schütteln,
verb. heftig hin- und her bewegen, ahd. scutilôn,
mhd. schütelen, schütteln,
iterativbildung zu schütten (
s. d.);
in activer bedeutung neben dem passiven schotteln (
das aber auch bairisch bisweilen für schütteln
steht),
vgl. oben sp. 1611. 11)
transitives schütteln:
quatere schutteln, schuttlen Dief. 478
a;
quassare scuttelen
nov. gloss. 311
a; schüttlen, unden auffschupfen,
succutere Maaler 362
d; schüttelen,
quassare, quatere, bransler Schottel 1411;
reimende formel rütteln und schütteln,
vergl. theil 8, 1570;
blosz im sinne des wiederholten hastigen bewegens: einen, etwas schütteln; eine fackel schütteln,
lampada quassare Stieler 1945; eine säule schütteln,
columnam succutere Steinbach 2, 526; sô nu die dünst lang gevehtent in den höhn, sô wirt ir stôzen ze letst sô stark, daʒ si auʒ prechent mit gewalt und werfent ainen perg auf den andern. mügent aber si niht auʒ geprechen, zehant so schütelnt si doch daʒ ertreich vast. daʒ schüteln ist zwairlai. daʒ ain ist, daʒ daʒ ertreich gêt wackelnd sam ein schef lanksam .. daʒ ander pidem ist, daʒ diu erd schotelt snell, sam dâ ainr den andern mit den henden schütelt. Megenberg 108, 5. 14; wen man ein stücklin fleisch in ein senf stoszet und wirft es einer katzen oder einem hund dar, so isset sie es nit gleich, sie schüttels mit den dopen (
pfoten) als lang, bis der senf darvon kumpt, dann isset sie es. Keisersberg
herr künig 84
a; federn, betten schütteln;
sprichwörtlich: man kann die streu nicht schütteln, so lang man im bett liegt. Auerbach
dorfgesch. 3, 237; der gefangene schüttelt seine ketten; die knechtschaft, die ihre ketten schüttelt und dem urheber ihres elends flucht. Schiller 9, 177; körnerfrucht in einem siebe, sacke schütteln; den dreck rütlen und im syp herumher schütlen. Murner
schelmenzunft 11, 18; eine wiege schütteln,
bewegen, um das kind einzuschläfern: reiche worte, breite tittel, sind des hofes süszer brey, und die wiege, die man schüttel, bisz das kind entschlafen sey. Logau 3, 208; kleider, röcke schütteln; schüttelt den sack, so steht er strack.
Garg. (1590) 75; schüttel den kittel, das hembd geht für.
Ambras. liederb. 236, 11; würfel, lose, den lostopf schütteln: würdest du dreust genug sein, die würfel zu schütteln, und die freche wette mit gott einzugehen? Schiller 3, 130 (
Fiesko 4, 14); jezt aber ruft das geschick mich fort, das auf dem schlachtfeld noch richtend sitzt und seine loose schüttelt. 13, 272 (
jungfrau 3, 6); (
als das alte weib) mit dürrer hand den loosztopf schüttelte, griff, mein verhängnis fand (
wahrsagend). Hagedorn 1, 63; etwas zusammen, durcheinander schütteln; die sämmtlichen nationen, in den fürchterlichsten kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder auf sich selbst einzeln zurückgeführt. Göthe 46, 241; lasz das chaos diese welt umrütteln, durch einander die atomen schütteln. Schiller 1, 286; der wind schüttelt die bäume; wie wirbelwind schüttelt das röhrich im moor. Bürger 60
a; mich schüttelt's jetzt, doch so nur, wie der wind den schierling schüttelt, der in blüte steht. Hebbel 1, 239; den kopf schütteln, vor alter denselben nicht steif halten können,
caput non immotum tenere posse Frisch 2, 237
b (
verschieden unten 3,
c); so haben Tantals enkel fluch auf fluch mit vollen wilden händen ausgesät! und gleich dem unkraut, wüste häupter schüttelnd und tausendfältgen samen um sich streuend, den kindeskindern nahverwandte mörder zur ewgen wechselwuth erzeugt! Göthe 9, 45;
mit besonderem nebensinne: den speer, spiesz schütteln,
in kampfmute: räckt iergend dan der Mars den stutzkopff auch embor, und schüttelte den spiesz, wie damals oft geschehen, so lies insonderheit auch der sich tapffer sehen, der herr von Rappoltstein. Rompler 106; einen schütteln,
in zorn, oder um ihn der unbeweglichkeit oder trägheit zu entreiszen (
vgl. auch einen aufschütteln
th. 1, 732): nur du kleiner hauf hieltest mir den rücken frei: ich hatte mit den kerls vor mir genug zu thun. der fall ihres hauptmanns half mir sie schütteln, und sie flohen. Göthe 8, 100; wenn es wahr ist .. dasz ihr nur meine person geliebt, so zeigt es dadurch, dasz ihr das ebenbild derselben recht schüttelt, .. und ordentlich, obwol christlich, chikaniert und vexirt. J. Paul
flegelj. 1, 15; er schüttelt ihn (
einen anderen gewaffneten). Keller 9, 255; einen schlafenden schütteln,
um ihn zu wecken; die welt hats schütteln hoch vonnöthen, sie ist so wunderwinzig klein. Schubart (1825) 3, 9; einem den säckel schütteln,
verhüllend für plündern: er ... hat auff der straszen etlichen kauffleuten den säckel geschüttelt. Pauli
schimpf 156
a; den bauch schütteln,
beim lachen: indessen bin ich doch entschlossen, diesen brief mit zu übersetzen, wollen doch einige gern ihre bäuche schütteln, nachdem sie ein wenig ernsthaft ausgesehen haben.
