wahnsinn,
m. geistige gestörtheit, bei der der mensch krankhaften einbildungen unterworfen ist, verblendung, sinnlosigkeit. das subst. ist jünger als das adj. wahnsinnig (
s. d.)
und tritt erst seit etwa 1780
häufiger auf, dafür steht früher wahnsinnigkeit,
auch wahnsucht, wahnwitz. Luther
gebraucht das wort schon in der jetzigen bedeutung (
s. unten 1),
auch Mathesius
hat es (4),
dagegen fehlt es in den wörterbüchern bis auf Stieler,
der es aber als '
opinio',
also '
unsichere meinung'
anführt, und dann wieder bis auf Adelung.
seit dessen zeit begegnet es auch in der litteratur. auch ndl. waanzin,
schwed. vansinne.
bedeutung. 11) wahnsinn
ist im allgemeinen jede geistige erkrankung, bei der sich wahnvorstellungen zeigen. im engeren sinn bezeichnet es einen zustand, bei dem der kranke zwar vernünftig denkt, aber zwischen einbildungen und wirklichen wahrnehmungen nicht mehr zu scheiden vermag: wahn ist die täuschung, die blose vorstellung einer sache mit der sache selbst für gleichgeltend zu halten. ... selbst der wahnsinn hat daher diesen namen, weil er eine blose vorstellung ... für die gegenwart der sache selbst zu nehmen und ebenso zu würdigen gewohnt ist. Kant 61, 350; wenn der enthusiasmus mit dem wahnsinn, so ist die schwärmerei mit dem wahnwitz zu vergleichen. 7, 129 (
kritik der urtheilskraft); ich vermeine sie (
die gebrechen des gestörten kopfes) insgesammt unter folgende drei eintheilungen ordnen zu können: erstlich die verkehrtheit der erfahrungsbegriffe, in der verrückung, zweitens die in unordnung gebrachte urtheilskraft zunächst bei dieser erfahrung, in dem wahnsinn, drittens die in ansehung allgemeinerer urtheile verkehrt gewordene vernunft, in dem wahnwitze. 10, 13 (
vers. üb. d. krankh. des kopfes); es ist eine von den gemüthsschwächen, durch die reproductive einbildungskraft an eine vorstellung ... geheftet zu sein. ... wenn dieses übel habituell ... wird, so kann es in wahnsinn ausschlagen. 10, 220 (
anthrop. § 45); wahnsinn (dementia) ist diejenige störung des gemüths da alles, was der verrückte erzählt, zwar den formalen gesetzen des denkens zu der möglichkeit einer erfahrung gemäsz ist, aber durch falsch dichtende einbildungskraft selbst gemachte vorstellungen für wahrnehmungen gehalten werden. 10, 230 (
anthrop. § 50); wurzelt die krankheit so tief ein, dasz im anhalten jenes stromes (
der phantasie) ein wenden der attention auf die äuszere wahrnehmung und eine entgegensetzung derselben mit der einbildung ganz und gar nicht mehr möglich ist, so heiszt sie wahnsinn. J. G. Fichte 2, 559; das miszverhältnisz zwischen den sinnen und der einbildungskraft, das den menschen verleitet, fortwährend einbildungen für vorstellungen wirklich empfundener gegenstände zu halten, ist der wahnsinn. Hoffbauer
psychol. untersuch. über den wahnsinn 3 (1807), 21; die dritte form (
der insania bei Celsus) dauert am längsten .., die kranken befinden sich körperlich wohl dabey (verrücktheit). sie nimmt zwey verschiedene richtungen. entweder die phantasie spiegelt blos falsche bilder vor (wahnsinn); oder der verstand ist von verkehrten begriffen gefesselt (wahnwitz). Heinroth
lehrbuch der störungen des seelenlebens (1818) 1, 81; indesz bildet er (
der räsonnierende wahn) eben so wenig eine eigenthümliche species, wie der wahnwitz, den man als wirkliche krankheit des verstandes bezeichnet hat, welcher auf bizarre weise aus natürlichen erscheinungen sinnlose folgerungen ableite, um ihn von dem wahnsinn oder der sinnen bethörung zu unterscheiden, bei welcher der gesunde verstand aus falschen sinnlichen vorstellungen richtige schlüsse ziehe. Ideler
grundrisz der seelenkunde (1838) 2, 448: wahnsinn ... die (mehr oder weniger) dauernde verwechselung bloszer einbildungsvorstellungen mit sinnlichen wahrnehmungen. Beneke
lehrbuch der psychologie2 359.
