geduld,
f. subst. zu dulden, gedulden,
eig. gedult (
s. I,
d). II.
Die form. I@aa)
ahd. gidult
und dult Graff 5, 136. 135,
alts. githuld (
in den ps. gethult),
ags. geþyld;
daneben ahd. dultî
und gidultî,
welche form mhd. im verschwinden ist, nur in spuren noch erkennbar in gedulde, ungedulde, undulde (: hulde).
das gewöhnliche ist mhd. gedult,
selten dult,
aber noch im 16.
jahrh. oberd. auch dult,
wie im 15.
noch dulde,
s. II, 1506;
mnd. gedult,
öfter dult,
nnd. erloschen, obschon das adj. noch besteht (
s. geduldig).
nl. geduld,
mnl. ghedult
und ghedout (
lekensp. III, 3, 564). I@bb)
eine mhd. nebenform gedolt, gerade bei oberd. dichtern, zeigt sich auch im 15. 16.
jahrh. noch einzeln: patientia, gedolt. Dief. 416
c; lidet
die martel mit gedolt.
Alsf. pass. 7953.
sie konnte sich an dolen
anlehnen, das stammwort zu dult, dulden (
s. d.),
noch jetzt in der Schweiz lebendig. ein beispiel um 1400,
aus dem aufruhr zu Würzburg, von aufrührern: der Schnurer unde Hanspolt wolden haben kein gedolt. Liliencron 1, 171
a,
d. i. waren gleichfalls streitlustig, s. dazu II, 1,
a. ebenso mhd. dolten (Lexer 1, 474): eʒ würde wol vergolten, wer solte ein sus getânen degen lâʒen kumber dolten. Hagens
heldenb. 2, 228,
Germ. 6, 27
a,
Berl. held. 5, 64
a. I@cc)
auch ein masc. zeigt sich einzeln, mhd. (Bech
Germ. 6, 52, Lexer 1, 776)
und noch nhd.: gedult den schult ir lêren. Suchenwirt 40, 230; (
vergib mir) daʒ ich den grôʒen ungedult mit zorne hân an dich gewant. Bartsch
mitteld. ged. s. 32 (
zur sache s. II, 1,
b); dem gedult ist ietz der boden usz . . man trit uf einen wurm so lang, bisz dasz sich krümpt ein solcher schlang. Murner
luth. narr 10
Scheible; es wird häufiger sein als man sieht, da in den meisten wendungen das geschlecht nicht zu erkennen ist. I@dd)
bemerkenswert ist, wie die mhd. schreibung gedult auch nhd. noch lange durchaus herscht oder vorherscht (
s. die beispiele),
auch tief ins 18.
jh. hinein geltend, bis zu Göthe, Schiller,
z. b.: crönt der ausgang die gedult, bricht die hoffnung endlich rosen, so gedenk ich stets der huld meines gottes lieb zu kosen. Günther 17; wo hunger die gedult, wo schmach die kräfte schlägt, da hat der geist nicht schuld. 744
u. o., s. auch ungedult
und ungedultig
s. 83; andern von der gedult vorpredigen. Liscow
vorr. 56
u. o. (
doch in der andern ausg. aus demselben jahre s. 41 geduld); ich werde ihre gedult nicht misbrauchen. Rabener (1755) 4, 301; die treu, die uns beseelt, begehrt von dir gedult. Haller (1777) 238; sieh, gram und ungedult ist nicht der weg zu ihr. 263; die menschenkinder konnten aber bis so lange nicht gedult haben. Claudius 3, 12; gedult, kind gottes, weine nicht. Bürger
ged. 1778 280 (1789 2, 106 geduld); gedult! gedult! wenn's herz auch bricht
u. s. w. 96 (geduld 2, 42); von unüberwindlicher stärke und gedult. Zimmermann
eins. 2, 384; gedult! gedult! es wird besser werden. Göthe
Werther 1775 116 (Hirzel
der junge G. 3, 302); mit welcher ungedult ich den buben erwartete. 68 (3, 275); sie werden ungedultig sein. Schiller II, 374, 8.