M. Mendelssohn
bei Lessing 13, 8;
des teufels groszmutter aber schüttelt beim lachen die runzeln: last mich auch schütteln die alten runzeln (
Lillis spricht).
fastn. sp. 902, 16; schütteln
mit unterdrücktem object: der wagen schüttelt,
gewährt beim fahren keinen ruhigen sitz; das pferd schüttelt,
wenn es hart trabt; das schütteln der pferde,
succussus equorum Stieler 1945,
vgl. dazu schüttler; ich schüttele, aber es fällt nichts aus dem sack; damit hauen sie nach dem gerechten, ob sie in fellen möchten und schlachten, das ist nicht allein tödten sondern nach ihrem mutwillen in im wülen und schüdlen. Luther 1, 531
a;
auf geistiges bezogen: kommt ein solcher in eine gesellschaft, so ist er ein krümchen sauerteig, der das ganze hebt .. er schüttelt, er bewegt, bringt lob oder tadel zur sprache. Göthe 36, 6;
im inf. oder particip: wie mancher kan durch wagendes schüttelens (
schüttelndes) lachen einen ungeraden, magenrumpeligen, därmspenstigen und bauchängistigen furtz vertreiben.
Garg. (1590) 14; so lieszen wir doch nit nach .. sie mit schüttlen zu bewegen, bis sie sich endlich von selbst regte und portugesisch anfieng zu reden.
Simpl. 2, 226, 35
Kurz; ein schüttelnder sturmwind. J. Paul
uns. loge 1, 8; wurgen unde rütteln, ziehen und schütteln mit zwangen und mit hemeren muosten sie dô pflegen vil. die nagel wâren über zil getriben in des creuzes pogen (
bei Christi abnahme). H. v. Neustadt
gotes zuokunft 3273. 22)
aber auch, mit entsprechenden präpositionalen oder adverbialen beisätzen, durch schütteln lösen, treiben, entfernen, eigentlich und übertragen: etwas fort, weg, von sich schütteln,
vgl. auch abschütteln, ausschütteln; den meidlein die agen (
spreu) schütteln (
ein spiel, vgl. unten schütten 1).
Garg. (1590) 442; fein weit, wie unserer frantzösischen hofleut stiffel die man von füszen schüttelt. 471; die faulheit ab ihm schütteln,
excutere pigritiam Dentzler 2, 257
b; ich schüttle euren segen von mir. nehmt ihn zurück. Klinger 1, 26; er .. schüttelte etwas aus dem auge. J. Paul
gesp. 1, 125; eben hatte der weichende winter von stürmischen schwingen seine letzten schaure von rieselndem hagel geschüttelt. Zachariä
Murner in d. hölle (1757)
s. 5;
er. schütte die blumen nun doch fort, aus dem schoose den rest!
sie. nun, ich schüttle sie weg, die schönen. Göthe 1, 313; einer wird in der welt herum geschüttelt; heute da, herr vetter, und morgen dort — wie einen der rauhe kriegesbesen fegt und schüttelt von ort zu ort. Schiller 12, 20 (
Wallenst. lager 5); einen aus den federn schütteln,
aus dem schlafe empor jagen: haben wir sie aus den federn geschüttelt? Schiller 2, 97 (
räub. 2, 3); er aber kann, wie er auch stürmt und flieht, den bangen ruf nicht schütteln aus den ohren. Lenau
Faust 94; ein joch, dienstbarkeit, die knechtschaft von sich schütteln; den staub von seinen füszen schütteln,
sinnbildlich beim entfernen: und wo euch jemand nicht annemen wird, noch ewer rede hören, so gehet eraus, von demselben hause oder stad, und schüttelt den staub von ewren füszen.
