sünde,
f. ,
peccatum. verbreitung und form. westgerm. und nordisches wort, im got. nicht vorhanden. ahd. suntea, sunta, sunda;
mhd. sunde, sünde;
as. sundea;
mnd. sunde;
mnl. sonde;
ndl. zonde;
afries. sonde, sende;
westfries. suwne;
ags. synn;
engl. sin.
anord. synd,
älter synþ, synð,
norw., schwed., dän. synd
sind wohl aus dem westgerm. entlehnt, die formen mit þ
oder ð
könnten und müszten dann analogisch sein, s. Fischer lehnwörter des altwestnord. 41, Hellquist 928.
der anlaut ist schwankungen nicht unterworfen. inlautendes d
ahd. nur auf md. und rhfrk. boden als unverschobenes westgerm. d
und als erweichtes t
nach n
durchweg bei Notker (2, 49; 93
Piper);
erst seit dem frühen 12.
jh. erweichung auch sonst auf obd. boden: hochzeit 668
Waag, Arnsteiner Marienleich 36
Waag; im späteren mhd. t
noch obd. ganz vereinzelt, s. altdeutsch. pred. S. Paul 120
J. —
apokope des auslautvokals im mhd. noch selten (
st. Georgen. prediger 16, Konrad v. Megenberg 140
Pf.),
greift aber seit der mitte des 15.
jh. um sich (
erste dtsche bibel)
und wird im 16.
und 17.
jh. gebräuchlicher als die vollform (
nicht bei Luther),
zumal im singular. sie verschwindet aus dem gebrauch der schriftsprache um 1700,
noch bei Kramer 2 (1702) 1039
a;
in jüngerer sprache begegnet die kurzform nur noch im vers: Müllner (1828) 1, 68. —
umlaut des stammvokals schwerlich seit 1150
belegt: Trierer Silvester 416
Kr.?; im ganzen mhd. bereich sind formen mit und ohne umlaut gleichberechtigt, und noch im 16.
jh. ( Luther)
ist umlautlosigkeit weit verbreitet, s. Wilmanns
gramm.2 1, § 202; 204;
im 17.
jh. nur noch singulär: Lehman
floril. polit. (1662) 1, 200. —
flexion im ahd. durchweg als jô-
stamm, singuläre ausweichung im gen. plur. suntîno Otfrid IV 1, 53 (
hs. V). —
sonderformen nach analogie der i-
dekl. im gen. plur. auf -e
oder ohne endung, vereinzelt im mhd.: altdeutsch. pred. S. Paul 120
J., häufiger im 16.
und 17.
jh., vgl. H. Paul
deutsche grammatik 2, 84. —
doppelgebrauch starker und schwacher dekl. vom frühen mhd. bis ins letzte drittel des 17.
jh. als mhd. normalform hat noch die starke zu gelten, doch sind schwache formen, zunächst pluralisch, seit 1150
belegbar: Arnsteiner Marienleich 144
Waag, altdeutsch. pred. S. Paul 56
J.; für die erste deutsche bibel und für Luther
gilt ein nebeneinander st. und schw. gebrauchs im sing., während der plur. hier durchweg noch stark begegnet. kurz vor ihrem verschwinden, um die mitte des 17.
jh., schwellen die st. pluralformen (
mit und ohne apokope)
noch einmal an: Neumark
lustwäldchen (1657) 1, 56, Schupp
schrift. (1663) 7, Lehman
floril. polit. (1662) 2, 700, P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 375
a.
das gleiche gilt für die deklin. restformen des schw. sing.: Lehman
floril. polit. (1662) 1, 200, P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 313, Schupp
schr. (1663) 146; 177.
die deutschen mundarten greifen das wortbild vor allem im stammvokal und in der inlautenden konsonantengruppe an. entrundung des stammvokals zu i
md. und obd., z. b. Follmann
dtsch.-lothr. 480; Schmeller-Fr. 2, 306.
singulär bleiben, meist md., andere färbungen wie sönn
luxemb. ma. 411, söng Leithäuser
Barmer ma. 145, send, sen Follmann
dtsch-lothr. 480, sene Hofmann
niederhess. 236. —
assimilation des inlautenden nd > nn
ohne apokope des auslauts vornehmlich im niedersächs. gebiet: sünne Woeste
westf. 263, Schambach
Götting. 219, Deiter
Hastenbeck nachtr. 64, Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 365;
einsilbige kurzformen auf nn, n
seltener nd.: sünn Mensing
schlesw.-holst. 4, 954, Danneil
altmärk. 216,
meist md.: sinn Autenrieth 133, Lenz
Handschuhsheim 70, Schöner
Eschenrod 253, Rückert
unterfränk. 179.
gutturalisierung auszerhalb des rheinischen nur singulär, z. b. süng Frischbier 2, 388
a,
in mundartlichen nebenformen Seiler
Basler ma. 285.
auf obd. boden bleibt der dental im allgemeinen unangetastet, doch fehlt meist auch hier, zumal im bair.-österr., das auslaut -e: Schmeller-Fr. 2, 306, Schöpf
tirol. 729, Jakob
Wiener ma. 188.
herkunft. die sehr schwierige und bis heute umstrittene deutung des wortes weist seit Jac. Grimm (
kl. schriften 5, 288
ff.)
im allgemeinen, bei abweichungen im einzelnen, den vorchristlichen begriff sünde
der rechtssphäre zu. man sieht daher in sünde
ein abstraktum zu dem germ. adjektivum *sun(d)ja-,
das nur in got. sunjis '
wahr', bisunjane '
ringsum' (
eigentlich '
von den ringsum seienden')
erhalten ist, aber durch ahd. sunna,
latinisiert sunnis '
rechtsgültiges hindernis',
as. sunnea '
not, krankheit' (
als hauptbeispiel der verhinderung),
an. nauðsyn '
not, die einen hindert, eine rechtspflicht zu erfüllen'
vorausgesetzt wird und in ai. satyá- '
wahr',
av. haidya- '
der wirklichkeit entsprechend'
wiederkehrt; da das ablautende an. sannr
auszer '
wahr'
auch wie lat. sons '
schuldig, überführt'
bedeutet, fühlt man sich berechtigt, auch sun(d)ja-
diese bedeutung zuzusprechen, vgl. Hellquist 927
f., Falk-Torp 1226.
