifter (1901
ff.) 5, 1, 158.
anders aber in folgender stelle und dem ursprünglichen sinne näher, wie vorwärtsschreiten: mein drittes heft kunst und alterthum ... geht nun rasch v. sich Göthe
br. 29, 19
W. III@2@ff)
diese verbindung mit dem persönlichen pron. erhält dann leicht einen besonderen sinn, insofern die handlung, der vorgang einschränkend auf das subject bezogen wird, eine abschlieszung gegen die umgebung, eine rückbeziehung der besinnung stattfindet. es ist klar, dasz hier eine einwirkung von für,
das in einzelnen wendungen dieser art noch jetzt mit vor
wechseln kann, vorliegt. — v. sich hin gehen
kann also heiszen: gehen, ohne auf die umgebung oder auch ohne auf mitgehende zu achten, in sich versunken gehen, auch die ziellosigkeit des gehens kann gemeint sein: Felix sprang nicht mehr wie am morgen, und alle drei gingen stunden lang v. sich hin Göthe 24, 61
W.; vgl. für: ich ging im walde so für mich hin 1, 25
W. bei sehen
und sinnverwandten wörtern kann natürlich auch der eigentliche oder übertragene sinn vorliegen, dasz das auge oder der innere blick sich auf etwas richtet, dann aber tritt auch hier die besondere bedeutung hervor; v. sich hinsehen,
ohne dasz der blick auf ein bestimmtes object gerichtet ist; v. sich nieder sehen,
z. b. verschämt (die augen niederschlagen);
selten vor
ohne stützendes adverb: der verwalter und der lehrer blickten v. sich Stifter (1901
ff.) 5, 1, 362; (
leser,) die sich nicht erkühnen, einen schritt weiter v. sich zu sehen, als ihre kunstrichter gesehen haben Gerstenberg
hamb. n. ztg. 137
lit.-dkm. — ein jeder mag nur v. sich sehen, wie er die reise recht verbringen möge Moscherosch
insomnis cura par. 134
ndr.; leute die aus gesunden augen gerade v. sich hinsehen Wieland
Agathon (1766)
vorbericht; v. sich hinaus sieht er nur dunkle tage Gerstenberg
schlesw. litbr. 313
lit.-dkm.; sieh einmal gerade v. dich hinab in die strasze E. Th. A. Hoffmann 14, 150
Gr.; jetzt sieht er auf, jetzt vor sich nieder Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 21; so weit ein mann vom wartethurm herab ... vor sich blickt (
Il. 5, 771
ἥμενος ἐν σκοπιῇ) Bürger 167
Bohtz. Wilhelm verstummte und sah v. sich hin Göthe 23, 182
W.; major (v. sich hinstarrend) Kotzebue
dram. w. (1827) 2, 86; man ist nachdenkend und sieht v. sich nieder Tieck (1828) 4, 59; (
mutter,) die ihrerseits ängstlich v. sich hin sah Fontane I 6, 3.
bei sprechen
und sinnverwandten wörtern; hier kann die absicht vorliegen, nicht von andern gehört zu werden; ohne stützendes adverb: ja wohl hat er recht! sagte Wilhelm vor sich Göthe 23, 5
W.; als sie ... den stein berührte und v. sich sagte: ach, wenn ... Brentano (1852
ff.) 5, 137;
so in bühnenanweisungen (
neben für sich): vor sich im abgehen Cronegk (1771) 1, 6;
Adelma (vor sich, mit frohem erstaunen): Kalaf! Timurs sohn Schiller
Turandot 4, 10. — (
lied,) das er so v. sich hin singe Göthe 25, 66
W.; (
ein kind) summte friedlich v. sich hin Hölderlin 106
Litzmann; flüsterte das fräulein schwärmerisch v. sich hin Immermann 1, 9
B.; sagte sie noch leise v. sich hin O. Ludwig (1891
ff.) 2, 322; nach art alter leute unverständliche worte v. sich her murmelnd Fontane I 1, 23. —
lachen und weinen: lacht er grimmig v. sich hin O. Ludwig (1891
ff.) 2, 121; ja, schmunzelte die Dörr v. sich hin, das ist das richtige Fontane I 5, 133; Lina weinte jämmerlich v. sich hin 131. —
und so dann auch sonst in freier anwendung: stille lebte sie (
Ophelia) v. sich hin Göthe 22, 91
W.; obgleich beide noch in tiefen sinnen einige augenblicke v. sich hin lagen Fouqué
altsächs. bildersaal (1818
ff.) 2, 104; auf den unschuldigen, v. sich hin dämmernden fremdling Gaudy (1844) 13, 77; ein mann von gutem raht ... lebt still und vor sich hin
Königsb. dichterkr. 280. III@2@gg) vor
mit dem acc. in verbindung mit unpersönlichem, gegenständlichem entspricht dem gebrauche nach durchaus der verwendung mit dem dativ, nur dasz beim acc. richtung, nicht lage bezeichnet wird: richtung auf etwas zu, so dasz die vorderseite einer person einem gegenstande zugewendet ist: er tritt v. den altar;
am gegenstande selbst kann eine vorderseite vorgestellt werden: die pferde v. den wagen spannen, einen schleier v. den spiegel hängen.
