[]sanft,
adj. lenis, mollis, mitis. II.
Formales. mhd. meist umgelautet senfte, semfte,
seltener sanfte
und verkürzt senft, sanft. Lexer
mhd. handwb. 2, 880,
ahd. semfte,
älter semfti, samfti Graff 6, 224.
das adverb lautet ahd. samfto, sanfto Graff 6, 225,
und behält, weil hier der anlasz zum umlaut fehlt, auch mhd. den gleichen stammvocal, samfte, sanfte Lexer 2, 603.
man vermutet in dem wort, das im goth. und altnord. nicht belegt ist, ein verbaladjectiv und ist geneigt, es mit goth. samjan,
gefallen, zu gefallen suchen, und altnord. sæmr,
passend, zusammenzustellen. Weigand 2, 523. Kluge
nom. stammbildungsl. § 233.
etym. wb.4 290
b. sanft
würde also auf dieselbe wurzel zurückgehen, die in griech. ὁμός,
deutsch sam,
gleich sammeln, zusammen
vorliegt. das f
bildet keine schwierigkeit bei dieser erklärung. es ist als ein secundärer laut zu betrachten, wie er sich zwischen den gleichen consonanten auch sonst entwickelt (
vergl.kunft
von kommen,
goth. ga-qumþs).
durch den einflusz des häufig gebrauchten adverbs ist im nhd. auch in der adjectivischen form der alte vocal a
wieder an die stelle des umlaut-e
getreten. nur in älterer sprache begegnen hier noch umgelautete formen: wan mein ioch ist senft, und mein purde ist leicht.
cod. Tepl. Matth. 11, 30; und sind doch in des gedültige, senffte leute. Luther 3, 285
b; also wart ich in stillem lauschen gerucket in ein senften schlaf. H. Sachs
spruchged. 34, 25
Tittmann. länger scheint sich der umlaut in der steigerung zu halten. der comparativ ist im späteren ahd. als semfter
und samfter
belegt Graff 6, 225,
was den verschiedenen bildungssuffixen für diese form gemäsz (
goth. -iza, -ôza)
älteres samftir
und samftor
voraussetzt. mhd. gilt sowol sanfter
als senfter Lexer 2, 603,
nhd. ist das letztere bis ins 18.
jahrh. und landschaftlich neben dem herrschenden sanfter
auch später noch gebräuchlich: die kinder mehren zwar die sorgen und arbeiten des lebens, aber sie machen die gedächtnus des todes sänffter. Schuppius
schr. 730; o! wie schön ist alles in der sänfteren schönheit! Geszner 2, 162;
in adverbialer fügung: (
dem kriegsvolk) tet .. der überfluesz aller notturft senfter dan der sturm. Aventinus
chron. 1, 393, 8
Lexer; sollst dich sänfter (
lieber, eher, vgl. 2,
d) in den finger beiszen, als einen ärgerlichen gedanken schöpfen. A. Bucher
bei Schmeller 2, 310; dasz die büsche sänffter brausen, dasz die lüfte linder sausen .., wen wohl trifft und geht es an? Fleming 361.
der abfall des historisch berechtigten, auf i
zurückgehenden schlusz-e
der adjectivform, der schon im mhd. begegnet (
s. oben),
ist im nhd. völlig durchgedrungen. formen wie senffte,
blandus Dief. 76
b lassen sich nur aus frühen quellen belegen. bis in spätere zeit bleibt das e
des adverbs (
ahd. o)
erhalten, das durch die grosze zahl analoger bildungen geschützt wird: prediget uns aber sanffte.
Jesaias 30, 10; ich wills euch lehren, dasz rein und gras mir zugehören. ich will nicht eher sanfte ruhn; das recht das soll den ausspruch thun. Gellert 1, 40.
daneben findet sich jedoch der abfall des e
auch hier schon früh: darumb bin ich auffgewacht, und sahe auff, und habe so sanfft geschlaffen.
