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wahr

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

wahr adj.

Bd. 27, Sp. 689
wahr, adj. der wirklichkeit gemäsz, verwirklicht, wirklich, echt und recht, naturgetreu, wahrhaft u. s. w. II. formales. I@11) über die herkunft des wortes kann nicht mit voller sicherheit geurtheilt werden. es ist auffallenderweise auf das deutsche und das friesische beschränkt: ahd. wâr Graff 1, 913 f. (daneben wâri), mhd. wâr (daneben wære), asächs. mnd. wâr, ndl. waar, afries. wer, saterld. wer, nfries. wier, nordfries. wer Richthofen 1135; ags. wǽr in der genesis steht nur in dem aus dem asächs. übersetzten theil dieses gedichts. sonst wird der begriff 'wahr' im germ. durch andre wörter wiedergegeben: ags. sóð, anord. sannr, got. sunjis. wahr läszt sich etymologisch an wörter anreihen, die auch auszerhalb des deutschen vorkommen: got. tuzwêrjan schwergläubig sein, ahd. zurwâri suspiciosus, scandalizatus und das fem. ahd. wâra, ags. wǽre bündnis, vertrag, anord. plur. várar gelöbnis (s.wahre), an das sich auszerhalb des germanischen aslav. věra, lit. wiėra 'glaube' anschlieszt. bei zusammenhang mit diesen wörtern würde sich für wahr bei activischer auffassung die grundbedeutung 'glaubend, vertrauend', bei passivischer die von 'geglaubt, angenommen' ergeben; letztere tritt beim simplex allein hervor, während got. tuzwêrjan, ahd. zurwâri auf die erstere hindeuten. zu einem activischen wahr 'vertrauend' gehört vielleicht auch got. unwêrjan unwillig sein, ahd. alawâri benignus (dazu anord. ölvǽrr, ags. ealwerlíce), mitiwâri mansuetus, mitis; indessen ist es wahrscheinlicher, dasz diese wörter (Osthoff stellt sie zu hom. ἐπίηρα aus -Ϝηρα angenehmes, erwünschtes, ἐπιήρανος angenehm, behaglich, ἐπίηρος angenehm, lieb und wert) nicht mit wahr verwandt sind. wahr kann aber auch von lat. verus nicht getrennt werden, zu dem wieder altir. fír gehört. in der bedeutung gehören verus und wahr so nahe zusammen, dasz ein näherer zusammenhang unzweifelhaft besteht. entlehnung des deutschen wortes wäre bei seiner beschränkten verbreitung nicht undenkbar und hätte eine analogie an sicher, doch wird man das wort ungern aus dem zusammenhang mit den oben angeführten wörtern herausreiszen, auch ist die nebenform wâri zu berücksichtigen. wahr wird daher doch ein echt germanisches wort sein, das aber im deutschen (wo das simplex allein erhalten blieb) frühzeitig unter den einflusz von verus geriet und in der bedeutungsentwicklung durch dies bestimmt worden ist. namentlich der attributive gebrauch als 'wirklich, recht' hat sich deutlich unter einflusz der kirchlich - lateinischen litteratur entwickelt und erst allmählich erweitert; mehr der volkssprache angemessen ist wahr von reden und aussagen (prädicativ und attributiv), hat sich vielleicht aber auch erst unter einflusz eines verus der latein. rechtssprache weiter ausgebreitet (s. das nähere unter II, 1). später haben auch die romanischen sprachen das wort beeinfluszt.ist wahr, wenn auch nur seinem kerne nach, ein echt germ. wort, das mit lat. verus in verwandtschaft steht, so ist es erlaubt nach der gemeinsamen wurzel der beiden wörter zu fragen. Kluge etym. wb.6 412 führt sie 'durch eine vorhistorische mittelform wesró-' auf die wurzel wes 'sein' zurück. dagegen bringen Schade altd. wb.2 1095 und Fick vgl. wb. 14, 553 die wörter in zusammenhang mit wehren und wahren, so dasz die grundbedeutung die von 'gesichert, geschützt', dann 'sicher und fest, allgemein angenommen, glaubwürdig' u. s. w. ist. auch Heyne in seinem wb. 3, 1324 bezeichnet wahr als eine 'ehemals reduplizierende intensivbildung zu dem verbum warôn, hüten, schützen, bewachen, ursprünglich rechtswort, auf das stehen zu einer behauptung und beweisen derselben bezüglich'. endlich bringt Bremer in Paul-Braune's beitr. 11, 274 das wort in einen näheren zusammenhang zu wahn, indem er von dem germ. wêro- als suffix -ro- abtrennt. alle diese vermutungen können auf wahrscheinlichkeit keinen anspruch machen. I@22) das mhd. wâr hat die form wor neben sich, die besonders in späteren md. quellen (z. b. dem Alsfelder passionsspiel) und dem elsässischen (z. b. in Closeners Straszburger chronik) erscheint. auch in Straszburger und Baseler drucken kommt noch wor (wohr) vor, namentlich in dichtungen, wie bei Brant und Murner. selbst Fischart macht in reimen noch von der form wor gebrauch, z. b. flöhhatz 599. glückh. schiff 358. von wörterbüchern hat nur Dasypodius 461a wor, natürlich, gnesius, germanus, nativus, verus, dagegen 452b war, verus. die zuweilen vorkommenden formen ware (städtechr. 8, 118, 16. H. v. Bühel Dyocletianus 8371) und wore (städtechr. 8, 47, 25), beruhen auf einer schriftsprachlichen erweiterung, die sich namentlich in der kanzleisprache zeigt, gesprochen wurden die zweisilbigen formen nicht.die schreibung wechselt im älteren nhd. zwischen war (wie auch Luther hat) und wahr. war steht noch bei Hulsius 273, Schönsleder Kk 5b und Krämer 1209, dagegen hat Schottel 1439 wahr und Stieler 2413 sagt ausdrücklich 'wahr non war'. IIII. bedeutung und gebrauch. wie oben bemerkt worden ist, wird als grundbedeutung von wahr die von 'geglaubt, allgemein angenommen' anzusehen sein. es ist indessen auf keinen fall möglich, alle hervortretenden bedeutungen ohne weiteres aus dieser grundbedeutung abzuleiten. vielmehr steht wahr in seiner anwendung im engsten zusammenhang mit lat. verus und die bedeutungsentwicklung geht im ganzen parallel derjenigen, welche dies wort im lateinischen und später in den den romanischen sprachen erfahren hat. es wird daher geraten sein, die einzelnen gebrauchsweisen für sich ins auge zu fassen und bei jeder nach dem ausgangspunkt und dem wege, auf dem die weiterentwicklung erfolgte, zu fragen. zuerst wird auf den gebrauch in der rechtssprache zu achten sein, denn wenn auch wahr kaum mit Heyne als ursprüngliches rechtswort zu betrachten ist (es geht vielmehr wol allgemein auf treu und glauben zwischen person und person), so ist doch nicht unwahrscheinlich, dasz die rechtssprache ganz besonders zur festsetzung und ausbreitung des wortes im deutschen beigetragen hat. wahr als rechtswort bezeichnet das rechtlich unanfechtbare und erwiesene, eine bedeutung, die nicht ohne weiteres aus einer der gewöhnlichen bedeutungen des wortes abgeleitet werden kann und den eindruck hoher alterthümlichkeit macht. auf die entwicklung dieser bedeutung ist das lat. verus, das in der rechtssprache ähnlich verwendet wird, schwerlich ohne einflusz gewesen. II@11) wahr in der rechtssprache. schon im altlat. wird verus als 'wahr, recht' gegenüber falsus 'falsch, nur vorgeblich' namentlich auch in der rechtssprache verwendet, steht also für legitimus 'rechtlich anerkannt, rechtlich giltig', vgl. bei Dirksen manuale latinitatis fontium juris civilis romanorum 994 verus heres, verus procurator, verus dominus, verus debitor, verus filius, verum debitum. dieser gebrauch von verus für das, was vor gericht anerkennung findet, wird im lat. des mittelalters noch erweitert, namentlich wird verus auf die rechtsgiltigkeit der urkunden angewendet, vgl.: de cartis, quae a quibusdam personis falsae appellantur, constituimus, ut, si notarius superfuerit et testes, ipsi eam veram et idoneam faciant; et si testes mortui fuerint et notarius superfuerit, cum duodecim juratoribus veram et idoneam eam faciat. mon. Germ., legum sectio ii, 2, 91, 13 (capitular Ludwigs II. v. j. 856). ferner wird das wort gebraucht von indicien: si eventus egritudinis, commotio tempestatis, inundatio fluminis, conspersio nivis, vel si quid inevitabile noxie rei obviasse veris patuerit indiciis, non erit reus regie jussionis aut damnis indictis, cui obvians fuit causa manifeste necessitatis. i, 1, 79, 20 (lex Visigothorum 2, 1, 31). von besitzübergabe: si etiam provenerit, ut quod donatur longe sit positum, pro id donatio evacuari non poterit; quia tunc videtur vera esse traditio, quando jam aput illum scriptura donatoris habetur, in cuius nomine conscripta dinoscitur. i, 1, 21, 23 (5, 2, 6). namentlich wird verificare (franz. vérifier) häufig vom nachweis der rechtlichen unumstöszlichkeit einer sache gebraucht. im afranz. kommt in demselben sinn auch mettre en voir vor 'établir juridiquement la vérité d'une chose'. Godefroy dict. de l'ancienne langue française 8, 285. das auftreten von wahr 'rechtlich anerkannt, rechtlich unumstöszlich' (von rechtsgeschäften, rechtlichen abmachungen, behauptungen vor gericht u. dgl.) in der deutschen rechts- und urkundensprache läszt sich nach der natur der dinge erst vom 13. jahrh. an verfolgen, doch fehlt es nicht ganz an spuren des juristischen wortes in der älteren litteratur (vgl.wahre schuld und auch unten 3, a, β wâr lâʒen, das vielleicht hierher zu ziehen ist). II@1@aa) prädicativ: wahr sein, bleiben, besonders in schluszformeln von urkunden beliebt. wahr pflegt mit bedeutungsverwandten adjectiven wie stät, ganz, unwandelbar u. dgl. verbunden zu sein. II@1@a@aα) daʒ das ware si, daʒ dirre kouf mit gerihte geschæhe, so heinkin wir unserre stete insigil von Ehingen an disen brief. ulmisches urkundenbuch 1, 237 (1297); das dis war und gantz sie, des geben wir ... disen brief besigelt mit unserm insigel. 1, 247 (1291); daʒ also war si und unwandelbar belibe, swaʒ da ist geschriben, dar umbe haben wir ze einer warheit der selben dinge unserr stet insigel an disen brief gehenchet. 2, 6 (1316); wir ... vergiehen aller der dinge die hie vorgeschriben stant, das diu war sint und binden uns sie zebehaltend bi dem aide als wir gesworn haben. monumenta Zollerana 1, 267 (1319). II@1@a@bβ) daʒ dis stete belibe und war, des gib ich ... disen brief. ulmisches urkundenbuch 1, 281 (1303); und daʒ also wær und stæte belibe, swas da geschriben ist, dar umbe gib ich im disen brief. 1, 311 (1312); darumb, daʒ ditz geschæft wor und unzerprochen beleibe, so vervesten wir und versigeln disen brief mit unserm aygen insigel. monumenta Zollerana 2, 53 (1314); daʒ enkein únser burger hinnanhin uff den andern enkein giselschaft dingen noch setzen sol ... und sol dis war und stett beliben von disem hútingen tag hin untz uff die nechsten wiennacht. Zürcher stadtbücher 1, 229 Zeller-Werdmüller; daʒ der selb brief billich, war und stAet sol beliben. 1, 251. II@1@bb) in andren häufigen formeln hat sich wahr zum adv. entwickelt: das es ouch bi der selben ir erkantnüsse nu und her nach eweklich war und stät unwandelber beliben sol. Zürcher stadtbücher 2, 242 Zeller-Werdmüller (1410); und geloben sy (die sühne) ouch by den eiden so wir darum gesworn hant, wor und stete ze haltende slechtecklich und ungeverlich. urkunde von 1368 bei Haltaus 2029; wes sich die rät nach jetweders teiles red und widerred und nach iren briefen umb die sach erkennent, daʒ súlent beid teil war und stät halten. Zürcher stadtbücher 1, 254 Zeller-Werdmüller (1376); disen kauff und alles das hievor geschrieben stehet, war, stedt und fest zu halten. notariatbuch und teutsche rhetoric (Frankf. 1571) 86a (kaufbrief); geloben hergegen derhalben ... war, fest, stet und gentzlich zu halten alles was durch unsern geschwornen N. graffen zu N. mit ihnen gehandelt, fürgenommen oder entschlossen wirdt. Fronsperger von keyserl. kriegsrechten (1571) 41b; jedoch musten wir ihm zuvor folgende fünff puncten, wahr, stät, vest und unzerbrüchlichen zuhalten ... versprechen. Simpl. (1669) 580 neudr. II@1@cc) wahr machen ist etwas vor gericht (aussage, anspruch, anklage, leugnung) als zweifellos erweisen, 'verum demonstrare sacramentalibus vel documentis'. Haltaus 2029. II@1@c@aα) wir verjhehen auch, ob kainem man der obengeschriben sach icht uberfarn wurde ... von richtern oder unsern ambtleuten, das sol der dem die sach ist uberfarn kunt thun unserm vitzdomb, und sol er im ainen tag für sich geben vierzehen tag. und machet er die sach hintz unserm ambtman war, so sol im der vitzdomb es aller ding abnemen. die altbaier. landständ. freibriefe 6 (1311) v. Lerchenfeld; wer einen hantwerchman oder einen arbaiter anklagt, er hab schaden genomen von seiner arbeit, mag dann der hantwerchman beredn, daʒ er daʒ trewist und daʒ pest von seiner kunst getan hab, on geverd, des sol er geniessen, es mach dann der clager war, daʒ er von seiner arbait ze schaden sey komen. bair. stadtrecht art. 10 bei Heumann opusc. 147; deʒ laugn sol man nemen mit seinem ayde, er mache es dann war mit tzwain, die des mit im swern und die daʒ wars wissen, daʒ er deʒ guets sey geseʒʒen pey nutz und bey gewer. bair. landrecht tit. 16 ebenda 106; wäer das ainer für gericht chöm, und beclagt wurde, umb welherlay sache das wäre, an umb aygen und umb lehn, spricht der antwurter, der clag pin ich unschuldig, und wil mein recht dafür tun, und iener herwider spricht, her richter ich wil seins rechtn nicht, ich wil es war machen, und dem get an dem zeug ab, und mag sein nicht war gemachn, der ist dem richter schuldig zwen und sybentzigk pfenning. tit. 25 ebenda 138; wirt einer angesprochen umb lewte die er gechaufft hat, sy sind eygen oder lehen, und do er sein gewer an erlangt hat, mag er dan seinen chauff war gemachen mit zwein erbern mannen dy im des helffent swern. bair. lehenrecht cap. 222 bei Senckenberg corpus juris feudalis 389; wer mit brieven latt, der muess mit zeugprüefen war machen umb sein täg. steiermärk. landrecht art. 26 Bischoff; wann ayne chlait, si sey notzogt, die sol deʒ ersten für gericht, lêt si eʒ ubernêchtig werden, ob si ungefangen ist, so sol man ir nicht richten, ir sey dann daʒ gericht so verer, daʒ sis ains tags nicht erlangen mag, oder ob sey (l. si) ehafft not irret; daʒ sol si war machen als recht ist. art. 166; herr der chünig, mich hat ainer vor Artus verräthnüss geschuldiget, ob der hie wäre, ich woltz in vor euch und allen fürsten lücken und auf seinen hals war machen, das ich nie valsch gethet. Füeterer Lanzelot 143 Peter; herre und richter, sie liegen alle in ir helse, und ich sag euch die warheit und daʒ ware machen und beweisen wil. decameron 58, 10 Keller; sein (die des diebstahls beschuldigten) antwort war stracks nein, und dasz der kleger solchs nur ertichtet, auch allweg war zuo machen unvermüglich were. Kirchhof wendunmuth 1, 350 Österley; ain iede sach soll ain clager haben und ieder clager soll sein clag wahr machen. österreich. weisth. 1, 82, 29 (17. jahrh.); darumb ich stan alhie und wil das ware machen mit kämpflichen sachen mit mynem libe uff den synen. do sol man sehen die warheit schînen. H. v. Bühel Dyocletianus 8371; drumb wür ein solchen gesellen für ein schelmen halten wellen, so lang und vil, bis er wahr macht, was er hat fälschlich für gebracht. geschichtl. lieder und sprüche Württembergs nr. 110, 135 (1608) Mehring. noch jetzt ist in der volkssprache Norddeutschlands wâr mâken für 'vor gericht beweisen' üblich: dat salstu mi wâr maken! sagt der beschuldigte. Dähnert 538. Bauer-Collitz 112. aus md. quellen läszt sich in gleicher verwendung wie war machen auch war brengen belegen: wer sich annympt eyn dinstman czu sin des riches, unn mag deʒ nicht war brengen, der ensal nummer gnade finden vor dem keyser. kaiserrecht 3, 2 bei Senckenberg (bei Endemann vorbringen, var. bezugen); spricht aber der zcinsman, das her seinen zcins vorguldin habe, kan her das selbderthe warbrengen, die es gesehen haben undt gehordt, her genusset sein billiche noch rechte. Purgoldts rechtsbuch 2, 25 Ortloff. II@1@c@bβ) wahr machen hat dann auch in der allgemeinen litteratursprache verwendung gefunden für 'beweisen' mit bezug auf eine aussage, meinung u. dgl.: was her do vorczalt hette, das were war, und wolde das wor mache. Stolle chronik 14; ich wolt öffentlich für aller welt beweisen und war machen, das in vierhundert jaren kein schedlicher, gifftiger ketzer gewesen were, denn eben Jacob Hostraten. Luther 1, 62b; so wil auch eim groben ochsentreiber mit einem exempel ... klar und war machen. 1, 128a (der deutsche text rührt an beiden stellen nicht von Luther her); da klaget der ketzer, der minch predigt verfierisch und ketzerische ding des sacramentz halben, darauf der minch antwurt, er tete sollichs nit, sunder er thete söllichs, wöllt er warmachen vor allen cristenlichen hochen schulen. Baumann quellen z. gesch. des bauernkriegs in Oberschwaben 135; wie dan solches jedem kundbar und aus den decreten und catholischen historien gnugsam kan wargemacht werden. Fischart bienenk. 80a; der achte artickel ist wahr gemacht durch den dritten, 4. 5. 6. 14. 15. 18. und andere mehr zeugen. der neundte artickel ist bewiesen durch den dritten, 4. 5. 15. 18. und 19. zeugen. Meurer bei Fritsch corpus juris venatorioforestalis 1, 369b; Phädros zwang ihn zum beweise; worauf Sokrates sich verhüllte, damit er nicht vor scham in seiner rede stecken bliebe; alsdann zu reden anfing, und sein wort wahr machte. F. H. Jacobi 1, 144; was uns wahr macht, dasz wir sind, davon sagen wir, dasz es ist. 1, 280; hier stellt sich, Laelius, dir eine königin, die kein bedencken trägt die drey zu richten hin, umb euch zu machen wahr: dasz ich durch Masanissen mit Römern freindschafft wolln, mit mohren feindschaft schlüssen. Lohenstein Soph. 49, 335. die wendung ist also bis ins 18. jahrh. üblich geblieben, doch führt Adelung (der wahr machen nur als 'erfüllen' kennt) sie nicht mehr an und Heynatz 2, 609 bemerkt 'wahr machen für beweisen ist kein schicklicher ausdruck'. II@1@c@gγ) angaben der älteren wörterbücher: warmachen, verificare. voc. theut. (1482) nn 1b; verificare, war, wor machen. Diefenbach gl. 613; auszfündig machen, wahr machen, beweisen, probare, confirmare. Henisch 1, 1288; war machen, auverare, verificare. Krämer 1205; wahr machen, averare, verificare, vérifier. Rädlein 1, 1026; das könnt ihr nimmermehr wahr machen, you shall never be apt to prove that to be true. Ludwig 2368; bewaarheden, bewähren, wahr machen, beweisen. Kramer holl. - d. wb. 46; wahr machen, comprobare, verificare. Kirsch 378. Hederich 2570; er macht es wahr, comprobat. Steinbach 2, 939; wahr machen, probare. Frisch 2, 415c. auch bei Kilian 646 waer maecken, ratum facere, probare, approbare, comprobare. II@1@dd) attributiver gebrauch. II@1@d@aα) wahre kundschaft (s. theil 5, 2641), wahres zeugnis, wahre urkunde: darum haben die ersamen und weisen von Ulm ... ein kundtschaft gangen und auf ware kundtschaft beschlossen, dasz von allen eckern ... dem gottshausz K. die 2 thail desz zechenden ewigclich sollen haimgan und der dritthail dem pfarrer zu N. Knebel chronik v. Kaisheim 170 Hüttner; und deʒ ze einem urchnde und ze einem warn gezewg so geben wir in disen brief versigilten mit unserm anhangundem insigil. urkunde von 1359, font. rer. Austr. 2, 35, 328; daʒ diʒ dink stete und gevestent belibe, als da vor geschriben stat, so lege ich deʒ goteʒ huseʒ insigel an disen brief zu einem waren und sichern urkunde. ulmisches urkundenbuch 1, 199 (1291); hieruber ze einem waren und stäten urkund aller vorgeschriben dingen so haben wir unser probsty und des capitels insigel ... offenlich gehenkt an disen brieff. Zürcher stadtbücher 2, 328 Zeller-Werdmüller (1420); desz zuo wahrem urkunde seind zwen glichlautendt verglichungsbrieff hieruber gefertigt. urkunde von 1554, oberrhein. stadtrechte 3, 222. II@1@d@bβ) wahre schuld. II@1@d@b@11)) privatrechtlich: als Jacob Geuche sin sweher seliger mit ine in der geselleschaft gehabt hette, es si an barschaft, ware schult und anders. Frankfurter chroniken 399 Froning; vor yedermenniglich wy Herman Bruser und Wolbeke, mîn eheliche hausfraw, bekenne hiemit, dat ick warer witlicher schult schuldig bin. urkunde bei Sastrow 1, 90; wahre schuld, debitum verum ('eine schuld, die nicht nur ipso jure competirt, sondern wider welche auch keine exception im wege steht'). Zedler univ. lex. 52, 878. II@1@d@b@22)) im strafrecht (vgl.wahre that): begrifet man einen man in eins andern mannes hus bie sinem elichen wibe, an der warn schulde, bie tag oder bie nacht, also daʒ er mit ir zu schaffen habe. keyserrecht von 1372 s. 55 Endemann; ein wîser man sol niht ze vil versuochen noch gezîhen, dêst mîn rât, von der er sich niht scheiden wil und er der wâren schulde ouch keine hât. swer wil al der werlte lüge an ein ende komen, der hât im âne nôt ein herzelîcheʒ leit genomen. Reinmar, minnesangs fruhling 161, 10. II@1@d@b@33)) der gebrauch der wendung von wâren schulden 'mit rechtem grunde' in der mhd. litteratursprache scheint von der rechtssprache ausgegangen zu sein: man siht mich dicke wol gemuot: sô trûret manic ander man, der mînen schaden halben nie gewan: sô gebâre ich dem gelîche als ich sî fröidenrîche. nû müeʒe eʒ got gefüegen sô daʒ ich noch von wâren schulden werde vrô. Walther 120, 33; ich trûte wol erstrîtendaʒ der küene man dise starke übermüetevon wâren schulden müese lân. Nibel. 116, 4; nu hân ich wol erfundendiu hêrlîchen werc, daʒ ir von wâren schuldenmuget landes hêrre wesen. 469, 3; dem ungetouften man wart zorn von wâren schulden. Wolfdietrich D 5, 16, 4. II@1@d@gγ) wahre missethat: so sein etlich die ware missethat mit untreü bedecken und haissent im latein prevaricatores. Tengler layenspiegel 97b. II@1@d@dδ) wahre that 'eine unthat, bei der jemand in flagranti ertappt wird, die deshalb gerichtlich als erwiesen gilt' ist besonders häufig: ob iemant in der stat ein andern pei sein weip begrift mit der waren tat. stadtrecht von Brünn 42 Röszler; wer mit diephait pegriffen wiert, auf den darf man nicht swern, sunder mit der waren tat uberwint man in und richt hincʒ im. 217; derselbige koch hatte zu Creutzburg einen erstochen, und wart begrieffen uf warer that. Eisenacher chronik zu 1485 bei Haltaus 2029; nieman sol schlahen arme leute umbe brot zucken oder umb ander dinc, daʒ man zucket auf dem marckte. man mac si wol auf haben untz an deʒ gerihtes boten und antwürten ainem pütel; sint si denne begriffen an der waren tat, so sol man si setzen zuo dem stocke drei tage. Nürnberger polizeiordnungen 196 Baader; wirt eyne manne begriffen an der waren thate daʒ er eyn frawen oder eyn mayt notzogit. stadtrecht von Rudolstadt, bei Michelsen rechtsdenkm. aus thüringen 209; das füran niemand ausser offener oder wissentlicher warer that oder gnuogsamer indicien und anzaigung durch unser ambtleut ... angenommen (gefangen gesetzt) werde. bairische landtordnung (1553) 192b; und derselb landman solich muetwiller an warer that betrit. kärntnische landgerichtsordnung von 1574 art. 1 bei Haltaus 2029; wo ainer ainem (l. ainen) bei seinen gemachl auf warer that fündt und derselb sein er nit gebrochen und erschlueg den in dem ersten zorn, der ist straff ledig. österreich. weisth. 1, 226, 13; ob ainer in dem gericht wär oder darinne käme, der mit warer that beschrirn oder begriffen wurd. 1, 303, 44 (17. jahrh.); ob das wär, das ain wort und rede auf ainen, der in dem landgericht gesessen, käm, das gevärlich sach wärn und mit warer that nicht begriffen wär worden und vormallen nie mit solchen sachen bezigen wär worden. 1, 306, 20; wo die persohnen auf ainer wahren that erwischt wahre worden, soll man solliche über den dritten tag nicht behalten, sondern dem lantgricht berichten. 6, 207, 30 (Steiermark 17. jahrh.); Uli. drum bsinn dich wol und gang glich eben! es kostet dich fürwar din leben ... Elsli. frölich, Uli, schon min nit und tuo mir denn, wie du witt, wenn du mich findst an warer tat. N. Manuel Elsli 688 Bächtold; hetten auch selbs schwerlich glaubt sölch gschichte, wo wirs schlecht von hören sagen hetten und nicht selbs auf warer that betretten. Rebhun Susanna 4, 378 Palm; o du vernaschter unflat! find ich dich yetz auff warer that, das du mir sauffest ausz den kandeln? Hans Sachs 5, 194, 17 Keller; groszmechtiger könig, secht zu! dacht wol, ir würd mir glauben nicht. derhalb so hab ich mich verpflicht, er söll spat kumen inn thiergarten. darinn will ich allein sein warten, da zu erfülln den willen sein. hab aber das gethon allein, auff das ir kombt auff ware that. 12, 258, 12; die sach kein entschuldigung hat, weil ich dich find an warer that. ich hab gehöret deine wort. 12, 262, 4; den ein brüeder bedüncken det, Lorentzo püelet Lisabet. er schlich in ir kemnate, schloff unther ir petstate, zü finden ware date. fabeln 3, 3, 53 Götze-Drescher. II@1@d@eε) der wahre schub ist wie der rechte schub die überführung des übelthäters durch vorweisung des corpus delicti. Haltaus 1653. Gengler glossar zum Schwabenspiegel s. 306: wenn auch mann oder weib mit rechter schuld und mit dem wahren schub vor ihr gericht gebracht werden. Würdinger urkundenauszüge z. gesch. der stadt Lindau (1331); weiln biszhero in den L(imburgischen) halszgerichten eine gewonheit und herkommen gewesen, wann schädliche leute in denselben seinen gerichten betretten, dasz die umb ihr missethat, wiewol wahrer schueb, oder gichtiger mund vorhanden were, mit sieben mannen, so darumb ihr eydt thun musten, bezeuget, und damit vom leben zum todt bracht würden: und dardurch das ubel ungestrafft bliebe: so haben keyserliche majestät diese gewonheit abrogiret, uff dasz ... den rechten sein lauff gelassen werde, und auff wahren schueb, gichtigen mundt oder leumuth, und ihr selbstbekendtnusz richten und straffen, und die ubelthäter ferner zu ubersiebnen nicht schuldig seyn sollen. urkunde Maximilians (Freiburg i. B. 1498) bei Wehner observationes 51b; wurde einer auf frischer that ertappet, oder es waren sonst kräfftige anzeichen wider ihn vorhanden, welches im Schwabenspiegel der wahre schub genennet wird. Zedler univ. lex. 25, 1281. II@1@d@zζ) auch wahrer schein dürfte ursprünglich rechtsausdruck gewesen sein, wie das namentlich in Niederdeutschland übliche blickender schein, offenbarer schein, oder blosz schein, vorweisung des corpus delicti, vgl. theil 8, 2426 unten. Grimm rechtsalt.4 2, 182. 197. 521. es läszt sich nur die bedeutung 'sicheres anzeichen' nachweisen: des musz ich haben woren schein. Waldis Esopus 1, 50, 23 Kurz. bei Ringwald mit warem schein 'augenscheinlich': darumb sie wie die alten füchs die ankunfft manches ungelücks von fernen sehn mit warem schein und wissen ein zu warnen fein. laut. warheit (1598) 47; ein lügner, hurer und ein dieb die haben sich gewaltig lieb ... sie tragen auch mit warem schein in allen stücken überein, und kommen auff die letzt zusam an einem dürren eichenstam. 140; man wil wol sagen, zeitlich freyn, und früe auffstehn sol niemand rewn, doch trifft es nicht mit warem schein bey allerley personen ein. 171. II@22) die breiteste verwendung hat wahr in bezug auf reden und aussagen, dann auch meinungen, gefunden, indem es von diesen besagt, dasz sie der wirklichkeit gemäsz sind, den thatsachen entsprechen (gegensatz: erlogen, falsch angenommen, unzutreffend u. dgl.). in diesem gebrauch ist das wort jeder periode der deutschen sprache und jedem stil bekannt. er mag unmittelbar aus der vermutlichen grundbedeutung des germ. wortes in passivischer auffassung 'geglaubt, allgemein anerkannt' hervorgegangen sein; doch ist nach dem oben gesagten die vermutung erlaubt, dasz er seine festsetzung im deutschen besonders dem auf lat. verus beruhenden wahr der rechtssprache verdankte, das, sich zunächst auf aussagen vor gericht beziehend, die glauben fanden, dann eine erweiterung erfuhr. der charakter des wortes war darnach zunächst ein subjectiver, indem es von der rede aussagt, dasz sie geglaubt wird und anerkennung findet, später ist eine objectivierung eingetreten, indem das hauptgewicht auf die richtigkeit der aussage und ihre thatsächliche begründung in der wirklichkeit gelegt wird. II@2@aa) wahr in prädicativer verwendung. II@2@a@aα) als prädicatsnominativ. II@2@a@a@11)) wahr sein. II@2@a@a@1@aa)) als prädicat eines substantivs. eine rede, ein spruch, ein satz, ein wort ist wahr (oft mit hinweis auf ein folgendes sprichwort): sich huoben ander mære (diu rede ist al wâr) von einem künege jungen. Kudrun 617, 2; diu rede ist wâr: got gab ie gebender hende rât. K. v. Würzburg, minnesinger 2, 324b Hagen; die rede ist war und nicht gelogen. Brun v. Schonebeck 9503 Fischer; man buwet an diesem (tempel) 46 jare, und du meinest, din redde solle wessen ware und du wollest das enden in drien tagen? Alsfelder passionsspiel 2671 Grein; es ist wol war der alten sag: d' warheit die straaff nit leyden mag. Ruff Adam u. Heva 4265 Kottinger; wann die sag der alten wahr ist, dasz die jenige ins ewige leben kommen, deren geister sich bey ihren lebzeiten verspühren lassen. Simpl. schriften 3, 329, 11 Kurz (vogelnest 1, 6); meine aussage ist wahr, wie die liebe meiner Louise. Schiller 3, 482 (kab. u. liebe 5, 2); der alte spruch der ist wâr: swer guoten boten sendet, sînen vrumen er endet. Hartm. v. Aue Iwein 6064; denn hie ist der spruch war, dieser seet, der ander schneit. Joh. 4, 37; vgl.: in thiu ist wâr wort (vulg. in hoc enim est verbum verum): wanta andar ist the sâhit inti ander ist the arnôt. Tatian 87, 8; denn dieses sprichwort ist so wahr als auch gemein, dasz schönheit, ehr und zucht nit oft beysammen seyn. Rachel sat. gedichte 82 neudr.; wenn der alte satz wahr ist, so werden unsere nachkommen noch mehrere thorheiten begehen, als wir. Rabener 4 (1755), 207; dieser satz ist so wahr, dasz tausend liebesverbindungen in der welt keinen andern ursprung haben. Wieland 1, 313 (Agathon 6, 5); eʒ ist doch wâr ein wortelîn: schœne daʒ ist hœne. G. v. Straszburg Tristan 17806; als gemeyn als disz wort ist, also war ist es. Agricola sprichw. (1529) nr. 406; ihr wort ... an die grosze frau im norden ist wahr und fein. Herder an Gleim (von und an Herder 1, 158). betheuernd ewer wort war 'euer wort in ehren'. Crecelius 889 aus einer comoedia von 1642. verstärkend sagt man: jedes oder kein wort, jede oder keine silbe von einer aussage ist wahr: es mag einmal in diesem complimente, was noch in keinem complimente gewesen ist, jedes wort wahr seyn — wissen sie, was mein gegencompliment ist? Lessing 12, 59; es ist kein wordt war, dasz mein sohn die armée nicht hatt ahnnehmen wollen. Elisabeth Charlotte v. Orleans briefe (1676—1706) 475 Holland; so sagt die ganze stadt. die missethat scheint klar, und wenns zum treffen kommt, so ist kein wörtgen wahr. Stoppe (1735) 181; vom gerücht über Wielands schwiegersohn als einem jesuitenmissionar ist keine silbe wahr. Herder an Gleim (von und an Herder 1, 112). ein lob, ein tadel, ein zeugnis, eine beschuldigung, eine lästerung ist wahr: man mac nimmer schelten baʒ danne lobent vaste da daʒ niht lobelîch enist, wan sô machet man ze der vrist daʒ die liute sprechent gar: geselle, dîn lob ist niht wâr. Thomasin d. wälsche gast 3622; ist ihr rhum war, das sie die warheit gewislich haben. Luther 23, 152 Weim. ausg.; ein ander ists, der von mir zeuget, und ich weis, das das zeugnis war ist, das er von mir zeuget. Joh. 5, 32 (weiʒ bidiu wâr ist giwiʒscaf daʒ her sagêt von mir. Tatian 88, 10); auch stehet in ewrem gesetze geschrieben, das zweier menschen zeugnis war sey. 8, 17; und wir zeugen auch, und ir wisset, das unser zeugnis war ist. 3. ep. Joh. 12; eʒ ist war der eit, den du gesworen hast. Schwabensp. 215 Gengler; gesetzt den fall, die lästerung sey wahr. Bürger 31a. ein bericht, eine nachricht, ein gerücht, eine kunde, eine geschichte ist wahr: mich betwanc ein mære daʒ ich von ir hôrte sagen, wie sie ein vrouwe wære diu sich schône kunde tragen. daʒ versuochte ich unde ist wâr. Reinmar, minnesangs frühling 170, 12; ob daʒ selbe mære wâr ode gelogen wære. Hartm. v. Aue Iwein 2534; wisse also, lieber Hartknoch, dasz die nachricht meiner brodlosigkeit etc. gottlob! nicht wahr ist. Herder an Hartknoch (von und an Herder 2, 67); wenn auch diese geschichten nicht wahr wären: so erläutern doch die beyspiele den satz. Abbt werke 2, 95 anm. (vom tode fürs vaterland); die von ihnen angeführte mord-geschichte können alle wahr seyn. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 288; wer in der welt kann mir läugnen, dasz die geschichte von Petern ... wahr sey? Bertuch don Quixote (1775) 2, 411; das stücklein von den blutigen hunden, das stücklein ist wahr! Thoma grobheiten 47. scherzhaft: die lügen sind war und nit ein mer. Rosenblut, fastnachtsp. 1138. es kann auch der inhalt der erhaltenen mittheilung selbst als wahr bezeichnet werden: die ermordung des ministers P. ist wahr; die sache ist ganz wahr, sie verhält sich völlig so wie gesagt wird. Campe. sprichwörtlich: ob ein ding wahr sey, darüber will mancher seinen kopff nicht zubrechen. Lehmann 879, 8. ein gedanke, eine meinung, vermutung ist wahr: ihr gedanke ... klingt paradox, er ist aber wahr. Lessing 12, 106; o sag' mir, ahndung, bist du wahr? bist du ein eitles wähnen? A. W. v. Schlegel 1, 17. II@2@a@a@1@bb)) statt eines substantivs kann ein ganzer satz subject sein: da sprach der herr zu Abraham, warumb lachet des Sara, und spricht, meinstu das war sey, das ich noch geberen werde, so ich doch alt bin? 1 Mos. 18, 13; du gestehst, was ich dir sage, sey wahr. Göthe 1, 277. II@2@a@a@1@cc)) das neutrum eines pronomens als subject: non sequitur, táʒ neíst nîeht wâr. Notker de syllogismis cap. 4 (1, 599 Piper); mir hât getroumet michel tugent: ... sî gap mir urloup ein jâr (dazn ist alleʒ niht wâr). Hartm. v. Aue Iwein 3536; als sie nun für den hochmeister kummen seind, hat er an ir beyder weisz und geberd wol können abnemen, das alles, so Gottlieb von inen gesagt hat, war sey. Wickram 2, 37 Bolte; dieses ist wahr, veritas summa est in hac re. Stieler 2413; wolt lgen, ob es wore were, und bevant in der worheit, daʒ eʒ also waʒ als im für waʒ komen. Closener, städtechr. 8, 47, 25; wande sü gloubetent alle, es were ware. 8, 118, 16; darumb lobe ich diesz sprichwort wider solches teufelsgeschäft, da man spricht: man soll frauen loben, es sei wahr oder gelogen, sie bedürfens wohl. Luther 23, 134 Erl. ausg.; es ist gedruckt: ergo musz es wahr seyn. Kuhnau musikal. quacksalber 179 neudr.; ach, liebster freund, es ist leider wahr. er (Kleist) ist todt. Lessing 12, 136; ihr götter! trieg ich mich? sie schläfft! ja es ist wahr! sie ists! Gryphius lustsp. 411 Palm; er weysz wol, was wahr und nicht wahr ist, optime distinguit vera a falsis. Stieler 2413; sagen was wahr ist, dicere quod verum est. Frisch 2, 415; was eben wahr ist aller orten, das sag' ich mit ungescheuten worten. Göthe 2, 265. ist es wahr? das ist wahr! in frage und antwort (oder bestätigung): ist es aber war, in spottweysz, lieber ists war? verum? Maaler 484a; es ist war, sicher, es ist im also, verum. ebenda; ists wahr? ists müglich? say you so? indeed? Ludwig 2367; ist das wahr? cela est-il vrai? es ist wahr, nicht wahr, il est vrai, il n'est pas vrai. Schrader 2, 1580 a; schwört mir, ist's wahr? ich bin betrogen? bin ich's? ist es wahr? Schiller 5, 2, 277 (don Karlos 3, 2); 'er muoʒ vil angestlich genesen der bouwet sô diu rîche'. dô sprach vil witziclîche der alte man 'daʒ ist wâr, ich hân vil nâhen hundert jâr gelebt in sorgen mîne tage.' Biterolf 231; herr könig, hastu nicht ein gebot unterschrieben, das ... der könig antwortet, und sprach, es ist war, und das recht der Meden und Persen sol niemand übertretten. Daniel 6, 12; wie das der alte Nobel seinem damigen vorhält, spricht sie ja, es wäre wahr. Reuter Schelmufsky 43 neudr.; das ist wahr, fiele Megabyzus zu. Gundling satyr. schriften (1738) 151; das ist wahr, herr pfarrer, versetzte Dorothea. Bertuch don Quixote (1775) 2, 129; indem er sagte, dasz es ohne gewehr ja gar keine überwindung koste, das schieszen zu lassen, ... das ist auch wahr, erwiederte der alte. Immermann Münchh.2 1, 161. verneint es ist nicht wahr, was schon von Stieler 2413 als unhöflich und beleidigend empfunden wird (er empfiehlt dafür andre wendungen zu gebrauchen): das ist unwahr, es ist nicht wahr, ihr lügt. Ludwig 2368; ir kennet doch den man wol, und was er saget. sie sprachen, das ist nicht war, sage es uns aber an. 2n. 9, 12; du wilt zu den Chaldeern fallen. Jeremia sprach, das ist nicht war, ich wil nicht zu den Chaldeern fallen. Jerem. 