nachlassen,
verb. spät mhd. nâchlâʒen,
mnd. nalâten. II.
transitiv. I@11)
sich entfernend hinter sich lassen, hinterlassen, zurücklassen. I@1@aa)
mit persönlichem subject: darum habe ich die heilungsmittel (
bildlich) alle mitgebracht, zwar nicht alle, ich liesz einige deinem bruder nach, sich daran zu spiegeln. Klinger 1, 398;
besonders beim tode etwas, das man besessen hat, hinterlassen: verbrennt ihn (
den schild) mit mir .. ich kann ihn niemand nachlassen. ich habe keinen sohn. Klopstock 10, 289; glücklicher fiel sein loos dem dichter.was er uns nachliesz, bleibet stets, was es war. 2, 63; an dem marmor des edlen patrioten, der tugenden nachliesz. 8, 413; ein hauptmann, den ein andrer erstach, liesz mir ein paar glückliche würfel nach. Schiller 12, 14 (
Wallenst. lager 1); wem hätte ich das nachlassen sollen, was mein ist, wenn du verloren warst? Tieck 14, 381;
auch von überlebenden kindern, wittwen: nachher musz es dir ein groszer trost sein, ein kind von mir nachzubehalten. es ist mir, wenn ichs nachlasse, sogar lieber, eins nachzulassen, als keins. Marg. Klopstock
in Klopstocks werken 11, 26; sein nachgelaszne wittwe.
Zimmer. chron. 1, 71, 3. I@1@bb)
mit sachlichem oder abstractem subject, als spur oder als folge zurücklassen: der anschwärzer kannte die erfahrung, dasz auch der abgeriebne klecks einen flecken nachläszt. Voss
antisymb. 2, 119; ehe ich einen herzdrückenden seufzer los werden konnte, der aber auch dafür mehr erleichterung nachliesz, als keiner. Thümmel
reise 4, 218; wenn mein unbedeutender scharfsinn neid nachliesz, weil er die bisherige lange schluszkette zu schmieden und zu löthen wuszte. J. Paul
teuf. pap. 2, 149; die deutsche politische langsamkeit gründet indesz im frieden tief und läszt fruchtbarkeit nach.
dämmer. 29. I@22)
machen, dasz etwas nachbleibt oder unterbleibt. I@2@aa)
unterlassen: den wucher haben wir nachgelassen.
Nehem. 5, 10; denn das mus er frei dafür halten, das sein wille nimer gut sei, er scheine wie hübsch er mag, er sei denn gezwungen und gedrungen dahin, das ers lieber nachliesze. Luther 1, 76
a; der knab sich an kein straffe kert, was befohlen war, allzeit nach liesz, und thet die weil, was ern nit hiesz. Waldis
Es. 4, 84, 7; soll ein andermal von mir wol nachgelassen werden. Schweinichen 2, 263; bei allen erklärungen hat man es noch immer .. nachgelassen. Herder 1, 167. I@2@bb)
vernachlässigen, versäumen: nichts nachlassen oder verseumen. Michelsen
Mainzer hof in Erfurt 23; auf das er sein
[] ampt, als unser einiger hoherpriester gar ausrichtete, nichts nachliesze, das da dienete sie zu sterken und zurhalten. Luther 6, 107
b; denen, die gottes wort nachlassen. 1, 85
b. I@2@cc)
ablassen von, aufgeben: ich wolt meinen bund mit euch nicht nachlassen.
richt. 2, 1; wegen des krieges mit den Tartern habe ich alle gedanken zum streit und kriege nachgelassen. Olearius
persian. baumg. 5, 2; ei, wie läszt der grosze drach all sein thun und toben nach! er musz aus dem vortheil ziehen und in seinen abgrund fliehen. P. Gerhard 38, 62
Göd.; merk, ainer trewen witwen zart, ir lieber man erschlagen ward. und als ir sün die selben rach gar gänzlich wolten lassen nach, zaigt sie ain hembd von pluot was rot. Schwarzenberg 147, 1.
mit persönlichem object, im stiche lassen, verlassen: das ir ine nicht nachlassen sunder ime helfen wollet.
