gram,
m. substantivbildung zu gram,
adj., wie grimm,
m. zu grimm,
adj., vgl. s. v. 2grimm,
m., sp. 346;
nach W. Schulze
in:
zs. f. vgl. sprachf. 62, 198
sind die maskulinen adjektivabstrakta grimm
und gram
analog zu iâmar,
m. gebildet. mnl. schon um 1350
in der var. des vader gram
bei Jac. v. Maerlant
wapene Martijn 1, 943
in: stroph. ged. 142
Franck-Verdam (
zu: [
Christus] versoende den vader gram).
die tatsache, dasz das substantiv gram
noch bis zur mitte des 18.
jhs. obd. fast unbekannt ist, wie noch heute in den meisten obd. maa., und fast ausschlieszlich auf md. und nd. boden begegnet, legt den verdacht nahe, dasz sein überhaupt frühester sicherer deutscher nachweis bei dem Alemannen Hans von Bühel (1412) (
s. u. 1 a)
mit dem langjährigen aufenthalt dieses autors am hof des erzbischofs von Köln zusammenhängt. auf unsichere spuren für das vorhandensein des wortes auf deutschem boden im 14.
und 15.
jh. führen freilich noch die varianten einer s. v. gräme
zitierten stelle aus Heinrich von Hesler: durch iren morthezzigen grame (
Königsberger hs. 14.
jh.); durch iren morthezzigen gram (
Münchener hs. 15.
jh.);
dazu noch durch ir morthezziges gramen (
Stuttgarter hs. anf. 15.
jh.)
apokalypse 17165
Helm, ausweichungen, welche die unsicherheit dem worte gegenüber erkennen lassen. auch auszerhalb des obd. behauptet sich das subst. neben dem weit gebräuchlicheren adj. zunächst nur mit mühe, so dasz neben dem älteren gräme,
f. (
s. d.)
und einem nur mhd. gremde '
zorn' (Nicolausvon Jeroschin
chronik 12 094; 21 828; 22 024
Strehlke)
auch etwas jüngere konkurrenzbildungen wie gramheit, grämnis, grämung, gramsal
und namentlich gramschaft (
s. überall dort)
sich z. t. bis ins 18.
jh. hinein erhalten, das substantivierte grämen (
s.grämen D)
sogar modern noch gram
vertreten kann. in die wbb. findet gram,
m. erst bei Stieler
eingang, durch ihn bei Steinbach
und Frisch,
nicht aber bei M. Kramer.
das mundartl. wenig verbreitete wort erscheint kärnt. in der form grân Lexer 121.
der im bedeutungsbereich der wortgruppe gram-
auch sonst begegnende wandel von '
zorn, feindschaft'
zu '
trauer, schmerz'
tritt bei gram,
m. besonders deutlich hervor (
s. u. 1, 2);
er braucht aber nicht unbedingt durch den entsprechenden, sich rascher durchsetzenden vorgang bei grämen,
vb. veranlaszt zu sein, da er bereits im ahd. bedeutungsbereich der wurzel auftritt, vgl. ahd. gramizi, gramizzîg
tristis, iratus, gelegentlich eindeutig im sinne von '
traurig, betrübt',
z. b. tristes erant apostoli cremizze uuarun potun (
über Jesu tod)
Murbacher hymnen 19, 5
Sievers; wohl auch: (
navita)
tristis cremizziger (
von Charon gesagt) (
Aeneis 6, 315) (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 656, 62
St.-S. in der übergangszeit des 17. und 18. jhs. miszverstehen einige theoretiker das nebeneinander der bedeutungen '
zorn'
und '
trauer'
dahin, dasz sie dafür zwei etymologisch getrennte wörter verantwortlich machen oder eine lautliche verschiedenheit konstruieren, vgl. z. b. Schottel
haubtspr. (1663) 278; Wachter
gloss. (1737) 608; Frisch (1741) 1, 366
a.
die dehnung der ursprünglichen, mundartlich z. t. noch erhaltenen vokalkürze wird von den theoretikern des 17.