Matth. 10, 14; (
die juden) erweckten eine verfolgunge uber Saulum und Barnaban, und stieszen sie zu jren grentzen hinaus. sie aber schüttelten den staub von jren füszen uber sie und kamen gen Iconion.
ap. gesch. 13, 51; wie leicht der jüngling schwere lasten trägt und fehler wie den staub vom kleide schüttelt. Göthe 9, 163. 33)
transitives schütteln
in besonderen festen oder formelhaften verbindungen. 3@aa) bäume schütteln,
um die frucht davon zu gewinnen, mit anlehnung an die bedeutung oben 1: einen baum schütteln,
agitare arborem manibus et corporis pondere, ut fructus decidant qui maturi sunt Frisch 2, 237
b; wenn du deinen olebaum hast geschüttelt, so soltu nicht nach schütteln, es sol des frembdlingen, des waisen und der widwen sein.
5 Mos. 24, 20; als wenn man einen olbaum schüttelt, das zwo oder drey beer blieben oben in dem wipffe.
Jes. 17, 6;
ohne object: du süsze pomeranze, ich schüttle, fühl, ich schüttle, o fall in meinen schoos! Göthe 2, 99;
anders, und angelehnt an 2, die frucht vom baume schütteln; obst, äpfel, birnen schütteln; pflaumen schütteln Adelung;
freier: aber vollen blüthenregen schüttelt schon der laue west. Göthe 1, 132;
bildlich: weil das leben reif und voll, eine frucht man brechen soll, und die andre schütteln. Brentano
ges. schr. 2, 593; dann Syrier, sitz fest auf deinem thron, sonst schüttelt Juda dich wie reifes obst. Ludwig 3, 393; es wäre doch immer hübscher, sagte Philine, wenn man die kinder von den bäumen schüttelte. Göthe 19, 4. 3@bb) etwas aus dem ärmel schütteln,
ohne mühe und vorbereitung hervorbringen, zufrühest auf eine predigt bezogen, und mit anspielung auf die weiten ärmel eines geistlichen, wie solche beim vortrage bewegt werden; eine predigt aus dem ärmel schütteln,
sine praemeditatione, subito atque ex tempore concionem habere Stieler 1945; das wer ein schlimmer socius, ein grober rültz und knollius, der nicht solt aus dem ermel fort ein predigt schütteln. Hollonius
somnium 28, 465
neudruck; nachher auf worte überhaupt bezogen: eine rede aus dem ermel schütteln,
sine praemeditatione sermonem facere Frisch 2, 237
b (
der eine andere erklärung gibt: wie die markschreyer eyer in einen sack bringen, darinnen vorher keine gewesen, die sie aus dem ermel schütteln); auf jede frage, so unerwartet und unbequem sie ihm seyn mag, eine antwort aus dem ärmel zu schütteln. Wieland 6, 45; konnte ich ihm manches gedicht aufsagen, das der alte in früheren jahren aus dem ärmel geschüttelt hatte. Freytag
erinn. 91;
selbst von begebenheiten: darüber stiesz ich — ehre sei dem freundlichen zufalle! auf die launigste begebenheit, die er je aus seinem weiten ärmel geschüttelt hat. Thümmel 3, 182.
wol angelehnt daran etwas aus dem munde schütteln:
könig. man musz sie (
gesandte) wohl bewirthen und jedem eine goldne kette reichen. worüber lachst du?
Dunois. dasz du goldne ketten aus deinem munde schüttelst. Schiller 13, 191 (
jungfrau 1, 2). 3@cc) den kopf, das haupt schütteln,
dafür auch mit dem kopfe, dem haupte schütteln,
zeichen der verweigerung, verneinung: den kopf schütteln zu etwas,
quassando caput abnuere Frisch 2, 237
b; darum winseln auch die geister des abgrunds, aber der im himmel schüttelt das haupt. Schiller 2, 185 (
räuber 5, 1); sie aber schüttelte den kopf und sagte, man solle sie ruhig lassen. J. Gotthelf
Uli d. knecht 322; merkst du nicht des satans list? ... schüttle deinen kopf und sprich: fleuch, du alte schlange! P. Gerhardt 136, 9; schüttelnd drauf sein kleines häuptlein sprach der held zu Tulifäntchen. Immermann 12, 70;
frei, in bezug auf einen wirtlichen baum: nun fragt ich nach der schuldigkeit, da schüttelt er den wipfel. Uhland
ged. 61;
zeichen des zweifels, der ungläubigen verwunderung, miszbilligung auch spöttisch, höhnend gebraucht, vgl. dazu kopfschütteln
und kopfschüttelnd
th. 5, 1779,
auch die locken schütteln
th. 6, 1104: es wil ihnen nicht schmecken, schütteln die köpffe. Schoch
stud. leben 60, 31
Fabricius; Spiegelberg schüttelt den kopf. nein! nein! nein! das kann nicht sein. Schiller 2, 33 (