städtechron. 2, 514, 13 (
v. j. 1449). I@2@dd)
auslassen, übergehen, verschweigen: die (bossen) ich kürtzhalb nach lassen wil. Waldis
Es. 4, 84, 100. I@33)
hintennach lassen mit verschwiegenem verb der bewegung, gehen, kommen, laufen, flieszen u. s. w.: er zieht von hinnen, laszt mich ihm nach! er wollte mich nicht nachlassen
u. s. w.; weidmännisch: die hunde nachlassen,
sie der fährte nachgehen lassen; in salzsiedereien: soole nachlassen
oder blosz nachlassen,
nachflieszen lassen. Chemnitzer bergm. wb. 362
b. Frisch 1, 580
b. I@44)
mit etwas nachgeben, es schlaff oder locker werden lassen. I@4@aa)
eigentlich: nachlassen, erweiteren,
relaxare. gemma gemmarum (1508) x 4
a; die schiffseiler nachlassen. Maaler 298
d; den zügel nachlassen (
schieszen lassen).
Siegfr. v. Lindenberg 1, 154; den zügel .. nach ihrem gutbefinden anzuziehen oder nachzulassen. Wieland 6, 262;
weidmännisch: beim behängen oder suchen dem hunde mehr seil geben; eine schraube nachlassen,
locker schrauben. Kehrein 216. I@4@bb)
übertragen: I@4@b@aα)
zulassen, erlauben, gestatten, zugestehen, einräumen, in bezug auf etwas nachgiebig sein: es ist nach dem gesatz nachgelassen und verwilligt,
permissum est lege. Maaler 297
d; cleider und clainet nach allen lust der frauen machen und nachlassen, .. allen muotwillen günnen und gestatten. Keisersberg
narrensch. 76
a; als es der gemain frid .. erduldet und nachlest. Melanchthon
hauptartikel 28;
mit dativ: es ist im nit nachgelassen weiter oder fürter zereden,
nec plura effari concessum est. Maaler; dasz sie dem, der nicht mächtiger denn sie, so viel nachgelassen und eingeraumpt haben. Kirchhof
wendunm. 34
b; so merkt, das ihr an dem sambstag mir nachlast, zu thun, was ich wöll. J. Ayrer 1640, 12
K.; er läszt sich alles nach. Göthe 14, 188; wenn ich mirs nachliesze. 16, 134. I@4@b@bβ)
erlassen, verzichten auf, aufgeben: die straaf nachlassen,
concedere impunitatem. Maaler;
mit dativ: ein gespräch, dessen mittheilung uns der leser gerne nachlassen wird. Wieland
Agathon 1, 208; das geschäft (
die wissenschaft) also, welches die natur dem andern geschlecht nicht blosz nachliesz, sondern verbot, musz der mann doppelt auf sich nehmen. Schiller 1187
a; untersucht man aber genau, wie viel man davon nachgelassen. Göthe 27, 2, 44
Hempel. besonders seine ansprüche und forderungen ganz oder zum theil erlassen, fahren lassen: eine schuld nachlassen oder frei schenken,
debitum remittere. Maaler; die zinsen nachlassen,
usuras remittere. Stieler 1076; kein heller nit nachlassen. Wickram
rollw. 84
b; etwas vom gelt nachlassen, ein strich dardurch thuon,
ex pecunia remittere. Maaler;
mit dativ: einem ein jar nachlassen oder abgon lassen,
remittere alicui annum. ebenda; daran liesz er mir nach 2 pfund. Tucher
hausbuch 59, 99;
auch mit verschwiegenem object: soll ich dir das haus abkaufen, so muszt du noch nachlassen
u. dgl. I@4@b@gγ)
hingehen lassen, nachsehen, verzeihen, ignoscere, indulgere (die sünd, fyndtschaft nachlassen). Maaler;
mit dativ: hab wir icht unzucht hierinn verpracht, das sult er uns nachlassen fein.
fastn. sp. 39, 11; was hilfts, das alle creatur mir gnedig weren und mein sünd .. nachlieszen. Luther 1, 40
a; dasz er wol .. härtere disciplin verdienet, solde im doch diszmal alles nachgelassen sein und werden. Kirchhof
wendunm. 450
b; ein lehrmeister
[] läszt einem knaben alle schelmenstücke nach. Olearius
pers. rosenth. 5, 5
in der überschrift; die ihre kinder verwahrloseten, zum stehlen oder betteln sie anhielten oder es ihnen ungestraft nachlieszen. Gotthelf
erz. 2, 225. I@55)
mit persönlichem object, einem als entschuldigungsgrund zulassen, gestatten: ob zwar meine schuldigkeit denselben mit schreiben aufzuwarten erfordert, so hat mich doch die nothwendigkeit obliegender geschäfte solches mehr mit dem gemüthe als der feder auszurichten nachgelassen. Butschky
kanzl. 17. IIII.
