blind ,
caecus, goth. blinds,
ahd. plint,
mhd. blint
gen. blindes,
alts. nnl. ags. engl. blind,
altn. blindr,
schw. dän. blind,
mit völliger einstimmung, ohne ausnahme. schon unter blenden
ist erörtert, dasz auf ein starkes blindan bland
zurückgegangen werden müsse, aus welchem blandjan
und blindjan
mit gleicher bedeutung entsprieszen; jenes verlorne blindan bland
würde ausdrücken turbidum, nubilum esse, das schwache transitiv turbidum, nubilum reddere, blind
ist turbidus, dem das auge trübe, umwölkt ist. nun aber leitet sich aus dem ablaut bland
noch ein reduplicierendes ahd. plantan pliant,
mhd. blanden blient (Graff 3, 255. Ben. 1, 197
b)
mit dem transitivsinn miscere, inficere, welches nhd. wieder ausgestorben ist; die goth. überreste bieten blosz das praes. von blandan 1
Cor. 5, 9. 11.
2 Thess. 3, 14,
nicht das praet., wofür man baibland
mutmaszen darf. Aus urverwandten zungen wüste ich nichts herbeizuziehen als das lat. flere,
mit dem part. fletus,
insofern thränen sich mischen, weinen die augen trübt, das gewand befleckt. der allzulang weinende erblindet, wir sagen ergreifend sich blind weinen;
mhd. ir ougen wurden naʒʒes blint.
Nib. 988, 4; ir knappen fürsten. disiu kint wârn von weinen vil nâch blint.
Parz. 98, 14;
wobei man den mhd. ausdruck anschlage 'eʒ den ougen enblanden' (
stellen bei Ben. 1, 198
a.
b),
es ihnen mischen, sie weinen machen, trüben, und ir golt in vor den brüsten wart von trähen sal.
Nib. 362, 3; dô begond ir aber salwen von heiʒen trehen ir gewant. 1334, 4.
Sonst haben alle übrigen sprachen für den begrif der blindheit immer abweichende wörter (Haupt 6, 10 ff),
aber τυφλός schlieszt sich wiederum an τῦφος nebel und blendung, τύφειν rauch, dampf machen. die form σιφλός scheint dem sl. sljep''
zu begegnen. 11) blind
ist also vorzugsweise der mit trübem auge, der ohne sehkraft, ohne augenlicht geborne oder dem es erloschen ist, wie der geblendete, dem es gewaltsam entrissen wurde. der blinde = der blinde mann; da kommt die blinde = die blinde frau; du vermissest dich zu sein ein leiter der blinden.
Röm. 2, 19;
vgl. blindenleiter; du magst als sanft eim plinden winken.
fastn. sp. 382, 30; ein blinder gaul gehet gerade zu; blinde jungen,
catuli caeci. geschenke machen die sehenden blind.
2 Mos. 23, 8; keiner, an dem ein feil ist, sol erzu tretten, er sei blind, lahm. 2
Mos. 21, 18; ists blind (
das thier) oder gebrechlich, so solt ir solchs dem herren nicht opfern. 22, 22; wie ein blinder tappet im tunkeln.
5 Mos. 28, 29; die augen der blinden.
Es. 29, 18; alsdenn werden der blinden augen aufgethan werden. 35, 5; die blinden sehen und die lahmen gehen.
Matth. 11, 5; blinder als ein maulwurf,
caecior talpa; ein blinder teufel (
mythol. 979); ein blinder heide,
dem das licht des glaubens uneröfnet ist; du blinder schelm! Keisersb.
s. d. m. 35
a; dasz die liebe blind solt sein, wil mir gar nicht gehen ein. Fleming 182; weil ich, o du blinder knabe, ein gefreites herze habe. 183; gleichwie wenn an hellen tagen glänzt der güldnen stralen schein, pflegt ein blinder kauz zu sein, welchen tausend vogel nagen. 184;
vgl. starblind, stockblind, regenblind. 22)
die nacht heiszt die blinde,
böhm. noc slepá, caeca nox (Virg.