es kann ferner ein drinnen und drauszen unterschieden oder schlieszlich im allgemeinen ein herankommen oder heranbringen gemeint sein. — als die Polan do samelunge hatten und meinten v. Dryszen zu zhin
Marienb. treszlerb. 368
Joachim; tratte er der tochter nach v. die hausapothek Grimmelshausen 3, 339
Keller; der fuchsz kompt so offt v. die fall, bisz er gefangen wird Lehman
floril. polit. (1662) 1, 269; brachte ein guter freund der frau Schlampampe eine gute flasche wein vors bette Chr. Reuter
ehrl. frau 10
ndr.; kniet v. den sarg hin Gerstenberg
Ugolino 264
d. nat.-lit.; er ist gefallen, mit dem kopfe v. eine tischecke Göthe 18, 5
W.; wir waren ihm bis v. die mauer gefolgt E. Th. A. Hoffmann 2, 113
Gr.; und sie (
die schiffe) durchliefen in eile die pfade der fische, und kamen nachts vor Geraistos an (
ἐς δὲ Γεραιστὸν ἐννύχιαι κατάγοντο) Vosz
Od. 3, 178
Bernays; und so tritt sie vor den spiegel all in ihrer munterkeit Göthe 1, 74
W.; ein bauer sah zur fahrt nach Huisum schon die vorspannpferde vor den wagen schirren H. v. Kleist
zerbr. krug 1.
bei thür, thor, pforte, fenster
u. ä. ist eine doppelte anwendung zu beachten, indem die richtung von auszen oder von innen her genommen werden kann: leget auch diese nacht meinem herrn eine guardia 50 mann stark v. die stubenthür Schweinichen
denkw. (1878) 54; (stehen
mit dem acc.:) Epimenides und die knaben stehen v. die pforte Göthe 16, 372
W. — keinen schritt mehr v. die tür gehen,
von innen heraus; jem. den stuhl v. die thür setzen,
ihn hinaus weisen; v. das thor spatziren gehen Kramer 2 (1702) 1215
a; dasz er niemahls v. die stubenthüre gekommen ist Chr. Reuter
Schelmuffsky vollst. 5
ndr.; (
da) diesem der stuhl v. die thüre gesetzt werden sollte Brentano (1852
ff.) 5, 330; ich ging ... v. die stadt ins grüne Stifter (1901
ff.) 1, 127; wenn er ... keine blumentöpfe unverwahrt v. das fenster stellt G. Keller (1892) 4, 216.
einige besondere wendungen: ich fordert ihn augenblicklich v. die klinge Lenz
hofmeister 4, 6 (
zum zweikampf); er kommt mir schon noch vors messer,
ich werde schon einmal noch mit ihm abrechnen. — v. den risz treten,
schützend beim versagen anderer. — v. anker gehen, sich v. anker legen: doch unsertwegen wird ein so flüchtig schiff sich nicht vor anker legen Müllner
dram. w. (1828) 6, 6.
auch übertragen: er legte sich vorläufig im gasthaus zur krone v. anker. — v. das siegel bringen,
ein fertiges stück ware abstempeln lassen Krünitz 231, 356.
mit unsinnlichem verbunden: jemanden vor eine wahl, entscheidung stellen; ein scheidend greller vorhang sank vor die vergangenheit, die theure, leichte A. v. Droste-Hülshoff 2, 239
Cotta. in besonderer wendung: bringt ohne zauberey in einem schlafgemach den Cäsar, Hector, Karl und David vor den tag (
wie an den tag) Rachel
sat. ged. 70
ndr. III@33)
in allen anderen fällen ist in der sprache der gegenwart vor
durch für
verdrängt. bei der bis ins 19.
jh. reichenden unsicherheit des gebrauchs der beiden präpositionen können einzelne gruppen nur in loser folge zur ergänzung der unter für (
th. 4, 1,
sp. 617
ff.)
gegebenen darstellung angeführt werden. III@3@aa)
zu gunsten, zum vortheil, bestimmung, beziehung, hinsicht auf, dem lat. pro entsprechend: was gott v. unsz gelytten hat
d. ewigen weiszh. betbüchlein (1518) 73
a; ein jeder v. sich selbst, gott v. uns alle Hayneccius
Hans Pfriem 7
ndr.; da wirds einmal etwas guts v. dein maul setzen Grimmelshausen 3, 370
Keller; schwerd ... so v. die freyheit streitet Lehman
floril. polit. (1662) 1, 225; dasz ihr so sorgfältig v. meine gesundheit und beruhigung seyd Ziegler
asiat. Banise (1688) 17; dasz die engelländische sprache v. den ausdruck geschickter und geschmeidiger ist Bodmer
abh. von d. wunderbaren (1740) 5; sage mir gründe v. sie, keine gegen sie Göthe
br. 1, 102
W. wohlan, wie dasz ihr dann so still hienieden sitzet, und vor Teutschlandes ehr nit auch ein wenig schwitzet Zinkgref
auserl. ged. 4
ndr.; sie suchen unsern tod: wir sorgen vor ihr glück A. Gryphius
trauersp. 28
P.; (
der) vor die gemeine wohlfart wacht Stoppe
Parnasz (1735) 19; sterbt, wann ihr sterben wollt, doch sterbt vors vaterland v. König
ged. (1745) 36. III@3@bb) für,
bestimmung zur abwehr und heilung, schutz, mahnung gegen: ich bete ein tröstlich gebet vors feber A. Gryphius
Horribil. 17
ndr.; froligkeit ist gut v. kranckheit Lehman
floril. polit. (1662) 1, 233; wann aber nun kurtzweil und freud ist desz gemüts artzney vor leid Fischart
