wahn,
adj. mangelnd, mangelhaft, leer, nicht ganz voll u. s. w. ein altes, jetzt nur noch in resten in den mundarten lebendes wort. II.
herkunft und verbreitung. ein urgerm. wort, ahd. mhd. wan (
worauf auch die seit dem 11.
jahrh. gebrauchte conj. wan
ausgenommen, wenn nicht, zurückgeht),
dazu as. wan
mangelnd, mnd. mnl. wan,
noch jetzt in nl. mundarten wan (
s. unten II, 2. 4. 6
und Kilian 651 wan
vanus, inanis, vacuus, malus, pravus als fland. holl. zeland.),
fries. won (
nur in zusammensetzungen erhalten),
ags. won (
prädicativ meist schwach wona)
mangelnd, fehlend, frei von etwas, nicht voll (
im jetzigen engl. als wan-
nur in zusammensetzungen erhalten),
anord. vanr
fehlend, ermangelnd einer sache (
dazu die ableitung vanta,
mangeln, engl. want),
aschwed. van Rydqvist 6, 499 (
im jetzigen schwed., norw. und dän. ist van-
nur in zusammensetzungen erhalten),
got. wans
mangelnd, fehlend (
auch in ableitungen vorliegend).
auszerhalb des germ. ist verwandt lat. vānus
leer, eitel, gr. εὖνις beraubt, verwaist, arm. unain
leer, avest. skr. ūna-
mangelnd, zu einer wurzel vā ū
mangel haben. das wort kommt im 8. 9.
jahrh. als '
mangelnd',
dann bei Notker
als '
mangelhaft'
vor und gewinnt in verbindung mit dem gen. als '
frei von etwas'
in der mhd. litteratursprache einen gewissen umfang, ohne sich dauernd in dieser verwendung halten zu können; an der grenze der mhd. und nhd. zeit kommt es in der geistlichen litteratur (
wol nicht ohne einflusz des lat. vanus)
in der übertragenen bedeutung von '
eitel, nichtig'
öfter vor, auch einmal bei Luther
als wahn;
dauernd gehalten hat sich das wort nur in der bedeutung '
leer, nicht ganz voll'
von gefäszen, dem menschlichen magen u. dgl., auf diese bedeutung wird auch in den glossaren (
nicht in den gröszeren wörterbüchern des 16.
jahrh.)
mitunter hingewiesen und sie erscheint im 17.
jahrh. bei Krämer, Schottel
und Stieler (
s. unten II, 6).
eine ausführliche besprechung widmet dem wort, das aber im '
hochdeutschen längst veraltet'
genannt wird, Adelung;
er führt alle hauptbedeutungen des wortes, die er theils aus der alten sprache, theils '
aus einigen gemeinen mundarten Ober- und Niederdeutschlands'
kennt, an. darunter befindet sich auch die aus dem nd. stammende bedeutung '
thöricht',
die auch im 19.
jahrh. bei schriftstellern nd. herkunft zuweilen vorkommt. im ganzen kann das wort schriftsprachlich jetzt als abgestorben gelten und erhält sich nur in einigen zusammensetzungen, deren zahl aber in raschem schwinden begriffen ist, da die meisten der hierher gehörigen, noch von Adelung
und Campe
angeführten bildungen, jetzt völlig verschollen sind. IIII.
bedeutungen. II@11)
als '
mangelnd, fehlend'
in absolutem gebrauch kommt wan
nur im ahd. vor: deest, wan ist
im keronischen glossar, Steinmeyer-Sievers
gl. 1, 22, 4 (
in gl. K. und Ra., während in Pa. wanna ist
steht); wan wesan,
deesse. benedictinerregel cap. 38; wan sint,
desunt. cap. 53; wan si von dir,
absit a te. Tatian 90, 4.