gegen diese konstruktion spricht wohl entscheidend, dasz das wort nirgends der rechtssprache angehört. aus dieser schwierigkeit sucht Edw. Schröder
in zs. f. vergl. sprachf. 56, 106—116
einen ausweg, indem er das wort sünde
der heidnischen ethik zurechnet, lautlich als ein wie *scanðô
aus der idg. wurzel skem
gebildetes germ. *sktjô,
das nach ausfall des k (
parallelfälle bei Schröder
a. a. o.)
zur schwundstufigen form *sunðjô
wird, inhaltlich als ein synonymon zu schande, '
wessen man sich zu schämen hat, ein entstellendes',
auch in körperlichem sinne, worauf die gelegentliche ahd. übersetzung von macula, sogar lepra durch sunta
hinweist (
s. u. V B 3 b).
den ansatz solcher deutung findet Schröder
vor allem in der seit 1200
belegten, von ihm aber bis in die zeit des Bonifatius hinaufgerückten formel sünde und schande (
s. u. IV),
d. h. schande vor gott und den menschen, daneben in der as., ags., afries. festen verbindung sache und sünde: ne saca ne sundea
Heliand 85;
vgl. 1009; 5037;
Beowulf 2472; Richthofen
altfries. rechtsquellen 75,
in der das ganz unkirchliche sache
die rechtliche, sünde
die bürgerlich-sittliche sphäre vertreten würde. die entscheidende umprägung zum kirchlichen begriff der '
verfehlung gegen gott'
wäre dann möglicherweise das werk eines angelsächsischen missionars, und im zuge der mission wäre das neu gefüllte wort auf dem festlande heimisch geworden und von da zu den Nordgermanen gelangt. bedeutung und gebrauch. bezeugt ist das wort sünde
zuerst in den ältesten christlichen quellen der ahd., as. zeit, und zwar eindeutig als religiös-kirchlicher begriff. diese beschränkung gilt im wesentlichen für das ganze mittelalter, und noch in der gegenwart wird der religiöse gebrauch als der primäre empfunden (
s. u. I).
seit der wende zum nhd. hin begegnet sünde
jedoch auch als blosz sittlicher begriff, der einer unmittelbaren religiösen beziehung entraten kann (II).
in weiterer entwicklung verliert sünde,
mehrfach abgestuft (II C),
an moralischem gewicht, um sich seit ende des 18.
jh., in der aufklärung, zum religiös-sittlich neutralen begriff abzuschwächen (III)
und sich in ernsthaft sachlichem (III A)
und in scherzhaftem oder ironischem gebrauch (III B)
jüngerer sprache mannigfach zu verzweigen. diese entwicklung, als ganzes ein beispielfall für die wachsende säkularisierung des geistigen lebens, wiederholt sich im kleinen in der geschichte der wichtigen formel sünde und schande (IV).
durch sämtliche bedeutungen hindurch gehen feste sprachliche formeln (V).
ebenso übergreift der bildliche und vergleichende gebrauch des wortes (VI)
verschiedene bedeutungsbereiche. II. sünde
als religiös-kirchlicher begriff. häufig schon in den ahd. glossen des 8.
jh., z. b. Pa, K, Ra,
vgl. Graff 6, 261,
ebenso in denkmälern wie exhortatio ad plebem christianam bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 51, 50,
Weiszenburger katech. ebda 30, 54.
im übrigen vgl. unten die belege. I@AA.
seinem inhalt nach. I@A@11) sünde
als religiöse verfehlung, mit genauerer, meist attributiver bestimmung des inhalts der sündigen handlung: hastu wider got ie getuon in der sünde der fraszheit Arigo
decamer. 23
Keller; ohn allen zweifel aber ist die zauberei und schwarzkünstlerei die gröste und schwereste sünde für gott und für aller welt
volksbuch d. dr. Faust 6
Braune; misztrauen wäre sünde an gottes wort Th. Körner (1835) 102
Streckfusz; weiszt du nichts von der wüsten sünde ehebruch? ... bist du denn so gottlos? P. Dörfler
um das kommende geschlecht (1933) 95;
in besonderem sinne der unglaube als die sünde
schlechthin (
vgl. Röm. 14, 23): was nit usz dem glouben geschicht, das ist sünd Zwingli
freih. d. speisen 25
ndr.; unglaub ist ein quell aller sünd Petri 1, f 2
b; wenn der unglaube, wie das alte und neue testament behauptet, die gröszte sünde, ja die sünde der sünden ist, so haben sie, mein wertester, viel abzubüszen Göthe IV 34, 293
W. als katholisch-kirchlicher begriff, verstosz gegen ein kirchliches gebot, etwa gegen das zehntzahlen: tatsächlich war das unterlassen des zehntenzahlens ein vergehen gegen die kirche und somit eine sünde P. Schulze
hauptlaster- und tugendlehren (1914) 96,
oder gegen die heiligenverehrung: und hielt man dafür, es (
das gewitter) käm von sünden, dasz man denselben zweier zwölfbotentag markt hat und den fyrtag und die heiligen damit entunert Tschudi
chron. Helv. 2, 133,
verstosz gegen die beichte: der strafen denke, die die heilge kirche der mangelhaften beichte droht! das ist die sünde zu dem ewgen tod Schiller 12, 564
G., gegen die kirchlichen fastenvorschriften: Reinard sinnt rache ... bei einer neuen begegnung räth er ihm, die sünde der fleischspeise zu meiden Jac. Grimm
Reinhart fuchs vorr. lxxi; an fasttagen fleisch zu essen, halte er allerdings für keine sünde O. Jahn
Mozart 3, 26;
vgl.t get keng sönn den hals erôf
luxemb. ma. 411. I@A@22) sünde
wider den heiligen geist, aus biblischem gedankengut heraus (
Mt. 12, 32)
zur festen formel entwickelt; zuerst belegbar in der form ein sünde
in den heiligen geist
peccatum in spiritum sanctum (1394) Diefenbach
gl. 418
b,
und so in der mehrzahl der fälle bis in die wende vom 17.