Jer. 31, 26; so rechte samft tet mir die rue. Suchenwirt 30, 90.
einzeln tritt in älterer sprache weitere verkürzung des worts zu senf, sanf
auf, eine erscheinung, die, wenn man nicht mit nachlässiger aussprache rechnen will, durch nachlässige schreibung ihre erklärung findet: sanff machen,
placare Dief.-Wülcker 829; sües unde senf ir âten waʒ. Walther v. Rheinau 27, 49.
auf nd. sprachgebiet hat das wort starke wandlungen erfahren. zunächst ist schon in der sprache des Heliand der nasal im inlaut geschwunden und statt dessen langes a
eingetreten (
ersatzdehnung): saftur,
comparativ des adv. 3302,
ein vorgang, der sich in neueren hd. mundarten wiederholt: bair. sà~ft, sàft Schmeller 3, 310,
frankf.-henneb. sâft Frommanns
zeitschr. 2, 170, 14. Spiesz 201,
hessisch ebenso Kehrein 1, 335,
aarg. mit übergang des â
in au sauft Hunziker 216.
dann hat sich weiter im nd. das f
vor t
in ch
umgesetzt (
vgl. nd. kracht
statt kraft, achter
statt after).
das so entstandene sacht
ist in neuerer zeit als eigenes wort wieder ins hd. herübergenommen worden (
vergl. oben sp. 1606).
von den übrigen germanischen dialekten zeigt das nld. die gleiche lautliche entwicklung, mnld. sacht,
holl. zacht.
im ags. wird germ. a
schon in vorhistorischer zeit zu ǫ,
das bei ausfall des [] nasals vor tonloser spirans regelmäszig zu ô
verlängert erscheint. Sievers
ags. gramm. § 65. 66.
umlaut des ô
ist ê § 94.
als adj. ergibt sich somit sêfte (
ahd. samfti,
mhd. senfte),
als adv. sôfte (
ahd. samfto).
aus gleichem grunde wie im nhd. (
s. oben)
wird in der weiteren entwicklung der sprache die umgelautete form durch die unumgelautete zurückgedrängt. das heutige englisch kennt nur soft.
schwed. sakta,
dän. sagte
sind wahrscheinlich lehnwörter aus dem nd. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
angenehm auf die sinne wirkend. II@1@aa)
auf den gefühlssinn. II@1@a@aα)
von dingen, die lind und weich anzufühlen sind, schmiegsam, glatt, nicht rauh, nicht hart: dû solt senfte hemde an tragen.
myst. 2, 473, 32; des paums stam ist sänft und waich. Megenberg 328, 22; sein (
des ölbaums) öl ist grüen, sänft und vaiʒt. 335, 7; im stroh herum waltzen, oder in einem sanfften beth schnarchen ... wird er vermeinen seye eben eins. Schuppius 699; es ligen da heruntergerissene styke mit sanftem moos bedeckt. Geszner 3, 22; alumbe an allen sîten mit senften plumîten manec gesiz dâ wart geleit.
Parzival 627, 28; süszen kusz, mit sanftem munde, drückt die dame, sorgsam sinnend, auf Almansors braune locken. H. Heine 1, 146
Elster; in ironischer wendung: im wære alze senfte ein eichîn wit umb sînen kragen. Walther 85, 13; sanftes ruhekissen,
bildlich, in dem sprichwort: ein gut gewissen ist ein sanftes ruhekissen.
auch wie nicht drückend, nicht schwer zu tragen: mein (
Christi) joch ist sanfft, und meine last ist leicht.
Matth. 11, 30. II@1@a@bβ)
von leichter, leiser berührung, sanfter druck: unter sanftem druck den süszen widerstand. Wieland 22, 269;
bildlich, auf jemanden einen sanften druck ausüben; swaʒ sie nôt übergienc, daʒ dûchte sie ein semfte slac.
pass. 292, 29
Köpke. in adverbialer fügung: Amalia .. sanft seine hand ergreifend. Schiller
räuber schauspiel 4, 2; die streichelte ihm sanft die stirn.
V. Weber
sagen d. vorzeit 3, 341; der gute könig sitzt, indem er mit der rechten hand die stirne ganz sanft sich reibt, auf seinen arm gestützt in seinem sorgestuhl. Wieland 10, 262; wenn Minna mich, am ufer meiner Leine, sanft in den armen hielt. Hölty 134
Halm. bildlich, jemanden sanft anfassen; sanft ruhen, liegen, sitzen,
weich: die storch .. lâʒent ir aigen federn reisen in jr nest, wenne si prüetent, dar umb, daʒ diu kindel sanft sitzen. Megenberg 175, 18; ich erzürne eteslîchennoch hiute dâ vor, der gerne sampfte lægeund hete sîn gemach.