hier auch mit persönlichem dativ: waʒ ist mir noh nu wan,
quid adhuc mihi deest? 106, 3; fon thiu iru wan ist,
ex eo quod deest illi. 118, 1. II@22)
die bedeutung '
mangelhaft, unvollkommen'
läszt sich seit Notker
nachweisen, der das wort öfter für '
imperfectus, diminutus'
gebraucht, Graff 1, 855.
auch vom mond, der nicht vollständig gesehen wird (
vgl. das verb. wahnen): be díu íst er danne fol, sô er áber bî íro (
der sonne) gât, wánda sî ín dánne óbenân ánaskînet, pe diu íst er dánne wáner únseren óugon.
Marcianus Capella 2, 10 (1, 790, 10
Piper).
später kommt diese bedeutung bei dem selbstständigen wort merkwürdig selten vor, während in zusammensetzungen wahn-
so häufig das unvollkommene, ungenügende, schlechte bezeichnet. doch ist das compositum von der verbindung des adj. mit einem subst. nicht streng abzugrenzen und die letztere mag öfters vorliegen, wo in unsren texten die zusammensetzung steht. sicher liegt die attributive verbindung wol an folgenden stellen vor: dy rotman habin dy gewalt, daʒ sy richtin obir allirhande wane mase und unrechte woge und unrechte scheffele.
Magdeburg - Breslauer schöffenrecht 1, 6
Laband; alle wane moʒ an winschenken und an byrschenken, an scheffeln, an czu cleynen vaszen, wer daʒ brichet der ist bestanden driszig schillinge noch wyllekör der burger.
willkür der st. Leobschütz, diplomat. beyträge 1, 17;
vgl.wahnmasz. Kilian 651
gibt für wan
auch die bedeutung '
malus, pravus'
an und im dialekt von Nordholland ist waan
noch jetzt auch '
widerwärtig' (
von einem anblick, dem wetter u. s. w.). Boekenoogen 1177.
in Südhannover kann wan '
schief'
sein. Schambach 285 (
vgl. auch ebenda wānig
schlecht, fehlerhaft).
sonst treten noch 2
specialisierungen bei dem worte hervor. II@2@aa)
in nd. und ndl. mundarten wird es von balken und brettern gebraucht, die einen fehler haben, indem sie keine gerade flache bilden oder das holz an einer stelle abgesplittert ist. Schambach 285. Boekenoogen 1177.
so schon mnd.: 1½
m. pro 30 fulle und 6 wane delen to den bollwerken.
quelle bei Schiller-Lübben 5, 582.
vgl. auch das subst. wahn
unten II, 8. II@2@bb)
in rheinischen mundarten kennt man es von fehlerhaft gearbeiteten geräten, die nicht haltbar sind, so in Oberhessen wān, wōn Vilmar 441,
z. b. das schlosz ist ganz wōn gemacht.
in Luxemburg wand '
von hölzernen zusammengesetzten gefäszen, wenn sie vor trockenheit die fugen auseinandergehen und folglich den flüssigen körper ausrinnen lassen'. Gangler 475.
ähnlich in der Eifel wan Frommann 6, 20 (
von fässern, butten, wagen, deren reife sich lockern),
am Niederrhein wann Fusz (1873) 13.
vielleicht ist hier auch die bedeutung '
thöricht, toll' (II, 7)
anzuschlieszen. II@33)
seit dem ende des 12.
jahrh. findet sich wahn
mit einem genetiv prädicativ als '
eines dinges ermangelnd, entbehrend'. wahn sein, werden, bleiben, etwas wahn machen: wider dich bin ich valsches wan, mit triwen ich dich meine. Hartm. v. Aue 1.
büchl. 1757; mîner kraft und sterke bin ich worden wan.
