stich,
m., nomen actionis auf -i
zur idg. wurzel *steig (Walde-Pokorny 2, 614).
diese bildung musz älter sein als die ablautsentgleisung in westgerm. stekan (
die ein aoristpräsens *stigṓ
erschlieszen läszt Kluge
urgermanisch 156);
denn alte i-
abstracta haben im germanischen regelmäszig die schwundstufe, s. v. Bahder
verbalabstracta 25.
doch hat die überführung des verbs in die e-
reihe den zusammenhang zwischen stich
und stechen nicht gelockert. von den altgerm. dialekten weisen allein das ags. und das fries. eine stärkere verbreitung und reichere bedeutungsentwicklung auf: ags. stice,
seit 9.
jh. belegt, prick, puncture, stab, thrust with a pointed implement, pricking sensation, stitch Bosworth-Toller 918
b; Murray 9, 1, 983
c;
afries. stek(e) (
mit senkung des wz.-vokals in anlehnung an das daneben stehende vb. steka v. Helten
altostfries. gramm. § § 173
und 10
δ) Richthofen
wb. 1047
a.
das got. überliefert, in abgezogener verwendung, die genau das griech. vorbild ἐν στιγμῇ χρόνου nachahmt, ein einziges zeugnis: in stika melis '
in einem augenblick'
Luc. 4, 5 (
neben einmaligem staks,
m., στίγμα Gal. 6, 17);
das as. und das ahd. kennen nur höchst spärliche glossenbelege, die vorzugsweise der Prudentiusübersetzung angehören: punctis stikion Wadstein
kl. as. sprachdenkm. 98
a, 38
und 104
a, 24;
ictu stiche
ahd. gl. 2, 36
b St.-S.; ictibus stihin 2, 427
a;
pugionem stich 2, 511
b;
hastile fixum stich 2, 508
b;
s. auch Graff 6, 637.
in die skand. sprachen wird das wort, zugleich mit redensarten und zusammensetzungen, erst im 16.
jh. aus dem dt. übernommen: norw.-dän. stik (Falk-Torp 1162),
schwed. stick (Hellquist
ordbok 867
a;
F. A. Dahlgren
gloss. öfver förldrede ord 805
a).
mndl. ist steke,
ndl. steek
verbreitet und lebendig, mnd. stēke,
nnd. stek (stēk Doornkaat-Koolman
ostfries. 306
b; steek
und steke
brem.-ndsächs. wb. 4, 1019; stek Mensing
schlesw.-holst. 4, 827; Richey
hamb. 290; stek, steke Dähnert
plattdt. 460
a).
neben stich
stehen in hd. quellen in dem bedeutungskreise A 5 a
und b stick, sticke, sticken,
vor allem in der formel keinen stich (kein[en] stick, sticke, sticken) sehen (
dabei stick
auch als ntr.).
diese geminierten bildungen sind wohl als ableitungen von dem intensivum sticken,
vb. (
s. u. sp. 2737),
mindestens als kreuzungen damit, erklärlich. das nd. zeigt im gleichen bedeutungsbereich kein stek(e),
sondern nur stick, sticken (
s. u. sp. 2688).
im mnd. vereinzeltes den sticken (
acc. sing.)
neben steke
im sinn von '
seitenstechen' (
s. u. stich A 4 b
α sp. 2684),
vgl. auch stik '
knoten' (: stick)
bei Tilo von Kulm 3058
unten B 12.
die älteren mhd. zeugnisse (
mhd. wb. 2, 2, 624
b; Lexer 2, 1186)
erscheinen in der klassischen dichtung des 13.
jh. und beziehen sich zum gröszten teil auf den bezirk des ritterlichen fechtens, zu einem kleinen auf die stechende wirkung von tieren und pflanzen, versprengt uneigentlich auch von der sonne. bei diesen wenigen, scharf gesonderten bedeutungen beharrt das wort fest bis ins 15.
jh. in jener periode der zu städtischen volksfesten ausgeweiteten turniere ritterlicher spätkultur und des sich straff organisierenden, die neue wehrform verkörpernden landsknechtwesens (
über gegen 1500
gängig werdende wörter kriegerischen gehalts vgl. Sperber zeitschr. f. dt. altert. 59, 49)
erhält stich
erhöhte expansionsenergie: der gebrauch im militärisch-ritterlichen umkreis nimmt zu und wird ausgebaut, auszerdem erwachsen, bes. in dem jh. von 1450-1550,
mannigfache neue verwendungen, vor allem zahlreiche feste verbale verbindungen. dagegen bringt das 17.
jh. nur wenig neugut, und auch die sprachbewegungen des 18./19.
jh., insbes. klassik und romantik, haben wenig einflusz auf die entwicklung des wortes gehabt (
einige anscheinende neuschöpfungen des 18.
jh. sind z. t. wohl wesentlich älter und werden in den im zeitalter des rationalismus aufkommenden encyclopädien lediglich erstmalig verzeichnet);
nur in mhd. blütezeit eignet das wort einer gehobenen sprachschicht, seit der reformationszeit jedoch gehört es zum festen bestand der mundart und der umgangssprache. bezeichnend für das wort ist eine innere labilität, die sich in fast allen sparten des weitverzweigten begriffsfeldes in einem ständigen gleiten der bedeutung von der handlung zum ergebnis, vom vorgang zum betroffenen objekt bemerkbar macht. AA. stich
verrät fühlbar die zugehörigkeit zur sphäre des kampfes. die mit einem spitzen gegenstand ausgeübte handlung richtet sich in meist feindlicher absicht gegen ein widerstand leistendes objekt. gemeint ist A@11)
der vorgang des stechens; im eigentlichen sinne; durchweg von personen; eine stichwaffe wird zur bekämpfung eines gegners benutzt. A@1@aa)
als einzelhandlung; ohne nähere bezeichnung der waffe, schon im 12.
jh.: nu vernement, waz Alexander sprach, als in Pincun gestach: du solt lugenâre wesen unde ich sol des stiches wol genesen
Vorauer Alexander 1364
Kinzel; in der ritterlichen epik der blütezeit weit verbreitet: fünf stiche mac turnieren hân Wolfram v. Eschenbach
Parz. 812, 9; her Kei im einen stich stach Heinrich v.
d. Türlin
krone 27141; Prethemesus gap einen stich dem ritter, der si fuorte Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 32420;
so durchlaufend bis heute: Vlysses gab jhm (
dem eber) den ersten stich Schaidenreisser
Odyssea (1537) 83
a; doch ... wider zu der wiegen gieng, das kind auffrichtet und es hinden am rucken mit etlichen stichen verletzt Montanus
schwankbücher 90
lit. ver.; dasz ihm ausz anstifftung Macrini ein tödtlicher stich zuthail worden Frz. A. graf v. Brandis
d. tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 49; der eine ... gab sich ... einen stich in den bauch C. Stieler
zeitungs lust u. nutz (1697) 156; drei stiche sollen seine brust durchbohren Göthe I 9, 340
W.; zum glück pariert ich seinen stich mit meinem linken arm, um den ich in der eile den mantel schlug Wieland
s. w. (1856) 20, 17; wie er auf die aufforderung, sich zu ergeben, sich zur wehr setzte, traf ihn der gegner mit einem tödtlichen stich in die brust L. Häusser
dt. gesch. (1854) 2, 788; da schlägt die glocke an und Giuliano empfängt den ersten stich in die brust H. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 83;
sprichwörtl.: ein stich ist bald geschehen in einen nackenden menschen Tappius
adag. (1545) g 5
a. A@1@a@aα)
genannt werden, bes. in älterer zeit, als stichwaffe meist der speer, der spiesz, die lanze (
vgl. Schulz höf. leben2 1, 166): sie neigeten über schilte zu stichen nu diu sper
Nibelungenlied 1548, 1
L.; (
er) leget sein spehr wider in ein, aber der stich weltzet ('
glitt ab',
s.wälzen 2 c,
teil 13,
sp. 1430)
Amadis 1, 368
lit. ver.; ... wie ein kolb zum stich nichts soll, oder ein spiesz zum hawen Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 301; (
es) erbott sich endlich Heinrich von Ramstein, ein edelknecht, auf einen stich mit der lanze ... sich mit ihm einzulassen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 427;
seltener das schwert, das zunächst hiebwaffe ist (
vgl. Schwietering
z. gesch. v. speer u. schwert im 12.
jh. 53)
und beim turnier meist erst gebraucht wird, wenn die speere verstochen (
s. verstechen teil 12, 1,
sp. 1634)
sind: die es (
das schwert) füren solten, lassen es in der scheyd stecken, trincken dieweyl, auff daz sie nit die ersten seyen, den das schwert den stich biet S. Franck
trunkenheit (1531) g 4
a; hierauf gabe er ihr mit seinem schwerd einen stich A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 120,
vgl. hierzu die folgenden synonymen paarungen: ictus ein stich, hieb
nomencl. lat.-germ. (
Hamburg 1634) 213;
ähnlich Zehner
nomencl. (1645) 286;
yctus stich
o. slack
voc. lat.-germ. bei Diefenbach
gloss. 641
c;
dolch und messer: schon bei Frisius:
sicas vibrare einen streich oder stich mit dem sticher oder tolchen thuon
dict. (1556) 1375; (
die diebe) gaben jhm einen stich mit einem brodmesser an den hals A. Pape
bettel- vnd garteteuffel (1586) m 7
v; einen stich mit dem messer in die rechte brust Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1091; ... als sie einen dolch aus dem busen zog ... sie holte mit der bewaffneten hand aus und ach! ich erwachte mit dem stiche Lessing 2, 275, 15
Muncker; in neuerer zeit öfter der degen: ein stich mit einem langen degen
M. Kramer 2 (1702) 919
c; Bernhard griff an den degen: ich warne euch ..., sonst wird euch eure ambassade nicht vor einem stich in die kehle schützen G. Freytag
ges. w. 12, 7. A@1@a@bβ)
redensarten: zu stich kommen '
gelegenheit zum stechen, d. h. zum angriff haben': aber der haubtman schrei die knecht an, si solten drücken, das si die veint zu rück drüngen und wider zu stich kamen
Wilwolt v. Schaumburg 113
lit. ver.; numquam potui meo telo ad scopum collimare ich hab nicht könden zu stich kommen Nic. Frischlin
fac. sel. (1600) 8;
heute noch mundartl. schwäb. mit einem z
u stich kommen '
fertig werden' Fischer
wb. 5, 1749.
in der fechtersprache auf den stich fechten: bei diesem lernte ich auf französische art auf den stich fechten Wolfg. Menzel
denkwürdigkeiten (1877) 71. A@1@a@gγ)
zahlreich und vielgestaltig sind feste, formelhafte, durch und
angereihte, meist zwei-, seltener dreigliedrige verbindungen von stich
mit anderen begriffen der fechtkunst und des kampfwesens (
demgegenüber beim vb. stechen
nur eine einzige: gehauen und gestochen,
vgl.stechen 1 b
α und 21 a,
teil 10, 2,
sp. 1226
und 1268).
als älteste erscheint, das neben- und gegeneinander von speer und schwert widerspiegelnd, seit dem 12.
jh. stich und schlag: neweder slac noh stich bedurfet ir dar umbe niht mêre
kaiserchronik 4912
Schr.; mit sîner hant het er getân manegen stich unde slac Wolfram v. Eschenbach
Parz. 20, 11; ane stich und ane sbertes slach das her alles totes lach Heinrich v. Burgus
der seele rat 2517
Rosenfeld; Gannelon ... thet ... eil mit hertten stichen vnd schlegen
hertzog Aymon (1535) 105
a; es (
das mit schwertern und spieszen versehene rad, das den brückenzugang sperrt) wühtet stäts mit grimmigen schlägen und stichen
buch der liebe (1587) 390
d;
in neuerer zeit selten, meist archaisierend: (
ein ritter,) der Gottfried heiszt und wie viele seines standes mit stichen und schlägen aus der jugend in sein alter kommen Scheffel
ges. w. 3, 22;
beide begriffe im kontrast: hie slac, dâ stich Hartmann v. Aue
Iwein 3734; es kumpt do schlag wider stich
pfarrer von Kalenberg 26
ndr.; ähnlich: wie Tullius sein red so artig einzurunden gelernet, vnd sein zung so starcke wort erfunden, dasz er ohn schlag, ohn stich so vielmahl obgesiegt (1624) Zinkgref
auserl. ged. 45
ndr. ebenfalls bereits alt bezeugt, jedoch seltener, ist stich und stosz: vil schilde hôrt man hellendâ ze dem bürge tor von stichen und von stôzen
Nibelungenlied 740, 2
Lachm.; er ... redet von einer gestochenen wunde, ... durch einen mörderlichen stich und stosz Dannhawer
catechismusmilch (1657) 8, 5; solch ding geht auch gar plötzlich los und giebt euch einen stich und stosz Tieck
schr. (1828) 1, 192.
weitverbreitete modeformel des 16.
jh., schon im 15.
jh. vereinzelt auftretend, im 17.
abklingend, ist stich und streich: den zwei herren geschah nye weder stich noch streich
d. summer teil der heyligen leben (1472) 79
a b; viewol ich bin voll streich vnd stich, zermorscht, verwundet iämerlich, doch hoff ich gott, kunstlich artzney, Schylhans der werd mir helfen frey H. v. Gersdorff
wundartzney (1517) 18
b; sie stechen nach ihn, die künigin helt stich und streich auff mit kleider und henden H. Sachs 13, 569
lit. ver.; ihren viel hatten nach jhres landts brauch kleider wider der feinden stich und streich gemachet, angezogen Chr. Wurstisen
Paulj Ämilij hist. (1572) 1, 69; denn dieser riese, wie ihr wist, vor streich vnd stich gantz sicher ist W. Spangenberg
ausgew. dichtgn. 143
Martin; ausdrücklich vom schwert: der Spanier schwert war nicht minder tauglich zum stich als zum streich W. Xylander
Polybius (1574) 190;
auf geistiges bezogen: experimenten brauchen, will ein erfarnen mann haben, der der stich vnnd streich gewisz seye, das ist, das ers brauchen und gewältigen möge, daryn dann sein art ist Paracelsus
chir. (1618) 301.
