hinter,
adj. posterior. Das wort ist identisch mit dem vorigen; das adverbium hat adjectivische functionen und damit flexion überkommen. eine comparativbildung, etwa zu hin,
wie angenommen worden ist, liegt in ihm nicht vor; seinerseits aber entwickelt es, aus euphonischen gründen, im nhd. keinen comparativ (Dasyp.
übersetzt zwar posterior durch der hinderer,
aber wie es scheint aus pedanterei);
dagegen tauchen comparativformen im ahd. mehrfach auf. Graff 4, 703.
der superlativ ist nicht selten. 11) hinter
nach hinten befindlich, zurück liegend: die hinteren zimmer, hinteren bänke, hinteren reihen; lasse derowegen die fünf vorderste glieder (
der soldaten beim exerzieren) still stehen, und die fünf hindere glieder mit den gehalbirten reihen hinein tretten. Böckler
kriegsschule (1668)
s. 313; wendet man sich mit den 13. hintern reihen rechts umb. 314; unsre vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls über hals und kopf nach.
a. m. im Tockenb. 149; diese hintere säule (
eines pflugs).
oecon. lex. (1731) 1891; um nun den hintern raum der piedestalfläche auszufüllen. Göthe 28, 114; dieser schlüssel öffnet die hintern zimmer im pavillon der königin. Schiller
Karlos 2, 4; die hintern beine
eines thieres: er traff den hirsch zun hindern klawen hinein, dasz ihm durch bede ohrn hinaus gieng. Agr.
spr. (1560) 322
b; dîne hindern füeʒe süln an mînem munde stâ
n. Haupts zeitschr. 1, 399, 54.
In verbindung mit seinem gegensatze für: das hinder für keeren, ungereimte und unerhörte ding thuon, alle arbeit verlieren,
mulgere hircos. Maaler 223
a;
temporal: unser frauen tag, der hintere,
festum nativitatis Mariae. Frisch 1, 454
c.
Im superlativ: wie sie dich angriffen auf dem wege, und schlugen deine hindersten, alle die schwachen die dir hinden nach zogen.
5 Mos. 25, 18; jaget ewern feinden nach, und schlahet ire hindersten.
Jos. 10, 19; (
auf das commando) her stellt euch, so gehet das hinterste glied wieder langsam zurück. Böckler
kriegssch. 308; der hinterste oder 2te theil des pfluges. Jacobsson 6, 81
b; iren keiner wolt der hinderst sein, sie teten eilends fliehen. Uhland
volksl. 508; die muoter aber in der schar die hindrist an der marter war. Wickram
pilger N 3
bl. 47; als sich die sonn begann zu neigen, darmit den abendt anzuzeigen, die bawrn vom acker zohen ein, wolt er auch nicht der hinderst sein. Wolgemuth
newer Esop (1623) 2, 305. 22)
der superlativ ist namentlich in formelhaftem gebrauch 2@aa)
mit seinem gegensatze vorderst: kehret das hinderst zu förderst. Kirchhof
wendunm. 263
b. 265
a; Jahn Clam geht ein, hat einen harnisch zu hinderst förderst angelegt und sich gar wunderlich staffirt. J. Ayrer 397
d (1997, 6
Keller); gedult, gedult! sagte ich zu mir, gut weil will ding haben (dann ich brachte alles das hinderst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret ware).
Simpl. 3, 150
Kurz; in éin wort verschmolzen: sie trauerten und wurden wie verstockt und thaten alles hinterstfür. E. Möricke
vier erzähl. (1856)
s. 154.
als übersetzung von ὕστερον πρότερον: was der prose ein unverzeihliches hinterstzuförderst wäre, ist dem wahren poetischen sinne nothwendigkeit, tugend. Göthe 33, 203; durch welches hinterstzuvörderst die wunderlichsten verwicklungen und verwirrungen in die naturlehre gekommen sind. 52, 85; Newtons vortrag besteht aus einem ewigen hinterstzuvörderst, aus den tollsten transpositionen. 54, 42. 2@bb)
in den verbindungen zu hinderst: daʒ dritt kämerlein ist ze hinderst in dem haupt. Megenberg 4, 29; aufs hinterste,
aufs äuszerste, letzte: kerten do iren krieg allen über in, und schulten in, und handelten in bisz uff das hinderst. Keisersberg
bilg. 76
c; (
der schultheisz) schetzt die andern bawren aufs aller hinderst. Kirchhof
wendunm. 145
a; (
landfahrer) fahren von einem herrn zum andern, von einer statt zur andern, dieselbigen bisz aufs hinderst ausmergeln.
wegkürzer 32
b; man solt den fliehenden nicht bisz auf das hinderst verderben anligen (
non usque ad perniciem fugientibus instare). Fronsperger
kriegsb. 3, 254
b. 33)
für jenes unhübsche und gemiedene wort, was th. 1, 564
ff. aufgeführt ist, wird gern verhüllend und mildernd hinter
in substantiver stellung, im positiv oder superlativ verwendet: muszt all die garstigen wörter lindern, aus sch — kerl schurk, aus — mach hintern. Göthe 56, 66;
oft in der schrift auch nur durch den anfangsbuchstaben angedeutet: was henker! freilich händ und füsze und kopf und h — — die sind dein. 12, 91.