Garg. 2
ndr. III@3@cc) v. mich, meine person, v. sich, an und v. sich
u. ä. v. mein teil Stieler 2268: ich will v. mich von keinem gelehrten wissen A. Gryphius
Horribil. 13
ndr.; ich v. meine person konnte natürlicher weise nicht die geringste begierde haben Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739)
vorr. 16; jeder ihrer hexameter v. sich betrachtet Lessing 8, 45
M.; weil der zuhörer nicht v. sich über uns, sondern mit uns oder uns nach denken soll Herder 1, 385
S.; v. sich selbst rüsteten die Korinthier dreiszig schiffe aus Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 33; denenselben bin ich übrigens angenehme freundschaft zu erweisen v. die person stets willig Rabener
w. 1, 184; das mein ich auch, an und v. sich, ohne weitere explication Göthe 18, 36
W.; (
versuch, welcher) unter allen den meisten schein v. sich hat II 2, 69
W. III@3@dd)
gleichstellung, gleiche geltung: das sie ungeschewet sich v. feinde aller laster angeben Opitz
d. poeterei 23
ndr.; er thut sich v. euer gnaden vettern aus Grimmelshausen 3, 336
Keller; das alt vors neu verkauffen, sprewer v. kern Lehman
floril. polit. (1662) 1, 105; man sol nichts v. gelernet halten, was die zunge noch nicht ... von sich geben kan Chr. Weise
polit. redner (1677)
vorrede; wer v. schiffer oder steurmann will zur see fahren
Mansons seebuch 4; ich habe auch bey einem thumherren v. cammerfrau gedienet Stranitzky
ollapatrida 17
Wiener ndr.; dasz er ihn noch v. seinen herrn und freund erkennt Herder 24, 527
S.; last sehn die schlüssel: last sie sehn, ob sie auch vor dittriche können bestehn Hayneccius
Hans Pfriem 68
ndr.; dich von hertzengrund vor unser fürstin zubegehren Weckherlin
ged. 1, 105
F.; den er vor seinen feind so vielmahl hat erkläret A. Gryphius
trauersp. 154
P.; (
wohl dem,) der kunstgeschicklichkeit beliebet und sich vor ihren gönner nennet Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 153. III@3@ee) v. gut halten, nehmen, v. lieb nehmen
u. ä. (
in dieser verbindung hält sich vor,
s. vorlieb). — lasz es auch v. gut verbleiben Schweinichen
denkw. (1878) 13; das man ... v. gewisz geglaubt habe Opitz
poeterei 9
ndr.; habt mirs doch nicht v. übel A. Gryphius
P. Squenz 35
ndr.; man soll arbeiten und v. gut haben, was gott gibt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 48; dasz römische bürger ihre gastmahle nicht v. vergnüglich halten Lohenstein
Arminius (1689
ff.) 1, 19
a; dasz er v. gut befand, seine ... augen an den boden zu heften Wieland
Agathon (1766) 1, 12; (
ich) finde v. nöthig, sie vorläufig von der entschlieszung zu benachrichtigen Göthe
br. 10, 150
W.; das halten sie vor unwaar seyn Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 306. unterdessen wirst du mit diesem gegenwertigen v. lieb nehmen Rist
d. friedewünsch. Teutschland (1848) 28;
vgl.: bat den menschen, sich bei ihm häuslich niederzulassen, und das, was das haus vermag, v. liebe zu nehmen Brentano (1852
ff.) 5, 330. — es werde derselbe mit der aufrichtigen erzehlung des verfassers ... gütigst v. willen nehmen
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 9; doch sey er so gütig, und wart er noch dort, und nehm er inzwischen vor willen Kretschmann (1784
ff.) 6, 272. III@3@ff)
an statt: damit der hirt, wann er den hund retten wil, nit den hund v. den wolff treffe oder schlahe
viehbüchlein (1667) 88; wie auch Neptunus sein gesell vor bücher liebte die pferdställ Gilhusius
gramm. (1597)
prol. 12; vor seidne strümpff und knappe schuh ... trag ich ein weit paar stiefel an Voigtländer
oden u. lieder (1642) 77; ihre lippen wie corallen ... soll vor alles geld und gut mir zu jeder zeit gefallen
Königsb. dichterkr. 14
ndr. gegenleistung, ausgleichung, vergeltung, bezahlung u. ä.: ich bedank mich übrigens v. die theilnahme Bettine
dies buch gehört dem könig (1843) 1, 135;
unsicher mit dem dativ: aber — na, v. so einem spasz bedank ich mich O. Ludwig (1891
ff.) 2, 80. — nemblich v. und umb drei gülden an gelt
weisth. 6, 43; man musz v. ein miederhembdlin einen guten groschen geben A. Gryphius
Horribil. 17
ndr.; den übrigen batzen, v. welchen er saltz mitbringen sollen Grimmelshausen 3, 410
Keller; v. die versäumnisz kriegt ihr nichts Göthe 13, 1, 316
W. —
in eigenthümlicher wendung: es lohnet wol v. die müh ... darumb zu streiten Lohenstein
Arminius 2, 212
a. III@3@gg)