37, 14; das ist nicht wahr! brach don Quixote äuszerst zornig aus. Bertuch don Quixote (1775) 1, 406. beliebt ist die oft eingeschobene bestätigung wie es denn auch wahr ist oder war: und hilfft hie kein verschonen, das heilige leute zuweilen strauchlen ym glauben und leben, wie es denn war ist. Luther 19, 460 Weim. ausg.; da von Horatius schreibt, oderunt peccare boni, wie es denn auch war ist, das fromckeit, die vor gott gilt, entspringt und anhebt ex amore justitie. Agricola sprichw. 2 (1529) 5a; wiewol es von in allen mit grossem unwillen geschach, als denn war ist. buch der liebe 248, 4; Judas gedachte, wie es denn auch war ware, sie möchten im auch wol nütz sein, und sagt inen frieden zu. 2 Macc. 12, 12. desgleichen die conditionale einschiebung wenn es wahr ist: die folgende nacht verloren sie zehn jahre; und endlich, wenn es wahr ist, die folgende, fünf und funfzig. Möser verm. schriften 1, 84; die wunschformeln wenn es nur wahr ist, wenn es nur wahr wäre: das bild ist verkauft? sagte Dankmar freudig. gott sei dank! wenn's nur wahr ist! Gutzkow ritter vom geist2 3, 144; ja, wanns nur wahr wäre! C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 424; der zweifelnde ausruf wer weisz ob es wahr ist!: darumb den spruch man billich soll, wer weisz, obs war ist, wissen wol. Fischart dicht. 3, 65, 46 Kurz; lasset euch solche bossen von der hellen nicht kleinmütig machen, wer weis, obs noch halb war sey, ist vielleicht wol gar erlogen. Cyr. Spangenberg adelspiegel 2, 381. das pronominale subject es, das, dies kann durch einen folgenden relativsatz näher bestimmt werden: iʒ ist wâr, daʒ serpens (der wurm) chît: ir nesterbint tôdis. Notker ps. 29, 7; freylich ists war, was keiser Friderich in sein vocalen sagt. Mathesius historien Luthers (1573) 7b; ists denn wahr, was du erzehlt? Reuter Harlequins kindbetterin-schmaus 77 neudr.; es ist wahr, was sie gehört und gelesen haben. Lessing 12, 242; der pfarrer ... sahe, dasz es wahr war, was der landreuter sagte. Bertuch don Quixote (1775) 2, 340. oft schlieszt sich an es, das, dies ist wahr ein abhängiger dasz-satz an: es ist wahr. dasz ich ihn gestern sahe. Adelung; ja wan es wahr und klar, dasz sich der mensch verlieret, und nicht recht wandlen kan, der ohn dein glait und gnad. Weckherlin 1, 190 Fischer; ists war, das ir mich zum könig salbet über euch, so kompt ... richter 9, 15; ist es nicht wahr, dasz mein mann biszher einen grossen mann im leibe getragen? Kuhnau musikal. quacksalber 152 neudr.; ist es wahr, dasz das unglück eines allzu tugendhaften menschen entsetzen und abscheu erweckt? Lessing 12, 67; wenn es wahr ist, dasz, was vom herzen kommt, auch zum herzen geht, so musz mein eifer sie rühren. F. H. Jacobi werke 1, 336; doch schmälet Zeus: und diesz ist wahr, dasz sie (die pfauen) abscheulich schreien. Bürger 27b. häufig steht es, das, dies ist wahr nur formelhaft, um die richtigkeit einer aussage zu betonen. es ist dann entweder nachgestellt auf etwas vorangehendes oder vorgestellt auf etwas folgendes bezüglich, kann auch zwischengestellt werden. mhd. erscheint die formelhafte wendung oft zusammengezogen als deiswâr, dêswâr: then fingar thenita er ouh sâr,quad: therer ist iʒ, thaʒ ist wâr. Otfrid 2, 3, 38; in disen grôʒen êrenlebter, daʒ ist wâr. Nibel. 659, 1; si erwelte hie nû einen wirt deiswâr von dem sî niemer wirt geswachet noch gunêret. Hartm. v. Aue Iwein 1588; dêswâr ich bringe dich wol hein. armer Heinrich 2805; swer nu wîben sprichet baʒ, deiswâr daʒ lâʒ ich âne haʒ: ich vriesche gerne ir freude breit. W. v. Eschenbach Parzival 114, 6; dêswâr, Reimâr, dû riuwes mich michels harter danne ich dich. Walther 83, 1; eʒ troumte, des ist manic jâr, ze Babilône, daʒ ist wâr, dem künge, eʒ würde bœser in den rîchen. 23, 12; gott hat geschaffen, das ist wor, das sAeh das oug und hOerr das or. Brant narrensch. 11, 23; do Adam wont nünhundert jar, dryssig darzuo, das ist war. Murner narrenbeschw. 4, 72 neudr.; gelobet seistu Jhesu Christ, das du mensch geboren bist, von einer jungfraw, das ist war, des frewet sich der engel schar. Luther 8, 357b; zwey säulin namlich sie (die jüdin) gebar für ir zwey sönlin, das ist war. Fischart dicht. 3, 71, 36 Kurz; es ist nun war: es ist umb sust, wo man nur läbt in fröud und lust. Ruff Adam und Heva 4411 Kottinger; wahr ists! er hats mit uns mehr denn zu grob gemacht. Gryphius trauersp. (1663) 296; wahr ist's; das hertze lacht, mein gantzer geist wird froh. wenn ich von Roschkowitz und meinem Kittelau den uhrsprung der geburth, mein vaterland beschau'. Lohenstein hyacinthen 80; wahr ists! in den wenigen jahren, die ich auf erden gelebt, habe ich die möglichkeit dieser ausgelassenen verzweifelung nie begreifen können. Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 66; nun, das ist wahr, unser haus hat sich in kurzem recht sehr geändert. Lessing 2, 363 (Damon); das dauert schon 1800 jahr, und ein paar drüber, das ist wohl wahr! Göthe 2, 261; soldaten lieb' ich, das ist wahr! 4, 61. oft wird durch es, das, dies ist wahr auf sprichwörter hingewiesen: eʒ ist vil wâr, daʒ man dâ saget: 'Minn' ist getriben unde gejaget in den endelôsten ort'. G. v. Straszburg Tristan 12283; ouch ist eʒ wâr, daʒ dik diu trügenheit zergât sô wol diu rechtekeit gestât. Boner 74, 112; noch dannoch ist war, wie man seyt, ausz den kindern werden auch leut. Fischart dicht. 3, 41, 37 Kurz. im nhd. sagt man in diesem fall gern mit noch gröszerem nachdruck es oder das musz wahr sein: es musz wahr seyn wie man sagt: art lässet nicht von art. Faszmann der gelchrte narr (1729) 63; die augen Münchhausens ... starrten mit dem ausdrucke eines unglaublich freudigen erstaunens den besuch an und schienen zu sagen: nun, das musz wahr seyn, wenn die noth am höchsten, ist die hülfe am nächsten. Immermann Münchh.2 3, 147. auch sonst ist das musz wahr sein als verstärkung des betheuernden es ist wahr in der neueren sprache beliebt: das musz wahr seyn, Michel! ihr habt ein paar allerliebste kinder! Weisze kom. opern 3, 105; das musz wahr seyn .., ihr hättet einen tüchtigen schmidt abgegeben, hofschulze! Immermann Münchh.2 1, 136; 1. wächter. es ist wenig fröhlichkeit mehr unter den leuten. 2. wächter. das musz wahr sein, die zeiten werden täglich schlimmer. Platen 212 (schatz d. Rhamps. 4). nhd. kann es oder das ist wahr auch einer aussage beigefügt werden, wenn man deren richtigkeit einräumen musz, etwa in der bedeutung 'ich gebe es zu, musz es zugeben': es ist war, ich bin liederlich gsin; ob gott wil, ists nun als da hin, und wil mich recht in karren schicken. fastnachtsp. 822, 31; das ist wol war, nach dem d. Luther im bapstumb und irer grewlichen abgötterey ein zeitlang tieff gestecket war, das er im anfang etwas tunckler von disem artickel redete. Mathesius historien Luthers (1573) 12a; es ist wahr, wir würden, wenn diese strengen regeln beobachtet werden sollten, ein paar hundert satyrenschreiber weniger haben. Rabener 1 (1751) vorrede 15; ich habe nicht allemal recht, es ist wahr. 3, 330; es ist wahr, sagte er zu sich selbst, ein mensch, der so lebt wie Hippias, musz so denken. Wieland 1, 98 (Agathon 2, 6); wahr ists freylich, der meister Elisabat ... war ein kluger ratgeber. Bertuch don Quixote (1775) 2, 8; präsident. du wirst doch nicht, rasender? Wurm ... rasend bin ich, das ist wahr. Schiller 3, 506 (kab. u. liebe 5, 8). oft wird die zustimmung durch folgendes doch, aber, allein, indessen eingeschränkt: war ist's, ich bins nicht wehrt, doch bin ich gleich wol auch ein schäfflin deiner heerdt. Gryphius sonette 67 neudr.; wahr ist es, dieser schwan fliegt wenig; doch er verfliegt sich nicht. Hagedorn 2, 124; es ist war, meine rede sind freundlich den fromen, aber mein volck hat sich auffgemacht, wie ein feind, denn sie rauben ... umb irer unreinigkeit willen, müssen sie unsanfft zerstöret werden. Micha 2, 10; nu es ist war, das ich der erbe bin, aber es ist einer neher denn ich. Ruth 3, 12; es sey wol war, das umb yhrer sunde willen das land vom könige zu Babylon werde mussen verstöret werden; aber doch solle darumb Christus und sein reich nicht aussen bleyben. Luther 19, 353 Weim. ausg.; es ist freylich wol wahr, wenn es aber geschehen wäre, was hätte sie machen wollen. Reuter der Schlampampe krankheit und tod 107 neudr.; es ist wahr, unsere leinde thun dieses letzte auch: aber sehr selten. Liscov schriften (1739) 566; es ist wahr, ihre gesichtsfarbe geht noch mit, ihre züge sind so so; aber was sie für füsze hat! Wieland 1, 99 (Agathon 2, 6); hübsch ist sie, das ist wahr ... aber ich wüszte doch nicht, dasz sie den mindesten eindruck auf mich gemacht hätte. Göthe 17, 20 (wahlverw. 1); es ist wahr, jedes junge volk übt diese poesie, durch welche es sich die thatsächliche wirklichkeit verständlich macht. ... aber kein geschlecht der menschen ... hat diese poesie des deutens und umbildens so warmherzig ... geübt, als die Deutschen. Freytag 17, 407 (bilder 1, 8); wahr ist's, dasz sie den mörder ehlichte. ein schwer verbrechen! — aber es geschah in einer finstern unglücksvollen zeit ... Schiller 12, 456 (M. Stuart 2, 3); es ist wahr, dasz dieses sein bewegungsgrund gewesen seyn musz, wenn seine handlung schön bleiben soll; allein deswegen bleibt sie doch herzhaft. Abbt werke 1, 76; es ist wahr; in Berlin sind gelehrte die menge, und unter diesen erhalten allezeit die Franzosen den vorzug. allein, ich glaube, dasz auch Göttingen daran keinen mangel hat. Lessing 12, 19. II@2@a@a@1@dd)) seit dem 18. jahrh. kommt (wol unter einflusz des französischen) fehlen des verbums in der zustimmenden antwort vor. das subject ist gelegentlich auch dann vorhanden, z. b. bei alles wahr!: wahr, alles wahr, was eur. hochwürden da sagt! sprach der pfarrer zum domherrn. Bertuch don Quixote (1775) 2, 383; alles wahr, Sancho! versetzte don Quixote. 2, 400. meistens aber fehlt auch dieses: der prinz. jenes ist? — kann ich mich doch kaum erinnern —. Conti. die gräfinn Orsina. der prinz. wahr! —. Lessing 2, 116 (Emilia Galotti 1, 2); das vieh aber, sagt' ich, hat naturtriebe, die dem menschen fehlen. wahr, sagt' er, die thiere haben vorstellungen ..., die der mensch bey weitem nicht in gleichem grade besitzt. Shaftesbury philos. werke 2 (1777), 381: wahr, sagt' ich, ich kann es nicht leugnen. 448; ist das wahr? fragte die alte. leider wahr! sagte monsieur Burg. J. J. Engel schriften 12, 202; auch hast du mir ja versprochen — wahr! ihn der heirat wegen erst auszuholen. 317; Catesby. erst, hoher herr, erklärt die gnäd'ge meinung, was ich von euer hoheit ihm soll melden. Richard. wahr, guter Catesby! gleich aufbringen soll er die gröszte macht und mannschaft, die er kann (o! true, good Catesby). Shakesp. 3, 86 (Rich. II. 4, 4). jetzt am häufigsten mit bestimmung: sehr wahr! vollkommen wahr! auch in diesem fall kann die zustimmung durch folgendes aber, allein, indessen eingeschränkt werden: alles wahr! alles schön, mein herr Specht! aber ich habe damit immer noch keine antwort. J. J. Engel schriften 12, 254; die witwe an sich selbst ist ohne vermögen. — wahr! aber — —. 389. beliebt sind die wendungen bitter, aber wahr! unglaublich, aber wahr!: wie kann ich gute bilder malen, da er unsern vater kannte, der neben ihm in ein und dasselbe tintenfasz die feder tauchte! bitter, Siegbert, aber wahr! Gutzkow ritter vom geist2 3, 190; unglaublich, aber wahr. Bleibtreu revolution der litteratur2 83. entsprechend erscheint in der frage verkürztes nicht wahr?, nach Adelung 'eine in der vertraulichen sprechart übliche elliptische formel, nach der wahrheit einer sache zu fragen. ... für, ist es nicht wahr?' bis in den anfang des 18. jahrh. sagt man noch allgemein ohne verkürzung ist es nicht wahr?: ists nicht wahr? n'è vero? Krämer 1209; ist nicht wahr? ists nicht so? n'est il pas vrai? Rädlein 1, 1026a; ists nicht wahr? Kramer deutschfranz. wb. 841 (1715); ists nicht wahr, wir verirren uns offt in uns selbst. Riemer polit. colica 93 (1681); ists nicht wahr, er hat sich mit seiner frau geschlagen ...? Chr. Weise comödienprobe (1696) 288 (vom verfolgten lateiner); ists nicht wahr, frau mutter, ich bin ihr liebster sohn? Reuter der Schlampampe krankheit und tod (1696) 103 neudr.; ist es nicht wahr, ihr thut am besten, wenn ihr so lange als ihr auff universitäten seyd, euch mit denen andern vereiniget, und nicht von ihnen absondert? Thomasius kl. deutsche schriften2 694. das verkürzte nicht wahr? wird zuerst von Kramer im holl.-d. theil seines wbs. 1, 497b (entsprechend dem ndl. niet waar?) angeführt, während er im d.-holl. theil 2, 258a nur ists nicht wahr? niet waar? angibt. es ist entweder vorgestellt auf etwas folgendes oder nachgestellt auf etwas vorausgehendes bezüglich, kann auch mitten in die frage eingeschoben werden: nicht wahr das ist die beste kur? Rabener 3 (1752), 239; nicht wahr? das ist auch ihre art, zu denken? Uz an Grötzner 1758 (briefe hrsg. von Henneberger 85); nicht wahr, ich philosophire ihnen hier etwas sehr tröstliches vor? Lessing 12, 286; nicht wahr, sie haben in den Frankfurter gelehrten anzeigen die hand mit? Claudius an Herder (aus Herders nachlasz 1, 373); wo war ich? sagt mir! war das alles nur ein langer traum und ich bin aufgewacht? bin ich hinweg aus dom Remi? nicht wahr? ich war entschlafen unterm zauberbaum, und bin erwacht, und ihr steht um mich her. Schiller 13, 301 (jungfr. v. Orl. 4, 9) nach den ausgaben von 1814 f.; bis auf den freytag warten sie doch, mein guter alter! nicht wahr? Rabener 3, 416; ich beantworte meine fragen doch recht? nicht wahr? Uz an Grötzner 1754 (briefe hrsg. von Henneberger 37); sie liebt dich doch, nicht wahr? Wieland 11, 233 (don Sylvio 3, 7); um sich ein ansehn zu geben! nicht wahr? J. J. Engel schriften 1, 47; und du dort, lächelndes gesicht, nicht wahr, ihr seyd verliebt gewesen? gesteht mirs, eher fahr ich nicht. Gellert 1, 230; als du das eheband knüpftest, nicht wahr? da feiertest du ein fest? Friedländer bei Engel schriften 1, 328. älter ist das fehlen von subject und verbum in der betheuerungsformel so wahr als ...! oder nur so wahr ...!, zusammengezogen aus es ist so wahr, wie es wahr ist, dasz ...!: so wahr ich hoffe selig zu werden, as I hope to be saved. Ludwig 2368; so wahr als wir hie beysammen sind, aussi vrai que nous sommes ici. Rondeau. Schrader 2, 1580a; so wahr ich hier stehe! Adelung; von stund an musz er sterben denn, als war als cristen gelauben ist plint und allein wir juden die rechten sint. fastnachtsp. 812, 22; so wahr ich ein grafe bin, die ehre ist grosz, dasz ich herein spreche. Chr. Weise comödienprobe (1696) 324 (vom verfolgten lateiner); so wahr mir Diana gnädig sey, sie (die ohren) würden einem faun ehre machen. Wieland 1, 100 (Agathon 2, 6); ich erwarte das, sowahr du mich liebst. Biester an Bürger (briefe von und an Bürger 2, 302); Sylvester. ... ich kehre unverletzt zurück, so wahr der gottheit selbst die unschuld heilig. H. v. Kleist 1, 38 (fam. Schroff. 1, 2). correspondierend so wahr — so wahr: so wahr du hier die welt nur kannst im zwielicht sehn, so wahr wird sie dir dort im vollen glanze stehn. Rückert werke 8, 642 (weish. d. brahm. 12, 157); so wahr du geborener geheimerrath im höchsten gericht wirst, so wahr tritt die luftverdichtungsactiencompagnie in's leben. Immermann Münchh.2 2, 44; so wahr ich den leib und das wahre blut Jesu Christi empfangen habe, so wahr und gewisz habe ich vergebung der sünden. Schupp (1663) 209; aber so wahr Preuszen alle elemente vernünftiger freiheit in sich enthält, die sich unfehlbar entfalten werden, ebenso gewisz gehört der preuszischen partei die zukunft. Treitschke deutsche kämpfe2 51. besonders häufig sind einige bestimmte formeln. II@2@a@a@1@d@aα)) so wahr mir gott helfe und sein heiliges ... wort! (in eidesformeln), ainsi m'aide dieu! ainsi dieu me soit en aide! Schrader 2, 1580a; so wahr als mir gott helffe. Heinr. Jul. v. Braunschweig 52 Holland (Susanne 2, 1). vgl. th. 4, 2, 951 unten. II@2@a@a@1@d@bβ)) so wahr gott ist! Adelung; so wahr gott lebt! vive dieu! sur mon dieu! dieu m'est temoin! Schrader 2, 1580a; es sind meine brüder meiner mutter söne gewest, so war der herr lebt, wo ir sie hettet leben lassen, wolt ich euch nicht erwürgen. richter 8, 19; so war gott lebt ... meine lippen sollen nichts unrechts reden. Hiob 27, 2; so war gott lebt: welcher könig odder fürst meinet, das sich der Luther fur yhm demütige der meinung, als rewe yhn seine lere .. und suche gnade, der betreugt sich selbs weidlich. Luther 23, 28 Weim. ausg.; ich will dich retten, kost' es tausend leben, ich rette dich. ich will es, doch, so wahr gott lebt! ich schwör's, ich will dich auch besitzen. Schiller 12, 507 (M. Stuart 3, 6); wo der gehalt doch steckt in dem drama, verlangst du zu wissen? nirgend, so wahr gott lebt, für ein gemeines gemüt. Platen 145 (epigr.). II@2@a@a@1@d@gγ)) so wahr meine (deine) seele lebt!: wes son ist der knabe? Abner aber sprach, so war deine seele lebt könig, ich weis nicht. 1 Sam. 17, 55 u. ö. diese biblische schwurformel ist in Schillers jugendsprache beliebt: Scharffenstein! er (gott) ist bei uns, er hört dieses, und richte, wenns nicht an dem so ist! es ist, so wahr meine seele lebt! 1, 55; räuber und mörder! — so wahr meine seele lebt, ich bin euer hauptmann! 2, 48 (räuber 1, 2); hier heb ich meinen dolch auf! so wahr meine seele lebt! ich will euch niemals verlassen. 2, 119 (3, 2); Franz. gesteh alter! was hast du gethan? Daniel. nichts, gnädiger herr, so wahr gott lebt und meine arme seele! 2, 134 (4, 2); nein! so wahr meine seele lebt! du lügst. 3, 485 (kab. u. liebe 5, 2). II@2@a@a@1@d@dδ)) so wahr als ich lebe, upon my life. Ludwig 2367; so wahr ich lebe, aussi vrai que je suis ici. Roux d.-franz. wb. (1744) 563b; so wahr ich lebe, hier bin, aussi vrai que je suis ici, sur ma vie. Schrader 2, 1580a; so wahr ich lebe! Adelung; so war ich lebe, spricht der herr, ich wil euch thun, wie ir fur meinen ohren gesagt habt. 4 Mos. 14, 28; so war als ich lebe, spricht der herr, mir sollen alle knie gebeuget werden. Römer 14, 11; so wahr ich lebe, es ist der herr secretarius. Reuter der Schlampampe krankheit und tod 112 neudr.; so wahr ich lebe! es ist ohnmöglich gewesen. Bürger an Ewald (briefwechsel 1, 73); so wahr ich lebe, Zeus bricht schon auf. H. v. Kleist 1, 342 (Amph. 1, 4). II@2@a@a@1@d@eε)) so wahr ich ein ehrlicher mann bin, by my troth, upon my faith. Ludwig 2368; so wahr ich ehrlich, so wahr ich ein ehrlicher mann bin! foi d'honnête homme! foi d'homme d'honneur, de bien! Schrader 2, 1580a; es gehet, so wahr ich ehrlich bin, nicht an. Reuter der Schlampampe krankheit und tod 93 neudr.; so wahr ich ehrlich bin, wenn sie todt gewesen wären, wie ich schon zu fürchten anfing, ich hätte mich eher in den flusz gestürzt, eh' ich euer gnaden hätte überleben wollen. Wieland 12, 17 (don Sylvio 5, 2); der, spricht er, musz es seyn, so wahr ich ehrlich bin! Gellert 1, 5; er entschuldiget sich ..., so wahr als er ein ehrlicher mann seye, die andere wochen soll ichs (das bild) haben. Abr. a S. Clara Judas 1, 267; es ist von dem groszen kayser Carl V. bekannt, dasz seine gewöhnliche betheurung gewesen ist: so wahr ich ein ehrlicher mann bin. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 251; so wahr ich ein ehrlicher kerl bin, todt ist sie. Reuter der Schlampampe krankheit und tod 131 neudr.; so wahr ich eine ehrliche frau bin, wenn ich dran gedencke, ich möchte flugs hörner kriegen. die ehrliche frau 4 neudr. vgl. auch: so war ich bin ein ehrlich hartzbaum. A. Gryphius (1698) 1, 709 (schäfer 1663). erwähnt sei auch das in der ahd. übersetzungslitteratur (in den Monseer fragmenten, den hymnen, im Tatian) für amen stehende wâr, das aus daʒ ist wâr gekürzt ist. II@2@a@a@1@ee)) wahr kann auf verschiedene weise abgeschwächt oder verstärkt werden. so sagt man etwas ist nur halb, nur theilweise wahr: was du von den vorstellungen der geistlichkeit schriebst, ist nur halb wahr. Herder an Hartknoch (von und an Herder 2, 79). oder etwas ist nur unter umständen, in einzelnen fällen, zu bestimmten zeiten, bei bestimmten menschen oder völkern, für einen einzelnen wahr: solchs sollen sagen alle ungleubigen, bey wilchen solchs alles war ist. Luther 19, 161 Weim. ausg.; es schadet nichts, wenn zwei über eine sache verschieden denken; wenn eins nur dem andern glaubt, dasz es bei ihm wahr ist. Auerbach 17, 162 (schatzk. 1). entsprechend sagt man verstärkend etwas ist unter allen umständen, zu allen zeiten, für alle menschen wahr: nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu ist ein satz, der zu allen zeiten wahr gewesen. Liscov schriften 725. in der älteren sprache fügt man der betheuerung es ist wahr gern verstärkend bei und nicht gelogen: gedenk, wie ich dich gezogen hân, daʒ nie dhein wip ir man sô lieplîch hât gezogen, daʒ ist wâr und niht gelogen. Enikel weltchronik 16194 Strauch; am freitag vor St. Gallen tag fuengen die herrn von Rottweil das jagen an, ist wahr, ist nit erlogen. geschichtl. lieder u. sprüche Württembergs nr. 95, 1 (1563) Mehring; und dürffet nicht, das euch jemand lere, sondern wie auch die salbung allerley leret, so ists war, und ist keine lügen. 1 Joh. 2, 27. mhd. an den triuwen, an (in, mit) der wârheit wâr: si truogen ûf ir houbetvon golde liehtiu bant (daʒ wâren scapel rîche),daʒ in ir schœne hâr zefuorten niht die winde:daʒ ist an den triuwen wâr. Nibel. 1654, 4 Bartsch; daʒ ist an der warheit war. Brun v. Schonebeck 113 Fischer; daʒ ist mit der warheit war. 238; dô sprach unser herre 'warumbe heiʒest du mich guot? eʒ enist doch nieman guot dan got aleine' unt daʒ ist ouch in der wârheit wâr. meister Eckhart, mystiker 2, 184, 32; daʒ ist âne zwîfel wâr. klage 493. in der neueren sprache pflegt man wahr durch beifügung von adverbien zu verstärken, z. b.: das ist gewiszlich wahr, that is sure enough, certainly true. Ludwig 2368; was ich euch da sage, das ist gewiszlich wahr, c'est l'évangile. Rondeau; wenn du findest das gewis war ist, das solcher grewel in Israel geschehen ist. 5 Mos. 17, 4; denn das ist je gewislich war, und ein thewer werdes wort, das Christus Jhesus komen ist in die welt, die sünder selig zu machen. 1 Timoth. 1, 15; es ist gewiszlich wahr, er ist wieder gekommen. Reuter der Schlampampe krankheit und tod 123 neudr.; die mechtigen herren wuestent zwar die ritterschaft (dast sicher war). Hugo v. Montfort 5, 278 Kummer; ist auch werlich war. Luther 20, 458, 4 Weim. ausg.; welche stat ein kloster hat, die hat ein hauffen teuffels kriegsknecht ... das ist warlich war. Eberlin 3, 35 neudr.; es ist warlich wahr, hoc certissime verum est. Stieler 2414; es ist fürwahr war. Reuter die ehrliche frau 24 neudr. etwas ist sehr (mhd. vil), auszerordentlich, durchaus, ganz, höchst wahr: eʒ ist vil wâr als man dâ saget. G. v. Straszburg Tristan 12283; wie ist doch das sprichwort so gantz war, das man sagt, der teufel ist ein tausentkünstler. Luther 23, 64 Weim. ausg.; es ist sehr wahr, was sie darinnen sagen. Caroline Herder an Gleim (von und an Herder 1, 224). etwas ist buchstäblich, vollkommen, ausgerechnet, ausgemacht, unbestreitbar, notwendig, ewig wahr: befindtlich und greifflich wahr, certum. Henisch 1288, 50; er hat durch seine ausschweifungen schon längst seine gesundheit zu grunde gerichtet ... alles dies ist buchstäblich wahr. Heinse 1, 175 (Ardingh. 2); dasz alle körper ausgedehnt sind, ist nothwendig und ewig wahr, sie selbst mögen nun existiren oder nicht. Kant 3, 376; das ist ewig wahr: wer nichts für andre thut, thut nichts für sich. Göthe 10, 98 (Clavigo 4). bair. ze tôd wâr. Schmeller2 2, 966. etwas ist zu wahr, nur zu wahr, mehr als zu wahr: der ists, es kan nicht feilen, der, der wird zu uns eilen; die zeichen sind zu wahr. Gryphius lustsp. 218 Palm; das (pabstthum) hat gewert neunhundert jar und zwölff, ist leider allzu war. Alberus fab. 33, 86 Braune; herr gott, das ist allzu war! man helt die jüden für hunde, und wer yhn leyds thun odder sie schabernacken kan, der lest sich düncken, er habe wol gethan. Luther 19, 602 Weim. ausg.; knecht. ja, wen es war were. bruder. ach, es ist leider zu war. Schade satiren 2, 202, 23; ihre sentenz vom groszen und kleinen braucht keinen vorder- und nachsatz; sie ist leider für sich zu wahr und zu richtig. Knebel an Caroline Herder (von und an Herder 3, 185); der götter sinn (es ist doch nur zu wahr!) verkehrt sich stracks und wechselt jahr für jahr. Gryphius lustsp. 182 Palm; alles was du da sagst, ist nur gar zu wahr, versetzte ich. Wieland Lucian 4, 236; Apollo. sollt' es denn wahr seyn ...? Jupiter. nur zu wahr, Apollo. 3, 112; leider nur zu wahr! werke 31, 207 (gespräche unter vier augen); disz klag ich, dasz nicht mehr erlaubet auszusprechen, was leider mehr denn wahr. Gryphius trauersp. (1663) 9; dasz der hr. prof. Philippi schläge bekommen hatte, das war mehr, als zu wahr. Liscov schriften 41; leider! ist die sache mehr als zu wahr. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 123; wahr! mehr als zu wahr! er hat mich von jeher verachtet. J. J. Engel schriften 12, 306. beliebt ist, wol erst seit dem 18. jahrh., die verstärkung mit so: es ist so wahr! und entsprechend wie wahr ist es!: wenn Ulysz von dem ungemess'nen meer und von der unendlichen erde spricht, das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimniszvoll. Göthe 16, 112 (Werther); aber alles, was Amalia sagte, war so ganz uns gesagt, so gut, so unvergeszlich und so wahr. F. H. Jacobi werke 1, 105; ach, wie wahr ists, was in der bibel steht: vergib ihnen! denn sie wissen nicht, was sie thun! Knebel an Caroline Herder (von und an Herder 3, 243). den oben behandelten schwurformeln verwandt ist die verstärkung durch so mit folgendem als oder wie: es ist so wahr als was seyn kan, 't is as sure as can be. Ludwig 2368. sie findet sich in einigen festen betheuerungsformeln, z. b.: es ist so wahr als amen oder als amen in der kirche. Wander 4, 1744; uns kristen spisete her dar na mit sines selbes lichamen. durch daʒ ist iʒ war als amen, daʒ her allem kunne nicht tet also. Brun v. Schonebeck 3115 Fischer; von des anderen brut vleischgeborn wart, als di schrift hat gesworn, ein mensche ane mannes samen, daʒ ist war also amen. 4000; es ist so wahr wie das evangelium. so wahr als zwei mal zwei vier ist. Wander 4, 1744. scherzhaft: es ist so wahr, als dasz der frosch haare hat. ebenda. auch mit angeschlossenem dasz-satz: so wahr ist dieses, dasz ich zu meinem exemplar die nahmen beyschreiben könnte. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 185. II@2@a@a@1@ff)) nicht mehr wahr steht für 'abgethan, veraltet, verjährt': do wardt die verainigung mit wein becreftiget, das der pfaff und Schott ainandern verzigen und vergaben unds ainandern wider brachten. war schon der pfaff übel gerauft und geschlagen worden, so war es doch, ob got will, nit mehr war. Zimmerische chronik2 1, 70, 38; wenn ihr dies lest, so ists nicht mehr wahr. A. v. Einsiedel an Herder (von und an Herder 2, 370). vgl. elsäss. 's isch ball nimmer wohr 'es ist lange her'. jahrb. f. Elsasz-Lothr. 11, 118. II@2@a@a@1@gg)) wahr sein steht in einer reihe von sprichwörtern und sprichwörtlichen wendungen, z. b.: sprich was wahr ist, trink was klar ist, isz was gar ist. Simrock 11124; es kan nicht mehr als eines wahr seyn, plus uno verum esse non potest. Steinbach 2, 939; was wahr ist, das ist wahr. Wander 4, 1744. oder gekürzt wahr ist wahr: die sache ist zwar des ritters klugheit nicht sehr rühmlich; allein, was thut das? wahr ist wahr! Wieland 21, 84 (Gandalin 5, 177); wenn es wahr wäre, was der pfaff redet, lebte er nicht so üppig. Simrock 7764; wenns nicht wahr wär, käms nicht gedruckt her. 11129. in betheuerungen: wenn das wahr ist, will ich ein schelm sein. wenn es nicht wahr ist, so schneuze mich der teufel. wenn es nicht wahr ist, so will ich Hans heiszen. Wander 4, 1745. II@2@a@a@22)) wahr scheinen: dasz wol das sprichwort war erscheint, dasz keine kräh der andern beisz die augen ausz, wie man dann weisz. Fischart dicht. 1, 60 (nachtrab 2273) Kurz; was wahr scheint, ist nicht immer wahr. Wander 4, 1744; alles diesz drückte er sich so fest ein, dasz ihm endlich dieser wust so wahr schien, als die gewisseste und mit allen dokumenten der historischen wahrheit bestätigte geschichte. Bertuch don Quixote (1775) 1, 6. dafür auch wahr zu sein scheinen: es scheint wahr zu seyn, 't is probable or likely. Ludwig 2368; leuten, die so weit von dem meere wohnen, dasz sie es niemals in ihren gesichtskreis bekommen, werden die angeführten gedanken nicht wahr zu seyn scheinen. G. F. Meier anfangsgründe aller schönen wissenschaften2 (1754) 1, 189. vgl. auch etwas dünkt mich (mir) wahr: daʒ dunket manegen niht wâr. Hartm. v. Aue Gregorius 3132 Paul. etwas kommt mir wahr vor: auch was Lessing gesagt, kömmt mir eben so alt als wahr vor. F. H. Jacobi werke 1, 369. II@2@a@a@33)) wahr bleiben. ein wort, eine rede, eine behauptung, ein satz, eine lehre bleibt wahr: das möcht hie felen, und so würden des pfaffen wort nit war sein ... ich wil so weis sein uf das sein wort war bleiben. Ulenspiegel 13 Lappenberg; disz sag ich nun damit du gantz und gar im reden magst gerecht erfunden werden, im richten rein, und dasz man seh' auff erden, dein recht sey recht, dein wort das bleibe war. Opitz psalmen Davids 99 (51, 3); die verfürer aber sollen genug haben, ja gros fürstenthum besitzen, auff das dieser vers war bleibe, Christus müsse hunger und not leyden. Luther 19, 613 Weim. ausg.; uff das der spruch war bleib, sy müssen all von gott gelert werden. Seb. Franck weltbuch, vorred 5a; die regel bleibt doch wahr. wer die tochter haben will, der halt es mit der mutter. Chr. Weise comödienprobe (1696) 249 (Esau und Jacob); deswegen aber bleibet die theorie wahr, und gut. Gundling satyr. schriften (1738) 561; aber das wort, mit dem er unterging, ... blieb doch wahr. Bleibtreu revolution der litteratur 2, 12. mit einem relativsatz als subject: so bleibt auch noch zu unsern tagen wahr, was schon im jahr 1530 die evangelische reichs-stände auf damaligem reichs-tag erkläret haben. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 59; aber, trotz diesem groszen axiom, womit man (wie mit dem Eskalibor des königs Artus) auf einmahl so grosze stücke herunter hauen kann, wird auch von der kleinen welt in unserm hirnkasten ewig wahr bleiben, was Shakspeares Hamlet von himmel und erde sagt. Wieland 24, 225. mit angeschlossenem dasz-satz: und bleibet wahr, das ein guttes gewissen eine rechte abbildung ist der ewigen freude. Butschky Pathmos (1676) 65; woraus klar erhellet, dasz der gottlose Carneades hier nicht das geringste zu sagen habe, sondern vielmehr wahr bleibe, dasz das, was allen menschen nützlich ist, auch durch und durch honnet und erbar seyn müsse. Gundling satyr. schriften (1738) 83; wenn es nun gleich für zuschauer so schwer wird, den eisernen kopf vom gediegenen sinne zu unterscheiden: so bleibt es doch wahr, dasz ein unterschied dazwischen sey. Abbt werke 1, 66. mit einschränkender bestimmung: denn einmal bleibt es mir dennoch wahr, dasz die Lucrezischen grundsätze auf die natur d. h. auf wahrheit gegründet sind. Knebel an Herder (von und an Herder 3, 92). auch verstärkt (s. oben ewig wahr bei Wieland): es bleibt doch war zu aller frist, der schüler wie sein meister ist. Chryseus Haman L 6a; so bleibet doch ewig wahr, dasz alle menschen von der liebe angefochten werden. Riemer polit. colica 27; man fasele von überirdischer seelenliebe auch was man wolle; so bleibt doch das — mir wenigstens — ewig wahr: irdische liebe keimt in der sinnlichkeit. Bürger an M. Ehrmann (briefw. 4, 2). mit gröszerem nachdruck sagt man dasz musz wahr bleiben! (vgl. oben sp. 699 das musz wahr sein) oder es ist wahr und bleibt wahr: o mein Jesu! es ist halt noch wahr, und bleibt wahr, so jemand ... verlassen ist ..., so kan er seine sicherste zuversicht zu dir nemmen. Abr. a S. Clara Judas 1 (1687), 283; das ist wahr, und bleibt wahr ..., wer edl thut, der ist edles blut. 2 (1690), 76; ach! es ist und bleibt wahr, der mensch lebt auch von der stimme und dem hauch der freundschaft. Herder an Heyne (von und an Herder 2, 218); allein wahrheit ist wahr und bleibt's. Klopstock 2, 190 (der Kapwein). sprichwörtlich: was wahr ist, musz wahr bleiben. Wander 4, 1744. auch mit kürzung (wahr kann dann auch als subst. genommen werden) wahr musz wahr bleiben: ihr mögt mir es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr musz wahr bleiben — ich habe die paar hundert meilen zu fusz zurückgelegt. Immermann Münchh.2 2, 102; oder wahr bleibt wahr: Mathias. dagegen diese Türken, wahr bleibt wahr. sonst schützt ein flusz den drangelegten flügel, sie aber schwimmen durch mit rosz und mann. Grillparzer 7, 45 (bruderzwist 2). II@2@a@bβ) als prädicatsaccusativ. II@2@a@b@11)) etwas wahr sagen in der älteren sprache 'sagen dasz es wahr ist, als wahr bekräftigen' (zu unterscheiden von wahr sagen 'die wahrheit sagen', unten 10, a): von dem zwîvel ich iuch nim. sag ich niht wâr die wârheit, sô lât iu sîn mîn triegen leit. W. v. Eschenbach Parzival 464, 9; doch will ich kein eydt schweren nicht, dasz disz sey ein warhafft geschicht, weils aber ander sagen wahr, hab ichs auch wollen schreiben dar. hess. reimchronik 219 Adrian; bringt .. nachfolgende articulirte meynung klagend für, sagt dieselbige ja und wahr. Ayrer processus 1, 4; dasz im rechten gegründet, dasz zween zeugen, die etwas in ihrer aussage bejahen und wahrsagen, mehr zu glauben sey, als etlichen, die dasselbig verneinen. 1, 15; demnegst erschien weiters vor mir, notario, Johan Quante ... und deponirte, wie folgt: ad primum: sagt wahr, dasz über 40 jahren gedenke, dasz ein hensegraf gewesen, so in Lünen wonhaftig. Krumbholtz die gewerbe der stadt Münster 292 (1653). in demselben sinn wahr setzen: dasz diese obgen. bräuch in esse und in gutem wesen sein, setzen die gemeinde wahr, dasz vur ungefehr zehen jahren Gangolf schuhmacher zu Fell, welcher bei gemeinem glach gewesen und ufm heimgehen seiner nachbarn einen geschlagen, die gemeine straf erlegen müssen. urkunde des 14. jahrh. bei Lamprecht, d. wirtschaftsleben im mittelalter 1, 328. später etwas wahr glauben, sehen, fühlen, spüren, finden, befinden, erweisen: dasz das schneideramt und dessen gerechtigkeit ungleich alter sein sollte dan der wantschneider, solches glauben wir nicht wahr. Krumbholtz die gewerbe der stadt Münster 398 (1619); historien seind biszweilen wahr zu glauben, so man vom hundert 50, 60 weniger oder mehr abzeucht. Lehmann 882, 38; weil sie (die thesen) von allen menschen wahr geglaubet werden, die nicht in worten zu zancken gewohnet sind. Ch. Thomasius kleine deutsche schriften2 741; so verwunderten sie sich, es denn doch wirklich wahr zu sehn, dasz er gerade mitten auf der bahn stehe. G. Geszner (Lavaters nachgel. schriften 1, vii); ich fühle zu wahr, dasz an mir allein alle schuld liegt. Göthe 16, 129 (Werther); jetzo spür ich das sprichwort wahr. Ayrer proc. 2, 2; eine anmerkung, die ich jetzt zu meinem verdrusz wahr finde. Abbt werke (1780) 4, 5; ich habe das sprüchwort wahr gefunden: niemand kann zween herren dienen. Bürger an Gleim (briefw. 