ver ,
vorsilbe, vor nomina und verba gesetzt, niemals selbständig; neben ge
die weitest verbreitete partikel. II.
form. I@11)
die germanischen sprachen zeigen vier verschiedene partikeln, die in form und bedeutung nahe verwandt sind: far, fir, fur, fra.
den germanischen stämmen entsprechen die indogermanischen par (
sanskr. parâ,
griech. παρά,
lat. per,
litt. par, per), pur (
sanskr. puras), pra (
sanskr. pra,
griech. πρό,
lat. prôd, prae,
slav. pra, pro),
vgl. Fick indogerm. wb. 1, 140.
diese formen scheinen auf einen stamm zurückzugehen (Grimm
gramm. 2, 851),
welcher die bedeutung '
vorbei, hinweg'
hat und den Fick (
a. a. o.) und Weber (
ind. studien 2, 406)
mit dem verbalstamme par (
hinweggehen)
zusammenstellen. wegen der ableitungen vom germanischen stamme fur
ist für, vor
zu vergleichen; der germanische stamm fra,
goth. fra,
ags. frä,
altn. frâ (
auch selbständig),
dän. fra,
schwed. fr
kommt hier nicht in betracht. ins hochdeutsche scheint er keinen eingang gefunden zu haben; denn die wenigen belege, welche Grimm
gramm. 2, 731
aus dem althochdeutschen aufführt: frapald,
kühn, frasëʒ,
rost, frasûmîc,
versäumend, können auf einer erst im althochdeutschen sich vollziehenden verschiebung beruhen, die ja oft eintritt, wo liquide laute ins spiel kommen. das bei Graff 1, 530
aufgeführte ahd. frâʒ,
präter. zu friʒʒu,
könnte zwar aus fraaʒ,
gleich goth. frêt,
entstanden sein, doch ist es nur einmal als länge nachgewiesen, sonst kürze: fraʒ, vraʒ,
wo ver
einfach sein e
ausgestoszen hat (
wie bei vreischen). I@22)
dem gothischen fra
und fair
steht ahd. far (
z. b. in den glossen St. Galli 913,
den keronischen glossen cod. Par., St. Galli 911,
den ambrosianischen hymnen)
und fir (
z. b. bei Otfrid, Isidorus
cod. Par.)
gegenüber. far, fir
und die weitern entwicklungen treten vor nomina und verba. fir
entspricht lautlich goth. fair,
doch ist es zweifelhaft, ob wir es als unmittelbare fortsetzung aufzufassen haben, denn fir
kann sehr gut aus far
geschwächt sein, wie gi
aus ga, ir
aus ar.
die geringe betonung der vorsilbe hat früh weitere schwächungen eintreten lassen, neben obigen formen steht schon ahd. for (
z. b. Isidorus
Wiener fragment, ev. Matthäi, Augustini sermo 76)
und fur (
z. b. bei Tatian
neben for;
vereinzelt im Hildebrandsliede, ambros. hymnen ed. Grimm 29),
beides verdumpfungen aus far,
doch ist nicht immer festzustellen, ob fur far
oder furi
vertritt. die schwächung fer,
welche später allgemein wird, läszt sich vereinzelt früh nachweisen, z. b. ambros. hymnen 71, 3,
in den keronischen glossen (
cod. St. Galli 913, Steinmeyer-Sievers 3 ferlaucnen),
im Georgsleiche, Ludwigsliede u. s. w. während ga, gi, ar, ir
in denselben schriftstücken oft ohne wahl neben einander stehen, tritt bei far
und den verwandten formen insoweit eine sonderung ein, dasz viele schreiber sich für eine form entscheiden, die alsdann im allgemeinen festgehalten wird. dasz aber auch in ein und demselben schriftstücke oft schwankungen in den einzelnen formen vorkommen, beweist die aufstellung bei Graff 3, 607. I@33)
die schwächung fer
wird allgemein bei Notker
und Williram
und verdrängt allmählich die anderslautenden formen. auch im mhd. ist sie die herrschende, wird aber hier durchgängig mit den sonst vorkömmlichen formen der partikel mit v
geschrieben. auch im mhd. finden sich die formen vir, vor, vur,
doch sind sie kaum als fortsetzungen der ahd. sprechweise aufzufassen, sondern aus ver
neu entwickelt. so zunächst vir.
wir finden es in zahlreichen quellen, besonders in Mitteldeutschland; hier aber hält es schritt mit den vocalen der übrigen unbetonten silben, besonders der endsilben. in den mundarten, wo der unbetonte laut zu i
wurde, wird auch ver
zu vir.
