stürzen,
vb. , '
umstülpen, hinunterstoszen; fallen, eilen'.
herkunft und verbreitung. ahd. sturzen,
mhd. sturzen, stürzen,
mnd. storten,
mnl. storten;
dem deutschen auch in der bedeutung gleich: afries. stirta '
umstoszen'
; aus dem dt. entlehnt norw. dän. styrte,
schwed. störta.
in gleicher ablautstufe und bildung wie im deutschen: mittelengl. stirten '
auffahren, aufspringen'
; ags. stvrtende '
exsiliens'
rituale von Durham 57, 12
zu einem infinitiv sturtan,
st. vb., oder sturtian,
oder schreibfehler für styrtende?
ablautend sterzen '
steif hervorstehen; steif emporrichten'
und dessen altgerm. entsprechungen; dazu auch altengl. steartlian '
straucheln'
; neuengl. start '
fortstürzen, anfangen'.
im nd. vereinzeltes starkes part. prät. gesturzin (
s. u. I A 1 a)
und gestorten (
s. u. I B).
vielleicht zu sterzen,
s. Lexer
mhd. hwb. 3, 1184; Müller-Zarncke 2, 2, 645.
mundartlich als störten
im ganzen nd. von west bis ost verbreitet; auch md., s. Hönig
Köln. 176; Hofmann
niederhess. 235; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 586; Nassl
Tepler ma. 6.
für das obd. am besten im alem. bezeugt, s. Fischer schwäb. 5, 1937; Martin-Lienhart 2, 616; Hunziker
Aarg. 264,
auf einem teilgebiet mit schwund des -r- stützen, stitzen,
s. Fischer
geogr. d. schwäb. ma. (1895) 52;
schweizerdeutsche gramm. 2, 80; 10, 70; 17, 48; 53; Friedli
Bärnd. 3, 159; 2, 290,
so schon alt, s. u. I A 1 c.
für das bair.-österreich. kaum bezeugt, vgl. Schmeller-Fr. 2, 785
ff.; Jacob
Wiener dial. 188; Unger-Khull 588;
s. aber Kretschmer
wortgeogr. 170.
die form der denkmäler ist im ahd. und mhd., teilweise noch bis ins 16.
jh. und später, sturzen;
umgelautete formen sind seit dem 15.
jh. bezeugt; in nd. und md. quellen lautet der stammvocal o
und ö,
so bei Luther
meist storzen, störzen.
bei den schles. schriftstellern sterzen,
auf ostmd. entrundung aus stürzen
beruhend, von dem stammverwandten alten sterzen (
s. o.)
unabhängig: ich seh sonn und mond sich schwärtzen, weil du in das grab willst stertzen, sonne der gerechtigkeit H. v. Aszig
ges. schr. (1719) 24;
öfter bei W. Scherffer: wen nicht der rauhe mertzen hinreiszt, kan im april und gar im meyen sterzen
ged. (1652) 336; denn auf den lippen entstehen und stertzen leben und sterben, die seelen und hertzen H. v. Hoffmannswaldau (
u. a.)
ged. 1 (1697) 275; legt ihr von mithridat ein pflaster auf das hertze, eh ihr ohnmächtger geist gar aus dem leibe stertze Lohenstein
Cleopatra (1689) 117; laszt, bitt ich, schwestern, laszt, laszt die gedancken stertzen! mir geht das ungelück wahrhafftig sehr zu hertzen! Chr. Gryphius
poet. wälder (1718) 2, 404.
bedeutung und gebrauch. die beiden bedeutungen '
stülpen, hinunterstoszen'
und '
fallen',
formal einander als transitiv und intransitiv entgegengesetzt, sind im deutschen bei ihrem ältesten auftreten schon vollkommen ausgebildet und zeigen keine spuren einer etwa voraufliegenden entwicklung auseinander. der in beiden bedeutungen enthaltene grundsinn '
auf den kopf gekehrt werden bzw. sein'
wird der gemeinsame vorhistorische ausgangspunkt sein. die intransit. bedeutung '
fallen'
ist in ältester zeit reicher bezeugt, doch steht die transitive von anfang an daneben; sie nimmt im mhd. und älterem nhd. den breitesten raum ein, erleidet aber in der modernen sprache in ihrem einen hauptteil I A
einbuszen; in neuerer zeit gewinnt die intransitive bedeutung stark an fülle, besonders in der entwicklung von II C. II.
transitiv. I@AA. '
umkehren',
oft vertere entsprechend: storczen
vertere Diefenbach 614
b; stulpen
vel storten
subvertere 562
c: unde so si (
sc. fortuna) danne diu ding sturzen gestat
cum haec verterit vices Notker 1, 57
Piper. I@A@11)
hohle gegenstände, gefäsze, mit der öffnung nach unten kehren; stülpen, umstülpen. meistens stürzen auf, stürzen über. I@A@1@aa)
mit nach unten gekehrter öffnung hinstellen, hinlegen: an den stam leinte er beide schilt unde sper. sînen helm er abe bant und sturzt in ûf des schildes rant Hartmann von Aue
Erec 8965; den helm ir ieslîcher bant von dem houbte sân zuhant und sturzte in bî sich ûf daz gras Heinrich v. Freiberg
Tristan 1863
Bernt; swenne der den helm stürtzet, zehant der stain uz bürtzet, der der selben tugend walt Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 4067
R.; stürzet den becher auf den tisch Kirchhof
wendunmuth (1581); und nachdem man ubergezogen, wirt jedes schiff sampt seiner zugehör und rechenschaft wider auf sein wagen gestürtz Fronsperger
kriegsb. (1573) 1, o 1;
mundartlich von küchengefäszen '
umgekehrt hinstellen',
s. Fischer
schwäb. 5, 1937; Martin-Lienhart
elsäsz. 2, 616: steht der bohnenkönig in der höhe auf einem gestürzten zuber
rechtsalt.4 1, 326;
obersächs. intransitiv, wohl secundär, doch vgl. 2stürzen: die gläser stürzen im schrank
stehen umgekehrt Anton
Oberlaus. wörter 4, 15; lasz stürzen
lasse das abgewaschene geschirr nasz stehen Müller-Fraureuth 2, 586. I@A@1@bb)
meistens im sinne von '
decken': die gärtner (
kommen) der natur ... zu hülfe, wenn sie gläser über die melonen stürtzen Lohenstein
Armin. (1689) 2, 781
a; ich tæte alsam diu nachtegal, diu mit ir sanges dône ... die langen stunden kürzet swenn über sie gestürzet wirt ein gezelt von loube Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 196
K.; und dass nicht vergessen bleib euch die zauberblume duftend, stürzet sie die schalenkuppe (
des eies) über sie gleich einem hute Brentano
ges. schr. (1852) 3, 389; auf die mündung der retorte B ist eine flasche mit wasser, wie bey verfertigung der lufftarten gewöhnlich ist, gestürzt G. Chr. Lichtenberg
br. 2, 86
Leitzmann-Schüddekopf; nim dürr weydenholtz, brenne das in zweyen ubereinander gestürtzten häfen Wirsung
artzneyb. (1588) 595
c; füll die öpfel schön, beide teil, und stürz sie übereinander ... wiltu die selben gestürzten öpfel braten
qu. a. d. 16.
jh. in Alem. 18, 262; ich mahle ein zugethanes buch, auf welchem wider ... ein ... gleichsam darauf gestürtztes buch liget Harsdörfer
gesprächsp. (1641) 1, d 8
a;
vom aufsetzen der kopfbedeckung: wolt ir in vollin wapin stan, so solt ir ouch gesturzin (
var. gesturzit) han di helme unvorzagit ... und einen helm erin sturzt er uf daz houbt sin Nic. v. Jeroschin 2978
Strehlke; musz ... die beckelhaub ... auf meine grawe haar stürtzen Fischart
Gargantua 330
ndr.; es were kein besser instrument damit man möchte under das wasser gehen, denn eine gläserne sphäre, die man uber dem kopf stürtzet J. Th. de Bry
archelei (1614) 105; welchem der keyser auch ein sonderlich wapen, nemlich den thüringischen bundten lawen mit einem gestürtzten helm uber das heupt geben Binhardus
thüring. chron. (1613) 207; fasse den nächsten blumenkorb, und stürze ihn dem kerl als eine ehrenmütze über den kopf Brentano
ges. schr. (1852) 5, 441;
ebenfalls im sinne von '
decken': dem vürsten angestürzet was daz riche gewant Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 12840
R. I@A@1@cc)
mit umgekehrtem object; etwas unter einen hohlkörper stürzen '
es damit bedecken': macht einen grossen korb von stro, darunder sie die keuchel stürtzt B. Waldis
Esopus 2, 128
Kurz; Eva het ... die andern kinder under ein kuoff gestürtzt und in ein strohauffen verhalten S. Franck
sprichw. (1541) 1, 46
b; dann ein jeglicher bach, der ein kleins mit gewechsen bedecktes gestad hat ... nit allein daz fuoszvolck, sonder auch die reisigen mag verdecken, so einer dessen ein wenig vorbedacht ist, die scheinbare waffen auf die erden niderzulegen, und die helm oder hauptharnisch under die waffen zu stürtzen Xylander
Polybius (1578) 164; dan der almechtig gott hett noch ain liecht zu Kaiszham under dem scheffel gestürzt, das wolt der herr auch auf den leychter sezen, dasz es leuchtet Knebel
chron. v. Kaisheim 112
lit. ver.; das gnadenreiche liecht der christlichen warheit ... reichlich und offentlich dargestellet fur aller welt und nicht unter den scheffel gestortzt Luther 23, 322
W.; die Samojeden stürzen den leichnam unter einem kessel, damit die seele nicht erdrückt wird, wenn das grab zusammenfällt Lichtenberg
verm. schr. 4, 541;
im älter. nhd. redensartlich unter den kelch stürzen, ursprünglich etwa in dem sinne '
dem göttlichen schutze anempfehlen',
auf priesterlichem tun beruhend, s. auch teil 5, 505: also solten all menschen ... in der mess jrem hawp Cristo eingeleibt und in sein pluet eingedunckt und also under den kelich gestürtzt werden Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 447
Reithm.; wenn ich priester wurde, sölte ich sinen ingedenk sin, in under den kelch stützen und gott für in bitten Platter 9
Boos (
zur form s. sp. 698);
allgemeiner: doch hoff ich zu got, es bedürft des alles nit, üwer genad sy ganz gesund worden, wann ich hab uwer genad getrüwlich under den kelch gestürz
qu. v. 1467
in privatbr. d. mittelalters 1, 79
Steinhausen; ich (
ein priester) wil euch untern kelch stürtzen, wann wir wölln euch die weil fein kürtzen H. Sachs 9, 4
K.; wiewol sie (
die weltlichen) doch zuletzt haben müssen in ire (
der geistlichen) kappen kriechen und sich lassen unter iren kelch stürzen Luther 38, 106
W.; sie ... schenden disz ewige bruderschaft. sie haben sie unter den kelch gestorczt, ja unter den birbottich 34, 1, 295. —
mundartlich in gleicher bedeutung: d huen will brütle, si muess gstürzt sin
unter einen umgekehrten korb setzen Martin-Lienhart 2, 616; einen zur strafe unter ein but stürzen Schröer
maa. d. ungr. bergl. 76 —
anders, als denominativum von stürze,
im sinne von '
mit einer stürze
bedecken'
; mit einem kopfputz bedeckt (
sp. 687): do ist ain fraw in aim hangenden wagen kommen, gesturzt und gementlt
zimm. chron. 1, 452
Barack; '
mit einem deckel versehen' (
sp. 686): wir haben geschenkt unserm herren dem künig ainen gestürzten übergüllten kopf
städtechron. 5, 384. I@A@22)
umkippen, das obere zu unterst kehren, auch von nicht hohlen gegenständen: auch wäre dem fuhrmann einzuschärfen, dasz mit dem kistchen säuberlich verfahren würde, und man hat deshalb oben einen henkel angebracht, damit es nicht gestürzt werde Göthe IV 42, 245
W.; nicht stürzen!