auch Hebel, Felder
schrieben noch so. dasz -t
das hd. richtige ist, zeigt schon alts. githuld,
das hd. -d
stammt nur von der erweichenden wirkung des l,
daher schon mhd. auch dulden
u. s. w.; Frisch 1, 210
c meint: einige schreiben geduld
nach dem holländ. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
der ursprüngliche begriffskreis ist theilweis ein weiterer und anderer als gegenwärtig. II@1@aa)
im alten kriegsleben hiesz z. b. gedult
eine art waffenstillstand, waffenruhe (
vgl. dazu 4,
a): pacem, treugas sive id, quod vulgariter gedult dicitur, ipse non faciet, nisi de nostra fuerit voluntate,
in einem vertrage von 1275
zwischen den markgr. von Brandenburg und dem grafen Helmold von Schwerin, Lisch
mekl. jahrb. 11, 260,
urkund. 4
b, 427
b; dasz .. ein ganz stede gedult tuschen .. unsern herrn und uns gemachet ist, die weren sol sess ganzer jar. Haltaus 604,
nrh. v. j. 1353; domide die vorgen. gedult gekrenket müchte werden.
das., wo noch mehr. so nd. dult,
s. Sch.
u. L. 1, 594
a,
wo sone, vrede
und dult
verbunden werden, wie dort pax, treuga
und gedult.
es wird auch oberd. zu finden sein, anklang bietet z. b. die stelle von den Würzburger aufrührern unter I,
b, die wolden haben kein gedolt,
keinen frieden halten. II@1@bb)
oberd. entspricht auch und wird dadurch aufklärend beleuchtet das merkw. ungedult
von feindseligkeit, auch kriegerischer (
mhd. wb. 1, 379), ungedult an einem begân, tuon,
auch lîden: die mortlîche ungedult, die sîn volc âne schult von sînen vîenden leit.
Ernst 1501.
die abbitte unter I,
c aus Bartsch
für angethane ungedult
bezieht sich auf ungerecht gegebene schläge. auch von feindschaft, feindlichem thun im leben. so bei Walther: man sol sîn gedultic wider ungedult ... swen die bœsen haʒʒent âne sîne schult
u. s. w. 73, 35,
man musz gelassenheit gegen feindschaft und hasz setzen, frieden gegen unfrieden. vergl. auch ahd. bei Graff 5, 136
fg. undult,
defectus, von abfall, treubruch? ungidultî,
laesiones legis, auch passio, affectus, also leidenschaftlichkeit überhaupt, als stimmung und that. da ist sie denn aber gerade umgekehrt benannt als in unserm leidenschaft,
da ja leiden
und dulden
eins sind; doch leidenschaft
ist eig. ein schulwort, nach passio (
πάθος)
gebildet. II@1@cc)
ein nachklang davon scheint ein eigenthümlicher gebrauch im östlichen md., z. b. in Thüringen, Sachsen in der geduld stehn, liegen
u. ä., d. h. bei üblem wetter im freien, doch gegen wind und wetter geschützt an einer sichern stelle, gleichsam im frieden, unangefochten; auch ein garten liegt in der geduld,
in guter lage gegen rauhe winde geschützt; ein haus, das in der gedult liegt. J. A. Weber
teutsch-lat. wb. Chemn. 1745 328
b.
aus Schlesien wird mir dasselbe angegeben, ebenso: ein wanderer, der vor dem winde auf der höhe ins thal eilt, kommt in die geduld.
bei Adelung ein baum stehet in der geduld, diesz zimmer liegt in der geduld.
von einem vogelherde: der herd fein in gedult angeleget ... dasz er von denen nord- und ostwinden nicht getroffen werden kann. Döbel
jäg. 2, 237
a; um den herd wird ein feiner dichter zaun gemacht, damit der vogel dahinter fein in gedult und schauer falle. 2, 239
a.
eine alte spur davon, aus dem norden, auch schon auf sachen angewandt, wies mir F. Bech
nach, in dulde ligen,
ein mailied Wizlavs
beginnt: wol dan, her Meije, ich gib iu des die hulde, mîn vrouwe trit dâ her in stolzer wæte. ir gesmîde, ir kleit, ir lîp, daʒ lag in dulde, der kalde snê und îs, der wint daʒ tæte.
