Sollen, v. ntr. mit haben, ich soll, du sollst († sollt), er soll; unl. verg.
Z. ich sollte; geb.
F. ich sollte, Mittelw.
d. verg.
Z. gesollt; überhaupt zu etwas bestimmt werden, verbunden sein durch eine wirkende Ursache etwas zu thun, zu verrichten bestimmt werden, wobei noch die Möglichkeit denkbar ist, daß es nicht gethan, verrichtet wird, welche bei müssen ganz wegfällt. Vergl. Müssen. »Ih soll also das thun, was ich nicht lassen darf, ich muß das thun, was ich nicht lassen kann. Isonderheit müssen wir das thun, was wir sollen, wenn wir es ungern thun, und also dazu gezwungen werden, der Zwang mag ein physischer (sinnlicher) oder moralischer (sittlicher) sein. Man sagt: du wirst wohl (wol) müssen; ich will dir den Willen machen.« Eberhard. Folgendes Beispiel bei Eberhard erläutert den Unterschied von Sollen und Müssen noch mehr. z Johann. Gnädiger Herr! Was soll ich? z Hauptmann. Du sollst diesen Brief nach der Post hin Tragen. — Was stehst du lange? es ist schon spät, du mußt eilen, Wenn man ihn noch annehmen soll. Drum geh geschwinde. z Johann. Sollst? Wenn ich aber nicht will? z Hauptmann (nach dem Stocke greifend). / So will ich den Willen dir machen. z Johann. Ja! wenn das ist: so muß ich wol gehen. — — Bei vernünftigen Wesen ist die zu Handlungen bestimmende oder treibende Ursache, außer den sinnlichen Antrieben, eine sittliche, und was geschehen soll, das ist als Zweck oder Mittel gut, aber was geschehen muß, ist als Mittel zu einem Zwecke nothwendig. Wir sollen gut handeln, weil es die Vernunft gebietet, wir müssen gut handeln, wenn wir wirklich glücklich sein wollen. Gott will, wir sollen glücklich sein, Drum gab er uns Gesetze. Gellert. Oft wird sollen und müssen mit einander verbunden. »Was der allweise und allmächtige Urheber aller physischen (natürlichen) und sittlichen Gesetze des Weltalls will, das soll und muß geschehen; es soll geschehen, weil es das Beste ist, und die höchste Weisheit und Güte nur das Beste wollen und gebieten kann; es muß geschehen, weil die Allmacht alls wirken kn was sie will.« Eberhard. Gemeinhin gebraucht man sollen besonders sür: 1) Durch Pflicht oder Schuldigkeit zu etwas verbunden sein »Ein anderer karget, da er nicht soll.« Sprichw. 11, 24. Be sonders in der gebundenen Form. Sprichw. Wenn wir thäten wa wir sollten, so thäte Gott was wir wollten. Du solltest es thun. Er sollte sich dieser Sache schämen. Er sollte fleißiger sein. »Wie sorgfältig sollte man sein, den Fehler in seiner ersten Geburt zu bestrafen!« Gellert. Oft auch nur, durch die Billigkeit zu etwas verbunden sein, in der gebundenen Form. Du solltest ihn nicht ungehört verdammen. Man hätte früher daran denken sollen. Man sollte so etwas bei Zeiten bedenken. Er sollte Nachsicht damit haben. I engerer Bedeutung, zur Bezahlung einer Schuld verpflichtet sein. Er soll mir noch 100 Thaler, er ist sie mir schuldig. Wer mir funfzig Gülden soll, waget zwanzig Gülden dran. Logau. Besonders bei den Kaufleuten in ihren Rechnungsbüchern, wo es in Gegensatz von haben gebraucht wird. Mehrere Kunden sollen noch, sind noch schuldig. Etwas auf eines Sollen oder Soll anschreiben, rechnen, es auf seine Schuldrechnung schreiben (auf sein Debet). 