schon in verhältnismäszig alten denkmälern zeigt sich diesz (
vgl. Müllenhoff-Scherer
denkm. 34. 35. 36);
aber dieses i
ist kein klargesprochenes i,
wie das der stammsilbe, sondern der gänzlich tonlose vocal, der in endung und vorsilbe auch mit jedem andern vocale könnte wiedergegeben werden, weil er eben keiner der in der schrift fixierten laute ist. dieser vocal schwankt dialektisch zwischen hellerer und dunklerer färbung und wird darnach in ersterem falle mit i
wiedergegeben. bis zum ende des 15.
jahrh. findet sich vir
neben ver;
in das nhd. fand es aber ebensowenig eingang, wie das i
der unbetonten endsilben. am ende des mittelalters bürgert sich in der kursächsischen kanzlei vor, vur
ein; beide formen sind auch schon in der älteren sprache belegt. für vur
im mhd. bringt Weinhold
bair. gramm. 235
einige belege, vor
zeigt sich bei Nicolaus von Jeroschin, Johannes Rothe
und ist im mnd. die gewöhnliche schreibung für ver. vor
fand auch eingang in die ältern schriften Luthers,
in den spätern steht ver,
ebenso in der bibelausgabe von 1545
und ver
wurde im nhd. das allgemein übliche; nur die kanzlei hielt noch einige zeit vor. I@44)
neben der herabminderung des vocals findet auch gänzlicher ausfall statt, vergl. das oben besprochene fressen (
theil 4
1, 132)
neben mhd. verëʒʒen;
mhd. vreischen
aus vereischen,
ahd. nicht vorkommend, die form vereischen
bei Müller-Zarncke 1, 425. Lexer 3, 104
vielfach nachgewiesen; vretzen,
essen machen, statt veretzen.
nach th. 4
1, 171
gehört auch frevel = verevel
hierher. I@55)
frühe zeigen sich verstümmelungen der partikel, das auslautende r
assimiliert sich dem folgenden consonanten, so bei Otfrid fillorini;
dann r
spurlos abgefallen, ahd. faslant, fastrihhan, fichaufan, fichoufit (Graff 3, 608).
solche formen leiten über zu denen, in welchen nur noch der anlaut geblieben, doch nur vor l
nachweisbar. ahd. fliosan, flor, floran
statt farliosan
u. s. w. und die zusammensetzungen floranheit, flornissida, flornussi, fliosari
statt farloranheit
u. s. w., flâʒen, flâʒâri
statt farlâʒan, farlâʒâri
u. ähnl. Graff 3, 608.
mhd. hat sich nur vliesen, vlos, vlorn, vlust, vlor = verliesen
u. s. w. erhalten. die heutige schriftsprache hat ver
festgehalten; in den mundarten ist in Mitteldeutschland der vocal fast ganz geschwunden. man würde bei strenger fixierung der laute die vorsilbe am besten vr
schreiben, wiewol immer noch ein leiser vocalischer ton geblieben ist. diesz ersieht man daraus, dasz ver
trotz seiner verkürzung noch eine silbe bildet und vor vocalisch anlautender hauptsilbe immer noch selbständig abgetheilt wird: fracht
lautet anders als vr-achtung. —
in Oberdeutschland, z. b. in gewissen bairischen gegenden wird statt ver
gesprochen vo
und ve (Schmeller 1, 842
Fromm.);
in Ober- und Niederösterreich schwand das r,
doch hat es den vocal dem a
angeähnelt, wie auch sonst in dieser mundart geschieht. vollständiges auswerfen des e
vor vocalischem stammauslaute zeigt sich heute nur selten, so wurde in Baiern im vorigen jahrh. vronst = vergunst
gesagt (
aus altem verunst Graff 1, 271
entstanden).
hierher gehört auch nürnb. und windsheimisch vrecken = verrecken Frommann
mundarten 6, 133, 29;
im ungarischdeutschen bergdialekte vrengdern = verändern Schröer
mundart d. ungarischen berglandes 240.