aufschrift auf transportkisten mit zerbrechlicher ware, s. Kretschmer
wortgeogr. 170; nicht ihrer drei oder vier waren im stande, so ein lastgut von der stell zu rücken, aber der fuhrknecht, einer allein, hat es zu wenden und zu stürzen vermocht Anzengruber 3, 80; gestürzt
technisch von auf den kopf gestellten ornamenten, figuren u. ä., besonders in der heraldik, s. Bucher kunstgew. 139: die freyherrn ... führen in rothem feld einen silbernen gestürtzten sparren Trier
wapenkunst 133;
in der metallgieszerei: '
die form umkehren, um das metall herausflieszen zu lassen',
s. Bucher
kunstgew. 390
b.
verbunden mit dem allgemeineren sinn von '
zu fall bringen' (
s. u.B), wagen stürzen: der karrotsche mit gewalt wart umme gesturzt, Machmet gevalt zu lastere den Sarrazinen
Ludwigs kreuzf. 6924
Naumann; und macht ein schrecken in irem heer, und sties die reder von iren wagen, stürtzet sie mit ungestüm
2. Moses 14, 25; ein französischer pulverwagen lag gestürzt an fernem ort Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 60; 1
nahe: diese (
groszen fische) werden ihm (
dem fischhäher) abgenommen, die kleineren aber musz er von sich geben, wenn er mit den beinen in die höhe gezogen und gestürtzet wird G. Opitz
merkwürd. nachr. (1752) 2, 131; so einer in ein wasser fället und wiederum heraus gezogen wird, so solle man ihn gleich stürtzen, damit das wasser aus ihme laufen möge v. Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 224
a;
auch Kramer 2 (1702) 1029; ich war voll wasser, und muste so geschehen lassen, dasz man mich stürtzte Franc. v.
d. Trenck
leben u. thaten (1748) 60;
bei den schneiderinnen: störten '
das obere ende eines kleidungsstückes so umkehren, dasz es nach unten kommt' Schambach
Götting. 213
a; strümpfe stürzen '
das obere zum unteren teil machen' Fischer
schwäb. 5, 1937;
ähnlich: tücher stürzen
stoffe, die in der mitte fadenscheinig sind, durchschneiden und an den äuszeren seiten aneinander nähen Unger-Khull
steir. 588. I@A@33)
auf der grundbedeutung '
umkehren, wenden'
beruhende anwendungen, oft ohne den sinn '
das obere zu unterst kehren'. I@A@3@aa)
umbiegen, zusammenlegen, aufeinander klappen: und ist sichtlich, das die gerwer das bletzleder, das ainsthails zu matt, schwach und dunn ist, sturzen, zusammen heften und zum augenschein aufstreichen
urkundenb. d. stadt Heilbronn (1507) 3, 154;
s. auch Fischer
schwäb. 5, 1937.
im gleichen sinne bei der blechfabrikation: das
weiterausstrecken von zusammengebogenem eisenblech Karmarsch-Heeren
3 8, 654. I@A@3@bb)
in der schneiderei: ein kleid, einen rock
u. s. w. stürzen
wenden, so dasz die innenseite nach auszen kommt, s. Loritza
id. vienn. 129;
so auch in der umgangssprache. I@A@3@cc)
im sinne von '
umstülpen, umkrempeln': fraw glück stürtzt ihr erwel (
ärmel) hinder sich und spricht: 'nun so schick zu dem kampfe dich' ... fraw armut stürzt ihr ermel auch hinder sich, spricht trutzig ... H. Sachs
ged. (1561) 3, 2, 72
b; der dölp sein ermel hinter stürzt
ders. ged. (1579) 5, 228
c;
so auch: armen ufstürzen,
s. teil 1, 755;
noch heute tirol. die ärmel aufstürzen.
dagegen anders die arme in die seiten stürzen,
s. 2stürzen 1. I@A@3@dd) '
den abgeernteten acker, besonders das stoppelfeld flach umpflügen',
also im sinne von '
das unterste zu oberst kehren',
so dasz die stoppeln unter die erde kommen, dafür auch wenden, stoppeln: und sollen alle artlant (
ackerland) des hofs zo reichten zyden doin braichen, sturzen, mysten, sehen
qu. v. 1487
in rhein. urbare 1, 494
Hilliger; denn das gefröste durch den winter machet die zehen gestürtzten ecker fein mürbe Martin Grosser
kurtze anleit. zu der landtwirtsch. (1590) d 2
b; die reben und bäwm schneid ich im mertz das erdreich ich herumbher stürtz ... Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, Q qq 1
b; drauf wird das mürbe klosz im märzen ganz erwärmt, es lieget weich und blosz, da denn der ackersmann zum stürtzen sich verfüget
Z. G. Scheibel
die witterungen (1752) 143; (
die hasen) setzen sich im herbst in die gesturtzten rauhen äcker Döbel
neueröffn. jägerpract. (1754) 1, 30; ja der boden in Wlastowitz! gestürzt, geeggt, gewalzt, so fein wie der des sorglichst gepflegten beetes in einem blumengarten Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 10. I@A@3@ee) getreide, korn stürzen
auf dem speicher umschaufeln, wenden, 4 a
ganz nahe: wan ... nit zuo arbeiten ist auf dem feldt, so ist doch allzeit zuo arbeiten im hausz oder im hoff die vasz zuo weschen, korn zuo stürtzen, mist uszfren
Petrus de Crescentiis vom ackerbau (1531) 8
a; getreide stürzen
vertere mit der sturzschaufel Stieler 2230; stürtzen die früchten
ventilare frumentum Aler
dict. (1727) 2, 1863
a;
s. auch Fischer
schwäb. 5, 1937. I@A@44)
schütten, gieszen; zu der bedeutung des bloszen '
umkehrens'
gesellt sich zunächst die des '
schüttens'
hinzu, um schlieszlich zu überwiegen: gieszen, stürtzen, schütten
fundere Schöpper
syn. 80
Sch.-K.; stortzen
profundere Diefenbach 463
c; gieten, stortten
fundere theut. 128
Verdam. I@A@4@aa) '
schütten, ausschütten',
meistens durch umstülpen (
wie 1 a),
umkippen eines behälters: darnach nimb vor einen schilling oder 3 pf., das sind etwa 36. schneckenhäuszlein, und stürtze die auf einen warmen heerd
viehbüchlein (1667) 83; stürtze die suppe um in eine andere schüssel v. Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 4
a; er is uysz allen duppen zosamen gestortzet oder gesocht Tappius
adag. cent. septem. (1545) f 8;
im bergbau die mit erz oder abraum gefüllten tonnen oder karren '
ausschütten': man heiszt gestürtzt, nicht geschütt in der gruben J. J. Speidel
notabilia (1634) 119; so scol den de stortere to der grouen, de dar stortet, de kernen dar sulves umme storten
Gosl. bergges. bei Schiller-Lübben 4, 416; nach ausgang der fünf jare soll uns füran der zehend kübel unsers gebürenden zehend artzt, als sichs gebürt, gestürtzt und gegeben werden
qu. a. d. j. 1515
bei Lori
bair. bergrecht 179; undt wan der steingreber in seinem nutzen gesturtzet hat neun kahren, die zehendt soll er dem herren sturtzen
qu. a. d. 16.
jh. in weisth. 2, 574; einer fehrt aus, der ander ein, der bricht, der stürtzt, der machet rein
M. Rinckhart
christl. ritter 45
ndr.; dasz man ... den thon als liegendes und hangendes zum gebrauch der ziegelhütte wegnehme, die kohlen aber über die halde stürze Göthe IV 39, 41
W.; so auch: über die hengebank stürzen Veith
bergwb. 263;
anders, vereinzelt: do sie allererst ein grosse gruben gegraben, und den schut gegen der stadt gestürtzt, dasz also viel hackenschützen sich darhinter enthalten können H. Habermehl
hist. u. grüntl. beschr. (1592) e 4
c.
im handel waren ausschütten oder umschütten: derglichen sollen die brauhern beeidet werden, vleissig ufsehen uf die malz zu haben, das die gestürzt werden (1541)
qu. zur rechtsgesch. der stadt Marburg 1, 357
Kück; der honig der ... in tonnen gestürzet ... ist Overbeck
gloss. melitt. (1765) 67; eine tonne butter stürzen
den inhalt als ganzes herausbefördern Martiny
wb. d. milchwirtsch. 124; da denn dasjenige (
öl), welches nach Genève und Deutschland bestimmet, in gedachtem Genève in fässer gestürtzet, und so weit über die Genfer see nach dem Schweitzerland und Deutschland verführet wird
allg. haush.-lex. (1749) 2, 472
a;
heute kaufmännisch: kaffee stürzen
importierten kaffee nicht in den originalsäcken weiter verkaufen, sondern ihn im deutschen hafen erst umsacken; hierher auch stürzen '
messen',
vgl.stürzer (
sp. 718): Hulsius-Ravellus (1616) 315
b; Rädlein (1711) 859
b.
eine kasse ausschütten, leeren, s. Fischer
schwäb. 5, 1937: du hast deine sparkasse also auch zu gunsten der Holländer gestürzt
qu. a. d. 19.