ordnung der zahl nach: flieszen die reime nicht wohl, so bin ich v. eins kein poete, und vors andere Chr. Weise
d. grünend. jugend überfl. ged. 8
ndr.; ich will vors erste bey einer kleinigkeit stehen bleiben Lessing 8, 19
M.; höhere anforderungen als diese waren vors erste nicht gemacht Göthe 48, 66
W.; durch freunde aus der ferne irgend etwas zu erhalten, war vors erste unmöglich Steffens
was ich erlebte 5, 216; vors letzte, schwant mir mechtig sehr, wie ich mich aller gwalt erwehr Hayneccius
Hans Pfriem 23
ndr. auf die zeit bezogen: allein so läst sichs v. dieses mahl nicht thun Chr. Reuter
ehrl. frau 29
ndr.; zwar dieses wil ich an diesem orte ein mahl v. allemahl gesagt haben Chr. Weise
polit. redner (1677) 4; ein vor allemal willst du ein ewiges leben mir schaffen? Göthe 5, 1, 245
W.; ich sag euch, mit dem schönen kind geht ein vor allmal nicht geschwind 39, 254 (
Urfaust 508)
W.; so viel v. heute ein geringer abtrag groszer schuld
br. 29, 34
W.; verschiedene capitel v. diesz mal abzuschlieszen 38, 13; lege v. heute das buch auf die seite Fichte (1845
ff.) 2, 329; unbillig widersetzt ihr euch vor diesesmahl v. König
ged. (1745) 399. dasz sie v. ihr leben gerne einmal Königsberger marzipan ... essen möge Brentano (1852
ff.) 5, 175. III@3@hh)
nach dem fragepronomen: was aber die eine oder andere nation v. recht dazu habe Rist
d. friedewünsch. Teutschland (1648) 22; die wer weisz was v. einen anschlag hätten Grimmelshausen 3, 335
Keller; was sperrete der wirth v. ein paar augen auff Reuter
Schelmuffsky vollst. 15
ndr.; was haben sie v. feine beine Brentano (1852
ff.) 7, 85; was ist mir v. eine hitz in den kopf gestiegen Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 16. was du, o liebe seele, vor gewünschte hoffnung hast Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 10; was vor leid ich jeder zeit umb sie hab tragen müssen
Königsb. dichterkr. 60
ndr.; mit was vor wonne sich aller augen nach dir drehn Stoppe
Parnasz (1735) 15; ach! dein klopfendes herz, was vor empfindungen schlägt mirs in den bewegten geist Klopstock
oden 1, 50
M.-P.; was vor ein schmaus ist hier und gesellschaft? (
τίς δαίς, τίς δὲ ὅμιλος ὅδ' ἔπλετο) Vosz
Od. 1, 225
B. III@3@ii)
in wendungen wie schritt v. schritt, tag v. tag
liegt ursprünglich eine räumliche vorstellung zu grunde, auch verwendet der sprachgebrauch der jetztzeit lieber für
als vor (
so schon Adelung). — fand ich hier ganz genau, bild vor bild, zug v. zug, dargestellt Schubart
leben u. ges. 2, 146. — bis blatt vor blatt ganz lebens satt zum andern ziel der leichtgesinnten lüfte spiel entführet hat Brentano (1852
ff.) 2, 207. doch hast du klug den boden untergraben, so stürzt das alles blitz vor blitz Göthe 16, 351
W. fusz v. fusz gehen Kramer 2 (1702) 1215
a. — wenn man mir dies herz aus dem leibe risse und mich glied v. glied verstümmelte Lenz
hofmeister 5, 10; dann zerstückt er sie glied vor glied (
διαμελεϊστί) Voss
Od. 9, 291
B. wie sie groschen v. groschen hinwirft O. Ludwig (1891
ff.) 2, 414. — mann v. mann fechten,
combattere huomo contro huomo Kramer 2 (1702) 1215
a;
gewöhnlich aber in einem anderen sinne, einer nach dem andern. — aber natürlich auf einmal geht es nicht. freilich nicht. schritt v. schritt Ayrenhoff
w. 4, 125; wie ich so wissentlich in das alles schritt v. schritt hineingegangen bin Göthe 19, 62
W.; nein, sondern schritt vor schritt die rechte bahn gegangen, um desto sicherer zum zwecke zu gelangen Gottsched
ged. (1751) 1, 402; nein! schritt vor schritt will ich das land der groszen väter verlieren H. v. Kleist
Hermannsschl. 1, 3. (
sie) zerpflückte darauf langsam mit den zähnen das blatt, stückchen vor stückchen Heinse 4, 138
Sch. — ich würge mich indessen durch und bringe tag v. tag, ja stunde v. stunde, nur das nothwendigste zur seite Göthe
br. 29, 77
W.; tag v. tag sein pensum zu absolviren
w. 41, 2, 155; man denket tag vor tag, wie man mein gut gerücht in etwas mindern mag Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 3; ich sehe tag vor tag die wirthschaft untergehn Göthe 9, 71
W. weil es werkeltag v. werkeltag so geschieht Varnhagen v. Ense
Rahel (1834) 3, 259. — den traum fast wort v. wort eintreffen zu lassen Dusch
verm. krit. u. sat. schr. (1758) 72; da er sie (
die rolle) mir wort v. wort vorsagte Göthe 22, 169
W. — besonders hat mich diesmal ihr brief zeile vor zeile geängstigt Varnhagen v. Ense
a. a. o. 1, 71. — wirst du bekennen, dasz alles ... zug vor zug daran befindlich sey Göthe