ähnlich führt Schmeller 1, 843
Fromm. aus '
der ältern sprache' vricht = verjicht, vergicht
an. IIII.
gebrauch und vorkommen. II@11)
im gothischen können wir fair
nur vor verben nachweisen, fra
dagegen tritt vor nomina und verba. das deutsche ver
steht vor beiden wortclassen, es ist aber eine partikel, die sich vorzüglich mit verben zusammenfügt, und es macht den eindruck, als seien die nomina mit ver,
meist neuere bildungen, erst neben den zusammengesetzten verben oder aus ihnen entwickelt. schwer wird nachzuweisen sein, dasz ver
unmittelbar an ein nomen antrat, immer stehen verba mit ver
zur seite oder sind leicht zu ergänzen, während ein einfaches substantiv neben der substantivbildung mit ver
nicht immer zu finden ist. auszerdem schlieszt sich das substantiv mit ver
in der bedeutung aufs engste an das zusammengesetzte zeitwort an, wenn es auch in der form dem einfachen substantive manchmal näher steht. II@1@aa)
intransitiva: nhd. verlaufen, vergehen, verscheiden, versterben, verkommen, verbleiben, verblühen, verbluten, verenden, verfallen, verflieszen, verfliegen, verglühen, verrinnen, verschwinden.
in der ältern sprache auch schon zahlreich, z. b. ahd. farfaran, farhloufan, farbrinnan, fargân, farwërdan;
mhd. vervarn, verloufen, verbrinnen, vergân, verschînen (
aufhören zu scheinen), verscheiden, verrinnen
u. s. w. II@1@bb)
am zahlreichsten sind die transitiva mit ver: verachten, verändern, veranlassen, veranschlagen, verbannen, verbergen, verbieten, verbinden, verblasen, verbohren, verbrennen, verbrechen, verbringen, verdauen, verderben, verdrehen, verehren, verfassen, verfehlen, vergeben, verheben, verhören, verknüpfen, verletzen, verlieren, vernehmen, verrücken, versehen, verzehren
u. s. w.; in der älteren sprache: ahd. farbërgan, farbëran, fargëban, farslahan, farzeran, farblâsan;
mhd. verbërgen, verbërn, vergëben, verslân, verzern, verblâsen
u. s. w. II@1@cc)
dasz ver
sich sowol mit starken als mit schwachen verben zusammengesetzt findet, ergibt sich zur genüge aus obigen beispielen und bedarf keiner weiteren belege. II@1@dd)
alle oben angeführten bildungen setzten ver
mit einem einfachen zeitworte zusammen, doch gibt es auch eine nicht geringe anzahl verba, zu denen hein einfaches verbum vorhanden ist, von denen wir vielmehr annehmen, dasz sie aus nomina direct entwickelt sind. das zeitwort mit ver
aus einem substantiv gebildet ist in der ältesten sprache nicht nachweisbar, doch schon im mhd. nicht abzuläugnen (Grimm
gramm. 2, 859),
besonders zahlreich in der heutigen sprache: vergolden, versilbern, verblechen, verbleien, verzinnen, verbrämen, vergittern, verglasen; verbuben, verschwestern, verbürgern, vergriechen, verbritten, verketzern, vernarben, verpelzen, verpulvern, verthieren, verwaisen, verunglücken, verballhornen;
mhd. veraffen, verdieben, vererbschaften, vergîseln, verkebesen, verketzerîen
u. s. w. II@1@ee)
ebenso finden verbalbildungen aus adjectiven statt: verarmen, verbiestern, verbittern, verblassen, verbösern, verdeutschen, verdichten, verdicken, verdünnen, versauern, versüszen, verspäten, vervielfachen, veranschaulichen, verehelichen, vereinzeln, verweltlichen
u. s. w.; mhd. verlützeln, verblîden, verblœden, vereinigen, verwarlôsen,
zu denen kein einfaches verbum nachgewiesen ist. zahlreiche andere zeitwörter, z. b. ahd. farbôrôn, farhartjan,
mhd. verargen, verbittern, verdorren, verminnern, vervinstern, vervrevelen, verunreinen,
nhd. verbessern, vermindern, vermehren
u. s. w., sind zweifelhaft, da ein einfaches zeitwort daneben nachgewiesen werden kann. II@22) ver
vor substantiven, entweder geradezu aus den zusammengesetzten zeitwörtern oder in engstem zusammenhange mit denselben entwickelt (
s. oben).
