verstechen,
verb. ,
ist zu dem starken verb. stechen (
th. 10, 2, 1222)
gebildet und zuerst mhd. als verstëchen
belegt mhd. wb. 2, 2, 624
a; Lexer
hdwb. 3, 249; verstächen Maaler 431
d; verstechen Dasypodius 432
b; Stieler 2156; Dentzler 313
a; Kirsch 314
a; Kramer
it. dict. 2, 922
c; Adelung; Campe; Schmeller 2, 723; Fischer 2, 1355; Martin-Lienhart 2, 572
b.
mit rundung des vocals rheinfränk. verstöchen (
vgl.stochern, stäökern)
in übertragenem sinne '
miszstimmen, aufhetzen' Frommann
zeitschr. 5, 520, 14 (
vgl. unten A 1 c).
über die berührung mit verstecken s. d. der gebrauch ist nur trans. und reflex. AA.
der perfectiv-resultativen verwendung liegt eine fra-
type zugrunde. A@11)
das stammwort bezeichnet das stechen mit der lanze beim ritterlichen turnier (
th. 10, 2, 1231). A@1@aa)
absolut, '
zu ende stechen'
mhd.: er stah in thurch thie halsperge. er warf in unwerthe theme rosse uber thie goffe. er sprah: »nu hâstu gare verstochen« Konrad
Rolandslied 5516. A@1@bb)
mit sächlichem object, '
stechend verbrauchen und zerbrechen': swie bœse ir wænet daʒ er sî, er verstach sîn sper unz an die hant Hartm. v. Aue
Iwein 2583
var.; ê daʒ ich siben sper verstach, dô wâren driuzên sper ûf mir verstochen Ulrich v. Lichtenstein 456, 18; wäret ihr wie ich viele jahre durch die weite welt gewandert, so würdet auch ihr noch andere dinge gelernt haben als rosse zu zäumen und holz zu verstechen Freytag 10, 11; wenn die deutsche hausfrau die dame würde, um deren dank der mann im turnier des öffentlichen lebens seinen speer verstäche Immermann 18, 75. gaben verstechen,
als siegespreis im schieszen ausstechen und davontragen (
vgl. th. 10, 2, 1233): des mancher fält, nit on syn schaden. dar zuo synt goben ouch bestellt der nähst bym zyel, der selb der heltt zuom mynst er zuo verstechen kumt Brant
narrenschiff 73, 7; es ward vom churfürsten unter andern gaben, auch eine grosze tasch, mit etwas gelt drinnen, zu verstechen geben Zinkgref
apophthegm. (1653) 1, 269. A@1@cc)
mit persönlichem object in übertragenem sinne, '
einen abstechen, ausstechen': und vermeinte der hochsinnige sultan Selim türckische kayser mit dieser kriegs-macht die christen völlig zu verstechen Abraham a S. Clara 1, 71
Wien. neudr.; verstechen einen,
um seinen platz, sein amt, um die gunst eines höheren bringen voc. v. 1618
bei Schmeller 2, 723; mache dich grosz, verstich deinen brueder von der cron, .. von seinem ampt, stürtze dich dort hinein Albertinus
Lucifer 37, 14; mancher passet einem andern lang auf, bis er ihn von seinem dienst, erbschafft .. verstichet Abraham a S. Clara
etwas für alle (1711) 2, 315; weil er auch .. vil lästerer gehabt, die ihn gern beym fürsten verstochen hetten
schwäb. quelle d. 16.
jh. bei Fischer 2, 1355.
noch mundartlich: schweiz. verštäche,
jem. verlästern, verleumden, durch verleumdung um sein vertrauen bei den leuten bringen zeitschr. f. d. mundarten 2, 312 (
Habkern).
besonders mnd. versteken,
verwerfen, bei seite schieben, verachten Lübben-Walther
hdwb. 525
a;
nld. versteken Verdam
hdwb. 638
a;
pellere, repellere, deprimere, reiicere, contemnere, repudiare, reprobare, respuere, iemanden van sijn recht,
excludere, aliquem a suo iure, privare suo iure Kilian (1599) 605
a; Kramer
nider-hochteutsch. dict. 456
b; Franck-Wijk
etym. wb. 737
a; die scalke risen in hogheren staat bi den heren mit falschen treken, ende die goede werden versteken
Reinaert 4816
Martin. wie weit hier verstechen
und verstecken
zusammengefallen sind, läszt sich nicht entscheiden (
vgl. verstecken
form und th. 10, 2, 1222). A@22)
es handelt sich um stechen mit scharfen und spitzen geräthschaften. A@2@aa)
zerstechen: mhd. wol verstach er den van mit dem swerte hiw er ûf den lewen Konrad
Rolandslied 178, 23.