br. 41, 39
W. IVIV.
verbunden mit genitivischen zeitbestimmungen; am meisten ist gebraucht v. alters,
früher, in alten zeiten, von früher her: alle ding sind v. alters besser versehen und bestellt, und was man ändern und newern will, das wird nur ärger Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 342; die Galli sein v. alters in dreyerley völcker getheilet Morhof
unterricht v. d. d. spr. (1682) 1, 31; nehmen sie, mein theuerster herr und freund, wie v. alters ohne titulatur und umstände, meinen herzlichsten dank Göthe
br. 42, 52
W.; v. alters wie heutzutage Mommsen
röm. gesch. 1, 19; denn saltz vor alters thet bedeutten ein stätten bund unter den leuten W. Spangenberg
ganskönig 2, 381
M.; (
inselchen) schöner, mehr für glückliche, denn vor alters Klopstock
oden 2, 46
M.-P. nd. vör öllers Mi 103
b;
vgl. Danneil 241. —
in älterer sprache aber auch vor alter:
antiquus v. alter Diefenbach
nov. gl. 26; wie v. alter die weise yn der schule gewesen ist Luther 26, 237
W.; an orten, da das zuotringken v. alter here geübet Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 82; vor alter zogen sie zwar nicht zu streit Bürger 152
Bohtz; vor des
oder vor dessen
statt des jetzigen vordem;
vgl. gr. 4, 770;
mhd. wb. 3, 373
b (
hier auch räumlich): der gestalt sind auch wir v. des durch des bapsts reich seer beschwert Luther 16, 77
W.; nd. vör düssen. lieben wollt ich wie vordessen Rückert (1868) 1, 327.
während in v. alters
und v. des (
ebenso in vormals)
der standpunkt in der vergangenheit genommen und eine von da aus vorliegende bis in die gegenwart reichende zeit vorgestellt wird, ist in anderen verbindungen einfach das bevorstehende bezeichnet: v. tags aufstehen,
avanti, innanzi giorno Kramer 2 (1702) 1215
b; seindt sie v. tags auffbrochen Xylander
Polybius (1574) 87; v. abends,
avanti sera Kramer
a. a. o. 1215
b; es ist wol so grüns v. nachts zu hew worden als das
sprichw. (1548) 37
b; dasz man sie noch v. winters einackern könne Hohberg
georg. curiosa (1682) 1, 133; es war aber sehr nothwendig, dasz ich das pensum v. winters absolvierte Göthe
br. 10, 294
W.; nim drey löffel v. essens Wirsung
arzneib. (1588) 544
b. —
in anderem sinne mit dem gen. der personalpron.: v. meiner (mein, deiner, seiner, irer, unser, enker, iner) Schmeller-Fr. 1, 846;
s. oben II c
δ. — VV. vor
verbindet sich mit wörtern aller art als erster bestandtheil, mit verben als trennbar, s. unten die mit vor-
anlautenden zusammensetzungen; wirkliche composition findet dann statt, wenn der sinn des verbums umgebildet wird (
vgl. z. b. vorkommen, -tragen, -ziehen);
auch nachstehend bei adv. davor, zuvor, hervor, wovor, hiebevor
u. s. w. V@11)
als räumliches adverbium im sinne von vorn,
auf der vorderseite vor einem andern, oder nach vorn, vorwärts: davor
getrennt: mir ist verspart der sælden tor: dâ stên ich als ein weise vor Walther v.
d. Vogelweide 20, 32;
weiter vor in der richtung des weges: in ensitzet niht ze verre vor ein heilec man Wolfram v. Eschenbach
Parz. 448, 22.
preputium das hǎwtel vor an dem zers Diefenbach
nov. gl. 302
a; darein (
in den brunnen) warff er den wirt mit dem kopff v. abhin Fortunatus 60
ndr.; er weisz v. nit das er hinden lebt Tappius
adag. cent. septem (1545) t 2
b; der musz piloten nehmen in Uthön, oder im dorfe osten vor (
das östlich davor liegt)
Mansons seeb. 5; ohne neid sah ich dich v., und schritt dir nach Göthe 8, 297
W.; die Franzosen konnten nicht vor, sie muszten zurück Stifter (1901
ff.) 5, 1, 361; daz volc was vor und hinden horn Wolfram
Willeh. 35, 13. keret ihm den hindern dar, und wiewol er vor heszlich war, so sah er da viel heszlicher E. Alberus
fabeln 1, 106
ndr.; trägt wo einer gold und sammet ... der musz vor im tantze gehen
Königsb. dichterkr. 27
ndr.; von Maestricht, Gröningen und wo der der feind noch vor, ward die belägerung diszmal wie weggerissen v. Besser
schr. (1732) 1, 41; schon erhub sich der blinkende speer, schon zucket er rückwärts, eilender vor Klopstock
Messias 11, 789.
subst.: doch da ist keine höhe, keine tiefe, kein v. noch zurück Göthe 23, 9
W. —
aufforderung zum vortreten, vorführen, vorhalten u. s. w.: freiwillige v.; gefreite, ablösung vor. — (
laut in die szene) den wagen v. Schiller
Fiesco 2, 2; meine pferde v. — das kommando hinaus, ich komme Iffland
theatr. w. (1827
ff.) 1, 112; frau Baubo vor! und angeführt! Göthe 14, 200 (
Faust 3965)
W.; ihr mägdlein, schilde vor, es droht gefahr! Brentano (1852
ff.) 6, 99; rasch! den schimmel vor! H. v. Kleist
prinz v. Homburg 1, 5.