aus ihrer groszen zahl heben wir nur andeutungsweise die wichtigeren bildungen hervor: II@2@aa)
substantiva, welche die vorsilbe an den einfachen stamm ansetzen. diese bildung im mhd. nicht selten, gewinnt besonders im nhd. weite verbreitung: nhd. verbrauch, verhau, verkauf, verkehr, verlauf, verrath, verband, verbot, verdrusz;
in älterer sprache: ahd. farwurf,
mhd. verbërc, verborc, verdrieʒ, verdrinc (
verdrängen), vergëʒ (
vergessenheit), verwîʒ (
tadel), verbunt (
bund), verbot, verdruʒ, verzoc (
verzug). II@2@bb)
substantiva, welche ver
vor ein (
scheinbar)
fertiges substantiv setzen: vernunft, vergunst, verstand, versatz;
in der älteren sprache: ahd. farkunst (
verzweiflung), farsiht (
verachtung), farnumft (
einsicht),
mhd. vergift, vernunft, vergiht, vergunst, verdienst
u. s. w. diese wörter weisen in der form auf die einfachen substantiva zurück, in der bedeutung schlieszen sie sich aufs engste den schon mit ver
zusammengesetzten zeitwörtern an. II@2@cc)
bei weitem die zahlreichsten substantivbildungen sind die, welche mittels fortbildungssilben das zeitwort, nach allgemeiner auffassung, weiter entwickelt haben. da das wörterbuch alle einzelformen zu besprechen hat, so bedarf es hier nur einiger andeutungen und weniger belege. substantiva auf ver
mit vocalischem zusatze weitergebildet, in der alten sprache selten, sind heute, wie es scheint, gänzlich ausgestorben. desto häufiger sind die weiterbildungen mit consonantischen endungssilben: wir heben hervor in früherer zeit die wörter auf -ida, -ede,
ahd. fartrostida (
sicherheit), fardruchida (
verdrückung), farfuorida (
verführung),
mhd. verendede (
ende), verherde (
verheerung), verkêrde (
verkehrung);
nhd. sind diese bildungen aus der schriftsprache geschwunden, Grimm
gramm. 2, 247
führt aus nhd. quelle verhengede
an. an die stelle dieser bildungen treten die wörter auf -unga, -ung,
die im nhd. besonders häufig vertreten sind; ferner die auf -nissî, -nissa, -nis.
sie sind schon in der alten sprache zahlreich: ahd. farjëhunga (
verkündigung), fargeltunga, fardamfunga, farwâʒunga (
verfluchung),
mhd. verbietunge, verbindunge, verhaltunge (
übele haltung), verrihtunge (
ausgleichung);
ahd. farlâʒannissî (
entlassung), farloranissî (
verlust), farrâtnissî,
mhd. verbintnisse, verdæhtnisse (
verdacht), verjëhnisse (
aussage)
und ähnl. für das nhd. bringt das wörterbuch genügende belege. neben diesen entwickelungen seien die formen auf -er
wegen ihrer wichtigkeit bei der adjectivbildung erwähnt, die eine handelnde person bezeichnen. meist sind sie erst in neuer zeit entstanden: verführer, vermittler, verleger, verkündiger;
doch auch schon mhd. verhœrer (
examinator), verjëher (
bekenner), versager (
verläumder), versuocher
u. ähnl. II@33) ver
zeigt sich nur vor abgeleiteten abjectiven; zusammensetzungen mit nicht abgeleiteten adjectiven sind äuszerst zweifelhaft. vielleicht gehören hierher ahd. frapald (Grimm
gramm. 2, 732. Graff 3, 111),
das nach allgemeiner annahme aus fra (= ver) + bald
geworden ist; dann das adjectiv frevel,
wenn die oben (
theil 4
1, 171)
aufgestellte herleitung (ver + evel,
stolz)
die richtige ist. unter den übrigen zahlreichen (
auf abgeleitete wörter zurückgehenden)
adjectiven heben wir hervor: II@3@aa)
mit wirklichen ableitungssilben gebildet, wörter auf -ig
und -isch:
nhd. verlustig, verdächtig, verständig;
in der älteren sprache: farsihtig (
verachtet), farnumftig, farsûmig,
mhd. verdæhtic (
vorbedenkend), verdrieʒic (
verdrusz erregend), vergëʒʒic (
vergeszlich), vergiftic (
giftig), verlustec, vernumstic (
vernünftig)
u. s. w. adjectiva auf -isch