zum 18.
jh.: ein sund in den heiligen geist Luther 15, 139
W.; wievil seind der sünd in den heiligen geist? Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. 465;
vgl. noch Hulsius-Ravellus (1616) 316
b; Kramer 2 (1702) 1039
a; Rädlein (1711) 1, 862
a;
vereinzelt noch bei Göthe: von dem gedanken an die sünde in den heiligen geist 27, 126
W.; vgl. ähnlichen gebrauch des in: crimen laesae maiestatis, das ein sünde sey in die maiestät Luther 28, 536
W.; ganz vereinzelt in diesem zusammenhang ein gegen: von den 6 sünden gegen den hl. geist Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. xxii;
das wider
gelegentlich schon bei Luther: und wie man mit den sunden wider den heiligen geist gesündigt hat 2, 61
W.; häufiger seit ende des 17.
jh., vgl. Stieler (1691) 2240; Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1925;
und dann bald, wie noch heute, im alleinigen, durch die formel geschützten gebrauch, der wohl auch auf verwandtes gebiet ausstrahlt (
s. u. V 2 a).
inhaltlich wird die formel meist als bewuszter unglaube (
s. o. I A 1),
als widerstand gegen die göttliche gnade ausgedeutet: es ist kein groszer sund, dann das man nit glaubt den artikel 'vorgebung der sund' ... und dise sund heist die sund in den heiligen geist Luther 2, 717
W.; wir finden uns demnach nicht berechtigt, von der grundbestimmung in der älteren auffassung der sünde wider den heiligen geist abzugehen. das wesen dieser sünde ist der hasz wider das erkannte göttliche Jul. Müller
lehre v. d. sünde (1859) 2, 592;
auch als fester terminus der kathol. beichtpraxis: die sechs sunde in den heiligen geist (
vor 1468) J. Wolff
beichtbüchlein 29
Battenberg; sünden wider den heiligen geist werden sie genannt, weil sie der gnade des heiligen geistes ganz besonders widersprechen
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 421;
häufig jedoch ohne inhaltsbestimmung, darum leicht in ironischer abschwächung: ... der ihm die wahre sünde wider den heilgen geist bedünkt; — das ist die sünde, die aller sünden gröszte sünd uns gilt, nur dasz wir, gott sei dank, so recht nicht wissen, worin sie eigentlich besteht Lessing 3, 135
M.; man begeht doch eigentlich eine sünde wider den heiligen geist, wenn man ihr auch nur im mindesten nach dem maule redt Göthe IV 17, 14
W.; auf andere gebiete übertragen: viel zu oft liesz man sich ... zu trugschlüssen und sünden wider den geist der kunst verleiten
ders. I 46, 80
W.; A. Dinter die sünde wider den geist (1920) (
buchtitel). I@A@33)
oft vom sündenfall Adams und Evas, besonders in älterer sprache: Adâmis sunda (
originale peccatum) Notker 2, 49
P.; do diu erista sunda gescah
ebda 2, 93; gott ... hat Adam und allen seinen kindern aufgeladen nach der sund, in ... angst und not ir leiplichs leben zu volstrecken J. Strausz
christl. unterricht (1523) a 2
b; ein leben voll liebe, voll seligkeit, wie vor der sünde, in ewiger jugend E. T. A. Hoffmann 1, 38
Gr.; oft in der festen verbindung sünd und fall: Adams sünd und fall ist unser aller unfall Petri 1, e 6
b; o Adams sünd und Eva fall, was hastu angericht!
ebda; genauer bestimmt als die apfelsünde: die sünd und übertretung des apfels H. v. Cronberg
schr. 23
ndr.; (
Jesuskind) das getilgt des apfels sünde Cl. Brentano (1852) 2, 548. I@BB. sünde
bezeichnet häufig den aus sündigen handlungen erwachsenen, dem täter anhaftenden zustand. der charakter des zuständlichen findet seit alters in mancherlei meist biblisch begründeten formeln sprachlichen ausdruck, am greifbarsten in verbalverbindungen mit in sünden. I@B@11)
in sünde(n) geboren, empfangen werden, als ausdruck erbsündlicher verhaftung: in sunton bist al giboran, inti thu leris unsih
Tatian 132, 20; er weinde von der sünde dâ er inne was geborn Hartmann v. Aue
Gregorius 1750
Paul; ein mensche wirt in sunden enpfangen
ackermann aus Böhmen 24
B.; sihe, ich bin aus sündlichem samen gezeuget, und meine mutter hat mich in sünden empfangen
psalm 51, 7; in sünden bin ich ja geborn Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 394
b; wir sind alle in sünde geboren, und was uns hält, ist ... eine kraft auszer uns Fontane (1890) I 7, 61;
vereinzelt: nach Adams fall werden alle ... mit der sünde geboren D. Fr. Strausz 6, 15;
früher auch adjektivisch und partizipial: dio geburtlichun sunta (
peccatum originale)
st. Galler exhortatio 41; angeborner sünde ist er frî Freidank 38, 16
Grimm; die snd uns angeerbt, an leib und seel verderbt Petri 1, b 6
a; angeborne sünde Stieler 2239,
wofür später durchweg erbsünde. I@B@22)
in sünden sterben u. ähnl.: ih faru inti ir suochet mih, inti in iwaru suntu arsterbet ir
Tatian 131, 6; denn so ir nicht gleubet, das ichs sei, so werdet ir sterben in ewren sünden
Joh. 8, 24; das mancher in dem wuost verdirbt und in seinen sunden stirbt Th. Murner
badenfahrt 1
Martin; in sünden sterben ist sehr böss, denn es der seel thut schaden gross Petri 1, d 7
b; don Juan (
sagt) dem steinernen comthur ... 'fährst in sünden du dahin'? O. Jahn
Mozart 4, 334; vergönn zur ruh ihm eine kurze frist, nur nimm ihn nicht hinweg in seinen sünden A. v. Droste-Hülshoff 2, 247
Cotta. I@B@33)
in sünden leben, sein, oft als merkmal menschlicher existenz schlechthin: eia, nu windet uwere hende, alle die in sünden leben
spiel v. d. 10
jungfr. 120
Beckers; in sunden ick geboren wart, in sunden was ick alle tyd
v. d. jungesten tage 112
Willoughby; wie sollten wir in sünden wollen leben, der wir abgestorben sind?