jhs. ausdrücklich gefordert, im gegensatz zum adj. (
nachweise s. unter gram,
adj.).
sie dürfte im ganzen wohl schon für das 16.
jh. gelten, in dem die beim adj. häufige schreibung gramm
für das subst. ebenso singulär begegnet wie im 17.
jh.: vol grammes (1586)
bei Fischer
schwäb. 6, 2061; gramm Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 32
a,
vgl. noch liebes gramm Chr. Reuter
Schelmuffsky (fassg. v. 1696) 29
ndr. häufiger dagegen ist die schreibung grahm,
z. b. Simon Dach
ged. 3, 136
Ziesemer; Gueintz
dt. rechtschrb. (1666) 76; Treuer
Dädalus (1675) 1, 80; Knittel
poet. sinnenfrüchte, absonderl. buch (1677) 16. 11) '
zorn, feindselige gesinnung, feindschaft'
; so im frühen gebrauch nahezu ausschlieszlich. 1@aa)
selten im sinne von '
zorn, wut'
als einer vorübergehenden gefühlswallung, entsprechend gram,
adj. (
s. d. A 1)
und der wurzelbedeutung der wortgruppe noch verhältnismäszig nahe: hiemit der burger die atzel by dem kopffe nam vnd tett das in zornes gram. er zoch das houpt ir von dem libe Hans v. Bühel
Diocletian 2706; darumme scholde deme konynge van Vrankrike wesen en grod gram, wurde he (
Karl d. kühne) en konynk Schiller-Lübben 2, 139
a.
noch mundartlich: er hat einen fürchterlichen gramm Fischer
schwäb. 3, 786; '
ärger, groll, zorn' Liesenberg
Stieger ma. 147; Hertel
Thür. 108;
vgl. auch rhein. der gramms krige
rhein. wb. 2, 1346. 1@bb)
meist für eine andauernde gefühlsbeziehung, soviel wie '
hasz, feindselige gesinnung': do schickett David nach ihr und vorbracht mit ihr den ehebruch, warff ein gram uff ihren mahn (1522) Egranus
ungedr. pred. 156
Buchwald; du (
gott) bist mir verwandelt in einen grawsamen, vnd zeigest deinen gram an mir mit der stercke deiner hand (
var.: hass,
bis 1541)
Hiob 30, 21; wenn freunde einander feind werden, so bleibet der gram, bis in den tod
Sirach 37, 2; allein sollet yhr einen gram auff yhn geworffen haben, das er die laster hart gestrafft hat Luther
br. 10, 255
W.; vor zorn vnd gram jr (
der feinde) dencken ringt, das fleh vnd klag allein ich dir (1544)
bei Wackernagel
dt. kirchenlied 3, 185; unnd sich zu im (
dem könig v. Polen) verstolen arm edelleut, unnd die dem orden (
Deutschritterorden) ein gram schuldig waren S. Grunau
pr. chron. 1, 728
Perlbach. vereinzelt bei einem obd., aber in Wittenberg gedruckten autor: vol has, neid, feindtschaft, grammes (1586)
bei Fischer
schwäb. 6, 2061.
so noch im 17.
und bis ins frühe 18.
jh.: so scheint ihm (
einem griech. historiker) noch der gram zu stecken in der stirne. zeugt nicht von seinem hasz und irthum zur genüge, dasz er den Galliern schreibt zu der Teutschen züge? Lohenstein
Arminius (1689) 1, e.
zu gegensätzlichem begriff gestellt: ein könig bin ich so, mein haus ein königreich, da weder hold noch gram mich roth macht oder bleich Logau
sinnged. 99
lit. ver.; die gunst in gram, die lieb in hasz verkehrt J. Chr. Günther
ged. (1735) 1010.