der gegensatz zu hinten, nach hinten, von hinten besonders betont: nicks vör, nicks achter,
übertragen: ärmlich Mi
mecklenb. 103
b; al so wol is dat gelucke achter als vr Tunnicius
sprichw. nr. 156; die mit so vil dienern v. und nach ritten Arigo
decam. 67
ndr.; for und ruck Dürer
underr. z. bef. d. statt (1527) a 4
a; die mAesz wärfft man här ausz, und eylendts dar von, v. und nah nit ein ave Maria dar zuo gethon Eberlin v. Günzburg 1, 73
ndr.; sunst ward v. und hinden an si geschlagen an alle ersparung Füetrer
bayerische chron. 12
Sp.; nymphae Oreades genennt ... tratten Dianae nach und vor Spreng
Äneis (1610) 13
b; die jäger ranten nach und sich einander vor v. König
ged. (1745) 47; bald schlug ich, wie die nachtigall, aus dunkeln sträuchen vor Weisze
lieder für kinder (1757) 52; darum lasz uns nichts von allem wissen, weder vor noch rückwärts sehn Blumauer
ged. (1782) 16; vor ging ein mann, und einer nach mir schritt A. v. Droste-Hülshoff 2, 95
Cotta; wie man den namen sicherlich kan lesen vor und hindersich, kein buchstab noch sylb ändert doch, und heiszet allzeit Anna noch
alter spruch. weitere beispiele bieten die trennbar mit vor
zusammengesetzten verba; der adverbiale charakter wird dabei mehr gefühlt, wenn das vor
durch seine stellung emphatisch wirkt: vor schritt der fusz, — das herz zog ihn zurück Fouqué
reiseerinnerung (1823) 1, 7. vor sein,
hindern, abwehren s. oben unter II 1
f. —
räumlich genommen voran-seyn, vor-seyn, voraus-seyn Kramer 2 (1702) 797
c;
in der umgangssprache: er ist schon v.;
übertragen: er ist mir im griechischen vor;
nd. hei is mi vör Mi
mecklenb. 103
b;
den blick versperrend: warn dicke weisze blumen vor, ich konnte dich nicht sehn W. Müller
ged. 125
Hatfield. zeitlich: es ist mir ein grosz glück v. Franck
sprichw. 1, 19 (
so auch stehn: das übel steet mir armen v.,
id misero restat mihi mali Boltz
Terenz 94
a, 1539,
adelphi 3, 3). —
eigenthümlich: es ist mir v.,
praesagio Frisius (1556) 1044
a; dann mir endtlichen v. ist, sye werd sich nach allem unserm begeren halten Wickram 1, 255
B.; mir ist doch immer v., es gehe noch zu bösen häusern Vischer
auch einer 2, 288;
vgl. Fischer
schwäb. 2, 1639;
schweiz. idiot. 9, 929; Martin-Lienhart 1, 131. V@22)
in den auf schrift und druck bezogenen wendungen vor genannt, gemeldet, erwähnt
u. s. w. ist die vorstellung ursprünglich wohl eine räumliche, wird aber jetzt mehr als zeitliche empfunden: do sprach daz vor genant kind Seuse 66
B.; hab ich v. gelert in dem capitel von den gemainen wunden Braunschweig
chirurgia (1539) 40
b; ich habe auch denjenigen fehler mit dem v. angeführten mann gemein, nemlich, dasz ich sehr ungeduldig bin Göthe
br. 1, 3
W.; auff dem berg Ida vorgenant bist du insonderheit bekant Spreng
Ilias (1610) 36
a. V@33) vor
als zeitliches adverbium: das wörtchen vor, welches einige, sonderlich Schlesier, als Neukirch, Günther
u. a. m. anstatt zuvor, oder vormals, zu brauchen pflegen: da sie doch leicht sonst, vormals oder vorhin, an seiner stelle brauchen könnten Gottsched
versuch einer krit. dichtk. (1751) 296.
der gebrauch von vor
als eines zeitadverbiums ist wie in der alten sprache so auch im älteren nhd. durchaus allgemein und erst im 18.
jh. beginnt das adv. zurückzutreten, doch bleibt es in der bindung mit nach
bis in die sprache der gegenwart erhalten. V@3@aa)
in allgemeiner weise auf die vergangenheit bezogen, früher, ehedem, vormals, früher einmal, zuvor, hiervor, vorher, früher als etwas anderes: prius vor Diefenbach 460
b;
mundartlich erhalten Schmeller-Fr. 1, 846. das was v. nie kainem kaiser noch küng nie beschechen
d. städtechron. 4, 32; was liebe gewesen syg, hab ich v. nit gewisset
N. v. Wyle
transl. 33
lit. ver.; was aber Fortunatus wol zehen tag v. dahyn kommen
Fortunatus 90
ndr.; als ob mans v. nie gelesen habe Luther 24, 6
W.; es suocht kainer kain hinderm ofen, er sey dann v. darhinder gesessen Mayr
sprüchw. (1587) e 5
b; an dem newen, v. unerhörten orden der Jesuiter Fischart
Bienenkorb (1588) 19
a; ward er vil hochmütiger dann v. Tschudi
chron. helv. (1734
ff.) 1, 26; niemals v. tragieret A. Gryphius
Peter Squenz 15
ndr.; (
vorhin:) was hast du v. am kamin zu schaffen gehabt? Lenz 2, 54; des was mit râte vor erdâht Wolfram
Parz. 730, 13; mir was vor nie mein hertz so wund Forster
frische t. liedlein 22; gelobt sei gott, der mirs vor gab und wider hat genommen ab Sachs 6, 51
K.; fiengen sie gleich am selben ort ein grosze meng fisch grosz und klein, ob vor gleich nichts daselbst thet sein Eyering
proverb. copia (1601
ff.) 1, 23; o wie vor so reine fackel Spee
trutznacht. (1649) 252; vor, wann nahe freunde storben Logau 1, 7, 17; vor frasz man menschenfleisch Stoppe
Parnasz (1735) 421; süszer freund, mein herze bricht mehr als vor bey allem leide Neukirch
ged. (1744) 53; geht, meine ziegen geht! du vor beglücktes heer J. E. Schlegel 4, 155; die frau sprach: hör welch lustger tanz! vor war die musik ernsthaft ganz Brentano (1852
ff.) 2, 10; vor hatt ich funfzig schöne kinderjahre den goldnen himmelstraum der kunst geträumt; vor wähnt ich kaiser mich von erd und himmel Werner
d. söhne des thales (1803) 1, 130.
