Individuum mehrf lat flekt; Kleinschr LA II 9A,27,3 Morph Plp; knapp 380 Belege, davon gut 160 in 2c. Die apersonalen Bedeutungsbereiche (1, 2a und b) spielen dagegen bei G eine untergeordnete Rolle. In seinem Gebrauchsspektrum des Wortes spiegelt sich die Veränderung der Individualitätssemantik um 1800 wider: Die beginnende funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft führte zu einem Individualisierungsschub, auf dessen Basis die zunehmend nicht mehr durch soziale Inklusion zu gewinnende Bedeutung von ‘Individuum’ u ‘Individualität’ neu bestimmt werden mußte.1) Dieser gesellschaftl Individualisierungsprozeß ist in G-s Wortgebrauch jedoch weder als linear noch als organologisch oder dialektisch gedeutete Entwicklung greifbar. Vielmehr deutet der Gebrauchsschwerpunkt beim späten G auf eine retrospektive Reflexion sowohl der epochalen Entfaltung der Individualitätsideologie als auch der eigenen Stellung in diesem Prozeß. Charakteristisch ist die schwankende Bewertung: Die Affirmation des Individuums als (mikrokosmisches) Korrelat des Absoluten steht (als Erbe des Sturm u Drang) neben scharfer Kritik an seiner Beschränktheit u Isolierung, was auch für den künstlerischen Bereich (Genie- u Autonomieästhetik) gilt. Exklusivität u Partikularität des Individuums bedingen für G einander u führen zu Verständigungsproblemen zw den Individuen2). Als Zielvorstellung G-s wird vereinzelt ein Ausgleich zw den Anforderungen des einzelnen u der Allgemeinheit durch die Konstitution des Bildungsgedankens sichtbar (vgl 4). 1 das Lebewesen, der Organismus als unteilbare, selbständige Existenz; auch mBez auf Pflanzen Jede zweischalige Muschel, die sich in ihren Wänden von der übrigen Welt absondert, sehen wir billig als ein I. an GWBN8,256,1 Lepaden [betr Verstäubung einer toten Fliege] diese eintretende Herrschaft der Elemente, die auf Zerstörung des I-s hinausgeht GWBB40,124,8 Nees 13.11.25 GWBN6,305,25 PhysiolPfl GWBN7,278f MorphStudien inItal uö 2 Einzelwesen, Einzelding a in der Natur, unter Einschluß des Anorganischen: auch iSv Exemplar, öfter in spezifizierender Reihung ‘Klasse, Geschlecht/Gattung, Art, I.’ oä; wiederholt ‘als I. erscheinen’, einmal ‘scheinbares I.’ Die Classen, Gattungen, Arten und Individuen verhalten sich wie die Fälle zum Gesetz; sie sind darin enthalten, aber sie enthalten und geben es nicht GWBN8,73,15 Vortr VglAnatomie 2 [betr Aufstellung eines osteol Typus] Wir erhalten dadurch den großen Vortheil .. daß uns das ganze Thierreich unter einem einzigen großen Bilde erscheint, und daß wir nicht etwa glauben was in einer Art, ja was in einem I. verborgen ist, müsse demselben fehlen GWBN8,37,20 VglAnatomie 7 Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als I. erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen selbstständigen Wesen GWBN6,10,18 MorphH Absicht [betr Farbbenennungen] ein Beyspiel, welche schlimme Wirkung bey Bezeichnung [] der Naturkörper diese Behandlung hervorbringt, indem man erst allzu viele Specificationen festsetzt, diese specificirten Bestimmungen wieder untereinander vermischt, um die nächste Beschreibung eines I-s hervorzubringen GWBN52,146,2 