obd. verstechen, zerstechen,
compungere, perforare; verstochen wammes,
ocellatus thorax (
aufgeschlitzt) Dentzler 313
a; 'd wäspi hain-in ganz ferstoche Hebel
bei Seiler
Basel 113
a;
elsäss. er is
t ganz verstoche
n vo
n de
n schnoke
n Martin-Lienhart 2, 572
b;
schwäb. die schnacken haben mich ganz verstochen;
beim nähen sich den finger verstechen Fischer 2, 1355. A@2@bb)
abstechen, tödlich verletzen, erstechen: dasz man der poësie mit entziehung der liebes sachen die hertzwurtzel versteche Hoffmannswaldau
heldenbriefe (1680)
vorr. a 2.
wohl daher übertragen: verstochen leben führen,
profligatissime ac deperditissime vivere; es ist ein verstochen leben darausz worden,
jugulatio facta est, ad jugulationem ventum est Dentzler 313
a ; das müssen wir euerer eifersichtigen männer halber thun; dann solten sie wissen, wie wir, dasz es keine so grosze sünde wär, was es vor ein verstochen leben abgeben und wie mancher darüber umbs leben gebracht würde! Grimmelshausen 2, 379
Keller. obd. mundartlich '
erstechen, töten': dem, so verstochen würdt
schwäb. quelle v. 1623
bei Fischer 2, 1355; verschieszen, verhauen oder gar verstechen
v. 1716
ebd.; modern: i
ch könnt
e di
ch g
erad
e v.; ma
n mei
nt, er wöll
e ein
en mit de
n auge
n v.,
so scharf blickt er ebd.; ferstäche Seiler
Basel 113
a;
elsäss. i
ch möcht di
ch versteche
n! Martin-Lienhart 2, 572
b. »denn wenn du mich geschnitten hättest, so hätt' ich dich erstochen« (
sagt der feine herr; darauf der barbier) .. »ihr hättet mich nicht verstochen« Hebel (1832) 3, 61; do nimt die frau de reche und will de ma versteche
bibl. älterer schriftwerke der Schweiz I 5, 189. A@2@cc)
stechend verbrauchen: da sieht man ohne zahl ein hauffen nadelspitzen an dem geputzten kopff fein nach einander sitzen, ein gantzer nadel-brief der musz verstochen seyn Rachel
satyr. ged. 127
neudr.; solt nicht ein magd erzörnen sich das si umbs kind käm liederlich, oder an euch vor grimm und hitz verstäche alle spindelspitz Fischart
flöhhatz 41
neudr. (
v. 1448). A@2@dd)
falsch stechen, an einen falschen oder auch nur andern ort stechen, wo es im ndd. oft falsch gebraucht wird für verstecken Campe;
reflex. fehlstechen, miszstechen, sich verstechen,
pungere, piccare in fallo, strapungere Kramer
it. dict. 2, 922
b c. A@33)
das stammwort liegt in andern bedeutungen zu grunde. A@3@aa)
trans. und reflex. im kartenspiel (
vgl. th. 10, 2, 1262):
stechend verbrauchen; alle seine trümpfe verstechen;
auch sich verstechen,
alle seine trümpfe zum stechen verbrauchen Campe;
behält man keine trümpfe mehr zur verfügung, wo sie nöthig wären, so hat man sie verstochen
oder sich verstochen,
verausgabt. A@3@bb)
intrans. veraltet (
vgl. th. 10, 2, 1267): das gesicht versticht einem
beim zielen, versagt den dienst, wenn es dem schützen vor den augen flimmert; im stechen verlor ers nimmer, es wer dann die senn verstochen, .. oder vergieng ihm das gesicht, dasz er zuweit ins windloch sticht, oder hat im zuviel herab geprochen oder das gesicht verstochen Fischart
Garg. 286
neudr.; es will im mancher selbs nit trauen, dasz thut er an dem anschlag bauen. zu vil der ander drab hat brochen. dem dritten hat das gsicht verstochen J. H. Grob
lobspruch der schützen (1602)
in zeitschr. f. d. alterthum 3, 249, 50. A@3@cc)
in übertragenem sinne heiszt es schwäb., wenn einer etwas ungeschicktes sagt: der hats verstochen Fischer 2, 1355. BB.
die bedeutung '
vertauschen'
ist auf eine fra-
oder fair-
type zurückzuführen, je nachdem die vorstellung des absetzens
oder umsetzens
darin hervortritt. B@11) verstechen
in kaufmännischer sprache (
vgl. th. 10, 2, 1263
f.): waaren verstechen,
sie vertauschen, waare für waare geben, sonst auch umstechen Adelung;
waren vertauschen Schirmer
kaufmannsprache 204.