in substantivischer fassung der ursprünglich adjektivischen formel gram wider gram,
s.gram,
adj. B 4 b: vor dem aber musz man sich hüten, der schmeychelwort gibt in der güte, vnd tregt doch gram, im hertzen gram; demselben gram ghört wider gram Burkard Waldis
Esopus 1, 65
Kurz. in der frühesten lexikalischen verzeichnung des wortes schon neben der jüngeren bedeutung 2: gram
odium, rancor, it. mœror, angor, œgritudo, dolor animi Stieler
stammb. (1691) 703. 1@cc)
objektiver für ein feindseliges verhältnis, das zuständliche einer feindschaft, wenn auch die grenze gegen b
flieszend bleibt. gern in formelhafter reihung mit verwandten begriffen: med krige, grame edder afermunde wedder dy collatores des altars (1461)
cod. dipl. Brandenburgensis I 9, 195
Riedel; obwol der von Sternberg gerne sihet krige itzunder wider Girsigen, das ist umb sonderlicher fehde und gramis willen, mehr dan in diser gemeinen sache; wan zwischen ime und Girsik grosze feindschaft ist entstanden (1467) Eschenloer
gesch. d. st. Breslau 2 (1828) 9; um allen twist, gram unde nadehl, wo vorhen geschehen, bytholegenn (
Hamburg 1526) Rüdiger
handwerksgesellendocumente 33; darauff geben wir vorgedachten fürsten und herren ... eine gnedig sühne, stellen und thun ab allen gram, unwillen und fheide Letzner
dasselische chron. (1596) 1, 49
a.
vereinzelt jünger: sie deducirt den gram des wolffes mit dem schaafe J. Chr. Günther
ged. (1735) 979. 22) '
trauer, kummer, schmerz'
als schleichender, andauernder gemütszustand hochgradiger betrübtheit, seit dem 17.
jh. die vorherrschende bedeutung des wortes. zum tausch der bedeutungen '
zorn'
und '
trauer'
s. oben sp. 1761
f. 2@aa)
vereinzelt, wenn auch in der abgrenzung gegen 1
nicht ganz eindeutig, schon gegen ende des 15.
jhs.: de dat bylck besturen scholden, villichte etlick dynck wolden hebben nicht also dat quam dorch olden had vor egen gram (
was damals durch alten hasz angezettelt wurde u. hinterher ihnen zum leide ausschlug) (
Braunschweig ende d. 15. jhs.)
städtechron. 16, 110.
deutlicher, aber auch noch singulär, im 16.
jh.: vnd dir mit einer alten sach nicht newen gram im hertzen mach Ringwaldt
d. lauter warheit (1586) 117.
dann für kummer verschiedenster art, für die trauer über verlust und schicksalsfügung, besonders auf innere menschliche werte und auf das persönliche leben bezogen: der lindert deinen gram, und die gerechten klagen, der sie mit stummer ehrfurcht schaut Heräus
ged. u. inschr. (1721) 132; ich kenne den ganzen umfang deines grams (
über den verlust eines kindes) (1785) Caroline
br. 1, 27
Waitz; ist es nicht diese liebe zu ihm, die euch all den gram macht? Schiller 2, 21
G.; nicht blos mein düstrer mantel, gute mutter, ... noch die gebeugte haltung des gesichts, sammt aller sitte, art, gestalt des grames ist das, was wahr mich (
Hamlet) kund giebt
Shakespeare 3 (1798) 153; dasz so's in Deutschlands kerne jetzt geht, das macht ihm gram Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 90; gram aller art und farbe, das gefühl der reue nicht ausgenommen, war er (
Mozart) als eine herbe würze jeder lust auf seinen teil gewöhnt Mörike
w. 3, 220
Maync; um seinen gram und seine gewissensbisse zu betäuben, trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich Spielhagen
s. w. (1877) 1, 54.
speziell für den schmerz unerwiderter oder enttäuschter liebe, den liebeskummer: dieser erfindung (
einer wohlmeinenden lüge) gebrauchte er sich, um diesen (
verschmähten) liebhaber aus dem verzweifelten gram zu bringen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1711) 1, 114; in wälder floh mit seinem grame ein ritter, den verschmäht die dame Uhland
ged. (1898) 1, 374.