Nib. 457, 3.
sprichwörtlich: sein haupt nicht sanft legen bisz etwas geschehen ist, das man wünscht. Frisch 2, 148
a; sanft gehen,
molliter, als auf gras in einer wiese.
ebenda; von der gebundnen wiesenbahn brechet rosen, narcissen, dasz sie sanft genug gehen kann, streuet zu ihren füszen.
des knaben wunderhorn 1, 428
Boxberger. II@1@bb)
auf das gehör, sanfter laut, ton: je näher die sanften töne kamen, je sysser ward seine wollust. Geszner 2, 28; aber was vor ein sanftes gezwitscher, welch heischrer gesang tönt dort von der sumpfichten wiese? 164; sein ohr trank gierig die sanften töne aus ihrem melodischen munde. Musäus 1, 10; der sanfte ton ihrer stimme entzückte sein ohr. 104; Amalia mit sanfterem ton. Schiller
räuber schausp. 2, 2; sanfte, aber ernste töne klingen jetzt herüber. Grillparzer 3, 125; darauf die dame von Saverne versetzt mit sanftem ton. Schiller 11, 251; nim, du rosenmädchen, bitt' ich, deines sängers weihgeschenk: sanft ist jeder laut und sittig, und der unschuld eingedenk. Voss 4, 31.
seltener von der quelle des tons: tanzt, o tanzet, junge schönen! meiner sanften leyer nach. Uz 109
Sauer; sanftes klavier! welche entzückungen schaffest du mir, sanftes klavier! Schubart
gedichte aus dem kerker (1785) 275.
[] in adverbialer fügung: sanft tönen, klingen. sanft singen, spielen. Adelung; süeʒer unde senftergîgen er began.
Nibel. 1773, 3. II@1@cc)
auf das gesicht: war sie schön, wenn sie sich unter den kronleuchtern herbewegte, so war sie es noch unendlich mehr, beleuchtet von dem sanften schein der lampe. Göthe 22, 61; und wie ich lösche deinen (
der lampe) sanften strahl, so möge löschen auch, was hier (
im herzen) noch flimmert. Grillparzer 6, 49.
gern vom lichte des mondes: o lasz uns in zärtlicher umarmung den kommenden morgen, den glanz des abend-roths und den sanften schimmer des mondes, lasz uns die wunder betrachten. Geszner 3, 35; in der klarsten sanftesten mondnacht, wie sie nur in hohen gebirgszügen obwaltet, sasz die familie mit ihren gästen vor der hausthüre im lebhaftesten gespräch. Göthe 23, 65; wie des mondes sanfte lichter schien der glaube durch die thale. Tieck
Octavian. s. 21.
vom schein der sterne: wer hiesz die millionen lichter brennen, die kühle ruh und sanften wiederschein, von ihrem thron, auf unsre hütten streun? Gotter 1, 401.
von farben: ein sanftes rot, grün; aber holder noch gestaltet dich, o rose, Cypris hand. ihrer zarten dornenwunde dankest du dein sanftes roth. Bürger 3
a. II@1@dd)
auf den geruch: W. v. Rheinau 27, 49 (
die stelle s. oben unter dem formalen).
in adverbialer fügung, bildlich: o holdseligkeit und grosze liebe, wie süsze bistu, wie freundlich bistu, wie lieblich ist doch dein geschmack, wie sanffte reuchstu doch? J. Böhme
morgenr. 71 (8, 97). II@1@ee)
auf den geschmack: was döuwig ist, senft und süsz, von fisch, von flaisch ald von gemüs, das muos man in wol durkochen.
des teufels netz 5849. II@22)
allgemeiner, angenehm, mild, zunächst in seinem eindrucke auf den menschen, dann überhaupt gemäszigt in seinen wirkungen oder seinem wesen. II@2@aa)
von bewegungen und dingen in bewegung, sofern sie nicht unangenehm auf das äuszere gefühl, das gehör oder gesicht wirken, dann freier wie: nicht heftig, nicht ungestüm, sanftes schaukeln, rauschen, sausen, säuseln, sanfter wind: und nach dem fewr kam ein still sanfftes sausen.