Aen. 3, 203),
wie die schwarze, finstere, trübe,
und der blinde klagt, es ist nacht vor meinen augen: so wie anitzt die furcht der blinden nacht ein heller mond uns minder nächtlich macht. Hagedorn 1, 68; die blinde nacht verliesz die ungestümen wellen, der Thetis angesicht fieng an sich aufzuhellen. Uz 1, 65; ein sanftes feuer ist der wahren liebe glut, im herzen ist ihr sitz und nicht allein im blut, sie füllt die seele nicht mit blinden finsternissen. 2, 179. 33) blind
ist auch fleckig und trüb: das glas, der spiegel, die brille ist blind geworden,
man kann nicht mehr hindurch schauen, böhm. slepé sklo,
blindes glas, slepé okno,
blindes fenster; das weisze glas wird am ersten blind. Göthe 52, 204; blinder stahl,
der seinen glanz verloren hat; das zinn sieht ganz blind aus; blinde edelsteine,
caecae gemmae, quae non translucent; die fensterscheibe blind hauchen; ein andrer sieht darin (
in dem gemählde) nur
einen blinden flecken. Göthe 39, 104; man pfleget mehr was mahler mahlen, als was poeten zu bezahlen: da doch die farben werden blind, reim aber ohne sterben sind. Logau 3, 3, 54.
das thierepos nennt die henne die bunte, gefleckte, sproete, pinte (
Reinhart ccxxxviii),
das sprichwort aber die blinde: eine blinde henne findet auch ein korn.
damit stimmt gerade das böhm. slepice,
was sich zugleich nehmen läszt mit blinzenden augen (od mhauránj očima),
wie der hahn blinzend vorgestellt wird. 44) der blinde staub,
pulverdampf: wie etwan ein soldat, wann dasz er feind und tod für seinen fäusten hat, und ihm der blinde staub gleich unter augen stehet, erhitzet feuer gibt. Opitz 1, 32. blind laden, ein blinder schusz,
schw. blindt skott,
schusz mit bloszem pulver, ohne hagel oder kugel; blinde granate,
die sich erst niederfallend entzündet; einen starken leibsdunst oder blinden schützen fein sachte fortschleichen lassen.
Simpl. 2, 231. 55) blind,
von sachen die sich nicht öfnen. ein blindes fenster (slepé okna)
kann nicht nur das trübe glas bedeuten, sondern auch ein in wand und mauer zum schein angebrachtes, das sich nicht aufthut, vgl. blende; blinde thür,
die nicht aufgeht, caecae fores: blind gemahlte jubelpforte. J. Paul
Tit. 3, 143; ein thurm voll blinder thore und blinder fenster. 2, 108; blinde tasche,
in die sich nicht greifen läszt, blinde knöpfe,
die sich nicht aufknöpfen. figürlich, er trägt lauter blinde taschen am rock,
er prahlt mit kenntnissen, die er nicht aufweisen kann. da fenster oder thür oft ein auge
heiszen (1, 799),
so ist die benennung blind
hier sehr lebendig. man sagt in gleichem sinn, blindes schlosz, blinder schlüssel, blinde wand,
τυφλὰ τείχη,
paries caecus, caeca domus, quae fenestram non habet, eine blinde schleife,
die sich nicht aufzieht. der blinde darm,
intestinum caecum, rectum, der unten zu ist, keinen ausgang hat, böhm. slepé střewo. blinde goldne ader,
böhm. slepá zlatá žjle,
die nicht flieszt, blinde hämorrhoiden,
haemorrhois caeca. 66) blind,
was man nicht sieht, blinde grube,
versteckte, verdeckte, die nicht offen liegt, böhm. slepá podlaha, blinde diele, blinder boden: wie man aufwerf den blinden graben (
die schanze). H. Sachs III. 2, 75
b; sie graben mir viel blinde gruben ein. Opitz
ps. 119, 43. blinde fuszeisen,
die wolf und fuchs, denen sie gelegt sind, nicht gewahren. blinde klippe, blinder sand,
sandbank im meer, auf welche schiffe unversehens geraten: und du, o vater Kahm, geusz deinen braunen flusz mit völlern krügen aus, dasz unsern föhrnen fusz kein blinder sand halt auf, kein falscher grund versäume. Fleming 582 (578);
schw. blinda klippor, blindskär. 77)
die blinde seite,
der rücken, weil er keine augen hat, der mensch nicht nach hinten sehen kann, lat. caecum corpus, aversa pars corporis, qua nec hostem videre neque tela vitare possumus. Sallust.