gern auf brust und herz als sitz des grams
bezogen: der gram im busen fühlet
allg. dt. bibl. (1765) 5, 10; kannst du ein krankes gemüth von seinem grame nicht befrein? Schiller 13, 145
G.; das böse der herzen und der gram der herzen hat bis zu den wurzeln gereicht E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 353.
der für den gram
typische seelische ablauf und gefühlsgrad grenzt das wort gegen verwandte begriffe wie zorn, grimm, ärger
ab, die sich von ihm nicht nur durch anderen gehalt, sondern vor allem durch eine andere affektstufe unterscheiden: meine beruhigung wäre alsdann diese, dasz bey einem gewaltsamen zorne kein wehmütiger gram raum haben könne Lessing 2, 304
L.-M.; zorn — dieser heiszhungrige wolf friszt sich zu schnell satt — sorge? — dieser wurm nagt mir zu langsam — gram? diese natter schleicht mir zu träge Schiller 2, 58
G.; den grimm verjagt ihr der gram (
um die erschlagenen brüder) R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 10; kann das sein, dasz ich (
Goethe) über den (
sekretär John) einen ärger hab, der schon mehr einem gram ähnlich sieht? Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 394. 2@bb)
gern mit anspielung darauf, dasz der gram
als ein schleichender, zehrender zustand das leben kürzt und die lebenskraft schwächt: vnd (
es) dient dein (
des menschen) gram sonst nirgend zu, als dasz du dich aus deiner ruh zu angst und schmerzen stürtzest vnd selbst das leben kürtzest Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 3, 368
a; ich bitte, doch vergebens! und kürze, durch den gram, die hälfte meines lebens Gottsched
ged. (1751) 1, 367; wenn ausschweifungen, oder heimlicher gram meine nerven abspannte Schubart
leben (1791) 2, 10; gram und alter näherten den alten marchese dem grabe Schiller 4, 237
G. hier in mehr oder weniger festen wendungen: dem hoffnungslosen, dem der gram die seele bricht Göthe I 4, 96
W.; der gram, das lange kerkerelend nagt an meinem leben Schiller 12, 407
G.; hör auf mit deinem gram zu spielen, der, wie ein geier, dir am leben friszt Göthe I 14, 79
W.; trinken sie man nich, wenn ihnen der jram das herz abfriszt Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 247; er hofft, und hofft umsonst; wird durch den gram verzehret Schwabe
belust. (1741) 1, 198; wenige jahre zehrte der gram an ihrer gesundheit; dann sank sie schmerzlich lächelnd in ihr stilles grab Fouqué
zauberring (1812) 1, 173; ihn ... verzehrte der gram, dasz die befreiung seiner heimat ohne ihn vorgegangen war Ric. Huch
kampf um Rom (1925) 170. 2@cc)
jünger oft mit ausdrücklichem hinweis darauf, dasz der gram
als ein innerlich zehrender zustand dem gesicht des menschen sichtbare spuren aufdrückt oder sonst das aussehen verändert: ein stiller gram war auf ihrem gesichte verbreitet S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 5; (
der winterkönig hatte) immer musikalische bedienten um sich, die ihm die wolke des grams durch schmelzende accorde von der stirne scheuchten Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 128; der innere gram verräth sich aus den hohlen, tiefliegenden augen Schiller 1, 161
G.; der knabe, den du siehst, war bey dem schiffbruch, und entstellt' ihn gram, der schönheit wurm, nicht, nenntest du mit recht ihn wohlgebildet
Shakespeare 3 (1798) 35; als sie erschreckt das reine antlitz zu dem ihres pflegevaters emporhob, blickte ihr daraus ein gram entgegen, wie sie ihn nie in einem menschenangesichte noch gesehen hatte Storm
s. w. (1900) 5, 96; sie ist grau geworden vor gram E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 2, 42; die königin ward ... vernommen, ... man fand ein bild des grames vor; ihre haare waren ... weisz geworden Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 381; ein bleicher junger mann mit der tiefen falte des grams zwischen den augenbrauen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 205; in ihren kleinen, tiefliegenden augen glänzt nicht der friede der selbstüberwindung, sondern ein unbekannter gram Werfel