MSH. 3, 64
a,
lag geborgen vor dem schnee und den winden. in Thüringen, z. b. an der Saale, ebenso in der genâde,
d. h. in ruhe und frieden, wie mhd. ungenâde
unruhe. II@22) geduld
als subst. zu dulden
in seinem stärkeren sinne. II@2@aa)
selbst ein unfreiwilliges dulden,
ein dulden müssen konnte darin mit bezeichnet sein, scheint mir wenigstens in folgenden beispielen mit enthalten in verschiednem grade: als wän der tufel bschiszen wil, dem gibt er glück und richtum vil. gedult ist besser in armuot, dann aller welt glück, richtuom, guot. Brant
narr. 23, 25,
als sprichwort z. b.: gedult in armut ist besser denn aller welt gut. Henisch 1409, 67; gedult zu hoch angespant würt rasend. S.
Frank spr. 1, 52
a (
vgl. reiszen u. 5,
c); die gedult der armen würdt endlich nit verloren.
das.; die got förchten, werden gedult haben bisz sie got ansihet.
das. noch im 17.
jahrh.: wisset ihr nicht, jene der reformation verheiszung seie eine gestalt, die gar mächtig ist anlagen (
steuern) heraus zu pressen, mit welchen die einfältigen gemüther mit billigem unwillen entblöszt und zu einer neuen und schändlichen gedult remittirt werden? aber das volk, so mit so vielem elend zur verzweifelung gebracht worden
u. s. w. Schuppius 747 (1700
s. 701),
kunst reich zu werden. II@2@bb) geduld
in dem leiden dieser welt, williges und besonders auch ausharrendes dulden (
vgl. patientia
als voluntaria et diuturna perpessio bei Cic.): die das wort hören und behalten in einem feinen guten herzen und bringen frucht in gedult.
Luc. 8, 15 (
ὑπομονή,
goth. þulains),
welchem spruche S. Frank
erläuternd beifügt: in der gedult besitzen wir unsere seelen. die gedult aber besteht in trübsal, und wirt durch trübsal, leiden und creuz gewirkt.
sprichw. 1, 52
a,
vgl. bei Keisersberg: in euer gedult werdent ir besitzen euwer seelen, das ist euer leben.
seelensp. 21
b (besitzen,
in besitz nehmen); was ist gedult anders, denn eine stete unbewegliche sicherheit.
das.; sie sahe ire söne alle sieben auf einen tag nach einander martern und leide es mit groszer gedult, umb der hoffnung willen, die sie zu gott hatte. 2
Macc. 7, 20;
Luther selbst starb in groszer gedult. Mathesius
Luth. 166
b; da der herr hört und sahe die gedult seiner frawen. Pauli
sch. u. ernst 351
Öst., in der durch seine untreue ihr auferlegten prüfung; mein armuht lehrt mich treten die kreuzbahn mit gedult. Rist
himl. lied. 34; ich were in solchem stand ein könig, ich beherrschete meine seele .. meines königreichs geheimnisse weren gebet, gedult und stillschweigen. Schuppius 563; ein ritter sprach zu seiner gemahlin: was folgt auf kreuz und leid? sie erwiderte: geduld! Schmitz
Eifel 2, 80.
es berührt sich mit ergebung, gelassenheit,
die zum theil jetzt dafür eintreten (
beides doch auch ursprünglich kirchlich-christliche ausdrücke).
aber noch im 18.
jh. auch geduld (
vgl. schon unter I,
d Haller, Bürger): auch hier blieb noch das grosze herz gelassen .. gott hats verhängt, gott ehr ich durch geduld, und bin bereit, den augenblick zu sterben. Gellert 1784 1, 147 (
Calliste).
es hiesz auch genauer christliche gedult,
z. b.: gottes huld, des gewissens unschuld und christliche gedult seind die drei besten stuck in disem leben. Henisch 1409, 39 (
vgl. von der gedult Christi
als vorbild 2 Thess. 3, 5).
im 18.