Jug. 115: der mensch, sich selbst ein feind, kehrt oft den blinden rücken der wollust zu, auf die er zielt. Lessing 1, 90; kehrt in stolzer ruh der schönen frau die blinde seite zu. Wieland 18, 72. 88) blinde kappe,
unsichtbar machende, bergende nebelkappe: ihr schwestern, lacht ihr nicht der alberklugen lappen, die damen sperren ein als wie in blinde kappen, und halten gar für schön, wann unsre schönste zier der schönen augen liecht steht selten für der thür. Logau 2, 1, 37.
in solchem sinn auch, verschieden von 5, das blinde,
dunkle thor: hast du nicht deine Giulia bis an das blinde thor des grabes begleitet? J. Paul
Hesp. 4, 29; das blinde thor des hintergrunds ein wenig öfnen.
holzschnitte 10, 144. 99) blinder Hesse, blinder Schwab
verwenden die nachbarn der Hessen und Schwaben als schelte, und überhaupt bezeichnet man einen, der nicht sieht, was ihm vor augen liegt, als blinden Hessen.
diese wahrscheinlich althergebrachte benennung wurde gesch. der d. spr. 566 ff.
gedeutet, wo auch 780
angeführt ist, dasz den Littauern der Deutsche insgemein ein blinder, aklas Wuokětis
heiszt, ein deutscher Michel. in Franks
sprichw. 2, 49
b findet sich: 'du bist ein blinder Hesse!' wolt einen groben dölpel und fantasten damit anzeigen. wir brauchen 'ein grober Algewer bauer, ein blinder Schwab, ein rechter dummer Jan, der teutsch Michel, ein teutscher baccalaureus.' 1010)
das glück,
zumal kriegsglück heiszt blind,
weil es seine gaben blind,
d. i. unparteiisch austheilt. Fortuna wird mit verbundnen augen dargestellt, der heidnische kriegsgott Hadu
blind (
myth. 188),
wie Wuotan
einäugig (
myth. 133),
goth. haihs =
lat. caecus; darumbe ist dat gilucke blint. Werner
vom Niederrh. 49, 6,
ja unter höherem gesichtspunct kann die natur selbst für blind
gelten, insofern sie ihren gang geht, ohne auf die menschen zu achten: der blinde tritt der natur. J. Paul
Kamp. 71; o unvernunft des blinden elements, must du, um éinen schuldigen zu treffen, das schif mit sammt dem steuermann verderben! Schiller 540
a.
in den gangbaren ausdrücken 'blinder zufall, blinder wille, blinder wunsch (
franz. aveugles souhaits)': drinnen blinder willen herscht. Logau 1, 8, 61; er (
der weise) läszt vernunft allein die blinden wünsche leiten. Uz 1, 21
schienen die heidnischen personificationen Wille
und Wunsch
gerechtfertigt. das volk sagt: dieser mensch hat ein blindes glück (
wie sonst, ein hurenglück),
böhm. slepé štěstj. 1111) furcht, schrecken, lerm,
die im gefolge des kriegsgottes auftreten und ihm vorangehn, vom alterthum wiederum als Pavor, Terror,
ags. Vôma, Brôga, Egesa,
altn. Ômi
und Yggr
personificiert wurden (
myth. 188),
sind gleichfalls blind,
falsch, teuschend: caecis pavoribus.