jh. bei Sanders 3, 1261
b; mein schazmeister stürze meine schatulle unter euch Schiller 3, 472
G.; ich stürzte meine tasche und zahlte still den preis. — denn heilig stets und hehr war richterausspruch mir Bürger
br. 4, 111
Strodtmann; in mancherlei anwendungen: noch musz ich euch meinen schubsack von zeitungen stürzen Schiller 3, 90
G.; im schwäb.: '
den kindern zur weihnachtszeit nüsse und obst auf den boden schütten' Fischer 5, 1937; Mozart theilt mit freundlichem angesichte unschätzbare edelsteine aus und schenkt jedem etwas; Beethoven aber stürzt gleich einen wolkenbruch von juwelen über das volk Stifter 1, 80
Sauer; abstracter, ohne die bedeutung '
umstülpen': ist diesz der alte muht, sprach Lucifer im eifer hierauf, und stürzete aus seinem rachen geifer der drachen eifer gleich Postel
Wittekind (1724) 95.
in der hauswirtschaft eine speise,
besonders einen napfkuchen, eine grütze stürzen '
die form oder schüssel umstülpen, um den inhalt im ganzen stück herauszubringen': man stürzt die masse nach dem erkalten auf eine schüssel
kochbuch d. 19.
jh. bei Sanders 3, 1261
b; das rote johannisbeergelee, gestürzt in schalen H. Voigt-Diederichs
auf Marienhoff (1925) 104;
ähnlich: eier stürzen
sie aufschlagen, umkippen und so in ein gefäsz auslaufen lassen, s. Amaranthes
frauenzimmerlex. 1319: wir lieszen uns 30 eier stürtzen und in einer grossen pfannen zurichten J. G. Harant
der christl. Ulysses (1678) 523; gestürzte eier
ova inversa in sartagine Stieler 2230;
vgl. auch Alem. 18, 262 (
qu. a. d. 15.
jh.). I@A@4@bb) '
vergieszen',
von flüssigen stoffen, ebenfalls auf dem '
umstülpen' (1 a)
des gefäszes beruhend, jedoch mit weniger ausdrücklichem hervortreten dieser bedeutung: haben derhalben solches (
trunkenheit) zu verhüten, den fesseren den boden auszgeschlagen, betrachtende, das es besser wäre, das der starcke wein gestürtzet, dann das jr fürgenommen werck verhindert A. Henricpetri
niederl. ersten krieges empörungen (1575) f 1
a; so schollen die von dem stein ir wasser in den stollen sturczen
qu. a. d. 14.
jh. bei Jelinek
mhd. wb. 695;
tränen vergieszen: warumme stortestu desse unnutten trane?
bei Schiller-Lübben 4, 417; trane storten
lacrimare theut. 380
Verdam; sie stürtzte anfangs eine see voll thränen Lohenstein
Armin. 1 (1689) 1147
a; ach stürtze thränen ausz, stimm an dein klagelied J. Rist
friede wünsch. Deutschland (1648) 31;
etwas hastig, gierig, unmäszig austrinken: die vollen kachlen und stotzen ... dermaszen freygebig und reichlich herab geschütt und gestürtzt werden Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 508; da stürtzt man die pott Fischart
Gargantua 123
ndr.; lustig, ihr brüder, seyd helden im sauffen stürtzet die gläser, last kannen ümlauffen J. Rist
neuer teutscher Parnass (1632) 869; frisch! stürzt die gläser! es lebe der gott Merkur! Schiller 11, 233
G.; in der modernen umgangssprache: ein glas wasser hinunter stürzen;
gelegentlich mit secundären versinnlichungen: sie schenkten voll ein, und tranken aus rein, und stürzten das unterst zu oben, dasz mans auf dem nagel kunnt proben K. Fr. Cramer
Neseggab 1 (1791) 52; bleiben sie, ... sie könnten ... ein glas wasser in sich stürzen; sie haben sich erhitzt Hafner
ges. lustsp. (1812) 2, 36.
in der älteren sprache, bis ins 17.
jh., blut stürzen '
blut vergieszen': hette wy leyder ghestorted dat blot der cristen H. Korner
bei Schiller-Lübben 4, 417; das papst, bischove und fürsten mit so giftigen practiken und bösen tücken widder das evangelion umbgehen, frommer leute blut zu stortzen und Deutschland in einander zu werfen Luther 32, 383
W.; so ich ... meinen grim uber das selbige ausschütten würde, und blut störtzen, also, das ich beide menschen und viehe ausrottet
Hesekiel 14, 19; damit das christlich blut nicht so mordlich funden gestörtzet und vergossen würde
M. C. Schütz
hist. rer. Pruss. h 4
c; beraubte da die leute, nahm erstlich nur das gut, stürtzt aus begier der beute auch aber endlich blut E. Francisci
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 5, 253
b; dat neiman sin hude enversie umb rich entheiz of umb goit, mer dat wir samen unse bloit hude moissen sturzen in sine ere
städtechron. (
Köln) 12, 29; seine mordhände zu bewafnen und desto mehr menschen blut zu stürtzen Butschky
Pathmos (1677) 42;
wohl in unmittelbarem anschlusz hieran im sinne von '
opfern, hingeben' (
s. c): nicht der nur, der sein leben für seine freunde stürzt, ist rühmlich zu erheben P. Fleming
deutsche ged. 1, 202
lit. ver. I@A@4@cc)
abstract von verschiedenen bewegungen, etwa im sinne von '
hintun',
die wegen ihrer heftigkeit als ein gieszen oder schütten gedacht werden: wir bidden, dattu dine genaden storzes in unser sinne
Kölner qu. a. d. 15.
jh. in Frommans zs. 2, 454; (
willst du, dasz gott) zemole in dich sturze alle sine goben, so flisse dich Tauler
pred. 205
Vetter; Maria, dat ich nu storze min gebet voer die oren urer gudertirenheit
Kölner qu. a. d. 15.
jh. in Frommans zs. 2, 454; he storte sin gebet to den almechtigen gode
bei Schiller-Lübben 4, 417; die meinung aber solcher stätlicher fundation ist, das sie fleissig für den künig und das gantze königreich jhr gebet zu gott dem almechtigen stürtzen sollen G. Braun
beschr. u. contrafactur (1576) 2, 2
a.
mit besonders starker anlehnung an 1,
vgl. b: bi wilen ich zwu kurze (
silben) uf eine lange sturze, und min rim werdin gebuit an dem ende uf glichin luit Nic. v. Jeroschin 298
Strehlke. —
ebenso auf der bedeutung des hinschüttens, hinlegens beruhend studentisch vom übermitteln einer beleidigung oder einer forderung, s. Kluge studentenspr. 129; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 586: wenn ein bursch sich betrinkt oder eine sauerei macht, so stürzt ihm gleich einer von unsern officieren einen dummen jungen Immermann 20, 75
Boxb.; nun, war die antwort, der L. hat dir einen gestürzt, du muszt dich doch mit ihm pauken! Holtei
vierzig jahre 2, 172; auf grund der von den beiden corps geübten kritiken stürzte Suevia an beide corps je 13 partien pp, welche beiderseits um die gleiche zahl überstürzt wurden, so das nun nach ausfechtung der früheren suiten noch 52 partien anhingen W. Büdingen
Freiburger seniorenconvent (1931) 408. —
hierher wohl auch purzelbäume stürzen,
im sinne von '
purzelbäume hinlegen',
wenn nicht direkt zu 2 '
auf den kopf stellen': der dritten schut man ab die ageln, das ir die pein gen perg auf gageln als ob sie wolt ein paume sturzen
fastnachtsp. 381
Keller; und die zwey gauckler, welche da die purzelbäume stürtzen, und uns durch ihre narretey die essenszeit verkürtzen graf Sporck
streitged. 57
Kopp; drehte behexte kinder in kreis herum und bewegte sie zum böckestürzen
qu. v. 1714
bei Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 586. I@BB.
durch stosz in heftiger bewegung von einem höheren auf einen niederen ort befördern. I@B@11)
in präpositionalen und seltener adverbialen wendungen bleibt die vorstellung des mit dem herabstoszen verbundenen auf den kopf kehrens mehr oder weniger stark erhalten; am besten in älterer zeit bezeugt: uberab sturtzen, uber sturtzen
precipitare Diefenbach 452
a; und er sprach zuo in: stürzt sy herab, und sy überstürtzsten sy
erste dtsche bibel 5, 388 (
4. kön. 9, 33); ire lerer müssen gestürtzt werden uber einen fels
ps. 141, 6; als Jupiter durch seine strahl den risen ihr leben verkürtzet, und von des himels hohem wahl sie uber und uber gestürtzet Weckherlin
ged. 1, 193
F.; jem. über den haufen stürzen: sie aber griffen sofort die zween reuter an ... und stürzten sie über haufen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 31; hab ich ein stich mit der lantzen empfunden von dem ritter, so vor uns dahin reit, und so starck wider mich gerennt ist, dasz er mich und mein pferdt uber hauf gestürtzt
Amadis 1, 366
lit. ver.; dasz sie das kleinliche nicht mehr ertragen, sondern übern haufen stürzen Bettine
Günderode (1840) 2, 83; stürzen auf,
vgl.A 1 a: wenn gott ihn (
den tyrannen) allen gwalt abkürtzt, vom höchsten auf das unterst stürtzt, da liegen sie mit ganzen schmertzen Kirchhof
wendunmuth 2, 36
lit. ver.; er fiel so hart auf die erd gestürtzt, das jm sein degen an der seiten zerfiel S. Franck
Germ. chron. (1538) 76.