Fl Plp GWBN9,99,9 Horn GWBN6,306,7 PhysiolPfl GWBN12,244 Morph Plp [2 Belege] uö im Vergl Jeder Sinn .. ist gewissermaßen ein I. GWBN11,270,5 Purkinje,Sehen subj [Purkinje] b mBez auf Gegenständliches Ein schönes Kunstwerk .. ist .. eine Art I., das wir mit Neigung umfassen, das wir uns zueignen können GWB47,174,8 Samml 6 GWB47,173,26 ebd in scherzhafter Übertragung auf den menschl Bereich [betr Weinsendung Willemers] Zu großem Nutz und Frommen ist in das stille Hauswesen abermals eine Gesellschaft von zwölf Aposteln gekommen, welche den besten Segen versprechen. Von der vorigen Sendung war noch ein I. übrig geblieben GWBB27,227,9 Willemer 8.11.16 c der Mensch als Einzelwesen, häufig krit akzentuiert unter Betonung der Begrenzung u Isolierung; auch positiv wertend iSv Einzelpersönlichkeit, bes mBez auf die Entwicklung der Wissenschaften; mehrf kontrastierend neben ‘Nation, Volk, Allgemeines’ uä; auch von literar Figuren; vereinzelt pleonastisch ‘einzelnes I.’ es war furchtbar in der Nähe des Mannes [Lavater] zu leben, dem jede Gränze deutlich erschien, in welche die Natur uns Individuen einzuschränken beliebt hat GWB29,143,28 DuW 19 Niemals haben sich die Individuen vielleicht mehr vereinzelt und von einander abgesondert als gegenwärtig GWBN3,122,22 FlH II Der Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von oben bis unten die Verantwortlichkeit dem I. zumuthet und so den höchsten Grad von Thätigkeit hervorbringt GWB422,152,19 MuR(321) Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter GWB422,151,17 MuR(313) Sowohl in Absicht auf Überlieferung als eigene Erfahrung muß nach Natur der Individuen, Nationen und Zeiten ein sonderbares Entgegenstreben, Schwanken und Vermischen entstehen GWBN3,137,11 FlH III GWBB5,147,22 Lavater 22.6.81 GWBB43,77,21 Boisserée 25.9.27 GWBN9,194,9u17 Üb:KWNose GWB40,70,20 DramatPreisaufg [G/Schiller] GWB27,147,21 DuW 7 uö(häufig) der einzelne Mensch als Vertreter einer Gruppe, Spezies oä Charakteristiker. Mit diesen sind Sie schon bekannt genug, da Sie von dem Streit mit einem merkwürdigen Individuo dieser Art hinreichend unterrichtet sind GWB47,198,12 Samml 8 Zwei entgegengesetzte Denkweisen, wie sie Harnisch und Toga geziemen, sehen wir in vielen Individuen musterhaft-mannichfaltig gegenübergestellt GWB411,200,10 Üb:Manzoni,Carmagnola 1820 GWB45,215,13u19 RamNeffeAnm GWB412,125,20 Üb:Salvandy,DonAlonzo uö in Aufnahme philos Terminologie: als empir Erscheinungsform des Subjekts Wer selbst geneigt ist, die Welt aus dem Subject zu erbauen, wird die Betrachtung nicht ablehnen, daß das Subject, in der Erscheinung, immer nur I. ist GWBB26,155,2 Schopenhauer 16.11.15 im Vergl, für homogene, anthropomorph vorgestellte Einheiten grade das was am allgemeinsten als wahr anerkannt wird ist gewöhnlich nur ein Vorurtheil der Masse, die unter gewissen Zeitbedingungen steht, und die man daher eben so gut als ein I. ansehen kann GWBB13,138,4 Schiller 5.5.98 die auf der Erde verbreiteten Nationen sind so wie ihre mannichfaltigen Verzweigungen als Individuen anzusehen GWB411,217,14 Üb:Urworte GWB422,167,11 MuR(444) 3 durch bestimmte, charakteristische Eigenschaften