Röm. 6, 2; in sünden leben Kramer 2 (1702) 1039
b; wann ob Cristus nit erstuond, euwer gelaub ist uppig. wann noch seit ir in euweren sünden
erste dtsche bibel 2, 102;
gelegentlich variiert: das all die welt in sünden staht Hugo v. Trimberg
renner (
Frankf. druck) 111
a Warlies; darausz folget, das alle menschen, keinen auszgenommen, in der sünde stecken Fischart
binenkorb (1588) 101
b;
zur bildl. abwandlung in sünden liegen
s. u. VI 1 b.
in gleichem sinne, aber nur bis ins frühe nhd. geläufig sünde haben: ob ih ni quami inti sprahi zi in, thanne ni habetin sie sunta
Tatian 170, 4; ich bin ein man, der sünde hât Wolfram v. Eschenbach
Parzival 456, 30; so wir sagen, wir haben keine sünde, so verfüren wir uns selbs, und die warheit ist nicht in uns 1.
Joh. 1, 8; wer ander wil versünen, der musz selber keine sünde haben Petri 1, g 2
a.
mhd. gern es, des sünde haben,
aber mehr in dem sinne von '
mit etwas sünde begehen': swer im nu ruowe næme, ... ich wæn der hetes sünde Wolfram v. Eschenbach
Parzival 583, 3; swer iht nimt pilgerînen, der hât des sünde starke
Kudrun 932, 6;
noch bei Luther: darumb, der mich dir uberantwortet hat, der hats grösser sünde
Joh. 19, 11. I@B@44)
ohne sünde sein, namentlich wenn es einem persönlichen subjekt beizuordnen ist, meist in älterer sprache: ther thie ûzan sunta si iwar
Tatian 120, 5; so bist du âne sünde Hartmann v. Aue
Gregorius 3098
Paul; wer unter euch on sünde ist, der werfe den ersten stein auf sie
Joh. 8, 7; ohne sünden sein Kramer 2 (1702) 1039
b; doch menschenwandern, menschentreiben mag immer ohne sünde sein E.
M. Arndt 4, 155
R.-M. I@CC. sünde
in ihrer wirkung, nach ihren äuszeren und inneren folgen, hat zu mehr oder weniger festen verbindungen geführt. I@C@11)
verbindung mit dem begriff der strafe: wer seinen vater ehrt, des sünden wird gott nicht strafen
Jesus Sirach 3, 4; 'dasz gott nur bis ins dritte und vierte glied die sünden der väter strafe' Herder 12, 154
S.; meist präpositional: der zorn gots komen was ze strafen die menschen umb ir poszheit und grosse sünde willen Arigo
dec. 5
lit. ver.; und das volk der Franken für seine sünden strafen Scherer
lit.-gesch. 61;
redensartlich: ein sünd mit der andern strafen Eyering
proverb. copia (1601) 2, 185;
substantivisch in fester verbindung: eingang in die ewigen sünde und strafe Luther 18, 482
W.; das eiserne gesetz der folgerichtigkeit von sünde und strafe Stifter 14, 35.
daneben seltener der begriff des rächens: tugent lieb gehabet, bosheit gehasset, sunde ubersehen und gerochen hat got unz her
ackermann aus Böhmen 31
B.; ihr sünd beleibt nit ungerochen Spreng
Ilias (1610) 44
b;
später wohl nur als zufallsbildung: die sünde sollt ihr rächen, die durch die wolken drang
M. v. Schenkendorf
ged. (1815) 12.
sünde heimsuchen ist biblischen ursprungs: wann ich heimsuoch auch dise ir sünde an dem tage der rach
erste dtsche bibel 3, 332; ich werde ire sünde wol heimsuchen
2. Mose 32, 34; die sünden seiner väter werden heimgesucht im dritten und vierten glied Schiller 2, 15
G. I@C@22)
zur vorstellung vom richteramt gottes über die sünde
gehört die rufende sünde: die ruofenden sünden ... (
weil sie) ze allen zîten ruofent vor gote über ir lîp und über ir sêle aller der, die in der selben sünden einer sint Berthold v. Regensburg 1, 88
Pfeiffer; peccatum clamitans, clamans ein rufende sunde (15.
jh.) Diefenbach 418
b;
kirchlich präzisiert: die rufenden sunde sind die funf ... (
vor 1468) J. Wolff
beichtbüchlein 21
Battenberg; die rufenden und stummen sünde (
nicht als gegensatz, s. u. II B 1 c
und teil 10, 4, 397) sind wider das fünft, sechst und sibend gebot Luther 1, 254
W. an ihre stelle tritt später die erst seit der wende des 17.
zum 18.