auch in der verbindung mit zu
tritt noch eine raumvorstellung hervor: itzterwehnte schlacht, welche der evangelischen stat in Oberteutschland fast auf einmahl zu boden gestürtzet und übern haufen geworfen v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 520; wie gott vater aus seinem thron den Lucifer mit seinen gesellen gestürtzet zum abgrund der hellen B. Krüger
v. anf. u. ende d. welt (1580) b 2
b; das herz des menschen ... zur hölle und unendlichen ungrund der unseligen ewigkeit zu stürzen
Leipziger aventurieur (1716) 1, 14; meine kugel stürzte den gegner zu boden, indem mir die seinige nur den linken arm streifte Langbein
s. schr. 31, 70; Venus ... die aller besten und fürtrefflichsten menschen zu grundt stürtzt Guarinonius
grewel d. verwüst. (1610) 1109; einem bündnisz entsagen, das ... die allgemeine ewige ordnung zu grund stürzen würde Schiller 3, 436
G.; man hat ... sy dan zu todt gestürtzet Hedio
chron. Germ. (1530) 3
a; noch thut der mensch sein zeit selb kürtzen, sein leben zu dem todt zu stürtzen H. Sachs 7, 295
K.; besonders wird eines bades erwähnt, in welchem sie durch eine verborgene fallthür ihre buhler zum tode stürzte Brentano
ges. schr. 6, 442;
in verbindung mit von: das ich von yemands werde gestorten odir verstossen von myme stade und wirdikeit
pilgerfahrt d. träum. mönchs 8044
Böhme; die Jhesum Christum deinen sohn wolten stürtzen von deinem thron Luther
bei Wackernagel
kirchenlied 3, 26; hat er ... den könig ... ins gefängniss geworfen und von dem throne gestürzt E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 238; umb zu gehorchen dir, wolt ich mein leib geschwinde, stürtzen von einem berg in die tiefsten abgründe Tobias Hübner
die andere woche (1622)
Eden 33; so wird der falsche zeuge vom burgfelsen gestürzt Mommsen
röm. gesch. (1856) 1, 140; unterst zu oberst stürzt ihn mein herr vom pferd Göthe I 8, 95
W.; da Festus auf den verwundeten feldherrn traf, und ihn bald vom pferde stürtzete Bucholtz
Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 711. I@B@22)
von den präpositionalen verbindungen mit räumlicher vorstellung hat weiteste verbreitung stürzen in. I@B@2@aa)
concret; nach unten, in einen tiefer gelegenen raum stoszen, befördern: welcher stein ... in das wasser ist gestürtzt worden Stumpf
Schweizerchron. (1606) 431
a; hat er ihn von einer hohen brücke in einen tiefen graben gestürtzet Prätorius
anthropodemus plutonicus (1666) 1, 377; man und rosz hat er ins meer gestürtzet
Züricher bibel (1531) 15
c; der zeucht das thier aus seinem pfuhl, in den es schon gestürzt und fast vergraben worden Gottsched
gedichte (1751) 1, 298; damit er uns ... mit leib und seel in abgrundt der hellen stürtzen müge
theatr. diabolorum (1569)
titelbl.; verfluche, verstore und stürtze alle jr anschlege jn abgrund der helle Luther 32, 384
W.; wenn nicht zu besorgen stuonde, dass durch solche possen ihrer viel in den abgrund des aberglaubens gestürtzet würden Prätorius
glückstopf (1669) 20; er kommt eurer frage entgegen und weisz dasz sie ihn in den abgrund stürzt! Bettine
d. buch geh. d. könig (1843) 2, 340; müssiggang verzehrt die zeit, ohne lust und fröhlichkeit, kürzet unser leben ab, stürzt uns früher in das grab R.
Z. Becker
mildh. liederb. 83; ich vermuthe, dasz dich ein kleiner ärger weiter nicht ins grab stürzen wird Bettine
Brentanos frühlingskr. (1844) 228; dasz dem vereinigten landtage zugemuthet worden ist, in demselben augenblicke, wo er in das meer der vergessenheit gestürzt werden soll Bismarck
reden 1, 53
Kohl. I@B@2@bb)
in stärkerer übertragung '
in einen schlimmen zustand versetzen',
wobei dieser immer als unten, tiefer liegend vorgestellt wird: (
gott) der die sünd und tod, welt, teufel, höll und was in noth uns stürtzet, überwunden Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 339
b; weil die unterlassung seiner pflicht ihn sogleich in armuth und elend stürzen würde Lavater
verm. schr. 2, 299; der junge wird uns alle noch in elend und schande stürzen Schiller 2, 17
G.; und dasz sie durch solche falschheit von demjenigen in die verdamnus gestürtzt werden solte Grimmelshausen 2, 379
Keller; ... der du mein hertz ergründen, und mich durch meiner sünden zahl kanst stürtzen in der höllen quahl Weckherlin
gedichte 1, 413; der böse feind ... trachtet, wie er sie ... in das verderben stürtzen möge Moscherosch
ins. cura parent. 90
ndr.; ob ... tugend oder laster, weisheit oder wahnsinn uns ins verderben stürzen Göthe I 23, 305
W.; er schwor bei dem gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dasz ihn eine solche maaszregel in das verderben stürze Immermann 1, 19
Boxberger; ... das nicht die wütend lieb sie hinderschleich gleich wie ein dieb, die sie verwegen durch vil dück stürtz in schand, schad und ungelück H. Sachs 261, 25
Keller; seine familie hat er ins unglück gestürzt Herder 23, 395
S.; das viech, die hund, und die maulthier grim wurden in den tod gestürtzt Spreng
Ilias (1610) 26; wie consuln das feindliche heer mit sich selbst den todesgöttern weihten, und in den tod stürzten Niebuhr
röm. gesch. 1, 319; weil dann die gemein und tägliche aderlass ... die ... hauptkrafft schwächt oder in gefahr stürtzt Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 983; die gefahren, in die seine väterliche liebe ihn stürzte Göthe I 40, 209
W.; ähnlich: auch verachten sie zum offternmalen die getrewen räht, und stürtzten die ganze sache in gefehrligkeit Xylander
Plutarchus (1580) 124
a. — jemanden in schulden, unkosten
u. s. w. stürzen: der krieg, und die gezwungene herstellung seiner wohnung hatten ihn in schulden gestürzt Niebuhr
röm. gesch. 2, 319; warum wollten sie ... die natur in unnöthige kosten stürzen? Möser
sämtl. w. (1842) 1, 363.
in stärkerer entfernung von der vorstellung des tiefer gelegenen (
vgl. u. d): Rom zum zweiten mal in ein so unertragliches joch zu sturtzen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 3, 937; die verwicklungen sind bekannt, in die die verbindung mit dem polnischen reichstag die preuszischen stände stürzte Nitzsch
deutsche studien (1879) 103. I@B@2@cc)
in fortschreitender abstraction '
in schlimme gemütslagen versetzen',
die also ebenfalls als tiefer gelegen vorgestellt werden: ihr red Andromache abkürtzt, in klag und trawrigkeit gestürtzt Spreng
Äneis (1610) 50
b; als auch der gantze hof in sonderbahres leidwesen gestürtzet worden Ziegler
asiat. Banise (1689) 124; in was fur traurigkeit und schrecken stürzt sie mich! Gottsched
deutsche schaubühne 2, 28; Judas sah den Davidssohn durch ihn ins verderben gestürzt, und diesz stürzte ihn in verzweiflung D. Fr. Strausz
ges. schr. 4, 310; herr Friedrich ward durch diese nachricht in die äuszerste besorgnis gestürzt H. v. Kleist 3, 414
E. Schmidt; diese ungewiszheit stürzte mich in eine unruhe Wieland
Agathon (1766) 1, 21; eine nation in verwirrung durch entflammung ihres ehrgeizes stürzen K. Fr. Cramer
Neseggab 3, 282; mein leichtsinn hatte mich in eine grenzenlose verlegenheit gestürzt Bauernfeld
ges. schr. 4, 28;
sogar: das immer näher kommen von etwas, das uns ins tiefste mitleid stürzen wird O. Ludwig
ges. schr. 5, 334. I@B@2@dd)
mit verlust der vorstellung des tiefer gelegenen, schlechthin '
wohin, wohinein befördern, versetzen, bewegen': dasz sie ihr natürlich-feuriges wesen ... in grosze beleidigung ihres armen nächsten gestürtzet G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2
b; zuletzt stürtzte ihn die weinsucht in die wassersucht S. v. Birken
verm. Donaustrand (1684) 138; durch dessen unbesonnenheit sie in eine übereilte ... ehe gestürzt wurde Laroche
frl. v. Sternh. (1771) 2, 13; an unsichtbare mächte sich zu berufen, die ihn eine zeitlang in die träume der illumination stürtzen Göthe I 42
2, 191
W.; dieselbe kraft und innigkeit des religiösen glaubens ... stürzte ihn auch in die entsetzlichen lehren des jüdischen rechts der rache Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 25; wenn der waffenstillstand die alliirten in sicherheit stürzte Schiller 8, 329
G.; als ob er sich vorgenommen hätte, seinen ... bekannten aus einer verwunderung in die andere zu stürzen W. Raabe
hungerpastor (1864) 2, 29;
anders, ebenfalls lediglich zur bezeichnung einer ungestümen bewegung: wenn man denn hebt das tischtuch auf, setzt darnach ein handwasser drauf, wolschmecket mit kreuter und würtzen, so thu beyd hend ungstüm drein stürtzen und besprütz all, die zu disch sitzen! H. Sachs 17, 419
K.-G.; mein behender arm wird nur desto rascher den dolch führen, und ihn bis ans heft in das herz des elenden stürzen Fritz Jacobi im
Göthejahrb. 2, 378. I@B@33)
in einfacher transitiver wendung jemanden, etwas stürzen '
entmachten, beseitigen'
schlechthin, stark entsinnlicht, doch oft mit wiedererweckter raumvorstellung. I@B@3@aa)
mit persönlichem object: mir erstlich meine sünd verzeih, und stürtz darnach die feinde Ringwaldt
handbüchlin a 10
a; las uns nicht gestürtzt und uberwunden werden von den anfechtungen
kathechism. 59
ndr.; um dasz ich sie erhöhet, suchet sie mich zu stürtzen und zu erniedrigen Stranitzky
ollapatrida 92
Wiener ndr.; gott ist der rechte wundermann, der bald erhöhn, bald stürtzen kan Neumark
fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 30; eh mich die welt mit jenen elenden verwechselt, die der tag erschafft und stürzt Schiller 12, 231
G.; stürtz leut und land mit schwert und brand also wils die welt haben G. Forster
frische teutsche liedlein 185
ndr.; er stürze jenes volk, das voller weichlichkeit der wahren ehre nie sein feiges herz geweyht L. A. Gottschedin
br. (1771) 3, 227
Runkel; dasz die ganze expedition Kohlhaasen, statt ihn zu stürzen, vielmehr zu einem höchst gefährlichen kriegerischen ruhm verhalf H. v. Kleist 3, 173
E. Schmidt; nicht eyn spitzle füret er aus der schrifft, das er sich grundet und mich stortzet Luther 10, 250
W.; hohe augen stürtzt gott Petri
d. Teutschen weissh. (1604) 2, Ii 3
r;
dagegen concreter, 1
und 2
näher: vögel preisen uns im kühlen den beseeligenden mai; aber, eh sie ganz ihn fühlen, stürtzt sie schon ein schnelles bley J.