Lucan. 1, 521; caeco pavore animi.
Caecina ad Cic. ep. fam. 6, 7; eine blinde furcht bemächtigte sich aller; wir sind mit dem blinden schrecken diesmal davon gekommen; es war nichts als ein blinder lerm, ein blinder schall; des blinden, vergebenen lermans willen. Kirchhof
mil. disc. 151; seit dem blinden lärmen gestern abends. Göthe 8, 92. 42, 117;
böhm. slepi lermo; blinder angrif. 1212) blinde soldaten, welche auf ein stund oder etliche zwar mit durch die musterung, inzwischen aber hernach in der officier beutel und taschen hinein gehen.
Simpl. 1, 121; dasz keiner wolle zweimal durch die musterung gehen oder blinde namen lasse gut thun. Reutter
kriegsordn. 25;
ebenso blinde matrosen, blinde häuer
im bergbau; der blinde
beim kartenspiel, der an eines fehlenden spielers stelle einstweilen tritt; ein blinder reisender,
der vom fuhrmann aufgenommen wird ohne voll gezahlt zu haben: ein blinder passagier fehlte noch der gesellschaft. Göthe 18, 188; begleitet von einem blinden passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband. 30, 187; ich war so steif und ausgefroren, wie das rehkalb, das als blinder passagier mit mir auf dem postwagen gesessen. J. Paul
Siebenk. 1, 1. blinde hebammen holen.
Garg. 63
a,
wenn unzeitige geburt, fausse couche statt hat. blindes holz,
die beim schneiden der reben abgeschnittne rebspitze, die man zum einsenken braucht; blinder hopfe,
wilder hopfe; blinde rebe,
palmes orbus, die keine augen hat. blinde köpfe setzen,
wenn die wundärzte schröpfen, ohne die haut zu ritzen. die blinden linien, welche gezogen wurden, um gerade zu schreiben, hieszen
ἄλοκες. Winkelm. 2, 223. blinde goldstücke,
unvollwichtige, am rand beschnittene: wächst nun im zehnten sauern jahr zehn bogen stark sein bändchen, so schnappt er ja an trankgeld baar zehn blinde, ohne rändchen. Bürger 40
a; einige wenige zählen, die übrigen alle sind blinde nieten, ihr leeres gewühl hüllet die treffer nur ein. Schiller 91
a. 1313) blinde wellen,
caeci fluctus, quorum non apparet causa, quiescentibus quidem ventis, sed nihilominus aestuante mari et fluctuante: als wie ein schwaches schif, das wo der wind hin steht, den blinden wellen nach mit vollem segel geht. Opitz 1, 63.
vgl. κωφὸν κῦμα.
Il. 14, 16. 1414) blinde maus, blinde kuh spielen,
wobei einer, den man sich in verschiedner gestalt dachte und dem die augen verbunden sind, einen andern im kreis greifen musz, welcher dann an seine stelle tritt. gr. μυΐνδα παίζειν Pollux 9, 113,
die Neugriechen nennen das spiel τυφλομάτι,
blinzelauge. schon Otfried
scheint es im sinn zu haben, wenn er bei der verspottung des heilandes IV. 19, 73
sagt: thiu ougun si imo buntun, thaʒ in zi spile funtun,
denn Luc. 22, 63
steht blosz illudebant ei caedentes et velaverunt eum,
das augenverbinden im spiel schwebte ihm vor. zwei spilten blinder miusen. Altswert 1, 90; spilent der blinden mü
s. Keisersb.
bilg. 9
a; spilet der blinden maus mit den knechten.
spinnerin 65
a; spielen des stocks, blindn meus und ölausschlagn. H. Sachs I. 472
c; ich spiel nicht gern der blinden meus. Ayrer 411
a; die sich allein auf einen ort in den garten zu hauf fügten und der blinden meus spielten.