dreiteilig, aus elementen der genannten, stich, schlag und streich: so wissen das alle die stich, schläg vnd streich, so auff das bild geschehen, deme beschehen, in desz nammen das gemacht ist Paracelsus
op. (1616) 1, 19
c.
dem 16.
jh. ferner eigen stich und wunden, wobei die vorstellung von A 4 a
mit einströmen kann: hettend ir sie bi leben und iren kreften funden, ir hettend in nit geben halb so vil stich und wunden
N. Manuel 21, 4
Bächtold; vnd seind vor den neidbissigen momhunden wol sicher, besser als der trachenblutgetaufft hörnin Sifrid vor stich vnd wunden Fischart
Garg. 269
ndr. aus dem 17.
jh. das ziemlich häufige stich und hieb, das an die stelle von älterem stich und hau tritt: vgl. Braunschweig
chir. (1539) 37; Paracelsus (1616) 1, 858
oben teil 4, 2, 561
und vereinzelt aus späterer zeit: hingegen sind unsere degen länger (
als die römischen) und zum hau und stich zu gebrauchen H. v. Fleming
soldat (1726) 89. hieb und stich
hat sich bis in die neueste zeit gehalten: mit jedem stich vnd hieb vnd jedem schlag vnd stosz erwürgt er (
Roland) einen bald zu fusz vnd dann zu rosz D. v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636)
ges. 9,
str. 69; denn wir scheuten ... die stiche und hiebe des blanken degens
Leipz. avanturieur (1756) 1, 77; ein ... groszer degen, welcher ... sowohl zum stich als hiebe eingerichtet war Kortum
Jobsiade (1799) 1, 74;
formelhaft fechten auf hieb und stich (
sieh teil 4, 2, 1307): Israel floriert in Breslau, und Juda ficht in der fechtschule (
Breslauer judenquartier) auf hieb und stich Holtei
erz. schr. 14, 21; (
er) war mit einem regenschirm bewaffnet, den er auf hieb und stich gewandt gegen sein röszlein gebrauchte Scheffel
ges. w. (1907) 3, 89; unverwundbar ... gegen hieb und stich G. Freytag
ges. w. 19, 5;
mit entwicklung aus konkret-ritterlicher situation zum bildlichen: ich bin ihr valet d' chambre auf hieb und stich Meisl
theatr. quodlibet (1820) 2, 6.
seltener und jünger schusz und stich: gegen schusz und stich muszt ich mich sichern Hebbel
w. 8, 148
Werner; seit mitte des 17.
jh. in gesteigerter verwendung von dreierkombinationen: wider streich, stich und schosz (
spruch eines mitglieds der fruchtbring. ges.) Neumark
teutsch. palmbaum (1668) 277; wenn sie diese zettel verschlungen hätten, so würde ihnen weder schusz, hieb, noch stich schaden C.
F. Nicolai
reise d. Dtschld. u. d. Schweiz (1783) 2, 473; wer ein solches nothemd im kriege trägt, ist sicher vor stich, hieb, schusz und anderem zufall
dt. sagen (1891) 1, 176. A@1@a@dδ)
nicht selten sind, bes. im 17.
jh., tod
und teufel
als stiche austeilende kämpfer gedacht, die dem menschen den garaus machen bzw. ihn quälen: so vallent sie in missetrost und in zwivel und werdent eweklich verlorn. so kumet der stich des ewigen todes Tauler
pred. 282, 33
V.; der erwünschte einige stich des tods, wird mich widerstatten einem ewigen leben Zinkgref
apophthegmata (1628) 348; du (
tod) gibst uns wann du nimmst, dein so gefürchteter stich bereitet uns durch dich, ein leben ohne dich Logau
sinnged. (1654) 3, 244; darauff ich mich, bisz in den stich des todes auch verlasse B. Ringwaldt
evangelia (1645) g 4
b; es ist auch ergerlich geredt von allen lieben heiligen mit nammen von sant Paulo, der das den stich sathane nennet, vnkeüscheit so in anfochte, vnd du (
Luther) vergleichest es einem natürlichen vszgang Murner
an d. adel 40
ndr.; wir fühlen täglich in vnserm verderblichen leib desz teuffels stich vnd bisz Petri
der Teutschen weiszheit (1604) 1, g 8
v; dasz du für des satans stich mögest hülff erlangen J. P. Titz
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 140. A@1@bb)
selten für den waffengang im ganzen gesehen, '
das stechen, turnieren' (
vgl.stechen 1 e
und 21 b,
teil 10, 2,
sp. 1231
und 1269),
nur vereinzelt in älterer sprache: do stach hertzog Fridrich von Österrich mit dem junggen grauffen ... umb ettwevil ring ... och, ee der stich beschach, do kam zuo im sin diener (1431) Ulrich v. Richental
chron. d. Constanzer concils 62
lit. ver. wohl ähnlich zu fassen ist ebenso vereinzeltes mnd. steke: dar stak de furste den ridder, da the vil to der erden dale mit deme ferde, und dit schach den Lubeschen to eren. na deme steke wurden de trumpitte gande unde de vurste dansede in deme steketuge unde helme mit ener gravinne
Lübecker chron. 2, 407
Grautoff (
zum jahre 1478).
vergleichbar ist stich
in der wesentlich jüngeren, mehr collectivischen verwendung als '
letzte entscheidung bei einem kampfe': es ist ein stich
certamen est de victoria Dentzler
clavis (1716) 275
b;
so ist stich
auch der letzte schusz (
d. h. eigentlich die letzten schüsse der noch im wettbewerb stehenden gegner)
beim schützenfest, wenn das ergebnis bis dahin zweifelhaft war: Tobler
Appenzell 407
b; Richter-Weise
redensarten 211;
dahin auch schweiz. si sönd stich '
sie haben gleichviel' (
beim spiele, das somit unentschieden ist) Tobler
a. a. o.; schweiz. id. 10, 1216;
vgl. dazu das heute in diesem sinne bes. sportlich gebrauchte stechen,
n. (stechen 18 b,
teil 10, 2,
sp. 1267)
und die bedeutung der meist ganz jungen, direct auf das verb bezogenen zusammensetzungen stichentscheid, stichfahren, stichkampf stichrennen, stichwahl. A@1@cc)
auf dem wege zum bildlichen: beim kartenspiel die handlung des stechens (
s. d. 11,
teil 10, 2,
sp. 1262)
oder überstechens (
s. d. 1 c,
teil 11, 2,
sp. 572),
die zahl der dabei gewonnenen karten oder auch der dafür angesetzte wert. dabei liegt die anschauung zugrunde, dasz zwischen den einzelnen karten bzw. den durch sie dargestellten personen ein turnier (
vgl. neuere bildungen wie skatturnier, schachturnier)
stattfindet, dem die tatsächlichen spieler als turniergesellschaft zusehen; vgl. Leber études hist. sur les cartes à jouer in: mem. et dissert. sur les antiquités nat. et étrangères n. f. 6 (1842) 256,
und W. A. Chatto
facts and specul. on the origin and hist. of playing cards (1848).
erst nhd. bezeugt: darumb so heb die karten ab, es gilt drey stich, wer sie beid (
zwei gesetzte münzen) hab J. Ayrer
halbnärr. wucherer (1620) 22
b; die mariage darff nicht eher angesagt und aufgewiesen werden, als bisz man eine lese oder stich hat Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1235; wir bekommen die fünf ersten stiche und drey matadore bezahlt
vernünft. tadl. 2, 370;
una collectio chartarum Steinbach (1734) 2, 710; so hatten sie beyde den stich desto gewisser A. G. Kästner
verm. schr. (1755) 1, 129; da liegt der schellenkönig, mordblei, der stich ist mein W. Hauff
s. w. (1890) 1, 235; man hätte um rechenpfennige die stiche machen müssen Immermann 1, 65
Boxb.; nach vier stich heiszts: verzeihen s', ich hab noch a pick Nestroy
ges. w. (1890) 1, 35; wie beim karten- oder schachspiele, stich auf stich, zug auf zug O. Ludwig
ges. schr. 5, 80;
im wechselspiel mit trumpf: darum, wenn andere schimpf und glimpf mit ihnen spielen, und trumpf sagen, so sagen sie stich Aurbacher
volksbüchl. (1835) 239.
häufig wiederkehrende verbale fügungen insbes. mit gewinnen, bekommen, behalten: doch hoffe ich, es soll mir die rothe zehne den stich gewinnen Opel-Cohn
ged. d. 30
jähr. krieges 328; weil er gerade die stiche zählte, die er im mariaschen von seinem nachbar gewonnen hatte J. P. Hebel
w. 2, 184
Behaghel; soll ich denn schon wieder passen, nie bekommen einen stich? A. v. Arnim
w. 13, 280 (
wunderhorn);
sprichwörtlich: wenn die besten farben im spielen verworffen, so ist der stich verlohrn Lehman
floril. polit. (1662) 1, 166.
im 16.
jh. ist weit verbreitet etw. auf den (zum) stich behalten '
etwas als trumpf, bis zuletzt, zur entscheidung aufheben',
vielfach angewendet auf geistiges: des satans dück ..., wie er ... so gantz vff eignen nutz beflissen, wil allein das seine suchen vnd jm alweg der besten bletter eins auff den stich behalten, ausz besorgnusz, er möcht dem nechsten zuovil herausz werffen unnd das spil ausz der handt (1524) Th. Stör
christl. vermahnung in: Clemen
reform.-flugschr. 131; also auch im bredt, vnd auff der karten, dasz er zum stich ein blat behalten solt J. Agricola
sprichw. (1534) j 1
b; diese seind die eycheln sau, vnnd sau esz ... welche der teufel lang auf den stich behalten hat Fischart
binenkorb (1588) 21
a;
ähnlich: halte vnnd achte ichs gentzlich dafür, dasz allbereit die aller gröbste vnnd letzte boszheit, welche der teuffel zum stich gesparet, herfürkommen
fluchteuffel (1564) b 6; behalt dir etwas auff die nachthut, oder auff den stich Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 2, k 3
v; man musz ein gut blat zum stich behalten Lehman
floril. polit. (1662) 2, 746. —
redensart: die eichelsau (
das eichelas) ist des stiches frei
eigentl. '
kann, als höchste karte des spiels, nicht gestochen werden',
meint, dasz der, der den gipfel der unanständigkeit erreicht hat, jeder rüge, weil ja doch fruchtlos, enthoben sei Binder
sprichwörterschatz (1873) 41.
oft wird der letzte stich hervorgehoben als derjenige, der das spiel entscheidet, in bes. fügung schon bei Petri: die letzte läsz (
s. lässe,
f. 3,
teil 6,
sp. 213) gewint allzeit den stich
d. Teutschen weiszheit (1604) 2, D o o 5
r;
dann bes. in wbb. um 1700: Stieler (1691) 2156; den letzten stich haben
M. Kramer 2 (1702) 919
c; den letzten stich im spiel thun,
to win the last game Ludwig (1716) 1862;
ultimus chartarum iactus Steinbach (1734) 2, 710;
literarisch: denn manchmahl bleibt ein blat in händen, das macht den allerletzten stich Chr. Fr. Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 296; die fein heimlich mitgesetzt, werden nach dem spiel zuletzt, auch wider ihr verneinen den letzten stich beweinen v. Ditfurth
volkslieder d. bayer. heeres (1871) 32. letzter stich,
ein kartenspiel: mit jm mögt jr der liebe spillen, werffen ausz die besten karten; ich wil gen, der hauszthür warten. darnach so ist er ouch für mich, vnd spil mit jm den lesten stich Tob. Stimmer
comedia (1580) 596; einer andern so am spielen belieben trägt, verordne ich ein recipe von hombre, bassete, picket, letzten stich und dergleichen (1722) Stranitzky
ollapatrida 85
Wiener ndr.; hier sitzt ein schornsteinfegerjunge ... und spielt letzten stich Lichtenberg
erkl. d. hogarthischen kupferstiche (1794) 3, 189. A@1@dd)
tiere machen in abwehr oder aus bosheit von stachel, zähnen oder hörnern gebrauch, werden also in art eines mit waffen versehenen gegners gedacht; früh belegt ist in diesem sinne, wohl gestützt durch die biblische erzählung vom sündenfall, die schlange (
s. auch stechen 2 d,
teil 10, 2,
sp. 1246): daz leüt gewest seyen, ... welche nur mit eim griff der schlangen stich geheylet H. v. Eppendorf
Plinius (1543) 6; etliche weinig, ... die mit jhrem speichel der schlangen stich heilen G. Rollenhagen
indian. reysen (1603) 51; und ich verlache nur der alten schlangen stich B. Schmolcke
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 361; der schlange stich kann ich durch dich, erlöser, überwinden Schubart
s. ged. (1825) 1, 77;
sprichwörtlich: wer ein halb todte schlang im busen trägt, der hat ein tödtlichen stich zu gewarten Lehman
floril. polit. (1662) 1, 219.
daneben in neuerer zeit natter: die verspottung ist wie der stich einer natter
F. Nicolai
lit.-briefe (1759) 7, 15;
ebenso viper: dem stich der viper gleich Pfeffel
poet. vers. (1812) 4, 62. stich
ist in verbindung mit schlange
heute fast durchgängig abgelöst durch bisz,
das vereinzelt schon im 16.
jh. diese rolle übernimmt (
s. teil 1,
sp. 48).
von spinnenarten ist häufig genannt der skorpion, gegen dessen stich die ältere medizin, bes. im 16.
jh., allerlei heilmittel vermerkt (
s. skorpion teil 10, 1,
sp. 1325; skorpionöl
und skorpionstich
ebda 1329
und 1330): ein scorpio ist guot für scorpions stich S. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 11
a; vogel leim ... ist ... krefftig wider die stich der scorpion Ryff
spiegel u. regiment d. gesundh. (1544) 96
b; dann bekant ist es, des vergifften scorpions tödtlicher stich vnd verletzung, allein durch seine gleichförmigkeit (
d. h. durch etwas ihm gleiches) wider musz curiert, oder aber das gliedt musz abgeschnitten werden Thurneisser
Pison (1572) 36;
auszerhalb der medizin: ihr (
der schmeichler) auszgang aber, ist offt schädlicher, als der stich eines scorpionsangel Butschky
Pathmos (1677) 6; als Fell, der geiferer, auf dumpfes heu sich streckte, stach ihn ein skorpion. was meint ihr, das geschah? Fell starb am stich? — ei ja doch, ja! der skorpion verreckte Lessing 1, 22
L.-M.; wir bemerken ... den scorpio Australasiae ..., dessen stich ... eine örtliche vorübergehende geschwulst verursachen soll Chamisso
w. (1836) 2, 221;
ferner im 17./18.