M. Miller
gedichte (1783) 199. I@B@3@bb)
in mannigfaltiger anwendung von allem irgendwie als grösze, macht oder kraft auffaszbaren: denn was man endern odder stortzen wil, so von alters her ist gebraucht, das sol und mus man bestendiglich beweisen, das widder gottes wort sey Luther 26, 155
W.; und (
die ihr) alles dann, was menschenwohl ist, stürzet, zermalmt, und zu elend umschaft! Klopstock
oden 2, 144
Muncker-Pawel; bis zu unsrer alles stürzenden und ändernden epoche E.
M. Arndt
sämtl. w. (1892) 1, 55; gegend an der Ostsee, aus der ... die stürzendsten völker des römischen reichs gekommen Herder 5, 409
S.; darumb hat der herr allezeit den hohmut geschendet, und endlich gestürtzet
Jesus Syrach 10, 16; also dass ihr ubermut wird gestürtzt werden Paracelsus
op. (1616) 2, 621
Huser; es stürtzet die oftmals gewaltige missgunst ... diesen oder jenen löblichen gebrauch Neumark
fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657)
zuschr. 1; seit dem der weise fürst am kalten Newastrande die freche barbarey, die plage seiner lande, bekriegt, gestürzt, verfolgt ... J. J. Schwabe
volleingesch. tintenfässl (1745) 21; wer die lügen wil gewaltiglich stürtzen, der mus an der selbigen stat gar offentliche gewisse und bestendige warheit stellen Luther 26, 267
W.; naturgeschichte und physik stürzen den aberglauben Schiller 1, 157
G.; weil sie den text wollen anders deuten, denn die wort lauten, und unsern verstand störtzen Luther 26, 483
W.; kan nicht gott den feinden dass gesicht nemmen? ... kan er nicht ihre sinne stürtzen? Moscherosch
gesichte (1650) 2, 714; es schmerzt mich, deinen glauben an den mann, der dir so wohlgegründet scheint, zu stürzen Schiller 12, 186
G.; und so durch angemaszten dogmatismus jenen satz mit eben der künheit zu stürzen, mit welcher man ihn errichten zu können sich gerühmt hat Kant 4, 465 (1867)
Hartenstein; dasz welsche sänger ... durch vorsätzliche fehler sich alle mühe gegeben haben, die oper zu stürzen O. Jahn
Mozart (1856) 4, 190. I@B@3@cc)
in über b
noch hinausgehender abstraction im sinne von '
widerrufen; widerlegen; zu nichte machen',
nur in älterer zeit: darvon si die baiden ort nit wisen woltend, sonder ir zuosagen nit stürzen, man vermöchte dan sölichs guotenklich an inen J. von Watt
dtsche schr. 2, 75
Götzinger; die widertouften aber vermeintend mit irer antwort des herr doctors gschrifft verlegt und gestürzet haben Joh. Kessler
sabbata 148; und vermeint, er wölle hiemit verschaffen, dasz man in teutscher sprach disputiere, auf das es der gemein mann könte verstehen, und durch die theologie nit so leichtlich köndte verfälscht und gestürtzt werden S.
Huber gründtliche antwort (1592) 171; dann wäre dieser einwand gestürzt Hippel
kreuz- und querzüge (1793) 1, 192; eines radtschlag brächen, einsi fürnemmen erweeren, hinderstellig machen und stürtzen Frisius 982
b; gott ... stürtzet die rahtschläg der heyden Stumpf
Schweizerchron. (1606) 740
a; dieser kaiser Tiberius was noch zu diser zeit des gemuetz, dasz er ainem rat kain anseehen noch fürnemen sturzt noch abtet, wan es schon wider sein gut gedunken und gfallen was J. von Watt
dtsche schr. 3, 40
Götzinger; die klag stürtzen, verwerffen und kraftlos machen Frisius 492
b; da sie assen von krawt und wurtzen, darmit sie thetn den hunger sturtzen H. Sachs
ged. (1579) 5, 237
b; eine gählinge und völlige ersättigung auf ein langes schmachten fällt gemeinlich am leben schädlich, und stürtzt ein gestürtzter hunger nicht selten die gesättigte ins grab J. W. Valvasor
die ehre des herzogthums Crain (1619) 3, 2, 131;
vgl. auch, im sinne von '
vergelten': den schranc ('
betrug'), den schaden wider stürzen,
s. Lexer
mhd. handwb. 3, 862. I@B@3@dd)
in der heutigen alltagssprache nahezu bechränkt auf die terminologisch spezialisierte anwendung '
einen politischen machtträger entfernen, absetzen'
; in älterer sprache nur selten von der allgemeineren anwendung (a
und b)
abgehoben: denn das evangelium schmeist nicht umb sich noch sturtzt die könige Luther 23, 525
W.; der schmalkaldisch bundt werdt stürtzen bapst, kayser Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 1, 95
b; hingegen wäre ein böser herrscher ... sonder gefahr zu stürtzen Lohenstein
Arminius 1 (1689) 21
a; erstens bin ich ... für alles stürzen und absetzen Fontane I 2, 157; ein bündnis mit dem gestürzten unterdrücker Meinecke
leben d. gen.-feldm. v. Boyen 2, 21; ihr sagt: wir bleiben um jeden preis, und ich sage euch: wir stürzen euch auf alle fälle Hitler
rede, in völk. beob. (1932)
sondernr. 22;
ebenso mit unpersönlichem object: wenn wir ihm heut den rücken kehren, so stürzen wir das ministerium Bismarck
ged. u. erinn. 2, 19
volksausg.; es ist minder gefährlich, die regierung zu stürzen, als sich über sie zu beklagen Moltke
ges. schr. u. denkw. 2, 121; den senat stürzen hiesz ... seine wesentliche competenz ihm entziehen Mommsen
röm. gesch. 2, 112; ein kaiserliches haus wurde gestürzt A. v. Haller
Alfred (1773) 3, 100; wer tyrannei stürzen will, muss ihr dienen Börne
ges. schr. (1829) 6, 201;
gelegentlich auszerhalb des speziell politischen gebietes, von hier aus übertragen: und nahm in wenig tagen den platz des gestürzten günstlings ein A. G. Meiszner
skizzen (1778) 1, 12; durch sie versuchte die cabale den jungen componisten zu stürzen O. Jahn
Mozart 1, 212; da hat man nun ... auf seine alten tage sich mühsam von der jugend, welche das alter zu stürzen kommt, seines eigenen bestehens wegen abgesperrt Göthe
gespräche 3, 147
Biedermann. I@B@44)
vereinzelt ohne das moment des nach unten beförderns des gesamten körpers, also nicht nieder stürzen,
sondern umstürzen,
etwa im sinne von '
fällen'
; von '
umkippen' (A 2)
unterschieden durch das überwiegen der allgemeinen bedeutung '
entmachten, zerstören': das got die tantzgesellen und metzen mit pestilentz auf dem tantzplatz schlecht und stürtzt
M. Ambach
von tantzen (1543) d 3
b; sonder ein schneller wind ihn stürtzet, sein leben durch den todt abkürtzet Spreng
Äneis 121
a; und nahm den schweren, langen, starken speer, womit ihr arm danieder stürzt die reihn der helden Bürger 67
Bohtz; der verschlossen unnd unrein luft aber den menschen ehist sturtzet und tödtet Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 491;
hierher das compositum stürzdenkerl: dasz es (
das bier) aber den leuten in die köpffe steiget und sie nieder wirft, darumb nennen sie es stürtzdenkerl H. Knaust
kunst bier zu brauen (1614) 33; störtz den kerl
bezeichnung einer biersorte Fischart
Gargantua 86
ndr. besonders von bauwerken und bäumen: als er nun in das land kame, verzohe er immer zu, die schlösser zu stürzen S. Franck
Germ. chron. (1538) 115
b; Davidt den groten Goliat dat hövet kunde körten, so mut ik mannichen hogen torn mit gades hülpe störten (1564) H. Ziegler
geschützinschriften 43; bald stürtzt er wieder türm und mauern Drollinger
gedichte 21
Spreng; gott, deine starke faust stürzt das gebäude der lüge Körner 1, 136
Hempel; gott lässts nicht zu, dasz die bäum den himmel vorm liecht stehen ... die grosze sturmwind stürtzen sie Lehman
flor. polit. (1662) 1, 182; wo der donnersturm die ceder stürzt Klopstock
oden 1, 125
Muncker-Pawel. IIII.
intransitiv, '
heftig fallen'.
seit dem ahd. bezeugt, s. unten B. II@AA. '
umfallen, einfallen',
ohne eigentliche abwärtsbewegung des gesamten körpers. II@A@11)
von lebewesen im sinne von '
umfallen, hinfallen'
; in der verbindung hinstürzen: do er mit manigen meinen dem tivel gediente manigen tac, do gie über in der gotes slac; got sein leben churzte, gahes endes er hin sturzte Heinrich v. Veldeke
Servatius 3404; fallen ist der sterblichen loos. so fällt hier der schüler, wie der meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin Göthe 1, 359
W.; vom fallen des im kampfe getöteten oder verwundeten: unde dar storte hertich Magnus van Brunswic mit velen eddelen luden und wart begraven
städtechron. 36, 33; balt hup sich ein gross schissen an, dardurch vortarb manch krigesmann. es schturtzt vil volcks auf baider seit Mich. Friedwald
apweichung der lande Preussen (1578) Bb 4
a; dasz mir nicht zuerst mein vater mag begegnen, denn ich stürze ihm, oder er mir im kampfe Tieck
schr. 1 (1828) 391; er stolperte über einen stein, der im wege lag und stürzte Seb. Brunner
ges. erz. u. poet. schr. (1864) 1, 34; ohne ihn (
gott) kommt man nicht weit. man stolpert und stürzt früher oder später G. Hauptmann
eins. menschen (1891) 88;
meistens vom pferde, reiter und beiden zusammen, etwa im sinne von '
straucheln',
jedoch auch verbunden mit dem sinn, dasz der reiter vom pferde herunter fällt: indem ich über den graben setzen wolte, kam ich zwar über, allein ich stürtzte mit dem pferde Ettner
med. maulaffe (1719) 250; der vermeinte Römer mit dem stürtzenden pferde ohnmächtig zu boden fällt Lohenstein
Armin. (1689) 1, 2; baw nu eyn leyplich statt der kirchen und reyt feyn eynher, sicht dich aber fur, das du nit auf dem plan stürtzist Luther 7, 686
W.; die gott ... auf die fuhrstrasse will laufen und stürtzen lassen Mathesius
Sarepta (1571)
vorrede 1
a; heute früh stürzte ein husarenoffizier, leutenant Ribbek, vor unserm hause, er setzte sich wieder auf Moltke
ges. schr. u. denkw. 6, 97; ich stürzte noch über und über mit dem pferde Göthe I 43, 258
W.; wenn manches rosz gegen der sonnen geht, so läufft es immer und strauchelt, stürtzt darnach gar zu boden Martin Böhme
roszartzney (1618) 103;
terminologisch vom zusammenbrechen des getroffenen oder verunglückten wildes, s. Kehrein
waidmannsspr. 289: der hirsch stürtzet, ... nicht: er fällt Döbel
neueröffn. jägerpract. (1754) 1, 19;
ebenso: dem Greger ist ein lamm gestürzt, hinten beim schwarzen stock Stifter
sämtl. w. 2, 21
S.; hierher auch: wo der verfolgte hirsch gestürzt zu boden fällt v. König
gedichte (1745) 47. —
hierher dem sinne nach auch die wendung zu boden stürzen,
jedoch formal B
gleichstehend: Granvella war zu boden gestürzt, aber noch stand sein anhang Schiller 7, 136
G.; das entsetzte ihn, dasz er tot zu boden stürzte Fontane
ges. w. I 1, 70; dasz dieser ... oft blutend zur erde stürzte Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 4, 102; do sein rosz gewundt nider fiel, stürtzet er mit jm zuo der erden Carbach
Livius 215
b. II@A@22)
von bauwerken '
einfallen, in sich zusammenfallen',
in der alltagssprache meist in den entsprechenden compositis: würdige prachtgebäude stürzen, mauer fällt, gewölbe bleiben Göthe 3, 122
W.; es kann ein obeliskus stürzen, um einem höhern geist die zeit zu kürzen Lenz
gedichte 177
Weinhold; als die hölzernen streben wichen, stürzte das ganze schlosz übern haufen J. J. Chr. Bode
Montaigne (1793) 1, 45; und das gewaltige haus des friedens stürzte zu trümmer Waiblinger
ged. aus Italien 2, 81
Grisebach; die mauern der stadt ... wurden an mehreren stellen unterminirt, und mit so günstigem erfolg, dasz in kurzer zeit lücken stürtzten Droysen
gesch. Alex. 412.