Bocc. 1, 234
b; darnach oft im stall der blinden meus spielten. 2, 78
a,
in welchen beiden letzten stellen aber das liebesspiel gemeint ist. Fischart
führt unter den spielen n 20 (spielt er der) plinden mäus.
Garg. 164
b vgl. nit zu den blinden meusen (
führen). 134
a.
anderwärts, zumal in Norddeutschland, blinde kuh: trifts so trifts, feilts so feilts, wie man der blinden kue spielet. was sol ich sagen? spielet ir also der blinden kue mit unsern seelen? Luther 5, 224
a; gottes ordnung sol nicht der blinden kue spielen. 5, 230
a; man jetzt der blinden kuh spil! der kellner sei die blinde kuh, dem wöll wir binden die augen zu. Ayrer 427
b; des schuchs, der blinden kuh, des richters ward gespielt, des königs auch darzu. Fleming 168 (172); dort tummle dich auf rosenbetten mit deinen grazien und spiele blinde kuh mit zefyrn und mit amoretten! Wieland 10, 135; wer was bessers will als er hat, der ist ganz staarblind, ja ja! lacht nur, er spielt blinde kuh, er ertappts vielleicht, aber was? Göthe 17, 24; wer heiraten will, musz nicht blinde kuh spielen, sondern wol zusehen, was er greift. Möser 9, 115; bei gegenwärtigen umständen das blindekuhspiel zu versuchen, kann ihnen auf keinerlei weise beförderlich, aber desto nachtheiliger sein. Hamann 3, 396.
nnl. blindemannetje spelen,
bei Kilian blindspel
genannt, engl. to play at blindmans buff, Hoodman blind.
isl. skolla leikur,
fuchsspiel. schw. blindbock (Afzelius 3, 417. 418),
dän. blinde buk (Holbergs
julestue sc. 13),
est. sögge sik =
blinder bock, finn. sokka, sokkoinen.
eigenthümlich heiszt den Littauern dieses spiel spielen guźiněti,
nach einer heidnischen schleichenden reisegöttin Guźě.
illyr. slěpi mis =
blinde maus, serb. slijepi misch,
poln. ślepa babka,
die blinde alte, ciuciu babka (Linde 1, 39
b. 312
a),
böhm. slepá bába
oder babka,
poln. auch noch mźyk, mźytek, zmruek,
die blinzelnde, böhm. mžjtek, mžutek,
russ. jmurka, guljutschka.
it. mosca cieca,
wie maus und fliege sich in mus
und musca
begegnen, sp. gallina ciega,
was wieder unsere blinde henne (
unter 3),
franz. colin maillard,
mit einem neuen namen. 1515) blind,
falsch, unrecht, erdichtet: sie haben ein blinde sache, die sie noch nicht wissen, wie sie unrecht ist. Luthers
br. 2, 478; und doch sind es blinde sachen. 4, 540; stehlen ist eine blinde sach und währet oft nicht lang.
Simpl. 1, 412; blinde frage,
vor gericht, unrechte, unerlaubte: und wie wole die frage blint was und ein gemeine frage. Useners
feme s. 113 (
a. 1437); blinden kauf thun,
emere aleam, vgl. bletschkauf; blinder kauf,
scheinkauf, kaufbrief ohne angabe des preises: allerlei betrug in solchen blinden käufen.