mhd. der hindere Lexer
wb. 1, 1293; so sol er (ob gott wil) ein purgation fressen, die im bauch und hindern zu enge machen sol. Luther 5, 40
b; ich were wert, das man mir den hindern mit ruten wol zusteupt. Alberus
widder Witzeln H 7
a; wider den schwerenden hindern und verwundten maszdarm. Tabernaem. 602; orchester! ja, wo du kupplerin den diskant wirst heulen, und mein blauer hinterer den konterbasz vorstellen. Schiller
kab. u. liebe 2, 4; der hinter ist ir also schmal.
fastn. sp. 633, 22; und urtail, das man ain lieht preng und im sein har im hintern ab seng. 707, 18; und wenn er keinen hintern hat, wie mag der edle sitzen? Göthe 2, 279; macht daher dem ersten fremden rechts einen tiefen bückling, es war nichts schlechts; aber hinten hätt er nicht vorgesehn, dasz da auch wieder leute stehn, gab einem zur linken in den schoos mit seinem hintern einen derben stosz. 13, 114; zum kessel sprach der neue topf: was hast du einen schwarzen bauch! das ist bei uns nun küchgebrauch; herbei, herbei du glatter tropf, bald wird dein stolz sich mindern. behält der henkel ein glatt gesicht, darob erhebe du dich nicht, besieh nur deinen hintern. 5, 237.
In sprichwörtlichen wendungen: bis so lange sie selbs die feinde in hindern geschlagen und inen ein ewige schande angehenget hat. Luther 3, 271
b (
nach ps. 78, 66); hat gleichwol den kopf aus der schlingen zihen, und die sache ganz auf Hornung schieben wöllen, sihet aber nicht, das er gar mit dem hindern hinein gefallen ist. 5, 267
b; das man das gute aus den augen setzet, und allein in die augen bildet, und ansihet, wo er unrein ist, als hette man lust einem andern, mit urlaub, nur in hindern zu sehen. 360
b; gehen von der wand, so zustoszen sie den hindern nicht. 6, 98
a; ich habe unsern herrn gott lehren wöllen, aber der fromm gott hat mich fein in hintern sehen lassen, dasz mein meistern ist zu nichte worden.
tischr. 27
a,
als zeichen der verachtung; sunst het der mensch ... gott den hindern botten. S.
Frank guldin arch (1538)
vorr. bl. iij
a; wan ich euch dan den hindern kort (
kehrte).
Haupts zeitschr. 8, 535, 134; die (
meretrices) das gras mit dem hindern abmehen.
facet. facet. 430; dasz mich auch reuete, dasz ich meinen praeceptoribus mit dem hindern nit ins angesicht geloffen, wann sie mir etwan zu zeit einen product geben.
Simpl. 3, 152
Kurz; wann euch die magd, oder der knecht nicht anstehet, so schlagt sie mit der thür
s. v. vor den hindern (
stoszt sie zur thür hinaus).
unwürd. doct. 755; den hinteren nicht bedecken können,
vulg., pauperem esse et nudum. Frisch 1, 454
c; den hintern küssen,
als zeichen äuszerster demut: so würde er nur den ganzen tag dem bürgermeister den hindern zu küssen gehen. A. Gryphius 1698 1, 863.
als zeichen liebkosender neckerei: und halset und kusset in an ain packen und ward in in den hindern zwacken.
fastn. sp. 325, 5.
In superlativer form: das die kutten am hindersten, und an beinen und fornen entgenzet und zurissen ist. Luther 2, 295
a; ein ander ward mit der thür vor den hindersten geschlagen (
muszte aus dem hause). Chr. Weise
erzn. 75.
auch im neutr.: er (
Mahomet) gebeut, wenn sie beten wollen, sollen sie die hende und angesicht, und
unten (mit urlaub) das hinderst und förderst, wie ers grob gnug nennet, .. waschen. Luther 8, 21
a; es (
das eherne meer) stund aber also auf den zwelf ochsen, das drei gewand waren gegen mitternacht, drei gegen abend, drei gegen mittag, und drei gegen morgen, und das eherne meer oben auf inen, und alle ir hinderstes (
τὰ ὀπίσθια αὐτῶν) war inwendig.
2 chron. 4, 4;
welches geschlecht selten auch im positiv auftritt: der Melech (
ein hund) setzte sich schön aufs hintere, bellte einige töne. J. Gotthelf
schuldenb. 57. 44)
der superlativ auch in anderer bedeutung: das hintere, ein hinteres,
das aftergetreide, das bei der windmühle hinten abfällt. Schm. 1, 1138
Fromm., vgl. unten hinterfrucht, hintergetreide; das hintere
des pfluges, pflugsterz: die natur .. hat dir groszen last ab dem halsz schieben wöllen, sag ir dank, dann du darfest kein schwere last tragen, laden und füren, keinn pflug bei dem hinderen umbziehen, du bist zu einem anderen und bessern tauglicher, du solt studieren.
Petr. 113
a.