1 kön. 19, 12; er stuhnd verwirrt da, zitternd, wie ein baum am sanften wind. Geszner 2, 31; da erhob sich vom walde her ein sanftes rauschen in den bäumen. Musäus 1, 41
Hempel; wann ein sanfter west nun durch die ersten veilchen bläst. Uz 170
Sauer; (
wenn) hier der west mit sanftem sausen auf wallendem getreide liegt. 334; der tödtende hüttenrauch flieh, von sanften westen zerstreuet. Zachariä (1761) 439. sanftes feuer
im gegensatz zum starken, flackernden: so nim die gumi, also wie si in dem essig ligen, mit dem essig und öle und schütt das in einen sauberen klingelstein, und setz es zuo einem senften feürlin. Gersdorf
wundarzn. (1528) 32. sanfter flusz
im gegensatz zum reiszenden: so dankte er dem himmel, als er in einer schönen und fruchtbaren ebene, an einem sanften flusse, im sonnenscheine, ein heiteres landstädtchen liegen sah. Göthe 18, 140. sanfter fittich,
sich sanft bewegender: dem geier gleich, der auf schweren morgenwolken mit sanftem fittig ruhend nach beute schaut, schwebe mein lied. Göthe 2, 64.
in adverbialer fügung: die wellen spielen da sanft mit den beschäumten wurzeln der sarbachen und der weiden. Geszner 2, 10; flieszt sanft, ihr wellen. 24; sanft steigt sie vom pferde. Göthe 10, 190; schon ist mir das thal gefunden, wo wir einst zusammen gehn, und den strom in abendstunden sanft hinunter gleiten sehn. 1, 62; ei, kommt doch der holde mai, wo das feld sich kleidet neu, wo die lüfte sanfter wehen und die blumen auferstehen. Grillparzer 3, 10.
[] manchmal, besonders in älterer sprache, geradezu wie langsam: (
der wurm) gêt vil sanfte, im ist niht gâch. W. v. Gravenberg
Wigal. 4986. sanfte gên,
übertragen, sich mäszigen: hete mîn bruoder Hagenesîn wâfen an der hant, und ouch ich daʒ mîneso möhten samfte gân mit ir übermüetealle Prünhilde man.
Nibel. 421, 3. sanfte steigung, krümmung, rundung,
allmähliche. im adverbialen verhältnis mit entsprechenden verbalen ausdrücken verbunden, sanft gekrümmt, gewölbt, gerundet, sanft an-, emporsteigen
u. ähnl.: dort hinter der wiese hebt sich der strauchichte hygel sanft empor. Geszner 2, 165; er wandelte auf einer belaubten strasze, die sanft auf hügel mit offnen baumgärten und in gelb blühende gründe stieg. J. Paul
Tit. 2, 49.
wie diese dann auch von dingen gebraucht, die eine mäszige, allmähliche steigung u. s. w. zeigen: in stickelichen gebirgen hat es fest gestein, und die geschick fallen gern ausz solchem gebirge, oder eilen gar zu sehr zum gang, darumb bawet man lieber auff flachen und sanfften gebirgen. Mathesius
Sar. 37
a; sanfft gebürge ist, wenn die berge nicht zu steil anlauffen.
bergwerkslex. (1741) 467
a; Valenciennes streckt sich an einer sanften erhöhung in einer geraden und gleichen ebene hin. Schiller 7, 276; eine herabhängende blendende laterne erleuchtete eine breite sanfte treppe. Göthe 20, 154; die lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn fusz, allein die art wie sie eine sanfte, ziemlich ebene fläche hinabflosz, war auffallend genug. 28, 66; weg künstelei! weg eitle pracht, die sie (
die natur) in flitterzierrath kleidet, die sanfte hügel eben macht, nach linien den wald durchschneidet. Chr.
F. Weisze
kinderfr. 11, 257; den wilden wald, das struppige gebüsch soll sanfter gänge labyrinth verknüpfen. Göthe 9, 277.