1, 281); du hast doch deutlich gesehen und gehört, hast die weissagungen des schlafsehers wahr befunden, und bist überzeugt? v. Thümmel reise 1, 175 (1791); es ist nicht verstattet, zu sagen: dies und dies habe ich wahr befunden, mithin wird etwas anderes, das etwa an dem gleichen orte vorkommt, auch wahr seyn. Fichte sittenlehre (1798) 231; die freiheit nicht allein, auch reicher lohn ist dein, wenn ich erfinde wahr dein wort und truges rein. Rückert werke 12, 202 (Rostem u. Suhrab 74). für wahr befinden heiszt es bis ins 18. jahrh., wahr zu sein befinden (vgl. oben 704 älteres wahr zu sein scheinen für wahr scheinen): (ich) kam nach vieler mühe und arbeit gegen abend wieder heim auff meinen bauren-hof, im werck war zu seyn befindende, was mir mein knän zuvor gesaget hatte. Simpl. (1669) 439 neudr.; dieweil man wahr zu seyn befunden, dasz die rechte und wahre poeterey derer weiber in der nadel und dem spinn-rocken bestehe. Faszmann der gelehrte narr (1729) 117. auch sich wahr befinden, erweisen: es hat sich auch bemeldtes sprichwort so gar wahr befunden, dasz das sämmtliche collegium derjenigen meynung beygepflichtet, so davor gehalten, man müsse diesem scheffel noch einen halben zusetzen. 114; und wahr erwies sich, was er kaum gesprochen. Freiligrath gedichte3 289; II@2@a@b@22)) etwas für wahr halten, nehmen, annehmen, erzählen, ausgeben, bestätigen u. dgl.: ich halte es für wahr, I think it to be true. Ludwig 2367; für wahr halten, credere. Steinbach 2, 939; für wahr halten, annehmen. Adelung; gib mir einen, der diesen spruch gewislich fur war halte und gleube, das gott also umb yhn her sey als eine feurige maure. Luther 23, 527 Weim. ausg.; würde er nicht des ältern Plinius' erzählungen von verwandelten männern in frauen ... vor wahr halten? E. v. Kleist (1766) 2, 139; diese ihre anmerkung klingt ein wenig zu sinnreich, als dasz ich sie gleich für wahr halten sollte. Lessing 12, 48; kurz, das bild das sie von der unschuld und gutherzigen beschaffenheit ihres karakters macht, verdient um so mehr für wahr gehalten zu werden, da diesz der gewöhnliche karakter der seelen ist, über welche die liebe die meiste gewalt hat. Wieland suppl. 6, 192; wer an das evangelium glaubt, der hält alles, was darin steht, für vollkommen wahr. Lavater nachgel. schriften 2, 342; ein vorurtheil ist eine meynung oder die folge einer meynung, welche man vor so wahr, richtig und bekannt annimmt, dasz man sichs nicht einst beygehen läszt, ihren grund zu prüfen. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 28; um die für wahr angenommene grunderklärung zu retten, musz man die objektiven vollkommenheiten aufsuchen, die etwa unvermerkt mit einflieszen. Mendelssohn phil. schr. (1777) 2, 15; einsiedler (zu Konrad) ... ich seh euch auf dem thron des vaters. nehmt's fürwahr, und glaubts! Klinger Otto 30, 7 (2, 2) neudr.; die französischen encyklopädisten wollten nichts für wahr nehmen, als was sie mit ihren fünf sinnen angeschaut. Riehl land u. leute8 12; er hat mirs für wahr erzehlet, he told it me for certain Ludwig 2367; haben sie von deinen fehlen immer viel erzählt, und für wahr sie zu erzählen vielfach sich gequält. Göthe 5, 72; doch sage mir auf dein gewissen jetzt, ob das, was du für wahr mir geben willst, wahrscheinlich auch nur auf den schatten ist. H. v. Kleist 1, 354 (Amph. 2, 1); lassen wir aber einen filosofen auftreten und in einem ausdrücklich dazu geschriebenen buche mit scharfsinnigen und scheinbaren gründen aller art beweisen, dasz alle für historisch wahr ausgegebene gespenster- und geistergeschichten auf gar keinem glaubwürdigen zeugnisse beruhen. Wieland 24, 85; das erkenne ich für wahr, dasz kein grundsatz, wenn man sich ihn recht geläufig gemacht hat, bessere trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: die tragödie soll leidenschaften erregen. Lessing 12, 48; dasz frau Schievelbein es bestätigte für ganz wahr und gewisz. Gutzkow ritter vom geist2 3, 144. während in den behandelten verbindungen wahr sicher als prädicatsaccusativ empfunden wird, finden sich in der älteren sprache ähnliche wendungen, in denen es das substantivierte neutr. ist, z. b. für wahr sagen, sprechen, wissen, s. unten 10, a; doch mag sich in einigen der an dieser stelle angeführten belege der übergang zu adjectivischer auffassung schon vollzogen haben. dasz wahr jetzt nur als adj. genommen werden darf, ergibt sich daraus, dasz es durch adverbia wie sehr, ganz, vollkommen, buchstäblich verstärkt werden kann. II@2@a@b@33)) jünger ist etwas als wahr nehmen, annehmen, fühlen, behaupten, erzählen, bestätigen u. dgl., auch sich etwas als wahr denken, einreden, in den kopf setzen, aufbinden lassen u. dgl.: aus diesen ist leicht zu begreiffen, dasz nur eine wahrheit sey, und unmöglich etwas zugleich wahr und falsch seyn könne; oder zwey wider einander lauffende sätze zugleich als wahr anzunehmen sind. Walch philos. lexicon2 (1740) 2812; er ist nicht der mensch, der eine wahrheit läugnet, sondern der das läugnet, was er als wahr fühlt. Abbt werke 1, 89; ich lieff selbst mit dahin, und empfand unsern kostbaren verlust leyder mehr als zu wahr. Schnabel insel Felsenburg 1, 191 neudr.; (leute, die) die ächte geburt der Johanna jezt als wahr behaupteten. Abbt werke 2, 115 (geschichte von Portugal); die bald darauf eingezogene nachricht ... bestätigte die reden Carls als wahr und nicht als gehässig. 2, 120; nun muszte ichs als wahr zugeben. Elise Hahn an Bürger (briefe von und an Bürger 4, 41); des lehrers lehre selbst, die er als wahr ausspricht. Rückert werke 8, 168 (weish. d. brahm. 4, 51); die vorgelegten entwürfe, die den weg bahnen sollten, um das zur geltung zu bringen, was die mehrheit des volks als wahr erkannt. acten des sächs. landtages 1848, 3, 471; ich lasse eine wahrheit, ein gesetz gelten: entweder weil ich mir sie selbst ohne eines andern ansehn als wahr denke, oder weil mir sie ein anderer mit autorität als wahr vorsagt. Abbt werke 6, 11; es ist in der that sehr schade, dasz ein so feiner, wackerer und verständiger mann, wie ihr, sich solche narrheiten ... als wahr in den kopf setzt. Bertuch don Quixote (1775) 2, 414. II@2@bb) wahr als adverbium. in wahr sagen, wahr reden, wahr sprechen ist wahr ursprünglich das substantivierte neutr. (s. unten 10, a), doch mag es schon in der älteren sprache auch vielfach als adv. aufgefaszt worden sein. bei neueren schriftstellern tritt diese auffassung oft deutlich hervor, namentlich wenn eine andre adverbiale bestimmung dabeisteht: wie hat er so wahr gesagt: 'kennt sie nur erst!' Lessing 2, 265 (Nathan 3, 2); die einkünfte des landes und der kammer würden, wie sie sehr wahr sagen, unendlich dabei gewinnen. Caroline Herder an Gleim (von und an Herder 1, 275); das ganze zeitliche glück! o das fühl' ich! wie wahr haben sie gesagt! meine ganze glückseligkeit! Schiller 4, 241 (geisterseher); der schönste text in diesem schönen munde; doch freilich nicht so wahr gesagt, als schön. 5, 2, 229 (don Karlos 2, 8); Achilles. arme mutter! Clytemnestra. du sagst sehr wahr. 6, 218 (Iphig. in Aulis 5, 5); man könnte das wahr- und starkgesagte leicht noch stärker sagen. Lavater nachgel. schriften 1, 125; so wahr dies hätte gesagt werden können — so wenig denk' ich, hätte dies ein apostel gesagt. 2, 20; niemand hat so wahr geredet als Salomo, da er spricht: viel büchermachens ist kein ende. Christholds andachten (1729) 640; sie reden sehr wahr. Adelung; war ist das sprichwort gsprochen: wünsch in die ainen hent mit fleis und in die andren hende scheis; als den heb sie paid auf gar leis, welche die schwerer seye. Hans Sachs fab. 5, 727, 35 neudr.; Alceste. Parthenia, sprichst du wahr? Parthenia. Apollo spricht's aus meinem munde. Wieland 26, 6 (Alceste 1, 2). in andren später auftretenden verbindungen ist bei wahr nur an das adverb zu denken: wollen wir den gott der gerechtigkeit miszkennen, von dessen züchtigenden gerichten schon ein heydnischer dichter so wahr als ernstlich gesungen hat. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 631; damit sich die befragen können, die, wenn ein kleiner umstand fehlt, schon zweifeln, ob man wahr erzählt. Gellert 1, 183; ganz wahr bezeichnen sie diese gattung von menschen, sagte er. Gutzkow ritter vom geist2 1, 218; (Rozinante) war so lang, so dünn ... und so höchstschwindsüchtig dargestellt, dasz man gleich auf den ersten blick sah, wie wohlbedächtig und wahr man ihn also genannt hatte. Bertuch don Quixote (1775) 1, 131; feins liebchen, hast du wahr bekannt? und gäbst du mir wohl gern die hand; so kehr' ich wieder um. Bürger 47b; wer war und recht geschweren kann, der ruffet gotes hulffe ann. Purgoldts rechtsbuch 146 Ortloff; 'zum zeichen, dasz ich wahr geschworen, knallt ihm die peitschen um die ohren!' Bürger 70b (der wilde jäger); sie dachte: wenn ich des ehrwürdigen reichs ahnenkraft aufreize gegen das Neufrankenvolk, eins geht von zwei'n ... zu grund. sie hat wahr gedacht. Platen 131 (festges.); Rosenmunde. weh mir! mir ahnet was! königin. dir ahnet wahr! ich bin's! Wieland 26, 103; keiner wird in allem so wahr empfinden, denken, harren, schwärmen oder rasen, als die nationen, welche durch würkliche umstände genöthiget werden ihre höchste empfindung hervorzupressen und auszudrücken. Möser verm. schriften 1, 188; der liebe freuden lasz dir schenken, wenn du sie wahr empfinden willst. Göthe 47, 9. vgl. auch unten 9 wahr 'wahrhaft' als adv. II@2@cc) wahr in attributiver verwendung. wahre rede, wahres wort, sprichwort, wahrer satz, wahre lehre: wahre worte, verba verissima. Stieler 2413; wahre lehre, vera dottrina, non erronea, vraye doctrine. Rädlein 1, 1026b; ein wahrer satz, ausspruch. Adelung; nû wil ich iu hêrron eina wâr reda vor tuon. Ezzos gesang 1, 2 (Straszburger hs.); al meist ich die selben (thaten) sach und horte die von warer sage. Ludwigs kreuzfahrt 5470 Hagen; nach dreyen dingen wurt man schwach, dass ist ain alte war sag. Keller alte schwänke 21, 2; fuarun sâr thes sinthesthie hirtâ heimortes, thero wârôno wortoblîdtun sie sih harto. sie iʒ allaʒ thâr irkantun,sô thie engilâ in gizaltun, thes lobôtun sie iogilîchodruhtin guallîcho. Otfrid 1, 13, 22; sunder liegen warew wort pluemten seiner ern hort. Suchenwirt 22, 69 Primisser; ich rase nicht, sondern ich rede ware und vernünfftige wort. apostelgesch. 26, 25; ein wares wort, das man pfleget zu sagen: fürsten gnade ist wie aprillen wetter. Luther 28, 618, 30 Weim. ausg.; jung gewohnt, alt gethan! das ist ein wahres wort. Bürger an Boie (briefw. 1, 274); wenn diesem jungen menschen nur ein wahres wort aus dem munde ginge. Göthe 20, 16; da sagst du ein wahres wort!; juristisch bei wahren worten von der versicherung an eidesstatt (mnd. bi waren worden. Schiller-Lübben 5, 598): und sollen die fleischuwer bei iren waren wörteren verbunden sein, uf der kaufer fragen zu bekennen, wan sie bullenfleisch .. verkaufen würden, ob es bullenfleisch sei oder nit. Krumbholtz die gewerbe der stadt Münster 199 (1583); würde ein gast in der herberge tödlich verwundet ..., auf den fall soll der wirth, wenn er an solcher entleibung unschuldig, und er vermittelst eydes, oder bey wahren worten an eydes statt, erhalten könnte, dasz er dem thäter keinen vorschub gethan ..., ohne schaden bleiben. der stadt Hamburg gerichts-ordnung und statuten 4, 49; welches ew. königlichen majestät in gott ruhender grosz-herr-vater ... bey königlichen wahren worten versprochen. teutsche reichs-cantzley 5, 369 (1701); versprechen bey fürstlichen, gräflichen oder adelichen ehren, treu und glauben, oder bey treuen wahren worten, promissio sub fide, ... hat ... die krafft eines eydes, so viel die beobachtung und festhaltung des eingegangenen contracts oder versprechens ... anbetrifft; nicht aber insofern es die straffe des meineydes anbelanget. Zedler 47, 1949; es ist inen widerfaren das ware sprichwort, der hund frisset wider was er gespeiet hat. 2 Petr. 2, 22; aber es ist ein wahr sprichwort: was zum teuffel wil, das läszt sich nicht aufhalten, noch im wehren. volksbuch v. Faust 12 neudr.; es ist ein altes und wahres sprüchwort. Bertuch don Quixote (1775) 2, 374; lêra (Christi) filu wârain alla worolt mâra. Otfrid 4, 1, 32. auch verneint kein wahres wort: ein freund teuscht den andern, und reden kein war wort Jerem. 9, 5; kain wares wort er reden kan, sünder ist als erlogen. Hans Sachs fab. 5, 620, 35 neudr.; nichts als unwahre waar weisz Cajus aufzuweisen, er will uns immerdar mit faulen fischen speisen, er spricht kein wahres wort. Fürer v. Heimendorf Pomona (1726) 53 (epigr.); was ich dagegen aufzubringen habe, herr richter? ei! mit euerer erlaubnisz, dasz sie kein wahres wort gesprochen hat. H. v. Kleist 2, 55 (zerbr. krug 7). beliebt sind die wendungen es ist kein wahres wort, keine wahre silbe an einer aussage: es ist kein wahr wort daran, 't is all lies. Ludwig 2368; hie ist nicht ein wahres wort, il n'y a pas un mot de vrai, de vérité. Rondeau; ich sehe nun, dasz an allem, was meine mutter und die priester Ammons sagten, kein wahres wort war. Wieland Lucian 2, 242; im allgemeinen genommen, ist an deinen schluszworten keine wahre sylbe. Göthe 36, 245 (Diderots versuch über die mahlerey). dann auch wahre botschaft, zeitung, kunde, geschichte, erzählung u. dgl.: eine wahre zeitung, nouvelle vraie, véritable. Rondeau; thô ward thâr irfullitthaʒ forasago singit fon gote seltsânaʒjoh wuntar filu wâraʒ. Otfrid 1, 19, 20; im kom diu wâre botschaft, sîn hêrre der bâruc wær mit kraft überriten von Babylôn. W. v. Eschenbach Parzival 101, 25; her hette wore botschaft, das die Behemen unde vinde yn dys land welden uff Bulkinhayn czu. M. v. Bolkenhain hussitenkriege, script. rer. Lus. 1, 371; mit herzen und mit munde wil ich von hôhen triuwen ein wâreʒ mære erniuwen. K. v. Würzburg Engelhard 154; ich bin Pilatus, ein geweldigk herre, und wel uch sagen war mere, dasz ich wel ein recht richter sinn. Alsfelder passionsspiel 1276 Grein; diss hab ich allein darumb hier ingeflickt, ob doch yergent solche hartnäckige leut und unfrüntliche nachbauren dise ware geschicht hören lesen oder selb lesen, sie ir bösen weisz abstanden. Wickram 2, 127 Bolte; dahero wird auch niemand so einfältig seyn, und eine fabel vor eine wahre historie halten. Kuhnau musikal. quacksalber 211 neudr.; allein die geschichte des Aristion ist nichts weniger als roman; sondern, in ganzem ernst, mit allen umständen, die man bereits gelesen hat und noch lesen wird, eine wahre geschichte. Wieland suppl. 6, 41; wie es scheinet, dürften sie sich von ihrem systeme nicht abbringen lassen, wenn auch Kandide eine wahre geschichte wäre, statt ein roman zu seyn. Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 242; dies ... ist die wahre geschichte meines unglücks. Bertuch don Quixote (1775) 2, 101. auch (sich der unter 5, g behandelten bedeutung nähernd) wahrer vorfall, wahre begebenheit: dasz die meisten (ihrer erzählungen) wahre begebenheiten sind, die sich wirklich und grösztentheils zu ihrer zeit zugetragen hatten. Wieland suppl. 6, 188. wahres zeugnis, wahrer eid: daʒ wâr urcunde sîner ûferstende. Friedberger Christ F 12; mit warer kundschaft und zügnusz aller deren, so darby und mit gewesen. Zwingli 1, 114; der herr hat David einen waren eid geschworen, davon wird er sich nicht wenden. psalm 132, 11; die in (Jesus) välschleichan ware zeich (beschuldigung) verklagten vor des richters stab. Osw. v. Wolkenstein 120, 25 Schatz. gelegentlich steht wahr im ausdrücklichen gegensatz zu gelogen, z. b.: swes munt mich triegen wil, der habe sîn lachen dâ: von dem næm ich ein wâreʒ nein für zwei gelogeniu jâ. Walther 30, 18. das attributive wahr kann in gleicher weise wie das prädicative verstärkt werden (vgl. oben sp. 702): hiervon ist das allzuwaare, aber sehr erbärmliche sprüchwort entsprungen: der teuffel verlasse keinen spieler, er lasse sie aber blut-arm werden. Simpl. (1669) 153 neudr.; wieder eine mauvaise plaisanterie über einen sehr wahren satz des von seinen landesleuten so oft miszverstandenen Heraklitus. Wieland Lucian 1, 208 anm.; ich meines ortes gäbe mit freuden die hälfte aller christlichen chroniken- und legenden-schreiber um eine ganz wahre und ganz vollständige erzählung der abentheuer Peregrins mit und unter den Christianern. 3, 109; ich glaube an Paulus, in mehr als einem sinne wahres wort. Lavater nachgel. schriften 1, 292. II@2@dd) die steigerung von wahr in diesem sinn kommt naturgemäsz nur selten vor. aus der älteren sprache lassen sich die steigerungsformen wol kaum belegen; zuerst werden sie von Stieler angeführt. in der neueren zeit treten sie auf, was hauptsächlich daher kommt, dasz wahr neben der ursprünglichen bedeutung von 'nicht erlogen, nicht falsch' auch die von 'treffend, bezeichnend' entwickelt. Adelung und Campe führen die steigerungen an und suchen sie zu rechtfertigen. II@2@d@aα) in prädicativer verwendung: wenn Ulyss ... von der unendlichen erde spricht, so ist das nicht wahrer, menschlicher, inniger, als wenn jetzo jeder schulknabe sich wunder weise dünkt, wenn er nachsagen kann, dasz sie rund sey. Göthe Werther 1774 (der junge Goethe 3, 319); immer wahrer, kräftiger sey und erscheine die wahrheit in deinem munde! Lavater nachgel. schr. 2, 275. vgl. auch die sprichwörtliche wendung: wahrer als wahr. Wander 4, 1744. II@2@d@bβ) wahr als adverbium: träum' ich allein? sehen alle andre wahrer? Klinger 2, 412 (vgl. unten 4 wahr von gesichtseindrücken); schöner kann man nicht auf einmal loben und tadeln — wahrer vielleicht. Jean Paul an Herder (aus Herders nachlasz 1, 287). II@2@d@gγ) in attributiver verwendung: ich kenne keine neuere, wahrere, allumfassendere, nützlichere formel als diese: genie ist individuelle menschenart. K. v. Dalberg an Herder (von und an Herder 3, 255); natürlich spreche ich nicht von den armseligen, für die sich kaum ein wahreres wort finden läszt, als: erbärmliche menschen. G. Geszner (Lavaters nachgel. schriften 1, vii); lieber bruder — kein wahreres, heilsameres, gesegneteres wort ist noch aus deinem munde gegangen — als das 'gottesschwätzer'. Lavater an Herder (aus Herders nachlasz 2, 89); ein wahreres wort wurde niemals ausgesprochen. Matthisson schriften 2, 266. II@33) in einigen verbalen verbindungen geht wahr in die bedeutung 'wirklich' über. II@3@aa) wahr machen. II@3@a@aα) am nächsten steht wahr in dieser verbindung noch der unter 2) behandelten bedeutung, wenn es von einer aussage, einem wort oder sprichwort, einer beschuldigung, einer schmeichelei, kurz, jeder behauptung, also auch von einer lehre, einem satz heiszt, dasz sie wahr gemacht werden d. h. dasz man sie als richtig erscheinen läszt, bestätigt, auch, wenn dies durch eine handlung zu geschehen hat, durch die that erweist (die oben 1, c, β im anschlusz an das juristische wahr machen behandelte bedeutung 'beweisen' steht z. th. sehr nahe): eines ehrlichen mannes wort ist mir so vil als ein eid und sein tun ist zu nichts anders angesehen, als seine worte wahr zu machen. Butschky Pathmos (1676) 877; wir wissen, das denen, die gott lieben, alle ding zum besten dienen ... das mein gnediger gott solliches durch den gantzen lauff meines lebens ... wahr gemacht, sollen meine geliebte kinder der beschreibung meines herkomens, geburt, lebens ... sich nur mit fleisse ersehen. Sastrow 1, 4; überdiesz ist es ja wohl sehr natürlich und verzeihlich, dasz auch der weiseste mann, wenn er achtzig jahre hinter sich hat, die schuld der natur bezahle, und wahr machen helfe, was unser Horaz von seinem alten sagt. Wieland suppl. 6, 261; denn es war die flur der hirten, alte sage macht es wahr, wo sie selber unter myrten ihren Amor uns gebar. Bürger 3a (nachtf. d. Venus); er machte das gemeine sprichwort war, da der krancke genasz, je ärger er was. Simpl. (1669) 495 neudr.; aus den reben fleuszt das leben. das ist offenbar. ihr, der trauben kenner! weingelehrte männer! macht diesz sprichwort wahr. Hagedorn 3, 45; der die warheit sagt, dem schlägt man die geigen zum kopff. ich hab es in zween processen erfahren, hoffe nicht, dasz ichs zum drittenmal werd erfahren und wahr machen. Weidner apophth. 4, 145; die welt ist ir selbs widerfuog. ... wer der welt lauff ansihet im grund, mit gaistlichen augen, der findt, das dise wunderred ir leben und wesen waar macht (richtig bezeichnet). Franck paradoxa (s. a.) 126b; so mache deine schmeicheleien durch dieser bitt' erfüllung wahr. Bürger 92a; wiewol ers offt wol hett gemacht mit seiner grossen eiffersucht ... zieg mich mit jenem, denn mit disem ohn alle schuld unüberwisen. noch wil ich ims nit machen war, dasz er mit ehren eyfern thar. H. Sachs fastnachtsp. 45, 292 Götze; dasz die wölfe ... die pferde gantz stätig und hiermit die meynung wahr machten: dasz die angespannten pferde, wenn sie in eines wolffes fuszstapfen treten, gleichsam gefroren und unbeweglich würden. Lohenstein Arminius 2, 424b; so bitte ich ihn, zu erwegen, dasz die menge der irrenden einen falschen satz nicht wahr mache. Liscov schriften 119; nun zeigt man ihnen aber, dasz es bey einem jeden mathematischen satze eine bedingung giebt, die den satz wahr macht. Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 274; weil er in der experimentalfysik ungleich stärker war als in der geometrie, so fand er man weisz nicht was für ein mittel, die berechnungen der akademie (von der geburt eines thronerben) wahr zu machen. Wieland 12, 149 (don Sylvio 6, 1). II@3@a@bβ) wahr machen geht ganz in die bedeutung 'verwirklichen, erfüllen' über, wenn es sich um äuszerungen handelt, die sich auf etwas zukünftiges beziehen; so eine weissagung oder prophezeihung, ferner eine zusage, verheiszung, ein versprechen, eine drohung wahr machen. mhd. heiszt es dafür wâr lâʒen 'erfüllen' von verheiszungen und gelübden (die schon als wahr geltenvielleicht in juristischem sinn 'rechtlich gesichert' s. oben 1 — als sie ausgesprochen werden, und auch wahr bleiben): trehtin, dû uns gehieʒe daʒ dû wâr verlieʒe. Ezzos gesang 28, 2; darnach got Noe gehieʒdaʒ er sit war lieʒ, er swuor ze haben minneze allem manchunne. genesis 30, 4 Diemer; heiʒʒi si niht zwivelonwande ich wil si ledegon als ein vater siniu chintvil liep si mir sint: swaʒ ich in han geheiʒʒendaʒ wil ich war laʒʒen. 134, 34; swaʒ man in mit eiden ie gehieʒ, daʒ man des lützel wâr lieʒ. Hartm. v. Aue büchlein 1, 224; nû muose der künec lâʒen wâr daʒ er gelopte wider in: er vuorte die küneginne hin. Iwein 4608; si sprach: 'daʒ gelobet her!' ir wîʒe hant bôt sie im dar; er gelobet iʒ ir und lieʒ eʒ wâr. H. v. Freiberg Tristan 4280 Bechstein; wan er ist gar ein lugner und alläuttrugner; was er mir ie verhies, das selb er mir nie war lies. Erlauer spiele 3, 381 Kummer. wahr machen in diesem sinn läszt sich seit dem älteren nhd. nachweisen: 1516 wird der kommen, der ... meine weisssagung wider euch war machen wird. Mathesius historien Luthers (1573) 4b; so mancherlei naturerscheinungen, die auf refraction und reflexion beruhen ... haben sein (Bacons) vorausgesagtes fast buchstäblich wahr gemacht, weil er alle diese folgen voraussah. Göthe 53, 105 (gesch. d. farbenl.); wenn der graf ... von der buhlerin ... loslassen kann: so werd' ich die verkündigung (des engels) wahrmachen, den Theobald ... bewegen, dasz er mir dies kind abtrete. H. v. Kleist 2, 251 (Käthchen v. Heilbr. 5, 2); so machet nu, o süsse schar, jetztmahls ewere zusag wahr. Weckherlin 1, 131 Fischer; wan mich dan wider vil gefahr, vil leyd und angst umbringet, so mach (herr) deine zusag wahr, dasz mir niemahl miszlinget. 2, 112; denn mirs der könig, ist itzt zwey jar, hat selbst verheissn, kans machen war, mit sigl und brieff ist auch geschen. Chryseus Haman C 3a; was morgenträume mir verhieszen, das machte stets der abend wahr. Uhland ged.2 27; weil ich nun im werck und in der prob was ich versprochen, wahr zu machen begehret. Philander 1, 566; wie er (Wallenstein) die ganze armee zum abfall bewegen, seine übermäszigen versprechungen würde wahr machen können. Schiller 8, 328 (30 jähr. krieg 4); was euch frau Sorge da versprach, das leben hat es allgemach in seufzen und weinen, in noth und plage, im mühsal trüber werkeltage, im jammer manch durchwachter nacht ach! so getreulich wahr gemacht. Sudermann frau Sorge (widmungsgedicht); sein wort ist wol gegründet, sein mund ist rein und klar; worzu er sich verbindet, das macht er fest und wahr. P. Gerhard 72, 52 Gödeke; ihr sagt, dasz ihr ein beszrer krieger seyd: beweist es denn, macht euer prahlen wahr (make your vaunting true). Shakesp. Cäsar 4, 3; 'ich schmeisz dir ... die kandel übern kopf, dasz dir der rothe safft hernach gehet.' und seine worte wahr zu machen, erdapte er die kandel. Grimmelshausen Simpl. schriften 3, 175 Kurz (Springinsfeld); entschlossen seine frühere drohung wahr zu machen. Holtei vagabunden9 397; da habe er lachend geschworen, für diesen schlag solle sie ihm büszen, wenn sie seine frau geworden. und jetzt sei es so weit gekommen, dasz er seine drohung wahr machen könnte. Heyse nov. 5, 201 (Beatrice); erstens ... lehret die geschichte, dasz ... der herr noch jetzunder seinen spruch wahr macht, welcher lautet: ich will die sünden der väter heimsuchen. Immermann Münchh.2 1, 195; execution, dasz, was recht ist, auch in der that wahr gemacht werde. Leibnitz deutsche schriften 1, 256 Guhrauer; hörst du, er hat geschworen; ich fürcht' er macht es wahr. Göthe 47, 25. dann auch einen wunsch, eine hoffnung, eine befürchtung wahr machen: und wann er (gott) uns nit lieber hett dann wir uns selb, und das er dät und macht uns (was wir wünschtten) wor, es ruwt uns, ee usz kem eym jor. Brant narrensch. 26, 77; und lasz sie sich was angenehmes träumen! ob diesen wunsch Rosine wahr gemacht, ist unbekannt. Wieland 21, 192 (Klelia u. Sin. 1, 393); drei wünsche hab' ich gleich, drei wünsche nenn' ich euch (den sternen), macht mir sie wahr! Körner 1, 239; die hoffnung, die sie mir machen, sie hier zu sehn, ist mir sehr erfreulich. machen sie sie wahr! Nicolai an Herder (von und an Herder 1, 327); Philipp der zweite sah sich nicht sobald ... im ruhigen besitz seiner reiche, als er sich ganz dem groszen werk der glaubensreinigung hingab, und die furcht seiner niederländischen unterthanen wahr machte. Schiller 7, 67 (abfall d. Nied.); sollte ich indessen ... doch zuweilen ihre befürchtungen wahr machen ... und in den unfruchtbaren steppen der speculation mich verlieren. an herzog Friedrich Christian 60 Michelsen. einen traum wahr machen in der bedeutung 'etwas gewünschtes oder geahntes sich verwirklichen lassen': denn wie ihr schon die träume wahrgemacht, so löstet ihr auch jedes räthsel auf. Göthe 4, 65; er mache — o, sagen sie es ihm! das traumbild wahr, das kühne traumbild eines neuen staates. Schiller 5, 2, 386 (don Karlos 4, 21); ich (der schauspieler) zeigte wesen euren blicken, die des dichters inn'res auge nur geschaut, und machte seines hirnes träume wahr; den er gedacht, der war ich. Chamisso ged.8 245. s. auch unten 4 wahr machen 'als wirklich erscheinen lassen'. II@3@a@gγ) in den wörterbüchern wird wahr machen als 'bestätigen, bekräftigen, erfüllen' meist mit wahr machen 'beweisen' (oben 1, c, γ) zusammengeworfen. bei wiedergabe durch 'avverare, verificare, vérifier' kann an die hier unter α) behandelte bedeutung gedacht werden, vgl. noch: er hat das sprichwort wahr gemacht, il a justifié (vérifié) le proverbe. Rondeau. auf die bedeutung 'erfüllen' wird erst vom 18. jahrh. an hingewiesen: wahr machen, implere, adimplere. Kirsch 2, 378. Steinbach 2, 939. Frisch 2, 415c; accomplir Rondeau; etwas wahr machen, erfüllen. Adelung. aus der volkssprache wird wahr machen als 'in erfüllung bringen, ausführen' aus Baiern Schmeller2 2, 966 und Berlin Brendicke 191 angegeben. II@3@bb) wahr werden 'wahr gemacht, als richtig erwiesen', dann 'ausgeführt, erfüllt, verwirklicht werden': war werden, auverarsi. das werde nimmermehr war, non sia mai vero. Krämer 1209; wahr werden, averarsi, verificarsi, se vérifier. Rädlein 1, 1026a; endlich ists doch wahr geworden, at last it proved true, it came really to pass, or it happened actually so. Ludwig 2368; an dir ist es wahr worden, istud vere accidit in te. Kirsch 2, 378; wahr werden, impleri. Frisch 2, 415c; es ist wahr geworden, ist eingetroffen. Adelung; es ist wahr geworden, es ist eingetroffen, in erfüllung gegangen. Campe. jetzt aus Baiern Schmeller2 2, 966 und Bertin Brendicke 191 angegeben. ein wort, sprichwort, ein spruch, eine rede, eine behauptung wird wahr: das sprichwort ... ist an ihm wahr worden. Rondeau; die grîsen hânt michs überkomen, diu werlt gestüende trûreclîcher nie und hete an fröiden ab genomen. doch streit ich zornlîche wider sie, si möhtens vol gealten, eʒ wurde niemer wâr. Walther 121, 38; da ward war das David sprach ... es ist bösz fuchs mit fuchs fahen. Pauli schimpf u. ernst 82 Österley; nu herr Israel, halt deinem knecht, meinem vater David, was du im geredt hast ... las deine wort war werden, die du deinem knecht ... geredt hast. 1n. 8, 26; das wort das du geredt hast über deinen knecht ..., werde war ewiglich, und thu wie du geredt hast. 1 chron. 18, 23; damit ir wisset, das mein wort sol war werden über euch zum unglück. Jerem. 44, 29; da werden des herrn de la Porte worte wahr: die anbringung eines bösen und falschen menschen ist ein rechtes gifft, vor diejenigen, so dieser anbringung glauben geben. Butschky Pathmos (1676) 689; so wirdt als dann das sprichwort war ... wann einr dem regen will entgehn, der musz im wasser fahr bestehn. Alberus fab. 17, 31 Braune; wie diesz sprichwort zu unsern zeiten offtmals ist sehr war worden. Mathesius historien Luthers (1573) 39a; man sagt im sprichwort, der krug gehe so lange zu wasser bisz das er entlich breche, ich hoffe das sprichwort soll an meinem weibe auch wahr werden. Heinr. Jul. v. Braunschweig 412 Holland (ehebrecherin 2, 3); von grossen herren ist das sprichwort, wenn sie bitten, so befehlen sie: aber es scheint, als wolte solches auch bey dieser frau wahr werden. Weise ertznarren (1673) 27; Adam. den hals erkenn' ich in's eisen ihm, ... Walter. an ihm, wenn er sogleich nicht ruhig ist, ihm wird der spruch vom eisen heut noch wahr. H. v. Kleist 2, 114 (zerbr. krug 11); denn da spricht der priester ein urteil an gottes stat, das feilet und wird nicht war. Luther 19, 522 Weim. ausg. eine prophezeihung, eine verheiszung, eine drohung wird wahr: so sehen wir dasz der spruch desz propheten war werde, così vediamo verificarsi il detto del profela. Krämer 1209; swaʒ Ysaias von im sanc, den sîn geburt ze sange twanc, daʒ ist alleʒ worden wâr unt ouch Sibillen sprüche gar an disem süeʒen kinde. Reinmar v. Zweter 1, 174 Röthe; nu ist erfollet zu disser frist, das ie von mer geschribben ist von den propheten uffenbare: das ist alles worden ware. Alsfelder passionsspiel 6271 Grein; was seiner (des höchsten) prister mundt, was manch prophet vorbracht, wirdt war, er bricht entzwey der stoltzen feinde toben. Gryphius sonette 91 neudr.; der prophet war rechtschaffen und trew erfunden, und man erkand, das seine weissagung gewislich war wurden. Sirach 46, 18; war wirt mir jetzund alles das, so mir mein vatter und mein getreüwer schulmeister vorgesagt hand. Wickram 2, 41 Bolte; möchte es doch an ihrer schrift wahr werden, was unser Horaz von einem vortrefflichen werke überhaupt prophezeyht. Gellert 8, 38 (briefe 1752); sprich zu seiner weissagung: es werde wahr! F. H. Jacobi werke 1, 108; hütet euch ihr kinder vor dem fluch eurer eltern, dann nicht allein wahr worden der fluch, welchen Noë ... über ... Cham ergehen lassen. Abr. a S. Clara Judas (1687) 1, 114. ein wunsch, eine hoffnung, ein traum wird wahr: unt het ich drîer wünsche gewalt unt daʒ die wurden wâr, son kund ich nimmer werden alt. Reinmar v. Zweter 2, 54, 2 Röthe; an freuden sei er ploss, der uns verdenkt; das sol werden war. Osw. v. Wolkenstein 13, 37 Schatz; so sitz ich denn und fluch und schilt und wünsch im ungelück ain grosze pürd. doch wer mir laid, das es war würd. fastnachtsp. 770, 20; Mydas der kunig wünschen wolt, das alls, das er angriff, würd goldt. do das wor wart, do leidt er nott, dann im zuo gold wart wyn und brot. Brant narrensch. 26, 7; Physotas. ich wünsch das lang bestendig sey ewr gwalt und mehr sich nacht und tag. Haman. dein wunsch dir leicht war werden mag. Chryseus Haman B 8b; mein wundsch ist gentzlich worden war, es fehlt nicht umb ein einigs har. Krüger bäur. richter 1994; dieweil ich aber bin zu schwer, so wünsch ich dich offt zu mir her; doch so wird mein wünschen nicht war. Ayrer 130 Keller; ich hab mich eur offt gwünschet zwar. der wunsch ist mir heut worden war. 2407; wie im diser wunsch und seufftzer reichlich ist war worden. Mathesius historien Luthers (1573) 3b; alsdann wird jenes philosophi wunsch wahr werden, der da dies riethe, dasz die menschen nur mit wölfen und wilden thieren krieg führen sollten. Leibnitz deutsche schriften 1, 200 Guhraner; unde ergienge eʒ immer, daʒ noch wol geschehen mac, mich gesæhe nimmer man getrûren einen tac. noch hoff ich, eʒ werde wâr; wan ich hân mich fröude versûmet lenger denne ein ganzeʒ jâr. Reinmar, minnes. fruhl. 203, 8; gehört vom lindwurm habt ihr oft, ihr meine spielgesellen, nun wird es wahr, was ich gehofft, den drachen werd' ich fällen. Chamisso ged.8 30; treume sind treume, es were auch nicht gut, das sie allezeit müsten oder solten wahr werden. Heinr. Jul. v. Braunschweig 372 Holland (ungerat. sohn 5, 1); wenn doch der traum wahr würde, und du zu uns hinkämest. Hartknoch an Herder (von und an Herder 2, 55). dann überhaupt etwas wird wahr 'es wird verwirklicht, wird wirklichkeit': was guot sy, das werd war. Grüninger in Zarnckes Brant 169; amen, das ist, es werde war. Luther 8, 362b. 'es wird ernst': bezwingen wollt' er (der sterbende) sich noch willenskräftig, es ging nicht an. wir werden länger nicht vereinigt bleiben, leb' wohl, du gutes kind, es wird nun wahr: der scheidet, will auch uns vonsammen treiben. Chamisso ged.8 278. II@44) wahr erscheint weiter als 'wirklich' in zwei gebrauchsweisen von beschränkter verwendung. II@4@aa) prädicativ steht es von sinnlichen wahrnehmungen und erfahrungen, im gegensatz zu dem auf täuschung der sinne, visionen, einbildung u. dergl. beruhenden. wahr hat hier gegenüber wirklich keinen bedeutenden umfang gewonnen; öfter erscheint es in verbindung mit diesem wort: owê war sint verswunden alliu mîniu jâr! ist mir mîn leben getroumet, oder ist eʒ wâr? daʒ ich ie wânde daʒ iht wære, was daʒ iht? Walther 124, 2; ist eʒ wâr ald ist eʒ niht daʒ du in tröumen hâst gesehen? Reinfrit v. Braunschweig 13420; wie nun die sonn scheint, meint er zwar, was er im wasser seh, wer war. Alberus fab. 3, 8 Braune; meine träume sind nicht wahr, und meine gedanken gerathen nicht. Göthe 2, 242; die gestalten gehn vorüber, masken scheinen sie zu seyn; doch sie sind uns beiden lieber, uns vom edelsten verein. sie sind wahr, denn wohl vernommen haben wir sie selbst gefühlt, und, wie es vielleicht gekommen, sie zum theile mitgespielt. 