ähnlich vom brechen, fallen des baumes: grosse bäum können gleich angesichts übern haufen stürtzen Lehman
flor. polit. (1662) 1, 375; ferner liegt noch da und dort das weisse gerippe eines gestürzten baumes Stifter
s. w. 1, 213
S. II@BB. '
niederfallen, von oben nach unten fallen',
meist durch verbindung mit präpositionen und adverbien als bewegung mit einem endpunkt oder ziel charakterisiert. II@B@11)
vom menschen und festen bewegbaren körpern im sinne einer wirklichen abwärtsbewegung: do was er worden also chranch, daz er stortzet ab der banc Wittenweiler
ring 2608
Wieszner; sus heten si gevohten, daz diu ors niht mere enmohten: do sturzten si dar under, ensamt, niht besunder Wolfram v. Eschenbach 211
Lachmann; als er sich zu hart uberburtzt, und mit rab an den dennen sturtzt, und fiel leichnamhart auf sein lend H. Sachs 21, 149
G.; der schieferdecker ist vom dach gestürzt Schiller 14, 293
G.; (
du) mit deim pferd von der steinklippen stürtzest Weidner
weisheit (1633) 3, 18; er ist vom pferde gestürzt W. Alexis
hosen (1846) 1, 315; Ernst stürzte aus allen seinen himmeln Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 84; ein schwerer ofenstein stürzte auf Dortchens fusz Jac. Grimm
an Dahlmann in briefw. 1, 261
Ippel; meistens in der verbindung mit in: daz ih in den mere nesturze, er ih in uberfliege Notker 2, 577
Piper; also jagheden se do rechte over dat lant unde storteden in de graven
städtechron. 19, 438; dasz er darüber zu seinem tödtlichen untergange herab in die see stürtzen muste Neumark
neuspr. teutsche palmb. (1668) 78; Thalberg stürtzte sammt einem theile des höltzernen geländers über 12 bisz 15 ellen herab in den garten Schnabel
irrgarten d. liebe (1738) 164; und würd ich (
Sol) finster, ruhig, kalt, stürzt alles in die nacht Göthe 16, 207
W.; und schnell reiszt er die rüstung von der wand, doch der entwöhnte arm kann sie nicht tragen, und furchtbar klirrend stürzt sie in den sand v. Droste-Hülshoff 2, 197; aber der korb fiel ... und stürzte grade zwischen den kardinal Farnese und herrn Jacob Salviati hinein Göthe I 43, 105
W.; während sie sich den zopf wieder aufsteckte, der ihr vorhin in den nacken gestürzt war Storm
w. (1899) 5, 89.
in mancherlei anfänglich (
bei Notker)
noch rein bildhaften übertragungen, später oft einfach im abgeblaszten sinne von '
wohin geraten',
jedoch mit stetem festhalten der vorstellung einer abwärtsbewegung: decidat sturze in den dot Notker 2, 378
Piper; so ist es der stab der hoffnung, die dich uffenthalte und behüte, das du infallest und stürtzest in den ewigen tod Keisersberg
bilgersch. (1512) 21
c; diu falla gefahe sie ... unde in den selben strich sturzen sie (
et in laqueum cadant in ipsum) Notker 2, 117
Piper; Karl ... stürzt in exzesse und schulden Schiller 2, 354
G.; in freisige geluste sturzen sie (
sc. sundige), die ze hello leitent Notker 2, 26
Piper; wan sy fallen gar bald darnider und stürtzen wider in alt weyse und gewonhayt Tauler
sermones (1508) 55
b.
in der verbindung mit auf
schreitet die verblassung gelegentlich noch weiter fort: su sigent darnieder vil schiere und sturtzen uf ir alte gewonheit und uf lust der naturen Tauler
pred. 82
Vetter; wante de stortinege (=
anfall einer erbschaft) ende de stervincge der vryen graschap nicht oppe greven Conrades suster kinder storten en mochte
hans. geschichtsqu. 3, 340;
anders: und ihr haupt, dem seines armes stütze sich entzog, stürzt auf das küssen Lessing 3, 7
L.-M.; o gottgebeugte! welch ein jammer stürzt auf dich? Göthe 41, 2, 47
W.; sie versuchte sich aufzurichten, aber ohnmächtig stürzte sie auf ihr angesicht Schiller 3, 569
G. häufig auch ohne richtungsangabe: ganze centnerlasten müssen unter ihrem (
der gemse) flüchtigen hufe weichen und stürzen H. v. Barth
Kalkalpen 138; o wie schaudert mich, diesen fall in gedanken noch einmal zu stürzen! Lessing 2, 358
L.-M.; die engel stritten für uns gerechte, zogen den kürzern in jedem gefechte; da stürzte denn alles drüber und drunter Göthe 5, 139
W., dann meistens abstracter: aber stirbt das genie, so stürzt der geschmack nur desto schneller und unaufhaltsamer Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 58; das alte stürzt, es ändert sich die zeit, und neues leben blüht aus den ruinen Schiller 14, 383
G.; der grosze stürzt: seht seinen günstling fliehn, der arme steigt und feinde lieben ihn
Shakespeare (1797) 3, 251. II@B@22) stürzende sucht
in gleicher bedeutung wie fallende sucht, fallsucht,
nur vereinzelt, s. Schiller-Lübben 4, 416: das dieser Mahometh sei ohn allen zweifel, durch sonderliche straf gottes, mit der stürtzenden sucht oder fallenden siechtagen ... befallen und geplagt gewesen
M. Heinrich Knaust
vom geringen herkommen Mahomets (1593) 231; stortende siechte, vallende siechte Kilian (1605) 535. II@B@33) den hals stürzen
im sinne von den hals brechen,
vielleicht zu 1
als verkürzung von stürzen und dabei den hals brechen;
doch weist die ständige construction des verbums mit haben
sowie gelegentliche verbindung mit äuszerem object (
s. u.)
auf zusammenhang mit I A,
etwa als '
den hals nach unten kehren'.
bezeugt im älter nhd. bis ins 17.
jh.; auch, noch in jüngerer zeit, (
sich) den hals abstürzen, jemandem den hals abstürzen,
s. teil 1, 136; Sanders 3, 1261; Martin-Lienhart 2, 616. —
in präpositionalen wendungen 1
am nächsten stehend: da sie nun auf die newe stadt auf den Tye gekommen, sol Peter Odilien sohn vom gaule den hals gestürtzt haben
M. Dreszer
sächs. chron. (1596) 323; bis er aus der höhe herunter den hals stürtzt Butschky
Patmos (1677) 978; hatte ein calendermacher ... den tag zuvor die treppe herunter den halsz gestürtzet Joh. Riemer
polit. maulaffe (1679) 27;
einfach: sie werden mit solcher feyner kluogheyt etwas ausrichten, nemlich das sie den hals stürtzen und lant und leut in jamer und not bringen Luther 11, 270
W.; (
die selbstmörder) stürzen den hals, fallen in ein wasser, messer C. Huberinus
mancherlei form zu pred. (1557) 185
b; fällt also dieser vorwitzige und unglückselige näscher etliche 50 ellen hoch hinunter und stürtzet den halsz
die schädl. hurenliebe (1692) 22; do rende des sulven cremers sone up einen groten perde und schot dar af und storte den hals entwei
städtechron. 7, 185;
mit äuszerem object: die ... gen himel zu klettern und nach gott tappen, bis sie darüber in selbs den hals sturtzen Luther 32, 325
W.; so wohl auch: begert, ich sol auf sie steigen, und ob ir reiten, darmit sie mich dester ehe könte abwerffen und den halsz stürtzen C. Huberinus
christl. ritter (1558) d 8.
in dem jüngsten zeugnis der wendung wohl secundär an das transitive vb. angeglichen: man schlachtet bey dem jubelthon und bindet auch die thiere schon, dasz ihren hals das messer stürtze Hagedorn
vers. einiger ged. (1883) 24
ndr. II@B@44)
in verschiedenen anwendungen jüngerer zeit wird das fallen weniger passiv als activ, als eigenbewegung des subjects vorgestellt; die grundbedeutung '
fallen'
bleibt jedoch dadurch rein erhalten, dasz die bewegung in ihrer besonderen heftigkeit als von einem tragenden subject nicht beabsichtigt vorgestellt wird; dabei bleibt die grenze gegen C,
besonders 2,
schwankend. II@B@4@aa)
vom abwärtsflieszen oder besonders heftigen flieszen des wassers u. ä., vgl. in der ma.: dat water störtd afer de dîk ten Doornkaat-K.
ostfries. 3, 330;
im 17.
jh. erst vereinzelt: aber das wasser von zweyen oberen rädern herab flieszend, nemen zwo breite gerinne an sich, aus welchen sie in die undere räder stürtzendt Ph. Bech
Agricolas bergwerkb. (1621) 260.
in fester anwendung von mit gefälle flieszenden wasserläufen: fürstengaben sind wie bäche, stürtzen immer gegen thal Logau
sinnged. 251
Eitner; so stürzen die ströme im schneeschmelzenden lenz von steilen felsen Lenz
gedichte 22
Weinhold; der bach stürzt gern über die räder Göthe 42, 2, 179
W.; bezaubert von dem götterschall wagt izt kein blatt vom baum zu rauschen, stürzt langsamer der wasserfall Schiller 1, 28
G.; man möchte ihn einem frischen, durch und durch lauteren gebirgswasser vergleichen, rastlos daher stürzend Nitzch
deutsche studien (1879) 297; wir fuhren durch die Regenspurgische brücke, wo die Donau gewaltig rauschte und stürzte Nicolai
reise d. Deutschl. 2, 408; nicht einem strome, einem wasserfalle gleicht hier das leben; es flieszt nicht, es stürzt mit betäubendem geräusch Börne 5, 20; welches wipfelgeräusch, welcher gestürzte bach rauscht sanfter?