freier dann überhaupt wie '
allmählich',
besonders als adverb. im bilde: bis im schatten von cypressen dein blumenpfad sich sanft verliert. Gotter 1, 105. II@2@bb)
von anderen kräften, zuständen, wirkenden ursachen, zunächst auch hier wol mit beziehung auf den menschen, dann sich gleichfalls in die weitere bedeutung '
gemäszigt'
umsetzend. II@2@b@aα)
von auszerhalb des menschen liegendem, besonders von den auf uns einwirkenden naturerscheinungen, naturkräften, ein sanfter lenz, winter, ein sanfter himmel, sanfte luft
u. ähnl.: wan diu pein (
biene) ant vor hin an ir nâtûr, ob der tag sanft well sein und schœ
n. Megenberg 289, 18; vindent si (
die wettersager) daʒ würmel mitten in dem laubapfel (
gallapfel), sô kümt ein scharpfer winter nâch irr sag; wenn aber daʒ würmel an dem end ist, sô kümt ain sänfter winter. 343, 18; der untere theil von Italien, welcher mehr, als andere dieses landes, einen sanften himmel genieszet. Winckelmann 3, 52; indessen kam der sanfte abend. Geszner 2, 61; diu senfte süeʒe sumerzît diu hæte ir süeʒe unmüeʒekheit mit süeʒem vlîʒe an si geleit. Gottfr. v. Straszburg
Trist. 15, 26
Maszmann; weil nun der sänftere lenz, den zephyrs fittige kühlen, siegprangend unsre gefilde beherrscht. Uz 8
Sauer (
fassung der ausg. von 1749). sanftes bad,
wohlthuendes: nach einer so angenehmen wanderung von einigen tagen gelangte ich nach Ems, wo ich einige male des sanften bades genosz. Göthe 26, 179. sanftes wärmen,
wohlthätig, gemäszigt wirkendes: die hitze ist nur ein sanfftes wärmen, gleich wie in einem menschen, der sanguinischer complexion ist, da ist die hitze auch ein freundlich wärmen, so er sich nur recht mäszig hält. J. Böhme
morgenr. 71 (8, 94).
von zeit, gelegenheit und anderen äuszeren umständen, meist mit verinnerlichung der beziehung: mac ein man danne hân guoten tac und senfte zît der ûf den lîp gevangen lît, ern wære danne des tôdes vrô? Hartmann v. Aue
Iwein 1749; semfter reise sie ritten hin.
Ludwigs kreuzf. 5243.
mit hinüberspielen der bedeutung nach c, η, sanfte gewalt, sanfter zwang, sanfte mittel: wann die zärtlichkeit, welche sie begleitet, die verliebten räubereyen recht spricht, und nichts als eine sanfte gewalt fordert. Lessing 3, 234; es ist der krieg ein roh, gewaltsam handwerk, man kommt nicht aus mit sanften mitteln, alles läszt sich nicht schonen. Schiller
Piccolom. 1, 2.
[] sanfte haft, ein sanfter kerker,
im bilde: verleih (
o gott), dasz diese leidende maschine (
der leib) dem geist ... zu einem sanften kerker diene, bis ihn dein ruf zu deinem throne hebt. Gotter 1, 433. II@2@b@bβ)
von zuständen und verhältnissen, die ihrer entwirkung und beschaffenheit nach in der natur ihres trägers selbst begründet oder mit ihr eng verbunden sind, hinsichtlich ihrer rückwirkung auf körperliches befinden, aber auch auf das innerliche leben: sanfte ruhe, sanfter schlaf, schlummer: denn mama war, da es gemachsam bergan ging, von der schaukelnden bewegung des wagens in sanften schlummer gewiegt worden. Musäus 1, 55
Hempel; si kust in ze aller stunt vil ofte in semftem slâfe.
Nibel. 1333, 4; guot spîse und dar nâch senfter slâf diu wâren im bereit hie. Hartmann v. Aue
Iw. 4818; in einen sanften schlaf verlor sich wonniglich der sel'ge traum. Wieland 23, 292 (
Ober. 12, 75).
übertragen auf den tod: beym himmel! Gottschalks tod soll so sanft nicht seyn.
V. Weber
sagen der vorzeit 1, 21; mein herr und gott, in deine händ ich meine arme seele send; mein seel thu ich befehlen dir, ein sanftes ende giebst du mir.
des knaben wunderhorn 1, 442
Boxberger. adverbial, sanft ruhen, schlafen, einschlafen, schlummern: (
ich) habe so sanft geschlafen.
Jer. 31, 26; der hirt ... blies, nach seiner hytte gehend, sein abend-lied, als ich hier sanft einschlief. Geszner 2, 162; dieser (
der abendsegen) that die gewöhnliche wirkung, dasz er sanft dabei einschlief. Musäus
volksmärchen 1, 78
Hempel; schlummre sanft, wache froh auf. Schiller
räuber schausp. 2, 2; ich was vil sanfte entslâfen.
minnes. frühling 39, 22; ruh sanft, so lange dir das lied der amme noch erschallt. Hölty 123
Halm. vom todten: schläfst du, mein liebchen, schläfst? — wie sanft! Wagner
kindermörd. 80; ruhet sanft ihr theuren! von eurem blute begossen grünet der ölbaum, es keimt lustig die köstliche saat. Schiller 11, 74; stille, still! hier liegt mein vater, liegt so sanft und regt sich nicht. Grillparzer 3, 109.