S. Oswaldes leben 1783
Hagen; den (
kopf) enpfienc sie von dem boten und wolt dar ûʒ getrunken hân; alsô snelle wart er wan des clâretes und verswant. H. v.
d. Türlein
krone 1556; wan sô diu minne ir süeʒen louf an mir begünde trîben, sô müeste ich gar belîben ir lônes îtel unde wan. K. v. Würzburg
traj. kr. 22179; minne mit vollen wart gewert, swer sî mit liebe het gegert. der beider phant wart nû lô
s. diu minne hie solhe liebe kôs, daʒ minne lieb wart hie wan. U. v.
d. Türlin
Willehalm 303, 17
Singer; swelch mensch hat valschen mut, daʒ wirt niht gut, wie man im tut, tete man im hundert kappen an, doch were sin hertze tugende wan. H. v. Trimberg
renner 3242; swelch mensch an ditz gestirne siht und gotes wunder niht merket dran, der ist guter witze wan. 10991; unt want ich tummer sinne bin, meistirlîchir kunste wan. Nic. v. Jeroschin 303
Strehlke; di brûdere sus gedâchtin: stritin sî dî vîende an unde wurdin sigis wan. 7446; nû wolde got der gûte doch ir arbeit nicht inlân sô gar nutzis blîbin wan. 20789; sich huob ein michel schal ja von den törpeln überall, die waren osterweins nit wan.
Neidhart fuchs 3744
Bobertag. in vielen dieser belege ist wahn
wol schon als '
leer'
empfunden worden, namentlich da, wo von einem körperlichen inhalt die rede ist, wie ganz deutlich an folgenden stellen: daʒ iu der munt noch werde wan, ich mein der zungen drinne, als iuʒ herz ist rehter sinne! W. v. Eschenbach
Parz. 316, 4; alsus schiet der fuhs hin von dan zornes vol und speise wan. H. v. Trimberg
renner 5464; sie waren gutes willen wan und arges willen erfult. H. v. Hesler
evang. Nicodemi 1820
Helm. so auch, wenn eine bestimmung mit von
angeschlossen ist: des en wert min herte nummer wan van jammer und van ruwen.
Marienkl. 255
bei Schiller-Lübben 5, 582; ain gedärm ... gêt von dem magen ze tal, daʒ haiʒt daʒ vastend gedirm, dar umb, daʒ eʒ alle zeit wan ist von den gerben des eʒʒens. K. v. Megenberg 32, 15; davon seind sye in irem alter göuch, lär und wan von aller erberkeit und rechter wyszheit. Keisersberg
post. 3, 45
a. II@44) wahn
bedeutet auch in absolutem gebrauch '
leer',
hauptsächlich von behältnissen und geräten, und diese verwendung hat sich bis ins nhd. hinein erhalten. der gebrauch ist meist prädicativ; wahn sein, werden, machen: swaʒ wînes dâ wirt inne, und wære der aller hinne, er würde getrunken schiere, solten noch die næhsten viere trinken, als er hât getâ
n. er kan wol köphe machen wan. H. v.
d. Türlin
krone 1988; swer kunst unde wîsheit beidiu in sîn vaʒ leit, der mac wol haben unde geben; sol er tûsent jâr leben, swaʒ er darûʒ gelæren kan, eʒ wirt dâ von niemer wan. Stricker
Daniel 7528; swer arme leute twingen kan, kasten und peutel in machen wan. H. v. Trimberg
renner 2198; unsern herren rufent die armen an, so kasten und peutel in ist wan. 7895; der wirt reicht mir den sinen kopf, und ist er voll, ich mach in wan. Joh. v. Nürnberg,
altd. wälder 2, 58, 255; also gieng es in dem saus, in dem smaczgen und dem jaus, bis die schüsslen wurden wan. Wittenweiler
ring 36
a, 24; dat graf (
Christi) was wan.
ostersp. 121
bei Schiller-Lübben 5, 582; ob dann gesellen zu ime kämen, das sie ain lagl vast wan machten, so soll er (
der händler) den wiert daʒ ander anfailen (
verkaufen).