kommen erst im nhd. in gröszerer zahl vor, sie sind früher oft direct aus dem verbalstamme gebildet: mhd. vertuonisch
zum verbum vertuonen;
nhd. verschwendisch (
s. das.);
heute sind die mit ver
zusammengesetzten von nomina agentis hergeleitet: verschwenderisch, verbrecherisch, verläumderisch, verführerisch, verrätherisch. II@3@bb)
aus der zahl der adjectiva, deren endungen ehemals selbständige wörter bildeten (bar, sam, haft, lich),
heben wir die auf -lich
wegen ihres häufigen vorkommens hervor. sie stehen oft neben bildungen auf ig
und verdrängen dieselben oder nehmen eine etwas geänderte bedeutung an: nhd. verächtlich, verdrieszlich, vergeszlich, vernehmlich, verständlich, vertraulich, verbesserlich, verträglich
u. s. w. in der älteren sprache besonders mhd. zahlreich: ahd. farkouflîh, fardamlîh, fardankitlîh (
verächtlich), farholanlîh (
heimlich),
mhd. verdæhtlich (
überlegt), verdienstlich, vergëbelich (
nachsichtig), vergëʒʒenlich, vergenclich, versëhenlich (
voraussichtlich), vertregelich (
erträglich), verkêrlich (
verkehrt), verlâʒenlich (
ausgelassen), verlustlich (
mit verlust verbunden), vernëmelich, verwâʒenlich (
verabscheuungswert)
u. s. w. auch sei erwähnt, dasz aus den participien praet. und den adjectiven durch antreten des ehemals selbständigen wortes heit
sich zahlreiche substantiva mit ver
bilden: nhd. verdrossenheit, verschiedenheit, verborgenheit, verlassenheit, verdrieszlichkeit, verderblichkeit, verwerflichkeit, verständigkeit;
in der älteren sprache: ahd. farloranheit, farmëʒanheit,
mhd. verdroʒʒenheit, verborgenheit, verlâʒenheit (
ausgelassenheit), vermügelîcheit, verborgenlîcheit, vernëmelîcheit (
verständnis), vernünsticheit (
kunde), versinnicheit (
bewusztsein)
u. s. w. —
mit diesem überblicke sind die wichtigeren formen, in denen sich ver
zeigt, erschöpft, für das weitere sind die einzelartikel nachzusehen. IIIIII.
bedeutung. die ursprüngliche indogermanische bedeutung der partikel '
fort, hinweg, ab' (
s. sp. 51)
hat sich auch als germanische grundbedeutung erhalten, doch hat sie in der zusammensetzung manigfache nebenbedeutungen angenommen. wir stellen hier die hauptgruppen zusammen. die bedeutung spaltet sich nach zwei richtungen, sie bezeichnet a)
ein hinweggehen, hinwegschaffen vom bisherigen wege, b)
ein fortgehen, fortschaffen auf dem eingeschlagenen wege bis zum vorgesteckten ziele. III@11)
die erstere bedeutung tritt noch klar hervor im nhd. verlaufen, vergehen, verfahren (
sterben), verscheiden, verrauschen;
in der älteren sprache: ahd. farloufan, farfaran, fargân, fargangan,
mhd. verloufen, verfarn, vergân;
in den nhd. transitiven: verblasen, verbannen, vertreiben, verwerfen, verweisen, verdrängen, vergieszen,
den verblaszteren verloben, verheirathen, verkaufen
u. ähnl.; ahd. farblâsan, fargioʒan, fartrîban, farjagôn,
mhd. verblâsen, vergieʒen, vertrîben, verjagen
u. s. w. III@22)
der ort, dem etwas zustrebt, wird als der falsche, unrichtige aufgefaszt, so erhält abgehen, wegschaffen vom wege eine tadelnde nebenbedeutung: nhd. verführen, verleiten, verlegen, verbiegen, verdrehen, verrenken;
besonders zahlreich in den reflexiven verben: sich vergreifen, sich verlaufen, sich versteigen, sich verirren;
in der älteren sprache: ahd. farirrôn (
auf falschen weg kommen), farligan (
eigentlich an falschem orte liegen, d. h. buhlerei treiben),
mhd. vergrîfen, verlenken, sich verjagen, sich verrîten, sich vergân
u. s. w. der begriff des örtlichen irregehens wird auf geistige thätigkeit übertragen: verschreiben, verdrucken, sich verrechnen, sich verlesen, sich versprechen.