4, 155 (hier geht wahr zugleich auf die innere wahrheit der dichterischen gestalten, vgl. unten 7); denn auf dem bretternen gerüst der scene wird eine idealwelt aufgethan, nichts sei hier wahr und wirklich als die thräne. Schiller 11, 324; nein, nein, mir träumte nur. ein fieberwahn bringt mir als wahr und wirklich vor den sinn, was die gedanken gräszlich mir erfüllt. 12, 510 (M. Stuart 3, 8); ist er (der gegenstand) aber so gut nachgeahmt, dasz er wahr zu seyn scheint, ... so zerstört doch die rückkehr zu uns selbst alle diese bezauberung. Batteux einleitung in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 91; mítten in der überzeugung, dasz die ganze maschinerie ihrer götter- und gespenstererscheinungen, zaubereyen und feereyen, aus bloszen geschöpfen ihrer einbildungskraft zusammen gesetzt sey, ertappen wir uns auch über einem heimlichen seufzer, dasz doch diese wunderdinge wahr sein möchten. Wieland 24, 75; man musz alle sinnen zu hilfe nehmen, um sich zu überzeugen, dasz es nicht wahr und täuschung sey. Lavater nachgel. schriften 1, 161; nicht wahr, wenn sie ins theater gehen, so erwarten sie nicht, dasz alles, was sie drinnen sehen werden, wahr und wirklich seyn soll? nein! ich verlange aber, dasz mir wenigstens alles wahr und wirklich scheinen solle. Göthe 38, 145 (über wahrheit und wahrscheinlichkeit der kunstwerke). so auch etwas wahr machen: in unserer eigenthümlichen, lebendigen meinung, sie sey beschaffen wie sie wolle, erkennen wir uns, sie allein macht uns unser daseyn wahr und wirklich. F. H. Jacobi werke 1. 280. von gestalten der phantasie 'als wirklich erscheinen lassen': märchen, noch so wunderbar, dichterkünste machen's wahr. Göthe 1, 175. sich etwas wahr machen 'sich davon überzeugen, dasz etwas wirklich ist': niemals war der hang zu übernatürlichen wunderdingen, und die begierde sie sich wahr zu machen, stärker gewesen als in diesem gleichwohl sehr aufgeklärten jahrhundert. Wieland Lucian 1, 31 (einl.); dem guten ritter däucht was ihm geschieht ein traum. er schaut erstaunt umher, und sucht sichs wahr zu machen. doch alles was er sieht bestätigt seinen wahn. werke 23, 179 (Oberon 10, 23, 1). II@4@bb) wahr 'wirklich' als adv. ist nicht häufig (gern verbunden wahr und wirklich, wahr und wahrhaftig): ir sunde benimt er in vil gar, der welt heilant ist er wâr. osterspiel des 13. jh. (v. 390) in Wagners archiv 1, 374; ein gut, das glücklich macht, musz, solls mich wahr entzücken, nicht unbeständig seyn und für den geist sich schicken. Gellert 2, 23; nicht das, was die ägyptischen zauberer dem Moses nachthun konnten (wahr oder nur zum schein nachthun konnten), sondern was Moses allein thun konnte, bekräftigte seine sendung. Lessing 10, 55 (duplik); wen vielleicht der bühne spiel verwundet, der gedenke, sich zum troste, welch fest (der württemberg. verfassung) wir wahr und wirklich heut begehn! Uhland ged.2 464; er hat wahr und wahrhaftig recht!; wahr und wahrhaftig als ausruf: Friedrich (schnupft). wie lauter blumen, wahr und wahrhaftig! Iffland 5, 1, 5. noch seltener erscheint das adv. in verbindung mit adjectiven: ahd. nach dem lat. wola waro wirdih zebar (o vere digna hostia). hymnen 21, 5. im nhd. steht dafür wahrhaft, doch vgl.: der wahr erhabene dichter. Klinger 11, 213. II@55) eine sehr weite ausdehnung hat das attributive wahr gewonnen, das von personen, dingen oder abstracten aussagt, dasz sie in wirklichkeit das sind, als was sie angesehen oder für was sie ausgegeben werden, im gegensatz zu 'falsch angenommen, blosz vorgeblich, scheinbar'. die bedeutung des bei aussagen sich mit wahr 2 berührenden wortes ist also zunächst die von 'wirklich', da sich aber häufig der gedanke der zu erfüllenden norm oder des zu erreichenden zwecks einmischt, nähert es sich auch in vielen fällen der bedeutung 'recht', zuweilen auch der von 'echt' (s. namentlich unten h). diese schattierungen der bedeutung gehen oft in einander über und lassen sich nicht streng scheiden; so kann z. b. wahre liebe wirkliche, aufrichtige liebe oder die rechte art von liebe sein. dies attributive wahr ist in der ätteren litteratur sehr ungleich verbreitet und es deutet alles darauf hin, dasz es der volkssprache ursprünglich fremd war und durch lateinischen, gelehrten einflusz sich festgesetzt hat (der auch juristischen wendungen, wie wahre schuld, wahre that, oben sp. 693 f., die eine ältere schicht des attributiven wahr repräsentieren, die bahn gebrochen hat). im ahd. haben es nicht nur die übersetzer, sondern auch andre, die unter einflusz der kirchlich-lateinischen bildung stehen, z. b. Otfrid. auch im 11. 12. jahrh. verwenden es geistliche dichter, natürlich auch bei der behandlung weltlicher stoffe (z. b. im Rolandslied und der kaiserchronik), volksdichter dagegen halten es fern. im könig Rother kommt das wort nicht vor und auch noch der späteren mhd. volksepik geht es so gut wie ganz ab (im Nibelungenlied auszer wâreʒ mære nur got der wâre 983, 4 A und von wâren schulden). die kunstdichter dagegen kennen es, wobei neben dem einflusz der kirchlich-lateinischen litteratur auch der der französischen dichtung in anschlag zu bringen ist. bei den lyrikern fehlt es anfangs (doch wahre schuld bei Reinmar, oben sp. 693), von den epikern kennt es Veldeke noch nicht, Hartmann hat es noch verhältnismäszig selten, Gottfrid schon häufiger und bei Wolfram ist es ungemein beliebt, wie auch meist bei den späteren. für das auftreten des wortes ist auch der behandelte stoff von bedeutung, so gibt z. b. Konrad v. Würzburg in der goldnen schmiede die religiöse terminologie sehr häufig anlasz das wort zu gebrauchen. zur einbürgerung des wortes trug dann die predigt und die sonstige geistliche litteratur in prosa bei, nicht minder die übersetzungslitteratur des 15. jahrh. so kann zu beginn der nhd. zeit von einer abneigung gegen das attributive wahr auch in rein volksthümlicher sprache nicht mehr die rede sein. die folgende übersicht soll nicht erschöpfen; nach dem bemerkten ist der gebrauch in der religiösen sprache als ausgangspunkt zu nehmen, da hier wahr in dem behandelten sinn (zunächst durch den einflusz der bibelsprache) am frühesten wurzel geschlagen hat. II@5@aa) in der religiösen sprache. wahrer gott: der wahre gott, zum unterschiede vom falschen und erdichteten. Adelung; si mʒen einen wâren got irkennen. Roland 32, 6; wâre got, ich lobin dich. Ezzos gesang 3, 1 (Straszburger hs.); so lobe ich, herre, daʒ du bist ein wârer got, ein wærer Krist. und niht enist an dînem bilde heiser. eʒ ist an allen tugenden klâr. lobgesang 55, 6; gott vater son heiliger geist wil sich ynn dir entzünden, bey dir da will er wesen ein mensch und warer gott. bergreihen (1531) 7 neudr.; das ist aber das ewige leben, das sie dich, das du alleine warer gott bist, ... erkennen. Joh. 17, 3 (thaʒ sie thih forstantên einan got waran. Tatian 177, 2); damit er (wie er warer gott aus got) also auch ein warer mensch ausz eim menschen wäre. Schwayger drey büchlein des h. Augustini (1571) 84 (meditationes). vgl. auch: wir gelouben daʒ die namen drî ein wâriu gotheit sî. Ezzos gesang 30, 10; sosehr ward hingegen die waare göttliche majestät verachtet. Simpl. (1669) 70 neudr. oft steht wahrer gott im ausgesprochenen gegensatz zu götzen, abgöttern: wie ir bekeret seid zu gott, von den abgöttern, zu dienen dem lebendigen und waren gott. 1 Thess. 1, 9; dir steht der wahre gott, und nicht ein abgott, bey. Fürer v. Heimendorf Pomona (1726) 82 (heldenged.); und durchs verwirrte truggestrick des götterdunstgewimmels drang flüchtig kaum ein heller blick vom wahren gott des himmels, der über all den göttern sasz, vor denen ihn die welt vergasz. Rückert ges. ged. 3, 350 (1837). wahrer Christus, heiland, erlöser, könig u. dgl.: heilant ther wâro,fon Nazaret ther mâro; ist kuning er githiutojudisgero liuto. Otfrid 4, 27, 25; daʒ lamp ist der wâre Krist. Walther 5, 10; stant uff, herre Jhesu Crist, want du hoist woil die macht! want du ein wore erloser bist, hilff den armen selen usz der pin, die in der helle warten sin! Alsfelder passionsspiel 7038 Grein; welche (christen), da ire hirten irrten, sich hilten an den waren hirten. Christum, sein stimm und wort allain. Fischart dicht. 3, 58, 34 Kurz; rex vero letabitur in deo, aber Christus wârer chúning ... der fréwet sih an gote. Notker ps. 62, 12. von Christus in bildern und vergleichen: wahres licht, wahres brot u. dgl.: (Christus) was wâr lioht, thaʒ inliuhtita iogiwelîchan man quementan in thesa weralt. Tatian 13, 4 (Luther: das war das warhafftige liecht. Joh. 1, 9, gr. φῶς τὸ ἀληθινόν); dô Krist, diu wâre sunne, mit lebelîcher wunne schein durch dînen ganzen lîp. K. v. Würzburg gold. schmiede 787; o wahre gnaden sonn', las deine stral' aufgehn. Gryphius sonette 48 neudr.; er ein wârer gotes prunno, dei heiʒʒen vieber lascht er duo. Ezzos gesang 15, 9; ih bin wâr wînreba, inti mîn fater acarbigengiri ist. Tatian 167, 1 (vulg. ego sum vitis vera, et pater meus agricola est. Luther: ich bin ein rechter weinstock, und mein vater ein weingartner. Joh. 15, 1); ich bin das ware himel brodt, wer mich ist, der sieth nicht den todt, ihn hungert nicht inn ewigkeit. Voith von dem herlichen ursprung etc. 2559 Holstein; Jesu, du wahres brod des lebens, ernähre, stärcke und erquicke auch mich allezeit. Christholds andachten (1729) 183; gib das ich unter des, o wahre seelenspeis, mich von der faulen welt, und ihrer lust abreiss. Gryphius sonette 68 neudr.; herr Jesu, wahrer pelican, komm, frisch mein durstig hertz doch an. gieb kühlung meiner zungen! S. Dach 155 Österley. wahrer leib, wahres blut Christi beim abendmahl: und blütig nimbt man wahres blut, kein sinn für blut kans halten. es alles ist verduncklet gar, und wie die kirch uns rühmet, mit frembder form und schein fürwar gantz obenhin verblümet. Spee trutznacht. 335. von eigenschaften gottes, Christi, der jungfrau Maria, der heiligen: o rex angelorum, nu sholtu mich irhorin dur dine warin triuwe. Rheinauer Paulus 34 Kraus; dô in (Christus) diu wâre minne treip her nider balde ze maneger sünden walde. K. v. Würzburg gold. schmiede 266; sist (Maria) rein, sîn muotet niht wan reines, ir wont diu wâre minne bî, si ist alles wandels vrî. Reinmar v. Zweter 2, 19, 10 Röthe. dann von menschen: wahrer christ, wahrer gottesheld, glaubenskämpfer, märtyrer u. dgl.: wahrer christ, verus et germanus christianus. Stieler 2413; wahrer christ, bon et vrai chrétien. Rädlein 1, 1026b; thoh quimit noh thera zîti fristjoh ouh nû geginwertig ist, thaʒ betônt wâre betoman (veri adoratores Joh. 4, 23)then fater geistlicho fram; want er suachit filu framthrâto rehte betoman, thaʒ sie nan geistlîchobetôn iogilîcho. Otfrid 2, 14, 68; Karl was ain wârer gotes wîgant, die haiden er ze der cristenhaite getwanc. kaiserchronik 15073 Schröder; dô sprach der wâre gotes dinistman. Roland 26, 28; daʒ er (Gregorius) âne mâsen genas und sît ein wârer kempfe was über alle die kristenheit. Hartm. v. Aue Gregorius 142 Paul; her her, ihr lieben brüder, al die war christen sein! bergreihen (1531) 57 neudr. von den pflichten und bedingungen eines wahren christen: wahrer glaube, wahre reue, beichte, busze, wahre frömmigkeit, andacht, demut u. s. w.: der wahre glaube, la vraie foi (religion), die wahre demut, die wahre busse, la vraie humilité, la vraie penitence. Kramer deutsch-franz. wb. 841; der wahre glaube. Adelung; dies ist wahre frömmigkeit. Campe; lobe ich des lîbes minne, deis der sêle leit: si giht, eʒ sî ein lüge, ich tobe. der wâren minne giht si ganzer stætekeit, wie guot si si, wies iemer wer. Walther 67, 26; wanda ih fasto gelouba ana wâra pigiheda unde wanda ih getrûa in wâre riuwa nâh dînen gnâdon den wâren antlâʒ. Wessobrunner glaube u. beichte, denkmäler xc, 69; sô gewinnet wâre riuwe und kumet ze lûterre bîhte. Berthold v. Regensburg 2, 210, 4; dâ schol er trinken des gesalzenn waʒʒers, daʒ ist wâreu peiht und ganzeu rew. K. v. Megenberg 205, 2; wer in der sünde gift tôtleichen wird erfunden an peicht, puess, ware reu. Osw. v. Wolkenstein 91, 30 Schatz; die sie mit gwalt nöten und zwingen vom waren glauben abzudringen. Hans Sachs 18, 396, 15 Keller-Götze; er verleihe auch dem pasquillanten wahre busse. Thomasius kl. deutsche schriften2 630; gib mir allezeit wahre hertzens-andacht bey meinem gebete. Christholds andachten (1729) 92; die wahre gottesverehrung besteht darin, dasz man nach gottes willen handelt. Kant 10, 446 (üb. pädag.); durch deren weisheit sie erst zu einer wahren frömmigkeit gelangt sei. Arnim 1, 310. dann auch: wahre lehre, wahres wort (gotteswort), wahres christenthum, wahre religion, wahre kirche u. s. w.: die ware kirche, die ware religion. Krämer 1209; wahre lehre, vraye doctrine, die wahre kirche, la vraye eglise. Rädlein 1, 1026b; die wahre kirche, die wahre religion, das wahre christentum. Kramer (1719) 258a; die wahre religion. Campe; kein person noch scena, die nicht entweder aus der historia selbs, oder was den auszgang betrifft, aus gottes klaren und wahren wort genommen. M. Rinckhart der eislebische christl. ritter 107 neudr.; o christenheit, merck eben auff das war gottes wort! bergreihen (1531) 53 neudr.; dasz man ein solchen (prediger) wöhl, den man vor hat erfahren eben in warer lehr und erbarn leben. Fischart dicht. 1, 54 Kurz (nachtrab 2032); ir haben wol und vil gelesen des Luthers büchlein, und von mir ... und etlichen andern nit wenig gehort von warer leere. Eberlin 3, 38 neudr.; welchs aber das höchste und gott am meisten dafür zudancken, ist dieses, dasz er (landgraf Philipp) dem evangelio geneiget und die ware religion beschützet und beschirmet. Kirchhof wendunmuth 1, 58 Österley; (viele proselyten), über die sich der verehrer der wahren religion ... nicht sehr freuen kann. Abbt werke 2, 48 (geschichte von Portugal); in der kirchenhistorie erzehlt man den ältesten zustand der wahren kirche, die spaltungen und abweichungen von der wahrheit, so darinnen vorgefallen. Gottsched erste gründe der ges. weltweisheit 1, 98. wahr wird in dieser verwendung gern mit andern beiwörtern wie heilig, christlich, recht, ungeheuchelt zusammengestellt: wan ich wil niht vermiden die cristenlichen waren straʒe, die mir in rehter maʒe Crist het erzeiget. H. v. Langenstein Martina 184c, 73; auch zum zeugnusz und vergewissung unser christlichen und waren religion. Mathesius historien Luthers (1573) 1b; das ist eigentlich die lehr von der waren und christlichen busse. 12a; der will doctoris Martini lere, von der christlichen und waren bekerung widerlegen. 15b; ein bekanntnusz des waren rechten glaubens. Schwayger drey büchlein des h. Augustini (1571) 180 (soliloquia); doch was dein haus und dich am allermeisten schmücket, ist ungeheuchelte und wahre frömmigkeit. Picander gedichte3 1, 50. II@5@bb) von allgemein menschlichen empfindungen und eigenschaften, um sie als wirklich vorhanden und in der that das, als was sie angesehen werden oder erscheinen wollen, zu bezeichnen. wahre liebe, freundschaft, hochachtung, ergebenheit, zärtlichkeit, dann auch wahrer hasz, wahre verachtung, wahre feindschaft u. dgl.: ware liebe, carità non finta. Krämer 1209; die wahre liebe, la vraie charité. Kramer deutsch-franz. wb. 841; wahre und vollkommene freundschaft, vera et perfecta amicitia. Steinbach 2, 939; die wahre liebe erduldet solches. Campe; wahrer liebe treue pflicht mindert sich durch absein nicht. Fleming gedichte 1, 78 Lappenberg; das ist die wahre liebe, die immer und immer sich gleich bleibt. Göthe 1, 397; wie bescheiden macht die wahre liebe! Wieland 1, 311 (Agathon 6, 5); eine unter den grösten plagen menschlichen geschlechtes ist die untreu, so ein freund gegeu dem andern übet: die wahre freundschafft aber ist aufrecht tähtlich treu, und offenhertzig allenthalben; keiner zeit noch veränderung unterworffen. Butschky Pathmos (1676) 803; dieser beweiszthum deiner waaren freundschafft verbindet mich mehr gegen dir, als ein reicher herr, der mir viel tausend verehrete. Simpl. (1669) 379 neudr.; er umarmte sie mit vielen zeichen seiner liebe und wahrer freundschaft. Bertuch don Quixote (1775) 2, 204; damit ir einander ware und freundliche nachbarschafft mügt beweisen. Wickram 2, 219, 25 (von nachbarn) Bolte; bei dem wahren vertrauen, das unter uns statt hatte, vertrauete er mir alles. Göthe 19, 294 (W. Meisters lehrj. 6); er zeigte von dem tage an eine wahre achtung und ein schönes vertrauen gegen mich. 20, 60 (7, 6); geben sie ihrem freunde ... auf andere und sichere weise gelegenheit, zu zeigen, mit welcher wahren hochachtung und freundschaftsbegierde er sei ihr ergebenster Herder. Herder an Nicolai (von und an Herder 1, 347); ich empfehle mich zu gütigem andenken und unterzeichne mich mit wahrer hochachtung. Göthe briefe 4, 35 (an v. Salis) Weim. ausg.; nur selten wohnt im marmorsaale das glück der wahren zärtlichkeit. J. G. Jacobi werke3 1, 12. dann: wahre theilnahme, wahres mitgefühl, wahre freude, wahrer dank u. dgl.: ware freude, waren trost findet man in gott. Krämer 1209; die wahre glückseligkeit ist die, die einem kein feind nehmen kann. Ludwig 2368; die wahre glückseligkeit. Adelung; darin besteht die wahre glückseligkeit. Campe: ein frouwe ûʒ rehtem jâmer schrei: ir was diu wâre freude enzwei. W. v. Eschenbach Parzival 138, 14; sind nicht der wahren freude gränzen geschmack und wahl und artigkeit? Hagedorn 3, 96; was aber ist das glück? was alle thoren meiden: der zustand wahrer lust und dauerhafter freuden. 1, 15; ich überschicke hier das manuscript zurück mit wahrem herzensdank. Knebel an Herder (von und an Herder 3, 33); wahre empfindung wird sich nie hinter schmuckwerk verschanzen. Schiller 3, 45 (Fiesko 2, 2); es ist unsers lieben herrn von Kleist wahrer ernst, und oberdrein ist es auch der meinige. Lessing 12, 85; es ist mir wahrer ernst, dasz vieles in der welt wahr ist, das ich nicht begreifen kann. Nicolai an Herder (von und an Herder 1, 345). auch von unangenehmen gefühlen: wahrer schmerz, wahre trauer, wehmut, wahrer zorn, unwille u. s. w.: unz im der wâre jâmer rief und liehter ougen herzen regen: die wacten schiere den werden degen. W. v. Eschenbach Parz. 191, 28; ein leid-zerknirschtes hertze, ein reu-geängster geist, ein sinn voll wahrem schmertze, der von der sünden rührt, das ist, herr, deine lust. Fleming 21; den leichten rauch der falschen ehre erkauf ich nicht mit wahrem weh. Uz werke 49 (18, 23) neudr.; er kann zur linderung wahrer pein sich wahn ja dichten und fröhlich sein. Herder 25, 362 Suphan; dasz ihre äuszerung einer gewissen unzufriedenheit über mein stillschweigen ... keinen wahren unwillen zum grunde gehabt hat. Kant 10, 531 (8. br. an K. L. Reinhold). von trieben: wahrer trieb, wahres streben, verlangen, wahrer wunsch: wo ist der wahre tugend-trieb? Fürer v. Heimendorf Pomona (1726) 112 (trauerged.). von charaktereigenschaften: wahre tugend, tüchtigkeit, güte, treue, menschlichkeit, männlichkeit, weiblichkeit, wahrer mut, wahre unschuld, keuschheit, ehrlichkeit u. dgl.: wahre unschuld, innocentia summa. Stieler 2413; die wahre tugend, la solide vertu. Rädlein 1, 1026b; die wahre tugend, de waare, rechte, oprechte deugd. Kramer (1719) 258a; die wahre tugend. Adelung; swem herzenlîchiu triwe ist bî, der wirt nimmer minne frî, mit freude, etswenn mit riuwe. reht minne ist wâriu triuwe ... sol ich der wâren minne jehn, diu muoʒ durch triwe mir geschehn. W. v. Eschenbach Parz. 532, 10; ir wâriu manheit daʒ gebot. 185, 15; auff das er (Phöbus) recht erforscht bey menschlichem geschlecht yhr frümkait und yhr ware güt, wie darinn stünd das yhr gemüt. Hans Sachs fab. 1, 23, 7 Götze; dasz er der lieb reitzende dück entgeh allhie in diser zeit, erstlich durch ware messigkeit ... werke 21, 142, 7 Keller-Götze; wer wahre tugend nicht mit blöden augen schätzt. Günther bei Steinbach 2, 939; muster, sang er, wahrer güte! herz, das treu und huld belebt. Hagedorn 3, 58; kaum an eim andern orth fündt man so vil nachleibe und zeichen der waren teutschen redlickeyt und einfaltikeyt, als man noch zu Ulm fündt. Eberlin 3, 4 neudr.; die tugenden vermahnen in dem reyhen die menschen zu wahrer beständigkeit. A. Gryphius trauerspiele 147 Palm; (Heinrich), der den thron, den ihm ein verbrechen verschaffet, durch wahren muth retten wollte. Abbt werke 2, 75 (geschichte von Portugal); sie treibt nicht wahrer muth. es ist der letzte versuch ohnmächtig wüthender verzweiflung. Schiller 13, 269 (jungfr. v. Orl. 3, 5). entsprechend: wahre untreue, hinterlist, feigheit, unmännlichkeit u. dgl.: Gâwân der reht gemuote, sîn ellen pflac der huote, sô daʒ diu wâre zageheit an prîse im nie gefrumte leit. W. v. Eschenbach Parz. 339, 3. von anlagen: wahre befähigung, wahres talent, genie u. s. w.: ich kenne kein entscheidendres merkmahl eines wahren talents als — diese schwierigkeit sich selbst ein genüge zu thun. Wieland 24, 10; ein mann von wahrem genius unterscheidet sich hauptsächlich durch diese zwey punkte. Lucian 1, 25 (einl.); so begreift sich ohne weiteres, wie unendlich weit die allgemeine deutsche bibliothek in sachen des geschmacks zurück war, und dasz junge leute, von wahrem gefühl belebt, sich nach anderen leitsternen umzusehen hatten. Göthe 25, 92 (aus meinem leben 2). II@5@cc) von menschen, um zu betonen, dasz sie wirklich das sind, als was sie bezeichnet werden oder gelten wollen. II@5@c@aα) wenn es sich nicht um einzelne personen, sondern um bestimmte typen handelt. in dieser verwendung erscheint wahr, besonders bei der unten zuerst genannten gruppe, manchmal geradezu gleichbedeutend mit gut, rechtschaffen, aufrichtig. vgl. die angaben der wörterbücher: wahr, wahrhafftig, vero v. rechtschaffen. Krämer 1209a; wahr, rechtschaffen, vero, buono, ottimo, vrai, bon. Rädlein 1026a; wahr (i. e. recht, rechtschaffen), vrai, véritable. Kramer deutsch-franz. wb. 841; wahr, gut, vrai, bon. Roux deutsch-franz. wb. 563b; wahr, aufrichtig, unverstellt, vrai, sincère, véritable, bon. Schrader 2, 1580a. so: wahrer liebhaber, freund, verehrer, bewunderer u. dgl.: wahrer freund, amicus sincerus, integer. Stieler 2413; wahrer freund, vrai ami. Kramer deutsch-franz. wb. 841; das ist kein wahrer, rechter oder aufrichtiger freund, that's no true, right, upright, real or pure friend. Ludwig 2368; ein wahrer freund, amicus sincerus. Steinbach 2, 939. Frisch 415c; ein wahrer freund. un vrai (véritable) ami. Schrader 2, 1580a; er ist ein wahrer freund. Adelung; von dem wâren minnære sagent disiu süeʒen mære. der ist ein durchliuhtec lieht, und wenket sîner minne nieht. W. v. Eschenbach Parz. 466, 1; der ist ain warer fründ, der dir hilff bewyset, so dich die welt verlaszt. Steinhöwel Äsop 298; denn im grunde hast du keinen einzigen wahren freund. Wieland Lucian 1, 316; da ich als ein wahrer menschenfreund, niemals ein vergnügen allein genieszen kann; so will ich auch dieses mit meinen lesern theilen. Rabener 4 (1755), 182; sicher würdest du mir keines argen nimermehr vertrawen und mich ye mehr als einen waren, rechten und getrewen liebhaber erkennen. Wickram 2, 237, 23 (von nachbarn) Bolte; so herzlich sind die belohnungen, die keusche liebe ihren wahren verehrern gewährt. Meiners philos. schriften 1, 132; ich bin ihr wahrer verehrer, bewunderer und freund. K. v. Dalberg an Herder (von und an Herder 3, 253). dann: wahrer mann, degen, held, patriot: daʒ Êrecke sô wol gelanc daʒ er Îdêrs betwanc ûf dem hûs ze Tulmein, der ie ein wârer degen schein. Hartm. v. Aue Erec 1299; aber daʒ ich vil mit wenig worten beschliesse, so mag ich sie wol manlich, kek und war man nemmen, und die júngling wyber haissen, in deren gestalt sie ouch usz giengen und erlöset wurden. Steinhöwel Bocc. 112, 12 Drescher; so viel ist indesz gewisz, der dichter ist der einzige wahre mensch, und der beste philosoph ist nur eine carricatur gegen ihn. Schiller an Göthe 7. jan. 1795 (briefwechsel 1, 99); als ein warer helt er streit. Ludwigs kreuzfahrt 5906 Hagen; eine gauklerin, die die gelernte rolle der heldin spielt, soll wahre helden schrecken? ein weib entrisz mir allen siegesruhm? Schiller 13, 239 (jungfr. v. Orl. 2, 5); so möchte ich, als ein wahrer patriot, wohl wünschen, dasz man sichere mittel ausfindig machte, diesen gefährlichen reizungen zu steuern. Rabener 4 (1755), 214; ein wahrer patriot musz ein gutes herz haben, er musz das seyn, was die Römer durch den simplen aber bedeutungsvollen nahmen eines viri boni ausdrückten. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 250. wahrer dichter, künstler, redner u. dgl., wahres talent, genie: ich gebe ihnen mein wort: sie sollen in gesellschaften alle vorzüge eines wahren dichters haben. Rabener 4, 320; kurz, die riesenstärke, der adlerflug, der löwengrimm, der sturm und drang, der den wahren tragischen dichter macht, wo ist der? Wieland 19, 267 (Abderiten 3, 3); seine werke, an denen die natur so viel und die kunst so wenig antheil hat, werden ewig das vergnügen aller leser von unverdorbenem gefühl, und das studium aller wahren künstler bleiben. suppl. 6, 276; naiv musz jedes wahre genie seyn, oder es ist keines. Schiller 10, 437. von ständen und berufen, z. b. der wahre fürst, der wahre gelehrte, der wahre staatsmann, der wahre arbeiter u. s. w.: desgleichen that es (das singen) der prophet ... zum forbild jder warer lerer, das im folgeten die zuhörer. Fischart dicht. 3, 126, 159 Kurz; (er war) ein gütiger und danckbarer herr, ein arbeitsamer und mit eigenen augen sehender regent, ein wahrer und milder landes-fürst. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 542; warer adel trachtet auch nur nach ehre und tugend. Cyr. Spangenberg adelspiegel 2, 17; ein wahrer virtuoser musicus lässet bey ieder gelegenheit an seine kunst einen strahl der löblichen tugenden nach dem andern blicken. Kuhnau der musikal. quacksalber 258 neudr.; welche verständige obrigkeit wollte deswegen unwissende marktschreyer und empiriker gegen die wahren ärzte in ihren schutz nehmen. Wieland suppl. 6, 221; ein wahrer gelehrter schreibt allemal mehr für sich, als für andere. Rabener 4, 425 anm.; gleich den wahren naturforschern, die zuerst erfahrungen sammeln. Batteux einleitung in die schönen wissenschaften4 übers. v. Ramler 1, 13; der rechtschaffene studirende ist für uns der wahre studirende überhaupt, und beide begriffe gehen in einander auf. Fichte wesen des gelehrten (1806) 72; es gibt zu viel geistesarbeiter und zu wenig wahre handarbeiter. Gutzkow ritter vom geist2 1, 223. auch ironisch, z. b. das ist mir der wahre freund, du bist ein wahrer held; jetzt merke ich was geschehen ist, jetzt kommts an den tag, du bist mir die wahre freundinn! Grimm märchen (1843) 1, 10. II@5@c@bβ) wenn eine einzelne person als solche bezeichnet werden soll, z. b. der wahre verfasser, anstifter, gatte, könig, Demetrius u. s. w. im gegensatz zum falschen, vorgeblichen, dann stets mit dem bestimmten artikel. schon mhd. in der höfischen poesie: dô kom diu rehte minne, diu wâre flurærinne. und stieʒ ir senefiuwer an. G. v. Straszburg Tristan 927; nhd. der wahre könig wurde von dem afterkönige verdrängt. Campe; damit ... er desto gewisser für den rechten Demetri gehalten würde: lässt er des wahren Demetri mutter ... wieder nach Moscau holen. Francisci der hohe traur-saal (1669) 339; ihr seht, wie mich der himmel ... meinem wahren gatten zugeführet. Bertuch don Quixote (1775) 2, 198; dasz er und kein andrer der wahre verfasser der fragmente sey. Lessing 10, 223; er hatte dennoch hinlänglich dafür gesorgt, dasz sich kein verständiger leser über den wahren verfasser irren konnte. Wieland 24, 325; der wahre erste erbauer war Pisistratus. Lucian 1, 227 anm.; nun halte ich meines orts dafür, dasz es eine solche welt gebe, und es ist der zweck dieser reden, ihnen das daseyn und den wahren eigenthümer derselben nachzuweisen. Fichte reden an die deutsche nation (1808) 18; der könig kündigt dir die freiheit an, Bliomberis, sein neuliches versehn erkennt er, und bereut's. der wahre dieb ist aufgefunden. Platen 211 (schatz d. Rhamps. 4). hierher gehört die wendung: das ist der wahre Jakob, zunächst von personen, dann auch von sachen, für 'das ist das richtige', häufig auch ironisch gebraucht: ich bin ihr wahrer Jacob nicht und auch ihr teutscher Michel nicht, so rein und hold nicht wie der lenz ich: Jacob Michel Reinhold Lenz! Lenz ged. 198 Weinhold; man dachte unverweilt, diese wäre der wahre Jakob unter den weibern und keine bessere gäbe es in der welt. G. Keller 4, 38. nach theil 4, 2, 2202 wäre an den heil. Jakob von Compostella zu denken 'indem die pilger, die die mühselige reise nach Spanien unternommen hatten, auf leichter zu erreichende gräber anderer gleichnamiger heiliger mit geringschätzung sahen und sie als ihrem heiligen (dem apostel Jacobus) ebenbürtig nicht gelten lieszen'. andre (s. Borchardt die sprichwörtl. redensarten2 247) beziehen die redensart auf den alttestamentlichen Jakob, der als falscher Esan den segen des blinden vaters erschleicht. auch an eine persönlichkeit der neueren zeit ist gedacht worden, nämlich Jakob Frank, einen polnischen juden, der gegen 1750 die sekte der Sohariten stiftete und von seinen anhängern 'unser heiliger vater', 'der vollkommene Jakob, der auserlesene unter den patriarchen' genannt wurde. die redensart ist aber doch wol älter, wenn sie sich auch, wie es scheint, vor dem 18. jahrh. nicht nachweisen läszt. II@5@dd) allgemein von abstracten begriffen um sie als wirklich das zu bezeichnen, was sie nach richtiger bestimmung sein sollen. wahre wissenschaft, kunst, wahre philosophie, poesie, prosa u. s. w.: diese müssen zuförderst curiret werden, wenn man wahre wissenschaft und tugend bey hoffe und in den schulen einführen will. Thomasius kleine deutsche schriften2 201; dieses alles ist noch lange nicht genug, dasz man denselben (Tacitus) allein für den meister der wahren staats-kunst halten, und fürsten und deren rähte ausz ihm allein regieren lernen sollen. denn man findet in ihm wenig oder fast gar kein exempel wahrer tugenden, die rechtschaffenen regenten wohl anstehen. Butschky Pathmos (1676) 30; forderungen, die des königes einsicht in die wahre regierungskunst eben so viel ehre machen, als die verweigerung der gesinnung der geistlichkeit für das gemeine beste schande. Abbt werke 2, 58 (geschichte von Portugal); es giebt allerdings auch noch jetzt einige, die der wahren philosophie ergeben und euern vorschriften getreu sind. Wieland Lucian 1, 435; eine art von prosaischer poesie, die nichts von allen schönheiten der wahren poesie hat. 4, 86; so lange die erde stille stand, stand alle wahre astronomie stille. Lichtenberg 5, 211. wahrer geschmack, wahre schönheit, anmut, würde, grösze, erhabenheit, dann auch das wahre schöne, gute, erhabene, grosze u. dgl.: mit dem wahren, idealen geschmack läszt sich pracht ... verbinden. Kant 10, 269 (anthrop. § 69); so entsteht der ehemalige französische geschmack in gärten, der endlich fast allgemein dem englischen gewichen ist, aber ohne dadurch dem wahren geschmack merklich näher zu kommen. Schiller 10, 203, 5; o königin der wahren poesie ... ja gieb, dasz sich mein vers in wahrer schönheit zeigt. Pyra u. Lange 83 (14, 5) neudr.; wahre schönheit, wahre anmuth soll niemals begierde erregen. ... wahre grösze soll niemals furcht erregen. Schiller 10, 121; ohne divinationskraft, wo ist wahre grösze? Lavater nachgel. schriften 2, 57; was für einen zeitpunkt haben wir für die dichtkunst zu erwarten, wenn die wenigen augen sich schlieszen, die das wahre schöne kennen! Uz an Grötzner (briefe hrsg. von Henneberg 82); das wahre schöne wird so selten! J. F. H. v. Dalberg an Herder (von und an Herder 3, 271); eher wird der so lange gesuchte stein der weisen gefunden werden, als das geheimnisz, den geschmack eines volkes in irgend einem fache auf das wahre schöne und gute zu fixieren. Wieland suppl. 6, 209; das wahre erhabene beschäftiget, wie schon im vorhergehenden erinnert worden, die kräfte unsrer seele dergestalt, dasz alle nebenbegriffe, die irgend mit demselben verknüpft sind, verschwinden müssen. Mendelssohn phil. schr. (1777) 2, 171; das treuherzige, das wahre naive ... ist die seele solcher gemählde. Hagedorn betrachtungen über die mahlerey (1762) 409. wahre freiheit, weisheit, vernunft, einheit u. dgl.: die wahre freyheit des geistes macht mild und hart zugleich. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 123; wahre freyheit zur grundlage der politischen verbindung zu machen. Schiller 10, 285, 10 (über die ästhet. erziehung); man kann in wahrer freiheit leben und doch nicht ungebunden sein. Göthe 47, 9; so wenig weisz man fast in Teutschland, wo man die wahre weiszheit und die rechtschaffene tugend jetzo finden soll. Thomasius kl. deutsche schriften2 196; wer die wahre vernunft kennt, und in ihren wegen wandelt, kann weder an dem nutzen, noch an der fülle des vergnügens zweifeln, das sich aus ihrer quelle ergieszt. Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 36; Pauline schlug sich ... zu denen, die sogar am schmerz eine eigene freude hatten ... und in der zerrissenheit ihre wahre einheit fanden. Gutzkow ritter vom geist2 2, 388. wahres leben, wahres sein, dasein: gieb meiner seel' ihr wahres leben, dasz sie zu dir sich, zu dir erhebe! Klopstock 1, 124 (dem allgegenwärtigen); alles andere aber auszer diesem leben ist nur hemmung und störung desselben, lediglich darum daseyend, damit an ihm das wahre leben sich entwickle, und in seiner kraft sich darstelle. Fichte wesen des gelehrten (1806) 38; nicht die schichten, wo man nur abstractionen genieszt und den fleisz anderer hände und die gedanken anderer köpfe, nicht diese bieten uns ein bild des wahren lebens, sondern da rinnt sein quell, wo die arbeit aus rohen stoffen eine gestalt hervorzaubert. Gutzkow ritter vom geist2 2, 132; es tritt daher zwischen sein wahres inneres seyn, und seine äuszere darstellung keinesweges etwa eine grundlose willkühr in die mitte. Fichte wesen des gelehrten (1806) 27; diese den sinnen erscheinende welt habe kein wahres seyn, sondern nur ein unaufhörliches werden. Schopenhauer 1, 536 Grisebach. wahres glück, wahres gut, wahrer nutzen, vorteil, wert, wahres verdienst u. dgl.: er musz die tugend, die er andre lehrt, für den einzigen grund des wahren glücks halten. Rabener 1 (1751), vorrede 14; o freund, das wahre glück ist die genügsamkeit. Göthe 2, 78; ware gter geben grösse des gemts, reichtumb aber ungestümmigkeyt. Franck sprichw. 2, 187b; wahre güter, sind solche güter, die das wesen eines wahren guts an sich haben, dasz sie als mittel zur wahren glückseligkeit der menschen dienen. Walch philos. lexicon2 (1740) 2806; in absicht der glückseligkeit glaubt endlich doch jedermann, die gröszte summe ... der annehmlichkeiten des lebens, ein wahres, ja sogar das höchste gut nennen zu können. Kant 7, 49 (kritik der urtheilskraft); welchen titel (nämlich; narrheit) doch die modesucht wirklich verdient, wenn sie jener eitelkeit wahren nutzen oder gar pflichten aufopfert. 