Frankf. ref. II. 3, 9; blinde läuterung,
die wider ein noch nicht geschehenes urtheil eingelegt wird; blinde namen,
nomina ficta (
vgl. 12): es werden blinde namen ins gegenbuch gesetzet. Haltaus 173; blinde forderung: sagt, es wer ein blinde forderung, die man an etlich stett thete.
daselbst; die papisten wollen ir opfermesse mit listen und blinden griffen erhalten. Luther 5, 195
a; blind würfel mir oft machen heisz. H. Sachs V, 357
b. 1616) blind,
unerfahren, unüberlegt, thöricht, dumm: blinde triebe,
natürliche, unwillkürlich wirksame, unbesonnene: die blindeste liebe hat ihn hingerissen; dein blindes bulen und geilheit. H. Sachs I, 110
b: wer sich vor liebe hüten will, der bezäume seine augen, das sie sich nicht vergaffen und das blinde geblüte rege machen.
pol. stockf. 120; in meiner blinden jugend, da thorheit mein führer war.
pers. rosenth. 6, 6; nu weil ich die sache nicht weisz, thue ich diese blinde, unterthänige bitte. Luthers
br. 5, 185. blind,
unvorsichtig, ohne seine augen zu gebrauchen vorgehend und handelnd, gleich dem blinden sich leiten lassend: der blinde haufe folgt nach; ich habe den chor zwar in zwei theile getrennt und im streit mit sich selbst dargestellt, aber dies ist nur dann der fall, wo er als wirkliche person und als blinde menge mithandelt. als chor und als ideale person ist er immer eins mit sich selbst. Schiller 489
a; man fordert wieder blinden glauben, blinden gehorsam; keine nothwendigkeit in der natur ist blinde, sondern bedingte, folglich verständliche nothwendigkeit. Kant 2, 227; er zeigte einen blinden eifer; blinde wut; fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem beginnen, ohne zu sehen wohin. Göthe 40, 272. 1717)
bisher wurden fast nur beispiele des attributiven adj. gegeben, eben so oft steht es praedicativ: wenn Wilhelm nicht ganz blind gewesen wäre, so hätte er eine nie ganz besiegte neigung in ihrem betragen erkennen müssen. Göthe 20, 107; in dem obern zimmer haben sie vielleicht eine thüre bemerkt, die noch weiter zu führen scheint, allein sie ist blind. 38, 66; von stund an kam die rach gots und schluog den priester blind, das er sein lebenlang nimmer gesah. Keisersb.
s. d. m. 63
a; ein blinder mann ist arm, und blind ein armer mann, weil jener keinen sieht und keiner den sieht
an. Logau 1, 4, 93.
hier ist nun auf verschiedenheit der beigefügten casus und praepositionen zu achten. 17@aa)
ahd. und mhd. stand neben blint
der gen. der sache: ir ougen wurden naʒʒes blint.
Nib. 988, 4; des rehten glouben sint sie blint.
livl. chr. 1359.
so liesze sich auch bei Luther
nehmen: diesen falschen geist erkennen und sehen, wie er aller dinge blind und unverstendig ist. 3, 58;
doch scheint es lieber adv. (
nach 1, 221).
wir sagen heute: blind von weinen, blind an glauben, im glauben. 17@bb) Klopstock,
dativfügungen liebend, sagt: wenn sie bei der schwester bald nun läg und schliefe den eisernen schlaf in der erde, blind den blumen und taub dem sanften falle des baches.
Mess. 17, 379; auch lehrte sie mein herz die menschen lieben, und edlen drang, erbarmen auszuüben, dem reiz des eigennutzes blind. Gotter 1, 2.
die prosa braucht praepositionen. 17@cc)
mhd. an, ze: ist got an sîner helfe blint.
Parz. 10, 20; nu was daʒ einvalte kint an sô getâner minne blint.