die neuere medicin unterscheidet auch in andrer weise (
im einzelnen vielfach abweichend)
den wahnsinn
von den übrigen geisteskrankheiten; der gewöhnliche sprachgebrauch folgt indes diesen abgrenzungen nicht. unterscheidungen: partieller, totaler wahnsinn; periodischer, anhaltender wahnsinn; fixer wahnsinn,
der an einer bestimmten idee haftet; verliebter, religiöser wahnsinn, säuferwahnsinn, verfolgungswahnsinn; melancholischer, stiller wahnsinn: denn schon hatte meine mordbegier zum stillen wahnsinn sich verirrt, zum kleinlichen. Möricke
ged. 238.
auch die grenze zwischen wahnsinn
und raserei, tobsucht
ist nicht scharf: Verazio. es ist hier nicht von curen noch von quacksalbereien die rede. wenn wir phantasie durch phantasie curiren könnten, so hätten wir ein meisterstück gemacht.
baron. wodurch wir sie aus dem wahnsinn in raserey werfen könnten. Göthe 11, 55 (
Lila).
dagegen zusammenfallend: sprang er (
Kurl) wüthend auf, fiel seinen mitgefangnen an, risz ihn zu boden, mit des wahnsinns riesenkraft, ihn zu erwürgen strebend. Schiller 12, 575 (
M. Stuart 5, 13); Orest's bedrängung durch die furien äuszert sich ... in periodischen anfällen blinden, zerstörenden wahnsinnes. H. Grimm
fragm. 1, 82.
am meisten bleibt der wahnsinn
vom blödsinn
unterschieden. verbindungen: der herr wird dich schlahen mit wahnsinn, blindheit und rasen des hertzen.
5 Mos. 28, 28. in wahnsinn fallen, verfallen: auch das weib, das ungetreue, starb an champignons vergiftet, und die elster fiel in wahnsinn, weil sie all das angestiftet. Platen 262 (
verh. gabel 3).
beliebt ist die wendung die nacht des wahnsinns: das wirre haar von bleicher wange streifend, die augen wild bewegt und ohne rast, irrlichter, in der nacht des wahnsinns schweifend. Lenau
ged. 1, 299 (1857); die nacht des wahnsinns schlug sich um sein haupt. 2, 378. 2) wahnsinn
steht dann auch übertragen für zustände der erregung, in denen man der überlegung beraubt und durch die das klare urtheil getrübt ist, besonders unter dem banne von leidenschaften. eingeleitet wird dieser gebrauch durch wendungen wie die folgenden: wahrlich, Lysias, es ist eine schlechte heldenthat, ein armes mädchen, das dich bis zum wahnsinn liebt, zu peinigen! Wieland
Lucian 3, 392; mit Italienern und Spaniern ... die ... in ihrer liebe bis zum wahnsinn beharrlich sind. Kant 10, 278 (
anthrop. § 72); welche neigung ... die rechtsbegierde gegen den beleidiger in leidenschaft der wiedervergeltung verwandelt, die oft bis zum wahnsinne heftig ist. 10, 300 (§ 81); trunken bis zum wahnsinn. C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 329.
dann erscheint die leidenschaft selbst als ein wahnsinn: affect ist wie ein rausch, der sich ausschläft; leidenschaft als ein wahnsinn anzusehen, der über einer vorstellung brütet, die sich immer tiefer einnistelt. Kant 10, 278 (
anthrop. § 72).