2) Durch den bestimmten Willen, wie auch, durch einen ausdrücklichen Befehl eines Andern zu etwas verbunden sein; in Fällen, wo dieser Andere ein Recht dazu hat, bestimmt zu wollen und zu befehlen. Es soll bald geschehen. Ih verspreche es Inen, Sie sollen es noch heute haben. »Nein, ich verlange nichts, du sollst mir nur verzeihn.« Gellert. »Recht als ob es der Himmel so hätte haben wollen, daß ich hinter ihre Schliche kommen sollte.« Ders. Du sollst es thun, ich befehle, daß du es thuest. »Du sollt (sollst) keine andere Götter haben« 2 Mos. 20, 3. Er soll und darf nicht bleiben. Oft wird das Wollende, das Befehlende auf eine unbestimmte Weise ausgedruckt. Wenn es so sein soll. Was sein soll schickt sich wol. Man muß sich damit trösten, daß es nicht hat sein sollen. Was soll ich wünschen, was thun. Was soll ich sagen? Was erwiedern? Mag Der Bruder Worte finden! Schiller. (R.) Wem soll man nun glauben? Wie soll man sich dabei verhalten. Das soll er wol bleiben lassen, da wird ihn schon der Wille eines Andern daran hindern, das darf er nicht thun, wie auch, das ist ihm unmöglich. Man muß mir es anzeigen, wenn ich kommen soll, wenn man den Willen, die Absicht hat, daß ich komme. »Sie muß durch Güte gewonnen werden, wenn ihr Schwur unkräftig werden soll.« Dusch. Zuweilen ist mit sollen der Begriff einer Bestimmung verbunden, daher es denn nicht selten in weiterem Sinne für nutzen, helfen gebraucht wird. »Thue die Stücke darein, die hinein sollen.« Ezech. 24, 4. »Was sollen die sieben Lämmer?« wozu sind sie bestimmt? Mos. 21, 29. »Was soll doch dieser Unrath?« wozu dienet er, was nutzt er. Marc. 14, 4. Wozu soll dieser Überfluß? nämlich dienen. »Liebe Chloe, was sollen diese Kränze.« Geßner. Die Person, welcher etwas bestimmt ist, oder, welcher es nutzen soll, bekömmt das Verhältnißwort für oder sie wird in den dritten Fall gesetzt. Das soll für Sie. »Die Esel sollen für das Gesinde.« 2 Sam. 16, 2. »Was soll mir das Leben?« nämlich helfen, nutzen. 1 Mos. 27, 46. »Wem soll denn dieser Strauß?« für wen ist er bestimmt? Gellert. »Was soll mir das Geld?« nämlich nutzen. Geßner. So wird auch oft das Aussagewort, welches die durch einen Befehl auferlegte Verbindlichkeit ausdruckt, weggelassen. Sie haben mich gerufen. Was soll ich? Was soll ich hier? nämlich, thun. So auch in den zusammengesetzten fortsollen, hinaussollen, durchsollen Uneigentlich gebraucht man sollen oft von einem befehlerischen und harten Tone, wie müssen. Mein Herr, Sie sollen wissen, daß sich die Sache so verhält. Oft gebraucht man es wieder, eine Sache für eine Zeitlang als wahr, richtig zuzugeben, ohne doch von dieser Richtigkeit überzeugt zu sein. »Sie sollen Recht haben, lassen Sie mich nur in Ruhe!« Gellert. »Sie sollen mich nicht beleidiget haben,« ich will mir denken, ich will annehmen, Sie haben mich nicht beleidiget. Ders. Dies Bild soll mein Vater sein. Dies hier bin ich, und dies soll meine Chloris sein; Gellert. 3) Sehr oft wird sollen in der gebundenen Form gebraucht, einen möglichen Fall zu bezeichnen. Wenn es regnen sollte, so , im Falle, daß es regnete. I Fall nichts aus der Sache werden sollte. Sollten Sie ihn sehen, so sagen Sie es ihm. »Sollt' es dich vielleicht gereu'n?« Weiße. »Schade, sprach er, solltest du Baum in dies wilde Wasser stürzen!