im mhd. findet sich diese bedeutung auch schon bei einigen dieser verba: sich verreden (
falsch, unrichtig reden), sich versprëchen (
falsch sprechen). III@33)
aus obiger sinnlicher bedeutung entwickelt sich eine abstracte: die negation. ver
verkehrt den begriff des einfachen zeitwortes in das gegentheil: nhd. verwesen, verbieten, versagen, verbitten, verschwören, vergessen (
s. d., gegensatz zu verlornem gessen,
erreichen), verachten
u. ähnl.; in der älteren sprache: ahd. farwërdan (
zu nichte werden), fargëʒan, farbiotan, farkiosan (
verschmähen), farsëhan (
verachten), fardenkjan (
den gedanken von etwas lenken), farsagên;
mhd. verwërden, vergëʒʒen, verschînen (
aufhören zu scheinen)
u. s. w. III@44)
in zweiter linie hat ver
die bedeutung '
fort, bis zum ende',
bezeichnet also ein vorwärtsschreiten, vorwärtsbringen der im einfachen zeitworte ausgesprochenen thätigkeit auf dem eingeschlagenen wege bis zur vollendung. daraus entsteht die bedeutung voller durchführung: nhd. verblühen, verbluten, verbleiben, verbrausen, verbrennen, vertoben, verschnaufen, verblinden, vertilgen, verbrechen, versenken;
in der älteren sprache: ahd. farbrinnan, fardorrên, farbluojan, farsinkan, farsenkan, fartiligôn, farsiodan;
mhd. verbrinnen, verdorren, verblüejen, verbluoten, verblîben, verblinden, vertîligen, versieden
u. s. w. III@55)
wir schlieszen hier jene wörter an, welche Grimm
gramm. 2, 858
unter der bedeutung des zuthuns, zudeckens aufführt. ihre bedeutung beruht zunächst auf der verstärkung des im stamme liegenden begriffes, aus dem die anschauung des zuthuns, zudeckens, abschlieszens erst in zweiter linie folgt: nhd. verheilen, verbauen, vergraben, versperren, verzäunen, verschneien, versteinen (
mit steinen bedecken), verplatten, vernähen, verriegeln, versiegeln, verkleben, verleimen, verlöten, verstopfen;
in der älteren sprache: ahd. farheilan, farslahan (
durch verschlag absperren);
mhd. verheilen, verslahen, vergraben, versigelen, verrigelen, verkleiben, verlîmen, verlœten, verstopfen
u. s. w. III@66)
eine andere art der steigerung des grundbegriffes zeigt sich in den wörtern verwachsen, verflechten, verklammern, verstricken, verketten, verweben, vernähen,
wo wir ver
als '
zusammen'
auffassen; mhd. verwahsen, verstricken, verklamben (
verklammern), verwëben, versiuwen (
vernähen), vernæjen
u. s. w.; auch jene wörter, die nur im partic. praet. erhalten sind: verhaszt,
und mit activer bedeutung verbuhlt, verhurt, verliebt, verschämt
finden mit Grimm
gramm. 2, 859
wol am besten hier ihre stelle. III@77)
weiter entwickelt sich die nebenbedeutung des aufbrauchens: verarbeiten, verbacken, verbrauen, verspielen, vertrinken, verbauen, verzehren;
in der älteren sprache: ahd. farzeran, farsûfan;
mhd. verzern, versûfen, vertrinken, verbachen, verbûwen, verspiln
u. s. w. III@88)
neben der bedeutung des zu ende führens entwickelt sich der begriff '
über das ziel hinaus', ver =
zu viel, zu sehr: veralten (
zu alt werden), verliegen,
im part. verlegen (
was zu lange gelegen hat), verschlafen, versalzen, versauern;
zahlreiche reflexiva: sich verheben, sich verbeiszen, sich versteifen
u. s. w.; in der älteren sprache: ahd. faraltên (
vgl. firaltêt
cariosus Graff 1, 201), farligan,
dazu das partic. ferlëgener
segnis Graff 2, 88;
mhd. veralten, verligen, versitzen, sich vermëʒʒen, sich verslâfen
u. s. w. viele der oben genannten wörter kommen aber daneben bis ins nhd. ohne diese tadelnde nebenbedeutung vor, so mhd. versiuren, versalzen (
säuern, salzig werden), veralten (
alt werden).