österr. weisth. 2, 92, 10 (
Tirol 14.
jahrh.). wahn stehn: was hie vor stond wan und hol (
die kästen, scheuern), der sumer es erfült mit manger hand gerüchte.
aus einer Münchner hs. bei Schmeller
2 2, 916; der ander tail (
der geladenen kanone) sol wan stan.
anhang zum Vegelius 1529,
ebenda; das nun allzeit gienet, bettelt und wan steht, das kan nit reich oder voll sein. Franck
sprichw. 2, 108
a; dasz es (
der verband) niergend eindruckte oder zu nach anlege, wie auch nienen wann und öd stunde ... und in einer summ zu reden, als ob ich ihm ein händtschuch ... machen wolte. Würtz
practica der wundartznei (
Basel 1612) 174.
wie hier steht wahn
gern in verbindung mit bedeutungsverwandten adjectiven: bî den zîten was âne swær daʒ ertrîch wan unde lær und ouch dar zuo vinster was. Enikel
weltchronik 336
Strauch; welich dinge enphahen sol, das muos itel, lidig und wan sin. Tauler
pred. 229
bei Schmidt
els. wb. 229.
selten kommt es attributiv vor: aber lug das du nit habst ein rorin leren wanen stab, der usz ror gemacht sy, ein sölchen stab soltu nit haben, und dich dar an lenen. Keisersberg
bilgersch. 22
a.
besonders häufig steht wahn
von der leere des magens und nimmt zuweilen geradezu die bedeutung '
hungrig'
an: si (
der geiz) stecket vol und ist doch wan, alle die werlde für in sie wol, und wer dennoch ir mag hol. H. v. Trimberg
renner 4646; einem reichen man gehœre ich (
der hund) an, der læt mich selten werden wan; auch treit mir sin gesinde zuo allen vollen spat und fruo. 7415; trunken, vol und niemer wan ... du frâʒ, dîn got was dîn pouch. H. v. Neustadt
von gotes zuokunft 7148; der küng (
storch) ir keinen lieʒ genesen: sîn munt was offen, sîn mag wan, er verslant alʒ daʒ im bekam. Boner 25, 37; diu sate krâ und ouch diu wan der leben ist ungelîche. Neidhart xv, 23
Haupt; so eszent und drenkent sie zu frumen die spise, die sie zusamenbrengen, und sagen von wenig wisen dingen. ir fine wetze (
witz) sie dar uf keren, wie sie der stad ir ungelt mit der fulle (
völlerei) gemeren, wan sie werden selden umber (
immer) wan.
Mainzer chronik, städtechr. 17, 318, 7; welch mensch ungleich gespeyset wirt, ye einn tag vol, den andern wan, hewt heys, morn kalt, der mus vergan. Folz,
spruch von der pest (1480) 110; man sol ye den magen etwas ler oder wan lassen, das er icht (
nicht) zu sere dew. Ortolf
arzneib. (1477) 46
a; und erstlich seind 17 stuck, welche die purgation durch den stuolgang hindern ... zum vierdten, so der leib ledig und wan ist. Ryff
chirurgei (1562) 17
a; hie merck, ie wanher oder lediger ein pferd ist, ie mehr es sich strecket und denet zum stallen.
thierbuch Alberti magni D 4
a.
selten wird dagegen wahn
von den kleidern gebraucht als '
entblöszt': der mantel ist ir hindan offan, das ir der rug ist blosz und wan.
teufels netz 12091
Barack; er fand fier siner bilgri ze Kempten wund und wan.
