Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
inner
1.1 allg.
1.2 milit. (bei Belagerung) ‘innerhalb der Burg bzw. Stadtmauern befindlich’ , d.h. ‘belagert, verteidigend’
1.3 bildl. für im geistig-seelischen, wesenhaften Bereich Verortetes
1.4 ‘vertraut, geheim’
1.5 ‘einheimisch’
2 Adv. ‘innen, im Inneren’ (nur bildl.)
2.1 ‘innig, tief empfunden’
2.2 ‘vertraut, geheim’
3 Präp. ‘binnen, innerhalb’ (mit Gen. oder Dat., selten Instr.)
3.1 lokal
3.2 temporal
1 Adj. ‘innen befindlich, innen liegend’ 1.1 allg.: daz inner teil [der Frucht] daz tribet sere SalArz 86,48 u.ö.; czuch yn [den Muscheln] denne dy ynner huyt unde dy owzser huwyt abe Albrant 3,2; al die wîle die brûdere gût / hatten die inren burc behût / mit menlîchen sachen LivlChr 8652; das tempel tuͦch rais und brach, / das man die inre hailikait sach WernhMl 11292; in der innern Indîâ Wig 4754. 7382; HvNstAp 8942; die helle, die wir heisen die inner helle, die ist an deme ende der erden Lucid 7,11; KvHeimUrst 1810. – subst. (swN.): wiltu di ercenie machen. so nim des innern an der coloquintida. vnde steinwurtz itweders zwo dragme SalArz 101,20. 99,12. – subst. (swM.): di uzzirin brunnin, / di innirin sungin [die vor dem Feuerofen stehenden Heiden verbrannten, die drei Männer im Inneren sangen (vgl. Dn 3,21ff.)] ÄJud 66 1.2 milit. (bei Belagerung) ‘innerhalb der Burg bzw. Stadtmauern befindlich’, d.h. ‘belagert, verteidigend’ dô wârens beidenthalp ze wer, / daz ûzer und daz inner her. / die porten wurden ûf getân. / ûz iegelîcher vlouc ein van Wig 10926; dô fuorens ûf des küneges sal, / daz inner her von der stat Parz 393,15. 209,30; daz inre volc gemeine gar / gâhten an die zinnen Wh 227,18; Tr 5527. – phras. (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 233): wer den vîgenden gestât, / und die inren burger lât, / der sol billîch verderben, / und sol an êren sterben Boner 44,50. – häufig subst. (swM.) Pl. ‘die Belagerten, die Verteidiger’ dye inneren hetten daz vszer her / mit solchem iamer ubir laden / das der keyser den schaden / clagen sere syt began ErnstB (W) 1508; dane wart grôz stürmen niht vermiten: / die inren mit den ûzern striten Parz 207,8 u.ö.; die innern entwichen vür diu tor Wig 10957; Lanc 382,6; Tr 5584 1.3 bildl. für im geistig-seelischen, wesenhaften Bereich Verortetes: diu ûzer gebærde / zeiget den inneren willen Flore (S) 3037; dâ nam sie [ Isôt ] Tristan [...] / und legete sie lieplîch hin în / in sînes herzen inren schrîn, / aldâ sîn geist sîns lebens pflac HvFreibTr 802; daz die ûzere reinekeit unde gecîrede urkunde geben unde zeichen sî des hercen inneren andâht unde reinekeite StatDtOrd 73,8; ‘got hât gesant sînen einbornen sun in die werlt’; daz sult ir niht verstân vür die ûzwendige werlt, als er mit uns az und trank: ir sult ez verstân vür die inner werlt [vgl. Anm.z.St.] Eckh 1:90,5; dâ von diu sêle beweget wirt ze innern dingen ebd. 1:168,2 u.ö.; in dem innersten grunde, do got der selen naher und inwendiger ist verrer wan si ir selber ist Tauler 144,6. 144,19; div geistliche speise dines hiligen geistes, von der wir gantz chraft vnd erlvhtvnge vnd innern trost haben DvAPatern 187; PrOberalt 122,11; ThvASu 298,32. – ~ gebët ‘inneres Gebet’ einen antheiz [ein Gelübde] er dâ tete mit innerem gebete Gen 1258; er bevalch si gote mit innerem gebete ebd. 2276; VMos 24,16. – ~ sin ‘innerer Sinn’ (vgl. sin ): so beginne wir minnen di inren sinne, / vernunst unde ratio, diu edele meditatio AvaJG 30,2; memoria der inre sin Brun 7298; alse di uzewendigin sinne ir werc gewirkin uf diz hoiste, da hebin sich di innerin sinne, und der sint funfe Parad 25,23. 25,26; ThvASu 68,29. – ~ mensche im Ggs. zum kreatürlichen äußerlichen Menschen: der inner mensche des eigenschaft ist got, und zuͦ dem sehent sine begerunge und sin wille und sin meinunge Tauler 42,32. 70,15. 71,16; der ander mensche heizet der inner mensche, daz ist des menschen innerkeit Eckh 5: 419,12; denne ist der ûzer mensche gehôrsam sînem innern menschen ebd. 1:20,4. 3:134,14 u.