jh. als literarisch beliebtes tier die tarantel (
s. d. teil 11, 1, 1,
sp. 145,
und Seiler
lehnwort 4, 355): tarantelen stiech, wird wunderlich curiret Butschky
Pathmos (1677)
reg.; selbiges (
tier, die tarantel) wenn es ohn gefähr einen menschen, der auff dem felde ruhet, sticht ..., so musz derselbe alle jahr, umb eben die zeit, da der stich geschehen, entweder dantzen, oder weinen, oder lachen J. Prätorius
ber. v. Katzenveite (1665) f 2
a;
in ähnlichem sinne: ein andrer, von dem pfeil des liebens angeschossen, eröffnet seinen schmerz mit hundert gaukelpossen, dasz man gesundern witz bey jenem tänzer spürt, den die tarantula mit ihrem stich berührt Kanitz
bei Gottsched
vers. e. krit. dichtkunst (1751) 664.
auszerdem insekten jeder art; altes sammelwort dafür wurm (
vgl. Lexer 3, 1008; Heyne
dt. wb. 3, 1413): aber doch sticht der arme gecreutzigte wurm einen solchen feynen strauch, das er verdurret und macht mit dem geringen stich, das ist mit dem verachten euangelio, eyn solch feyn reich und volck zu nichte Luther 19, 250
W.; sie (
die äpfel) gleiszen zwar von auszen, trotz dem stiche des wurms; allein zu staub ward längst ihr kern Göckingk
ged. (1780) 3, 190;
dafür seit dem 18.
jh. allmählich insekt (
s. d. teil 4, 2,
sp. 2139,
und Seiler
lehnwort 3, 381),
um 1800
in literarischen streitigkeiten gern für '
kritiker'
gebraucht: so rächet Hermanns sänger (
Klopstock) sich für kritischer insecten stich J. A. Ebert
episteln u. verm. ged. (1789) 199; aber nun kommt ein böses insekt, aus G-b-n her, schmeichelnd naht es, ihr habt, flieht ihr nicht eilig, den stich Schiller 11, 108
G.; auszerdem seitdem ungeziefer: stich des ungeziefers
onomatologia curiosa (1764) 1430; Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 2, 330;
im einzelnen: die maister sprechent, daz ain zwaijærig kint von neun harlizstichen ('
hornisse',
s. d. 9,
teil 4, 2,
sp. 1828) müez sterben Konrad v. Megenberg
buch d. natur 300, 23; manch hurnüsz vnd manch bremmen stich hab heimelich erlitten ich Murner
narrenbeschw. 1, 3
ndr.; vnd hüt sich jedermänniglich bey der flöh vngnad, bisz und stich das er disz werk nit nach wöl machen Fischart
flöhhatz 1
ndr.; (
die rache,) die nach art einer geneckten biene ihrem feinde einen stich beyzubringen trachtet Lohenstein
Arminius (1689) 1, 378
b; ein wespenstich? der tut doch nicht wohl? o doch, es war ein honigsüszer stich Raupach
dram. w. kom. gattg. (1829) 4, 179; den stich der bremse, den brennenden, rastlos jagenden Droysen
Äschylus (1841) 294; dabei ist zugleich an den blutvergiftenden stich der leichenfliege zu denken Laistner
nebelsagen (1879) 264; da war er (
der lehrer) empfindlich wie ein pferdemaul gegen hornissenstiche
dt. bücherfreund okt. 1934, 7. —
seltener stiche mit hörnern: so er (
der löwe) das thier (
einhorn) gegen jm sicht traben, stelt er sich an ein baum, jm aus dem stich des horns zu weychen Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 37; der stier sterzt sine brawen und gab dem löuwen ein stich (
wahrsch. 15. jh.)
schweiz. volkslieder 2, 20
Tobler. A@1@ee)
gegenstände, auch pflanzen, verletzen durch ihre spitze beschaffenheit. allgemein: in allem, was man spürt, im frost und in der hitze, im schmecken, im geruch, im stich von einer spitze, im ton und in der farb, erkennt er blos allein ein fühlen, anders nichts Brockes
ird. vergn. (1721) 3, 41.
sehr häufig, schon mhd., dornen, vielfach mit heilsgeschichtlicher symbolik verknüpft (
s.stechen 2 a,
teil 10, 2,
sp. 1241): o sele, laz dir dun we, daz dusent stiche oder me sin zartes haubt hant zerslagen Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 3016; wie tausendfach vergütet schon der stich aus Christus dornenkron Lavater
handbibl. (1790) 3, 25;
auch ohne religiöse beziehung, bes. im gegensatz zur rosenblüte gebraucht: vnd (
man) fint dich rosn so wol gestalt, in scharpffer dorne stich gewalt J. v. Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 129; gern wollt ich den blutigen stich der neidenden dornen ertragen, sind nur alle rosen für mich! Böhme
volkst. lieder d. Deutschen i. 18. u. 19. jh. 282;
auch von anderen mit dornen versehenen pflanzen: dieses holtz ist von einer solchen stachlichten und harten art, dasz der, welcher zum brennen es abhauen will, sich mit dicken handschuhen genugsam verwahren musz, wann er nicht unzehliche stiche bekommen will H.
F. v. Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 208;
ebenfalls biblisch nägel: nur ich sich in seinen (
Christi) henden den stich der nagel ... vnd lege mein vinger an die stat der stich der negel
erste dt. bibel 1, 419, 33; o, dann achtest du den stich der nägel und der dornenkrone nicht Schubart
s. ged. (1825) 2, 132.
auszerdem bes. hervorzuheben sporen und nadeln (
s.stechen 1 h
und i,
teil 10, 2,
sp. 1238/39): das rosz der zeit wälzt träge am liebsten im kothe sich; da frommen nur geiselschläge und spitziger sporen stich
M. gr. Strachwitz
ged. (1850) 31; (
ich) erschrecke wahrlich nicht, wenn mich ihre nadel sticht ... wie zum tausent schlappernent habt ihr euch nicht genug verbrent, seht da habt ihr einen stich wessentwegen hertzt ihr mich? (1678) Chr. Weise
d. grün. jug. überfl. gedanken 92
ndr.; wer sich nun ohngefehr in eine nadel sticht, der findet solche ja freylich auff diese art, dasz sie ihm die spitze zukehret, und das darauff erfolgte unglück ist der empfindliche schmertz des stichs J. G. Schmidt
rockenphilos. (1706) 2, 128;
s. auch nadelstich
teil 7,
sp. 256.
ganz selten haare (
zu stechen 2 b,
teil 10, 2,
sp. 1243): sein haar steht ihm im stich auf, wie einer wilden sau der borst Pestalozzi
s. schr. (1819) 2, 294. A@1@ff)
obscön, '
coitus' (
zu stechen 20,
teil 10, 2,
sp. 1267);
schon mhd.: diu obern kleid er ab im swank, er machtz niht lank, zem stich was er (
der bräutigam) bereite v.
d. Hagen
minnesinger 3, 301
a; ich starb, eh ich einmahl das leben recht erkannte, ein angenehmer stich gab mir den letzten stosz, nicht wie Lucretien, ich ward zwar athemlosz, doch stund ich wieder auf, als man mich fraue nannte
grabschr. bei Celander-Hochgesang
sammlg. allerh. sinnr. ged. (1721) 472;
schwäb.-mundartl.: e
ine so
tane sau bin i
ch, viel 1000 stich krieg
e i
ch Fischer
wb. 5, 1750;
vgl. auch das volksmäszig durchgängig gebrauchte compositum jungfernstich '
defloration'
; sowie hahnenstich
im sinne von hahnentritt 4 (
teil 4, 2,
sp. 170;
auch Schmeller-Fr. 2, 724) '
fruchtansatz im ei'. A@22)
uneigentlich. '
der stechende strahl der sonne' (
s.stechen 3,
teil 10, 2,
sp. 1247);
vereinzelt schon mhd.: vor der hitz schirmpt ich mich da, dum inclinaretur vmbra, vntz der schatt genaigti sich für der haisen sunnen stich
liedersaal 1, 34, 64;
dann erst wieder, gehäuft, belegt im ausgehenden 18.
jh. (
das compos. sonnenstich 1 '
stich der sonne'
seit dem 17.
jh. bekannt, teil 10, 1,
sp. 1683)
und seitdem fortlebend: ertrugst du ... nicht deshalb nur gelassen den stich der sonne und den frost der nacht A. G. Meissner
Alcibiades (1781) 4, 215; doch wissen ihr (
der sonne) auch ritterlich die schönen trotz zu bieten, und kämpfen gegen ihren stich mit fächer, schirm und hüten Blumauer
ged. (1782) 66 den strohhut ... gegen der sonne stich H. v. Kleist 2, 188
E. Schm.; ähnlich: o dasz doch die früchte am menschen ein andres wetter haben müssen als seine blüten — statt des hauches des lenzes den stich des augusts (
d. h. der augustsonne) Jean Paul 2 (1826) 1.
im sinne von '
hitzschlag'
wie das gleichbedeutende compositum sonnenstich 2 (
teil 10, 1,
sp. 1683)
seit dem 18.
jh.: vor zeiten glaubte man, dasz nur diejenigen, die nach Indien gehen, einen stich von der sonne bekämen J. Fr. Löwen
schr. (1765) 4, 232. A@33)
übertragen. A@3@aa)
gefühle u. ä. abstracta, anschlieszend an A 1 a
und d (
o. sp. 2674
u. 2679),
meist in älterer sprache: die liebhabende brunst (
war) mit newen stich der liebe wider entzündet
buch der liebe (1587) 111
d; denn wer ertrügs, die hieb und streich des unfalls ... den stich verschmähter liebe Herder 25, 34
S.; vergifft dich der tüffel zuo dem sechsten mit dem stich des zorns Keisersberg
bilgersch. (1512) 17
c; wenn wir ... der sündigen sünde stich empfinden J. Heyden
Plinius (1565)
vorr. 2
b; auch wird von reiner liebe kusz der sorge stich geheilt grafen zu Stolberg
ges. w. 2, 197; sorgen geben dem hertzen stich
curae pectus fodicant Dentzler
clavis (1716) 276
a; erwachen, wissen, dasz ich wach bin, will ich, sei es auch durch stich der höllenqualen Grabbe
w. 2, 42
Blumenthal; öfter gewissen (
bild vom nagenden gewissenswurm; heute meist mit bisz
verbunden, s. teil 1, 3,
sp. 6309): er dencke nur an die steten gewissensstiche v. Ryssel
seelenfrieden (1685) 618; ich weisz ..., dasz ich üch nach minem tod ein harten stich, und ein grusam gnagen in üweren gwiszinen veranlassen wird Tschudi
chron. Helv. (1734) 2, 58.
hierher auch bildlich übertragen von A 1 a: darumb daz ain wyser man gegen allen stichen des gelückrades, sie syen guot oder bösz, sol verwǎffnet sin (1443) Stainhöwel
de claris mulieribus 40
lit. ver. A@3@bb) worte (die zunge)
sind spitz und verletzend wie eine stichwaffe; stich
bedeutet in dieser seit dem 16.
jh. ungemein weit verbreiteten verbindung dasselbe wie stichrede,
stichelei (
s. d., auch stechen 6,
teil 10, 2,
sp. 1251): einem im reden ein stich gäben, mit worten anstächen vnd verletzen
vulnerare aliquem voce, fatzwort das eim etwan ein stich gibt,
facetiae asperae Frisius (1556) 125
b; ein herber stich auf einen tyrannen Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. (1577) q 1
b; dahero begab es sich auch, dasz sie einander ... schimpffen und spotten viel stich bewiesen
E. v. Meteren niderlend. krieg (1614) 1, 76
a; durch gutgemeinte stich und wohlgesuchten schertz wird oftmals untersucht das rechte freundeshertz Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1651) 2, 216; da werdten die hoffjunckern gefragt haben, ob ihre fürstl. gn. nicht in acht genommen haben, wie er (
Johannes der täufer) dem Pontio Pilato ... so artige stich gegeben habe B. Schupp
schr. (1663) 14; es sind stiche darin (
im briefe), die nur gar zu deutlich auf sie gehen Gottsched
dt. schaubühne (1741) 1, 322; ich bin heiszen herzens, und ertrage nicht der zunge stich Klinger
neues theater (1790) 2, 82; die richter hielten es (
das verhalten des angeklagten) für einen spitzigen stich, und straften ihn deshalb wieder um einen schilling Aurbacher
volksbüchlein (1835) 145; die stiche auf die regelverachtenden poeten Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 211; soll das etwa ein stich auf mich als ortsvorsteher hier im dorfe sein? W. Raabe
Horacker (1876) 155; er wurde ... ein meister der polemik, der sich auf die künste des feinen stichs verstand v. Roon
denkw. (1892) 2, 12; es ... bildete den wunden punkt für allerlei stiche und reibereien zwischen den schwestern, dasz sie eigentlich die schlechteste partie gemacht hatte H. v. Kahlenberg
d. familie Barchwitz (1902) 9;
auch mundartl. sehr geläufig Castelli
Österreich (1847) 235; Ruckert
Unterfranken 175;
vgl. auch das compositum messmerstich '
anzügliche rede' Schöpf
tirol. wb. 710.
für verleumderische reden falscher zeugen: ... damit er möchte sich entschuldigen, und uns mit falscher zeugen stich (als er auch stattlich that) verleumden und beliegen W. H. v. Hohberg
d. habspurg. Ottobert (1664) n 5
b.
seit dem 18.