auf die gegensätze von ruhe, schlaf, tod, auf thätigkeit, arbeit, leben bezogen, nicht beschwerlich, drückend, unangenehm: sanfter dienst,
clemens servitus Maaler 342
d; si jehent, got habe der werlde gebn michel êre und senfte lebn: doch ist ir senfte nie so grôʒ, unsenfte sî dâ hûsgenôʒ. Vridank
bescheidenh. 4, 14; (
gott) der sanfte pflichten nur uns lehret. Gotter 1, 412.
in adverbialer fügung, wie mühelos, leicht: also der drâhsel samftor uuirchet, danne dechein uuerchman. Williram 92, 3; eʒ ist sänfter ze gelauben, daʒ der würm gelebt. Megenberg 303, 22. II@2@cc)
auf bewegungen, zustände des gemüts und ihre äuszerungen übertragen. II@2@c@aα)
vom menschen in bezug auf sein inneres, zunächst wol, wie es sich äuszert im verkehr mit seinen mitmenschen, dann im sinne von gemäszigt, ohne starke leidenschaften, auch weich, ohne festen willen: wann Moyses was der senftest mann über alle die leut, die da woneten auf der erde.
bibel von 1483. 72
a (4
Mos. 12, 3,
bei Luther
in der ausgabe letzter hand ein seer geplagter mensch,
in früheren ausgaben sanfftmutiger); seitdem die gesetze zu der schwäche des menschen herunterstiegen, kam der mensch auch den gesetzen entgegen. mit ihnen ist er sanfter geworden, wie er mit ihnen verwilderte. Schiller 9, 88; der mensche senft geschaffen wart; doch kûm ist ieman also guot, daʒ nicht erzürnet werd sîn muot. Boner
edelst. 34, 8; eʒ hebt sich dik ein schelten von kleinen worten. wer daʒ tuot, der hât nicht senftes menschen muot. 41, 64. sanft
erscheint besonders als lobendes beiwort der frau: diu senfte süeʒe wol getân gienc ouch ûʒ ir bade sân an sîn bette.
Parzival 273, 15; si was kiusche, senfte gar. Ulrich v. Lichtenstein 5, 1; sie war so sanft, sie war so gut. Schiller 11, 247; die gnädige gräfin, sanft und weich, aus mitleid wol verbarg sies euch. 250;
[] fühl' ich nicht mein blut noch starren von dem grassen, eis'gen blick? und doch, meine sanfte tochter! Grillparzer 3, 20.
ebenso vom jüngling: und ein edelknecht, sanft und keck, tritt aus der knappen zagendem chor. Schiller 11, 221. sanfte gegen einen,
in älterer sprache auch in gleichem sinne mit bloszem dativ verbunden: und als er selber (
der heilige geist) senfter ist, alsô lerne von im senfte sîn dir selben und den andern.
d. mystiker 1, 326, 36; ir fürsten, tugendet iwern sin mit reiner güete, sît gegen friunden senfte, tragt gein vînden hôhgemüete. Walther 36, 12. II@2@c@bβ)
vom thier, das ein sanftes wesen hat, im gegensatz zu bösartig, gleichbedeutend mit fromm
in diesem gebrauche: ein sanftes pferd, ross: eʒ (
das pferd) was senfte unde frô. Hartmann v. Aue
Erec 1433.
mit einigen thiergattungen verbindet man diesen begriff besonders, so heiszt das schaf, die taube sanft: Isidorus spricht, ain lamp .. haiʒt agnus, von dem kriechischen wort agnon, daʒ ist sänft, wan eʒ ist ain sänfteʒ tierl. Megenberg 156, 5; (
die löwen) giengen mit im sitteklich, senften schaffen gelich. W. v. Rheinau 103, 17.
vom storch: dâ von haiʒt man den vogel den sänften vogel. Megenberg 175, 22. II@2@c@gγ)
auch auf pflanzen und anderes beseelt gedachte wird der ausdruck übertragen: das sanfte veilchen. der sanfte mond. II@2@c@dδ)
vom innern des menschen, vom gemüt, seiner art, seinen eigenschaften: es ist in jr (
der weisheit) der geist, der verstendig ist, heilig, einig, .. rein, klar, sanfft, freundlich.