gegenwart und vergangenheit ausdrücklich einander gegenübergestellt: das v. dürr was, das wirt nu als wol gebauet ertrich das waich ist Tauler
sermones (1508) 42
b; doch das zeichen an dem ... angesichte, wo sy v. schöne was, nu alle ungeschaffen beleybe Arigo
decam. 574
lit. ver.; der dich v. begehret, ... wil dich jetzt nicht A. Gryphius
Horribil. 12
ndr.; was jetzo geschicht, geschahe v. mehr Lehman
floril. polit. (1662) 2, 910; der vor mein nächster war, ist jetzt der ferneste Fleming
d. ged. 1, 6
lit. ver.; vor war ich herr, itz knecht Rist
d. friedewünsch. Teutschland (1648) 33; wie jetzt die zeiten sind, so waren vor die zeiten Logau
sinnged. 145
nr. 39
E. sehr häufig ist die verbindung wie vor, als vor: wolt mit den heiden nicht mehr allerley essen wie v. Luther 10, 3, 39
W.; da schrei er wie v.
sprichw. (1548) 62
a; dasz sie nicht auf den feind so hurtig als v. immermehr losz giengen Lohenstein
Arminius 1, 38
a; man läszt den ehrlichen pfarrer wider die kleiderpracht eyfern und kleidet sich wie v. Schubart
br. 1, 172
Str.; alles wird seinen gang gehen wie v. Klinger (1809
ff.) 3, 142; ich schetzt mich dick für ein doctor, do was ich ein narr noch als vor Murner
narrenbeschw. 3, 76
ndr.; es gieng ein lantzknecht über feld in aller masz wie vor, er het kein beuttel noch kein geld Forster
frische t. liedlein 96 (47, 1)
ndr.; magst du nach deinem land heimstellen und über die Myrmidonas wie vor regieren noch fürbasz Spreng
Ilias (1610) 5
a; wir wollen in steter erwartung künftig wie vor um den preis wetteifern Vosz
Od. 2, 206
Bernays. V@3@bb)
das adj. hält sich in der verbindung mit nach,
gewöhnlich nach wie vor,
später ebenso wie früher, dauernd; doch kommen natürlich auch andere verbindungen und gegenüberstellungen vor (
mhd. vor unde sît): das (
durch französisches essen hervorgerufene) übel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie v. desto lieber an die deutsche küche Göthe 33, 47
W.; in front der nach wie v. auf dem grabstein sitzenden Fontane I 6, 4; daz dienter vor unde nâch Wolfram
Parz. 217, 5; dessen preis ich nach wie vor will auf späte zeiten tragen Gottsched
ged. (1751) 1, 100; jeder heilige, nach wie vor, hebt und trägt sein marterinstrument Göthe 4, 234
W.; halt mich wer, wofür er will, ich fühl mich Sigurd nach wie vor Fouqué
held des nordens 1, 134.
umgestellt: ihr seid ja wohl, wie vor so nach, die grosze nation Rückert (1867
ff.) 1, 54. vor und nach,
immer, allezeit: und bleibet Hans Pfriem, wie vor und nach Hayneccius
Hans Pfriem 65
ndr.; (
sie sollen) rühmen meinen sinn, mein lieben vor und nach
Königsb. dichterkr. 90
ndr.; vor und nach
zu ungefährer zeitbestimmung: an. dom. 292 ungefährlich vor und nach Stumpf
Schweizerchron. (1606) 181
b. — vor oder nach,
früher oder später: und ich kanns gut heiszen, vor oder nach Göthe
gesch. Gottfr. v. Berlichingen 4. —
unlogisch, vor wie nach: er fand sich aber auch in dieses unglück, that v. wie nach grosz Liscow
samml. sat. u. ernsth. spr. (1739)
vorrede 11; du thust v. wie nach, als wüsztest du nicht wo ich sei Göthe
br. 8, 34
W. vgl. noch: vor gethan und nach bedacht, hat manchen in grosz leiden bracht
sprichw. (1548) 45
b; de dat schone brot vor itt, de mot dat grove brot na eten Tunnicius
sprichw. nr. 1232;
non possum simul sorbere et flare, ich musz eins vor, das ander nach thun Alberus (1540) c c 4
b; die nachhin lachen, die lachen so wol als die v. lachen Tappius
adagiorum cent. septem (1545) q 4
b; sihestu nicht v. zu, so sihe nach zu Petri
d. Teutschen weish. (1604
ff.) 2, S z 1
b. V@3@cc)
besonders häufig wird mit vor
ausgedrückt, dasz etwas geschehen, da sein musz oder soll, ehe etwas anderes eintritt; oder es wird sonst irgendwie ein zusammenhang des geschehens bezeichnet; dann auch allgemein im sinne von vorher, zuvor, von vorn herein: unse gunst und fruntlichen groz v.
urk. d. 14.
jh. bei Bauer-Collitz 301; de vor vlüt (
ehe man ihn greift), dat is de schuldige Tunnicius
sprichw. nr. 245; er hat gnuog an syner boszheit, dye v. an ihm ist Keisersberg
bilgersch. (1512) 14
b; das niemant erleucht mag werden, er sey dan v. gereynigt, geleutert und geledigt
theologia deutsch 30
Mandel; sprach: wir wöllen v. essen Fortunatus 22
ndr.; yhr groszen groben eselsköpffe zu Ingolstad, setzt die brill auff die nasen oder verdawet doch v. den guten dramynder (
Traminer) Luther 15, 116
W.; wer v. kompt, der mAelt v.