Fabers pilgerb. bei Schmid 516.
lexicographisch wird die bedeutung selten verzeichnet: Diefenbach
gl. 290
c inanis, wane (
aus einem glossar); Kilian 651 wan (
als fland. holl. zeland.),
vanus, inanis, vacuus. jetzt wird aus dem vlämischen wan
als '
leer'
angegeben. De Bo 1180,
während deutsche mundarten es nur als '
nicht ganz voll' (II, 6)
kennen. auch Rondeau,
der wan, wanicht
als altes wort für '
leer'
anführt und Adelung,
der sich auf ober- und niederdeutsche mundarten beruft, werden diese bedeutung meinen. II@55) wahn
in der übertragenen bedeutung von '
eitel, nichtig, unbeständig, erfolglos'
kommt zuerst bei Nic. v. Jeroschin
vor, dann (
meist in verbindung mit bedeutungsverwandten worten)
in der prosaischen litteratur des 15. 16.
jahrh., besonders bei Keisersberg (
wie es scheint, namentlich in den von Otther
herausgegebenen schriften),
auch einmal bei Luther;
doch hat sich dieser gebrauch des wortes, der wol als ein halbgelehrter, durch das lat. vanus
mit veranlaszter, anzusehen ist, nicht dauernd festgesetzt: und dô der vîende her gesach, daʒ irre hoffenunge wân an der geschicht was wurdin wan, daʒ vorhuis si dô brantin. Nic. v. Jeroschin 20114
Strehlke; si (
die feinde) vluhen unde quâmen dan. sus wart der brûdre reise wan. 24765; das ist ein fabel Esopi von der freund und nächstverwandten leichtem und wanem vertrauen. Steinhöwel
Esop (1569) 119
b; wie diser stab der weltlichen, süntlichen, und wanen üppigkeyt hoffnung sy, und was lons er denen zuo letz geb, die sich an in heben, zeigt uns ... Barlaam. Keisersberg
bilgersch. 22
d; stellet er dir dar ... eine wonen, leren und üppigen hoffnung an stat einer christelichen hoffnung. 35
b; so ist din hoffnung ler, wan und hol als das ror. 35
c; das du ... leist dyn hertz und hoffnung uff dise üppige zergengliche ler, wane, unblibliche welt. 35
d; o min hertz ... warumb hastu lieb dise wüsten wanen schnOeden und lychten ding, warumb hebstu dich nit entbor. 51
d; dise welt ist nit anders denn ein waner, Oeder flusz. 196
d; alle wane, üppige lust. 204
b; es ist zuom ersten üppigkeit, das ist üppig oder wan, das nüt nütz ist.
der selen paradis 43
a; es ist ein andrer, der eüch verklagen würt, Moyses, uff den ir hoffnung und grosz vertrawen habent, aber eine wane, vergebne hoffnung.
post. 2, 46
a; der wane und lere namen, wan und ler an kunst. Zell
christl. verantwortung (1523)
bei Schmidt
els. wb. 412; weil denn nu ire (
der papisten) schlüssel so wahn und lehr sind. Luther 5, 226
b. II@66)
die in der neueren sprache vorwiegende bedeutung, die auch jetzt noch in mundarten des südens und nordens lebt, ist die von '
nicht ganz voll, ungenügend gefüllt' (
von gefäszen).
sie wird aus der im vorausgehenden besprochenen von '
leer'
abzuleiten sein (
wendungen wie das unten angeführte eine spanne wahn stehen
bilden dabei die vermittlung),
läszt sich aber auch mit den älteren bedeutungen von '
ermangelnd, mangelhaft'
in verbindung bringen (
vgl. unten das masz wahn lassen).
sie wird seit ende des 15.
jahrh. öfters in glossaren und wörterbüchern angeführt: nicht vol,
supplenus, vulgariter wan.