commercium: stich, wenn man wahr umb wahr versticht Diefenbach-Wülcker 568; waʒ hab (
ware) habt ir ze verstechen,
da baratare voc. v. 1424
bei Schmeller 2, 723; Schirmer 204; die wahr verstächen, wahr um wahr gäben,
mutare merces Maaler 431
d; verstechen waar umb waar,
mutare merces, commutare merces Dasypodius 432
b;
commutare, tauschen, wechseln, kaüten, verstechen, commutieren Schöpper
synonym. (1550) fvj
b; verstechen,
permutationem facere, merces commutare Stieler 2156;
scambiare, barattare, troccare; eine wahre gegen eine andere, bücher gegen bücher verstechen; ich habe meine wahre alle gegen pfeffer verstochen Kramer
it. dict. 2, 922
c; die waaren,
permutatione mercium uti Kirsch 2, 314
a;
die Italiener, welche sonst nicht gerne ihre waren im tausch angeben, sondern lieber bares geld dafür haben wollen, sind auf die deutsche leinwand so erpicht, dasz jährlich viel tausend stück leinwand gegen seide zu Botzen verstochen
werden allg. haushalt.-lex. (1749) 2, 204
a; Jacobsson 8, 83
b; stechen
oder verstechen,
und sonst auch changiren
oder barattiren,
heiszt bei den kaufleuten so viel, als waren gegen einander umsetzen oder vertauschen Chomel
öcon. lex. 8, 1590; baratto, tausch, permutation,
ist eine aus der alten welt noch herrührende art zu handeln, da das geld noch nicht im gebrauch gewesen und also waren gegen waren haben müssen verstochen
werden 1, 1121; Adelung; Campe.
noch bisweilen heute üblich: verstechen die häute,
sagen die metzger, wenn sie mit einem gerber einen vertrag über die ihm zu überlassenden häute schlieszen Kehrein
Nassau 1,
nachtr. 57.
als veraltet angeführt für '
tauschhandel treiben'
bei Schmeller
bair. 2, 723; Unger-Khull
steir. 227
b; Fischer
schwäb. 2, 1355; dasz niemant weder fremd noch heimisch kein korn, saltz, schmaltz und eiszen an wein verstechen soll
Ulmer quelle v. 1582
ebd.; die selben gütter hant dy fryheit, daʒ die nieman mag ferstechen noch verschlachen
weisthümer 4, 432, 23
Grimm (
schweiz.); dieselben summ guldin sol und wil ich uns beiden an einen kouff ettlicher bücher .. bewenden und solich bücher widerumb uff unsern gemeinen gewin .. es sye zeverkouffen oder zu verstechen: vertriben Riederer
rhetoric (1493) g I
b; es was (
bei den alten Deutschen) noch kein gelt, darumb handleten si war an war mit tauschen, wechslen und verstechen Aventinus
bair. chron. 1, 349, 24; der kaufman versticht, gibt war umb war, pfennwert umb pfennwert, wein umb tuch, und dergleichen Keisersberg
schiff der penitentz 58; herr Johann Detzel .. wolt weyter und sein kramschafft auch im landt zu Pommern verstechen umb gelt Schumann
nachtbüchlein 206; wie offt ich dise wahr fürtrug, kundts weder verkauffn noch verstechen H. Sachs 14, 57, 8
Keller-Götze; die Griechen theten bald dar lauffen, von ihnen guten wein zu kauffen, etliche gaben gelt darumb, etliche gar ein grosze sum, köstlicher wahren bey sich hetten, die sie an wein verstechen theten Spreng
Ilias (1610) 93
a; disz träctatlein in teutscher sprach aller orten und enden nachzutrucken, feil zu haben, zu verkauffen, zu verstechen und zu veralieniren Grimmelshausen 4, 505, 1
Keller; es ist disz jahr sehr viel nach Holland gangen, aber ich habe des orts keine correspondentz und kunde, so ist auch meine gelegenheit nicht gegen andere victualien zu verstechen Harsdörffer
secretarius (1656) 1, E e e III
b; meine waaren an einem gewissen orte auf einmahl los schlagen und verstechen Schnabel
Felsenburg 2, 530; hab' meine woll' und hasenbälge, wenns noth thät, an den hüter, roggen und waitzen an den buchhändler verstochen Musäus
physiognom. reisen 1, 5; die (
glasringe) verstachen sie gegen schaaffelle, bockshäute (
bei den wilden) Ritter
erdkunde 11, 708; ein edelmann hielt seine beiden ältern (
d. h. ihre bilder) feil, und wollte sie als gute kniestücke verstechen Jean Paul
bei Campe.
auch von leibeigenen: ich mag euch verschencken, verkauffen, verstechen, verjagen, verschicken, verwechseln, verbeuten, ihr seyd mein .. als leibeigen Gryphius
Horrib. 73
neudr. (151
Palm).