näheres bei der einzelbesprechung der wörter. III@99)
die oben besprochene bedeutung der steigerung, die sich besonders auch bei abstractis findet, verblaszt oft gänzlich, so dasz das zusammengesetzte wort vom einfachen sich nicht mehr unterscheidet: nhd. vergeben, verdauen (
neben dem bei Luther
noch vorkommenden däuen), verlassen, vermeiden, verdrücken, verändern, verhehlen, verläugnen;
in der älteren sprache: ahd. fargëban, fardoujan, farlâʒan, farmîdan, farfâhan, farhëljan, farlougnjan;
mhd. vergëben, verdöuwen, verlâʒen, vermîden, verfâhen, verhëln, verlougenen, verandern, verendern
u. s. w. III@1010) ver
zeigt die bedeutung des veränderns, verwandelns, ein begriff, der aus '
fort, hinweg'
leicht abzuleiten ist. diese bedeutung tritt vorzüglich hervor bei den verben, die aus substantiven und adjectiven hergeleitet sind. eine gröszere anzahl derselben ist oben aufgeführt, wir heben einige beispiele hervor. gewöhnlich bezeichnet das wort, dasz ein gegenstand zu dem im stamme liegenden begriffe sich umgestalte: vergîseln (
zur geisel machen), verwitewen, verwittwen (
zur witwe werden), verblassen (
blasz werden), verweltlichen (
weltlich machen).
oft aber ist diese umgestaltung nur eine scheinbare und das mit ver
zusammengesetzte zeitwort bedeutet nur '
eine sache dem im stamme liegenden begriffe anähnlichen': versilbern, vergolden, verzinnen, verbrüdern, vergöttern
u. s. w. III@1111)
oben ist bemerkt worden, dasz durch fortbildungssilben sich aus allen verben mit ver
nomina entwickeln können und sich auch meist wirklich entwickelt haben. aber auch jene nomina, die vielleicht neben und nicht geradezu aus dem verbum entsprossen sind, nämlich die, welche ver
mit dem nackten stamme, der auch dem zeitworte zu grunde liegt, verbanden, haben die bedeutung, wie sie sich im verbum ausgebildet hat, gleichmäszig im nomen entwickelt. unter ihnen treten darum die hauptbedeutungen, die wir für ver
in der verbalbildung erkannten, vielfach zu tage. wir heben folgendes hervor: III@11@aa)
die ursprüngliche bedeutung '
fort, hinweg'
fühlen wir noch nach in nhd. verschleisz, versatz, verkauf, vertrieb;
in der älteren sprache: mhd. verdrinc (
verdrängung), vervluht (
wegfliehen), vertrîp, verzoc, verborc
u. s. w. III@11@bb)
der begriff der negation: nhd. verdacht, verbot, verruf, verrath;
in der älteren sprache: ahd. farwurt (
untergang),
mhd. verdacht, verruof, verbû,
und daneben, in der form dem einfachen substantiv nahe stehend: ahd. farkunst (
mistrauen), farsiht (
verachtung),
mhd. verbunst (
misgunst)
u. s. w. III@11@cc)
zahlreich sind auch jene nomina, welche, verglichen mit dem wirklich vorhandenen oder leicht zu ergänzenden einfachen nomen, intensive bedeutung zeigen: nhd. verschlusz, verstosz, verbrauch, verband, verhalt;
mhd. verbërc, verbunt, vergiht (
verkündung), vergift (
toxicum, gift);
nhd. verbleib, verhau, verhack, verheisz, verkehr, vermerk, vertrag, verweis,
mhd. versorc, verschaf, verdrieʒ. —
dieser überblick über die bedeutungen, welche ver
annimmt, möge genügen; über die weiteren ableitungen und feineren begriffsunterschiede sind die einzelnen wörter nachzusehen. III@1212)
hier seien noch einige bemerkungen angeschlossen. in den fällen, wo das zusammengesetzte zeitwort in der bedeutung vom einfachen verschieden war, haben sich im allgemeinen beide verba ohne rücksicht auf einander entwickelt. da aber, wo das zusammengesetzte zeitwort dieselbe bedeutung wie das einfache oder eine verstärkte gewann (
s. III, 9),
haben die verschiedenen formen mitunter verschiedene functionen übernommen und so ist der überflusz der formen zur deutlichmachung geistiger unterschiede benutzt worden. zusammengesetzte und einfache form ergänzen sich. hier nur das wichtigste, das weitere in der besprechung der einzelnen wörter. oft ist das einfache zeitwort intransitiv, das zusammengesetzte transitiv, z. b. dagen, verdagen; folgen, verfolgen; schlafen, verschlafen.
häufiger noch findet sich das einfache zeitwort in intransitiver und transitiver bedeutung, das zusammengesetzte nur in letzterer, aber das zusammengesetzte zeitwort ist für die transitive bedeutung das beliebtere, z. b. danken (
das leben danken), verdanken, säumen (
mhd. sûmen
transitiv und intransitiv, heute intransitiv), versäumen.
umgekehrt kommt auch vor: recken
transitiv, verrecken
mhd. noch transitiv und intransitiv, nhd. (=
sterben)
intransitiv; enden
transitiv und intransitiv, verenden
nur noch intransitiv (
mhd. daneben noch transitiv).