voc. inc. teut. o 5
b; wane und lere, nit gar vol,
supplenus. ebenda C 2
a; Diefenbach
gl. 568
a supplenus, wan, wane, wann, wain;
nov. gl. 356
a wan, wayn, wane;
nov. gl. 334
b semivacuus, wan, half ful (
aus einem nd. glossar); Alberus
dict. Hh 3
a wan
dicitur etiam quod non est repletum, carens, vacuus, da etwas mangelt; Krämer 1205 wahn,
non riempito, mezzo vuoto; Schottel 1439 wahn,
indigens, non plenus, wahnig, der wein ligt sich wahn; Stieler 2427 wan, wahn,
deficiens, indigens, indigus, der wein ligt wan,
vinum deficit, in deliquione est, oblanguet, die fässer sind wan,
dolia deficiunt, non sunt plena; Adelung das fasz ist wahn, ein wahnes fasz.
die meisten deutsch - lateinischen und modernsprachlichen wörterbücher führen das wort nicht an. in litterarischen quellen läszt sich die bedeutung auch seit dem 15.
jahrh. nachweisen: item haben die stete hir gehandelt eynen merklichen gebrechen, der czu vil geczeiten gefunden wirt an dem heringe, der loze und Oebel gepacket ist, und zemliche tonnen zere wAen sin.
acten der ständetage Preuszens 2, 9 (
v. j. 1436); es sol ouch (
zu) Zúrich nieman enkein wanes vaʒ mit enkeinem wine uf tuon.
Zürcher stadtbücher 1, 95
Zeller-Werdmüller. ein fasz ist, steht, liegt wahn, etwas wahn lassen: si (
die angieszer) suln auch daʒ pier rügen noch sant Walpurgen tage durch den sumer dem pfenter, swa man daʒ maʒ wane let.
Nürnberger polizeiordnungen 206
Baader; swer pier schenkt und daʒ maʒe wan let und daʒ niht füllet. 211; ein vasz, das noch waen stehet, und die erd die noch auffginnet, hat ihe nit wassers und regens genuog, vol aber thuon sie sich zuo, und lassen nit mer hinein. S. Franck
paradoxa 130
a; doch das man die fasz nicht gar voll fülle, damit der wein nicht ersticke, sonder eyn wenig lassen wahn stehn.
M. Sebiz
feldbau (1580) 55; der ... ausz farlässigkeit die weinfasz wahn und halber lähr an warmen örtern hat ligen. Bock
kreuterb. (1595) 442
b; wenn man mehl auff wagen fortführen wil, so müssen die fasz nicht wahn, sondern voll sein, das er sich im führen nicht zu sehr schüttelt oder rüttelt. Coler
hausbuch 1 (1611), 108; doch hab ich auch gesehen, dasz etliche, so balde die möste in keller kommen sein, die fasse etwa eine spanne wahn gelassen haben, damit sie in der gehre nicht überliefen. 2 (1612), 57; wann er (
der meth) erkaltet, soll man ihn in ein fäszlein schütten, bey drey finger wahn lassen, dasz er vergiesse. Tabernaemontanus
kräuterb. (1664) 1526; und ob im keller auch die fasz wahn liegen oder allzu nasz. Ringwald
laut. warh.2 284.
jetzt livländ. wān
eines theils leer, nicht ganz voll. Hupel 255,
ndsächs. wān
brem. wb. 5, 175 (wein, fasz liegt wahn),
in Nordholland wan
von einer angebrochenen flasche. Boekenoogen 1177,
in Coblenz wann
von einem fasz, das bald leer ist. Wegeler 757,
in Basel wan, won Seiler 309 (der wein ist wan '
auf der neige', wan liegen
von einem angebrochenen fasse, worin der wein verriecht),
in Baiern wan Schmeller
2 2, 916 (
wol nur in der älteren sprache, vgl. wähne),
oststeir. wan,
nicht voll gefüllt, halb geleert. Unger-Khull 617.
von dem gefäsz, in dem sich ein getränk befindet, ist der ausdruck dann auch auf das getränk selbst übertragen worden und bezeichnet den zustand, wenn es nicht mehr frisch und gut ist. beim bier ist es '
trüb, hefig'. Fulda 570: wan (
als alt)
feculentus. J. Bödiker
grund-sätze der deutschen sprachen (1690) B 3
b; das eine krügerin alda gewesen, so das bier gar übel und wahn (
adv.? vgl. wahnmasz) den leuten zugemessen. Henneberger
landtafel (1595) 429.