jh. belegbare himmelschreiende sünde Stieler (1691) 2239; eine greuliche, grausame, abscheuliche, himmelschreiende sünde Kramer 2 (1702) 1039
a,
die aber schon seit dem mhd. vorbereitet ist: sîn sunde schrîet zu gote
mhd. wb. 2, 2, 734
b; wird iemands schreien in himmel zu mir, zu einer sünde soll es werden dir
bergreihen 29
ndr.; wievil seind der sünd, die gen himel schreien Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. 465; 589; 607;
aus dem religiösen gebrauch übertragen (
s. u. III A 2): die schreienden sünden an der tonkunst E. T. A. Hoffmann 1, 5
Gr.; noch heute auch in prägnant kirchlichem sinne: die vier himmelschreienden sünden sind: der vorsätzliche totschlag, die sodomitische sünde, die unterdrückung der armen, witwen und waisen, die vorenthaltung oder entziehung des tag- oder arbeitslohnes
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 422; oder Agnes ... beginge eine von den himmelschreienden sünden, und er nähme die busze auf sich K. H. Waggerl
jahr des herrn (1933) 268. I@C@33)
auf den sündigen menschen bezieht sich I@C@3@aa)
der mehrdeutige begriff sünde
büszen (
s. u. I D 3),
hier in dem sinn '
strafe für die sünde empfangen': sie werdens teur bezalen müssen, die grosse sünd mit herzleid büssen Barth. Krüger
spiel v. d. bäur. richtern 59
Bolte; hab dise ding anschauen müssen und fremde sünd unschuldig büssen Spreng
Äneis (1610) 22
a; diese sünde abzubüszen Göthe 19, 133
W.; sprichwörtlich: die sünd büst sich selbst Lehman
floril. polit. (1622) 3, 42;
seltener sünde
entgelten: doch muoz er sünde engelten, daz er nicht frâgt des wirtes schaden Wolfram v. Eschenbach
Parzival 473, 18; als ob sie (
die zigeuner) ... ihrer voreltern sünden entgelten müsten
grillenvertreiber (1670) 3, 9. I@C@3@bb) sünde
und tod, biblisch zusammengehörig: dorumb als die sünd einginge in dise werlt ... und durch die sünd der tod
erste dtsche bibel 2, 25; denn der tod ist der sünden sold
Röm. 6, 23,
darnach öfter, ähnlich, vgl. H. Sachs 1, 435
K.; Petri 1, b 3
a; je grösser sünd, je grausamer tod
ders. d 5
a;
seit 1600
in fester verbindung belegbar: uns hat umbfangen grosse noth und über uns herrscht sünd und tod
ebda 1, f 3
b;
vgl. 5
b; hell und teufel, sünd und tod Fischer-Tümpel 1, 7; was rettet mich von tod und sünde? Mörike (1905) 1, 143
Göschen. I@C@3@cc) sünde
und hölle, teufel: der engel ümb ain ainig sünd fül ewig in der helle grund J. v. Schwartzenberg
memorial der tugent in: teutsch Cicero (1535) 98; so fuget itsliches teufels list die sunde der er meister ist
kl. mhd. erz. 4, 105
Rosenhagen; wer sünde tut, der ist vom teufel 1.
Joh. 3, 8; er soll kämpfen sein lebenlang gegen sünde und teufel Scherer
lit.-gesch. 81;
gehäuft: dasz er dich von sünd, tod, teufel und hölle erlöst Grimmelshausen 2, 359
Keller. I@C@44)
zur begründung solcher folgen der sünde
dienen oft präpositionale wendungen. die ältere sprache, bis ins 17.
jh., hat hier viele möglichkeiten, vor allem von: inti thanne her cumit, thanne thwingit her weralt fon sunton
Tatian 172, 4; das es von deinen sünden sei, die bei dir wont an allem ort H. Sachs 1, 229
K.; hielt man dafür, es (
das gewitter) käm von sünden Tschudi
chron. Helv. 2, 133.
um (
willen): als Israel wart hart gestraft umb sein sünd H. Sachs 1, 213
K.; die straf bleibt umb die sünd nicht aus
schöne weise klugreden (1548) 150
a; umb meiner sünde willen übergibstu uns jetzt
engl. comed. u. traged. (1624) e 5
a.
durch (
kausal): das got verhenget durch die sünd seins lieben volkes H. Sachs 1, 228
K. wegen: die dritte hauptstrafe ..., die got über das mänschliche geschlecht ihrer sünden wegen hat kommen lassen Zesen
rosenmând (1651) 10.
für: für grosse sünde und schulde des sons soll ein kleine straf ... genug sein dem vater gen dem sone A. v. Eyb
dtsche schr. 1, 20;
in jüngerer sprache einseitig bevorzugt: und ich komme für alle meine sünden nicht in die hölle Göthe IV 1, 105
W.; dasz die kinder leiden müssen für die sünden der eltern Seb. Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 336; er (
gott) liesz ... das volk der Franken für seine sünden strafen Scherer
lit.-gesch. 61. I@DD. sünde
in festerer oder loserer verbindung mit trans. verben oder den entsprechenden substantiven, die gemütsbewegungen, erkenntnisakte, handlungen des menschen gegenüber der sünde ausdrücken. I@D@11) sünde
neben ausdrücken der furcht, scham, vor allem der reue: je mehr sünd, je mehr furcht Petri 1, d 5
b;
als zählebig erweist sich die reflexive verbalverbindung sich (
der)
sünde(n) fürchten etwas als sünde fürchten; schon mhd. vorbereitet: des dritten tages man si uz lîe, Joseph zuo zin gie, chod er forhte suntône, want si waren in ellentuome
W. genesis 128
Dollmayr; dô vorht ich mir sunden, ob ich si (
eine ins wasser gefallene) lieze retrinchen
kaiserchronik 11941
Schröder; do man auch sich sünden förcht Eberlin v. Günzburg 1, 19
ndr.; vgl. sich der sünde fürchten
reformidare culpam, crimen extimescere Stieler 2239; sich bei allem thun der sünde fürchten
nimis scrupulosum esse Frisch (1741) 2, 375
a; allein der recensent ... würde sich nun der sünde fürchten, dieses urtheil über ihn (
Lavater) zu fällen Göthe 37, 262
W.; in md. und obd. mundarten noch heute lebendig: Frankf. 37; ich tät mir ... sünden fürchten
u. ä. Schmeller-Fr.
bair. 2, 306; Fischer
schwäb. 5, 1958;
von da aus wieder literarisch: er hätte sich der sünden gefürchtet, es zu unterlassen P. Dörfler
um das kommende geschlecht (1933) 294. — ein wildez herze er alsô zamt, daz ez sich aller sünden schamt Walther v.