oft ist das mit ver
zusammengesetzte zeitwort nur für die abstraction des begriffes im gebrauche, während das simplex noch sinnlich gebraucht wird, z. b. veranlassen,
mhd. veranlâʒen
nur in geistiger beziehung, anlassen
vielfach sinnlich gebraucht; veranschlagen
nur in abstracter bedeutung, anschlagen
sinnlich und abstract. manchmal tritt der fall ein, dasz die zusammensetzung mit ver
das einfache zeitwort, dem es in der bedeutung gleichkommt, gänzlich verdrängt hat. so ist derben (
mhd. dërben Lexer 1, 420)
durch verderben, drieszen (
mhd. drieʒen Lexer 1, 462)
durch verdrieszen
gänzlich verdrängt. auch dauen, däuen,
das noch ins nhd. hereinragt, ist heute dem zusammengesetzten verdauen
gewichen. andere einfache bildungen sind im schwinden begriffen. hierher rechnen wir diejenigen, welche heute aus der umgangssprache in die dichterische verbannt sind: künden, bergen,
während im täglichen deutsch verkünden, verbergen
üblich ist. —
zum schlusse sei noch bemerkt, dasz die mit ver
zusammengesetzten verba sich vielfach mit solchen auf er
und zer
berühren und für dieselben eintreten. es liegt diesz in der bedeutung dieser partikeln, indem der begriff '
fort, hinweg',
der ver
zu grunde liegt, mit der bedeutung von er (
aus)
und zer (
auseinander)
vielfach sich deckt. zer
ist intensiver als ver, er
wol schwächer. in der mundart zeigt sich am deutlichsten dieses schwanken; dieselbe bevorzugt im ganzen ver,
im westlichen Mitteldeutschland z. b. ist zer
unbekannt; in der Wetterau wird jedes hochdeutsche zer
durch ver
wiedergegeben. aber auch statt der schriftdeutschen composita mit er
bevorzugt die mundart das stärkere ver,
z. b. verkälten
neben erkälten, verfrieren
neben erfrieren
u. s. w., schon in theil 3, 694
ist auf diesen engen zusammenhang hingewiesen worden. III@1313)
mitunter ist ver
eine schwächung der präposition vor.
dasz die partikel ver
hier und da auch aus älterem vor
entstellt ist, ist möglich, kann aber nur selten festbestimmt werden, da neben bildungen mit vor
meist auch compositionen mit ver
hergehen oder wenigstens angenommen werden können. die entwicklung des ver
ist daher bei den einzelnen wörtern näher zu prüfen. die präposition vor
ist in einigen wortzusammenstellungen, die zu einem worte zusammenwuchsen, zu ver
geworden; es trug dazu jedenfalls bei, dasz ihr durch die composition der ton verloren gieng. besonders weist das 16.
und 17.
jahrh. viele solcher schwankungen auf, heute ist in der schriftsprache vor
wieder in seine alten rechte eingetreten; daneben gehen bildungen mit für. verbei
gleich vorbei,
z. b.: ein wölklein geht ja bald verbei. P. Gerhard 12, 54
Gödeke. vergut haben
gleich vorgut Dasyp. 68
c; hab ubel verguot. 34
a; bit wölt mit mir haben vergut. H. Sachs 1, 470 (5, 18, 12
Keller). verhanden
gleich vorhanden: sihet stündlich, ob dann nicht verhanden sei ihr tageliecht. Opitz 3, 131,
daneben jedoch: (
er selbst wird) erzeigen weit und ferren, dasz er fürhanden sei. 3, 148; vielleicht mir auch gestanden im weg die jüngling sein, dasz nit was ja verhanden, ich recht hab nommen ein. Spee 49, 329
Balke. verlangst
gleich vorlängst,
s.fürlängst theil 4
1, 763: zu dem, weil ich verstanden, das e. e. verlangst ein büchlein ... hat auszgehen lassen. Fischart
bienenk. 6
b. verlieb: ich nam verlieb.
Simpl. 2, 290, 13
Kurz; ich muste im pferdtstall verlieb nehmen. 24; damit solte ich auch verlieb nehmen. 2, 292, 11. verwahr: (
er hat) auch solchs selbist von jme dermaszen bescheen, verwar gewust.
Weimar. staats-archiv (
Erfurt) 1518.
weiteres unter vorgut, vorhanden
u. s. w.