geprägte (unverwechselbare, einzigartige) Person, Persönlichkeit; häufig mit Attr wie ‘albern, ausgezeichnet, bedeutend, merkwürdig, problematisch, seltsam, schön, tüchtig’ Lenz .. Seltsamstes und indefinibelstes I. GWB36,229,17 BiogrEinzh [zum Tode von PhORunge] Es ist ein I., wie sie selten geboren werden GWBB21,415,14 Perthes 16.11.10 Diderot ist Diderot, ein einzig I. GWBB48,143,17 Zelter 9.3.31 [betr Beitrag zur Errichtung eines Byron-Denkmals] bitte für mich die Summe von zwanzig Pfund zu unterzeichnen, weil ich keinen Beweis versäumen möchte, wie hoch ich den Geist eines Mannes schätze, der nur allzufrüh das merkwürdigste I., das geboren werden konnte, auf und weggezehrt hat GWBB41,4,21 Benecke 3.4.26 GWB28,264,4 DuW 14 GWBB13,183,26 AWSchlegel 18.6.98 K GWBB44,138,1 Carlyle 15.6.28 GWBB22,83,21 Reinhard 8.5.11 GWBB20,106,27 Knebel 2.7.08 uö durch persönl Eigenart geprägter Künstler, Autor; künstlerische Persönlichkeit; häufig mit Attr wie ‘ausgebildet, eminent, fähig, gefühlvoll, merkwürdig, rein, schätzenswert, talentvoll, tüchtig, verdienstvoll, vorzüglich, wunderlich’ Auch bey diesem Gedichte [Miltons ‘Paradise Lost’], wie bey allen modernen Kunstwerken, ist es eigentlich das I., das sich dadurch manifestirt, welches das Interesse hervorbringt GWBB14,139,4 Schiller 31.7.99 [betr Kunstkritik] Wir möchten .. das talentvolle I. schonen und fördern GWBB28,109,23 Rochlitz 1.6.17 Überhaupt aber ist dieß die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke, daß sie uns in den Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die sie hervorbrachten GWB32,321,23 ItR es ist .. dem vortrefflichen Künstler ein würdiges Substrat gewissermaßen im Wege, weil es .. ihm die Freyheit verkümmert, in der er sich als Bildner und als I. zu ergehen Lust hat GWBB23,243,24 Zelter 15.1.13 GWB27,320,16 DuW 10 GWB341,114,26 KuARheinMain GWBB20,214,18 Cotta 14.11.08 K GWBB21,361,13 Reinhard 22.7.10 uö pl: (vorbildliche, musterhafte) hist Persönlichkeiten; häufig mit Attr wie ‘außerordentlich, bedeutend, trefflich, vorzüglich’ Sie [Fürstin Gallitzin] war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat GWB33,230,19 Camp [G als Student in Leipzig] Und so rückte nach und nach der Zeitpunct heran, wo mir alle Autorität verschwinden und ich selbst an den größten und besten Individuen .. verzweifeln sollte GWB27,129,25 DuW 7 [üb Mozart] wie wollte die Gottheit überall Wunder zu tun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen und nicht begreifen woher sie kommen Gespr(FfA II 12,437,32) Eckerm 14.2.31 GWBB49,315,6 Leroux [20.?8. 31] K uö ‘unmögliches I.’ für eine Phantasiegestalt als künstlerisches Erzeugnis [üb karikierende Zeichnungen] Man muß im höchsten Grade bewundern, ein solch Gespenst .. in der Einbildungskraft des Zeichners .. sich immer wieder erzeugen und sein unmögliches I., als wenn es ein wirkliches wäre, durch eine geistreiche Feder .. fixirt zu sehen GWBB49,223,13 Soret 28.1.32 4 die Einzelperson als Verkörperung, Ausdruck von Individualität, Wesen mit unverwechselbarer Anlage; das Personsein, das Selbst, die Eigenart, Einzigartigkeit; mehrf im Hinblick auf Bildung u Lebensweg