Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
zuht stf.
1. das ziehen, zerren. er zogte in ungefuoge (am barte), zuht des jungen heldes tet Albrîche wê (wortspiel) Nib. 466,4.
2. das ziehen, der zug. nam mit in di zucht keyn Nattangin in daʒ lant Jerosch. 90. c. 113. b. âne di abgehouwin dem here wurdin in der zucht, hî ein trucht, dâ ein trucht das. 131. a.
3. berufung auf den gehörigen richter, oder auf einen gewährsmann. Kulm. r. 2,7. 3, 27. 130. das. 3,38 scheint zuht auch anklage zu bedeuten. doch vgl. ziht.
4. das ziehen, bilden, schaffen. got was an einer süeʒen zuht do'r Parzivâlen worhte Parz. 148,28.
5. die jungen, die groß gezogen werden, gezüchte; auch der ort wo sie groß gezogen werden. er muoste ouch ûʒ den klâwen den grîfen zücken alle ir fruht. in ir geniste und in ir zuht steic er ûf daʒ gebirge troj. s. 40. d. ein habec hâte genistet hôch ûf einem boume, dâ er zôch alle jâr sîn jungen fruht. nu hâte bî der selben zuht niht verre ein krâ ir nest gemacht Bon. 49,4. dâ vand ich sperber zucht Hätzl. 2,55,14.
b. erziehung. si wânden daʒ ich hete dich ze êren dînen man erzogen... diu zuht die ich an iu hân getân, diu mag uns ze staten komen Bit. 81. a. b. vgl. disciplina lêr oder zuht Diefenb. gl. 98.
7. züchtigung, strafe, verweis. dô man die swæren gotes zuht gesach au sînem lîbe a. Heinr. 120. ich enpfâhe gerne iuwer zuht Iw. 15. disiu zuht und ir gerich gienge billîcher über mich das. 70. sô wær ich grôʒer zühte wert das. 154. grobelîche zucht Pass. K. 334,30. in quam mit grimmiger zucht dîne îserîne gerte das. 2,20.
8. die edlere bildung des gemüthes, welche eine frucht der erziehung ist, und sich so wohl durch zartes menschliches gefühl, das dem wilden fehlt, als durch sittlichkeit, bescheidenheit, selbstbeherrschung und äußere feine sitten äußert. das wort wird in dieser bedeutung im sing. so wohl als im plur. gebraucht; der mehr concrete begriff des letztern bringt es mit sich, daß er sich vorzugsweise auf die äußern formen des feinern lebensart bezieht.
a. singular. mir geschiht diu zuht ich bin ein mann von feinen sitten Iw. 14 u. anm. z. 130. dâ solt ellenthafteʒ jagen an sîme strîte gar verzagen, op dâ wære manlich zuht Parz. 415,5. wem hât sîn manlîchiu zuht hie lâʒen sîner minne fruht das. 57,1. wem lât den menschlîchiu zuht menschliche barmherzigkeit das. 467,3. daʒ was sînr hôhen art ein zuht die barmherzigkeit seiner göttlichen natur das. 464,30. ir hüetære enpfiengen lôn dâ mit daʒ er den lîp in lieʒ: von arde ein zuht in daʒ hieʒ, sît si ane wer dâ lâgen und swert noch pogen phlâgen W. Wh. 416,2. ir zuht von art gebôt in daʒ Iw. 231. tiuschiu zuht gât vor in allen Walth. 56,36. wer zieret nu der êren sal? der jungen ritter zuht ist smal: sô pflegent die knehte gar unhövescher dinge mit worten und mit werken ouch: swer zühte hât der ist ir gouch Walth. 24,3. ir zuht stuont an der mâʒe zil sie wusten bei ihrer höflichkeit immer das rechte maß zu treffen Wigal. 9269. sîn zuht, sîn angeborniu tugent, die er truoc in süeʒer jugent, alsô zühteclîcher site, daʒ er sich sô liebte mite, daʒ man in wîte prîste Barl. 30,1 Pf. von aller wînes vrucht pflac sich behûten wol ir zucht ihre selbstbeherrschung Pass. K. 335,36. — eʒ ist reht daʒ man si krœne diu zuht unde schœne hât Iw. 237. ob unfuoge iwer zuht verbirt Parz. 458,24. dar nâch er eine zuht begienc: si wurden ledic dier dâ vienc das. 100,19. der kûnec sîne zuht begienc W. Wh. 143,17. geruochet ir iwer zuht und iwer êre an mir begân das zu thun was menschlichkeit und ehre fordern Trist. 