Müssen, v. ntr. mit haben, verwandelt in der Umwandlung in einigen Zeiten sein u in ü; ich muß, du mußt, er muß, wir müssen, ihr müsset, sie müssen; geb. Form, ich müsse, du müssest, er müsse unl. verg.
Z. ich mußte; geb. Form, ich müßte; Mittelw.
d. verg.
Z. gemußt. Es bezeichnet 1) nothwendig sein, sowol von natürlicher als sittlicher Nothwendigkeit; in Verbindung mit einem andern Aussageworte in der unbestimmten Form. Ein schwerer Körper, welcher nicht gestützt ist, muß zur Erde fallen. Wer leben will, muß essen. Wer den Zweck will, muß
auch die Mittel wollen. »Sie müßte ihren Werth nicht kennen, wenn sie dieses zu thun im Stande wäre.« Gellert. Müssen Sie es denn durchaus haben? Ih muß Alles wissen, wenn ich helfen soll, ich kann nicht anders helfen, als wenn ich Alles weiß, erfahre. I weiterer und uneigentlicher Bedeutung bezeichnet es oft nur eine vorgegebene oder eingebildete Nothwendigkeit. Er muß Alles wissen, er hält dafür, er bildet sich ein, es sei nothwendig, daß er Alles wisse, er will Alles wissen. »Für ihn ist Alles, zu seinem Vergnügen müssen alle Geschöpfe dasein.« Dusch. Zuweilen druckt es auch einen Unwillen aus. Muß ich denn auch immer gestört werden? Müssen Sie sich denn um Alles bekümmern? Oft bezeichnet müssen auch eine anscheinende Nothwendigkeit im Zusammentreffen der Umstände, in Ereignissen. Es mußte sich gerade so fü
gen. »Alle Tage hat sich ein Hinderniß finden müssen.« Gellert. Müssen wir uns so wiederfinden? Ach, daß es so kommen mußte! I dieser Bedeutung wird es auch gebraucht, zugleich einen Wunsch auszudrucken. So müsse es dir auch glücken! Es müsse dir gelingen! Zuweilen ist auch hier der Nebenbegriff des Unwillens damit verbunden. Daß es gerade jetzt geschehen mußte! Warum mir aber auch Alles mißlingen muß? Eben so oft wird müssen gebraucht, eine Sache als eine solche, von der man fest überzeugt ist, und die nicht wol anders sein kann, zu bezeichnen. Sie müssen das ja besser wissen, als ich. Jetzt muß er schon da sein, er ist jetzt sicher schon da. »Welche Wollust müßte es sein, ein Herz wie das ihrige zu belohnen!« Gellert. Diese Gewißheit oder Überzeugung wird oft auch nur zu einer starken Vermuthung. Es muß wol nichts an der Sache sein, sonst hätte man schon mehr davon gehört »Der Vater muß aber doch seine Ursachen haben.« Weiße. »Ir müßt euch Alle beredet haben, mir zu widersprechen.« Gellert. Drum müssen wol Gespenster sein. Auch diese Vermuthung sinkt oft bis zur Ungewißheit oder Unwissenheit und müssen bedeutet dann so viel als mö
gen. Wer muß es wol gewesen sein. Welche Zeit muß es wol sein. Wer muß denn da sein, ich höre klopfen. Doch kömmt dieser Gebrauch nur im gemeinen Leben vor. Endlich bezeichnet müssen oft auch nur einen möglichen Fall, wo es dann in der gebundenen Form gebraucht wird. Er kömmt sicher, er müßte denn eine Abhaltung haben. Ih halte ihn für gut, ich müßte mich denn sehr irren. Er müßte sich anders besonnen haben. 2) Zu einer Handlung, einem Zustande gezwungen werden oder gezwungen sein; von Personen und Sachen und gewöhnlich in Verbindung mit einem andern Aussageworte in der unbestimmten Form. Der Schwächere muß unterliegen, nachgeben. Wenn man etwas recht will und es recht anfängt, so muß es gehen. Was ich befehle, muß geschehen. Ih will und werde nicht, wenn ich nicht muß. Am besten gern gethan, denn wer nicht will, der muß. Opiz. Es soll und muß geschehen. Ih sollte es wol thun, aber ich muß es darum nicht gerade thun. »Die Menschen thun Vieles, was sie nicht sollten, und Vieles nicht, was sie sollten; aber sie thun Alles, was sie müssen.« Eberhard. »Ih soll also das thun, was ich nicht lassen darf, ich muß das thun, waß ich nicht lassen kann.Ders. S. Sollen. Oft wird aber auch, besonders wenn von ei= ner Bewegung die Rede ist, welche durch Umstand= und Verhältnißwörter näher bestimmt wird, das mit müssen sonst gewöhnlich verbundene Aussagewort weggelassen. Ih muß fort von hier, nämlich gehen, reisen, reiten Ih muß nach Hause, nämlich mich begeben. Ih muß von hier, ich muß, ich muß. Gotter. Er mußte daran, etwa gehen, er mußte es thun, sich gefallen lassen Die Sache muß wieder herbei, nämlich gebracht, geschafft werden. Oft wird die Bedeutung von müssen nicht streng genommen und man bezeichnet damit häufig nur ein großes Verlangen, eine dringende Bitte. Sie müssen aber auch Ir Versprechen, meine Bitte erfüllen. Sie müssen es aber auch nicht vergessen. Sie müssen aber auch kommen. Du mußt mich aber auch nicht verrathen. Oft gebraucht man es auch bei dringenden Ermahnungen im belehrenden Tone, wie auch bei Zurechtweisungen im gebieterischen Tone. »Diese Empfindsamkeit eurer Herzen müßt ihr zu einem lebendigen Gefühle alles dessen, was gut, recht, wahr, löblich und heilig ist, heiligen.« Cramer. Dieser große Gedanke muß deine Seele unter ihrem Grame mächtig aufrichten.« Sonnenfels. Das müssen Sie nicht von mir verlangen, erwarten. »Wenn sie anderer Meinung sind, so müssen sie wissen, daß sie jung sind und keine Erfahrung haben.« Gellert. Oft gebraucht man es auch im gemeinen Leben und in der leichten Schreibart, eine Rede zu begleiten, zu welcher man sich gedrungen fühlt, oder der man dadurch ein gewisses Gewicht geben will. »Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Inen sagen.« Lessing. »Ih muß dich doch noch etwas fragen.« Gellert. — Noch ist von müssen zu bemerken, daß es in den zusammengesetzten Zeiten, anstatt in der Mittelform zu stehen, in die unbestimmte Form gesetzt wird, wie das Aussagewort, mit welchem es verbunden ist. Er hat viel Ungemach ausstehen müssen, nicht gemußt; er hat sich Vieles müssen gefallen lassen. Ohne ein anderes Aussagewort aber wird es regelmäßig gebraucht. Wir haben wohl gemußt. Er hat ohne Umstände fort gemußt. — Ehemahls wurde müssen, wie Ad. bemerket, auch für können und für dürfen gebraucht. — Das Müssen. S. auch das Muß.