jh. häufig als eigenschaft gewisser literar. gattungen, wie witz, satire, epigramm: der letzte stich eines gedichtes, verses
etc.,
la punta, l'acume, il puntiglio di qualche, poesia, epigramma M. Kramer 2 (1702), 920
a; endlich diese schärfe, diese spitze des epigramms, die man als seine hauptvollkommenheit rühmet, wie folgt sie aus dem begrif der aufschrift? will der leser nothwendig gestochen seyn, der eine aufschrift lieset? welches bedürfnisz machte jedem vorbeigehenden den stich nöthig? Herder 15, 359
S.; wäre überhaupt der begrif eines stichs der sinn des worts pointe? (acumen) und aller epigramme treflichste wirkung?
ebda 15, 376
S.; die satyre hingegen sucht den menschen selbst anzustechen, und wenn sie den stich in eine witzige wendung kleidet, so thut sie es darum, damit der leser das vergnügen haben soll zu scheinen, als ob er nur allein dem witze beyfall gäbe Ramler
einl. i. d. schön. wiss. (1758) 3, 114; mit diesen (
den parlamentsmitgliedern) lebte er (
Swift) in einem fortgesetzten stande des streits, liesz sie die scharfen stiche seiner satyre fühlen K. Fr. Cramer
Neseggab (1791) 4, 253; witze mit satyrischem stich ('
pointe') Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 1, 426.
sprichwörtl.: gute wort heylen böse stich Lehman
floril. polit. (1662) 1, 392; vors klaffers stichsolt hüten dich (1539) G. Forster
fr. teutsche liedlein 14
ndr. —
hierher ferner die im 16.-18.
jh. auszerordentlich häufige, bes. in den zeitgenössischen sprichwörtersammlungen immer wieder aufgeführte, später seltener werdende wendung stiche, die nicht bluten '
verletzungen, die man mit worten zufügt': wir Deudschen sagen von einem bösen wort, es sey ein pfeil, item das ist ein stich, der nicht blutet Luther (1568) 6, 158
a; stich die nit bluoten, thuond weer dann die andern S. Franck
sprichwörter (1541) 2, 169
a; ein stich der nit bluotet, ist verborgner weisz aim übel reden G. Mayr
sprüchwörter (1567) c 4
b; vber die hechel lauffen lassen, item, stiche geben die nicht bluten Bas. Faber
thes. (1587) 358
b; wir sehen hie auch, dasz offt einer einem ein unblutigen stich thun will, und doch sich selber trifft (1618) L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 59
ndr.; unterschiedliche neidhämmel und hündisch-gesonnene ... werden mit ihrer gifftigen natterzunge auff mich sticheln, und heimliche stiche wiewohl ohne blutserfolgung geben Prätorius
philos. colus (1662)
vorr. 3;
aufgeführt bei Stieler (1691) 2156,
M. Kramer 2 (1702) 919
c; ob er (
Fuchsmundi in seinen erzählungen) gleich einen oder den andern stich biszweilen gibt, so werden sie doch nicht bluten (1722) Stranitzky
ollapatrida 9, 10
Wiener ndr.; A. Schellhorn
sprichw. (1797) 24; Kirchhofer
schweiz. sprichw. (1824) 167;
holst. mundartl. noch gängig Mensing 4, 842.
die wendung jemandem
heimliche stiche geben
schon bei Luther: dieser schriftgelehrter war auch ein solcher verächter und spötter; darumb gibt ihm der herr ein heimlichen stich. als wollt er sagen: du bist ein heuchler und bube Luther
hauspost., Erl. ausg.2 6, 18; der Oeta saumpt sich auch nit vnd gibt jm vil höflicher heimlicher stich Boltz
Terenz deutsch (1539) 155
a.
bemerkenswert die vereinzelte bedeutung '
jemandem (
heimlich)
mit den augen winken': ie zuweil gab es (
das dirnlein) ain stich dem alten mit den augen
Zimmer. chron. 1, 598. A@44)
folge, wirkung, ergebnis des stechens. A@4@aa) '
wunde',
schon im 13.
jh. bezeugt: do si bevant, daz Tristan hete ze dem tode einen stich, ir klage wart so jæmerlich, daz ir daz herze so erschrak, daz si unversunnen lak Ulrich v. Türheim
Tristan 3289; stich, gespalten vnd offene wunden
fixura (
d. i. fissura),
voc. inc. theut., anf. d. 15.
jh. bei Diefenbach
gloss. 237
b, mester Senp makede al syne plaster unde alle wunden konde helen mede, id weren steke, sweren edder tobroken lede Hans v. Ghetelen
narrenschyp (1488) 55, 26; leinine ... meyszlin (
charpie), ... inn offene schäden, stich oder schütz, darinn noch die pfeile oder sonst andere geschosz stecken pleiben, gestossen ... heylet den schaden zu Sebiz
feldbau (1580) 209;
vulnus punctim factum ein stich
nomencl. lat.-germ. (
Hamburg 1634) 213; das (
baumöl mit wein gemischt) kan man mit zarten fäsern in die stich und wunden legen W. H. v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 308; (
bei besichtigung einer leiche findet man) zwey stiche über dem rechten arm unter dem halsbeine Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 1, 7. A@4@bb) '
schmerz'
; dabei schimmert häufig die vorstellung einer in ein objekt eindringenden und sie durchbohrenden spitze noch durch. A@4@b@aα)
konkret-körperlich, zu stechen 5,
teil 10, 2,
sp. 1249,
wie dieses schon im 16.
jh. bekannt und bis heute geläufig; allg.: da ist eygenschafft vnnd angeborne natur, das alle sewre vnnd kelte von jhrer arth in ein krampff oder stich bringen Paracelsus (1616) 1, 493
c; unser geschrei über jeden stich des schmerzes Jean Paul
sämtl. w. (1826) 2, 165
R.; ein halbes jahr nachher hatte ich noch zu zeiten heftige stiche Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 7, 277;
speciell '
seitenstechen' (
s. seitenstich teil 10, 1,
sp. 398),
pleuritis (
s. Höfler
krankheitsnamen 474
a): stich in der seyten oder seytenstich
conjunctiones laterum Frisius (1556) 275
a;
pleuritis der stich oder seytenwee
ebda 1012
b;
ähnlich Junius
nomencl. (1583) 299
b und Dentzler (1713) 1, 588
b; daz er darob ein kranckheit, vnd vorab den stich erdulden musz, welches sonst pleuritis oder das seytenwee geheyssen Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 27
b;
in einer aufzählung von leiden: stich in seytten Paracelsus
op. (1616) 2, 649; ich habe stiche in der linken seite bekommen Gottsched
dt. schaubühne (1741) 1, 466;
mundartl. stech
lux. wb. 420
b;
so im mnd. auch vereinzelt das schwache masc. sticke
neben steke: wey allewege had den sticken in der syden, drinket hey des ghires ghallen, he wert ghesunt
Wolfenb. arznei- u. kräuterb. bei Schiller-Lübben 4, 398
b.
für stechenden schmerz an anderen körperteilen: dey steke unde wedage der oren
ebda bei Schiller-Lübben 4, 378
a; so einer das herzgespann oder stich hat
theatr. diab. (1569) 141
b; im leib empfindt die fraw (
die ein muttergewächs hat) viel hefftiger stichen, als ob man sie mit nadlen steche J. Ruoff
hebammenbuch (1580) 96; wanns einer frawen in ein brust scheuszt, nim bintzen, die in bächen wachsen, schlags warm vmb die brust, so legt es die stich Gäbelkover
artzneybuch (1595) 2, 75; habt ihr auch schon so stechen in den beinen gehabt? — uf — dasz dich — uf — der stich ist für den banquier Iffland
theatr. w. (1827) 2, 207; da fühlte der kämmerer einen fliegenden stich in der stirn, den kannte er wohl und pflegte ihn den wecker zu heiszen Scheffel
ges. w. (1907) 2, 88. A@4@b@bβ)
seelisch. die dabei ausgelösten gefühle wechseln gern ins sentimentale, zu wehmut und trauer, hinüber; meist feste wendungen: unpersönlich es gibt jemandem einen stich: was gab es mir nicht für einen stich, als ich ... sah, wie sie ihr händchen so artig um ihren arm schlang v. Thümmel
reise i. d. mittägl. prov. v. Frankreich (1791) 2, 261; was mirs wieder einen stich giebt, da ich Julien nennen höre! maler Müller
w. (1811) 3, 369; es gab ihr einen stich, dasz er jetzt noch fortging E. Zahn
helden des alltags 29.
mit angabe des stichziels, als das, unter verwendung wechselnder präpositionen, in den weitaus meisten fällen der innerste sitz des lebens des getroffenen genannt wird; an erster stelle, seit dem 16.
jh., herz; mit unpersönlichen verben, vor allen wieder es gibt,
weiterhin mit vbb. der bewegung (es geht, es fährt),
des fühlens und empfindens; anschlusz mit durch: wenn ich dran denck, geht mir mit schmertz ein stich ausz durch mein betrübt hertz H. Sachs 11, 177
lit. ver.; ich habs gehört, vnd ist mir ein stich durchs hertz gegangen, wegen der verkleinerung der nation Fischart
discours (1589) b 1
a; bei lesung des textes ging ihm ein stich durchs herz Melch. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 2, 394; Siegwart, dem das einen stich durchs herz gab Miller
Siegwart (1777) 1, 224; dasz es mir ordentlich einen stich durchs herz gab Gaudy
s. w. (1844) 1, 107; aus dieser erläuterung verstunde ich mit einem rechten stich durch das hertz, dasz eben diese die Veronia sey Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 674. —
mit in und folg. akkus.: mir gadt ein stich ins hertz
foditur cor stimulo Frisius (1556) 573
a; vnnd gieng jr ein stich ins hertz (
als sie den geliebten wiedersieht)
buch der liebe (1587) 208
d; es gibt mir immer einen stich ins herz, wenn ich daran denke, dasz ein solcher mann das eigentliche Deutschland verläszt
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 36; ein stich fuhr mir ins herz, wie ich anfieng zu lesen .... Heinse
s. w. 9, 55
Sch.; mir wars ein stich ins herze
theater d. Dtschen (1768) 12, 342; der treuen dienerin war diese wiederholte abweisung ein stich ins herz
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 339;
vereinzelt an: gab mirs nicht einen stich ans herze! Gellert 2, 220;
häufiger in m. dat., dann meist mit anderen verben: mein herr vater hatte diese ehrenrürige schmähung nicht anders als einen tödlichen stich im herzen empfunden A. H. Bucholtz
Herkuliskus (1665) 617; Ida fühlte einen tiefen stich im herzen, als sie die gräfin aus dem wagen steigen sah W. Hauff
s. w. (1890) 3, 123; wenn ein kind jedesmal mit einem stich im herzen an den vater denken musz B. Auerbach
schr. (1892) 18, 48;
zu: (
ihr) ginge hernach ein stich zum hertzen ... wenn sie ihr ungestalt sah Abr. a
s. Clara
etw. f. alle (1711) 2, 54.
wesentlich seltener, seit 17.
jh., seele: Sadaln ging dieser stich durch die seele Lohenstein
Arminius (1689) 2, 42
a; mir und vielen ... gieng ein stich durch die seele, da wir ihr schicksal vernahmen Lavater
verm. schr. (1774) 2, 123; einen stich verarbeitend, der ihm durch die seele gieng Vischer
auch einer 1, 226; der beschlusz des bundestags ... war doch ein schmerzlicher stich in die seele
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 344; was schmertzliche stich durchdrangen meine seele
theatr. amoris (1626) 94. —
vereinzelte fügungen mit anderen substantiven: wem man die nahrung nimbt, dem thut man ein stich ins leben Lehman
floril. polit. (1662) 2, 567; nun bekam ich erst einen solchen ekel vor diesem thier, dasz mir ein stich durch alle adern gieng U. Bräker
s. schr. (1789) 1, 55; einige hms! hms! ei! ei! ... so hervorgebrummt, waren für Scheible nur kurz schmerzende stiche ins gewissen Gutzkow
ges. w. 4, 408; wieder n stich durch alle knochen! (
angesichts einer groszen enttäuschung) maler Müller (1811) 1, 285. —
vereinzelt für ein wohltuendes gefühl: wo mans (
das buch) aufschlägt, springt einem ein süszer stich in die reizbarkeit der lebensnerven Heinse
s. w. 3, 391
Sch.; ja, auch noch mag (
er) genieszen des kitzels linden stich, sich rückersehnt zu wissen, weil schlimm dem schlechtern wich Grillparzer
s. w. 1, 203
S. A@4@cc)
eine zustandsänderung, stets in der fügung einen stich haben (bekommen, kriegen
u. ä.),
durchgängig im peiorativen sinne, wobei die vorstellung der wirkung eines stichs mit vergifteter waffe oder eines giftigen tieres, teilweise auch der sonne (
vgl. oben A 1 d
und A 2),
im hintergrund stehen mag. α) '
verrückt, geistesgestört sein',
nur volksmäsziger und lässiger sprache zugehörig: im hirn hat er ein stich, ja wol stich Ayrer
dramen 3110
lit. ver.; wir passen recht gut zu einander, wir haben alle drei einen kleinen stich Immermann
w. 14, 52
H.; die leute mit dem stich
titel e. humor. romans v. H. Biernath (1936); Jecht
Mansfeld 108
a; Mensing
schlesw.-holst. 4, 842; Brendicke
Berlin 178
b; der hat n stich unter der kapp '
ist nicht ganz bei sinnen' Fischer
schwäb. 5, 1750;
s. auch hieb 5,
teil 4, 2,
sp. 1307;
auch sonstige krankheiten: in dem aber ergriffe den hauptman Nägeli ein pestilentzisch fieber, so man den stich zu nennen pflegt
M. Stettler
annales (1627) 2, 86
a; als er nun zu Aquen uber winter bleiben wolte, ist jm auf einem weidwerck der stich angestoszen, zu dem auch ein fieber oder kalt wehe schlug
M. Quad
memorabilia mundi (1601) 41.
vgl. Höfler
krankheitsnamen 678.
β) '(
leicht)
bezecht sein',
erst spät belegt, ebenfalls wenig in höhere sprachschichten gedrungen; lexik. bei B. Klosz
burschenspr. (
ca. 1806) 13; Stürenburg
Ostfries. 259
a; Albrecht
Leipzig 217
b; Ruckert
Unterfranken 175; Crecelius
oberhess. 806; Tobler
Appenzell 407
b;
im sprichwort bei W. Körte
sprichw. (1837) 526;
literarisch: er selber habe keinen rausch gehabt, aber einen stich J. P. Hebel
w. 2, 195
Behaghel; vgl. auch hieb
in ähnlicher verwendung (5,
teil 4, 2,
sp. 1307).