10, 268 (anthrop. § 69); der gram über fehl geschlagene hoffnungen liesz den guten don Pedro die annehmlichkeiten des landlebens, dessen wahre vortheile ohnehin seinen landsleuten noch unbekannt sind, nicht lange genieszen. Wieland 11, 9 (don Sylvio 1, 1); ein dichter, der sich auf seinen wahren vortheil versteht, wird das unglück ... durch den zwang der umstände herbeyführen. Schiller 10, 25, 18 (über die trag. kunst); o selig jene schaar, die von der welt verachtet, der dinge wahren werth, und nicht den wahn betrachtet. Haller ged. (1753) 160; meine begriffe von dem wahren werthe des adels sind den ihrigen ganz ähnlich. Rabener 3 (1752), 372; ich würde selbst das manuscript, wenn ich nur auf seinen wahren werth hätte achten wollen, kaum des ansehens gewürdiget haben. Lessing 12, 261; die philosophische gleichgültigkeit gegen das, was nicht in unserer gewalt ist, ... die allein in das bewusztsein seiner pflichtbeobachtung den wahren werth des lebens setzt. Kant 10, 529 (7. br. an K. L. Reinhold); wahrer, reeller, innerer werth (kaufmännisch, im gegensatz zum persönlichen schätzungswert einer sache). Eitzen wb. der handelsspr. 838b; der erste wahre und höhere eigentliche lebensgehalt kam durch Friedrich den groszen ... in die deutsche poesie. Göthe 25, 103 (aus meinem leben 2); er entfernte dadurch männer von wahren verdiensten von sich, die lieber seine wohlthaten entbehren, als die verächtliche rolle von schmeichlern und hofnarren spielen wollten. Wieland Lucian 1, 28 (einl.); das wahre verdienst kann durch solche auf dasselbe geworfene schatten an seinem selbstleuchtenden glanze nichts verlieren. Kant 10, 535 (brief an F. G. Jacobi); damit nicht ihrem christenthum was mangle von dem wahren ruhm. Mühlpforth teutsche gedichte 691. wahrer ursprung, wahre ursache, veranlassung, wahrer grund, wahrer zweck, wahrer sinn, wahre bedeutung u. dgl. (sich theilweise der unter g angeführten gruppe nähernd): das ist die wahre ursache, the true cause. Ludwig 2368; das ist der wahre oder rechte verstand dieses spruchs, the true or genuine sense. ebenda; gefühl ist der erste profondste und fast einzige sinn der menschen ...: die masze unsrer sinnlichkeit: der wahre ursprung des wahren, guten, schönen. Herder 8, 104 (1769) Suphan; ich habe gewiesen, was die wahre ursache in den dingen sey, warumme das eine leicht zu trennen, das ander aber aus fest zusammenhaltenden stücken bestehet: so ich einer innerlichen subtilen bewegung ... zuschreibe, vermittelst derer jedes theil auf seinen nachbar dringet. Leibnitz deutsche schriften 1, 266 Guhrauer; wenige menschen sind fähig, wahre gründe auf eine richtige art mit ihren folgen zu verbinden. Abbt werke 2, 29 (vom tode fürs vaterland); ich weisz nicht, wie mir ist, und kan mir selbst nicht trauen, ob mein gesichte hier den wahren zweck erkiest? ob meine hoffnung auch recht feste weisz zu bauen. Hofmannswaldau helden-briefe 67; ist dannenhero hoch nöthig, wenn wir ihnen hinter die künste kommen wollen, wodurch sie alle welt ihnen ehrerbietung zu bezeigen anlocken, dasz wir der sachen ein wenig reiffer nachdencken, ob wir den wahren hauptzweck erreichen können. Thomasius kl. deutsche schriften2 9; vollkommenheit. nicht, wie dich die sinne fassen, wie dich die vernunft begreift! wahrer endzweck der schöpfung! Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 30; o wie viel gutte schützen sitzen noch heute auf dem richtstuhle, oder stehen auf der kantzel ...: aber das feuer des geitzes oder der geilheit ... seyn eine verhinderung, dasz sie des fürgesäzten, wahren zieles verfehlen. Butschky Pathmos (1676) 469; disz ist der leitstern, so die welt in ihren wahren gräntzen hält, und uns zu gott soll führen. Hofmannswaldau geistl. oden 14; diese voraussetzung ist sein wirkliches, keineswegs ein blosz gedachtes denken, sein wahrer sinn, der punkt, wo sein denken unmittelbar selbst leben ist. Fichte reden an die deutsche nation (1808) 234; ein dichter im wahren sinn des wortes; in der that glaube ich auch, dasz es wider die wahre bedeutung des wortes, und wider den sprachgebrauch ist, wenn man die liebe auf diese art verstehen will. Rabener 4 (1755), 100. II@5@ee) beliebt sind die wendungen etwas oder jemand in seinem wahren licht, seiner wahren gestalt sehen oder zeigen, dann auch seine wahre gestalt, sein wahres gesicht zeigen oder sehen: Chaligni. den anfang machete dem unglük ein böser genius, princeszin, denn es ist der zorn einer der bösesten; und dieser hinderte den herzog die dinge in ihrem wahren lichte zu erbliken. Bodmer Karl v. Burgund 14, 24 (2, 2) neudr.; unfehlbar, wenn mich jemand vor ihren augen auszöge und in meiner wahren gestalt zeigte, würden sie über ihre blödsinnigkeit und thörichte liebe zu einem so ungestatten und unliebenswürdigen gegenstand selbst ein strenges urtheil fällen. Wieland Lucian 1, 79; die larven, unter welchen sie sich ordentlich zu verbergen suchen, will ich ihnen nicht ganz nehmen; sie mögen solche behalten, doch so, dasz man wenigstens die hälfte von ihrem wahren gesichte sehen kann. Rabener 2 (1751), 101; die armen narren, die sich einbilden mein wahres gesicht zu sehen, gerathen über die vermeynte schönheit ausser sich. Wieland Lucian 1, 79; jetzt zeigt ihr euer wahres gesicht, bis jetzt war's nur die larve. Schiller 12, 501 (M. Stuart 3, 4); jetzt zeigt sie ihr erstes wahres gesicht. 3, 483 (kab. u. liebe 5, 2). II@5@ff) wahr dient als gegensatz zu falsch oder scheinbar in der sprache der wissenschaft zur bezeichnung bestimmter begriffe. II@5@f@aα) in der mathematik wahre wurzel: radix vera, die wahre wurtzel, heisset in der algebra der werth der unbekannten grösse in einer gleichung, wenn er mehr als nichts ist. Chr. Wolff mathem. lexicon 1166. Klügel mathem. wörterbuch, 1. abth. 2, 365 wendet sich gegen die bezeichnung der positiven und negativen wurzeln als wahrer und falscher. II@5@f@bβ) in der astronomie bezeichnet wahr II@5@f@b@11)) zunächst den gegensatz zu scheinbar: so zerfällt die ganze theoretische astronomie in zwey haupt-theile, wovon der eine die scheinbaren, der andre die wahren bewegungen der himmelskörper zum gegenstande hat: jener heist die sphärische, dieser die theoretische astronomie. F. Th. Schubert popul. astronomie (1804) 1, 148. II@5@f@b@1@aa)) das wahre weltgebäude, das sonnensystem nach Copernicus und Kepler: man nennet diesen weltbau (das systema Copernicanum) ... das wahre welt-gebäude, weil heute zu tage niemand ... an dessen richtigkeit zweifelt. Wolff math. lex. 1345; seithero Kepler die wahre beschaffenheit des weltgebäudes an den tag geleget. J. L. Rost vorstellung des gantzen welt-gebäudes (Nürnberg 1723) 6; dasz in der sphaera des wahren welt-gebäudes nicht die erde, sondern die sonne das centrum sey. 21; der wahre oder aus der sonne beobachtete gang der planeten. Bode erläuterung der sternkunde (1778) 1, 233. II@5@f@b@1@bb)) von gröszen, die nicht vom augenpunkte, sondern vom mittelpunkt der erde aus berechnet sind: locus verus, der wahre ort ... der punct auf der fläche der weltkugel, wo man aus dem mittel-puncte der erde einen stern siehet. Wolff 822. Rost 132; der unterscheid zwischen dem wahren und scheinbaren orte eines sternes heist ... die parallaxis. 133; der ort nun, an dem ein stern aus dem mittelpunkt der erde erscheint, heiszt des sterns wahrer (oder geocentrischer) ort, der ort, an dem man ihn von einer stelle der erdoberfläche aus sieht, sein scheinbarer ort. Fries popul. vorles. über die sternkunde (1813) 158; motus verus, die wahre bewegung, wird in der astronomie die eigene bewegung genannt, wie sie erscheinen würde, wenn das auge im mittel-puncte der erde stünde. Wolff 921; der wahre, vernünftige und astronomische horizont ... ist derjenige, wovon wir ... die beschreibung gegeben (er geht durch den erdmittelpunkt) ... der scheinbare ... horizont ... gehet durch das auge. Rost 39; es läuft demnach der scheinbare horizont mit dem wahren ... parallel. 40. vgl. Bode 1, 38. die wahre horizontallinie ist aber bei Wolff 800 die von der erdmitte in allen punkten gleich weit entfernte kreislinie der erdoberfläche, im gegensatz zu der scheinbar wagerechten. II@5@f@b@1@cc)) um den wahren ort eines sternes festzustellen, ist es aber auch nötig, die fehlerquellen der lichtbrechung und der aberration zu beseitigen: gleichwie die parallaxis die sterne niederdrücket: also hebt sie die refraction höher empor, und zwar am horizont am stärcksten. je weiter sie über die erden kommen, je kleiner wird die refraction; bisz endlich in dem scheitelpuncte der wahre und gebrochene ort eines sterns zusammen trift. Rost 140; unsere erde ist ferner von einer atmosphäre umgeben, welche die eigenschaft hat, das licht zu brechen. man sieht daher die gestirne nicht an ihrem wahren orte. Brünnow lehrb. der sphär. astronomie3 139; wahrer aufgang der gestirne bezeichnet den wirklichen, von der refraktionswirkung befreiten. Drechsler lex. der astronomie 238b; dieser kleine winkel, um welchen man die örter der sterne vermöge der bewegung der erde und des lichts geändert sieht, heiszt die aberration. um also die wahren örter der sterne aus den beobachtungen zu erhalten, musz man mittel haben, um die beobachteten scheinbaren örter von dieser aberration zu befreien. Brünnow 140; das licht braucht, um von der sonne auf die erde zu gelangen ... 8′ 17, 78: weshalb der wahre ort der sonne dem scheinbaren um 20, 445 voraus ist. A. v. Humboldt kosmos 3, 840. II@5@f@b@22)) der wahre wert einer veränderlichen grösze ist der wert im bestimmten einzelfalle, im gegensatz zum mittleren: wenn man von dem mittleren werthe einer grösze im gegensatz ihres wahren werthes redet, so setzt man voraus, dasz diese grösze in der that ... veränderlich sey. Schubert 1, 205. astronomisch besonders angewendet bei den durch die ekliptik bewirkten veränderungen. hier steht zuweilen wahr sogar synonym mit scheinbar: wenn denn hieraus folget, dasz die tag-bögen des äquators mit den tag-bögen der ecliptic nicht allezeit überein kommen: so musz auch folgen, dasz die sonnen-tage einander nicht gleich seyn können ... diese veränderliche und ungleiche sonnen-zeit benennet man ... das tempus verum seu apparens, die wahre, scheinbare oder erscheinende zeit, weil sie sich nach dem wahren ... lauffe der sonne richtet. Rost 182; der unterscheid zwischen der wahren und mittlern zeit heist bey den astronomis: aequatio temporis, die vergleichung der zeit. 183; es ist wahrer mittag in dem augenblick, da die wahre sonne kulminirt. Schubert 1, 318; die zeit ... von einem wahren mittag bis zum folgenden heiszt ein wahrer sonnentag. Fries (1813) 81. vgl. Brünnow 92; der wahre tag ist demnach dem mittleren tag nur alsdenn gleich, wenn die wahre zeit am meisten von der mittleren zeit unterschieden ist. Rösler prakt. astronomie (1788) 1, 188; wahrer mittag ist in einem bestimmten beobachtungsort der erde in dem augenblick, in dem der mittelpunkt der sonne, wie sie am himmel erscheint, den meridian des beobachtungsorts passirt. die zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden meridiandurchgängen der sonne ist der wahre sonnentag ... die wahre zeit oder wahre sonnenzeit ist der stundenwinkel der sonne. Lueger lex. der ges. technik 7, 837; dagegen heiszt der punkt, in welchem der äquator die ecliptic wirklich durchschneidet, das wahre äquinoctium, und die in folge der nutation stattfindende schiefe die wahre schiefe der ecliptic. Brünnow 131; gröszen ..., welche die lage der wahren ecliptic gegen die feste bestimmen. 117; der wahre pol beschreibt daher eine ellipse um den mittleren pol. 138. dann auch: die wahre länge eines planeten im gegensatz zur mittleren. Wolff 831. Rost 227; die wahre länge der sonne. Brünnow 96; die wahre anomalia (ungleichheit in dem lauf der planeten), die auch angulus ad solem, der sonnen-winckel heisset. Rost 211; die wahre anomalia der erde. Brünnow 93; siehet man aber auf die wahre bewegung, so nennet man sie (die entfernung zwischen zwei planeten) die wahre entfernung. Wolff 584; dahingegen seine (des planeten) ungleiche bewegung in der ellipse ... die wahre heiszt. Bode 1, 222; wird nun diese entfernung (des mondes von der sonne) nach der mittleren bewegung gerechnet, so heisset es ... der mittlere vollmond; rechnet man sie nach der wahren bewegung, so heisset es plenilunium verum, der wahre vollmond. Wolff 1071. II@5@f@b@33)) ortus veri, die wahren aufgänge, werden von den alten die ortus acronychi und cosmici (aufgänge zur zeit des sonnenuntergangs und zur zeit des sonnenaufgangs), ingleichen der gemeine aufgang (erscheinen im horizont) der sterne genennet. Wolff 1004. II@5@f@gγ) in den naturwissenschaften. II@5@f@g@11)) in der chemie: wahre farbe: pigmente, wahre oder chemische farben (colores veri, chemici, proprii, corporei, materiales, permanentes, fixi) im gegensatz von physiologischen und physischen farben, solche farben, welche ein bleibender zustand von auszenkörpern im auge bewirkt. Pierer med. wb. (anat.) 6, 595. II@5@f@g@22)) in der botanik werden viele pflanzen als wahre bezeichnet, weil ihnen der name, den sie tragen, zunächst zukommt, während andre (falsche) ihn wegen einer ähnlichkeit später auch erhalten haben, z. b. wahrer calmus (acorus verus, der eigentliche calmus, calmus aromaticus, im gegensatz zu acorus adulterinus, iris palustris, wasserschwertel). onomatologia medica (apothekerkunst), hrsg. von Haller2 (1777) 696a; wahre hirschzung Zedler univ. lex. 52, 868; wahres mausöhrlein 869; wahre bergraut Tabernaemontanus (1664) 405a; wahrer safran Zedler 33, 517. II@5@f@g@33)) in der zoologie und anatomie: wahre drüse, haut, naht (knochennaht), wahrer nerv, wahre rippe, wahres stimmband, wahre stimmritze, wahres wasser (fruchtwasser), wahrer wirbel u. dgl.: wahre drüsen sind membranöse säckgen, welche ihre pulsz- und blut-adern, nerven und eigene ausführende gefässe ... haben ... falsche drüsen werden die spitzgen oder ... derer pulsz-adern genennet ..., dergleichen in dem magen, därmen und gehirne angetroffen werden. Zedler 7, 1483; die wahre haut, cutis (die unter der epidermis liegt). onomatologia medica (wundarzney), hrsg. v. Haller (1756) 291; der suturn oder fuegen der hirnschalen ... seynd ... drey rechte wahre, und zwey unrechte oder falsche. die erste wahre coronalis wirdt vornen auff der hirnschalen gesehen. Jos. Schmid spiegel der anatomiae (1646) 15; bey einer wahren naht (sutura vera) wird vorausgesetzt, dasz diese ränder zackig sind. Pierer med. wb. (anat.) 3, 720; die wahre nath (sutura vera), die wieder mehrere unterabtheilungen hat, je nachdem wegen vervielfachung der berührungspunkte die festigkeit sich vergröszert. Meckel handb. d. menschl. anat. 1, 399; wahre nerven zwischen den ribben sind die rückennerven (nervi dorsales). Zedler 52, 877; os sterni ist das vordere bein an der brust ..., bey welchem sich die 7 wahre rippen anlenden. Jos. Schmid spiegel der anatomiae (1646) 26; es sind aber zwölff rippen an der zahl: sieben gantze, wahre; und fünff zugewandte, kurtze. Muralt anatom. collegium (1687) 309; sie (die rippen) werden in wahre, veras, und falsche, spurias seu nothas unterschieden. die sieben obersten an jeglicher seite reichen bis an das brustbein, und machen also wahre bogen, d. i. gantze bogen; weswegen sie wahre ribben genannt werden. Zedler 31, 1202; die fünf oberste (rippen) sind allezeit länger als die sieben untere. man nennet jene die wahre, oder lange ribben, costae verae. onomatologia medica (wundarzney), hrsg. v. Haller (1756) 252; die anzahl der wahren oder fest mit dem brustbeine verwachsenen im verhältnis zu den sogenannten falschen oder durch knorpelmasse mittelbar an das brustbein gehefteten (rippen) ist aber groszen schwankungen unterworfen. Brehm thierl.2 1, 5; die das sternum mit ihren knorpeln erreichenden sieben oberen rippenpaare heiszen wahre rippen (costae verae). Hyrtl topogr. anatomie7 1, 607; die wahren stimmbänder (im gegensatz zu den falschen stimmbändern, auch taschenbänder genannt). Eulenburg real-encycl. der ges. heilkunde3 13, 222; glottis, stimmritze, wahre stimmritze (die ritze zwischen den wahren stimmbändern, im gegensatz zu der zwischen den taschenbändern). Pierer med. wb. (anat.) 3, 720; amnische flüssigkeit, schafwasser, wahres fruchtwasser, kindwasser, wahres wasser (die den fötus umgebende flüssigkeit). 1, 148; es seynd auch 24 warer spondilen .i. ruckbain, und steend nach ainander als vicarien, und die ersten drey seind gar grobe ... und also in ainer summa seind 30 spondilen. Gersdorf feldbuch der wundarzney (1535) 5b; wahre wirbelbeine (vertebrae verae, die 24 einfachen wirbelbeine, im gegensatz zu den falschen, zusammengesetzten, dem heiligen bein und dem steiszbeine). Zedler 32, 1712; die wirbeln, aus welchen der rükgrad besteht, sind zusammen 33, die überhaupt in ware und unächte, oder volkommene und unvolkommene, abgeteilet werden. jene (vertebrae verae) haben alles, was zur äusseren gestalt eines wirbels erfordert wird; deren finden sich 24. Chr. E. Eschenburg anat. beschr. d. menschl. körpers (1750) 150. II@5@f@g@44)) in der physiologie: wahre nahrung: die neuern physiologisten theilen die nahrung ab, in eine wahre und eine falsch: die wahre nahrung ..., welche auch sonst das wachsthum, accretio, heisset, und vermöge welcher die festen theile des cörpers zunehmen ... die falsche nahrung ... ersetzet nur entweder vollkömmlich oder doch zum theil die verlohrnen säfte und kräffte. Zedler 23, 535. II@5@f@dδ) in der medicin bei bestimmten krankheiten und organischen gebrechen zur bezeichnung der eigentlichen krankheitsform, während falsch eine verwandte, meist mildere form der krankheit genannt wird, vgl.: die differenzierung der krankheiten nach wahren, echten formen von den falschen und ähnlichen in den krankheitsnamen begann erst im 16. jahrhundert. Höfler krankheitsn. 775b. so: wahre augenentzündung, wahrer aussatz u. s. w.: ferner ist die augenentzündung entweder eine falsche und unächte, oder eine wahre und hefftige. Zedler 25, 1631; wahrer aussatz (zum unterschied von der mit der lepra verwechselten syphilis). Höfler krankheitsn. 544a; angina gangraenosa, brunella, eine wahre bräune, wo ein wahrer heiszer brand in dem halse ist, der in wenigen tagen tödtet (gegensatz: angina spuria ohne alle wahre entzündung). onomatologia medica (apothekerkunst), hrsg. v. Haller2 (1777) 89; die wahren brüche sind geschwülste, die von der ausweichung eines eingeweides unter seinen bedeckungen aus seiner natürlichen lage entstehen. die falschen brüche sind nabel- oder hodensack-geschwülste, die kein eingeweide, sondern eine feuchtigkeit enthalten. Plenk anfangsgründe für wundärzte5 (1800) 529; die dritte unterscheidt geht die wahre und eigentliche geschwär nicht an. Wirsung artzneybuch, übers. von Uffenbach (1605) 153; wenn in einer wiedernatürlichen ausgedehnten arterie blut enthalten ist, so heiszt die daher entstehende geschwulst eine wahre pulsadergeschwulst (aneurisma verum). Plenk lehrgebäude von geschwülsten, übers. v. Rumpelt (1769) 114; eine wahre schwammgeschwulst sitzt unter der haut, eine falsche aber ist jede chronische geschwulst, die an einem gelenke entstehet. 139; wahre hasenscharte (angeborene, im gegensatz zur falschen, nach lippenverwundungen zurückbleibenden). onomatologia medica (wundarzney), hrsg. v. Haller (1756) 886; wahrer krebs Höfler 328b; die krankheit musz eine wahre melancholie, das ist, eine mit traurigkeit verbundene verwirrung des verstandes seyn. E. A. Nicolai rezepte und kurarten2 2 (1789), 24; variolae verae, wahre pocken (im gegensatz zu den falschen pocken, variolae nothae vel spuriae, wind-, wasser- oder steinpocken). Zedler 46, 619; wahre räude Höfler 498a; eine wahre scrophel heiszt die, welche von einem scrophulösen gift hervorgebracht wird. Plenk lehrgebäude von geschwülsten, übers. von Rumpelt (1769) 85; indessen hat das seitenstechen seine verschiedenen grade ..., dasz man es in ein rechtes, wahres oder starckes, pleuritis vera, und in ein falsches ... abgetheilet. Zedler 36, 1563; einen wahren staar nennen wir, wenn die trübheit sich dicht hinter der pupilla zeiget; ein falscher also musz seyn, wo sich die sache anderst verhält. Heister chirurgie2 (1724) 500; wahre oder starcke vollblütigkeit, plethora vera seu exquisita (im gegensatz zu der falschen der 'scharbockischen' leute). Zedler 50, 432. vgl. auch wahre heftung, wahre naht: die hefftung der wunden geschieht auf zweyerley manier, entweder mit der nadel, oder mit den hefft-pflastern; dieses nennet man eine truckene oder falsche, jenes aber eine blutige oder wahre hefftung. Heister chirurgie2 (1724) 422; besonders aber ist es die wundenvereinigung mit nadel und faden, welche man auch noch zum unterschiede der vereinigung durch heilpflaster, so die trockne nath, falsche nath, genannt wird, die blutige oder wahre nath (sutura cruenta seu vera) nennt. Jacobsson 8, 227. II@5@gg) wahr als thatsächlich, geschichtlich oder erfahrungsgemäsz richtig, von begebenheiten, zusammenhängen, namen u. dgl. (sich mit wahr 2 berührend): ern gewuog im aber des niht, daʒ er die wâren geschiht (den wirklichen sachverhalt) als endeclîche weste. G. v. Straszburg Tristan 13654; ob wir oder ir eyner ausz redlichen waren ursachen, derhalben wir oder sie sich in iren offen brieffen bei glauben entschuldigten, persönlich nit erscheinen möchten. des heyl. römischen reichs ordenungen (Worms 1536) 23a; species facti ... im rechtshandel die vorstellung einer streitigen sache, wie dieselbe in allen ihren umständen sich befindet, der inhalt einer geschichte, der wahre verlauff einer sache. Zedler 38, 1326; ich will dir daher die wahren umstände aufrichtig mittheilen. Meiners philos. schriften 3, 17; dasz jeder genöthigt sey, sie (die phänomene) in ihrer wahren folge und in ihren eigentlichen verhältnissen zu betrachten. Göthe 59, 3; um ... sich ungekannt von dem wahren zustande dieser besitzungen zu unterrichten. Gutzkow ritter vom geist2 2, 4; seinen wahren namen musz ich verschweigen, um seine bescheidenheit nicht zu beleidigen. Rabener 4 (1755), 44; weszwegen wählt der tragische dichter wahre namen? Lessing 7, 105 (Hamb. dramat. 23. stück); die wahre bedeutung des wortes masoney war bey dem englischen volke vergessen. 10, 306; die römische stammsprache selbst wird von jeder neu-europäischen nation ausgesprochen nach derselben eignen mundart, und ihre wahre aussprache dürfte sich nicht leicht wieder herstellen lassen. Fichte reden an die deutsche nation (1808) 175; noch ahn' ich ihre wahre meinung nicht. Immermann 17, 79 Hempel (trauersp. in Tirol 3, 2). II@5@hh) wahr als 'echt', von dingen: ware und natürliche oder ungefelschte farb, color verus. Maaler 484a; wares gold, vero oro. Krämer 1209; wahres gold, perlen, vrai (véritable) or, vraies perles. Rondeau; das ist kein wahrer ... demant, marmor. Ludwig 2368; die Thespier hätten sich rühmen können, das wahre original dieser vorgeblichen Venus zu besitzen. Wieland 24, 178; hier haben wir also ein wahres heidnisches gnadenbild, eine statue, die das fieber curiert, und dafür reichlich mit silbernen und wächsernen ex voto beklebt und behangen ist. Lucian 1, 175 anm.; mumie, wahre mumie, menschenmumie (mumia vera) ein künstlich einbalsamierter ... menschenkörper, zum unterschied von der zur einbalsamierung der Ägyptier gebrauchten masse, welche auch mumie genannt wird. Pierer med. wb. (anat.) 5, 423; dies ist der wahre balsambaum von Mecca. Campe. II@5@ii) wahr als 'richtig, geeignet, passend': lange gestrickte beinkleider und ein paar schnürstiefeln schienen die wahre tracht eines fuszgängers. Göthe 19, 15 (W. Meisters lehrj. 4, 2); diese anmerkung ist der wahre schlüssel zu den meisten satiren wider den reichthum, und das glück der groszen. Rabener 4 (1755), 201; Ferdinand. nun laszt uns die befehle noch bereiten, dasz jedem kundig, wo sein wahrer punkt (im feldzuge). Grillparzer 7, 149 (bruderzwist 5); Burgund. nun soll uns keine macht der hölle mehr entzweien, da wir brust an brust geschlossen! jetzt hab' ich meinen wahren ort gefunden, an diesem herzen endet meine irrfahrt. Schiller 13, 258 (jungfr. v. Orl. 3, 3); o thor, wer nicht im augenblick den wahren augenblick ergreift, wer, was er liebt, im auge hat, und dennoch nach der seite schweift! Platen 82 (ghas. 98); das ist das grosze geheimnisz, und der wahre kunstgriff, dessen sich ein arbeitsamer Deutscher bedienen kann, wenn er ein gelehrter briefsteller von vier quartbänden werden will. Rabener 3 (1752) vorbericht; gesunde ungekünstelte speise und eine mäszige leibesübung sind das wahre geheimnisz, seine kräfte immer frisch und blühend zu erhalten. Wieland suppl. 4, 114. II@5@kk) oft steht wahr im ausgesprochenen oder doch klar erkennbaren gegensatz zu falsch, scheinbar (anscheinend, schein —), eingebildet, vermutet, erdichtet, künstlich, scherzhaft u. dergl.: denn hätt' es falsche schaam zur pflicht dir nie gemacht, mit vollen händen dein häufchen thaler zu verschwenden, so würde wahre schaam itzt nicht dich zwingen, glühend dein gesicht, das auge weinend wegzuwenden. Göckingk 2, 65; befiehlt mir gleich die klugheit und die pflicht, die ich dem reich, dem kaiser schuldig bin, dasz ich mein wahres herz vor ihm verberge, ein falsches hab' ich niemals ihm geheuchelt! Schiller 12, 81 (Piccol. 1, 3); und den reitz? vielleicht würde man ihn nicht unrecht durch die schönheit der wahren oder anscheinenden bewegung erklären. Mendelssohn phil. schr. (1777) 1, 90; alle schönheit ist zuletzt blosz eine eigenschaft der wahren oder anscheinenden (objektiven und subjektiven) bewegung. Schiller 10, 81; zu welchem andern ende, als um die scheinbaren und wahren verhältnisse der sichtbaren gegenstände, und vornehmlich die gesetze kennen zu lernen, aus welchen sich ... bestimmen läszt, wie eine jede sache, aus dem gegebnen gesichtspunkte betrachtet, aussehen müsse. Wieland suppl. 6, 97; soll der aufgezeigte widerspruch befriedigend gelöst werden, so musz vor allen dingen jene zweideutigkeit gehoben werden, hinter welcher er etwa versteckt seyn und kein wahrer, sondern nur ein scheinbarer widerspruch seyn könnte. Fichte grundlage der gesammten wissenschaftslehre (1794) 65; ein wahres gut ist, so eine beständige lust gewehret, oder niemals unlust verursachet: hingegen ein scheingut, so nur eine veränderliche lust bringet, die öffters in eine grössere unlust verkehret wird. Chr. Wolff vernünfft. gedancken von gott, der welt etc. (1720) 234; als ob die erde, worauf wir herum kriechen, die wahre erde und das scheinleben in dieser sinnenwelt ... das wahre leben sey. Wieland 34, 101 (Aristipp 1, 17); werden sie auch das bescheidene wahre verdienst vom scheinverdienst ... zu unterscheiden wissen? 31, 179; dein sehen kann kein wahres sehen seyn, es ist das flimmern nur von ungewissem schein. 22, 298 (Oberon 6, 95, 7); der abgenutzte wollüstling, der geizige, der eitle rennt nach einem bloszen eingebildeten genusse, und giebt dagegen den wahren auf. Fichte sittenlehre (1798) 211; ihre vertraulichkeit mit jungen mannsleuten, denen man über einen gewissen punkt alles zutrauen konnte, ihre wahren oder vermutheten oder nur angeschuldeten liebeshändel ... alles wurde in das verhaszteste licht gestellt. Wieland 24, 368; die wahren königinnen mögen so gesucht und affektirt sprechen, als sie wollen: seine (des dichters) königinnen müssen natürlich sprechen. Lessing 7, 266 (Hamb. dramat. 59. stück); ja, die erdichteten beyspiele sind in gewissen fällen den wahren, aus der geschichte entlehnten, beyspielen vorzuziehen. Mendelssohn phil. schr. (1777) 2, 91; das wahre unglück wählt seinen mann und seine zeit nicht immer gut ... das künstliche unglück des pathetischen hingegen findet uns in voller rüstung. Schiller 10, 228, 10 (über das erhabene); vergebens bat ich meine wirthin sich zu beruhigen und den scherzhaften abschied, den ich gestern abend bei der gesellschaft genommen hatte, in einen wahren zu verwandeln. Göthe 48, 194 (a. meinem leben 20). II@5@ll) wahr wird auch in diesen gebrauchsweisen gern mit andern beiwörtern wie recht, richtig, eigentlich, ursprünglich, natürlich, echt, wirklich, einzig, klar zusammengestellt: damit er auf den wârn rechten grund kum und die wârhait erforsch und ausrechen. Aventin bair. chronik 1, 426, 10 Lexer; wie hertzlich wolt' ich doch dir bieten meine hand, dir bieten meine lieb' und rechte wahre treue. Opitz ged. (1690) 2, 172 (poet. wälder); nach meinem ideal sind sie der einzige rechte, wahre deutsche mann! Gleim an Herder (von und an Herder 1, 159); die übersetzung in rechtes wahres deutsch liegt als stets fertiges hülfsmittel bereit. Fichte reden an die deutsche nation (1808) 139; so wäre es genug uns zu überzeugen, dasz seine filosofie nicht auf schwärmerey, oder täuschende gaukelkünste, ... sondern auf richtige und wahre schätzung der menschlichen dinge gegründet war. Wieland 24, 261; ein wahrer, guter und rechtschaffener rath bestehet nicht in deme, dasz mans uns saget, was wir thun sollen, sondern viel mehr in deme, dasz man uns propheceyet und weissaget, was es für gefehrliche consequentzen nach sich ziehen werde. Albertinus fürstl. lustgarten 3, 327; die sicherste, die beste, die vortheilhafteste art, den wahren und eigentlichen sinn der gesetze seinem richter deutlich zu machen, ist die kunst, ihn zu bestechen. Rabener 3 (1752), 59; dies ist der wahre eigentliche gesichtspunkt, aus welchem man das, was Tertullianus vom Tiberius ... des falls erzählt, betrachten musz. Lessing 11, 79; um zur bürgerlichen verfassung zu gelangen, welche (wie sie mit mir überzeugt sind) der eigentliche wahre naturzustand des menschen ist. Wieland 31, 168; die Griechen ... fanden endlich die wahren und wesentlichen schönheiten der natur. Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 68; in diesem athenischen dienst hatten die Erinyen ihre wahre und ursprüngliche natur noch nicht so weit verloren, dasz sie etwa zu hüterinnen des rechtes schlechtweg geworden wären. Rohde Psyche2 1, 269; alle ihre gesichtsmuskeln sind angespannt, aller wahre natürliche ausdruck verschwindet. Schiller 10, 125; wie er ... in eine wahre, ungekünstelte, und herzbrechende ohnmacht danieder sinket. Liscov schriften 158; ist das deine wahre ernstliche meinung? Schiller 3, 24 (Fiesko 1, 7); es war eine grosze vorsicht des weisen, meines guten freundes, den wahren und ächten helm Mambrins allen als ein bartbecken erscheinen zu machen. Bertuch don Quixote (1775) 2, 19; der wunder höchstes ist, dasz uns die wahren, echten wunder so alltäglich werden können. Lessing 2, 200 (Nathan 1, 2); Jean Paul hatte, im gegensatz von Tieck, eine wirkliche und wahre empfindung. Grillparzer 10, 157 (selbstbiogr.); und die einzige wahre art, ein materielles gemählde mit worten nachzuschildern ist die, dasz man das letztere mit dem wirklich sichtbaren verbindet. Lessing 6, 486 (Laokoon 19); dasz die natürlichen neigungen ... das nothwendige erfordernisz und einzige wahre mittel zum frohen selbstgenusz sind. Shaftesbury philos. werke 2 (1777), 123; und werden die obern klassen in den verschiednen provinzen, worin diese städte die hauptstädte sind, alsdann nicht eben das recht haben, die schriftsprache oder das wahre, reine hochdeutsch festzusetzen, welches herr Adelung dem deutschen Athen von 1740—60 eingeräumt wissen will? Wieland suppl. 6, 321; während der zeit unserer freundschaftlichen verbindung schrieb er deutsch, und welch ein herzliches, wahres, kräftiges deutsch! Göthe 19, 240 (W. Meisters lehrj. 5, 16); ich bin nur kurze zeit in Venedig, und habe mir die hiesige existenz genugsam zugeeignet, und weisz, dasz ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen ganz klaren und wahren begriff mit wegnehme. 27, 154 (ital. reise); gegen wahre und klare gründe wägen sie nichts. Lavater nachgel. schriften 1, 246. II@5@mm) auch in dieser verwendung kann wahr gesteigert werden: (bruderliebe) ist das wahrste und süszeste vorgefühl des himmels. Schubart schriften und schicksale 1, 35; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen geschmack in liebe, aber in die wahreste, zärtlichste und heftigste, welche jemahls gewesen ist. Wieland 1, 266 (Agathon 5, 8); meine frau sagt ihnen und den ihrigen grüsze der wahresten freundschaft. Herder an Heyne (von und an Herder 2, 223); das alles ... von ihr zu hören, mit der stimme der wahresten theilnehmung. Göthe 16, 107 (Werther): so hatte er in zeit von zwanzig jahren ... die wahrste aufklärung befördert. 19, 248 (W. Meisters lehrj. 4, 16); die zudringlichkeit junger dilettanten musz man mit wohlwollen ertragen, sie werden im alter die wahrsten verehrer der kunst und des meisters. 49, 65 (max. u. refl.); Käthchen. ich weisz nicht, was poetisch ist. ist es ehrlich in worten und werken? besteht es mit der wahrheit? Probstein. nein, wahrhaftig nicht: denn die wahrste poesie (the truest poetry) erdichtet am meisten. Shakesp. wie es euch gef. 3, 3; statt dieser, der fabel würklich unnöthigen und hinderlichen fesseln (des reimes), stehen sie hier in eine sprache gekleidet, die in der wahresten angemessensten prose die schönste poesie ist. Heinzmann bei Lessing analekten 1, xxix; eines werks aber, der wahrsten ausgeburt des siebenjährigen krieges, von vollkommenem norddeutschen nationalgehalt musz ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen ...: Minna von Barnhelm. Göthe 25, 106 (a. meinem leben 2); aber auch das wahrste und höchste erhabene ist, wie man weisz, vielen überspannung und unsinn. Schiller 10, 13; dieser (der zusammenhang einer vorstellung mit allen übrigen) kann eben sowohl bei der wahresten vorstellung fehlen, als bei der täuschendsten zugegen seyn. Wieland 24, 42; und das gewürz, wie mit sinne gewählt! wie im wahrsten verhältnis! Voss idyllen 13, 162. II@66) während bisher nur fälle behandelt wurden, in denen das attributive wahr den stärkeren ton trägt, kann dieser auch auf das folgende subst. gelegt sein. diese entwicklung ist dann eingetreten, wenn wahr nicht als gegensatz zu falsch u. dgl. empfunden wird, sondern nur ausdrücken soll, dasz ein gegenstand wirklich das ist, als was er bezeichnet wird. kam es darauf an, diese bezeichnung als die richtige benennung von etwas besonders hervorzuheben, so wurde der stärkere ton vom adj. auf das subst. gerückt. seit wann diese verschiebung der betonung vorkommt, läszt sich schwer feststellen; noch Adelung und Campe nehmen gar keine rücksicht darauf. schon im mhd. wird man öfters geneigt sein, den ton auf das subst. zu legen, so bei mehreren der oben aus dem Parzival und dem Tristan (z. b. minne diu wâre fiurærinne) gegebenen stellen, vgl. ferner: swer trunken wirt von wînes kraft, derst wol in sîner eigenschaft. wie aver der der zaller vrist mit dem dinge unmüeʒic ist waʒ er eʒʒe, der ist ouch der leckerheit ein wârer gouch. Thomasin d. wälsche gast 4296; 'wol uns, daʒ wir euch haben hie!' si sprachen 'herre, nahest nach got, ir sit uns ein ware helfe in not'. Ludwigs kreuzfahrt 4561 Hagen. es deutet indes nichts darauf hin, dasz unbetontheit des adj. damals schon vorkam. auch in der neueren sprache kann man wegen der betonung öfters im zweifel sein, z. b.: die possen verdienen ihren titul sehr wohl. es sind wahre possen. Uz an Grötzner (briefe hrsg. von Henneberger 43); die 'wolken' dürfen nicht eher als nach meinem tode ans licht kommen. es sind wahre wolken voll schnee und hagel, die gott wegwehte. Lenz an Herder (aus Herders nachlasz 1, 240); wenn diese vergehungen auch wahre verbrechen, wenn es auch vorsetzliche laster wären: ach! ich würde ihr doch vergeben. Lessing 2, 2 (miss Sara Sampson 1, 1); umgekehrt hatte könig Wilhelm von England, damals der wahre schiedsrichter Europa's und der hort des politischen gleichgewichts, vor allem die sorge, dasz durch das spanische erbe nicht die macht eines bereits starken geschlechts ... gesteigert werde. v. Sybel kl. histor. schriften3 1, 79. besonders wenn vor dem subst. ein adj. steht, das sich mit ihm zu einem begriff verbindet: als ein wahrer unerfahrner knabe hast du geglaubt, dasz die väter alle von einer art, alle von der weichlichen, weibischen art deines vaters sind. Lessing 2, 112 (Philotas 8); wohl ist mir's, dasz ich dich nicht verkannt, dasz ich gleich dich in der ersten stunde, ganz den herzensausdruck in dem munde. dich ein wahres gutes kind genannt. Göthe 1, 84; B. das ist mir wohl ein saubres häbnchen! A. ein wahres derbes grobiänchen! 