beim wein ist es '
matt, abgestanden, säuerlich'. Seiler 309,
vgl. auch die ableitungen wähnelig
und wahnsig. II@77)
auf das nd. beschränkt sich das wort in der bedeutung '
thöricht',
die vor dem 18.
jahrh. nicht nachzuweisen ist; sie findet sich bei Adelung (
aus '
einigen gegenden', ein wahner mensch,
ein narr)
und Heynatz 2, 608,
der bemerkt, wahn
sei '
in der bedeutung von albern noch am bekanntesten'
; auch noch bei Campe.
die bedeutung wird als eine specialisierung von '
ermangetnd, mangelhaft'
anzusehen sein und hat sich wol unter besonderem einflasz von bildungen wie wahnsinn, wahnwitz
festgesetzt. die nd. idiotika des 18.
jahrh. führen die bedeutung nicht an, doch kennt das brem. wb. 5, 176 waan
als '
unklug, albern, ohne witz und verstand'
aus dem clevischen; in den jetzigen mundarten ist eine steigerung zu '
ausgelassen, erregt, toll'
eingetreten. Frommann 3, 373 (
Mark). 6, 493 (wone,
höchst wütend und aufgebracht, aus Lippe). Bauer - Collitz 111 (wān
e). Woeste 314.
in Westfalen kann das wort durch übertragung auch '
auszerordentlich, ausgezeichnet, grosz'
bedeuten, z. b. en wānen ossen, wāne köppe (
kohlköpfe),
dahin gehört auch das adv. wān, wāne
auszerordentlich, sehr (
vgl. den ähnlichen gebrauch von wahnsinnig
in der schriftsprache).
in der litteratur ist das wort in der 1.
hälfte des 19.
jahrh. mitunter von Niederdeutschen gebraucht worden: jagt das
wahne gesindel hinaus und sorget für ärzte.
F. v. Sonnenberg
bei Campe; sie (
die begeisterung) kann vieles begreifen und was sie begreift, ganz, und rein, ein streit des glaubens wird ihr wahnsinn, weil da der streit aufhört, wo der glaube anfängt; noch wahner der streit über kunst, welche nur ein ausdruck des ewigen daseyns. Arnim im
wunderhorn 1, 453; o welchen jammer hat der mann auf vorzeit, gegenwart und zukunft ausgesäet, sein wahner sinn macht mir verhaszt, die ich als brüder könnte lieben, wenn sie in meine groszmuth heimgestellt.
werke 5, 54 (
der auerhahn); der mensch ist nur verblendet, wahn vor aberglauben, und schamen müszt ich mich, an ihm mich zu vergreifen. Grabbe 2, 146
Grisebach (
k. Friedrich Barbarossa 1, 2). II@88)
substantivierung. im got. steht neben dem adj. wans
das neutr. wan,
mangel, im anord. neben vanr
das masc. vani,
ebenso im ags. neben won
das masc. wona,
mengl. wane,
fehler Stratmann-Bradley 667.
aus dem hd. lassen sich substantivierungen, abgesehen von einer vereinzelten stelle bei Luther,
nicht nachweisen, wol aber aus dem nd. und ndl. in der älteren sprache ist es '
fehler, mangel':
N. N. vragede, efft to Gosler nagel gesmedet weren, dar wan ane were, efft men det vor dem vorstinge richten moge oder nicht?