γ) '
zu verderben anfangen'
von getränken und speisen; das bier hat einen stich Reinwald
Henneberg. idiot. (1793) 2, 121; Serz
teutsche idiotismen (1797) 148
a; Ruckert
Unterfranken 175; Albrecht
Leipzig 217
b; Jecht
Mansfeld 108
a; Crecelius
oberhess. 807;
wein: lux. 420
b;
flüssigkeiten: Bauer-Collitz
Waldeck 175; de botter hat n stich Block
Eilsdorf 94;
auch literarisch: der rahm hat doch wieder einen stich gekriegt von der hitz O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 89; hat der gastwirth einen hieb, einen stich sein wein, mag man seinen gästen schon einen schusz verzeihn Hoffmann v. Fallersleben
mein leben 6, 324.
parallelentwicklung im französ. le vin se pique; vgl. zeitschr. f. dt. wortforschg. 3, 235. A@55)
indem sich das momentane, punctuelle der handlung des einstechens in ein objekt in den vordergrund schiebt, löst sich die bedeutung von stich
ganz vom verbalbegriff los; das wort erhält quantitativen sinn und bezeichnet A@5@aa) '
kleine menge, etwas, kleinigkeit'
in verschiedenen, meist festliegenden wendungen; von butter: er hatte mir den kleinen stich butter auf einem weinblatte gebracht J. J. Chr. Bode
Yorick (1768) 2, 104;
ähnlich Woeste
westf. 255
a;
ferner an stich reda mit eine '
einem unter vier augen etwas eröffnen, mit jemandem ein wort reden' Bühler
Davos 1, 265
und 307;
hierher auch ironisch einen stich in den becher gucken '
eine kleinigkeit (
bei gemeintem gegenteil)
trinken': ee er die spisz duot abhyn schlucken, duot er eyn stych jnn becher gucken Seb. Brant
narr. 110
Z. früh im zeitsinn, wie schon in dem dem griechischen nachgebildeten got. beleg in stika melis '
in einem augenblick' (
s. o. sp. 2673),
vgl. auch lat. ictu temporis
u. ähnl. thes. ling. lat. 7, 1, 168;
mhd.: du muost hie belîben noch ein stich ('
augenblick')
Malagis 41
b bei Lexer 2, 1186,
vgl. die im nd. verbreitete wendung up stick un stun, '
pünktlich, genau auf augenblick und stunde' Mi
meckl. 86
b; Mensing
schlesw.-holst. 4, 843;
vgl. dazu: ik will so foort op stickenstunt de lyre laten klingen (1743)
nd. jahrb. 53, 124; (
über berührungen dieser redensart mit dem ebenfalls nd. geläufigen adverb. und adj. stick
s. u. sp. 2731);
ebenso hergehörig auf den stich kommen '
plötzlich, unangemeldet' Frischbier
wb. 2, 370
b.
hierher wohl auch ohne zeitsinn bei Luther
formelhaft zum (auf) ein stick (sticken)
in der bedeutung '
bis auf den punkt, aufs tüpfelchen genau' (
über den wechsel stich: stick[en]
sieh auch hier unter b): non quaerit, quis deus, das weis er auff ein stick 34, 2, 176, 1
Weim.; das kan er zum stik
ebda 176, 17; denn der teuffel weis er zum sticken 26, 582, 1.
sehr häufig ist verwendung in der negation mit verstärktem ausschlieszenden sinn '
gar nichts',
meist mundartl.: känen stich mī tūn '
gar nichts mehr tun' Jecht
Mansfeld 108
a; nicht einen stick Unger-Khull
steir. 576
a;
doch gelegentlich auch literarisch: kein stich ist wahr davon Kürnberger
nov. (1861) 2, 209. A@5@bb)
eine sonderstellung beansprucht in diesem zusammenhang stich
im bereich des sehens, vor allem in der redensart keinen (
nicht einen)
stich sehen und ähnl. in der bedeutung '
gar nichts sehen'
: denn auf hd. gebiet stehen hier neben stich
in der gleichen bedeutung und anwendung früh auch stic (stick),
später vereinzelt auch sticke,
häufig sticken,
vereinzelt stic
neben stich
bei demselben autor (
s. u. Berthold von Regensburg)
öfter als hdschr. var.; schon mhd. (
s. mhd. wb. 2, 2, 625
a; Lexer 2, 1186): ein blinder man, der nie stich (
var. stick) gesach bî allen sînen tagen Berthold von Regensburg 383, 15;
ähnlich arzneibuch 2, 7
a Pfeiffer; Karlmeinet 334, 38
lit. ver.; (
wir) sint vorblint zcu
e deser geschicht an unsern augen, daz wir nicht ensehen eynen stich
altdt. schauspiele 67
Mone; er hat sie geblendet, das keins keinen stich sihet Keisersberg
granatapfel (1516) 17; ... sie aber tun, als sehn sie keinen stich P. Fleming
dt. ged. 1, 447
L.; solchergestalt kamen sie in einen groszen wald, da sie ... nicht einen stich sehen kunten Happel
akad. roman (1690) 534; so lange meine augen noch einen stich sehen können Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 1, 230.
in neuerer zeit nur mundartlich bezeugt, z. b. bei Castelli
österr. (1847) 235; Seiler
Basler ma. 278
b; Wegeler
Coblenz. 80; Schmidt
westerw. (1800) 235; keinen stich (
neben keinen stick) sehen Kehrein
Nassau 1, 391; Spiesz
henneb. 243; Müller-Fraureuth
erzgeb.-obers. 2, 562
b.
selten, schwäbisch: i
ch seh
e und hör
e kein
en stiche
n Fischer 5, 1750 (
vgl. hierzu unten die form sticken). —
bereits seit dem 12.
jh. kein(en)
stic (
stick) sehen,
als masc. und neutr.: diu ougen im vergiengen ... daz er niemer mêr dehain stik gesach
kaiserchronik 16274
Schr.; sie mochten vor der vinster nacht einen stic niht gesehen Herbort von Fritzlar
liet von Troye 17178; er wirt gar blint, daz er niemer stic gesiht Berthold von Regensburg 1, 265, 28
Pfeiffer; darzu der regen was so dick, das er gesach nit ainen stick
liedersaal 1, 344; so wird dein mann werden stockblindt, dasz er kein stick mer sol gesehen Hans Sachs 17, 191, 31
lit. ver.; ein finsternusz der sonnen kam, dasz man kein stick konnt sehen
M. Kleinlawel
Straszburg. chron. (1625) 118;
vgl. auch Dentzler
clavis (1716) 276
a.
nur selten sticke: wenn ich hin vsz kome an daz wit, so sihe ich ein sticke nicht, vnd in dem palast han ich min gesicht, vnd sind mir min ougen clar (1412) Hans von Bühel
Diocletians leben 2919
Keller; dann die nacht so finster was das er ein sticke nicht gesach (1472/73) Arigo
decamerone 550
Keller (
vgl. stickfinster sp. 2747).
sehr häufig seit dem 16.
jh. sticken: er hett gesehen kain sticken nie
ca. d. j. 1539
in d. zimmer. chron. 4, 236; sein augen aus seim haupt im warff, so das er kein stücken mehr gsach Wickram 8, 181
Bolte; die blinden werden nicht einen sticken sehen Fischart
praktik 28
ndr.; also das wir auszerhalb unserer brennenden fackeln hierinnen eintzigen sticken nicht sehen mögen Breuning
oriental. reise (1612) 164;
vgl. noch 'nicht ainen stick, kainen stick, kainen sticken, kainen gestick sehen
wie man auch sagt kainen stich
ganz und gar nichts sehen'
aus älterer sprache bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 727
a;
s. auch K. Reiser
sagen des Allgäus 2, 738. —
im nd. vgl.: syne ogen synt starblint, dat he nicht ein stick darmede sht
quelle von 1561
bei Schiller-Lübben 4, 399
a: man kan kinen stikk seen '
man kann nicht das geringste sehen oder pünktlich unterscheiden'
brem.-nieders. wb. 4, 1021; Richey
Hamburg. 291; man kann keen stick (sticken) sehn '
gar nichts' Mensing
schlesw.-holst. 4, 842
und 844. —
das nebeneinander von stich-
und stick-
findet sich auch in bedeutungsverwandten bildungen, in denen das erste glied meist nur steigernde function hat, wie stick(e, -en)-, stich(e)dunkel, stick-, stichdüster, stick-, stichfinster, stick-, stichnacht (
s. diese unten an alphab. stelle),
die z. t. dazu noch in austausch und mischung mit steck-
und stock-
auftreten, vgl. steck-,
stockfinster,
stockdunkel,
auch vereinzeltes stechdüster Müller-Weitz
Aachen 234.
vgl. stick(en)blind,
auch stick,
adj., u. sp. 2731,
sowie oben sp. 2674. A@5@cc)
von der bedeutung '
kleinigkeit, etwas'
ist ebenfalls auszugehen in einer reihe von fügungen, die, erst im 19.
jh. aufkommend, eingeleitet sind mit ein stich ins
bzw. von
im sinne von '
ein anflug von'
; gern bei farbbezeichnungen: die (
leichen)blässe ... hat häufig einen stich in das grünliche, bläuliche, bräunliche Sömmerring
v. baue d. menschl. körpers (1839) 8, 1, 359; bei den Wakilema ... trafen deutsche reisende theils eine lichte negerfarbe mit einem stich ins bläuliche O. Peschel
völkerkde (1874) 93; weingelbe körner mit einem stich ins rötliche Muspratt
chemie (1891) 3, 1910; er war immer bleich, aber heute zeigte sein gelbliches blasz einen stich ins grünliche C. Viebig
d. schlaf. heer (1904) 1, 234; ən štīek ent grȳən Leihener
Cronenberg 116
a;
formal abweichend: eine weisze farbe mit gelblichem stich Muspratt
chemie (1888) 2, 95;
auch bei sonstigen eigenschaften, dann meist mit abfälligem beischmack: eine gute gemüthsart, ein bisserl still, mit einem stich ins altväterische
M. v. Ebner - Eschenbach
ges. schr. 4, 385; jeder wirkliche dichter hat einen stich ins krankhafte Liliencron
s. w. 8, 5; er hatte immer etwas wunderliches gehabt ... mit einem stich ins hochmütige Frenssen
Jörn Uhl (1902) 405; sein ständiges ironisches lächeln bekam einen deutlichen stich ins liebenswürdige H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 53; es war wohl ein närrischer einfall, aber sie haben nun einmal einen stich von gelehrsamkeit Zschokke
s. ausgew. schr. (1824) 19, 6; einen stich von narrheit L. Tieck
schr. (1828) 17, 209;
formal abweichend: wenn er einen findet, der etwas apartes an sich hat, etwa einen hieb aus dem narrenhaus, oder einen stich aus dem geisterreich, so freut er sich basz W. Hauff
s. w. (1890) 2, 63. BB. stich
erfährt um 1500
eine wesentliche ausdehnung seines bedeutungsumkreises; zu der alten, ererbten verwendung im ritterlich-militärischen sinne und ihren weiterbildungen zeigen sich in der folgezeit, parallel laufend, eine reihe gewerkwörtlicher anwendungen. stich
meint dann schlechthin das einstechen eines gegenstandes in einen anderen, wobei von selbst jegliche gefühlswirkung ausscheidet und die mit stich
von haus aus verbundene vorstellung des spitzigen, auf einen punkt gerichteten verschiedentlich zugunsten einer stichlinie oder sogar stichfläche verblaszt. B@11)
beim nähen mit nadel und faden (
zu stechen 1 h,
teil 10, 2,
sp. 1238). a)
der einstich des schuhmachers, schneiders, stickers, sattlers in leder, stoff u. s. w.: keyn arbeit dett nie guot zur yl: den stich es nit wol lyden mag zwentzig par schuo, vff eynen tag S. Brant
narr. 51
Zarncke; ir (
die schneider) stechen manchen stich vmb sunst
Eulenspiegel 79
ndr.; denn derselbe schneider dürffte sonst niemand keinen stich arbeiten Chr. Reuter
Schelmuffsky 117
ndr.; und acht gesellen ward die arbeit angemessen: acht nadeln flogen schnell mit manchem flüchtgen stich Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 260; (
Lydie) näht wie keine, stich für stich wie perlen, wie gestickt Göthe I 25, 103
W.; ich half ihr sticken, es ward recht gut, denn ich hab augenmaasz und mache die stiche sehr egal B. v. Arnim
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 14; die ... frauen wurden gerührt von diesen worten, wenn gleich Annele dabei die stiche an ihrer stickerei zählte B. Auerbach
schr. 16, 104; über ihre arbeit gebeugt, als achte sie auf weiter nichts in dieser welt als die stiche ihrer nähnadel H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 133;
auch vom wundennähen des arztes: du setzest den ersten puncten oder stich mitten inn die wunden ... vnnd lasz ye zwischen zweyen stichen ain spacium H. Braunschweig
chirurgia (1539) 13
b; nun wollte der arzt ihm das maul heften, und da derselbe schon drei stiche getan hatte, sagte der patient ... Göthe I 44, 23
W. groszer reichtum an sprichwörtlichen wendungen: weite stiche geben auch brot (
sprechen die schneider) Petri
der Teutschen weiszheit (1604) 2, A aa 1
r;
ähnlich: weit stich breng brûd, eng stich leidn nût Göpfert
Erzgeb. 93;
holstein. von minderwertiger näharbeit: se neiht all 5 foot 3 stich Mensing
holstein. 4, 842; wann man nicht ein knopff an faden macht, so ist der erst stich verlohren Lehman
floril. polit. (1662) 1, 23; wenn der schneider keinen knoten macht, so verliehret er alle stiche P. Winckler 2000
gutte gedancken (1685) h 12
a; doch sind die junggesellenschafften auch stiche, die nicht lange hafften Chr. Fr. Henrici
ernst-, scherzhafte u. sat. ged. (1727) 1, 370; es ist drath und stich daran verloren, wo zu viele daran herumgeschustert haben W. Körte
sprichwörter (1837) 69; eines stiches wegen kann ein schuh verloren gehen Düringsfeld
sprichwörter (1875) 1, 394
a;
besondere arten von stichen in mannigfachen zusammensetzungen: spitzenstiche seynd allerhand künstliche und zarte stiche, womit das weibesvolck die blumen in den geneheten spitzen auszufüllen pfleget Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1889; stich, die art der fadenführung beim nähen und sticken, wie kreuzstich, plattstich (
vgl. diese teil 5, 2199
und teil 7, 1915) usw. Bucher
kunstgewerbe (1884) 383
b;
zahlreiche weitere ausdrücke bei Jacobsson 7, 448
b,
ebenso unter stichart. b) '
masche',
nur mundartlich: Seiler
Basel 278; e stech fale lossen
bzw. ophièwen (
aufheben) Gangler
Luxemb. umgangssprache (1847) 430;
luxemb. wb. 420
b. B@22)
in der metallschmelzerei (
zu stechen 1 m,
teil 10, 2,
sp. 1241). a)
das anstechen des schmelzofens: stich '
der actus, wenn der herd gestochen wird' A. v. Schönberg
ausführl. berginform. (1693) 2, 132; '
die handlung, da das auge am vorherd ('
das abfluszloch',
s. auch stichauge)
mit dem sticheisen aufgerennet wird, dasz die im flusz stehende und ausgearbeitete materie heraus flieszen kann'
bergm. wb. (1778) 526; Jacobsson 4, 292
b. b) stich '
das loch in der vorwand des schmelzofens, wodurch, wenn es angestochen wird, das geschmeltzte erz heraus läuft'
bergm. wb. (1778) 526; Karmarsch-Heeren 8, 495. c) stich '
beim flammofen ... der raum, wohin das geschmolzene erz flieszt' Mothes
baulex. 4, 272; man (
kann) das metall durch einen canal (stich) ablassen Muspratt
chemie 1, 1565. d)
die herausflieszende schmelzmasse: stich ist was von den oberherde uff einmahl auszfleust G. Junghans
gräublein ertz (1680) 4
a;
bergm. wb. (1778) 526. e)
redensartl.: über den stich arbeiten
ein bestimmtes schmelzverfahren (
im gegensatz zum arbeiten vbern gang
oder krummen ofen
oder vbers höltzlein): zweyerley schmeltzen ... das erste heisset man ubern stich arbeyten, nemlich, wenn man die ertz oder schlich mit jhren gebürlichen zusetzen im schmeltzofen sich wol derarbeiten vnd ansieden lesset, vnnd öffnet darnach den ofen, oder sticht ein aug oder loch darein, das die angesottne materien herausz in das abgewermete spor fleusset Mathesius
Sarepta (1571) 148
a; die bleyertz die arm seind ..., seind gleich wol auch ... zu gut zu machen, aber nicht durchs gemeine schmeltzwerck, vbern stich vnd krummen ofen L. Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 116
a;
ähnlich: schmelzen auf dem stich ist vom schmelzen durch das auge nicht unterschieden G. R. Lichtenstein
entdeckte geheimnisse (1778) 11. B@33)
im weinhandel das anstechen des weinfasses zur weinprobe durch den weinstecher (
s. d.): 5 D zuo stich und underkouff ('
vermittlung') ... 4 D zuo stiche und zuo zolle (1456)
rechnungen der s. Thomasfabrik bei Ch. Schmidt
hist. els. wb. 340
a;
vgl. auch das allg. und häufig gebrauchte anstich (
von wein- und bierfässern, vgl. teil 1,
sp. 485). B@44)
in kunst und kunstgewerbe das eingraben von zeichnungen (
bilder, schrift, karten, noten)
in metall (
kupfer, stahl)
oder stein, zu stechen 1 f,
teil 10, 2,
sp. 1233,
im gegensatz zu dem bereits um 1500
weit verbreiteten verbum und dem schon bei Gryphius vorkommenden compos. kupferstich,
vgl. teil 5,
sp. 2769 (stahlstich
taucht aus sachlichen gründen erst in den 20
er jahren des 19.