weish. Sal. 7, 22; allerliebste träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes liebevolles herz. Schiller
räuber schausp. 1, 3; er (
der ring) gît gelücke und senften muot. Hartmann v. Aue
Iwein 2954; es fesselt nur verstand, in dem schoose sanfter tugend ihn (
Amor) durch ein beglücktes band. Uz 111
Sauer. II@2@c@eε)
von einzelnen empfindungen, affecten, stimmungen. sanftes entzücken, sanfte freude, sanfte liebe: festliche, gesegnete stunde, in der mein sohn, mein erstgebohrner, den frieden, ruhe und jede sanfte freud' uns wieder schenkt. Geszner 1, 33; die göttin süszer freuden, die nacht stieg aus dem meer, und sanfter liebe leiden sang keine flöte mehr. Zachariä (1761) 461.
adverbial: Petrarca konnte seine Laura nicht sanfter lieben. Klinger 2, 153. sanfter schreck, sanfte schwermut: ein gewisser trübsinn hing über ihrer stirn, sanfte schwermuth und zärtliches hinschmachten. Musäus
volksm. 1, 11
Hempel. adverbial: sanft erschroken sah ich zuryk. Geszner 3, 27. II@2@c@zζ)
von miene, gebärde, stimme, die eine sanfte person, ein sanftes herz erkennen lassen: sanftes angesicht, sanfte augen, sanfter blick: fort! fort! diese sanfte schmelzende augen weg! Schiller
kab. u. liebe 5, 7; ist es nicht dein weiszer schleier? nicht dein sanftes angesicht? oder ist es nur der mondschein, der durch tannendunkel bricht? H. Heine 1, 225
Elster. adverbial, sanft blicken. sanftes lächeln: o! wenn ein tugendhaft mädchen ... unsere lieder mit einem sanften lächeln belohnt, oder mit einem kranz! Geszner 3, 25;
adverbial, s. sanftlächelnd. sanfte gebärde: ouch tete hern Îweine wê daʒ er den lewen wunden sach, daʒ bescheinter wol: wan der brach sîne senfte gebærde. Hartmann v. Aue
Iwein 201; beʒʒer wære mîner frowen senfter gruoʒ. Walther 111, 30. sanfter gang;
adverbial: sanfft und sittig dahär gon,
clementer ambulare. Maaler 342
d. sanfte stimme, sanft sprechen:
R. Moor ... (sanfter und mit schmerz). Schiller
räuber trauerspiel 5, 6.
auch mit bezug auf ein thier, das im äuszeren ein sanftes
wesen erkennen läszt: ir pfert het einen senften ganc. H. v. Freiberg
Trist. 4471.
von anderem, das als mit gefühl, empfindung begabt dargestellt wird: sanft lächelte der mond; ich hatte einst ein schönes vaterland. der eichenbaum wuchs dort so hoch, die veilchen nickten sanft. H. Heine 1, 263
Elster. [] II@2@c@hη)
vom reden, denken und handeln eines solchen menschen: sanfte reden, worte, sanfte ermahnung, sanfter vorwurf: sanfte red, wenn einer lieblich und demüthig redt,
submissio orationis, suaviloquentia. Maaler 342
d; (
wir) danken insgeheim für die sanfte ermahnung. Schiller 3, 518; held Rostem hörte gern die rede sanft und zahm. Rückert 12, 131; mit ungestümer hast gelangt man nicht zum fange; mit sanften worten lockt man aus dem loch die schlange.
ebenda; mit sanften worten nahm er ihm die fesseln ab. 165; ich verstehe deiner liebe sanften vorwurf. Grillparzer 3, 14; sie thun wohl hier so, als ob sie mich liebten, und auch an sanften worten fehlt es nicht. 170; im winde klingt ein sanftes wort. H. Heine 1, 262.
nicht immer kommen freundliche, sanfte worte
aus freundlichem, sanftem herzen: schwarze röcke, seidne strümpfe, weisze, höfliche manschetten, sanfte reden, embrassieren — ach, wenn sie nur herzen hätten. H. Heine 1, 151
Elster. in adverbialer fügung: höre den armen gerne, und antworte ihm freundlich und sanfft.
Sirach 4, 8; die liebe, die dahinten blieb, sie ruft dich sanft zurück. H. Heine 1, 262
Elster. sanfte sitten: mit senften siten niht ze hêr gienc dâ rittr und knappen mêr mit zühten ûf der gotes vart.