in verbindung mit einem gen.: o jetzo reut michs, dasz ich sie im wahnsinn der ersten wuth getödtet. Schiller 13, 58 (
Macbeth 2, 10); ich rufe die verwünschungen zurück, die ich im blinden wahnsinn der verzweiflung auf dein geliebtes haupt herunter rief. 14, 121 (
braut v. Mess. 4, 9); im wahnsinn meines schreckens konnte ich nicht ahnen, dasz dies böse von dem gekommen sei, von dem nichts böses zu kommen pflegte. Knebel
an Herder (
von und an Herder 3, 63).
von der freiheitsbegeisterung: der wahnsinn der freiheit, der alle diese pflanzungen ergriffen hat, trieb die neger, die ketten ... zu brechen. H. v. Kleist 3, 194 (
verlobung in St. Domingo); der erste freiheits-, erste sieges-schwindel ist allzu süsz, als dass man sich in ihm nicht gern berauschte. fühl' ich es doch selbst an meines eigenen herzens schlä
gen. deshalb seyd achtsam, dass wir nicht in trunk'nen wahnsinn verfallen, um ermattet zu erwachen. Grabbe 2, 353 (
könig Heinrich VI. 4, 1); und als der befreier selbst ... in Warschau erschien, und überall die dem ohr der begeisterten wohl klingenden töne von dem fall und aufbau ihrer alten herrlichkeit erklingen liesz, ergriff ordentlicher wahnsinn die gemüther. Beckers
weltgesch. 14, 31.
von dem liebesrausch: Laura? träum' ich? ras' ich? — die gedanken überwirbeln des verstandes schranken — sieh! der wahnsinn ist des räzels kunder, staune weisheit auf des wahnsinns wunder neidischbleich herunter. Schiller 1, 280 (
geheimnis der reminiscenz); da ihr die that geschehn lieszt, wart ihr nicht ihr selbst, gehörtet euch nicht selbst. ergriffen hatt' euch der wahnsinn blinder liebesglut. 12, 414 (
M. Stuart 1, 4).
vgl. liebeswahnsinn.
auch von der dichterischen begeisterung: der poete, warum scheut er nicht, sich mit solchen leuten einzulassen! weisz denn der mit wem er geht und wandelt, er, der immer nur im wahnsinn handelt? Göthe 5, 33 (
divan). dichterischer, poetischer wahnsinn: Hoffmann hatte sich zuletzt aus dem poetischen wahnsinn in einen wirklichen hineingeschrieben. Jean Paul
an H. Voss briefw. 1, 143.
in den zuletzt erwähnten anwendungen kommt auch schöner, holder, süszer, seliger wahnsinn
vor: ihre sylbenmaasse sind sehr wohlklingend und die leidenschaft der liebe steigt in ihnen oft bis zum schönen wahnsinn. Herder 18, 56 (
briefe z. beförd. d. human. 8)
Suphan; dasz der dichter ... die phantasie, selbst wider unsern willen, so spannt, dasz wir die regeln der ästhetik ... vergessen, und uns ganz dem schönen wahnsinn des dichters überlassen. Tieck
kritische schriften 1, 37 (1793); des dichters aug', in schönem wahnsinn rollend, blitzt auf zum himmel, blitzt zur erd' hinab (
in a fine frenzy rolling).
Shakesp. sommern. 5, 1; himmelsblume (
liebe), erdenstern rühren an des herzens kern von dem schönsten wahnsinn trunken. A. W. v. Schlegel 1, 145; noch einmahl sattelt mir den Hippogryfen, ihr Musen, zum ritt ins alte romantische land! wie lieblich um meinen entfesselten busen der holde wahnsinn spielt! Wieland 22, 3 (
Oberon 1, 1, 4); im süszen wahnsinn der gedanken, ein zeuge dessen wähnen wirst du dich. H. v. Kleist 3, 364 (
die beiden tauben); es musz dein lied, o dichter, zwar besonnenen verstand bewähren; doch darf es, klingt's gleich wunderbar, auch süszen wahnsinns nicht entbehren! Halm 7, 114; zapft denn die tonnen, und lasset ihn rinnen hell in die becher den göttlichen wein. wohl mir! schon lodert in allen fünf sinnen seligen wahnsinns unsterbliche pein. Arndt
ged. (1860) 121; aber ihm war als wollte seine brust aufspringen, als wär' er selig, wenn er jetzt geliebte menschen umschlingen und an ihnen im seligen wahnsinn seinen busen und sein herz zerquetschen könnte. J. Paul
Hesperus 1, 119.