jh. auf, teil 10, 2,
sp. 584),
erst seit dem 18.
jh. zu belegen. a)
die handlung des stechens, '
das stechen': die lords ... schenkten die ganzen unkosten des stichs zu gleichen theilen Cook und seinem vater G. Forster
s. schr. (1843) 1, 5; in Winterthur ist mit dem stiche würklich der anfang gemacht worden Schubart
br. 2, 140
Strausz; herr Schwerdgeburth ... übernähme wohl zeichnung ins kleine und stich Göthe IV 27, 69
W.; es sammelte sich ... eine colonie von künstlern für restauration, zeichnung und stich Justi
Winckelmann 2, 1, 155; wenn ich zwar die veröffentlichung derselben (
der karte von Rom) wünschte, so fehlen mir doch die mittel zu den nicht unbeträchtlichen kosten des stiches Moltke
ges. schr. (1892) 1, 189. b) '
die einzelnen einschnitte des künstlers, in das kupfer mit dem grabstichel' Jacobsson 4, 292
b. c)
resultativ, das entstehende kunstwerk, '
der kupferstich, stahlstich'
u. s. w.: (
die) übereinstimmung der urkunde, mit diesen neuen stichen und abdrücken Gottsched
anmuth. gelehrsamkeit (1751) 3, 408; mit den ersten schönsten abdrücken seines stichs (1770) Gerstenberg
Hamb. n. ztg. 370
lit.-denkm.; ein kleiner stich wird davon ... in kurzem erscheinen W. v. Humboldt
br. an Welcker 82; er heftet bald auf die nipse den blick, die tische und schränke ihm zieren, bald auf figuren und büsten und bald auf stiche und bücher Hebbel
w. 8, 214
W.; Härtel, eine feinbesaitete künstlernatur ..., sammelte stiche nach Raphael G. Freytag
ges. w. 1, 186; ein zweiter stich, der einen anderen, gröszeren teil des ganzen wiedergiebt, ist von Agostino Veneziano Herm. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 253; eine zwanglose zusammenkunft, bei der man erzählte, vorlas oder stiche und skizzen betrachtete W. v. Scholz
erzählungen (1924) 293. d)
feste wendung im stich '
gestochen': ebenso ist meine aufnahme der Dardanellen und von Konstantinopel und dem Bosporus im stich erschienen Moltke
ges. schr. (1892) 1, 23; Julius Thaeter, welcher Schwinds schöpfungen mit mustergiltiger pietät im stich reproducirte
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 6, 228. e) '
art zu stechen': an einem accuraten und saubern stiche der kupferplatten ... sollen weder fleisz noch kosten gesparet werden Gottsched
anmuth. gelehrs. (1751) 9, 128; die figuren sind sehr charakteristisch und der stich in allen details sehr ausführlich Göthe I 47, 357
W.; der kupferstecher hat einen schönen stich Jacobsson 4, 293
a. B@55)
das stechen mit dem spaten, so das abstechen von torf, rasen u. s. w. (
zu stechen 16,
teil 10, 2,
sp. 1266): bei dem senkrechten stiche steht der arbeiter auf der abzustechenden fläche Karmarsch-Heeren 9, 515;
vgl. torfstich 11, 1, 1, 890.
insonderheit der einzelne stich mit dem spaten: letzterer hat bei seinem aufenthalt in Griechenland persönlich zu dem kanal den ersten stich getan Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 270;
vgl. auch 6 e.
s. auch spatenstich (
teil 10, 1,
sp. 1994). B@66)
bei verschiedenen handwerklichen und gewerblichen betätigungen ein durch kerbe oder einschnitt bewirktes merkzeichen oder eine durch bestimmte bei der tätigkeit des stechens gefundene abstände festgelegte maszeinheit. a)
bei tischlern und zimmerleuten: stich
zeichen, kerbschnitt auf bauhölzern zu verschiedenem zweck Jacobsson 4, 292
b; stiche
die kerben, die das bauholz erhält zur festlegung, wie tief der span mit der axt weggehauen werden soll, im abstande von etwa 2
fusz, s. ebda 4, 293
a; Schönermark-Stüber
hochbaulex. (1902) 800. b)
bei den gerbern: merkzeichen an häuten (1611
und 1710) Unger-Khull
steir. 576. c)
eichzeichen an maszgefäszen: esz sollen das gewicht auch metzen elln öel- meel- und weinmasz zu allen zeiten an der schwer, stich und fach zapfen gerecht sein (1658-1678)
österr. weist. 8, 263, 18. d)
im mühlenbau: '
bei den stirnrädern ... die entfernung von der mitte des einen zahns und kammes zum andern' Jacobsson
technol. wb. 7, 448
b; Benzler
deichbau (1792) 2, 190. e)
bei erdarbeiten '
tiefe eines spatenstichs': (
zum bau der wasserklause muszte man) in die neun hundert stiche tief mit grabscheitern ausgraben ins erdreich S. Hüttel
chron. d. st. Trautenau 185 (
nach 1578); wie sie nun an den bestimmten ort kamen, fanden sie drey stiche tief die erde aus gegraben Lohenstein
Arminius (1689) 29
a; stich heiszet im teich- und gartenbau die tiefen von einer halben elle Zincke
öc. lex. (1753) 2, 2820; der sehr niedrige wasserstand ... erlaubt den neuen durchstich über der rasenmühle noch um einige stiche auszuheben (1790) Göthe IV 9, 228
W.; man nehme von dem akker einen stich erde
d. schles. landwirth (1771) 2, 12. f)
in der näherei ist stich '
die entfernung zweier stiche
voneinander, bes. bei den schustern, wo die 26
kleinen abteilungen an der maszlade stich
heiszen. jeder stich
hält 3 linien' Adelung 4, 366. B@77)
in jägerei und fleischerei seit der reformationszeit in mehreren verwendungen belegt, die jedoch höherer diction fremd geblieben sind und sich auf den umkreis der fach- und berufssprache wie der mundart beschränkt haben. a) '
abstich, schlachtung von vieh' (
zu stechen 1 d
α,
teil 10, 2,
sp. 1229),
wobei trotz des lebenden objektes das agressivfeindliche der handlung völlig fehlt: drumb hab ich zum stich behalten dise sau für mich Fischart
jesuiterhütlein 249
Hauffen; (
es) werden denen hieszigen flaischhackern ieden dreiszig stuck schaff zue ihrem stich, aber nicht zum widerverkauf ... zu halten erlaubt (1701)
öst. weist. 8, 860, 6; item was vichs durch kot getriben wirdet, das an den stiech gen Nurnberg nicht gehört, daz tzollet der herschaft in obgeschribner massen (1441)
mon. Boica 47 (
n. f. 1) 411. b)
vertiefungen an der brust von wild und schlachtvieh, wo beim töten der einstich gemacht wird: foramen per quod animal necatum est Frisch (1741) 334; de stek '
heisset bey uns an den schweinen das stück unter dem halse und zwischen den kinnbacken, durch welches das schwein abgestochen ist' Richey
idiot. Hamb. (1743) 290; v. Thüngen
waidm. pract. (1838) 310; Hartig
lex. f. jäger (1861) 502. '
der gewöhnliche zielpunkt bei einem schusz von vorn, daher die benennung stichschusz (
s. d. 1), auf den stich schieszen' Behlen
forst- u. jagdkunde (1840) 5, 699. c)
das diesen stichstellen entnommene, wegen seiner güte bes. beliebte, vorzugsweise zur wurstbereitung verwendete fleisch: wa ain ieder metziger den stich von dem vieh will verkaufen und hingeben, so sol er den ainem nachparn zu
s. Laurentzen oder ainem gerichtsman geben (1509)
öst. weist. 5, 456, 18; weiter so schneidet man den stich, das ist, das weiche bauchfleisch ziehmlich breit drausz, (doch also, dasz die speckseiten nicht zu sehr diminuiret werden) denn der stich er orniret die würste
wurstologia (1690) 89; '
der stich
oder das brustfleisch
ist jener theil am halse des ochsen, wo er gestochen wird, und eines der beszten stücke' Popowitsch
versuch (1780) 420;
bezeichnung für eine rindfleischsorte Unger-Khull
steir. 576
a; '
kehlstück geschlachteter tiere' Hertel
Thür. 235; stek '
fettes fleisch' Schumann
Lübeck 64; Frederking
Hahlen b. Minden 30; '
lunge und leber eines geschlachteten tieres' Follmann
lothring. 498
a. d)
das geschlachtete oder zu schlachtende tier als ganzes: deszgleichen soll kein meinster (
gerbermeister) keinen stich umb yemant, der mit selbgestochem viche umbgat, nit kauffen (1514) Wibel
hohenlob. kirchenhist. 3, 279; das kein gerwer keinen stich (
gegens.: was einer in sin huse schlachte) sol koufen (1454)
viertelj.-hefte f. württ. gesch., n. f. 26, 137; solle kein rothgerber, kirschner ... keinen stich noch eine haut auff dem rind kauffen (1718) Reyscher
württ. ges. 13, 1108. B@88)
kaufmänn. '
tauschgeschäft' (
zu stechen 12,
teil 10, 2,
sp. 1263;
ital. baratto (
vgl.parat teil 7,
sp. 1459
sowie borati oder stich Petzensteiner
rechng. i. mancherley weys [1483]
c. 15),
bei dem, vielleicht unter nachklingen turniermäszigen sichmessens im speerkampf, beide partner die gegenseitig zu tauschende ware erlaubtermaszen zu einem fiktiven überwert ansetzen und sich gewissermaszen zu übertrumpfen suchen. vereinzelt schon im 13.
jh.: swaz man an wine git oder an saltze mit stichen (1276)
Augsburger stadtb. 69
Meyer; ende 15.
und im 16.