4, 223. wenn wahr nur dazu dient, ein subst. als die richtige bezeichnung einer sache hervorzuheben, steht bei ihm nie der bestimmte artikel: es ist eine wahre unmüglichkeit, effici non potest. Stieler 2413. so z. b. ein wahres wunder, eine wahre wolthat, freude, wollust, entzückung, ein wahres glück, vergnügen, fest, ein wahrer spasz, dann auch ein wahrer jammer, ein wahres unglück u. s. w.: ein geitziger soldat ist ein wahres wunder. Bertuch don Quixote (1775) 2, 237; da sah ich nun ein wahres wunder jetziger bücherschnellfabrication. Immermann Münchh.2 1, 13; ein banner ... ein wahres wunder an stoff und kunstfertiger arbeit. Heyse nov. 5, 145 (die stickerin von Treviso); du erzeigst mir eine wahre wohlthat damit. Lessing 12, 304; mit den nachrichten von Wasern thust du mir eine wahre wohlthat. ich erwarte sie mit vielem verlangen. Göthe briefe 4, 228 Weim. ausg.; dagegen ist es eine wahre freude, bisweilen vernünftige junge leute zu sehen, die bescheiden und anständig sich betragen. Immermann Münchh.2 1, 198; dagegen trink' ich meinen krug bier mit brod und zucker nachmittags mit wahrer gemüthsfreude. H. Voss briefw. 1, 143; den durst sich stets mit wein zu stillen, erreget eckeln widerwillen. bald wasser aber, und bald wein, müst' eine wahre wollust seyn. Lessing 1, 204; ich schreibe in einer wahren entzückung. Rabener 3 (1752), 303; ich würde mir ein wahres vergnügen machen, wenn ich ihnen durch meine vermittelung einen kleinen dienst dabey erzeigen könnte. Lessing 1, 425; ich esse ein stück hausbacken brod mit wahren vergnügen. Möser patr. phant. 1, 116; dein letzter brief ist für mich ein wahrer zeitvertreib gewesen. Abbt werke 6, 85; es war ihm daher ein wahres fest, wenn Pazke ... eine neue ode von Ramler vortrug. Matthisson nachlasz 1, 245; es ist ein wahrer spasz auf der feerey herum zu wandern; aber es gehört ein wohlgespickter zwerchsack dazu, das musz wahr bleiben! Wieland 11, 188 (don Sylvio 3, 6); es ist ein wahrer jammer, wie viel die leute von einander fodern, erwarten, hoffen. F. H. Jacobi werke 1, 20; sie sagte es sei ein wahres unglück für das schöne Zesenburg, wenn du die wirtschaft übernähmest. Arnim 15, 91; liesze sich nicht, bald oder bälder oder bäldigst, was für ihn thun, seine hiesige wahre miszlage, in der er wie ein baum von oben her vertrocknet, zu endigen? Herder an Heyne (von und an Herder 2, 162). vgl. ferner aus der fülle der möglichen verbindungen: es ist eine wahre, wahre verläumdung. Lessing 10, 73 (duplik); bisz wir endlich mit wahrem bettel-stolz über die pforten der schlösser und häuser schreiben können: hic vivimus ambitiosa paupertate omnes. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 167; der verfasser bittet mit einer wahren autordemuth, dasz ich mich entschlieszen möchte, sie zum drucke zu befördern. Rabener 4 (1755), 433; Matthias hatte vor solchen einen wahren respect. Kerner bilderbuch 161; es würde eine wahre unbescheidenheit oder ein unerträglicher stolz sein, wenn ich jetzt nach meiner gewöhnlichen art mit ihnen schwätzen wollte. Therese Heyne an Herder (von und an Herder 2, 153); kurz und gut, er nahm den abschied und fing an juristerei zu studieren, wie papa sagt, mit einem 'wahren biereifer'. Fontane Effi Briest 12; 'wirklich!' sagte er mit einem aufleuchten seiner blassen augen und ein wahres kinderlächeln verklärte sein sonst wenig schönes antlitz. Storm werke 4, 170 (ein stiller musikant); Walter. seid ihr gefallen? Adam. — hab' einen wahren mordschlag heut früh, als ich dem bett' entstieg, gethan. H. v. Kleist 2, 31 (zerbr. krug 5); o es ist wenig nur — 'ne wahre kleinigkeit, was alle tag' geschieht. Immermann 14, 68 Hempel; die herzogin ... zeigte mir auch eine halsschnur von lapis lazuli, geschenk der kaiserin von Ruszland; ein wahres prachtkleinod. Matthisson nachlasz 1, 85; wie wird der grosze dichter diesen groszen kampf uns conterfei'n, den ärgsten, den ein mensch gekämpft, in einem wahren meisterstück von monolog! Platen 274 (verh. gabet 5); aber was ich über diesen punkt darinn (in dem briefe) gelesen, ist mir ein wahres räthsel. Lessing 1, 577; das kriechende wesen, womit er wahre grobheiten vom prinzen hinnimmt. Engel schriften 1, 140; (don Quixote) stellte sich mit einer wahren helden-miene mitten in die strasze. Bertuch don Quixote (1775) 1, 277. beliebt ist die verwendung dieses wahr bei vergleichen und bildern, z. b.: man findet daselbst einen wahren mischmasch von hochmuthe, von neide, von vaterlandsliebe, und von hunger. Rabener 4, 267; der enthusiasmus ist eiue wahre ansteckende krankheit der seele, die mit einer unglaublichen geschwindigkeit um sich greift. Lessing 11, 79; die göttergeschichte der Griechen ist bekanntermaszen ein wahres chaos, worin alles wider einander fährt und nichts zusammenhängt. Wieland Lucian 2, 5; das Gottschedische gewässer hatte die deutsche welt mit einer wahren sündfluth überschwemmt. Göthe 25, 62 (aus meinem leben 2); ein aberglaubischer fürst ist unter manchen umständen eine wahre last vor den staat. C. F. v. Moser beherzigungen (1761) 188; es ist ein peinlicher anblick, ein wahres höllenbild, so ein ganz verkommener mensch, der nun offenbar heillos in die erde hinunter starrt. F. H. Jacobi werke 1, 96; Gundling über Heumann ist eine wahre mistgrube. Herder an Eichhorn (von und an Herder 2, 286); alle sprüche und zeilen darinnen sind eigen, neu und vortrefflich. es sind wahre indische steine. Knebel an Herder (ebenda 3, 80); da drang ein dutzend anverwandten herein, ein wahrer menschenstrom; da kamen vettern, kuckten tanten, es kam ein bruder und ein ohm. Göthe 1, 211; die republikaner schwelgen darin mit wonne ... für die legitimisten aber ist das buch wahrer kaviar, denn der verfasser, der sie selbst verschont, verhöhnt ihre bürgerlichen besieger. Heine 6, 230 Elster; die hochtrabendsten sachen schrieb sie darüber, wahre hymnen. Immermann Münchh.2 1, 120; Damon. nein, sie stirbt, doch mir vermacht sie diese mächtige schatulle. wirth. solch ein testament ist würklich eine wahre goldne bulle. Platen 277 (verh. gabel 5); ein wahrer leckerbissen für jeden gourmand, und wahren kenner des volkslebens. G. Keller nachgel. schr. 121; von einer solchen sippschaft in bann und acht gethan zu werden, ist ein wahrer adelsbrief der unsterblichkeit. Bleibtreu revolution der literatur2 vii. von menschen: sie war in diesem stücke eine wahre Proserpina ... die geldküste war ihre hölle, aus welcher kein groschen zu erlösen. Riemer polit. colica 56; von diesem witze ist er ein wahrer kenner, den weisz er zu schätzen. Rabener 3, 147; sein vater war ein alter guter biedermann, so unwissend wie seine ahnen, und eine wahre zierde Deutschlands, wenn er mit seiner nachbarschaft soff. 4, 140; in ansehung der alten schriftsteller, bin ich ein wahrer irrender ritter. Lessing 12, 105; von oben sah sie einer wahren Meduse gleich, so was gräszliches und schauderliches hatte sie in ihren augen und in ihrem ganzen aussehen. Wieland Lucian 1, 178; da sie doch, ihren grauen kopf und bart abgerechnet, wahre kinder am verstande sind. 1, 179; ich handle im traume oft wie ein wahrer dummkopf. Heine 7, 131 Elster. II@77) zu besonderer bedeutung ist wahr in der kunstsprache entwickelt. II@7@aa) von altersher erscheint es (wie im lat.) in der verbindung mit bild als 'naturgetreu, der wirklichkeit entsprechend'; diese bedeutung hat sich als gegensatz zu falsch entwickelt: salve vera deum facies vultusque paterne, héil dû wâra bilde dînes fáter únde dero góto. Notker Marc. Cap. 2, 39 (1, 835 Piper); dirre werlte veste ... diu stêt âne meisterschaft. des muge wir an der kerzen sehen ein wâreʒ bilde geschehen, daʒ si zeiner aschen wirt enmitten dô si lieht birt. Hartm. v. Aue armer Heinrich 102; kan uns der lorber nicht als wie im spiegel zeigen, dasz er ein wahres bild der unverweszlichkeit. Mühlpforth teutsche gedichte 95; ente, wahres bild von mir, wahres bild von meinen brüdern! Lessing 1, 67; Adrasts Johann, und Theophans Martin: die wahren bilder ihrer herren, von der häszlichen seite! 1, 410; das zur rechten auf einem erhabenden herdte brennende feur ... ist eine wahre abbildung der könig- und fürstlichen gnade. Ch. G. Bessel schmiede desz polit. glüks (1673) 5a; ein wahres portrait ist ein ähnliches, und wie man zu reden pflegt, ein redendes portrait. Jacobsson 4, 573; wahres ebenbild, gegenbild (wo der ton auch auf das subst. gelegt werden kann): das kind ist ein wahres ebenbild seines vaters, le vrai portrait. Rondeau; ein wahres ebenbild der reichen armuth selbst. Fleming 81; ja man siht über disz ihr wahres eben-bild in dem geliebten paar der holden kinder leben. Lohenstein hyacinthen 36; meine tochter ist das wahre ebenbild von ihrer mutter. Rabener 4, 247; sie ist das wahre gegenbild meiner vortrefflichen wirthin zu Caverac. Thümmel reise 3, 63 (1794). II@7@bb) wahr steht dann überhaupt für 'mit der natur übereinstimmend', sowol in den bildenden künsten als in der dichtkunst: eine wahre schilderung, etwas wahr darstellen, auch der künstler ist wahr u. dgl.: wahr in den bildenden künsten, mit dem originale übereinstimmig und in weiterem verstande, der natur genau angemessen. Adelung; ein wahrer zeichner, darsteller. ein wahres abbild. eine wahre farbengebung. wahrer ausdruck der natur. Campe; von künstlern nur ward kunst gerichtet (bei den Griechen): ob wahr in farbe, stein, metall gebildet sei, ob wahr gedichtet in wort, gesang und tanz und schall. Voss 5, 191; ich streiche ein bild wieder aus, das mir in seiner zusammenfügung selbst schrecklich wurde, so wahr und nach dem leben dessen züge geschildert waren. C. F. v. Moser patriotische briefe (1767) 300; man kann sich so leicht mancherley fälle idealisieren, dasz das bild immer wahrer, passender, herannähernder, würdiger wird. Lavater nachgel. schriften 2, 44; ich habe das portrait hier angesehen ... und mich verwundert, wie ein mahler zugleich so wahr und so falsch seyn kann. Göthe 20, 162 (W. Meisters lehrj. 8, 3); der künstler soll nicht so wahr, so gewissenhaft gegen die natur, er soll gewissenhaft gegen die kunst seyn. 36, 245 (Diderot's versuch über die malerey); alle darstellung der form ohne farbe ist symbolisch, die farbe allein macht das kunstwerk wahr, nähert es der wirklichkeit. 36, 257; ich erfand, irgendwo im dunkel des waldes sitzend, immer tollere und mutwilligere fratzen von felsen und bäumen und freute mich im voraus, dasz sie mein lehrer für wahr und in nächster umgegend vorhanden crachten würde. G. Keller 1, 279 (gr. Heinrich). vom dichter und schriftsteller: denn nichts kann einem schriftsteller leichter begegnen, als vor lauter begierde wahr zu seyn, langweilig zu werden. Wieland 34, 197 (Aristipp 2, 33); wahrer und rührender hat wohl schwerlich jemahls ein dichter dieses schauderliche gemisch von roheit und zartheit, barbarey und humanität dargestellt, als der sokratische tragödiendichter in dieser trefflichen scene. suppl. 6, 92; es ist ein sehr wahrer zug, und ein zeichen, dasz Lucian das menschliche herz kannte, dasz er seinen Timon, ungeachtet er kaum noch so abgeneigt davon war, unvermerkt wieder lust zum reich werden bekommen läszt. Lucian 1, 88 anm.; und, unter uns gesagt, meine kenntnisse breiten sich täglich aus; meine empfindungen erweitern sich, und mein styl bildet sich immer wahrer und stärker. Göthe 10, 51 (Clavigo 1, 1); wie wahr und lebendig schildert Shakspeare die leidenschaften in ihren wildesten verirrungen z. b. in Lear, Othello, Macbeth, Hamlet! Schiller 10, 60; wie wahr und fein ist in dieser beschreibung der kampf der intelligenz mit dem leiden der sinnlichen natur entwickelt! 10, 162 (über das pathetische); wenn Haller den tod seiner gattin betrauert (man kennt das schöne lied) ... so finden wir diese beschreibung genau wahr, aber wir fühlen auch, dasz uns der dichter nicht eigentlich seine empfindungen, sondern seine gedanken darüber mittheilt. 10, 469 (über naive u. sentim. dichtung); alle romantische luftschlösser fallen ein, und nur was wahr und natürlich ist, bleibt stehen. an Körner, briefw.2 2, 54; gestalten, so wahr und individuell, als nur die natur und die lebendige gegenwart sie geben, und zugleich so rein und idealisch, als die wirklichkeit sie niemals darzustellen vermag. W. v. Humboldt über Hermann u. Dorothea 1; in den dramen, wo er (Shakespeare) das untergegangene Römertum mit den wahrsten farben schildert. Heine 5, 378 Elster; Buffon ... ist, wenn er von den sitten der thiere zu der beschreibung des landschaftlichen übergeht, in kunstreichem periodenbau, mehr rhetorisch pomphaft als individualisirend wahr, mehr zur empfänglichkeit des erhabenen stimmend als das gemüth durch anschauliche schilderung des wirklichen naturlebens, gleichsam durch anklang der gegenwart, ergreifend. A. v. Humboldt kosmos 2, 66; Kühleborn, der strenge hüter seines elements (in Fouqués Undine), ist nicht minder wahr, wahr wie eine gestalt echter mythologien, wie ein meerwunder Böcklins. R. M. Meyer die deutsche literatur des 19. jh.2 29; die personen des romans sind auch darin so wahr, dasz keine von ihnen absolut schlecht, wie auch keine mit ausnahme Nataliens absolut gut ist. Bielschowsky Göthe 2, 180; wahr und schrecklich ist dein gemälde von monarchen. Schiller 5, 2, 192 (don Karlos 1, 9). II@7@cc) wahr, wie es an den meisten der obigen stellen zu nehmen ist, bezieht sich aber nicht blosz auf die getreue wiedergabe der natur, sondern schlieszt auch die künstlerische auffassung der natur in sich. der besondere begriff des ästhetisch wahren tritt zuerst bei G. F. Meier hervor, der es von dem logisch und metaphysisch wahren unterscheidet. ästhetisch wahr ist für ihn, was für die sinne und die phantasie wahr erscheint, auch wenn es der verstand für falsch erkennt: wenn man aber hier blos den augen (und nicht dem verstande) die entscheidung der sache überläszt, so wird man nichts falsches in dieser ganzen vorstellung gewahr werden. folglich sind diese gedanken ästhetisch wahr. anfangsgründe aller schönen wissenschaften2 1, 188; ein gedanke ist ästhetisch falsch, wenn man, durch die untern kräfte der seele, denselben nicht als wahr erkennen kan; sondern wenn man vielmehr in demselben etwas ungereimtes gewahr wird. 189; manche gedanken sind nach dem urtheile des verstandes falsch, die dem ohnerachtet ästhetisch wahr sind. 191; dagegen ist eine fabelwelt ästhetisch wahr. J. G. Lindner lehrbuch der schönen wissenschaften (1767) 109. Hagedorn betrachtungen über die mahlerey 89 (s. die stelle unten 10, b, β) nahm neben dem einfältig wahren, das sich auf getreue nachbildung der natur beschränkt, das idealisch wahre an, dasz durch wahl die in der natur getrennten vollkommenheiten vereinigt, so wird als kennzeichen des wahren die vollkommenheit angeführt: wahr (beim maler) die vollkommene nachahmung desjenigen, was man so vorstellen will, dasz man dadurch täuschen möge. Jacobsson 4, 573; so wird ein kunstwerk wahr oder auch geradezu wahrheit genannt, wenn es vollkommen gelungen ist, wenn es der künstler in allen beziehungen in einer weise vollendet hat, dasz es als ideal im vollsten sinne des wortes bezeichnet werden kann d. h. wenn derselbe irgend eine sache nicht blosz allseitig erfaszt, sondern sie auch auf eine durchaus befriedigende weise dargestellt hat, dasz ihr die form ganz entspricht, die ihr der künstler gab. Furtmair phil. reallex. 4, 62. andre bezeichnen als künstlerisch, poetisch wahr das was mit unsrem empfinden und vorstellen im einklang steht; Schiller verlangt von dem poetisch wahren innere notwendigkeit des daseins: eine vorstellung also, welche wir mit unsrer form zu denken und zu empfinden übereinstimmend finden, welche mit unsrer eignen gedankenreihe schon in gewisser verwandtschaft steht, welche von unserm gemüth mit leichtigkeit aufgefaszt wird, nennen wir wahr. 10, 31 (über die trag. kunst); wirkliche natur ... von dieser kann die wahre natur, die das subjekt naiver dichtungen ist, nicht sorgfältig genug unterschieden werden. wirkliche natur existiert überall, aber wahre natur ist desto seltener, denn dazu gehört eine innere nothwendigkeit des daseyns. wirkliche natur ist jeder, noch so gemeine ausbruch der leidenschaft, er mag auch wahre natur seyn, aber eine wahre menschliche ist er nicht ... wirkliche menschliche natur ist jede moralische niederträchtigkeit, aber wahre menschliche natur ist sie hoffentlich nicht, denn diese kann nie anders als edel sein. 10, 494 (über naive u. sentim. dichtung); historisch wahr ist, was in keinem widerspruch mit der wirklichkeit, poetisch, was in keinem widerspruch mit den gesetzen der einbildungskraft steht. W. v. Humboldt über Hermann u. Dorothea 300; philosophisch wahr ist. was sich erweisen läszt, poetisch wahr das, wovon man überzeugt ist, oder besser, was man als wahr fühlt, im gegensatze zu dem, was man als wahr weisz. Grillparzer 9, 85 (zur ästh. im allg.); was dem empfindenden menschen wahr ist, ist poetisch wahr, und was dem denkenden menschen wahr ist, philosophisch wahr. 86. künstlerisch, dichterisch wahr tritt in diesem sinne sogar in einen gegensatz zu wirklich: in solchen entzückungen erblickt Homer die wagen und rosse der götter; Virgil höret in den finsternissen der hölle das schreckliche geschrey des Phlegias: beide finden dinge, die nirgends sind, und die doch wahr sind. Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 37; die personen des gemähldes sind aus der geschichte genommen. ihr beysammenseyn im grabmahl; die handlung, der ausdruck einer jeden, der umstand mit dem knaben ist gedichtet. aber nichts widersprechendes ist darinn. wir sehen, und glauben. für unser gefühl ist es wahr. J. G. Jacobi von der poetischen wahrheit (Iris 1, 19. 1774); in einem gedicht musz alles wahre natur seyn, denn die einbildungskraft gehorcht keinem andern gesetze, und erträgt keinen andern zwang, als den die natur der dinge ihr vorschreibt; in einem gedicht darf aber nichts wirkliche (historische) natur seyn, denn alle wirklichkeit ist mehr oder weniger beschränkung, jener allgemeinen naturwahrheit. Schiller 10, 241; Göthe's gestalten gehören keiner zeit; sie sind wahr, niemals wirklich, so wie er es von der kunst verlangte. Treitschke d. gesch. 4, 417; ob anschauungen poetisch sind, d. h. ob sie wahr sind, das heiszt wieder, ob sie aus einem reinen oder einem raffinirten act der phantasie hervor gegangen sind, erfährt man am besten von den kindern. alles, was kindern kommt oder doch kommen kann, ist allgemeinmenschlich und darum auch, wenn es im poetischen kreise liegt, poetisch. Hebbel tagebücher 3, 143 Werner. wahr von der schauspielkunst: wenn aber die beschränkte bühne nicht so, wie die natur, den frohen blick ins grüne gewährt, so stellt sie doch, lebendig, wahr, was uns am nächsten ist — den menschen dar. J. G. Jacobi werke3 7, 67. II@88) zur vertiefung des begriffes 'wahr' hat besonders die philosophische forschung geführt, worüber näheres in dem artikel wahrheit beigebracht wird. neben das subjektiv, empirisch wahre, das auf dem bewusztsein eines einzelnen von der übereinstimmung seiner erkenntnis (meinung, aussage) mit dem gegenstande, worauf sie sich bezieht, beruht, wird das objektiv, metaphysisch, transcendental wahre gestellt, das sich auf die allgemeinen denkgesetze oder das wesen der dinge an sich gründet und von der erfahrung des einzelnen unabhängig ist. auf Leibnitz geht die unterscheidung zwischen ewig, notwendig wahr und zufällig wahr zurück, die in bestimmten sinne auch von Kant angenommen wird: dasz alle körper ausgedehnt sind, ist nothwendig und ewig wahr, sie selbst mögen nun existiren oder nicht, kurz oder lange, oder auch alle zeit hindurch d. i. ewig existiren. der satz will nur sagen; sie hängen nicht von der erfahrung ab (die zu irgend einer zeit angestellt werden musz,) und sind also auf gar keine zeitbedingung beschränkt, d. i. sie sind a priori als wahrheiten erkennbar, welches mit dem satze: sie sind als nothwendige wahrheiten erkennbar, ganz identisch ist. Kant 3, 376 (über eine entdeckung u. s. w.); wenn wir von mathematischen, thatsächlichen, sittlichen wahrheiten sprechen: so ist der gemeinsame charakter dessen was wir wahr nennen, dasz es ein nothwendig und allgemeingültig gedachtes sei. Sigwart logik 1, 8. Hegel unterscheidet wahr und gewisz: die blosze vorstellung unterscheidet nicht zwischen gewiszheit und wahrheit. was ihr gewisz ist, — was sie für ein mit dem object übereinstimmendes subjectives hält, — das nennt sie wahr, — so geringfügig und schlecht auch der inhalt dieses subjectiven seyn mag. die philosophie dagegen musz den begriff der wahrheit wesentlich von der bloszen gewiszheit unterscheiden. 7, 2, 255; diese gegenstände sind wahr, wenn sie das sind, was sie seyn sollen, d. h. wenn ihre realität ihrem begriff entspricht. 6, 386. ein urtheil, eine erkenntnis, ein begriff ist wahr: wenn unser urtheil möglich ist, wir mögen es erkennen oder nicht, so heiszet es wahr. Ch. Wolff vern. gedancken v. gott 1, 214 (§ 395); wenn wir uns gedencken, dasz etwas sey oder seyn könne, und es ist oder kan seyn; so nennen wir unsere gedancken wahr. vern. gedancken von den kräfften des menschl. verstandes4 164; es ist demnach eine erkentnisz wahr, wenn sie nicht unmöglich ist, und dem satze des zureichenden grundes gemäsz ist. G. F. Meier auszug aus der vernunftlehre 24; jederman hält dasjenige für wahr, was er sich als möglich vorstelt, und wovon er gründe und folgen erkennt. metaphysik 1, 155; begriffe sind wahr, wenn sie merkmale enthalten, die sich einander nicht aufheben, die also zugleich denkbar sind. der begriff eines zirkels ist wahr; denn die merkmale, die davon angegeben werden, sind einander nicht widersprechend. Mendelssohn morgenstunden (1786) 1, 6; urtheile also sind wahr, wenn sie von den begriffen der subjecte keine andre merkmale aussagen, als die in denselben statt finden. 1, 7; unsere gedanken und erkenntnisse sind wahr, oder enthalten wahrheit, wenn das, was ihren inhalt bildet, nichts anderes ist, als die wirklichkeit, die man für ihren inhalt hält. Furtmair phil. reallex. 4, 60; jede affirmation oder, was dasselbe ist, jede erkenntnisz ist wahr, die mittelbar oder unmittelbar die absolute identität des objektiven und subjektiven ausdrückt. denn wahr ist eine erkenntnisz, welche affirmation ist von etwas, das ist. Schelling 1, 6, 497 (system der ges. philos.); ein urtheil ist wahr, wenn es grund hat, falsch, wenn es keinen grund hat, irrthum, wenn es, ohne grund zu haben, doch behauptet wird. Fries logik2 435; wissen überhaupt heiszt: solche urtheile in der gewalt seines geistes zu willkürlicher reproduktion haben, welche in irgend etwas auszer ihnen ihren zureichenden erkenntniszgrund haben, d. h. wahr sind. Schopenhauer 1, 91 Grisebach; ein begriff ist richtig; ein urtheil wahr; ein körper real; ein verhältnisz evident. 2, 139; dasz wenn ein urtheil eine erkenntnisz ausdrücken soll, es einen zureichenden grund haben musz: wegen dieser eigenschaft erhält es sodann das prädikat wahr. 3, 122. II@99) wahr als 'wahrhaft, aufrichtig' reicht zwar weit zurück, hat aber bis auf die neuere zeit keine erhebliche ausdehnung gewonnen. in ahd. glossen und übersetzungswerken findet sich wâr als wiedergabe von 'verax': thie thâr intphieng sîne giwiʒscaf, ther gizeihhonôta thaʒ got wâr ist (qui accepit testimonium eius signavit quia deus verax est). Tatian 21, 7; veratia, wâriu Steinmeyer-Sievers gl. 1, 528, 60; mêister wir wiʒʒen wola daʒ du wâre hêrro bist (magister scimus quia verax es). Notker ps. 101, 9. im mhd. und älteren nhd. erscheint aber das wort in der ausgesprochenen bedeutung von 'verax' nur sehr selten, obgleich allerdings bei dem attributiven wahr die bedeutung 'wahrhaft' vielfach nebenbei angenommen werden kann, z. b. wahre rede, wahre busze, wahre liebe, wahrer freund, wie sie auch durch das subst. wahrheit als 'aufrichtigkeit, zuverlässige gesinnung' vorausgesetzt wird. doch ist die bedeutung so wenig ausgeprägt, dasz sie in den wörterbüchern nur ganz vereinzelt auftritt: warer, verus, verax, verificus, oder warhafftiger. voc. theut. (Nürnb. 1482) nn 1a; vgl. ferner oben sp. 720 die wiedergabe durch rechtschaffen, aufrichtig u. dgl. noch Adelung und Campe buchen die bedeutung nicht; letzterer bemerkt nur bei wahrhaft, dasz dafür wahr 'nicht gewöhnlich' sei. wahr in prädicativem gebrauch von menschen begegnet zunächst nur mit verdeutlichendem zusatz: des libes starc, volkumen gar an ir liden, liechtgevar was ir anschouwen, brun reideʒ har, stete an ir worten war. Ludwigs kreuzfahrt 733 Hagen; mänlich sine rittershaft er ubete in vollem prise; nach gote der werlde wise, siner gelubde, siner worte war. den vienden ein strenger var. 1026; sein thun ist lauter güte, sein werk ist rein und klar; treu ist er am gemüte, im wort und reden wahr. P. Gerhardt 102, 20 Gödeke. seit dem 18. jahrh. auch ohne dies: sey wahr, und sprich, ists stets in unserer gewalt zu lieben wie und wen wir sollen? Wieland 9, 15 (Musarion 1); du selber sollst uns sagen, was du vor hast, denn du bist immer wahr mit uns gewesen. Schiller 12, 299 (Wallenst. tod 3, 15); das schlimmste ist das falsche wort, die lüge. wär' nur der mensch erst wahr, er wär' auch gut. Grillparzer 6, 7 (weh dem, der lügt 1); Karl, sein sie wahr gegen mich! wo weilt der gröszere, in dessen dienste sie eigentlich stehen? Immermann Münchh.2 2, 12; wenn ihr wahr sein wollt, gibt es eigentlich keine ideale malerei mehr. Gutzkow ritter v. geist2 3, 300. während in den bisherigen beispielen wahr nur auf die rede geht, kann es auch auf das ganze auftreten und benehmen bezogen werden (wie in entgegengesetztem sinne falsch): dein weg ist krumm, er ist der meine nicht. o! wärst du wahr gewesen und gerade, nie kam es dahin, alles stünde anders! Schiller 12, 262 (Wallenst. tod 2, 7); wirf endlich diese stelze weg vornehmer gleisznerei: wahr sei der mensch, er krieche nicht, sonst braucht es kein gebet. Platen 68; das kräftige mädchen mit dem dunkeln, geflochtenen haar, der stolzen haltung und demütigen kopfneigung ist ein rätsel. ist sie wahr oder spielt sie eine rolle? Frenssen die drei getreuen 239. auch: innerlich wahr sein: wenn ein starker charakter, um sich selbst getreu zu bleiben, treulos gegen die welt wird, und um innerlich wahr zu sein, das wirkliche für eine lüge erklärt. Göthe 34, 103 (gesch. d. farbenl.). wahr bleiben, werden: in steter nothwehr gegen arge list bleibt auch das redliche gemüth nicht wahr. Schiller 12, 188 (Piccol. 5, 1); Deutsche, werdet wahr! ihr seid's vielleicht gegen andre, doch nicht gegen euch selbst. Grillparzer 1, 205 (sinngedichte). als adverbium: wahr empfinden (oben sp. 708), fühlen, verehren, lieben, es wahr mit jemand meinen u. s. w.: sie also, sie war gemeint, wo ich so gränzenlos, so warm, so wahr mich angebetet glaubte? Schiller 5, 2, 243 (don Karlos 2, 9); lebhaft und sicher wahr fühlen und sagen zu können: da lebt eine seele die mich unbeschreiblich liebt. Biester an Bürger (Bürgers briefw. 1, 211); schreiben sie mir recht wahr und aufrichtig! Knebel an Caroline Herder (von und an Herder 3, 194); denn mag er den andern leuten etwas vorgeflunkert haben, mit mir meinte er es wahr. Immermann Münchh.2 3, 185. attributiv kommt wahr nur wenig neben wahrhaft in dessen voller bedeutung zur geltung. wahrer mensch: übrigens begreife ich nicht, wie einer, der es schicklich finden kann, dasz ein sänger, ein flötenspieler, ein komödiant seinen besondern habit habe, nicht auch dem manne, der profession davon macht ein wahrer und guter mensch zu seyn, etwas eigenes in seinem äuszerlichen erlauben will. Wieland Lucian 3, 160. wahrer ('wahrredender') mund, ferner wahrer sinn, wahre thränen u. dgl. (vgl. oben 5, b wahrer ernst und andre verbindungen, wo wahr den gegensatz zu vorgeblich bildet): mit wahrem mund, ausz hertzen grund, ich sprich mit thewren wohrten. Spee trutznacht. 31; mein herr, auf den ich traw, der du den blinden scharen, dem armen heiden volck, hast deine trew erweist, undt was dein wahrer mundt versprochen, klar geleist. Gryphius sonette 83 neudr.; nein, nein, umsonst bedeckst du dein vergehn: dich blendet liebe zu dem undankbaren. ich halte mich an zuverläszge zeugen, ich habe wahre thränen flieszen sehn. Schiller 15, 1, 76 (Phädra 5, 3). übertragen wird wahr 'wahrhaft' auch von der natur und andren abstracten gebraucht: die leidende natur spricht wahr, aufrichtig und tiefeindringend zu unserm herzen in der homerischen dichtung und in den tragikern. Schiller 10, 152 (vom erhabenen); diese zarte empfindlichkeit für das leiden, diese warme, aufrichtige, wahr und offen da liegende natur, welche uns in den griechischen kunstwerken so tief und lebendig rührt. 10, 153; ausser den gegenständen der natur, die in allen ihren theilen wahr und konsequent ist, spricht doch nichts so laut als die spur eines guten verständigen mannes. Göthe briefe 8, 89 Weim. ausg.; jene (die 'volkheit') spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und wahr. werke 49, 116 (max. u. refl.); die freuden sind so wahr, und nur die sorgen lügen! Arnim 1, 385; die freundschaft ist wahr und kühn — die kranke majestät hält ihren fürchterlichen strahl nicht aus. Schiller 5, 2, 192 (don Karlos 1, 9). mit annäherung an die bedeutung 'wirklich, echt, recht': zwei menschen wie wir verzehren sich nicht in ziellosem liebesgetändel. unsere leidenschaft ist kein spiel, sie musz wahr sein. Riehl am feierabend 43. auch in dieser verwendung kann wahr gesteigert werden: was kann uns zu wahreren menschen, zu bessern bürgern, zu aufrichtigern freunden machen, als sie (die religion)? Lessing 1, 438; die wahrste, aufrichtigste umarmung von ihrem ewigen Herder. Herder an Heyne (von und an Herder 2, 170). II@1010) wahr substantiviert. II@10@aa) als starkes neutrum: das wahr (vgl.das gut, recht). II@10@a@aα) in der älteren sprache als selbstständiges wort in freiem gebrauch: thô quad imo ther heilant: ih bin wec inti wâr inti lîb (ego sum via et veritas et vita). Tatian 162, 3; allaʒ wâr inti guatsô selben gotes geist duat. Otfrid 4, 15, 40; wâr unde gnâda bechâmen eîn ánderen (misericordia et veritas occurrerunt sibi). Notker ps. 84, 11; Joseph im antwurtenach ware und nach rehte. genesis 81, 4 Diemer; Mäczelein dem was swäre ze sagen im mit ganczem war vor den leuten offenbar. Wittenweiler ring 13d, 5; war zu lugen und lugen zu war machen. buch der weisheit (1485) 158 bei Schmeller2 2, 966; verum, das waar, ungefälscht, das recht. Dasypodius 258b; intendere vera, das waar und recht aufnen und fürderen. Frisius (1568) 1368b; kein tunckler miszverstand, kein fleischliches gelüsten soll in dem klaren witz' und reinen willen nisten. es soll den hellen sinn erfüllen gantz und gar das allerbeste gut, und allerwarste war. Opitz Hugo Grotius 317; bey welchen freyes wahr, der freundschafft seele, wohnt, der bleibt von ihrer (der fürsten) gunst gar sicher und verschont. Logau 2, 122, 15. das wahr als 'verwirklichung, erfüllung': von uns paidenkain valsche zung das petenprot mer freuen sol umb ain har. herzlieb, got füeg das war! Osw. v. Wolkenstein 69, 30 Schatz. sprichwörtlich: das war würt wol truckt, aber nit vertruckt. Franck spr. 1, 58b; war hat far, es sey warheit oder kauffmanns wahr. Henisch 977, 23; das wahr kompts nicht gleich, so kompts übers jahr. Petri 2, 70 bei Wander 4, 1743. im jetzigen nhd. ist dies subst. nicht mehr gebräuchlich, doch erscheint auch jetzt gelegentlich ein substantiviertes neutrum wahr, namentlich wenn dieser begriff anderen an die seite gesetzt oder gegenüber gestellt wird: er (der dichter) achtet mehr in seiner lebensrolle, denn andres volk, auf wahr, auf schön und gut. Bürger 317b; war eine ganze vergangenheit versunken hinter ihnen? war in dem augenblick die welt nicht mehr die nämliche, da sie die hand ihm boten? gift nicht mehr gift? war zwischen gut und übel und wahr und falsch die scheidewand gefallen? Schiller 5, 2, 443 (don Karlos 5, 10); dasz der vorgebliche filosof einer von denen sey, welchen wahr und falsch, recht und unrecht, so lange gleichviel gilt, bis ihnen dieses oder jenes mehr einträgt und ihren leidenschaften beförderlicher ist, diesz hätten sie früher merken können. Wieland suppl. 6, 63; dem namen Raphael schmiegen die begriffe von grosz, erhaben, schön und wahr sich eben so natürlich an, wie dem namen Klopstock. Matthisson schriften 2, 98. das wahr als 'wirklichkeit': 'ich wollte, ich wäre so alt wie ihr', sagte sie (Barfüszele) einmal ... 'sei froh, dasz der wunsch kein wahr ist', erwiderte die schwarze Marann. Auerbach schriften 9, 117. II@10@a@bβ) mit einigen verben ist dies wahr in accusativischer form eine feste verbindung eingegangen. II@10@a@b@11)) wahr sagen 'die wahrheit sagen': thia gilouba, ih sagên thir wâr,thia lâʒ ih themo, iʒ lisist thâr. Otfrid 1, 19, 25; tû wéist táz ih wâr ságo (scis me et hec vera proferre). Notker de consol. phil. 1, 19 (1, 33, 18 Piper); zehant der engel lûte schrê ... 'ir (der christenheit) honec ist worden zeiner gallen. daʒ wirt der werlt her nâch vil leit' ... der engel hât uns wâr geseit. Walther 25, 25; ich weiʒ wol daʒ sî mir den rât niuwan durch alle triuwe tete, swâ ich gevolget ir bete, daʒ enwart mir nie leit, und hât mir ouch nû wâr geseit. Hartm. v. Aue Iwein 2022; den was ir solt alsus gezilt volleclichen zwei jâr, ob d' âventiure sagt al wâr. W. v. Eschenbach Parzival 210, 18; disiu gâbe ist mir ouch ê gesant von des werden küneges hant. von im sagt wâr diʒ vingerlîn: er enpfiengeʒ von der hende mîn. 634, 9; ich sprach: nun sag mir aber slecht und bi guoter warhait recht: wie vahend din knecht die welt gar? das sag mir und sag mir war. des teufels netz 2882 Barack; ich wil üch eben sagen war wie si ain apt tuond erwellen. 4741; gelouben mir, ich sag uch waur. Herm. v. Sachsenheim mörin 512; darumb sagt Isaias war: nerrisch ding die redt der tor, und sein herz tut posheit volbringen. fastnachtsp. 