d. Vogelweide 6, 27; (
der abt) sich mer dann der junge münch seiner eigen sünde schamet Arigo
dec. 38
lit. ver.; aufs bad ist schwitzen gut, auf sünd scham frommen thut Petri 2, j 8
b. — un in sin sünd rüwoti Richenthal
Constanz. conzil 132
lit. ver.; die sünde reut mich itzt, so klein sie iemals schien Joh. Chr. Günther
bei Steinbach 2, 776; sünde
als akkusativbojekt: euuar selBoro sundea hreuuan
Heliand 880; allen dien, dîe ir sünda riuwont und si gerno ... har nâ vermîdent
bei Wackernagel
altdtsch. lesebuch (1839) 299; ich berewe die sünde mein Fr. Dedekind
papista conversus (1596) a 8
b; nein, so bereun sie alte sünden? Lichtwer
äsop. fabeln 1, 95; sünde
und reue
gehören seit alters eng zusammen: ez enist dehein sünde mê, man enwerde ir mit der riuwe ledig unde niuwe Hartmann v. Aue
Gregorius 162
Paul; wie kummts, dass nimmer reu sich finden wil auf sünden? Logau 254
Eitner; um die sünde flechten schlangenwirbel scham und reu, das Eumenidenpaar Schiller 1, 211
G. —
neben äuszerungen des schmerzes: thie hiar thia sunta riazent Otfrid V 23, 7; daz ich mîne sunden muoze geweinen
Arnstein. Marienlied 144
Waag; o mensch, beweine deine sünd Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 302; darumb wöllen wir ... in seine sünde gott lassen klagen
buch d. liebe (1587) 91
a; ich bitte aber alle fromme christen, ... dasz sie ihre sünde beseufzen ... wolten Ringwaldt
lauter warheit (1598) a 6
b. I@D@22)
neben ausdrücken des erkennens und bekennens: der nach christlicher ordennunge und verwarunge der sacrament mit erkenntenis siner sunde abescheide nimpt
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalt. 1, 70; besser sein sünd erkennen, denn sich seiner guten werk rühmen Petri 1, a 4
a.
ahd. mhd. jehen, bijehen
mit dem gen.: bigehente iro suntono
Tatian 13, 12; der selben sünde muoz ich jehen Wolfram v. Eschenbach
Parzival 475, 8; ich begich meiner sünden
erste dtsche bibel 3, 182;
daraus sünde beichten, schon mhd. als feste kirchliche formel: ein sünde ich ouch bîhten wil
Reinhart fuchs 394
Grimm; dô vorchten si sich unde bîchten ire sünde mit grôzen stimmen
dtsche mystiker d. 14.
jh. 1, 138
Pfeiffer; sol man die sünde des herzen ... beichten (1519) Luther 2, 59
W.; ein andern pfaffen, dem er wolt beichten dieselbig grosze sünd Fischart
Eulensp. 194
Hauffen; jährlich wenigstens einmal ... alle seine sünden zu beichten Ranke 1, 158.
seit Luther
und unter dem einflusz seiner bibel wird für den auszerkirchlichen gebrauch sünde bekennen bezeichnend: und sie sollen ihre sünde bekennen, die sie getan haben
4. Mose 5, 7; es thut fleisch und blut faul, sein sünd erkennen und bekennen Petri 1, c 4
a; Alphons ... habe ... mit groszer wehmut seine sünden bekannt A. G. Kästner
verm. schr. 2, 156.
vereinzelt mit anderen verben: und seiner gotlichen majestat alle seine gebrechen und sunde ... erzelen und anzeigen Luther 2, 59
W.; wer seine sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben
kinder- u. hausm. (1850) 1, 16;
im älteren beichtgebrauch: sage din sunde (
vor 1468) Joh. Wolff
beichtbüchlein 3
Battenberg. im gegensinne ist nur sünde verschweigen fest geworden: sünde macht sich immer recht oder wil sich ja verschweigen Logau 3, 30
Eitner; so hat noch einmal eure sünde, die ich länger nicht verschweigen kann, ein ende Lessing 3, 132
M. vgl. verschweigung einer sünde Kramer 2 (1702) 709
c. I@D@33)
neben ausdrücken des korrigierenden handelns, vornehmlich sünde büszen (
durch eine sühnleistung),
seltener für sünde büszen: that sie mid fastunniu sundia bôttin
Heliand 877; daz ich vor mînem ende gebuozze mîne sunde
hochzeit 665
Waag; (
Maria) hilf mir durch dînes kindes êre deich mîn sünde gebüeze Walther v.
d. Vogelweide 36, 22; volg Adam dem betriebten man, wie er sein sünd fing biessen an Murner
narrenbeschwör. 4, 66
ndr.; nun, sprach er (
der wolf), habe ich für die sünde zum voraus gebüszt, ergriff das schaf und würgte es Lessing 8, 57
M.; o ich weisz, dasz man sünde mit sünde nicht büszt Hebbel
w. 2, 59
Werner. sünde
und busze
in fester zuordnung: swer sünden buoze in alter spart, der hât die sêl niht wol bewart Freidank 33, 22
W. Gr.; busze gehört auf die sünd, wie die laus auf den grind Binder 31.
die kurzformel für (meine)
sünde(n), analog I C 4,
aber hier im sinne von '
zur busze für die sünde',
schon mhd.: die gâben mirz für sünde mîn, daz ich dich tæte lîbelôs Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 217, 24; durch got für sünde er daz tuot (
freiwillig arm bleiben)
Parzival 251, 14;
in jüngerem gebrauch abgeschwächt, aber als redensart fest geblieben: du, schicksal, trenntest uns, und ach! für meine sünden muszt ich mich — welch ein musz! — mit einem vieh verbinden Göthe 9, 67
W.; auch mundartl.: den (die) möchte ich net für alle meine sünden Fischer
schwäb. 5, 1958;
schweiz. id. 7, 1161; nicht für meine sünden
nicht, wenn ich damit meine sünden abbüszen könnte: nicht für meine sünde möchte ich deshalb alle die dicken bücher durchlesen Bürger 334
Bohtz. I@D@44)
aus der kirchlichen buszpraxis stammt die unterscheidung der sünden
nach ihrer schwere; meist in attributiver fügung. I@D@4@aa)
tödliche, haupthaftige;
tägliche, läszliche, vergebliche
sünden. peccata mortalia: mit mortlîchen sunden
mhd. wb. 2, 2, 734
b; die sich htent vor tötlichen sünden
st. Georgener pred. 12, 13
Rieder; der frühe Luther: alle seine todliche sunde (1519) 2, 60
W.; in anderer wendung: ein sunda wirt ze tôde Notker 2, 47
P.; das ist die sünde zu dem ewgen tod Schiller 12, 564
G. peccata capitalia, meist synonym mit peccata mortalia: die houbethaften sunda
Wiener symb. apost. 7; der miselsühtige man der bezeichent einen iegeslichen sündær, der sine sele mit houbthaftigen sünden bewollen hat
bei Schönbach
altdtsche pred. 3, 37.