Parz. 446, 27; wiewol ich ein mechtiger könig bin, ... hab ich doch mich meiner gewalt nicht wöllen uberheben, sondern mich gevlissen, gnediglich und sanfft zu regieren.
stücke in Esther 1, 2. II@2@dd)
die beziehung auf den menschen tritt stets deutlich hervor in der wendung sanft thun, einem sanft thun.
nach 1: diese krause ist steif wie ein bret und würgt mich wie ein strick, schafft eine herbei, die mir sanfter thue. Musäus
volksm. 2, 68.
häufiger nach 2: ein guter rat thut sanfft.
sprüche Sal. 13, 15; den Jüden und Pelagianern, thet es sanfft, und war leichtlich zu gleuben, das die werck on gnade from machten. Luther 3, 36
a; denn es thut mir doch sanfft, das ich auch meine undanckbare jünger, dazu meine feinde reden gelert habe. 5, 140
a; gleich wie der grosze heilige Phariseus Luce 18 für grosser trunckenheit eraus köket, und speiet uber den armen zölner, that jm so hertzlich sanfft, das er gott hoffirt und dancket, das er allein frum, und ander leute böse waren. 355
b; im alter thuts einem sanfft, der was eigens hat. Mathesius
Sar. 24
a; dîner swester zühteund ir wol gezogen muot, sô ich dar an gedenke,wie samphte mir daʒ tuot.
Nibel. 673, 2; hie gesach vrou Lûnete die suone diu ir sanfte tete. Hartmann v. Aue
Iwein 8138; wol mich, daʒ ich in hôhen muot mit mînem lobe gemachen kan, und mir daʒ sanfte tuot! Walther 100, 9; so rechte samft tet mir die rue. Suchenwirt 30, 90; (
ich) musz des morgens frü auf sten und zu frümess und zu predig geen. dasselb thut mir nit sanft und wol.
fastn. sp. 629, 34; es ist mir sonst nichts fürchterlich, als dich betrübt zu sehen dich! viel sanfter thuts zu sterben. Lenz
in Vossens
musenalm. v. 1778
nr. 47; er (
der kaiser) hat mich (
Geszler) nicht ins land geschickt, dem volk zu schmeicheln und ihm sanft zu thun. Schiller
Tell 4, 3. etwas thut dem leibe, dem körper sanft: er (
Noah) hette die kreft des weins noch nie erfaren; do er aber des selben ein wenig zu vil trank, denn er dem alten kalten leib wol zimmet und sanft thet, ward er trunken und entschlief. Aventinus
werke 1, 327, 30
Muncker; (
er) streckte sich flugs auf's ruhebette, welches seinem ermüdeten körper gar sanft that. Musäus
volksm. 2, 78
Hempel; lust, freud, wunn und alle kürzweil das fleugt von mir mit groser eil, und alles, das dem leib sanft thut, das wil mich nimer dünken gut.
fastn. sp. 720, 25. dem herzen, der seele, im herzen sanft thun: züchtige deinen son, so wird er dich ergetzen, und wird deiner seelen sanfft thun.
sprüche Sal. 29, 17; es wechsst itzund daher die zarte
[] jugent von kneblin und meidlin, mit dem catechismo und schrifft, so wol zugericht, das mirs in meinem hertzen sanfft thut, das ich sehen mag, wie jtzt junge kneblin und meidlin mehr lernen, gleuben und reden können von gott, von Christo, denn zuvor hin und noch alle stiffte, klöster und schulen gekönd haben, und noch können. Luther 5, 24
a; es geht ein süsses lüfflin reyn, das einem sanfft im hertzen thut. Alberus 118
b.
ähnlich etwas kommt einem sanft an: käme einem auch der mangel sänfter
an. Kirchhof
mil. discipl. 165. einem geschieht, ist sanft: wie kond iu in der werlteimmer sanfter wesen?
Nib. 1407, 1; ich wæn in an der vertenie so samfte geschach. 1600, 4; ir (
frau Minne) hât mich geschoʒʒen, und gât sie genoʒʒen: ir ist sanfte, und ich ab ungesunt. Walther 40, 34.
auch die verwendung des adverbs im sinne von '
gern',
besonders im comparativ, sanfter,
lieber, eher, wie sie der älteren sprache eigen ist, zeigt die beziehung auf den menschen, hier den träger der handlung: sol aber ich dich fremdensô wære ich samfter tôt.
Nibel. 284, 3. II@2@ee)
technischer ausdruck der maler ist sanfte manier,
eine art zu malen, bei der die umrisse natürlich, flieszend und leicht sind. Jacobsson 3, 15
a.