12, 4; wo ... der arm warsagt und der reich leugt. Keller alte schwänke 34, 12; doch hoff ich das die wisen all werdent harinn han wolgefall und sprechen usz ir wissenheit, das ich hab recht und wor geseit. Brant narrensch. vorr. 68; ir herren, mer soln wachen disse nacht und vorsuchen des trogeners macht, ab hie gesaget habe ware. ich gleubes, es sie gelogen zware. Alsfelder passionsspiel 6919 Grein; das wil ich reden offenwar. wer anderst spricht der sagt nit war. Tiroler passionsspiele 1, 187 Wackernell; auch sagt ein ander sprichwort war: wo ist entwicht haut unde har, da wirt kein guter peltz nit ausz. Hans Sachs 13, 82, 10 Keller-Götze; wais bös und guts, sagt falsch und war. Fischart dicht. 3, 228, 63 Kurz; seht nicht ernstlich sawr alle stund, sagt offt wahr mit lachendem mund. froschmeuseler C 4b (1, 1, 1); o herr, ich hab war gesagt, daz ich nit wiszte, wo hin ich gienge, wann ich gedacht nit, das ich in den kerker gan sölte. Steinhöwel Äsop 57 Österley; wölt ir mir volgen, ich bring eüch an die ende, do ir selbs sehent und hört, das ich war sag. Tristrant 134, 20 Pfaff; und (dr. Straus) hat auch eben damit wargesagt, ob er sonst sein lebenlang gelogen hett, denn es auch also gangen. Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken G 6b; sie höreten wol seine wort, glaubten aber nicht, dasz er war sagte. Kirchhof wendunmuth 1, 174 Österley; zu einem, der über eines papageyen lästerwort schellig ward, sagte Clausz: wann dir der vogel nicht wahrsagte, würde es dich wol nicht verdriessen. Zincgref apophth. 1, 381; der pfarrer machte ein gelächter daraus (aus den gegenseitigen beschimpfungen) und sagte zu uns beyden, es gezieme sich nicht, an einem so heiligen ort einander waarzusagen. Simpl. 1, 236, 10 Kurz; meine eigene cameraden hielten anfangs diese reden vor bossen, thorheiten und aufschneyderey, und als sie im werck befanden, dasz ich jederzeit waarsagte, muste alles zauberey und mir ... vom teuffel und seiner mutter offenbaret worden seyn. 1, 247, 2; sprichwörtlich: wer will vortkommen musz sich verkeren, vor wahrsagen wol schmeicheln lehrnen. Lehmann (1630) 863; willfahen macht freunde, wahrsagen feinde. Simrock 11148. schon im mhd. wird wahr sagen auch in bezug auf künftiges gebraucht als 'prophezeien, weissagen': wer den stain in dem mund tregt, der sagt wâr von künftigen dingen. K. v. Megenberg 463, 23. im nhd. steht diese bedeutung im vordergrund, wobei wahrsagen meist ganz zu einem worte verschmilzt (s.wahrsagen), daneben setzt sich die ältere verwendung fort, doch wird hier wahr überwiegend als adverb. genommen, namentlich wenn eine weitere bestimmung sich anschlieszt (s. oben 2, b); bey unserm gott! da sagst du wahr. — lasz dich umarmen, mensch. Lessing 2, 207 (Nathan 1, 3); o! sie sagt wahr! nicht frohe zeichen sind's, die diesem bündnisz unsrer herzen leuchten. Schiller 12, 154 (Piccolomini 3, 9); Douglas. und ich verfolge so dich in der schlacht, weil man mir sagt, dasz du ein könig bist. Blunt. man sagt dir wahr. Shakesp. Heinrich IV., 1. th., 5, 3. eine besondere bedeutung zeigt sich in nd. und ndl. mundarten. wahr sagen ist hier zu 'bescheid geben', 'sein wort halten', 'für sein wort aufkommen' entwickelt: he kan den teinden nig waar seggen 'er kann nicht allen bescheid geben', auch von kaufleuten die zulauf haben. brem. wb. 5, 181; sinen nächsten waar seggen können 'zu rechter zeit bezahlen können, was man schuldig ist'. ebenda; vläm. waarzeggen von handwerkern, eine übernommene arbeit zur rechten zeit fertig machen. De Bo 1177. II@10@a@b@22)) wahr sprechen hat seine ursprüngliche bedeutung bewahrt: der in sínemo herzen wâr sprichet (qui loquitur veritatem). Notker ps. 14, 3; du sprichest wâr, Brangæne. G. v. Straszburg Tristan 9427; Kalkagno. Bourgognino! wahr spricht der graukopf. Schiller 3, 37 (Fiesko 1, 12). II@10@a@b@33)) wahr reden ist erst im nhd. belegt: ihr redet wahr, vous dites vrai. Rädlein 1026; da redet ihr wahr, darinne lügt ihr nicht, you say right. Ludwig 2368; wahr reden, dicere ad veritatem accomodate. Kirsch 378; redt war, thu recht und wart das dein. Ringwald laut. warh. (1598) 138; dasz ich wahr rede, solches wissen alle und jede, die den statum eines und des andern derer heutigen universitäten kennen. Faszmann der gelehrte narr (1729) 6; die zeit wirds lehren, ob ich wahr rede. Bertuch don Quixote (1775) 2, 122; rede mir wahr, Louise. Schiller 3, 485 (kab. u. liebe 5, 2). II@10@a@b@44)) vereinzelt wahr träumen (vgl.wahrtraum): der lôrboum hábet tía natura, úbe sîn ást ûfen slâfenten man geléget wúrt, taz imo wâr tróumet. Notker Marc. Cap. 1, 6 (1, 698 Piper). II@10@a@b@55)) wahr haben 'recht haben' (eigentlich 'die wahrheit besitzen') kommt nur in der älteren litteratur vor: hab ich nit war? hab ich recht gesagt? sum verus? Maaler 484a; sum verus? hab ich nit war? Schönsleder prompt. Kk 5c; sô liegent si et alle unde hân ich eine wâr. Reinmar, minnesangs frühling 198, 3; spricht ieman 'er hât niht wâr', dem bescheide ich die rede baʒ, daʒ er rehte erkenne daʒ diu rede wese ungelogen. Hartm. v. Aue Erec 7389; von prîse ich gap sô hôhiu pfant, daʒ ich von prîse nâch was komn. nu hân ich, hêr, von iu vernomn, ob ir mirʒ saget âne vâr, daʒ prîs ein teil an mir hât wâr. W. v. Eschenbach Parzival 699, 8 'deist niuwan von den sünden und von den untriuwen komen, daʒ wir Tristanden hân genomen sînen friunden rouplîche'. 'jâ', sprâchen s' al gelîche 'sich, dû hâst wâr, eʒ ist alsô'. G. v. Straszburg Tristan 2449; der marschalk sprach: der herr haut waur. Herm. v. Sachsenheim mörin 4045; ire lieben bruder, die frauwen hain war: Jhesus ist erstanden uffinbar von dem toide zu disser stundt. Alsfelder passionsspiel 7690 Grein; gesell, du hast wârleich war. Erlauer spiele 2, 27 Kummer; 'also ist danne uwer gnode sterker oder krenker, wie sich uwer gnode in disen sachen bewiset.' also sprach der konig: 'ir habent wor.' Eberhart Windecke denkwürdigkeiten 195 Altmann; aber weil er (der teufel) nicht gewis ist ... gibt er seine weissagunge mit solchen wanckenden worten eraus, das so es geschehe oder nicht, er dennoch war habe. Luther 3, 408a; ach gott von himel sich darein und las dich das erbarmen ... dein wort man lesst nicht haben war, der glaub ist auch verloschen gar bey allen menschenkindern. 8, 364a (12. psalm); wir liegen usz der heiligen gschrifft ... und künnen unsere lügen fidern, schleiffen, gletten und ballieren, die grösten lügen wol glosieren, das niemans solichs mercken kan, darumb wir al zeit war wöln han. Murner luth. narr 2264 Kurz; der ritter sprach: du schalck und pueb, sag, wer hat war? ich oder du? H. Sachs fab. 2, 247, 111 neudr.; du hast ouch war, bist aber gschyb, ich will dir volgen, dunckt michs best. Daniel (Bern 1545) Q 2a; lieber herr pfarrer, ir hond gleich war. Schade satiren 2, 153, 35. gern verbunden wahr und recht haben: es ist nit minder, ich was huorenwirts knecht, das weistu selbs wol und hast wol war und recht. N. Manuel, Elsli 168 Bächtold; so hast du (der schwörende jude) war und recht, so dir helfe Adonay. Schwabensp. 215 Gengler; wo ich aber nit recht oder waar hab an diser sachen ... so sei ich verfluocht ewiglich. des heyl. römischen reichs ordenungen (Worms 1536) 153b; wann sie (Husz und Hieronymus) hatten grosz getrawen zu in selber und mainten, sie wolten das concilium alles hinder sich treiben und sie wolten war hon und recht. Zinks Augsburger chronik, städtechr. 5, 63, 16; welcher man oder frau ainen ietlichen gesworen saltner von ainer rüge wegen, die er tät, des er war und recht hiet, liegen hiesz. österreich. weisth. 5, 309, 37 (Tirol 17. jahrh.). wahr haben erlischt schriftsprachlich im 17. jahrh., wird aber noch von Stieler angeführt: er hat wahr, recte monet, veritas stat ab eo. 2413. es lebt noch später in den mundarten, so im bairischen Schmeller2 2, 966 und kärntischen Lexer 250: brouder, dau haust wauhr. Grübel 2, 169, 6. zweifelhaft ist, ob die (wol hauptsächlich norddeutsche) wendung er will es nicht wahr hierher gehört: sie kommt zum bewusztsein, trägt den kopf hoch ..., aber will nun nichts mehr wahr haben, was sonst zwischen ihnen gegolten hat. Gutzkow ritter vom geist2 5, 171; sie spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie bete, sie will es aber nicht wahr haben. Fontane Effi Briest 514. Gottsched sprachk.5 148 führt sie zuerst an und erklärt das gleichbedeutende er will es nicht wort haben ausdrücklich für falsch. dagegen sagt Heynatz 2, 651: 'er will es nicht wort haben für er will es nicht an sich kommen lassen, nicht zugestehen, dasz die sache, die man von ihm oder einem ihn nahe angehenden gegenstand behauptet, richtig sei, ist eine alte gutdeutsche redensart, die Gottsched mit aller gewalt in er will es nicht wahr haben geändert wissen wollte'. in der that scheint er will es nicht wort haben, das sich schon aus dem 16. jahrh. belegen läszt, das ursprüngliche zu sein; die entstellung wird in mundarten aufgekommen sein, wo wahr (wôr) und wort (wôrd) einander lautlich nahe standen. möglicherweise könnte auch nicht wahr haben wollen 'es nicht gelten lassen wollen' mit dem oben angeführten mundartlichen wahr sagen 'für sein gegebenes wort aufkommen' zusammen zu stellen sein. II@10@a@gγ) das subst. erscheint auch in präpositionellen wendungen. ahd. in wâr, in wâre, zi wâre, mhd. zewâre, zwâre, mhd. bî wâre 'in wahrheit' stehen zunächst in verbindung mit den verben sagen, wissen: ih sagên thir in wâr mîn. Otfrid 1, 8, 3; nu saget mir in war,ist dizze îuwer minnister bruoder? genesis, fundgruben 2, 66, 35; so wiʒʒet daʒ in al war,so hat erʒ wiʒʒende getan. Diemer 34, 3 (bücher Mosis); zi wâre sagên ih thir. Otfrid an Ludwig 62; forstuontun zi wâre (vere cognoverunt). Tatian 177, 5; ich wil iu daʒ zwâre sagen. Hartm. v. Aue Iwein 849; nu wiʒʒet wol ze ware,mit wunnen sint si dare. Diemer 59, 15 (bücher Mosis); di frouwe ieso genode sprach nit von sime dode, si jach iedoch bi ware mit worten uffenbare. wi si nach godes hulde vil schire varen solde zu himelischer frouden hin. Elisabeth 8865 Rieger. sie werden dann ohne nähere verbindung mit einem verbum zur betheuerung der wahrheit in eine aussage eingeschoben: thes fater namon in mîn wârthen firsagên ih iu sâr. Otfrid 1, 9, 17; er fastêta unnôtothâr niwan hunt zîto sehszug ouh thârmiti in wâr;sô ruarta nan thô hungar. 2, 4, 4; thâr bûent inne in wârewolvâ filu swâre. 2, 23, 10; zi wâre gotes sun bist (vere filius dei es). Tatian 81, 5; er ist ze ware min got (et enim ipse est deus meus). Notker ps. 61, 5; jâ zimet es uns beidenzwâre lâʒen baʒ. Nibel. 1720, 1; hie enphor was Ôsterrîch ze wâre unde sicherlîch niht wan ein heidenschaft. Enikel fürstenbuch 30 Strauch; trîp her în dise vierleige liute: blinden unde lamen, sieche unde kranke: bî wâr! niemer nieman ander enbîʒet mîner spîse. d. mystiker 2, 115, 16 (meister Eckhart). über die weitere entwicklung des mhd. zwâre s. den artikel zwar. auch das erst im mhd. auftretende für wâr steht zunächst in verbindung mit verben. für wâr haben: got hât getân ze manger stunt und tet ie und tuot noch diu dinc in slâfe diu man doch für wâr muoʒ haben unde hât. Reinfrit v. Braunschweig 13457. für wâr sagen, sprechen: man muose ouch mir für wâr dâ jehn daʒ nie schœner mannes bilde wart. W. v. Eschenbach Parzival 497, 28; mir ist niht für wâr gesagt, wie verr dâ zwischen wære. 792, 14; wan ich sagt eʒ vür die wârheit: wand eʒ was mir vür wâr geseit. Hartm. v. Aue Iwein 2980; ob eʒ dir liep ist oder leit, künic, sî dir für wâr geseit, kümst dû niht zuo der küniginn, zwâr sô verleitent dich dîn sinn. Enikel weltchronik 25838 Strauch; daʒ sî iu vür wære geseit. Lamprecht Franzisken leben 2935; man sagt für war, und wern die reichstett von stundan, als sie die sach vernommen, für Sunshaim gezogen mit tausent mannen, sie hetten leut und guet ledig gemacht. Zinks Augsburger chronik, städtechr. 5, 151, 18; ich sage dir daʒ für wore. Königshofen, städtechr. 8, 306, 12; daʒ ich vür wâr wol sprechen mac, daʒ ich sô grôʒ arbeit nie von ungeverte erleit. Hartm. v. Aue Iwein 270; in ein klôster fuor sie sâ ... daʒ ich für wâr sprechen mac, daʒ diu sêle, dô der lîp erstarp, die êwigen freude erwarp. Otte Eraclius 848 Gräf. für wahr vernehmen, erkennen, wissen, glauben, lesen u. dgl.: ich han fur war vernomen. Roland 126, 19; si sprach 'ich hân für wâr erkant durch waʒ du zuo mir bist gesant. W. v. Eschenbach Parzival 645, 21; desn weiʒ ich niht für wâr. Albr. v. Johansdorf, minnesangs frühl. 88, 6; daʒ nie von rîters hant geschach mir grœʒer nôt, für wâr ichʒ weiʒ, dan von iu. W. v. Eschenbach Parzival 749, 13; daʒ ein mensche borget oder koufit daʒ her vur wâre nicht enweiʒ ob iʒ rechte sî oder unrechte sî. mystiker 1, 115, 12; unde ist daʒ (gestohlene) gut nicht do tzu kegenworte, her mus is yn obirtzugen myt seben mannen, dy das vor wore wissen unde doch nicht ensogen, das her ym syn gut vorstal. Kulmisches recht 5, 29 Lemann; die schelmen sindt ietz also gesit, wen dir eyner wasser bitt, so meynt er für, das wisz fur wor! Murner schelmenzunft 5, 13 neudr.; ich glaub auch gentzlich disz für war. Fischart dicht. 1, 36 Kurz (nachtrab 1287); lügen wird ein warheit, so man sie für wahr glaubt. Lehmann 507, 8; mich dunckt für wor, es wer nit nott, zuo boszheyt geben solchen rodt. Murner schelmenzunft 17, 35 neudr.; wanne wir für wore lesen, das er trachen und lewen gebot und ander tieren, das sie durch not mustent wurcken und pfluge ziehen. Lutwin Adam u. Eva 3053 Hofmann-Meyer. über die nhd. wendungen für wahr halten, erzählen, bestätigen u. dgl., in denen wahr als adj. zu nehmen ist (was auch in einigen der obigen stellen zulässig ist), s. oben sp. 706. frühzeitig findet sich auch für wâr als selbstständige bestimmung: ôwê mîniu gar verlornen jâr! diu geriuwent mich für wâr. H. v. Morungen, minnesangs frühl. 128, 23; disiu âventiure diu ist scharpf und ungehiure für wâr und âne liegen. W. v. Eschenbach Parz. 557, 29; 'mich dunket, ir tâtet eʒ iezuo.' 'nein herre, für wâr.' Otte Eraclius 767 Gräf; der zweir enmac er niht empern und muoʒ sie vür wâr âne wân ... sunder allen zwîvel hân. Lamprecht tochter Syon 590; so solte sü sin unschulde bewisen mit eime glgenden ysen, wan er für wor unschuldig were des geziges. Königshofen, städtechr. 8, 423, 6; amen, vor ware. voc. pred. 9b; Diefenbach gl. 115a certe, 287c immo, 463a profecto, 613c vero, 631c utique, fur war, fur ware, vor war, vor ware. s. den artikel fürwahr, theil 4, 1, 927 f. II@10@bb) als schwaches substantivum. II@10@b@aα) der übergang zur substantivierung zeigt sich, wenn der, die, das wahre als 'der, die, das richtige, echte' mit beziehung auf ein vorausgehendes oder aus dem zusammenhang zu entnehmendes subst. steht: es hat auch schweisz und blut genug gekostet bis dasz die krone kam auf's rechte haupt! und unser könig, der der wahre ist, dem wir die kron' izt geben, soll nicht schlechter begleitet seyn, als der Pariser ihrer, den sie zu Saint Denis gekrönt! Schiller 13, 294 (jungfr. v. Orl. 4, 4); Wachters ableitung (des wortes abend) von dem veralteten zeitwort aben, absteigen, abnehmen, mag freilich wohl nicht die wahre sein. Lessing 11, 653; mein herz suchte sich eine philosophie, und die phantasie unterschob ihre träume. die wärmste war mir die wahre. Schiller 4, 40 (philos. briefe); aber welcher von beiden ist's? ... unter der verkleidung will er seine Emerentia erforschen, und wie herrlich würde sie ihre aufgabe lösen, wenn sie plötzlich vor den wahren träte und spräche: fürst, sie sind erkannt. Immermann Münchh.2 2, 14. ironisch (mit zu ergänzendem subst.) in Wien des is scho der wahre! Hügel 184. hierher gehört auch das in der neueren umgangssprache auftretende das ist das wahre (verstärkt: das einzig wahre) 'das richtige, geeignete, zweckmäszige': das ist das wahre, oft das ist das echte, rechte. Campe; doch mit gebein und glied und kopf blieb er ein halber klumpen, bis endlich Noah für den tropf das wahre fand, den humpen. Göthe 5, 14; ich trinke zwar öfter thee zu hause des abends; aber dies ist bei fremden leuten, die an allem etwas verdienen wollen, auch nicht das wahre. Keller bei Bächtold Kellers leben 2, 286; tag und nacht in einem strich zu fahren, wo möglich mit courierpferden, das wäre nach seiner meinung das wahre gewesen. Th. v. Bernhardi jugenderinnerungen 61. vgl. holstein. he hett dat wâre (nämlich 'geld'). Schütze 4, 328. II@10@b@bβ) das wahre 'das was wahr ist', allgemeiner als wahrheit, in der neueren sprache sehr verbreitet: das wahre haben wir beschrieben, dasz es bestehe aus der übereinstimmung der äusserlichen dinge und des menschlichen verstandes. Thomasius einleitung zur sittenlehre (1709) 6; begriffe des wahren d. i. desjenigen, was in den gegenständen der erkenntnisz für sich betrachtet angetroffen wird. Kant2 2, 307; wir haben oft von den sittenlehrern uns sagen lassen: nichts könne gut und schön, und des menschen würdig seyn, als das wahre. J. G. Jacobi (Iris 1, 11. 1774); wo nur kraft ist zum beobachten und ausforschen des wahren, da wird sie immer nützlich sein, wenn sie nur angewandt wird, der gegenstand sei, welcher er wolle. Forster an Herder (aus Herders nachlasz 2, 414); sagt nur nichts halb: ergänzen, welche pein! sagt nur nichts grob: das wahre spricht sich rein. Göthe 3, 286; der irrthum wiederholt sich immerfort in der that, deszwegen musz man das wahre unermüdlich in worten wiederholen. 49, 71; ich bin nun ein für allemal, für diese kirchlichen cerimonien verdorben, alle diese bemühungen eine lüge geltend zu machen kommen mir schaal vor ... es ist nichts grosz als das wahre und das kleinste wahre ist grosz. briefe 8, 230 Weim. ausg. (an Charl. v. Stein 1787). hang zum wahren, neigung für das wahre: begabt mit einem geraden sinn und aufrichtigen hang zum wahren in allen dingen ... machte er zum geschäfte seines lebens und zum hauptzweck seiner schriften, alle arten von lügen, blendwercken und künsten des betrugs ... zu entlarven. Wieland Lucian 1, 34 (einl.); noch ist bei tiefer neigung für das wahre ihm irrthum eine leidenschaft. Göthe 2, 150. in verbindungen: das wahre sagen, suchen, finden, sich des wahren befleiszigen, des wahren kundig sein, im wahren sein 'im recht sein' u. dgl.: und so hat denn der dichter das wahre gesagt, wie wir es denn alle nun wissen. Göthe 4, 219; lasz saagen was man wil.erfahre du das wahre. Fleming 71; aber eben dadurch, soll es uns, hoffe ich, gelingen, das wahre zwischen beyden aufzuspüren. Abbt werke 1, 86; dasz die meisten, denen ich mein räthsel aufzurathen gab, eher auf alles andere als das wahre riethen. Wieland 33, 41 (Aristipp 1, 11); X hat sich nie des wahren beflissen, im widerspruche fand er's. Göthe 3, 275; auch ist es ihnen zu verzeyhen, wenn sie als blosze menschen des wahren unkundig sind, sobald die gottheit von ihnen gewichen ist, die aus ihrem munde sprach. Wieland Lucian 2, 444; so verdient sich Grimm um deutsche sprachkunde gemacht hat, so wenig ist er im wahren, wenn er Savigny folgt, dessen zuschiebung an das deutsche volk, dasz es einer eignen gesetzgebung unfähig sei. K. Ch. F. Krause sprachwissenschaftliche abhandlungen 35. das wahre, das wirkliche, die wirklichkeit: manchmal stell' ich mir's vor, und kann mir ein langes mährchen erzählen, wenn ich so sitze und stricke oder nähe, wie alles gehen könnte und gehen möchte. komm ich aber hernach auf's wahre zurück, so will's immer nicht werden. Göthe 7, 130 (geschw.); was werden sie sagen, wenn ich ihnen einwende, dasz ihnen alle theatralischen darstellungen keinesweges wahr scheinen, dasz sie vielmehr nur einen schein des wahren haben? 38, 146 (über wahrheit u. wahrscheinlichkeit d. kunstwerke). das wahre erscheint sehr häufig mit bestimmungen, so das buchstäblich, vollkommen, ausgemacht, unbedingt, ewig, erwiesen wahre, das an sich wahre, in sich wahre u. dgl.: wobei er mit unglaublicher kühnheit das ganz absurde als ein ausgemachtes wahre der welt in's angesicht behauptet. Göthe 54, 27 (gesch. d. farbenl.); bisweilen versteht man unter dem wahrheitsgefühle auch das bewusztseyn des unmittelbar und unbedingt wahren im unterschiede von der durch schlüsse vermittelten wahrheit. Furtmair philos. reallex. (1855) 4, 64; öffnet uns das allerheiligste eures unveränderlichen, selbstständigen, wirklichen, in sich wahren, würdigen und guten. F. H. Jacobi werke 1, 235; in den wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das unzulängliche wahre, was die alten schon besessen, aufzusuchen und weiterzuführen. Göthe naturwiss. schriften 11, 153 Weim. ausg. in der kunstlehre (s. oben 7): das schöne wahre, das idealische wahre, das künstlerisch, poetisch wahre, das natürlich, historisch wahre u. dgl.: sie (die schöne natur) ist nicht das wahre, was wirklich ist, sondern das wahre, was seyn kann, das schöne wahre, vorgestellt, als ob es existirte, und mit allen vollkommenheiten geschmückt, die es annehmen kann. Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 31; das edelste idealische wahre ist blos dichterisch. es wählet und verknüpfet getheilte vollkommenheiten, die ordentlicher weise, oder in der natur, nicht beysammen anzutreffen sind. es will also, um solche vollkommenheiten zur wirklichkeit zu bringen, mit dem sogenannten einfältigen wahren, das seine ohne besondere sorgfalt gewählte vorwürfe treulich und fast zum täuschen nachahmet, ausdrücklich verbunden seyn. jenes übernimmt bey diesem die mühe der wahl, und giebt gleichsam an, was dieses nachahmen soll: und aus dieser vereinigten feinen wahl und treuen nachbildung entstehet allererst das zusammengesetzte und vollkommene wahre, dasjenige kleinod, um welches jeder künstler ringen soll. Hagedorn betrachtungen über die mahlerey (1762) 89; die richtung meines dichtens ... neigte sich nunmehr gänzlich zum natürlichen, zum wahren. Göthe 25, 134 (a. meinem leben 2); sollte nun nicht daraus folgen, dasz das kunstwahre und das naturwahre völlig verschieden sey, und dasz der künstler keinesweges streben sollte, noch dürfe, dasz sein werk eigentlich als ein naturwerk erscheine? 38, 150 (über wahrheit u. wahrscheinlichkeit der kunstwerke); mit dem unterschiede jedoch, dasz in dieser (der Cyropädie von Xenophon) das erdichtete in die historische wahrheit, in jenem hingegen (im Findling von Fielding) das historisch-wahre in die erdichtung eingewebt ist. Wieland 1, 3. das wahre steht oft im ausgesprochenen gegensatz zu das falsche: das wahre von dem falschen unterscheiden, to discern the true from the false, feigned or counterfeited. Ludwig 2368; die gelahrheit ist eine erkänntnüsz, durch welche ein mensch geschickt gemacht wird das wahre von dem falschen, das gute von dem bösen wohl zu unterscheiden. Thomasius einleit. zu der vernunfft-lehre (1691) 75; das wahre haben wir beschrieben, dasz es bestehe aus der übereinstimmung der äusserlichen dinge und des menschlichen verstandes, und das falsche, wenn diese beyde einander zuwider sind. einleitung zur sittenlehre (1709) 6; ich kann also den verstand als eine fertigkeit beschreiben, das wahre und das falsche zu erkennen und zu unterscheiden. Batteux einleitung in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 57; unvermerkt verwebt sich die einbildung mit dem gefühl, das wunderbare mit dem natürlichen, und das falsche mit dem wahren. Wieland 11, 16 (don Sylvio 1, 3); endliche, eingeschränkte wesen, die bei ihrer zarten empfindlichkeit leiden, bei ihren eingeschränkten erkenntnisz-fähigkeiten, das wahre mit dem falschen, das gute mit dem bösen vertauschen. Meiners philos. schriften 1, 54; sie lassen immer das wahre ruhn und meinen, mit falschem wär's auch gethan. Göthe 3, 279. das wahre an (von) der sache: das wahre an der sache war ohne allen zweifel, dasz Empedokles, indem er sich, beobachtens wegen, zu weit in den krater wagte, wider willen herabstürzte. Wieland Lucian 1, 214 anm.; Herodes ... schickte sogleich ein paar bediente nach seinen ziegenheerden ab, um das wahre von der sache zu erforschen. 3, 265; das wahre von der sache scheint: dasz der gute Lukas, wie so viele andre wackere leute, selbst nicht recht wuszte was er glaubte oder glauben sollte. werke 30, 268; das wahre von der sache ist, meine feinde ... haben blos diese gestalt angenommen, um dich auf andere gedanken zu bringen. Bertuch don Quixote (1775) 2, 396. das wahre ist (liegt darin): das wahre ist, Solon sammelte keine schätze. Wieland Lucian 4, 311; das wahre ist, dasz ich mich beynahe in eben demselben falle befinde wie Anacharsis. 315; das wahre ist, dasz beides, wissen so wie handeln, auf dieselbe weise unabtrennliche bestandtheile des vernünftigen lebens sind. Fichte reden an die deutsche nation (1808) 151; das wahre liegt darin, von dem gegenstande selbst gleichsam sanft aufgehoben zu werden. Wieland Lucian 4, 131 anm. beliebt ist die verbindung das wahre und gute: wer ein unverdorbenes gefühl und reine begriffe vom wahren und guten hat. Wieland suppl. 6, 221; ihre volkslieder werden in jedem herzen wiedertönen, das ungekünstelt das wahre und gute liebt. Caroline Herder an Gleim (von und an Herder 1, 286); sie kennen Auguste von G.**, die treue, makellose seele, die so einzig ist, weil sie nur begriffe von gutem und wahrem hat, nur im guten und wahren witz und laune. F. H. Jacobi werke 1, 223; der trieb der vernünftigen natur zum an sich wahren und guten ist auf ein daseyn an sich ... gerichtet. 239; nur das wahre und gute bleibt in der menschheit: und das falsche, so sehr es auch etwa anfangs glänze, verliert sich. Fichte sittenlehre (1798) 470. vgl. auch: so kann man wohl sagen, das wahre sey das, so mit dem verstande, und das gute das, so mit dem willen gottes, als des urwesens, übereintrifft. Leibnitz deutsche schriften 2, 35 Guhrauer; man hat es nämlich in unseren tagen allererst einzusehen angefangen, dasz das vermögen, das wahre vorzustellen, die erkenntnisz, dasjenige aber, das gute zu empfinden, das gefühl sei. Kant 22, 307; das gute beschäftigt unsre vernunft, das wahre und vollkommene den verstand. Schiller 10, 4. ebenso: das wahre und schöne: eine menge bekannter regeln über die dichtkunst und beredsamkeit werden ... aus der nachahmung des wahren und des schönen, welches uns die natur oder die künste darbieten, (hergeleitet). Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, xxv; einem schriftsteller des zweyten jahrhunderts ... muszte bey allem seinem richtigen gefühl für das wahre und schöne, und wie sehr er sich auch nach den vollkommensten mustern besserer zeiten zu bilden suchte, hier und da etwas von dem roste seiner zeit ankleben. Wieland Lucian 1, 22 (einl.); wenigstens beweist sie, ... wie sehr man gegen jede neue abweichung vom wahren und schönen eifern sollte. J. G. Jacobi werke3 1, 113; sein gefühl für's schöne und wahre entfaltete sich immer mehr. Schubart schriften und schicksale 1, 184. vgl. auch: nicht das wahre, sondern das schöne verlangt man von ihnen (der poesie und bildhauerkunst). Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 46; das schöne thut seine wirkung schon bey der blossen betrachtung, das wahre will studium. Schiller 10, 405; so verwirrt sind die gränzen der wissenschaft und der kunst, des wahren und des schönen. F. v. Schlegel 5, 23 (über das studium der griech. poesie). das wahre, gute und schöne als das höchste ziel des menschlichen strebens (vgl. theil 9, 480): die philosophie, wiefern sie sich mit der bestimmung des menschen beschäftiget, hat drey gegenstände, gleichwie der mensch drey gegenstände seines denkens, handelns und empfindens hat: das wahre, das gute, das schöne. F. J. Riedel theorie der schönen künste und wissenschaften (neue aufl. 1774) 7; gibts nicht in jedem menschenleben ein alter, ... wo wir für grübelei und raisonnement des guten, wahren und schönen kein ohr, keinen sinn, keine seele; aber für die sogenannten vorurtheile und eindrücke der erziehung alles haben. Herder 5, 482 (auch eine philosophie ...) Suphan; das wahre, gute, schöne, ungetrennt und unzertrennlich sey unsre losung. 22, 11 (Kalligone); voll empfänglichkeit und wärme für das schöne, wahre und gute, und doch frei von schwärmerei. Schiller an Körner 19. dec. 1790, briefw. 2, 221; (die universität Halle), von der Deutschland, berechtigt durch die väterliche fürsorge Friedrich Wilhelms III., vieles erwartet für das wahre und das gute und das schöne! Luden Thomasius (1805) 152; dort wo das ew'ge steht, das wahre, gute, schöne, an dessen anblick sich erquicken göttersöhne. Rückert werke 8, 524 (weish. d. brahm. 9, 114); ... alles gute wahre schöne eine liebe ist es und ein klang. Arndt ged. (1860) 127. vgl. auch: die wissenschaften haben das wahre zum gegenstande, die künste das gute und das schöne. Batteux einl. in die schönen wissenschaften übers. v. Ramler4 1, 56; die guten aller zeiten bestrebten sich das schöne als eine darstellung des wahren und guten anschaubar zu machen. Herder 22, 9 (Kalligone); gutes ist stets bey dem wahren, in ihnen herrschet die schönheit, und sie in ihr, wo die beyden nicht sind, ist schönheit nur schminke. Bodmer Noah (1752) 98 (3, 776); wie denn das gute, schöne nimmer schwindet und, immer wirkend, immer sich erhält, sich ungesäumt zum höchsten wahren findet, als lebend zu lebendigem gesellt. Göthe 4, 124; laszt endlich, um den streit um's wahre zu versöhnen, o laszt zum guten uns vereinigen im schönen! Rückert werke 8, 208 (weish. d. brahm. 4, 191). gesteigert: das wahrere, das wahrste: das treffendste und wahrste, was man jemals über jenen räthselhaften schwärmer ... äuszerte. Matthisson schriften 3, 172. II@10@cc) das neutrum ohne bestimmten artikel: wahres. II@10@c@aα) im mhd. erscheint die wendung etwas wahres wissen 'wissen dasz etwas wahr ist', wo wahres als subst. genommen werden kann: ich weiʒ eʒ wâreʒ alse den tôt, wir sîn zer rehten verte komen. G. v. Straszburg Tristan 9433; ob man im des lougent, daʒ sol er erziugen selbe dritte die eʒ warʒ wiʒʒen. (var.: die das war wiʒʒen; die das furwar wiʒʒen; die die warheit wissen). zusatz einer handschriftengruppe zu § 217 des Schwabenspiegels, landrecht, hrsg. v. Wackernagel. in der älteren kanzleisprache eʒ ist mir wareʒ gewiʒʒen oder wiʒʒend 'ich weisz es gewisz': und sullen die sechs swern, daʒ in das wars gewissen sey, das er des aygens geseʒʒn sey bey nutz und bey gewer. bairisches landrecht tit. 16 bei Heumann opusc. 102; das in das wars gewissent sey. 105; die sullen deʒ swern, daʒ in das wars wissent sey, daʒ das ein warhait sey. 107; daʒ in daʒ wars wissen sey. 139; da sagt der merar tail, in wär des wars chunt und gewissen etc. österreich. weisth. 2, 294, 32 (urkunde v. 1398). daran schlieszt sich einen wares wissens (aus wissend?) machen: (es wurde) wyter trefflich gewarnet und wares wissens gemacht, das der Turck in mergklicher rustung ist disen herbst mit gewalt widerumb in das kunigrych Hungern ... zu ziehen. Janssen Frankfurts reichscorr. 2, 627. auch als gegensatz wahres wähnen 'fälschlich für wahrheit halten': wan er (der pfennigprediger) gît ie die sêle ze hallern und ze pfenningen und weinet derzuo, daʒ ir wænet alsô wâreʒ und varnt unwiʒʒende hin ze helle. Berthold v. Regensburg 2, 148, 27. II@10@c@bβ) im nhd. als subst.: da man redt wie gestern so heut, da man vor schand und röte gfreit, solch gwissen ist ein probierstein, da wort und wahrs mit schlagen ein, da wort und werck einander gleich. J. Val. Andreae adenlicher zucht ehrenspiegel (1623) 88. besonders heiszt es etwas wahres, viel wahres, nichts wahres u. dgl.: wer sich mit reiner erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat wahres genug. das heranwachsende kind ist weise in diesem sinne. Göthe 49, 37 (maximen u. reflex.); nichts wahres läszt sich von der zukunft wissen. Schiller 14, 109 (braut v. Mess. 4, 4). ine aussage hat viel wahres, in ihr ist viel wahres, man findet in ihr viel (etwas) wahres: was du von dem charakter der Emilia sagst, hat viel wahres. Lessing 12, 344; so viel wahres in dem ist, was im 16. briefe wider das paraphrasiren gesagt ist, so ists doch beinahe revoltant übertrieben. Lavater an Herder (aus Herders nachlasz 2, 194); ich finde in allem, was du sagst, so viel wahres, aus meinem herzen herausgesagtes, dasz ich mehr als ich sagen darf über unsere sympathie — erstaune. (2, 66); etwas wahres find' ich in diesen worten. Schiller 5, 2, 309 (don Karlos 3, 10). etwas wahres (nichts wahres) ist an einer sache (daran): etwas wahres ist an dergleichen alten volksromanen und sagen immer. Wieland 24, 126; übrigens konnte, Aspasiens ehre unbeschadet, etwas wahres an der anekdote seyn. 24, 330; dasz doch etwas wahres an dieser geschichte ist. H. v. Kleist briefe an seine schwester 77; aber nie, und wenn wirklich auch etwas wahres dran seyn sollte, nie wird die physiognomik eine wissenschaft werden. Lävater physiogn. fragmente 1, 52; ich wandte mich an Regula, mit der frage: ob ... doch etwas wahres daran seyn möchte? nachgel. schriften 2, 235; weisz auch noch nit, ob etwas wahres daran ist. Immermann Münchh.2 2, 175; daran war etwas wahres. Gotthelf Uli der knecht (1850) 264; 'es ist doch wohl etwas wahres daran' sagt man oft, wenn von einer verläumdung die rede ist. ja wohl, aber es ist eine von hunden zu fetzen gerissene wahrheit. Hebbel tagebücher 2, 10 Werner; es ist etwas wahres dran. das ist die wohlfeilste und halbsinnigste aller landläufigen redensarten, die eine innere faulheit bekunden. Auerbach 17, 208 (schatzk. 1); die (gedanken) will ich dann treulich bekennen; allein es soll auch kein titelchen wahres dran seyn. Bürger 66b; es ist nichts wahres an der sache, sie ist nicht wahr. Campe; so ist doch nicht zu läugnen, dasz im ganzen in diesen forderungen ... etwas sehr wahres liegt. W. v. Humboldt an Körner 80 (1797) Jonas. wahres kann durch adverbia verstärkt werden: sehr, lauter, buchstäblich, furchtbar wahres u. dgl.: da müszten sie mir doch etwas sehr sonderbares zu sagen haben. — nichts sehr sonderbares, aber sehr wahres. J. J. Engel schriften 12, 359; in der recension war meinem bedünken nach so lauter wahres, aber noch so wenig alles wahre gesagt, dasz ich noch manches hinzuzuthun hätte. Herder an Nicolai (von und an Herder 1, 323); in dem, was du über die alten weissagungen sagst, ist viel lichthell wahres. Lavater an Herder (aus Herders nachlasz 2, 196); im 19. brief ist viel fürchterlich wahres über die evangelische poesie oder dichtung, über evangelische süjets gesagt. 198. wahres im ausgesprochenen gegensatz zu falsches, irrthum, wahn u. dgl.: dasz ein irrthum so gut als ein wahres zur thätigkeit bewegen und antreiben kann. Göthe 49, 15 (einzelheiten); die historische ansicht fasset die vorhandenen meinungen über den gegenstand auf, versucht unter ihnen die allgemeinste und herrschendste auszulesen, stellt diese hin als wahrheit, erhält aber nichts wahres, sondern lauter wahn. Fichte wesen des gelehrten (1806) 93. wahres und gutes: herr Lessing hat selbst so viel wahres und gutes gegen die grundlose bosheit geschrieben. Engel schriften 1, 141; wahres und gutes wird sich versöhnen, wenn sich beide vermählen im schönen. Rückert ges. ged. 5, 152. wahres 'wirkliches, wirklichkeit': auch wahres, viel wahres ist mir in meinen träumen erschienen. dies wahre kann ich mir, und will ich mir auch nicht wieder unwahr machen. F. H. Jacobi werke 1, 151; diesem traum musz etwas wahres, zukünftiges entsprechen. Lavater nachgel. schriften 2, 62.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    1. Wahr