sprichw. (1548) 142
b; die pferd stallen gern, wo es v. nasz ist 61
a; wer die bernhaut verkauffen wil, der musz v. den bern stechen Eyering
prov. copia (1601
ff.) 3, 467; er hatte allbereit eine supp im magen und v. zwey kraut und fleisch allerdings auffgeriben Grimmelshausen 3, 17
Keller; schlag vor, darnach steck ein Lehman
floril. polit. (1662) 1, 468; lasz ook Berthan v. richtig vorschirrn G. Hauptmann
d. weber (1892) II; der studentten ich ouch nit für, sie hant die kappen vor zuo stür Brant
narrensch. s. 29; ja, doch thu jeder vor ein trunck H. Sachs 6, 142
K.; du bist ein trewer Eckhart gut, der jederman vor warnen thut Eyering
prov. copia (1601
ff.) 1, 781; kenne vor und trau nicht bald Logau
sinnged. 17
E.; schaue mich nicht hönisch an, lasz mich vor zur rede kommen Grob
versuchg. (1678) 11; er müss noch vor mit euch, mein Gumpert, sprechen Tieck (1828) 1, 181. V@3@dd) vor, ehe: ich will dir die hundert cronen v. geben, eedann und du sy verdienest Fortunatus 99
ndr.; lerne v. selbs, ehe du ander lerest, hilff dir v. selber, ehe du andere artzneyest, straffe dich v. selbs, ehe du ander urteilst
Sir. 18, 19
ff.; ich wills dannoch ... v. wissen, was es seie, ehe ich etwas weiters underneme Fischart
Garg. 344
ndr.; man musz v. satteln, ehe man reitet Lehman
floril. polit. (1662) 1, 72. vor und ehe
zusammengefaszt als adv. wird dann im sinne von vorher,
aber auch von vormals
gebraucht: do ich sy dingt, begert sy me, den ich belonet vor und ee Murner
narrenbeschw. 66
ndr.; doch will ich schreiben vor und eh, was dir beyn leuten wol ansteh Scheit
Grobian. 2467
ndr.; vereinzelt in neuerer sprache: Gregor führte 'seine kinder', wie vor und ehe, durch die wälder Stifter (1901
ff.) 1, 305. vor und ehe
als conjunction, einen nebensatz einleitend: antequam, priusquam, eh dann, vor und eh Calepinus
XI ling. (1598) 96
a; (
ich) wer dir gehorsam, v. und ee du das möchtest gebieten
N. v. Wyle
transl. 37
lit. ver.; ich hab v. und ee dhein mensch ... üts von des Luters namen gewüszt hat, angehebt das evangelion Christi zuo predgen Zwingli
d. schr. (1828
ff.) 1, 253; der meyster sagt im (
dem lehrling) nicht, v. und ehe ers angreifft
sprichw. (1548) 163
a; man soll die samen, v. und ehe man sie säyet, in hauszwurtzsafft beytzen Herr
feldbau (1551) 39
a; doch vor und eh sie auff dem plan einander thätlich griffen an, hielten sie ein gespräch beysammen Spreng
Ilias (1610) 71
b. —
umgestellt: ehe und v. er sich in dises ambt begibt Brandis
landeshauptleute v. Tirol 41. — vor
kann auch für sich als conj. gebraucht werden Schmeller-Fr. 1, 847. VIVI.
aus den mit vor
zusammengesetzten verben ist eine gruppe herauszuheben, weil sie beliebig vermehrt werden kann und deshalb im folgenden nur durch ausgewählte beispiele belegt ist. zu diesen verben tritt als accus., auch wenn das simplex intransitiv ist, etwas
oder ein inneres object. des verbums und der dat. einer person. vor
hat hier räumliche bedeutung, die handlung geht in gegenwart einer oder mehrerer personen vor sich;
es kann die vorstellung vorliegen, dasz die handlung der person als vorbild dienen soll: jemandem etwas, einen walzer vortanzen,
damit er es dann selbst versucht;
meistens aber liegt nur die absicht vor, dasz die handlung von der person wahrgenommen wird, auch so, dasz ihm die wahrnehmung unerwünscht und lästig ist. vor allem werden in dieser weise verba verwendet, die eine wahrnehmung durch das ohr bedingen, vgl. jemandem etwas vorächzen, -blasen, -blöken, -brummen, -dudeln, -fiedeln, -flöten, -geigen, -gellen, -grunzen, -heulen, -husten, -jammern, -jauchzen, -jubeln, -klagen, -klimpern, -krächzen, -kreischen, -lallen, -leiern, -murmeln, -niesen, -orgeln, -plappern, -plärren, -plaudern, -posaunen, -prahlen, -predigen, -schnattern, -schwärmen, -singen, -stöhnen, -stottern, -trillern, -trommeln, -trompeten, -weinen, -wimmern, -winseln, -zwitschern
u. s. w. ebenso unbeschränkt aber bei der wahrnehmung durch das auge, z. b. jemandem etwas voressen, -gaukeln, -hinken, -humpeln, -klettern, -kritzeln, -rauchen, -reiten, -rudern, -tanzen, -zaubern
u. s. w. in wahrnehmung des deutschen bildet das dänische zahlreiche entsprechende verba mit fore-. VIIVII.
neben den trennbaren mit vor
zusammengesetzten verben giebt es zahlreiche, bei denen formen mit nachstehenden vor
nicht vorkommen, oder von denen überhaupt nur das part. prät. gebräuchlich ist.