weisth. 3, 265; wan (
als alt),
defectus, indigentia, inopia. Kilian 651; wer sich nimpt an, uns redlein kan hübschs auff der ban lan umbher gan, und schmeicheln schon, find jederman ein feil und wan, ist jetzt im korb der beste han. Luther 5, 804
Altenb. ausg. sonst treten bei dem neutr. wan
zwei specialisierungen hervor: II@8@aa)
im ostfries. und in ndl. mundarten bezeichnet das wort eine schlechte stelle im holz, ein loch, splitter u. dgl. (
wie auch engl. want '
mangel'
zu fehler, loch in einem brett specialisiert werden kann. Halliwell 915). ten Doornkaat Koolman 3, 505. Molema 476. Boekenoogen 1177 (
besonders die rauhe, mit rinde bedeckte kante von holz). De Bo 1180.
vgl.wahnkante.
ostfries. sprichwörtlich man findt selden 'n swâr stük holt sünder wâ
n. II@8@bb)
in der ndl. schriftsprache ist waan
ein leck in einem schiff. nicht hierher gehört ein österr. masc. wahn,
s.wahne 2. II@99)
in der zusammensetzung zeigen wahn-
von ausdrücken, die der litteratursprache angehören, nur wahnsinn
und wahnwitz,
wo aber anlehnung an das subst. wahn
stattgefunden hat. wahnsinnig
tritt erst im 15.
jahrh. auf (wahnsinn
noch später),
so dasz im eigentlichen mhd. nur wanwitze
gebräuchlich ist, das ahd. besitzt auszer wanawizzi '
vecors'
auch noch wanaheil '
debilis'
und wanwâfan '
inermis'.
in hd. volkssprache lebt noch wahnächs, wahnbauch, wahnsauer,
einige andre worte sind aus dem nd. in neuerer zeit in die schriftsprache gekommen. dort findet sich nämlich wahn,
mit substantiven, adjectiven oder verben zusammengesetzt, in zahlreichen bildungen (
vgl. besonders Germania 23, 5
ff. ten Doornkaat Koolman 3, 506
ff., viele worte kommen schon im mnd. vor),
wie auch im niederländischen, friesischen, englischen und den nordischen sprachen. einige dieser nd. worte begegnen schon in älterer zeit auch in benachbarten md. dialekten (
vgl.wahnhoffnung,
wahnmasz, wahnschaffen).
in den wörterbüchern des 16. 17.
jahrh. werden die zusammensetzungen, abgesehen von wahnsinn, wahnwitz
u. s. w., gar nicht erwähnt; erst Stieler
führt eine anzahl auf, die er wol seiner thüringischen mundart entnahm, andre Ludwig,
aber erst Adelung
ist den bildungen in gröszerem umfang gerecht geworden, obgleich er ihnen allen ein prädicat wie '
veraltet, gemein, mundartlich'
mit auf den weg gibt, noch eine gröszere zahl hat Campe,
verleiht aber auch fast allen das zeichen des landschaftlichen oder veralteten. jetzt sind die ausdrücke verschwunden oder leben nur noch in der technischen sprache. — wahnsinn, wahnwitz
sind mit den seit mhd. zeit vorkommenden bildungen zusammengeworfen worden, in denen wahn-
zu dem subst. gehört und das vermeintliche, falsch angenommene, eingebildete bezeichnet; dasz dies frühzeitig geschah, zeigt das bedeutungsverwandte, von vorn herein zu wahn
gebildete wahnsucht.
diese vermischung der beiden classen von zusammensetzungen ist dem nd. nicht eigen, da hier das adjectivische wan- (
da das a
meist vor doppelconsonant zu stehen kam)
vielfach seine kürze bewahrt hat oder sonst ein unterschied in der aussprache geblieben ist, Ludwig
hat darum wanhirn, wanhoffnung,
dagegen wahngläubig,
allerdings auch schon wahnsinnig, wahnwitz. Stieler,
in dessen sprache auch ein unterschied gewesen sein musz, hat noch wanwitz,
auch wanhoffnung, wanglaube '
falsa fides' (
dagegen 665 wahnglaube '
spes vana'),
führt aber die unterscheidung nicht durch (121 wahnkorn).