Bernadette (1948) 401; ihr gesicht ... es war versteint wie von gram E. Wiechert
d. Jerominkinder (1945) 36; einen armen verlasznen greis, gebeugt von gram und jahren Herder 5, 256
S.; die arme, von mangel und gram gebeugte frau zitterte bei der strahlenden erscheinung Langbein
s. schr. (1835) 31, 21. 2@dd)
stehende beiwörter kennzeichnen das wort in obigem sinne; so das nach innen gewandte, verborgen schleichende, stumme des gemütszustandes: sehr schön gebildete theile (
an ägyptischen statuen), in denen ... z. b. der tiefe, stille gram ... wohl ausgedruckt sei Herder 16, 72
S.; ein einziger mensch, für seine zeit geboren, deckt ihr (
der nation) das gefährliche geheimnusz ihrer kräfte auf, und bringt ihren stummen gram zu einer blutigen erklärung Schiller 7, 22
G.; sie verglich oft in der stille ihr ärmliches leben mit ihrem vorigen zustande, und dann meldete sich ein geheimer gram Jung-Stilling
s. schr. (1835) 6, 78; stumm seh ich die edle gestalt, von heimlichem grame gequält
moderne dichtercharaktere 42
Arent-C.-H.; und einen gewissen schleichenden gram, der tief in meiner seele sizt Schubart
br. in: Strausz
ges. schr. 8, 99; Schiller
br. 1, 167
Jonas. farbe, stärke, ablauf und dauer des gefühls bezeichnend: verzagnisz, herber gram, und übermachter schmerz
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 199; in bitterem gram Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 728; was er darüber empfand, war ein tiefer gram
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 118; wann lieb und phantasie den langen gram betäubt Haller
ged. 179
Hirzel; wo mein ewiger gram jeglichen stundenschlag, welcher näher mich bringt dem trauten grabe, mit dank begrüszt Hölderlin
ges. dicht. 1, 43
Litzmann. auf das zehrende, lebenbedrohende der empfindung anspielend: ewig nagender gram, ungewiszheit meiner aussichten kämpfte gegen meine wiedergenesung (1784) Schiller
br. 1, 211
Jonas; der tödliche gram, der die sinne umnebelt Musäus
volksmärchen 1, 16
Hempel. nur vereinzelt in oxymorischer verbindung: wenn in deinen silbertönen sich mein süszer gram verliert
Goethe-jahrb. 11, 19
Geiger. 33)
als '
schmerz, trauer'
im sinne einer vorübergehenden, durch den augenblick bestimmten gefühlswallung heftigen traurigseins; 2
gegenüber nur periodisch und beschränkt gültig, aber im 18.
jh. und noch bis ins mittlere 19.
jh. deutlich nachweisbar, vereinzelt auch modern (
s. u. 5 a; b
α): uberlegten sie mit gram, weil die zeit nicht wieder kam. bruder! sagte darauf einer: was verlohren ist, sey hin! J. Chr. Günther
ged. (
21739) 194; Ebert, mich scheucht ein trüber gedanke vom blinkenden weine tief in die melancholey! ... weggehn musz ich und weinen! vielleicht, dass die lindernde thräne meinen gram mir verweint Klopstock
oden 1, 39
M.-P.; so war doch mein unwille und mein gram (
nach einem unangenehmen vorfall) auf den höchsten grad gestiegen. ich kam in der leidenschaftlichsten gemüthsbewegung nach hause Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 3, 99; meine verwunderung über den gram, womit er die trümmer seiner klause betrachtete Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 11; da versetzte gekränkt der könig, ihm sey unwohl, ... ihn übernahm der gram (
über eine soeben erlittene beleidigung), er muszte das bett suchen Dahlmann
gesch. v. Dännemark (1840) 1, 322; und wie den namen er vernahm, vom rosse stieg er ohne gram Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 33;
vgl. 1, 190; uns aber dünkte die sache nicht spaszhaft, und wir saszen mit wirklichem grame (
nach dem ersten austausch von zärtlichkeiten) an dem wasser, das um keinen grad reiner war, als Annas seele G. Keller
ges. w. (1889) 1, 396.