jh., parallel dem aufblühen des deutsch-ital. handelslebens, sehr verbreitet (
in hansischen urkunden fehlend): (
die richter) habenn vor recht ausgesprochenn, das Michel von der Wyll Jurghe Bern dyenere dy wachs, umb dy eyn redelicher stich czwyschen ynen gescheen ist ... sal czum dritten tag lassen folgenn (1501)
stadtb. v. Posen 1, 295
Warschauer; waz du koufst oder verkoufst zu Jenua, zalt man dem underkaffl (
makler) von den koufen 1 den. per ℔ de valuta; es trifft ain stich 2 D per ℔ de valuta, ist ⅚ tail per cento (1506) K. O. Müller
welthandelsbräuche 179;
jedoch auch schon früh in abschätzigem sinne: ich findt wol ein, der wuochert gern, so hab er leider nit die summ, das er zuom iudenspieszlin (
wucher) kumm; noch facht er an ein fürkouff tryben, do by der arm man muosz belyben, vnd macht ein thürung in dem landt ... zuo Franckfurt heissents wir: den stich (1512) Murner
narrenbeschw. 67, 37
ndr. auf die verworrenen wert- und rechenverhältnisse dieser geschäftspraxis nehmen mannigfache praktische beispiele in den mathematikbüchern des 16.
jh. bezug: einer hat pfeffer, wil setzen 1 c
c am stich umb 33 fl., des wil er verstechen J. Albrecht
rechenbüchlein (1534) q 1
a;
ähnliches bei A. Riese,
der im rechenbuch auff linien und ziphren (1581) 56
ein ganzes kapitel 'vom stich'
bringt. im 17.
jh. seltener: weilen sie auch nur durch die enge des meers von Hispanien gescheiden, (
haben sie) flugs jhre sachen durch den stich oder tausch mit einander verhandelt W. v. Kalchus
Sallust (1629) 125;
aufgeführt bei Zehner
nomencl. (1645) 415; Calvisius (1666) 648;
ausführliche darlegung des gebahrens bei Marperger
kaufm.-magazin (1708) 1260. —
feste wendungen: im (auf dem, den) stich handeln
negotiare à scambio, trafficare à baratto, à trocco etc. Kramer 2 (1702) 920
a; darumb auch bey dem gemain man (
in Ruszland, beim handel) das golld in khainer achtperkhait, sonnder alles auff den stich vnnd tausch (
gehandelt wird) (1517)
fontes rer. austriac. 1, 1, 117; stich um stich '
ware gegen ware, zug um zug': ein kauffmann ausz dem Niderland war weit berümpt vnd wol bekant ... in aller wahr gab stich vmb stich B. Waldis
Esopus 2, 153
Kurz; sämtl. notiert bei Adelung 4, 366.
vgl. auch die zusammensetzungen stichgeschäft, stichhandel, stichkauf, stichrechnung.
zu beachten sind im übrigen die in ähnlicher verwendung hauptsächlich im südwesten des sprachgebietes geltenden verben stechen (
s. d. 12,
teil 10, 2,
sp. 1263)
und verstechen (
s. d. B 1,
teil 12, 1, 2,
sp. 1636)
sowie die den osten beherrschenden 2stutzen (
teil 10, 4,
sp. 768)
und verstutzen (
s. d. 2,
teil 12, 1, 2,
sp. 1821). B@99)
als mengenangabe: 1 stich hammelfelle '300-500
stück' (
ca. 1800) Fischer
schwäb. 5, 1750;
vgl. dazu auch 3 stich tischtücher, 2 stich handzwelen
Nördl. inv. (1612)
bei Fischer
schwäb. 6, 3206.
hergehörig? B@1010)
in der teichwirtschaft ist stich
ein am boden des teiches ausgestochenes loch, in dem sich beim ablassen des wassers sowie im winter die fische sammeln; zeugnisse erst seit dem 18.
jh., fast nur lexikalisch, s. allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 420; Jacobsson 4, 292
b und 7, 449
a; Adelung 4, 365
unterscheidet je nach grösze hauptstich
und beystiche; Mothes
ill. baulex. 4, 272;
nd.: van den affgelopenen sanden halen se vele vische in den rusen, stecken, fletien usw. Neocorus
chron. d. landes Dithmarschen 1, 222
Dahlmann. B@1111)
mineral. '
durchlaufende weiche schicht im stein'
; jung bezeugt, meist fachsprachlich und mundartlich: im trockenwerden unterlag er (
der baumstamm aus der steinkohlengrube) den gesetzen der mineralischen natur, indem er durch verschieden durchgehende stiche sich in mehrere theile trennte Göthe IV 17, 70
W.; lux. wb. 420
b; stich ist ein sprung im stein, welcher perpendiculär durch den felsen von oben herab läuft J.
M. Schottky
bilder a. d. süddt. Alpenwelt (1834) 274; die stuffe musz schunt en stich gehabt ham Müller-Fraureuth
obersächs.-erzgeb. wb. 2, 562
b; mit kalkspat und quarz ausgefüllte stiche heiszen floszstiche Eug. Weisz
steinmetzarbeit u. steinmetzgeist (1927) 113. B@1212)
seemännisch. a)
eine bestimmte art von knoten, bei dem das tauende durch den ring hindurchgesteckt (
gestochen)
wird; schon früh belegt: so behende ist ir (
der dreifaltigkeit) bunt und ir ewiclicher strik daz da nimand einen stik, kan ir vinden nach ir sehn in der drier sunnen bren Tilo v. Kulm 7
ingesigel 3058; einen stich schlingen, dasz er nicht aufgehe
M. Kramer 2 (1702) 585
b; Hoyer-Kreuter 1, 728;
vielfach in zusammensetzungen: ein einziger kettenstich, wodurch man einen knüppel in einem taue befestigen kann, indem man denselben durch die bucht ('
biegung') sticht Hübner
zeitungslex. 4 (1828) 413
a; der ankerstich '
der knoten, welcher das tau im ankerauge befestigt' Soltau
ergänzg. (1806) 72
b;
ebda an weiteren knotenarten: fischerstich, maulstich, zimmerstich. b)
vereinzelt als subst. bildung zu stechen 10 a (
teil 10, 2,
sp. 1261): anbey thaten wir manchen stich in die see '
stachen in see' Schnabel
insel Felsenburg 53, 15
Ullrich; verwandt damit irgendwo hin ein stich ('
abstecher') machen Schöpf
tirol. 709. CC.
mit stich
gebildete formelhafte verbale wendungen, die, teilweise sehr weit verbreitet, die ursprünglich zugrunde liegende vorstellung nicht immer eindeutig erkennen lassen und deren anwendungsbereich teilweise mehrere sparten von A
und B
begreift. C@11)
stich halten '
stand halten, sich als zuverlässig erweisen'
; ursprünglich mit bestimmtem artikel, so bei Luther
und im ganzen 16./17.
jh. sehr beliebt, vereinzelt ins 18.
jh. hinein reichend, seit ende des 17.
jh. allmählich abgelöst durch die artikellose form, die sich im 18.
jh., gepflegt durch Lessing, Kant, Herder, Göthe, allein durchsetzt und den gebrauch bis zur gegenwart beherrscht. der ursprung wurde von P. Pietsch
zeitschr. f. dt. wortforschg. 1 (1901) 29
in anlehnung an Frisch (1741) 334
a: das hält nicht stich
jam tenuis texturae est ut non consui possit, non satis forte est, non diu durat im bedeutungskomplex '
näherei' (
s. o. B 1),
von Fr. Bothe
zeitschr. f. d. dt. unterr. 16 (1902) 570
beim kartenspiel ('
den stich behalten, fest halten',
vgl.A 1 c)
gesucht. doch weisen die ältesten erreichbaren belege, doppelformeln im muster von A 1 a,
unstreitig auf herleitung aus dem waffenhandwerk, obwohl die klassische ritterliche literatur des hohen mittelalters die wendung noch nicht kennt; noch deutlich im kämpferischen sinne gebraucht: also helt dieser glaube den puff und stich nicht Luther 16, 234, 17
W.; derhalb das buch den stich nicht halten würde, so es solt von den widersachern angefochten werden Luther (
Jena 1563) 2, 279
a;
auch später kehrt das bild des gefechtes ständig wieder: aber Heydeck das hielt den stich und ergab sich nit Götz v. Berlichingen
lebensbeschr. 30
Bieling; vnd muste die einige besatzunge allezeit fort vnd fort stich halten
M. C. Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 2 k 1
b; es finden sich viel freunde wol, aber den stich ihr weinig halten in gefahr Hollonius
freimut (1603) C 1; die spanischen reuter wichen hinter sich, das fuszvolk hielt noch lang den stich, auf sie wurd hart geschossen Opel-Cohn
ged. d. 30 jähr. kr. 155; wolten auch nicht lange stich halten, als der könig das schlosz Clempenow aufforderte Micrälius
altes Pommerland (1640) 5, 280;
in neuerer zeit: jetzt hör storrischer, halte mir stich R. Wagner
ges. schr. (1897) 5, 224; aber (
die Stedinger) hielten stich (
gegen bischof und junker) W. Schäfer
d. 13
bücher v. d. seele (1925) 102;
von geistigem gesagt: der ritter, dem ein so aufmerksamer zuhörer etwas seltenes war, hielt tapfer stich, und focht nach allen seiten in einem wunderlichen chaos von sinn und unsinn Eichendorff
s. w. 2, 119.
daneben bald, jedoch selten, beziehung auf näharbeit: im glück ists (
die weltweisheit) starck, im vnglück reiszt allzeit ausz, helt keinen stich siech, vnd ist auff allen seiten schwach (1542) B. Waldis
streitged. geg. herzog Heinrich 30
ndr. (auszreiszen
hier noch '
evellere',
die bedeutung '
discedere'
erscheint erst im 18.
jh., vgl. teil 1,
sp. 932); narrenhaut helt keinen stich, sie ist vngeflicket Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 2, P p 8
r;
ähnlich Lehman
floril. polit. (1662) 1, 491; das oberleder hält den stich nicht mehr Kramer 2 (1702) 920
a;
spät bei Eichendorff: heftet jedem ein kreuz an, der begeistert wird. aber ihre wämser halten keinen stich mehr
s. w. (1864) 4, 382.
hierher die zeitweise beliebte formel stich und farbe halten: solche rede (
wird) vil weniger den stich und die farbe halten J. Eysenberg
d. heilig brotkorb (1584) 26; der weiber leichter sinn hält uns gar selten stich und farbe J. Chr. Günther
ged. (1735) 971; im laden zeigte sich Meyeli sehr verständig, wuszte was farbe hielt und stich J. Gotthelf
Anne Bäbit (1921) 2, 72;
verwandt wohl: einfältig, alber, verlogen zeug ..., das weder grund (
im sinne von farbe) noch stich hält J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 1,
vorr. a 4
a.
seit Mathesius
anklänge an bergmännische und goldarbeitergebräuche in formeln wie strich und stich halten '
metallprüfung mit dem probierstein' (
s. d., teil 7,
sp. 2153): das solches alles (
die werkheiligkeit) in todesnöten und hellenangst weder strich noch stich halten ... kondte
Luther (1583) 186
a;
ähnlich Sarepta (1571) 51
b; auff das er (
gott) erfahren möge, ob wir auch rein, lauter vnd fein ... gold vnd silber sein, vnd den stich vnd striech in seinem probierofen vnd werckstadt halten wollen vnd können
Syrach (1586) 8
b;
auch stich und probe: so hielt er (
der messingring) doch gewiszlich sich im feur die probe oder stich Fr. Omech
Dionysius (1578) g 7
b; du kriegst und mimmst kein lumpengeld, das weder stich noch probe hält Stoppe
Parnasz (1735) 63;
auch stich
einzeln in ähnlichem zusammenhang: gleichet man meine liebe falschem golde, welches nicht den stich hält Lohenstein
Arminius (1689) 2, 155
a;
dreiteilig: das sie nicht dem goldschmid von Syracusa folgen, vnnd arbeyten, das es strich, stich vnd probe helt Mathesius
w. 2, 189
Lösche; sprichwörtl.: wer arbeitet, dasz es stich, strich vnd prob helt, der gedeyet Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 2, D dd 8
v;
mit übertragung der bergmänn. formel auf farbe: da hat sein geschweder (
geschwätz) zwar ein wenig scheins und farb, welches aber doch den streich und stich nit held '
einer prüfung nicht stand hält' G. Nigrinus
papist. inquis. (1582) b 6
b;
obscöner einschlag: sie merkte bald die kreyd und nahm ihn ein zu sich, das bett auff einen mann gemacht, hielt nicht den stich, als hie der dritte kam, die last würd ihm zu schwer, es bog sich ziemlich ein und wakkelt hin und her (1660) C. Stieler
geharn. Venus 121
ndr. schon früh neigung zu übertragung auf abstrakte subjekte, diese verwendung ist heute herrschend: diese meinung oder deutung ist hie zu schwach und helt den stich nicht Luther 20, 357, 9
W.; nicht pracht noch hoheit hält den stich, verhängnis herrscht in allen dingen S.