infinitiv in subst. form: aber die verstendigen und gescheiden leut, da sie das vertauschen oder verstechen der wahr betracht habendt, wie schwär und mühsam es were, habendt sie das geldt erfunden Bech
bergwerckbuch 14. B@22)
in der schiffersprache (
th. 10, 2, 1261): verstechen, das ankertau,
choquer le cable sur le vireveau, to fleet the cable Beil
technol. wb. 1, 629; das ankertau verstechen,
auf dem bratspill verfahren. so wird alsdann das ankertau gestoppt, und die schläge werden sämtlich wieder nach der mitte geschoben Bobrik
seemänn. wb. 708
b, 43
a ; etwas weiter auslassen oder einwinden, damit der theil desselben, der eine zeitlang in dem klüsloch dem reiben ausgesetzt war, gleichsam abgelöst werde und ein anderer theil seine stelle einnehme (1795) Kluge
seemannsprache 808.
vgl. verfahren
sp. 289
f.; nld. versteken,
anders, aufs neue stechen Sicherer-Akveld 1191
a ; versteeken,
verstecken, anders stecken; een spelde versteeken,
eine steck-nadel anders stecken Kramer
nider-hochteutsch. dict. 456
a. CC.
sicher liegt eine fair-
type in einzelnen technischen ausdrücken vor mit dem sinne '
durch und durch, völlig, richtig stechen' (
vgl. verlegen 1
sp. 757; verschneiden 6 b
sp. 1133; versetzen 6, 8
sp. 1286
f.). C@11)
zu stechen '
modellieren' (
vgl. th. 10, 2, 1233
f.): benantlich sol er einen gewundenen schnecken und eine gewundene reyhung in gips oder letten verstechen
schwäb. quelle v. 1655
bei Fischer 2, 1355. C@22)
ein mnd. vorsteken '
fugen'
bei der tischlerarbeit Verdam
hdwb. 525
a kann ebensowohl auf verstechen
wie verstecken ('
richtig stecken')
zurückgehn. C@33)
zu stechen
in der küfersprache (
fehlt in th. 10, 2):
weine untermischen, mit etwas durchsetzen; der küfer verschneidet
oder versticht
einen wein mit einer anderen sorte, um ihm farbe oder blume zu geben, '
ein nicht zu den fälschungen zählendes hilfsmittel' Blüher
meisterwerk der speisen u. getränke 2, 2010
b; versetzen
bezeichnet dagegen ein unerlaubtes verfahren: geringeren weinen sprit beimischen, um ihnen den fehlenden gehalt zu geben Blüher
rechtschreibung der speisen u. getränke 294
b; damit man mit einem durchaus gleichbeschaffenen material zu thun hat, müssen die verschiedenen partien (
wein), welche auf einmal in arbeit genommen werden, vorher verstochen,
d. h. gleichmäszig gemischt werden Knapp
chem. technologie 2, 293.
schon mnd. vorsteken,
hineinthun, untermengen Lübben-Walther
hdwb. 525
a.
vgl. germanist. abh. 27, 171; durchstechen 1 c
th. 2, 1690. DD.
am lebendigsten erhält sich das auf eine faur-
type hinweisende verstechen. D@11)
vernähen, flicken, stopfen: ein loch verstechen, zunähen, zustopfen Kramer
hoch-niderteutsch. dict. 247
c; wann diese alte schuh ein wenig wieder verstochen wären, so könte ich noch eine zeitlang drauf lauffen
it. dict. 2, 922
c; ein loch in einem strumpfe, in einem hemde, in einem kleide verstechen,
durch kreuzweise geführte stiche zumachen, im gemeinen leben stopfen,
in der Oberpfalz verwibeln Adelung, Campe.
ältestes vorkommen: seyt mir beholffen mit einem fleck do unten ane dem stieffel mein! der schuster sprach: herr, das sol sein, seyt das es doch ist also noth, ich verstich es euch pald mit einem drot
aus altd. handschriften 112, 9
Keller; schweiz. versteche,
zunähen Staub-Tobler 1, 908;
elsäss. flicken, zustechen: hinecht han i
ch sechs paar strümpf verstoche
n Martin-Lienhart 2, 572
b.
übertragen: mit leimen oder speisz verstochen und verstrichen
schwäb. quelle v. 1729
bei Fischer 2, 1355. D@22)
beim nähen stechend verfestigen: weibes-personen, so denen schneidern oder in die gewölbe knöpffe von allerhand sorten und mustern künstlich über die knopffhöltzer schlingen, verstechen und verfertigen Amaranthes (1715) 1067.
die ableitungen gehören meist zu verstechen B 1:
verstecher, m., allybistes, vulgo permutator Stieler 2156. —