Gött. musenalmanach (1773) 202;
ähnlich, besonders die heftigkeit der bewegung bezeichnend, vom rollen und brechen der meereswogen: und die sonne warf ihre strahlen über die stürzende flut Scheffel
ges. w. (1907) 2, 39; hoch im getöse gestürzter wogen Klopstock
oden 1, 9
Muncker-Pawel; eine endlose, endlose wuth des erzürnten stürzenden elementes Tieck
Sternbalds wanderungen (1798) 2, 324;
hierauf beruhend: ein allgemeines geschrei, stürzende flucht
ders. gesamm. nov. (1852) 8, 378. —
mit etwas stärkerem passiven gehalt vom niederströmen heftigen regens: et störtet Woeste
westf. 256; denn drauszen stürzt ein wilder regen, gewitter tobt, es heult der wind Lenau
sämtl. w. 472
Barthel; unter sausendem sturm und stürzendem regen Gutzkow
ges. w. (1872) 1, 72; stürzte zur melkzeit ein gewittergusz nieder Voigt-Diederichs
auf Marienhoff (1925) 36; so stürzen auf saat und hütten und flur die schlossen aus norden Denis
Sined (1772) 110;
vom flieszen der tränen: die thränen stürzten ihr aus den augen Göthe 23, 100
W.; ach sie floszen — stürzten stromweis von dieser mitleidigen wange Schiller 2, 16
G.; und ein thränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen wangen v. Droste-Hülshoff 2, 277
Schücking; die thränen stürzten mir in die augen E. Th. A. Hoffmann 6, 41
Grisebach; stromweis stürzen meine tränen Novalis
schr. 4, 103
Minor; hierher: beim abschied stürzten mir die augen, obwohl ich wuszte, dasz er solche sentimentale scenen gar nicht liebte E. Genast
in Göthe gespräche 3, 279
Biedermann; von heftigem bluten: ich traf ihn am abend der schlacht nidergesunken unter kugelgepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende blut Schiller 2, 69
G.; heute: das blut stürzt ihm aus mund und nase;
undeutlich: swenne di nase locher trifen unde der mensche ein suhtliez sturcen hat ... den selbin sichtum heizint di lute die struche
Breslauer arzneibuch 40
Külz. II@B@4@bb)
von berghängen im sinne von '
abfallen': senkrecht stürzen die felswände in den flusz Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 123; in unmittelbarer nähe drohte die stürzende wand H. v. Barth
Kalkalpen 415; links des hauses stürtzt der Blockenstein mit einem vorspringenden pfeiler senkrecht in das wasser Stifter
sämtl. w. 1, 253
S.; dort stürzts hinunter, unergründlich dunkel H. v. Barth
Kalkalpen 510;
hierher auch: muntre dörfer bekränzen den strom, in gebüschen verschwinden andre, vom rücken des bergs stürzen sie gäh dort herab Schiller 11, 85
G. II@CC. '
eilen'
; schnell, ungestüm laufen, meist vom menschen; das fallen (B)
wird als active eigenbewegung aufgefaszt, im gegensatz zu B 4
jedoch als auch von der absicht des subjectes getragen. obwohl diese bedeutung auch für das mhd. st. vb. sterzen
sowie für frühmengl. sterten
bezeugt ist, kann sie im deutschen wegen ihres späten auftretens kaum als direkte fortsetzung alter verhältnisse gelten. II@C@11)
in älterer zeit nur im nd. bezeugt: do (
sie) quamin sundir melde unwizzins gar und von geschicht gesturzit uf den argin wicht Nic. v. Jeroschin 13372
Strehlke; de Denen unde de Holsten storten vake tosamende unde sloghen sik umme de koppe
städtechron. 26, 156; wente se (
die menschen), als de 8 menden, wolden vor se (
die rathsleute) storten
ebda 26, 418;
noch in der ma.: instorten '
plötzlich hereinstürmen'
brem. wb. 4, 1050. II@C@22)
modern in breiter fülle entwickelt, seit ende des 18.
jh., ohne dasz eine herkunft aus dem nd. nachgewiesen werden kann. II@C@2@aa)
in verbindung mit den präpositionen in, von, aus
bleibt formal die verbindung mit dem sinn einer abwärtsbewegung (
wie B 1)
erhalten, gelegentlich auch in der vorstellung: als ein kommando soldaten in die stube stürzte, und beide auf die hauptwache schleppte Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 143; wenn ein reconciliator auch vorübend seinen zweck erreichen wolle, er nicht mit der thür ins haus stürzen dürfe Herder 23, 470
S.; in diesem augenblick stürzte jemand herein und rief: der geist! der geist! Göthe 22, 198
W.; während ... die verweichlichten stadtleute in die schiffe stürzten, um aus Italien zu fliehen G. Freytag 17, 43; ins gewühl des lebens stürzt ich, um dich zu vergessen
Z. Werner
Martin Luther (1807) 41; an dem grabe des ermordeten von unwillen und rachlust entflammt und überwältigt, stürzt er sinnlos in die schreckliche that Schlegel
pros. jugendschr. 1, 37
Minor; Thekla stürzt in die arme der mutter Schiller 12, 305
G.; vom felsen stürzt die gemse dort, enteilet mit den winden Lenau
sämtl. w. 7
Barthel; alle leute stürzten aus den häusern Moltke
ges. schr. u. denkw. 4, 93; nun stürzen aus allen thoren die todesentschlossenen französischen ausfälle Laube
ges. schr. 8, 41; Bernd ... geht in den hausflur, im gleichen augenblick kommt Marthel aus der küche gestürzt G. Hauptmann
Rose Bernd (1904) 145;
ähnlich auch in verbindung mit auf: und seht ihr leuchten die willkommnen flammen, dann auf die feinde stürzt, wie wetters strahl, und brecht den bau der tyrannei zusammen Schiller 14, 388
G.; besonders auf einen los, auf einen zu stürzen: stürzte ein schwarm bewaffnetes, mit vielfarbigen lumpen bedecktes gesindel auf ihn los Langbein
s. schr. 31, 154; Waller stürzt rasch auf sie zu, und stöszt das messer in ihre brust Tieck
schr. (1828) 2, 324;
in gleicher vorstellung: sogleich stürzte sie (
die spinne) über das unglückliche tier her, drehte und wendete es einigemal zwischen den pfoten G. Keller 3, 23; (
der neid) dehnet die klauen stürzt und schlägt hinterlistig sie dir in die schultern Göthe 4, 185
W.; auf die knie, in die knie stürzen: da stürzte sie auf die knie, breitete die arme auseinander und schrie Stifter
sämtl. w. 5, 1, 329
S.; in staub liegt sie vor ihm ... gestürzt auf knieen H. v. Kleist 2, 197
E. Schmidt; der alte mann stürzte in die knie und warf sich jammernd über ihn Storm
w. (1899) 2, 269. —
übertragen: wann? stürzte ich ihm heftig ins wort Schiller 4, 200
G.; II@C@2@bb)
in anderen präpositionalverbindungen geht auch formal die erinnerung an eine abwärtsbewegung verloren: sie stürzen nach den schiffen, die abfahrt zu beschleunigen Göthe 41, 1, 268
W.; alles volk stürzt, ihn zu sehn, an seinen weg Göthe 9, 297
W.; mit heiszen thränen stürze ich an seine brust Immermann 2, 106
Boxberger; sie stürzt mir um den hals Göthe 37, 30
W.; zur werkstat stürzet er; die lampe zücket, im tiegel fluthet der metallne brei Adolf Stöber
gedichte (1842) 87; die vier mühlknechte stürzen erschrocken auf die bühne Nestroy
ges. w. (1890) 2, 34; er stürzte die treppe hinauf A. v. Arnim 3, 448
Grimm; jedoch im sinne einer abwärtsbewegung: (
er) stürzt ihr plötzlich zu füszen H. L. Wagner
theaterstücke (1779) 72. II@C@2@cc)
gelegentlich ohne richtung auf ein ziel, lediglich die heftigkeit einer bewegung bezeichnend: das volk stürzte nur einen weg; sie folgten dem zuge
F. M. Klinger (1809) 3, 188; mehr darf ich nicht sagen, denn die stunde stürzt hin Göthe IV 33, 57
W.; es bricht mein herz, und alles was ich denke stürzt gegen wahnsinn, sucht den ausweg dort Tieck
schr. (1828) 3, 341; er stürzt rascher durchs zimmer, dann steht er wieder still Schiller 3, 449
G.; die Millerin stürzte auszer sich durch den vorsaal
ebda 3, 470; schimmernd stürzte das grün überall durch geöffnete fenster G. Hauptmann
Anna (1921) 26. IIIIII.