    Adelung (1793–1801) · +8 Parallelbelege

    1. Wahr , adv. vermittelst des Gesichtes empfunden, wofür, außer der Zusammensetzung, jetzt gewahr üblich ist. S. dassel…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    wahr

    Goethe-Wörterbuch

    wahr [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    wahr

    Elsässisches Wb. · +2 Parallelbelege

    wa h r [wôr Hi. Banzenh. Mütt. Bf. Str. ; wór Su. Co. ; wûr Hlkr. Dü. Illk. Ndhsn. K. Z. Han. Betschd. ; daneben wâr s. …

  4. Sprichwörter
    Wahr

    Wander (Sprichwörter)

    Wahr 1. Das ist nicht wahr, sagte der Krebs, als die Schwalbe von ihrer Reise erzählte. Wenn jemand dem widerspricht, wo…

  5. Spezial
    wahr

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    wahr adj. 1 (wahrheitsgemäß) vëi, veritore (-ri, -ria), autentich (-cs, -ca) 2 (aufrichtig) sinzier (-s, -a) 3 (richtig)…

Verweisungsnetz

68 Knoten, 72 Kanten

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit wahr

396 Bildungen · 372 Erstglied · 6 Zweitglied · 18 Ableitungen

wahr‑ als Erstglied (30 von 372)

wahrhaftig

SHW

wahr-haftig Band 6, Spalte 207-208

Wahrheit

SHW

Wahr-heit Band 6, Spalte 207-208

wahrnehmen

SHW

wahr-nehmen Band 6, Spalte 207-208

wahrsagen

SHW

wahr-sagen Band 6, Spalte 207-208

Wahrspruch

SHW

Wahr-spruch Band 6, Spalte 209-210

Wahrwort

SHW

Wahr-wort Band 6, Spalte 209-210

wahrähnlich

DWB

wahr·aehnlich

wahrähnlich , adj. wahrscheinlich; verisimile, verisimiliter. Stieler 29 . eine verdeutschung des lateinischen wortes, die wenig in gebrauch…

Wahrapfel

Campe

wahr·apfel

Der Wahrapfel , — s, Mz. — äpfel , Äpfel, welche sich den Winter über aufbewahren lassen, Daueräpfel .

Wahrarzenei

Campe

wahr·arzenei

Die Wahrarzenei , Mz. — en , eine Arzenei, durch welche man sich vor einer Krankheit in voraus wahret, verwahret (Präservativ ). Stieler.

wahrarznei

DWB

wahr·arznei

wahrarznei , f. vorbeugende arznei: verwar- oder wararzeney, medicamentum praeservans. Stieler 52 . Campe (' präservativ ').

wahrbären

DWB

wahr·baeren

wahrbären , verb. erweisen, ableitung von dem oben angeführten adj. wahrbar. bei Gottfried v. Straszburg : daʒ mîn hêr Môrolt, der hie stât …

wahrbäulich

DWB

wahrbäulich , adj. auf wahrhaftem grunde aufgebaut: dise himlisch kunst und wahrbeülich weyszhait, die uns warhafftig z göttern macht. S. F…

wahrbar

DWB

wahr·bar

wahrbar , adj. erweislich, ableitung von wahr. nur bei Gottfried v. Straszburg vorkommend: nu hœre ich al die werlde jehen, und stât ouch an…

wahrbaum

DWB

wahr·baum

wahrbaum , m. in Niederdeutschland ein querbalken oder riegel, der zur verbindung einer reihe pfähle dient, die einen deich gegen das wasser…

wahrblage

DWB

wahr·blage

wahrblage , f. in Waldeck ein kind das auf dem arm getragen wird (wārblāg e ). Bauer-Collitz 111 , zu wâren, warten, hüten. wegen blage s. t…

wahrbürge

DWB

wahr·buerge

wahrbürge , währbürge , m. gewährleister, zu währe ( fem. ) II, s. gewährbürge , theil 4, 1, 4808. die form mit a ist nd., schon mnd. warbor…

wahrbutter

DWB

wahr·butter

wahrbutter , f. in Hamburg wârbotter Richey 332 , butter die sich lange gut hält, zu nd. wâren ' währen '.

wahrdamm

DWB

wahr·damm

wahrdamm , m. in Niederdeutschland, ein damm, der das land gegen anschwellendes wasser schützt. Krünitz 232, 9 . zu nd. wâren ' hüten, schüt…

wahrde

DWB

wahrde , f. , abstractbildung zu wahr, in alter nd. sprache. Schiller-Lübben 5, 599 . brem. wb. 5, 181. namentlich in bestimmten formeln: de…

wahren

DWB

wahren verb. mit einer wahre, vollantheil an der mark ( s. oben sp. 754) versehen. das part. gewahrt wird von Möser gebraucht: man hält es f…

wahr als Zweitglied (6 von 6)

fürwahr

DWB

fuer·wahr

fürwahr [fürwar], in wahrheit, wahrlich, in der that, profecto. ein betheuernd oder doch bekräftigend gesetztes adv., das erst mhd. auftritt…

gewahr

DWB

gewahr , adjectiv und adverb , verstärktes wahr ( s. d. ). das in den bedeutungen von verus, probus aus der älteren litteratur so viel beleg…

Gottbewahr

Wander

Gottbewahr Alle Gottbewahr 1 sind möglich. Jüd.-deutsch : Alle Chas wescholem sen möglich. ( Tendlau, 844. ) 1 )D.i. die schlimmsten Fälle.

unwahr

DWB

unwahr , adj. adv. , gs. zu wahr. mhd. mnd. unwâr; mnl. onwaer, nl. onwaar. wie bei wahr gehen die bedd. nicht selten in einander über. a) r…

wāre (wahr)

MNWB

ware·wahr

~wāre (-wahr), f. , Krämerware, in Krambuden im Einzelhandel verkaufte Waren, Handelsware; vgl. krâmerîe 1 und das folgende —

Ableitungen von wahr (18 von 18)

bewahr

DWB

bewahr , f. custodia: mit freuden giengen die mitglieder auf den vorschlag des kaisers ein, das land sampt den kindern des herzogs ihm 'in b…

bewahren

DWB

bewahren , ahd. piwarôn ( Graff 1, 912 ), mhd. bewarn, noch bei Luther und Maaler 66 b richtig bewaren, nnl. bewaren. 1 1) custodire, hüten,…

bewahrung

DWB

bewahrung , f. servatio, munitio: die sie für ein festung und bewarung disz lands gebrauchen. Frank weltb. 177 b ; der das köstlichste, was …

erwahren

DWB

erwahren , 1 1) probare, wahr machen, bewähren, bewahrheiten: disz wil er ietziger zit erwaren, sin einigen sun uns offenbaren. trag. Joh. F…

gewahr

DWB

gewahr , adjectiv und adverb , verstärktes wahr ( s. d. ). das in den bedeutungen von verus, probus aus der älteren litteratur so viel beleg…

gewahre

DWB

gewahre , f. , nebenform zu geware ( s. d. ), vgl. oben gewaare sp. 4707: wann sie vom kauff ihrer gewahr den umbgang begeren, rein zu versu…

gewahren

DWB

gewahren , verb. , verstärktes wahren ( s. d. ). während das grundwort ( vgl. ahd. warôn, warên Graff 1, 912 ; warn mhd. wb. 3, 507 b ) in d…

gewahrlich

GWB

gewahrlich wahrnehmbar, erkennbar [ Metamorphose ] jene höchst einfache unerforschliche, aber doch g-e Wirkung der Natur B45,308,5 Meyer 26.…

gewahrung

DWB

gewahrung , f. , verbalsubstantiv zu gewahren ( s. d. ): man spricht noch immer, auch in der seelenforschung, von gewahrungen, wahrnehmungen…

unwahr

DWB

unwahr , adj. adv. , gs. zu wahr. mhd. mnd. unwâr; mnl. onwaer, nl. onwaar. wie bei wahr gehen die bedd. nicht selten in einander über. a) r…

unwahre

DWB

unwahre , f. , unwahrheit, gs. zu wahre, wahrheit th. 13, 754: pilgerfahrt d. träum. mönchs 2254 B.; allerley unwaren (1526) quelle bei Fisc…

unwahrlich

DWB

unwahrlich , adj. adv. , nicht wahrlich. mhd. auch unwærlich. adj.: unsers widerteils unwarlichen fürtrags ... rechtvertigung ze thuon Riede…

urwahr

DWB

urwahr , adj. , wahr mit ur- C 4 a und c. substantiviert: das innere, tiefe wahre und urwahre Schelling I 5, 179; vorgesichte des urwahren F…

verwahr

DWB

verwahr , m. und verwahr, verwahre f., sind nicht immer unterscheidbar. sichere fem.-belege sind von 1533 ( Fierrabras ) und 1610 ( Guarinon…

verwahren

DWB

verwahren , v. , erst in spätmhd. zeit belegt: Lexer 3, 295 ; mnd. (14. u. 15. jahrh. ) Schiller-Lübben 5, 497 ; Haltaus 1910 ; Diefenbach 5…

verwahrlich

DWB

verwahrlich , als adj. selten: wegen seiner ( des lindenbaumes ) starcken und verwahrlichen wurtzel Göchhausen notabilia venatoris 195 ; v.,…

verwahrung

DWB

verwahrung , f. , seit dem 15. jahrh. belegt; mnd. vorwaringe Schiller-Lübben 5, 497 . Haltaus 1911 ; Bas. Faber thes. 184 a ; Stieler 2411 …

wahre

DWB

wahre , f. gelöbnis der treue, friedenszusicherung, vertrag. ein urgerm. wort, das im mhd. noch vereinzelt vorkommt: sprich, Walther, wes ge…

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APA
Cotta, M. (2026). „wahr". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 18. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/wahr/dwb?formid=W02617
MLA
Cotta, Marcel. „wahr". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/wahr/dwb?formid=W02617. Abgerufen 18. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „wahr". lautwandel.de. Zugegriffen 18. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/wahr/dwb?formid=W02617.
BibTeX
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