räub. 1, 2); sie sagen mir, der herr major habe immer den kopf zu ihrer regierung geschüttelt. 3, 421 (
kabale 3, 1); der vater schüttelte hierüber den kopf, der oberamtmann nickte. Göthe 21, 130; der dicke ritter Wibod, der bei den versen den groszen kopf schüttelte und finster darein sah. Freytag
bild. 1, 334; mochten die philister den kopf schütteln, wenn das fünfzigjährige kind im tollen übermuth des Brentanobluts manchmal ein rad schlug. Treitschke 4, 418; sie dürfen vielmehr mich in meiner bittern angst mit bitterm hon verlachen, und schütlend jhren kopf mit spot auch krumme mäuler machen. Weckherlin 87; du kannst nicht sagen, ich wars! schüttle die blutgen locken nicht so gegen mich! (
Macbeth zum geiste). Schiller 13, 85; so sasz der dumpfe forscher manche stunde, von seinen zweifelqualen stets betäubter; bedenklich schütteln über ihm die häupter die alten eichen in verschwiegner runde. Lenau
Faust 20;
dafür nur schütteln: weil in der bis ins einzelne durchgeführten fabel manche widersprüche hie und da hervortreten und selbst den gläubigsten hörer schütteln und irre machen. Göthe 45, 201; die schüttelte traurig und sagte nein. Ludwig 1, 116; denn wahrlich hab ich sehr auf euch gerechnet ... dasz ich allzeit offne kasse bei euch hätte. ihr schüttelt? Lessing 2, 209 (
Nathan 1, 3); den kopf schütteln,
von mutigen, ungeduldigen rossen: (
der hengst) duldet kaum am schüttelenden kopff das nasband und den zaum. Rompler 127; die ohren schütteln,
vom esel: (
wir) lassen ihn als ledgen esel laufen, dasz er die ohren schütteln mög' und grasen auf offner weide.
Shakesp. Julius Cäsar 4, 13. 3@dd) einem die hand, sich die hände schütteln,
bei grusz, im einverständnis: die hände schütteln,
zum zeichen der treuherzigkeit Adelung; traulich kam die mutter herbei und küszte sie herzlich, schüttelte hand in hand. Göthe 40, 334; da schüttelt, froh des noch erlebten tags, dem heimgekehrten sohn der greis die hände. Schiller 12, 89 (
Piccolom. 1, 4); sei mir gegrüszt und lasz die hand dir schütteln! Geibel 7, 48. 3@ee) einen schütteln,
vom fieber, schauer, grausen, frost: das fieber schüttelt mich Adelung; schon das wort Doria schüttelt sie wie ein fieberfrost. Schiller 3, 49; (
Karl Moor) von schauer geschüttelt. 2, 162; ein schütteln, wie vor frost, in allen bäumen. Hebbel 1, 77;
unpersönlich: mich schüttelts; schüttelts dich? 133. 44) schütteln,
reflexiv: der hund schüttelt sich,
um aus seinem fell die wassertropfen los zu werden; ich fühlte meinen zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens. Wieland 20, 314; die nahen bäume schüttelten sich wie tauben süszschauernd in seinem (
des nordostwinds) bade. J. Paul
Tit. 2, 219; die junge nachtigall wetzte den abgefütterten schnabel am zweige und schüttelte sich lustig. 3, 41; das springt, bockt, bäumt, stöszt, rennt um mich her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt (
vor ausgelassener freude). Immermann 2, 72; schon schüttelt sich der gaul am leichten schlitten, sein schütteln ist musik. Schubart 2 (1787), 276; da nannt ich sie alle bei namen laut: was willst du, Anne? was willst du, Beth? da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich und liefen und heulten davon. Göthe 1, 173; und wie in einer nacht ergraut ein unglückselig haupt, hat sich heut nacht das vaterland geschüttelt und entlaubt. Keller 9, 279; sich schütteln,
vor ekel, grauen: pfui, pfui! mir eckelt. nase, augen, ohren schütteln sich. Schiller 2, 52 (
räuber 1, 3); vor einer spinne schütteln wir uns. 3, 474 (
kab. 5, 1). 55) schütteln,
intransitiv, geschüttelt werden, statt des alten schotteln (
oben sp. 1611),
selten, in alten quellen, später nicht mehr: die frau .. lachet doch das sie schüttelt.
d. städtechron. 11, 694, 24; stuond er und lacht, das er schüttlet. Wickram
rollw. 55, 11
Kurz. 66) schütteln
statt schütten: hier wurde er erbittert, und schüttelte auf einmal das kind mit sammt dem bade aus, und fiel in meine rede. Heinse
schriften (1838) 1, 253.