ö.; HeslApk 4774. – selten präd.: gotlich troist ist alle wege mit einir fulunge godis geginwertikeit, und di fulunge ist me innir dan uzir Parad 139,14. – jmdm. ~ sîn ‘zu jmdm./jmds. Wesen gehören’ den sin hân ich gemeine mit den tieren und daz leben ist mir gemeine mit den boumen. daz wesen ist mir noch inner, daz hân ich gemeine mit allen crêatûren Eckh 1:67,1. – subst. superl. (swstN.): also wirdit daz ewige wort gesprochin innewendic in deme herzin der sele, in deme innirsten, in deme lutirsten Parad 14,20; das ist das der mensche in gange in sinen eiginen grunt, in das innerste, und do suͦche den herren Tauler 144,2 u.ö.; Seuse 520,29 1.4 ‘vertraut, geheim’ der selbe Bananyas vrut, / kung Davidis ritter gut, / wart durch die benante tat / des selben kunges inner rat [Ratgeber] TvKulm 2466; nu waz ein alter ritter der ettwenn waz gewesen. innerister rat. dez chvͤnigez GestRom 38; nu ratet mir in uwerme sinne, / wie ich Genelunen ze einem innern urunde [engen Freund] gewinne Rol 2205; Ottok 46424 1.5 ‘einheimisch’ der herzoge Lovelîn, / an dem vil hôer êren lac, / der inren geste schône pflac; / der ûzern geste über al / pflac Kâedîn und Kurvenal HvFreibTr 902. – subst. (swM.): hazze hant wip und man: / die grozen und die minren, / die uzzern und die inren [wohl ‘die Fremden und die Einheimischen’ ] / tragent haz und nijt HvNstGZ 488 2 Adv. ‘innen, im Inneren’ (nur bildl.) 2.1 ‘innig, tief empfunden’ do er also vil inner / ze gote vil lange gerief, / an seiner venige er entslief Serv 1154; do man meine sünde wac, / got er umbe mich anelac / vil inre unde vil tiure, / daz ich chöme ze dem vegefiure, / daz sich etewenne endet / unde die sele niht immer swendet ebd. 3369; swen si niene megen betriugen vil innere siz beriuwent Gen 920 2.2 ‘vertraut, geheim’ swie inner si runen [wie vertraulich sie sich auch besprechen] , / alles ir willen / wirde ich schiere innen Rol 1317 3 Präp. ‘binnen, innerhalb’ (mit Gen. oder Dat., selten Instr.) 3.1 lokal: sie ritten so lang biß das sie kamen zu einer burg die der frauwen was, inner zehen milen von Noaus Lanc 203,24; inre [im Umkreis von] drîzec mîln wart nie versnitn / ze keinem bûwe holz noch stein Parz 250,22. 225,21. 759,22; swer daz brichet [...] der mag der galtnusse niht ledick werden, er bered danne zen heiligen daz (er) inre landes niht enwaere do daz gesetzzede gesetzet wurde StRAugsb 65,2; vnd [er] sol vns dienen inner landez mit dreizzich helmen, swenn wir sein beduͤrfen RegisterLudw 53 (a. 1325). 202 (a. 1325). – ‘auf der inneren Seite’ (vgl. innerhalp): daz tor was offen und entspart; / dar în sach man sî gâhen. / inrent dem tor [d.h. nachdem sie das Tor passiert hatten] sî sâhen / ein frömdez wunder wilde Reinfr 21156 3.2 temporal: das son wir vnd vnser nachkomen bi vnserm aide [...] inrent ainem manot widertun UrkHohenz 1,110 (a. 1301); sag miner swester, ich wil si troͤsten inront vierzehen tagen mit gotte Mechth 4: 22,16; inre tagen zwelfen si riten an den Rîn NibA 1115,1. 705,3; strîch die erzenîe umbe diu ougen: dir wirt inner zwein tagen baz Barth 133,20; SpdtL 110,4; iz was ein juncfröuwelîn / in der stat ze Eugubin, / diu was krump an den henden / und in den liden allen enden. / diu wart inner kurzer stunt / ze sînem [Franziskus] grabe wol gesunt, / daz ir nihtes niht enwar LvRegFr 4443. – in den adv. Wendungen inner des bzw. inner diu ‘währenddessen’ dô sie nu vrœlîch tanzten, / in vröuden umbe swanzten, / inredes ein bischof quam / in den tanz HvFreibTr 635 u.ö.; inner des diu zît verswant, / ûf die der herzog getriulich / solt komen her ze Ôsterrîch, / des nû daz lant ze herren jach Ottok 2154; inner des der âbent quam, / der liehte tac ein ende nam; / die ritter rûmten sâ daz velt UvLFrd 464,17; LvRegFr 377; Eracl 3871. 3823; inner div wuͦrden sine sinne / entzuͦndet ze geistlicher minne Albert 1167. 1254. – in der Rechtsformel ~ jâr unde tac ‘binnen Jahr und Tag’ ez versprechen danne sîne erben inner jâre unde tage als reht ist, daz ez ir reht erbe sî SchwSp (W) 41,4. 175,9; unde sol warten ob sich ieman dar zuo ziehe mit reht inner jâr und tage SpdtL 109,21
MWB 2 1920,27; Bearbeiter: Hansen