hier dann auch auf affektgeladene wörter bezogen, mit denen sich gram
sonst nicht verbindet: sprich, welcher gram bestürmt dein herz? Bürger
s. w. 146
b Bohtz; heftig war des vaters gram, als er von der heerde kam, und die wechselbälge sah (
die ihm geboren waren) Lichtwer
Äsop. fabeln (1748) 63; Sal. Gessner
schr. (1777) 1, 67. 44)
objektiviert und vergegenständlicht für das, was trauer schafft, also nicht für den gemütszustand selbst, sondern für das, was ihn auslöst: und gieb mir doch nur so viel zeit von nothdurfft, gram und dürfftigkeit, damit ich mich recht bessern könne J. Chr. Günther
ged. (
21739) 88; oft schon hatt er hinunter geschaut an dem marmor des strandes, immer neuen gram, scheiter und leichen gesehn Klopstock
oden 2, 83
M.-P.; der furchtbaren Persefone nachtbezirk voll wustes und grams J. H. Voss
antisymb. (1824) 1, 233; die welt mit ihrem gram und glücke will ich, ein pilger, frohbereit betreten nur wie eine brücke zu dir, herr, übern strom der zeit Eichendorff
s. w. (1864) 1, 572; die geschichte ist die überlieferung dessen, weswegen zu leben am ende wert gewesen ist — vor einem berge von gram, was die menschengeschichte überdies ist, würden wir erstarren Ponten
rhein. zwischenspiel (1937) 63.
mit ausdrücklicher inhaltsbestimmung: ich sehe mit vergnügtem herzen dich so beglückt, so sorgenfrey des lebens gram von dannen scherzen Ramler
fabellese (1783) 3, 268; der ferien allzu kurze pause befreit ihn von der schule gram R. Kögel
ged. 439.
vgl. noch: es starb vor liebes gramm ein Lieszgen in dem bette Chr. Reuter
Schelmuffsky (
fassg. v. 1696) 29
ndr. 55)
in besonderen anwendungsformen. 5@aa)
häufig in synonymer bindung, seltener auch in antithetischer beziehung. aus der fülle möglicher bindungen werden solche mit leid, sorge, kummer, schmerz
und trauer
fest, die der vorherrschenden bedeutung 2
gemäsz sind; in der wortfolge steht gram
meist an erster stelle: da wird all jhr gram und leid lauter freud und lachen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 385
a; anhub die fiedel zum drittenmal aufweinend in gram und leide Agnes Miegel
balladen u. lieder (1922) 2; andere schwächen solches durch eitele sorge und gram Schupp
schr. (1663) 419; allen meinen gram und sorgen, werf ich, herr, in deinen schooss Neukirch
ged. (1744) 57; 'jetzt denkt er meiner', sagte sie vor sich hin, 'denn mir will das herz zerspringen vor sorge und gram um ihn' G. Freytag
ges. w. (1886) 13, 154; da niemand sich mit grahm und kummer müssen schlagen Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 80; er würde sich aus kummer und gram nicht zu retten wissen, verlieh ihm die muse nicht auch zu diesem falle die unschätzbare gabe, jenes bedrängende gefühl ... harmonisch gewaltig auszustürmen Göthe I 40, 276
W.; du hochbetrübtes heer, bey denen gram und schmertze sich häuft je mehr und mehr Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 324; soll auch sie sich heute freuen, ... und vergessen gram und schmerz Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. (1890) 6, 293; noch unentweiht von gram und traurigkeit Gleim
briefw. 1, 52
Körte; wie eingehüllt in trauer und in gram Grillparzer
s. w. 7, 52
Sauer. durch anlaut- oder endreim bestimmte bindungen zielen nicht auf synonymen zusammenschlusz und entbehren z. t. begrifflicher schärfe; zumal in der häufigen verbindung scham und gram,
in der gram
meist wohl nur scham
verstärkt und daher gewöhnlich an zweiter stelle der verbindung steht: er (
der brief) macht mich vor gram und scham vergehen Gentz
schr. 1, 136
Schlesier; ohne furcht und scheu, ohne schaam und gram Körte
sprichw. (1837) 323; der herzog von Alençon ... war vor scham und gram einige wochen nach der schlacht vor Pavia gestorben H. Laube
ges. schr. (1875) 3, 95; he hett ni schaam noch graam '
kein ehrgefühl' Mensing
schlesw.-holst. 2, 464; gram und groll J. Chr. Günther
ged. (1735) 786; um groll und gram zu verwinden C.