reflexiv. die häufige wendung sich stürzen
beruht auf verschiedenen grundlagen; die formale gleichheit läszt jedoch in der modernen sprache die grenzen sehr schwankend erscheinen. III@11)
in anschlusz an I B;
das reflexivpronomen ist lediglich äuszeres object, so dasz kein echter reflexiver gebrauch des vb. vorliegt; die vorstellung einer abwärtsbewegung bleibt erhalten; im älter nhd. gut bezeugt, fast ausschlieszlich in der wendung sich stürzen in;
der charakter des äuszeren objectes am deutlichsten in verbindung mit selbst: sich selbs abhin stürtzen Frisius (1556) 826; (
ein schwimmer) der sich selbs in das wasser stürtzt Spreng
Ilias (1610) 164
b; was den kalten bösewicht Wurm bewegen kann, sich selbst in das verderben zu stürzen O. Ludwig 5, 294; eines fremden landes wegen sich selbst in gefar stürzen Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 325;
meist bleibt die verbindung zu I B
dadurch deutlich, dasz in den verschiedenen anwendungen an stelle des reflexivpronomens ebensowohl ein anderes object gesetzt werden kann: haben sich ... seinetwegen mit den köpfen in die mäntel gewickelt und von einem felsen ins meer gestürtzt Grimmelshausen 4, 605
Keller; die ander ... sich der vorigen ursachen halben ouch tet stürtzen in das mere und ertrencken
N. v. Wyle
translat. 327
Keller; die schmach erlitten sie trawrig von dem tyrann, dass etlich sich zu todt stürtzten, ein theyl sich henckten H. Sachs 16, 256
K. G.; ich kann ohne diese freundschaft doch nicht leben: ich stürze mich in den tod H. v. Kleist 5, 301
E. Schmidt; links Thisbe über dem toten Pyramus sich in das schwert stürzend Stainhöwel
de claris mulieribus 54
lit. ver.; dasz alle übrigen, die ihre hand nicht erhielten, in ihre säbel sich stürzen sollten
F. M. Klinger
theater 3, 124.
indem der charakter des reflexivpronomens als äuszeres object verblaszt, wird die handlung in dem gleichen masze stärker rückbezüglich empfunden. ohne dasz formale änderungen eintreten, liegt damit schon der gleiche sinn wie in 2
vor; am frühesten in den übertragenen anwendungen: und dient dein gram sonst nirgend zu, als dasz du dich aus deiner ruh in angst und schmertzen stürtzest und selbst das leben kürtzest P. Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 368
a; lieber eher den kauf gantz ausschlagen, als sich in sothane egyptische dienstbarkeit eigenwillig stürtzen v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 15; der sich in heisze noth und tiefen kummer stürtzt A. Gryphius
trauersp. 30
Palm; das unglück, darein man sich und andere gestürtzet Chr. Wolff
vernünft. gedanken v. gott (1720) 259; ew. exzell. geben ja wohl dem patienten den erlaubniszschein, sich ins unglück zu stürzen, aus dem er nicht zu retten ist Göthe IV 29, 3
W.; in moderner zeit auch in den eigentlichen anwendungen: erhenk dich! stürz dich in bronn! maler Müller 1, 343; und schreckte dieses jammervolle beispiel die rasenden zurück, die sich wetteifernd um ihretwillen in den abgrund stürzen Schiller 12, 403
G.; da scholl vom kirchturm 'eins' herab, da stürzten die geister sich heulend ins grab Heine 1, 27
Elster; werf ich die kleider ab, stürze mich in den flusz, schwimme unterm wasser fort Schiller 2, 92
G.; während sich die küken ins wasser stürzten und fortschwammen Fontane I 5, 188;
in bildlichen wendungen bleibt der anschlusz an I B
deutlicher: wir aber stürzen uns lieber in die wirbel der geschichte Eichendorff
sämtl. w. 2 (1864) 201; kraftgenies, die sich nun glücklich in das meer der vergessenheit gestürzt haben Fr. Schlegel
in Athenäum 1, 2, 84. III@22)
in jüngerer zeit von handlungen, die ihrem sinne nach das subject nur auf sich selbst, nicht auf ein anderes object richten kann; daher sich an II C
eng anschlieszend; das reflexivpronomen hat nicht mehr den charakter eines eigentlichen objectes, sondern bewirkt gegenüber dem gebrauche von II C
eine schärfere betonung der handlung als einer vom subject beabsichtigten: III@2@aa)
in gewissen präpositionalverbindungen, am häufigsten sich stürzen in,
wird formal die verbindung mit dem sinne einer abwärtsbewegung aufrecht erhalten: die mägde ... erschraken demnach aufs heftigste ... und stürtzten sich mit einem weibischen geheule in das unterhausz Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 2, 337; (
eine kohorte) verliesz die legion ..., stürzte sich in drey nachen, warf die treulosen schiffer ins meer Klopstock
gelehrtenrepublik (1774) 243; im fremden lande, in das ich mich ... gestürzt habe Göthe IV 8, 127
W.; manchmal fuhr ein verstörter waldvogel aus dem gebüsch, sich erschrocken in wildem zickzack in die nachtluft stürzend Eichendorff
sämtl. w. (1864) 3, 427
Kosch-Sauer; ist sie unbelauscht allein, stürzt ihr aug sich in den spiegel, schwelgt in ihrem wiederschein Lenau
sämtl. w. 288
Barthel; jetzt stürzt sie sich ins gewühl E. Th. A. Hoffmann 14, 151
Grisebach; ich stürze mich mitten unter die ungläubigen haufen Thomas Abbt
verm. w. 2, 69; und von grimmer wogen spitze stürzt geborsten sich das schiff Eichendorff
sämtl. w. (1864) 1, 632
Kosch-Sauer; würde sich ... schnell in die weitgeöffneten arme des wackern mannes gestürzt haben W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 163; wie getrennte geliebte nach lang entbehrter umarmung in die arme sich stürzen Hölderlin 1, 44
Litzmann; häufig mit abstractem ortsausdruck: stürzen wir uns in das rauschen der zeit, ins rollen der begebenheit Göthe 14, 84
W.; der sohn ... stürzte sich über hals und kopf in das abenteuer
ebda 24, 86; in unserer jugend haben wir auch solche streiche gemacht, mit heiler haut, ohne zweck und noth, uns in gefahr zu stürzen IV 33, 238; und stürzte sich mit ... eifer ... in die vorbereitungen zu dem festlichen tage W. Raabe
hungerpastor (1864) 3, 214; sich in die arbeit stürzen: sich hals über kopf in seine neue studien zu stürzen Spielhagen 1, 149;
mit stärkerem hervortreten der vorstellung einer abwärtsbewegung: stürzen sie sich in keine heimatlosigkeit wieder Dahlmann
in briefw. zw. Jac. u. W. Grimm, Dahlm. u. Gervinus 2, 235
Ippel; dasz ich für mädchen mich in schulden stürze Gaudy 1, 161; sich für dergleichen in unkosten zu stürzen W. v. Polenz
Grabenh. 1, 232;
in poetischer personifizierung wird die verbindung mit dem reflexivpronomen, das das subject als ein persönliches, absicht tragendes erscheinen läszt, auch da gewählt, wo die umgangssprache den intransitiven gebrauch hat; besonders von flüssen und bergen (
wie II B 4): an die Lippe, welche an der lincken seiten beyweg fleust, und sich flugs in den Rhein stürzet Prätorius
winterflucht (1678) 32; der strom den hirten jagt, sich in die thäler stürzt, und immer weiter rücket v. König
gedichte (1745) 9; und wo im felsengrunde der eingeklemmte flusz sich schäumend aus dem schlunde auf räder stürzen musz Göthe 3, 41
W.; wo ... von hohen felswänden sich schäumende bäche stürzen 24, 367; den von klippe zu klippe, von platte zu platte in die tiefe sich stürzenden felspfad 29, 117; die berge selbst stürzen sich in und um die stadt H. Laube
ges. schr. 8, 183. III@2@bb)
in präpositionalverbindungen, die auch formal die vorstellung einer abwärtsbewegung aufgeben: dasz ich mit ungeduld zu dir mich stürze Göthe 1, 426
W.; so stürzen sich ganze heerden zu ihren füszen; sogar im bassin die fische 2, 87; schaudernd, will er mich umfassen, stürz ich mich an seine brust Müllner
dram. w. (1828) 2, 38; da alles blut in seinem körper sich nach seinem kopfe stürzte J. J. Chr. Bode
Tristram Schandi (1774) 3, 16; noch denselben mittag stürzte sich die wüthende schaar von der citadelle aus gegen die verschanzungen Moltke
ges. schr. u. denkw. 2, 19;
vereinzelt schon alt: so hebt er (
der walfisch) sich auf dem meer, die schiff mit ungestum uberpurtzt und sich damit zu grunde sturtzt, vil sants auf den ruck mit auf furt
meisterlieder Berliner hs. fol. 23, 189;
in fester anwendung sich auf einen stürzen,
vgl. dagegen auf einen zu stürzen (
sp. 713): gleichnis vom löwen, der sich auf ungehütetes kleinvieh stürzt Göthe 41, 1, 288
W.; allem trotzend, stürzt sich die begierde auf ihren gegenstand Moltke
ges. schr. u. denkw. 2, 225;
ebenso: (
er) stürzte sich ohne zögern über den feindlichen anführer Holtei
erz. schr. 14, 82. III@2@cc)
selten ohne nennung eines ziel- oder ausgangspunktes, von der heftigen, jähen bewegung selbst, meist im sinne von '
sich überstürzen': (
ein) wiesengrund, durch welchen sich eine klare quelle bald stürzte, bald ruhig laufend schlängelte Göthe 25, 156
W.; reiszende, tiefe ströme, die ihr euch gewaltig daher stürzt Giseke
poet. w. (1767) 21
Gärtner; nun stürzte und hastete sich Elsbeth, in kurzen worten die geschichte zu erzählen W. Alexis
Roland (1840) 33; ich hüte mich, und meine fehler stürzen sich nicht mehr wie gebirgswasser einer über den andern Göthe 24, 10
W.; poetische list, ... ein unreifes lächeln, alles das stürzt sich über und durch einander H. Laube
ges. schr. 8, 19. III@33)
schon älter nhd. ist echter reflexiver gebrauch bezeugt in der bedeutung '
die richtung, den neigungswinkel ändern'
vom gange im bergwerk, s. Mothes
baulex. 4, 288: wenn er oben tonlegig und tiefer unten seiger fällt, sagt man: der gang hat sich gestürzet
bergm. wb. (1778) 541; denn die genge winden, schlingen und stürtzen sich in der erden wie ein schlang Mathesius
Sarepta (1571) 31
b; felt der gang seiger und gewint drauf ein danleg oder stürtzt er sich, so wil mans für besser achten, denn wenn er gar zu flach felt Mathesius
ausgew. w. 4, 208
Lösche; wenn ein gang donlege niederfället, so saget man: der gang stürtzt sich ins hangende oder liegende Hertwig
bergbuch (1734) 389
b. III@44)
ganz vereinzelt steht im älter nhd. reflexiver gebrauch vom straucheln, fallen des pferdes: wie einem unbändigen pferdt der ziegel gelassen und aufgeschlagen wirt, bis sichs müde geläufft und abgerennt, oder sich stürtzt und zu grunde geht G. Nigrinus
anticalvinismus (1595) 170; mag es sich (
das pferd) im anstosz (
beim straucheln) tödtlich stürtzen J. Fayser
hippokomike (1623) 201.