8856. daʒ si ir zuht hât gegen mir alsô getân daß sie mir eine solche gefälligkeit erwiesen hat frauend. 112,15. si redent ir zuht was sie sagen ist mir sehr schmeichelhaft MS. 2,88. si sprechent wan gein mir ir zuht Mai 117,21. si brach ir zuht und ir site: si gram unde roufte sich a. Heinr. 1287. er brach sîn site unt sîne zuht unt zarte abe sin gewant Iw. 124. vgl. 15. dekeiner muoter kint genas daʒ lebende dâ wart funden. si brâchen bî den stunden ir zuht vil harte sêre enzwei troj. s. 74. b. eʒ krenkt mir mîne zuht, suln dise frouwen vor mir stên Parz. 582,12. sîne zuht begund er stœren W. Wh. 144,12. her Iwein jagt in âne zuht gar grob (ironisch) Iw. 48. — in disem viure sêre beiʒ aller hande slangen vruht die armen sêle sunder zuht ohne barmherzigkeit Barl. 313,16 Pf. der herre stuont von sedele, daʒ was durch grôʒe zuht getân Nib. 1125,4. er hieʒ in zuozim sitzen gân. durch sîne zuht wolt er daʒ lân, ûf sînen schamel er gesaʒ Barl. 225,12 Pf. doch wil ich iuch durch zuht (aus höflichkeit) biten, ergebet iuch in mîne gewalt Parz. 287, 28. durch iwer zuht wenn ihr mir einen gefallen thun wollt lât mich ân nôt Parz. 95,8. 24,18. 89,12. Irmengart, durch dîne zuht v. d. bir 353. Bon. 12,8. — sîn hûs er wole rihte mit micheler zuhte Diemer 12,8. mit zuht si kunden wider gên Parz. 234,1. mit alsô kiuschlîcher zuht das. 454,28. — sie nigedâchte der zucht nie vrouwenlîcher gange sie virgaʒ Roth. 2091. sus kunde er zühte walten, daʒ er der hüetær keinen sluoc W. Wh. 415,24. unfuoge ist aller zühte frî Bon. 66,53.
b. plural. so ich ie mêre zühte hân so ich ie minre werdekeit bejage je bescheidener und anständiger ich bin Walth. 91,3. dar umbe wil ich râten allen guoten wîben daʒ si die zühte trîben die reinen wîben wol gezemen sich nicht schamloser wollust hingeben von der bir 483. von beʒʒern zühten wart geborn nie ritter dehein Iw. 130. dîner swester zühte und ir wol gezogen muot der adel ihrer sitten Nib. 673,1. hât noch ir schœner lîp behalten iht der zühte der si kunde phlegen Nib. 714,3. er pflac solher zühte war von feinen sitten Wigal. 2198. vgl. Roth. 1943. der wirt und sîne geste enpfiengen sô den gast daʒ in an ir zühten vil lützel ie gebrast Nib. 104,1. lât mich bî den zühten mîn laßt mich thun was gute sitte fordert W. Wh. 131,28. magtlîcher zühte sihe ich den degen rîch Nib. 394,14. in ritterlîchen zühten die herren tâten daʒ das. 360,3. dô sprach in sînen zühten dar zuo her Dietrîch das. 1838,1. weder schilt noch wâffen truoger an der hant; er wolt in sînen zühten zuo den gesten gân das. 2186,3. si sprach in ir zühten das. 1181,1. kumt iu mit zühten sîn gemeit, sô stêt diu lilje wol der rôsen bî Walth. 43,31. freude huop sich mit zühten dô gesittete frölichkeit Wigal. 4179. si ist mit zühten wol gemuot froh ohne den anstand zu verletzen MS. 1,167. b. daß rechter frohsinn sittig sei, wird von den dichtern häufig hervorgehoben; s. Haupl zu Nith. s. 113. do bereite man mit zühten dar und rihte ein tavelen kleine W. Wh. 133,21. der wirt mit zühten truoc maneger slahte spîse das. 24. mit zühten gedagen Wigal. 84. die sich mit zühten kunnen tragen die edle sitten haben das. 741. dâ die ritter über al mit grôʒen zühten sliefen das. 3718. mit grôʒen zühten er dô sprach = gezogenlîchen das. 4206. Bon. 42,10. der koufman mit zühten sprach W. Wh. 131,22. der knappe mir mit zühten neic sehr höflich, mit vielem anstande frauend. 229,1. swem mîn getiht niht wol gevalt, der lâʒ mit zühten ab sîn lesen Bon. 3,67.
c. personificiert. diun bûwet niht der zühte sal Winsbekin 8. vgl. D. mythol. 848. H. zeitschr. 6,464.