intransitiv: an spannkraft (
bildlich wille, energie),
heftigkeit, stärke abnehmen. II@11)
von personen. II@1@aa)
nicht stand halten, nachgeben, weichen: es züht die kräbkatz mancher man, der doch das merteil noch muosz lan. Brant
narrensch. 64, 32; eines fingers lang nachlassen. Keisersberg
has im pf. Aa 4
c; lasz nit nach, so kompstu doch hoch. Frank
sprichw. 2, 68
a; ich lasz nach, im sei also,
concedo. Maaler 298
d;
mit dativ, zugestehend, willfahrend nachgeben: das evangelium leret uns, das die eltern den kindern in zimlichen bitten nachlassen. Luther 3, 435
b; hör auf mein schreien, lasz ihm nach, dann ich bin sehr erschöpft und schwach. Opitz
psalmen 262. II@1@bb)
vor anstrengung ermatten und zeitweilig ausruhen: jede natur, die sich aus einem gesunkenen zustande erheben will, musz oft wieder nachlassen, um sich von der neuen, ungewohnten anstrengung zu erholen. Göthe 11, 71. II@1@cc)
ablassen, aufhören: da waren erwürgt weib und man, die Behem wolten nicht nahe lon. Fischart
die gelehrten die verkehrten 973
K.; welcher sein vermögen ohne noth angreift, .. und nicht ehe nachläszt, bisz alles darauf gangen ist.
Lokmans fabeln 26;
ablassen von: vom hader und zank abston oder nachlassen,
contentionem remittere. Maaler 299
a; von grundsätzen nachlassen. Gotter 3, 75; von der strenge der glaubensverordnungen nachlassen. Schiller 7, 162;
mit infinitiv: ach! lasz nicht nach, o du got meines heils, zu freihen mich von grawen! gleichwie auch ich nicht nachlasz meines theils dir, höchster herr, ganz herzlich zu vertrawen. Weckherlin 107; Ödipus, der nicht nachliesz zu forschen, bis das entsetzliche orakel sich auflöste. Schiller 4, 37; das schicksal läszt nach, uns zu verfolgen. 3, 482 (
kabale 5, 2); und (
das pferd) läszt nicht nach, bis es den reiter abgeworfen hat. Wieland 34, 166;
weidmännisch von hunden: vom verfolgen eines wildes ablassen. Kehrein 214. II@22)
mit sachlichem oder abstractem subject. II@2@aa)
eigentlich: die saite, die schraube
u. s. w. läszt nach; das feuchte, in die höhe gequollene salz läszt nach (
setzt sich, wenn es trocken geworden ist). Frisch 1, 580
b; wenn die erde nachläszt und das grab sinkt, lassen sie doch erde nachschütten. Hippel
lebensl. 2, 270. II@2@bb)
an grösze, kraft und stärke oder heftigkeit abnehmen, schwächer werden und allmälich aufhören in eigentlichem und übertragenem sinne: wann unterweilen das vermögen (
geld, reichthum) nachlässet. Schuppius 732; das gewitter, der sturm
u. s. w. läszt nach; das wetter nachliesz.
Bocc. 1, 289
b; ein lüftlein, das bald lässet nach. P. Gerhard 94, 14
Göd.; nachlassende und abziehende stim,
remissio et moderatio vocis. Maaler 299
a; nachlassender puls, nachlassendes fieber,
pulsus, febris intermittens. Zedler 23, 226; der kranke ward immer zu schwecher und hatte ihm auch die sprach nachgelassen. Kirchhof
wendunm. 401
a; das gehör, gesicht, gefühl, die kälte, der schmerz, die seuche
u. s. w. läszt nach; der schmertz laszt ihm nach,
dimittit eum dolor. Maaler; die zahnschmertzen lassen nach. Steinbach 1, 983; bis der sterbendt etwas sunderlich in unserer gassen nachliesz.
F. Platter 165
B.; der fleisz, eifer, groll, zorn
u. s. w. läszt nach. Steinbach; der zorn wirt bald nachlassen. Maaler; und des herrn zorn wird nicht nachlassen, bis er thu und ausrichte, was er im sinn hat.
Jer. 23, 20; nachgelassen hat aller widerstand. Schiller 10, 96; hatte sie (
gewohnheit) doch am ende nachlassen müssen. Hippel
lebensl. 1, 20; allmählich liesz die kraft des hornes nach. Wieland
Oberon 5, 52.