Dach ged. 208
lit. ver.; da ... andere rationes den stich nicht halten wolten, muste die unvermeidliche noth das beste thun v. Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 296; denn keine festigkeit hält widern tod den stich Lohenstein
Arminius (1689) 2, 871
a; dergleichen beweismittel halten den stich nicht Leibniz
dt. schr. 2, 250
Guhrauer; du hast mir daher einige deiner gründe angeführt, von denen aber keiner stich zu halten schien, als der letzte Lessing 20, 145
Muncker; ob mein principium stich hält Göthe I 32, 81
W.; betrügerei besteht nicht, doppelte lehre hält nie stich Herder 10, 365
S.; ein armseliger behelf, der nicht stich hält Kant
w. (1838) 6, 169; und in dem brausen toben sich die wilden hefen aus; der echte geist, er hält den stich und triumphiert im strausz W. Müller
ged. (1868) 2, 48; ich ging in tausend vermuthungen ein, und keine hielt mir stich Stifter
briefw. 3, 53 (1837); zur zeit Cäsars, als keine religion mehr stich hielt Laube
ges. schr. 1, 399;
in doppelformel: dasz die idylle bey näherer betrachtung stand und stich hält, freut mich sehr Göthe IV 11, 106
W. sprichwörtlich: der gedult sig helt alleyn den stich S. Franck
sprichwörter (1545) 1, 53
a; die vnschuld halt den stich
sprichwörter (1548) 151
b; gerade zu vnd einfeltig bey gottes wort geblieben, das helt den stich Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 1, c 4
v; die lügen halten endlich den stich nicht Kramer 2 (1702) 920
a.
in überschiebung mit schritt: ich fühlte mich meinen gespielen ebenbürtig und konnte mit ihnen stich halten '
schritt halten, konkurrieren, gewachsen sein' Hoffmann v. Fallersleben
leben 1, 6;
unpersönlich: (
einige waren) verdrieszlich darüber geworden, dasz es mit der heraldik auf einmal so zur endschaft gekommen sei. ob es ihnen nun gleich viele der ihrigen widerrieten, weil es ja ohnedas mit dieser wissenschaft überlange stich gehalten hätte ('
gedauert, sie sich als widerstandsfähig erwiesen') Klopstock
w. 12, 330. C@22)
im stiche lassen. vereinzeltes auftreten schon ende des 15.
jh., im 16.
jh. nur schwache spuren, starke zunahme im 17.
jh., seitdem reich gebraucht in allen sprachschichten. Pietsch
zeitschr. f. dt. wortf. 1 (1901) 29
denkt betr. der herleitung an Luther 7, 277, 6
W.: die weil ich sihe, das du deyne seele daran setzen wilt, und wie ein tzornige bien das leben ym stich lassen;
ähnlich schon vorher: du (
die biene) solt dar an benügig syn, welher zuo dem binkar komet das honig zu niemen, stichest du in und laszest den angel in dem stich, daz du als balde sterbest, und daz der angel dyn leben sye (1477) Stainhöwel
Äsop 254
lit. ver.; doch sind beide stellen, da sie jeweils einen ganz konkreten fall behandeln, als ausgangspunkt für eine so weitverbreitete und abgeblaszte redensart kaum glaublich. weitere, aber zweifelhafte herleitungsversuche bei Müller-Fraureuth
wb. 2, 563
a und Follmann
lothring. 498
a.
da bereits in den ältesten zeugnissen die bedeutung '
jemanden in der gefahr allein lassen'
auftritt, anders gerichtete verwendungen jedoch erst im 17.
jh. erscheinen, ist auch hier ursprung im ritterlichen kampfleben wahrscheinlich, wobei, etwa im massenturnier, ein kämpfer die genossen verläszt, die nun 'im stich' (
des feindes)
bleiben (
vgl. auch lassen 11 a,
teil 6,
sp. 226).
mehrere einzelbedeutungen: C@2@aa) '
jemanden in gefahr verlassen',
von personen: (
dasz er) nicht als ein forchtsamer ungetrewer miedling das refugium neme, unnd seine arme wehrlose schefflein im stiche lasse J. Pomarius
grosse postilla (1590) 1, 450
a; (
er) liesz (
hauptmann Ludwig) Lodron mit vilen redlichen kriegsleuten im stich Stumpf
Schweizerchronik (1606) 23
a; so kan der eine mit gutem gewissen nicht entlauffen, sein leben zu retten, und den andern in dem stiche lassen Harsdörffer
frauenz.-gesprächspiele (1641) 8, 366;
wohl mit anklingen an A 1 d: meine freunde seynd vnder dem zaichen desz scorpions, sie lassen mich alle im stich Abr. a
s. Clara
Judas der ertzschelm (1686) 1, 337; einen freund im stich lassen
lasciar' un amico in abbandono M. Kramer 2 (1702) 920
a; der fremden helfer schaar, an statt ihm beyzustehn, dein volk im stiche läszt J. U. v. König
ged. (1745) 17; ein könig, der die helfer im stiche läszt Görres
ges. briefe (1858) 3, 31; der (
monarch) hatte am tage nach dem kronrat den kriegsminister mit geballter faust empfangen, weil er ihn im stich gelassen habe K. A. v. Müller
aufs. u. vortr. (1926) 227; der himmel läszt die seinen nicht im stich Kortum
Jobsiade (1799) 3, 108; der liebe jott hat mir noch niemals im stich gelassen G. Hauptmann
eins. menschen (1891) 24;
seit dem 18.
jh. gern mit abstraktem subjekt: die fassung schien uns beyde im stich zu lassen G. Th. v. Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 443; wenn ich, da das gesetz im stich mich läszt, philosophie zu hilfe nehmen soll H. v. Kleist 1, 382
E. Schmidt; dasz die überlieferung uns eben hier im stich läszt Mommsen
röm. gesch. (1856) 1, 86; sein gedächtnisz, das ihn (
Mozart) freilich nie im stich liesz O. Jahn
Mozart (1856) 3, 217; ein fall, in dem den alten herrn seine erfahrung im stiche liesz O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 346; wie wir, wenn uns die begriffe im stiche lassen, immer wieder zur anschauung unsere zuflucht nehmen müssen E. Jünger
d. abenteuerl. herz (1929) 107. C@2@bb) '
etw. hinter sich lassen, aufgeben, auf etw. verzichten',
seit dem 17.
jh.: (
er) gibt fewer, laufft vnd lest den drachen im stiche (1613)
M. Rinckhart
christl. ritter 57
ndr.; wie nun die Crabaten das vieh im stiche lieszen, vnd die flucht nahmen v. Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 88; jedoch liesz er ... den schild nicht im stiche Lohenstein
Arminius (1689) 1, 410
a; wie es offt die noth in feuersbrunst erfordert, da man wohl gar nackend entfliehen, und alles im stiche lassen musz J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 2, 162; so wird sie ... alles im stiche lassen, um dir zu folgen Wieland
Lucian (1788) 2, 142; ich will gern mein trinkgeld im stiche lassen Lessing 2, 164, 27
Muncker; nehmen sie doch hier das ringelchen. den meinen will ich gern im stich lassen Iffland
theatr. w. (1827) 4, 311; ich ... liesz die kleineren forderungen im stich A. v. Arnim
s. w. 2, 139
G.; pfarrer David Huber bat den kurfürsten um interzession ..., damit er nachträglich seinen wohlverdienten lohn ... sowie seine alten hinterstelligen reste und getreideschulden erhalte, die er bei seiner eilfertigen flucht im stiche gelassen hatte Palm
verhandl. d. schles. fürsten u. stände 7 (1905) 154.
sprichwörter: es ist besser den sattel, als das pferd im stiche gelassen P. Winckler 2000
gute gedancken (1685) d 3
r;
ähnlich Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 29;
seltenes subst. instichlassung: der kauff- und handelsmann lauffet über meer, und ersauffet oft manchesmal mit leib, ehr, haab, gut und blut, mit zugleich instichlassung seiner edlen seele
M. Abele v. Lilienberg
künstl. unordnung (1673) 4, 128. C@2@cc)
vereinzelte besondere bedeutungen und konstruktionen: ein gut theil ihrer pagage den königl. schwedischen zur beute, vnd im stich hinterlassend v. Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 51;
eigenwillig mit gen.-attr.: er musz (
mitgehen)! rief Theodor, oder ich lasz ihn im stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen spitzgewölbe Tieck
schr. 4, 21; man kann in passagen etliche noten im stich lassen ('
weglassen') ohne dasz es jemand merkt O. Jahn
Mozart (1856) 4, 6; komm! komm! ich lasse dich mit ihr im stich ('
allein') Göthe I 14, 238
W. C@33)
neben das ungemein zahlreich gebrauchte, transitiv gerichtete im stich lassen
stellen sich, teilweise nur spärlich belegt, eine reihe von abstrakteren, gar nicht mehr sinnlich empfundenen intransitiven wendungen, sämtlich in der bedeutung '
verloren gehen, verloren sein'. C@3@aa)
im stich bleiben. im späten 16.
jh. beginnend, im 17.
jh. weit verbreitet (
hauptsächlich Schlesien, Kursachsen, Oberrhein),
um die mitte des 18.
jh. eingegangen: aber der elende herr Fridrich Krekwitz ... blieb im stich, wardt in die eisen geschlagen R. Lubenau
beschr. d. reisen 2, 49 (
nach 1573); war täglichen ein gefresse, saufen und spielen ..., dadurch blieben die tausend kronen im stiche, bis ungefährlichen auf 120 kronen H. v. Schweinichen
denkw. 91
Öst.; die gute gansz nun tauret mich, dasz sie ist blieben in dem stich: vnd komen in so grosz gefahr (1607) W. Spangenberg
ausgew. dichtg. 111
Martin; dasz das jungfrawkrentzlein drüber in stich bleibe J. Sommer
ethographia mundi (1609) e 5
a; es were jhm auch in Brasilia ... drei barquetten, beneben vielem volck im stich blieben J. Ph. Abelin
historia antipodum (1631) 514; sein scepter sampt den breiten hut, was sein war blieb im stiche G. Voigtländer
oden u. lieder (1642) 46; mein ancker bleibt im stich im bodenlosen grund P. Fleming
teutsche poem. (1642) 145;
erwähnt bei Schottel (1663) 118; bei solchen spielen (
mit der spielkugel im ballhause) verleuret man allezeit, denn die ruhe des gemüthes bleibet im stich Chr. v. Ryssel
seelenfriede (1685) 689; (
er wehrte sich so tapfer, dasz er) dem Mindlegeri mit einer so groszen kugel so nahe kam, dasz ein stück von seinem rocke im stiche bliebe A. Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 183
a; womit denn gedachtes regiment mehrentheils im stiche geblieben und kaum 120 mann das leben behalten
schles. Robinson (1723) 1, 46;
spätes neuerliches zurückgreifen auf ein turnier: il y en demeure toujours quelqu'un sur la place; il y en a toujours quelqu'un qui y perd la vie es bleibt immer einer oder der andere im stich, oder auf dem platz
des Pepliers nouv. et parf. grammaire roy. franç. et allem. (1736) 162. C@3@bb)
in stich gehen '
verloren gehen'
; ganz selten, 17.
jh.: wer auf credit verkaufft, der hat guten vertrieb, aber sein gut gehet in stich Lehman
floril. polit. (1662) 1, 449. C@3@cc)
ebenfalls vereinzelt im stich seyn sub cultro esse, inter factum et saxum relinqui Dentzler
clavis (1716) 275
b. C@44)
ebenfalls anschlieszend an C 2
im stich sitzen (
stehen)
lassen '
verlassen',
selten, 16./17.
jh.: wenn es aber zum treffen komen solte, so würde es sich denn wol ausweisen, weme dieselbigen am meisten zugethan, freilich würden sie sich als denn entweder davon machen, vnd uns im stich stehen lassen, oder sich doch gewislichen zu den feinden schlagen C. Spangenberg
mansfeld. chron. (1572) 198
b; dann werden auszgestellt zu aller menschen hassen die die religion im stiche sitzen lassen Opitz
trostged. (1690) 3, 309. C@55) (
sich)
in den stich geben '
sich in gefahr begeben, jemanden in gefahr bringen, überantworten' (
zu C 2),
selten, nur 16.
jh.: ich baw hie mit disem buch der deutschen sprichwortter auch am wege, darumb wird ich mich müssen inn stich geben ('
mit der gefährlichen situation abfinden'), dasz disen fleisz vil leutte taddeln werden J. Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) p 2
a; und o dasz Junonis gütte mich vor einem trantsch (
s. d. 3) behütte, geb auch der mich nicht in stich die mit list ist über mich Scherffer
geist- u. weltl. ged. (1652) 1, 561. C@66)
in den stich setzen, seit dem 16.
jh. in mehreren z. t. ineinander flieszenden verwendungen auftretend, zu ende des 17.
jh. wieder eingegangen. C@6@aa)
bedeutungsmäszig zu B 8 '
beim stichgeschäft übervorteilen',
dann auch '
betrügen'
schlechthin: dasz ihn auch die straszreuber fangen und ihm seinen geldtseckel strelen odr die dieb einbrechen und stehlen oder von seins gleichen verlogen, vervortheilt, arglistig betrogen, mit käuffen in den stich ihn setzen H. Sachs 16, 482, 11
lit. ver.; der bueb hat sie iez etlichmal in stich gesetzt und die unwarheit fürgeben
Zimm. chron. 2, 593, 10
Barack; (
sie) mainen, gleich wie die menschen mit jren zusagungen zu ruck lauffen, also werde vns die himlische oder euangelische verheiszung auch in den stich setzen Gretter
erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 291. C@6@bb)
zu C 2 a '
in gefahr verlassen': entloffen bist (
der pfalzgraf Friedrich) elendiglich, hast land und leut gesetzt in stich (1621) Opel-Cohn
ged. d. 30 jähr. krieges 137; er schätze es für grausamkeit seinem hause abbruch thun (wenn er schon sein vaterland darüber in stich setze) Lohenstein
Arminius (1689) 1, 397
b. C@6@cc)
vielleicht anklingend an A 1 c '
aufs spiel setzen': ich hab noch gelt für mich und dich, das setz ich als zumal in stich (1540) Wickram
w. 5, 165
lit. ver.; bei der mürrschen (
frau) setzet ich klugheit und verstand in stich Scherffer
geist- u. weltl. ged. (1652) 1, 562; soldaten, die neben andern vnthaten, noch ihr leib und seel in stich setzen Dannhawer
catechismusmilch (1657) 3, 367; er wolle sein ansehen, so er durch vil zeit vnd fleisz erworben, mit einer vnzeitigen antwort nicht in stich setzen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 71; um ein paar lorbeerzweige ... haben so viel helden ... ihr leben in stich gesätzt Lohenstein
Arminius (1689) 2, 965
a. C@77)
im stich sitzen, zu stechen 15 '
eine flasche stechen, einer flasche den hals brechen',
über die herleitung vom zechturnier sieh teil 10, 2,
sp. 1266;
vgl. auch eine flasche ausstechen
bei ausstechen 4 (
teil 1,
sp. 984); 16.
jh.: Heinrich und ... Lorentz saszen schon im stich, fiengen an von dem weinkauff zu handeln Wickram
w. 2, 246
lit. ver.; das ist dann ein grosse ehr, wer eh feirabent macht, vnd den wuost heraus thuot (
im gelage), der ist sammer bocks marter ein guot gesel, seines leibs ein held, er darff doch in stich sitzen, vnd einem guoten gesellen vnd weinhelden eines gewarten S. Franck
sprichw. (1541) 2, 148
b; sy sitzt im stich by guottem wyn
schweiz. schausp. d. 16. jh. 2, 277
Bächtold.