sowie vereinzelt auf Probleme (auto-)biographischer Darstellung; auch in Wdgn wie ‘sein I. zu Tage fördern, verwirken’, ‘einem [] I. zusagen, wohl anstehen’; einmal neben ‘Entelechie’ u ‘Monade’ die Unveränderlichkeit des I-s .. Das noch so entschieden Einzelne kann als ein Endliches gar wohl zerstört, aber, so lange sein Kern zusammenhält, nicht zersplittert noch zerstückelt werden, sogar durch Generationen hindurch GWB411,216,18 Üb:Urworte Da .. unser I., es sei so entschieden als es wolle, doch von der Zeit abhängt, wohin es gesetzt .. ist, so haben diese Zufälligkeiten Einfluß auf das nothwendig gegebene GWBN9,291,15 Verhältn zWiss Hierzu [zur biogr Darstellung] wird .. ein kaum Erreichbares gefordert, daß nämlich das I. sich und sein Jahrhundert kenne, sich, in wiefern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit sich fortreißt, bestimmt und bildet GWB26,7,20 DuW Vorw Manche Menschen haben Scherze, die ihrem Individuo besonders wohl anstehen GWB51,234,9 ThS III 8 Es sind wenige Biographien, welche einen reinen, ruhigen, stäten Fortschritt des I-s darstellen können GWB28,50,14 DuW 11 GWB422,106,13 Wort f jgDichter GWB251,84,12 Wj III 3 GWBB17,198,10 Eichstädt 15.9.04 Gespr(FfA II 12,389,1) Eckerm 3.3.30 uö im Selbstbezug für das eigene Ich Leben Sie wohl und lieben mein liebendes I. trotz allen seinen Ketzereyen GWBB13,138,5 Schiller 5.5.98 es bleibt ein großer Unterschied, ob ich mich an den Gränzen der Menschheit resignire oder innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornirten I-s GWBN11,131,19 MuR(577) GWBB10,190,23 Schiller 4.9.94 uö unter Einschluß der Körperlichkeit, auch in Selbstaussage; einmal ‘sein I. wieder fühlen’: sich selbst wieder fühlen Nach einer schrecklichen Krise der Natur, in welcher sich das I. zu verlieren schien .. befinde ich mich wieder ganz leidlich GWBB15,168,2 Gore 17.1.01 K Übrigens begreifst du, daß ich ein testamentarisches und codicillarisches Leben führe, damit der Körper des Besitzthums, der mich umgibt, nicht allzuschnell in die niederträchtigsten Elemente, nach Art des I-s selbst, sich eiligst auflöse GWBB49,147,21 Zelter 23.11.31 GWBB48,25,7 Zelter 1.12.30 Gespr(He1,790) ChStein [26.1.01] für den unaussprechlichen Wesenskern des Menschen Hab ich dir das Wort I. est ineffabile3) woraus ich eine Welt ableite, schon geschrieben? GWBB4,300,25 Lavater [etwa 20.9.80] als Ergebnis eines lebensgeschichtl (Bildungs-)Prozesses4) Die Geschichte der Wissenschaft ist die Wissenschaft selbst, die Geschichte des Individuums das I. GWBN9,184,6 Üb:KWNose → GWBBalladenindividuum GWBKünstlerindividuum Syn zu 1 GWBEinheit zu 2 GWBeinzeln(das E-e) zu 2c u 3 GWBMensch GWBPerson zu 3 u 4 GWBPersönlichkeit zu 4 GWBh1nIch GWBIndividualität 1) vgl NLuhmann, Individuum, Individualität, Individualismus. In: Ders, Gesellschaftsstruktur u Semantik, Bd 3, 1989,149—258 2) vgl GHb3 4.1,528f 3) zur ungeklärten Herkunft dieses Ausspruchs vgl HistWbPhilos 4,309u312 sowie FfA II 2,912f 4) ‘Individuum’ wird hier als Ergebnis der Wechselwirkung von ‘Individualität’ u ‘Welt’ bestimmt; vgl FJannidis, Das Individuum u sein Jahrhundert, 1996,39 Bernd HamacherB.H.