Greg. 176; zêren blint. Walth. 87, 35.
nhd. also ist er an witzen blind, der selbst dem teufel geit ein kind. Schwarzenb. 140, 1; an witzen bistu taub und blind. 141, 2; und bistu nit an witzen blind, hoff ding, die unvergenklich sind. 145, 1; an ehren blind. Hoffm.
gesellsch. 191. Klopstock
sagt gramm. gespr. 247: sie überschätzen diese sprache nicht, als ob sie dafür, dasz sie schön und gut ist, ein auge hätten, sondern weil sie blind an ihr sind. 17@dd)
nhd. in: der ergreift nicht leichtlich gunst, der da ist im seckel blind, weil die gunst trit meistens hin, wo geniesz und vortheil sind. Logau 2, 1, 45. 17@ee) bei: vor körperreiz pflegt niemand sich zu flüchten, denn niemand ist bei diesen reizen blind. Gökingk 2, 169. 17@ff) gegen: blind gegen gefahr und schande sein. Klinger 10, 278; auch wir sind nicht blind gegen die schatten des europäischen treibens. Beckers
weltg. 14, 515. 1818)
in der heutigen sprache kann bedenken walten, ob das praedicat als nom. oder als adv. aufzufassen sei. deutlich ist das letzte in den redensarten, einen blind lieben
und blind hassen; ein dem gebote blind,
d. i. ohne untersuchung, ob es auch wirklich göttliches gebot sei, gehorchender glaube. Kant 6, 345.
goth. und ahd. hat aber das adj. keinen zweifel: þatei sa ist sunus unsar, jah þatei blinds gabaurans varþ.
Joh. 9, 20; ist thiz kind iuer, ther blinter ward giboraner. O. III. 20, 82;
nhd. aber, ist das euer sohn, welchen ir sagt er sei blind geboren?
Joh. 9, 19;
gr. ὅτι τυφλὸς ἐγεννήθη,
lat. quia caecus natus est. er war sehend geboren, aber starb blind,
caecus mortuus est. nicht anders heiszt es blind bleiben, blind gehen, blind kommen, blind drein hauen: sie gehen blind ins feuer,
caeci prodeunt, ohne auf die zahl der feinde zu achten; blind mitfahren
auf der post; und wenn ich dirs nun bringe, schwarz auf weisz, dasz alle chefs, die hier zugegen sind, dir blind sich überliefern. Schiller 340
b. blind kommen
bedeutet fehl gehen, abfahren, übel ankommen (1, 384),
nichts ausrichten: da kommt die list der misgunst blind. Günther; da kömmt Damötas blind, mich macht er wol nicht dumm. Rost
schäferged. 137; allein sie kommen in allen stücken blind.
Felsenb. 2, 143; er gieng auch auf mich los als eine furie, allein er kam blind.
irrg. der liebe 592; wer seine gedanken so plump eröfnen wolte, der kam in wahrheit blind.
ehe eines mannes 74; ich habe die sache so eingelenkt, dasz sie da blind kommen wird. Hermes
Soph. reise 4, 639.
man sagt in gleichem sinn, einen blinden schieszen,
einen fehlschusz thun, vgl. einen bock schieszen; die kugel lauft blind; blind lauft mer dchugle dur dgasse. Hebel
s. 227. 1919)
sprichwörter und redensarten: unter blinden ist der einäugige könig; besser einäugig als blind; wenn der blinde den lahmen trägt, kommen sie beide fort; wir wollen sehen, sagt der blinde; er übersiehts, wie der blinde das dorf; du urtheilst wie der blinde von der farbe; blind käse und sehend brot ist gut. Henisch 419; wenn ich dich nicht hätte und meine augen nicht, so wär ich blind. vor den blinden schirmen
heiszt spiegelfechten (
vgl. blindfechter): da er nun fast hett umbgeschwermt, und für den blinden gnug geschwermt. Waldis 3, 100. den blinden, die blinden führen,
heimlich zuführen, zustecken: von erst war ich ein gute diern, do ich dir kund die blinden fürn, das du stets heimlich hetst zu schlauchen (
naschen). H. Sachs I, 479
c; so laszt ir euch den blinden füren. I, 511; sie leszt daheim die blinden füren in häfen, krügen heimelich. I, 521; darzu thut sie auch geren tragen heimlich küsz, bolstr und leilach aus, die versetzt sie in dem wirtshaus, leszt teglich füren ir den blinden. V, 382
b.