Eintrag · Etymologisches Wb. des Ahd. (EWA)
natûra
bei O, in NBo, NCat, NMC, Nps, Npw und
BaGB: ‚Geburt, Natur, Wesen, Element, Ding,
natürliche, körperliche und geistige Beschaf-
fenheit, Schöpfung, Welt, Geschlechtsteil; na-
tura, naturalis‘, alliu geistlîchiu natûra ‚alles
Wesenhafte, Beseelte; omnis spiritus‘, eigtl.
‚alles, was Odem hat‘, in deru natûra folgên
‚sich seiner Natur entsprechend verhalten; na-
turaliter agere‘, fona natûra gitân ‚die Natur
betreffend, natürlich; physicus‘, ânu daz man
sagêt daz ferro ûzar dero natûra ist ‚außer dass,
wie man sagt, weithin naturbedingt ist; sed
nimis e natura dictum est‘, der in buochon gotes
selbes natûra inti dia ueritatem trinitatis scribit
‚der in seinen Schriften das Wesen Gottes und
die Wahrheit der Trinität beschreibt; theolo-
gus‘, noch mit lat. Endung diu rihtî dero na-
turae ‚der geregelte Lauf der Natur; ordo na-
turae‘, diu eigena einfaltî naturae ‚die der
Natur eigene Einfachheit; proprietas simplicis
naturae‘, mit lat. Präp. und Endung in der de
naturis lêrit ‚Lehrer dessen, was die Natur be-
trifft; (substantiviert) physicus‘ <〈Var.: -tur->〉.
Das Wort ist aus lat. nātūra f. ‚Natur, (na-
türliche) Beschaffenheit, Eigenschaft, Gestalt,
Denkungsart, Charakter, Wesen, Ding, natürli-
che Gesetzmäßigkeit, Geburt‘ entlehnt (s. u.).
Der Fremdwortcharakter kommt bei Notker in
gelegentlich verwendeten lat. Kasusendungen
zum Ausdruck (z. B. abl.sg. natura und s.o.). –
Mhd. natûre st.f., selten sw.f. ‚Natur, ange-
borene Art, Beschaffenheit, Geschlechtstrieb‘,
die Nebenform natiure ist von afrz. nature
‚dss.‘ beeinflusst, nhd. Natur f. ‚Gesamtheit der
Pflanzen, Tiere, Gewässer und Gesteine als Teil
der Erdoberfläche, alles, was an organischen
und anorganischen Erscheinungen ohne Zutun
des Menschen existiert oder sich entwickelt,
unberührte Landschaft, Wesen, Eigenart, Be-
schaffenheit, natürlicher Zustand‘, in den Re-
dewendungen das ist ihm zur zweiten Natur
geworden ‚er hat sich daran gewöhnt‘, es geht
einem gegen die Natur ‚es widerstrebt einem‘,
von der Natur stiefmütterlich bedacht sein ‚we-
nig Gesundheit, Schönheit oder Verstand besit-
zen‘, nhd. mdartl. natur verhüllend für schweiz.
‚Geschlechtstrieb, Zeugungskraft, Geschlechts-
teile‘, els., vorarlb. ‚Samenerguss‘, schwäb.
‚Geschlechtsteile, Samenerguss‘, bair., tirol.,
lothr. ‚Geschlechtsteile‘, rhein., südhess., hess.-
nassau., siebenbürg.-sächs. ‚männlicher Samen‘,
pfälz. ‚Menstruation, männlicher Samen‘, märk.
‚menschlicher Körper‘, in de natur is zu kurz
‚jmd. ist zu klein‘, schles. ‚männlicher Samen,
Geschlechtstrieb‘, osächs. in von der natur re-
den ‚sexuelle Angelegenheiten erörtern‘.
Wie die Betonung auf der 2. Silbe zeigt, ist das
Wort auch im Nhd. noch nicht völlig in das dt.
Lautsystem integriert.