« Geßner. Sollte es wohl möglich sein? »Gott sollte ich nicht bewundern, nicht über Alles lieben, da er nichts wollen kann, als meine Wohlfahrt!« Gellert. »Wie lange sollte deine Blüte und deine Schönheit diese Blumen wol noch überleben?« Dusch. Oft ist der Nebenbegriff eines Wunsches damit verbunden. Sie hätten nur sehen sollen, wie froh alle waren. »Wenn Sie nur die Gewalt hätten sehen sollen, die sie ihrem Herzen anthat,« wenn Sie gesehen hätten. Gellert. Doch wenn ich die Natur nur einmahl recht verstehen sollte, Und was ein Irlicht sagen wollte. Ders. Wenn ich so etwas nur nicht sehen sollte! Zuweilen wird sollen auch von einer möglichen Sache gebraucht, welche bloß in der Vermuthung gegründet ist. Ih hoffe die Nachricht von seinem Tode soll sich nicht bestätigen. Ih denke, daß es nichts zu sagen haben soll. Es ist mir als sollte ich ihn schon irgendwo gesehen haben. Öfter gebraucht man es von einer möglichen Sache, welche nur auf einem Gerüchte beruhet. Der Friede soll geschlossen sein, man sagt der Friede sei geschlossen. Wie ich höre, so soll er bereits abgereiset sein. Ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört, I der der Segen wohnen sollte. Gellert. Oft druckt es auch eine Wahrscheinlichkeit bei einer möglichen Sache aus. »Man sollte darauf schwören, es sei Alles wahr was sie sagt.« Weiße. »Das ist doch wohlfeil, sollt' ich meinen.« Wieland. Allein die Schere sollt' ich glauben, Die könnten Sie mir wohl erlauben. Gellert. »Ehe er wider die Ehrfurcht gegen Gott handeln sollte, wird er lieber sein Leben verlieren.« Ders. 4) Außer den vorhergehenden wird sollen noch in folgenden seltenern Fällen gebraucht. Ih soll es wiederbekommen, man hat mir versprochen es wieder zu geben, ich werde es wiederbekommen. Seine Abwesenheit soll nicht lange dauern, sie wird nicht lange dauern. Ih soll es noch wiederbekommen, ich habe es bis jetzt noch nicht wiederbekommen. Ih soll ihn seit seiner Zurückkunft noch sehen, ich habe ihn seit derselben noch nicht gesehen. »Ih soll ja noch hören, daß er versprochen ist.« Lessing. I
N. D. wo es schöllen, in Hamburg sölen lautet, wird es auch für werden gebraucht und man sagt, ich soll kommen, für, ich werde kommen. I einigen Gegenden O. und
N. D. wird es im gemeinen Leben häufig für wollen gebraucht. Theuerdank sprach, ich euch folgen soll. Theuerdank, K. 56. Der Diener merkt den Befelch wol, Sprach, Herr, ich die Sach' recht thun soll. Ders. I Ansehung der Fügung dieses Wortes ist noch zu bemerken, daß es bei einem andern allemahl in der unbestimmten Form stehenden Aussageworte, in den zusammengesetzten Zeiten eben so wie dürfen, mögen, hören, sehen selbst in der unbestimmten Form gesetzt wird. Ih hätte schon längst gehen sollen, für gesollt. Die längstvergangene Zeit in der gebundenen Form läßt sich außer der gewöhnlichen Weise, du hättest es thun sollen, auch noch durch, du solltest es gethan haben, ausdrucken. Ein Befehlwort von sollen findet nicht Statt, und die Mittelwörter in Gestalt von Beilegungswörtern sind nicht gewöhnlich doch eher noch das Mittelwort der gegenwärtigen Zeit. Der sein sollende Burgemeister, der ein Burgemeister sein soll, der sogenannte Burgemeister. — Das Sollen.