seit dem 16.
jh. setzen sich die substant. formen tod-, hauptsünde
durch. anderseits peccata venialia: ja e danne er sinen got erzurnde mit einer tegelichen sunden, mit muotwillen und furdachtes, er wolte e lieber sterben Tauler
pred. 107
Vetter; so das ganze mittelalter hindurch; auch Luther
kennt noch tägliche sünde 1, 220
W.; lexikalisch noch bis 1700: tägliche sünden
peccati ... quotidiani Kramer 2 (1702) 1039
a;
vom 16.
jh. an wird tägliche
durch läszliche
oder vergebliche sünde
allmählich verdrängt, vgl. peccatum veniale leszlich oder tagleich sund
voc. ex quo 15.
jh. obd. bei Diefenbach
nov. gl. 283
b; nicht allein in läszlichen sünden, sondern auch in schweren, hohen sachen Luther
br. 6, 528
W. weitere belege s. teil 6
sp. 272;
im neueren kirchlichen sprachgebrauch ist läszlich
das gewöhnliche: wenn man nicht weisz, ob eine sünde eine schwere oder eine läszliche ist, so soll man sie beichten
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 585. vergeblich sünde Er. Alberus
dict. (1540) 2
a; kleine und vergebliche sünde Stieler (1691) 2239.
weitere belege s. teil 12, 1
sp. 392. I@D@4@bb)
die übrigen gradbestimmungen der sünde,
obschon meist allgemein gebräuchlich, sind wohl ursprünglich aus dieser kirchlichen unterscheidungspraxis abzuleiten; sie begegnen meist in fester attributiver verbindung, aber auch —
zumal in jüngerer sprache —
in gelockerter prädikativer stellung. schwere sünde (
d. h. materia gravis, doch mag ebenso die alte vorstellung von der sünde
als last [
s. VI 1 a]
eingewirkt haben),
ahd., as. häufig: sunta filu swaro Otfrid III 21, 9; suâra sundea
Hel. 1852; 1873
u. ö.; mhd. spärlich bezeugt und hinter grosze sünde (
s. u.)
zurücktretend: allen menschen, die ietzt lebent in groszen schweren sünden
chron. d. dtsch. städte 5, 184 (15.
jh.);
vgl. auch: das du in manige swere totsünde vallest Tauler
pred. 106
Vetter; im nhd. wieder sehr verbreitet: solche schwere vilfaltige sünd Casp. Scheit
fröl. heimf. a 3
a; weil wir es nicht ohne schwere sünde sagen können Nitzsch
dtsche studien (1879) 13;
als terminus im neueren kirchlichen gebrauch: es gibt schwere sünden, die man auch todsünden nennt
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 400;
ein bildhafter gehalt wird beim gebrauch der formel nur selten fühlbar: unsere centnerschweren sünden hieszen gott die ruten binden J. Grob
dichter. versuchgabe 125.
grosze sünde, vereinzelt im as.: sundie te mikil
Heliand 1505;
im mhd. das übliche, in jüngerem gebrauch hinter schwere sünde
zurücktretend: er wird mit swacher buoze grôzer sünde erlôst Walther v.
d. Vogelweide 124, 40; und du hast gefürt uber uns ein grosse sünde
erste dtsche bibel 3, 125; ach mir thuond grosse sünd Boltz
Terenz deutsch (1539) 40
a; grosze städte, grosze sünden Pistorius
thesaurus (1715) 387;
synonym mit schwere sünde: wiewol alle sünde in ihrer natur verdammlich sind ... so ist doch von wegen der ungleichen umbstände immer eine sünde gröszer und schwerer
volksb. v. dr. Faust 6
Braune; eine grosze, schwere sünd Kramer 2 (1702) 1039
a.
grobe sünde seltener, aber wenigstens für das ältere nhd. in festem gebrauch: die grobe und vielfältige sünde des königs Sauls
volksb. v. dr. Faust 6
Braune; aber es werden dadurch sonderlich die gröbern und schwerern sünden verstanden Stosch 2, 248.
nur mhd. hohe sünde: die der hôhin sünde pflâgin Rudolf v. Ems
weltchron. 14963
Ehrismann. unter den gegenbegriffen wiegt vor kleine sünde: also sont wir uns hüten vor grossen und vor klainen sünden
st. Georgener pred. 16
Rieder; weisz ich doch, dasz es besser ist, eine kleine sünde zu begehen Klinger 3, 103; vor der tat macht der teufel die sünd klein und gering Petri 1, f 4
b; je schöner das dirnl, desto kleiner die sünd L. Steub
wander. im bair. gebirge 161. I@D@4@cc)
der kirchlichen buszpraxis entstammen wohl noch andere unterscheidungen in der beurteilung der sünde,
die aber ebenfalls zum teil in den allgemeinen sprachgebrauch übergegangen sind. unwissentliche —
wissentliche sünde: so ist unwissende sünde halbe vergeben Arigo
dec. 37
lit. ver.; darumb betriegen die sich selber, die mit wissentlichen sünden und sträflichem gewissen hinzugehn Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. 97; ob er freund oder feind von wissentlichen sünden, so wirst du ihn gewisz auf keinem irrweg finden Triller
poet. betracht. 4, 282; da ich immer wegen wissentlicher und unwissentlicher sünden auf meinem lebenswege bange und angst habe vor dem schweren gericht P. Dörfler
um das kommende geschlecht (1933) 78.