F. Meyer
d. heilige (1910) 42.
zu den zahlreichen nur gelegentlichen verbindungen gehört auch die mit harm,
obwohl sie bedeutungsmäszig besonders nahe liegt und im verbalgebrauch ganz geläufig ist (
s.grämen C 2 a): .. voll gram und innerm harm schaut er um sich herum Zachariae
poet. schr. (1763) 1, 96 gram und wut
entspricht der bedeutung 3: der nach durchwachter nacht, von gram und wuth gekränkt, sein tiefes augenlied vor mattigkeit gesenckt Pietsch
geb. schr. (1740) 5; (
er) knirschte vor wut und gram G. Frenssen
Dummhans (1930) 324.
auch in gegensätzlicher beziehung gelegentlich von 3,
meist von 2
her: unser leben bringts so mit: abends gram und morgens lachen J. Chr. Günther
s. w. 2, 237
Krämer; er weisz zu trauern mit dem gram und sich des glücks zu freuen mit enthaltsamkeit Schiller 6, 200
G.; dasz eine neue seligkeit dem herzen aufgeht, wenn es aushält und die mitternacht des grams durchduldet Hölderlin
s. w. 2, 288
Hell.; erweck den raschen leichten geist der lust, den gram verweise hin zu leichenzügen
Shakespeare 1 (1797) 178; indesz getheilt in gram und lust das herz, ... ist Walther leise dem gemach entwankt A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 227. 5@bb)
in präpositionaler beziehung. 5@b@aα)
mit voraufgehender präposition. mit, bei gram
in modalem sinne: wies aber mag ums geldgen (
ums geld einer alten frau, die man heiratet) sein bewandt, das wirst du nach der hand, mit grossem gram erfahren Morhof
unterr. v. d. dt. sprache (1682) 1, 762; wer hier bey gram und herzeleid mit Hiob in der asche sitzet Stoppe
Parnasz (1735) 202.
namentlich in, im gram,
verbal gebunden und mit betonung des zuständlichen: allda er ... im gram und kummer ergrauet Butschky
Pathmos (1677) 527; im sichern vaterhause, wo die mutter mir in gram zurückblieb und die zarte süsze braut Schiller 13, 240
G.; voll unerfüllter träume, verwaist, in gram versenkt Platen
w. 1, 22
Hempel; in seinen gram versunken Mörike
ges. schr. (1905) 3, 25.
auch hier vereinzelt im sinne von 3
auf einen augenblickszustand bezogen: du willst doch nicht, dasz ich in gram gehe (
von dir abschied nehme) Gmelin
Konradin reitet (1933) 23. vor gram, aus gram,
in kausalem sinne: deine brust war schwer zu zwingen, aber da sie fessel trug, wollte sie vor gram zerspringen Gottsched
ged. (1751) 1, 240; der gute herzog Friedrich scheint ... vor gram sein gedächtnisz verloren zu haben J. v. Müller
s. w. (1810) 11, 285; so dasz ich nicht nur nicht ausgehen, sondern auch nicht schreiben konnte, aus lauter gram (1789) W. A. Mozart
br. 2, 305
Schiederm.; er wehrt sich wie einer, der aus gram nicht genesen will Werfel
Bernadette (1948) 71.