auch vom erregungszustand beim fieber: alles, was in seinem herzen verschlossen war, lag nun im wahnsinn des flebers auf seiner zunge. H. v. Kleist 2, 177 (
Käth. v. Heilbr. 2, 9). 3)
seltener wird wahnsinn
vom schlaf oder traum gebraucht, bei dem der mensch die herrschaft über seine gedanken verliert: süszer schlaf! ... du lösest die knoten der strengen gedanken, vermischest alle bilder der freude und des schmerzes; ungehindert flieszt der kreis innerer harmonien, und eingehüllt in gefälligen wahnsinn, versinken wir und hören auf zu seyn. Göthe 8, 298 (
Egmont 5); das forttönen der nachtigall und der fünf quellen um ihn wehten ihn einige strecken weit in den dämmernden wahnsinn des traumes hinüber. J. Paul
Hesperus 3, 241. 4)
ferner kann wahnsinn
für '
thorheit, unvernunft, verblendung'
u. dgl. stehen. Adelung,
welcher auf diese bedeutung hinweist, bemerkt, dasz wahnsinn
nicht den grad der härte habe, wie unsinn;
wir empfinden jetzt wahnsinn
als das stärkere wort: gott behüt alle kirchen für disem türckischen und teuffelischen wahnsinn (
der lehre der widertäufer). Mathesius
historie d. Luthers 120, 34
Lösche; die ganze besatzung ..., die nur im wahnsinn hätte hoffen können, die ungeheure steinmasse wenige stunden zu vertheidigen. J. G. Eichhorn
die franz. revolution (1797) 1, 119; weil sie während seiner schwäche als wahnsinn erschienen wäre. Arnim 3, 205; der gedanke daran wäre wahnsinn gewesen. Holtei
vagabunden9 167; und schrecken bändigt die empörung nur. erbarmung hiesze wahnsinn. Schiller 5, 2, 204 (
don Karlos 2, 2);
Odysseus. denn wahnsinn wär's, bei den Olympischen, da dringend uns der krieg nach Troja ruft, mit diesen jungfraun (
amazonen) hier uns einzulassen. H. v. Kleist 1, 194 (
Penthes. 4); nicht groszmut — wahnsinn wär's ihn zur erbauung seines gleichen nicht hinrichten wollen. Grabbe 2, 354.
entsprechend wird heller wahnsinn
gebraucht: es ist heller wahnsinn, den Tschechen eine bewegung schaffen zu helfen, die diese deutschfeinde noch mehr völkisch selbständig macht.
unverfälschte deutsche worte 1900, 228.
die bedeutung geht leicht in die von '
etwas sinnloses, thörichtes, abgeschmacktes'
über: ich rede dir wahnsinn, und werde mir selbst zum gelächter. Klinger 8, 294; so sind denn auch diese dachreihen mit hydern und kleinen büsten, mit musicirenden affenchören, und ähnlichem wahnsinn verbrämt. Göthe 28, 115 (
ital. reise 2). 5)
eine ganz abweichende bedeutung wird von Stieler
angegeben: wansinn,
opinio 2032,
also '
unsichere meinung' (
vgl. wahn II, 3).
ähnlich hat Wieland 1750
das wort gebraucht, an einer stelle, wo es als '
eingebildeter verstand'
dem reifen wissen gegenübersteht: von wahnsinn aufgebläht, an reifem wissen arm, zu klein die edle pracht der ordnung zu bemerken, die nur die augen rührt, die sich mit weisheit stärken, nennt der verwegne schlimm, was er nicht richtig sieht, weil sich ein falscher dunst um seine sinne zieht.
suppl. 1, 50 (
natur d. dinge 1, 540).