heimliche —
offenbare sünde u. ähnl.: ich han sin (
des nächsten) heimliche sunde wider die bruderliche lieb geoffenbart (
vor 1468) J. Wolff
beichtbüchlein 17
Battenberg; in ähnl. sinne bei Luther
auch subtile sünde: die subtilen und heimlichen sünden 10, 3, 128
W. (
s. subtil B 3); auf der andern seite beginnt aber im abendland zu derselben zeit im buszwesen insofern eine änderung, als bei geheimen sünden das öffentliche bekenntnis mehr und mehr in wegfall kommt Wetzer - Welte 2, 1570; er bemerkte nicht, ... wie viele geheime sünden die unnatürliche strenge der englischen sonntagsfeier hervorruft Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. 3, 395;
in nachträglicher miszdeutung des begriffes stumme sünde (
s. u. II B 1 c
und teil 10, 4, 396): geheimsünden,
alias stumme sünden Stieler (1691) 2240; offenbare sünde, offenbare busze. heimliche sünde soll man heimlich büszen Graf-Dietherr 549.
betont: das wir (
pfaffen) uns der offnen sünd verschämind und ouch als sie eeliche wiber nemind
N. Manuel
v. papst u. s. priestersch. 329; sie erröten nie, ihre öffentlichen sünden an andern ohne mitleid zu strafen H. P. Sturz (1779) 1, 84.
vorsätzliche —
unvorsätzliche sünde: fürsetzliche ... sünd Kramer 2 (1702) 1039
a; so sind die sünden theils vorsätzlich, theils unvorsätzlich Krünitz 178, 422; verbüszest du etwa vorsätzliche sünden? maler Müller 2, 198.
fremde sünde als beteiligung an der sünde
anderer, ein alter, bis heute gültiger kirchlicher terminus. die gleiche formel in anderem sinne unter V 3: de nun fremde sunde: heiszen, raden, willen, smeichelunge und zulaufen, deilhaftikeit, swigen, nit widerstan und nit offenbaren (
vor 1468) Joh. Wolff
beichtbüchlein 28
Battenberg; die fremden sünde sind in allen geboten, denn mit heiszen, raten und hülf wider alle gebot gesündigt kan werden Luther 1, 254
W.; fremde sünden werden sie genannt, weil man sich dadurch der sünden anderer mitschuldig macht
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 423.
wirkliche sünde, d. h. die im kirchlich-dogmatischen gebrauch von der angeborenen, nicht buszbedürftigen erbsünde unterschiedene sünde,
die der einzelne begangen und für die er persönlich verantwortlich ist, vgl. auch peccatum actuale selbtetige sunde, eigene sunde
u. ä. in hd. und nd. gloss. seit dem frühen 15.
jh. Diefenbach 418
b; Alois Bernt
beitr. z. mundartl. vocabularien 453; und damit dise vergebung deste besser verstanden werde ..., ist zu wissen, dasz erbe- und wirkliche sünden seind Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. 167; David steigt auf in erkenntnus seines sündenelends von den würklichen zu den erbesünden J. D. Frisch
harph Davids (1719) 395. I@EE.
eigenes sprachliches leben gewinnt auch der vorgang der aufhebung und beseitigung der sünde. I@E@11)
sünde(n) vergeben, eine schon ahd., as. bekannte, mhd. gefestigte und nhd. herrschend gewordene verbindung: ouh sint sunda die got nefergibet Notker 2, 222
P.; sundea te fargeBanne
Heliand 2328; so were das also ein klein ding unserme herren, ... alle die sünde in eime ougenblicke zuo vergebende Tauler
pred. 125
Vetter; wol dem, den gott all seine sünd ... aus jammer thut vergeben Ringwaldt
handbüchl. a 5
b; du bist ein frommer gott, der sünde vergiebet Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 300; und er warf sich ... auf die kniee und betete: vergieb mir die sünde, barmherziger schöpfer Holtei
erz. schr. 3, 124;
substantivisch: von einer herzlichen rüwen und einem milten vergeben der sünde
der ewigen wiszheit betbüchl. (1518) c 1
a; eine secte ..., die ein monopolium der weihe hat, einen freibrief der vergebung der sünde Herder 23, 127
S.; in beziehung auf das katholische buszsakrament: peicht er sich dann, so seien seine süne so grosse und grausam, daz im si kein priester vergeben wirt Arigo
dec. 21
lit. ver. eine gewisse festigkeit bewahren hier noch sünde erlassen, nachlassen, letzteres besonders in der kirchlichen beichtsprache. ahd. und as. herrschen bilâzzan, fürlâzzan
u. ähnl. sogar vor: sô wemo ir sunta bilâzêt Otfrid V 11, 11; dir sint dine sunda belazzan Notker 2, 144
P.; sundea alâtan
Heliand 884
und öfter; relaxare die sunde ablassen (15.
jh.) Diefenbach 490
c; welchen ir die sünde erlasset, den sind sie erlassen
Joh. 20, 23; bat, dasz sein gott der bösen schaar wolt ihre sünd erlassen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 334; das sakrament der busze ist jenes sakrament, in welchem der priester an gottes statt die sünden nachläszt
kath. katech. f. d. erzbist. Köln (1915) 545;
substantivisch: ablaz sundeono
Weiszenburger katechismus bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachd. 30, 54;
vgl. noch Notker 2, 93
P.; so besonders in kirchlichem sinne: nun der peichtiger ... im ablasz über seine sünde sprechen wolt Arigo
dec. 25; dem heiligen Peter zu gefallen, und um nachlasz seiner sünden zu erhalten
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 282.
beschränktere geltung haben sünde bedecken: quorum tecta sunt peccata (
ps. 31, 1) dero sunda bedecket sint Notker 2, 103
P.; si seind selige, der ungangheit sint vergeben und der sünd da seind bedackt
erste dt. bibel 2, 22;
noch bildhaft gefühlt: aller engel und menschen frombkeit ist viel zu schmal, eines menschen sünd zu bedecken, wenn die decke gleich über alle himmel reichte Petri 1, a 2
a;
doch hat die gleiche formel gelegentlich auch anderen sinn: grosze sünde kan nicht lang bedeckt bleiben Hoffmann
pol. Jesus Sirach (1740) 126. —