in fester wendung aus, vor gram sterben: Konrad starb 1101 zu Florenz, ... aus gram, da er sah, dass er von den päbstlichgesinnten ... wenig mehr geachtet ward
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 2, 315; man sagt aber, er sei gestorben aus gram Feuchtwanger
Simone (1950) 285; ah, Lilla starb vor gram, und hat mirs nie vergeben, dasz ich so allein ihn reiten lassen Lessing 3, 121
L.-M.; der knabe verging fast in seiner sehnsucht und starb schier vor gram Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 374.
seltener: er starb am gram Niebuhr
röm. gesch. (1811) 2, 31; dort (
in Amerika) ist er in gram gestorben H. Laube
ges. schr. (1875) 16, 96; es ist besser, als dasz sie vor gram vergehe H. v. Kleist
w. 2, 245
E. Schmidt. 5@b@bβ)
nachfolgende präposition bezieht sich auf anlasz und gegenstand des grams. gram um, gram über
mit folgendem sachlichem oder persönlichem objekt: dasz) wir nicht dem gram um ihn (
den verstorbenen freund) aus freundschaft gränzen setzen Giseke
poet. w. (1767) 46; vor gram um dich gab ich den geist auf ... ich liege erblaszt im grabe Herder 3, 28
S.; also, mitten im gram um verlorene jahre des siechbetts, überraschet und weckt leuchtende hoffnung mich oft Mörike
ges. schr. (1905) 1, 94; daselbst ergab ich mich aus mangel und gram über mein unglück der räuberei Bürger
s. w. 261
b Bohtz; sie ... war fast mager geworden — (vielleicht aus gram über ihn?) Holtei
erz. schr. (1861) 3, 8; in seinem gram über die missethat entsagte er selbst seiner herrschaft G. Freytag
ges. w. 11 (1887) 25. 5@b@gγ)
nur älter kann an die stelle des präpositionalen vereinzelt ein genitivisches objekt treten: mein abschied ist gesetz und pflicht,
ob dessen grahm ist, oder nicht Simon Dach
ged. 3, 136
Zies.; vgl. 718
Österley. 5@cc)
in bildhaft personifizierendem gebrauch: der sorgen lagerstatt, wo zwischen gold und zierden, der bleiche gram regiert Gottsched
neueste ged. (1750) 111; der unmuth weckt dich früh, gram schlieszt dein auge zu Löwen
schr. (1765) 1, 17; gram kämmte mit eisernem kamm mein haar, mein blondes haar Agnes Miegel
ges. ged. (1927) 18.
anders, in der bezeichnung einer person, die gram
verursacht: Ferdinand, du bist in deinem egoismus mein täglicher herzzerreiszender gram und wirst mein tod sein W. Raabe
s. w. II 2, 262
Klemm. 66)
das subst. gram
hat, im gegensatz zum adj., kompositionsbildende kraft, aber, von ganz vereinzelten ausnahmen abgesehen, nur in seinen jüngeren bedeutungen '
kummer, trauer, schmerz' (
s. ob. 2; 3).
vor 1750
sind nur wenige bildungen belegt, dann setzt eine starke bewegung ein, die aber entschieden erst in der poetisierenden sprache des 19.
jhs., mit zahlreichen gelegenheitsbildungen, ihren höhepunkt erreicht, um dann wieder rückläufig zu werden. den stärksten anteil stellen adjektivisch gebrauchte partizipia präteriti, nach ihnen die substantivkomposita, reine adjektiva treten sehr zurück. was die form der komponierung betrifft, so herrscht die fugenlose bildungsweise fast ausschlieszlich, nur für substantiva (gramesfalte, -nacht
u. a.)
und adjektiva (gramesmatt, -tief
u. a.)
ist neben der fugenlosen form in gewissem umfang auch die möglichkeit der -es-
fuge gegeben. kompositionstypen. aa)
die mehrzahl der bildungen umfaszt bezeichnungen für innere und äuszere zustände, in denen der gram die rolle einer wirkenden und bestimmenden macht spielt. a@aα)
vor allem von der vorstellung aus, dasz der gram den menschen innerlich angreift, belastet, bedrängt, einschränkt und verändert, vornehmlich von gram 2
her. hier durchweg in der form des part. prät.: grambedrängt Hepp
Renate (1850) 177,