jh. tritt dafür philosophische geduld
auf, z. b.: so wird er sich mit einer philosophischen geduld waffnen. denn er weis, es wiederfahre ihm nichts, wozu er nicht praestabilirt sey. Rabener (1755) 1, 106; vor meinen augen stehn die weisen alter zeiten, die, durch geduld gestählt, sich trotz dem glück (
mit seinen launen) erfreuten. Uz 2, 89.
s. auch fromme geduld
unter e bei Cronegk, engelsgeduld, lammsgeduld, Hiobsgeduld (die gedult Hiob
Jac. 5, 11), göttliche gedult
Röm. 3, 26.
s. auch geduldmütig. II@2@cc)
sprüche in groszer fülle schildern und preisen diese geduld, z. b. geduld ist die gröste tugend. Stieler 347; unsers hergots esel sein und got mit gedult tragen sigt wider alle feind. S. Frank
spr. 1, 52
a; gedult sigt wider alles übel.
das.; bei der gedult kent man den man, sein ehr ist mit gedult (
l. gdult) alls fürgon. 51
b.
eine grosze sammlung schon bei Henisch 1409
fg., z. b.: kurze gedult bringt langen frid; bleib in gedult, so wird dir gott und alle fromme leute huld; der gedult sig helt allein den stich; eintweder gestorben, oder in gedult gelebt; gedult in creuz ist des glaubens schein; gedult ist der seelen schilt (spiesz); gedult ist halb creuz; gedult verbeiszt alles herzenleid; gedult und ein wenig schreien ist gut pflaster auf den schmerzen; gedult, unschuld und ein gut gewissen kan alles ausstehen; leid und lach, gedult überwindt alle sach; im unglück ist kein besser arznei denn gedult und glaub; mit gedult und leiden thut man nicht unrecht, man kompt auch nicht umbs christenthumb; wer sein theil tregt mit gedult, der ist weis gnug; was du von strafen hast verschuldt, das leid und trag es mit gedult; sünde meiden ist ein schrein. gedult in leiden leg darein, guts für arges thu darzu, frölich in armut, nun schleusz zu.
eine grosze sammlung auch in Lehmans
floril. polit. 1, 265
ff., z. b.: gedult ist zucker aller trübsal und beschwernus; weise gedult bringt huld,
nemo sapiens nisi patiens (
mit huld
scheint das alte gottes huld
gemeint, s. aus Henisch
unter b); gedult ist ein kreutlein, das nicht in allen garten wächst; gedult bawet, ungedult bricht ab; gedult ist oft ein art von stockfisch, läst sich klopfen, läst holz auf sich hawen, erbisz aufm rücken treschen; gedult musz (
aber) mit bescheidenheit (
klugheit) gesalzen sein; gedult musz man wie ein salat mit öhl und salz geschmack machen; durch verzagte faule gedult und höfligkeit läst oft ein volk sich nicht allein die woll abscheren, sondern das fell gar verreiszen und verbeiszen,
nachher eselische gedult
genannt. s. auch im 2.
theil des floril. s. 104
ff., z. b.: die gedult und zeit lindert alle traurigkeit; die liebe gedult ist ein anfurt alles elends.
bei Aler 858
z. b.: gedult ist ein köstliche speis, aber wehe dem der sie essen musz; was man nicht kan meiden, musz man mit gedult leiden; gedult ist ein köstliches kraut, es wächst aber nicht in allen garten.
auch in scherzhafter färbung, z. b.: geduld, vernunft und hafergrütz, die sind zu allen dingen nütz. Fr. Reuter
Schnurr Murr 77; mit geduld überwindet man kürbsbrei. Gotthelf 11, 298,
in Leipzig sauerkraut
u. ähnl. II@2@dd)
andere sprüche reden von der gedult
den menschen gegenüber, die uns wehe oder gewalt thun o. ä. (
von den vorigen nicht immer scharf zu trennen),
s. schon 1,
b aus Walther; im 16. 17.
jahrh. z. b.: gedult bringt huld, vergibt all schuld. S. Frank 1, 52
a.
bei Henisch: aus lieb und mit gedult vertregt sich vil dings, damit hasz und widerwillen verhüet werde; eines frommen manns gedult oft ander leut bewegt zur rach; gedult machet aus einem feind oft ein freund; mit gedult und langmut dient man den frommen und gewinnt oft die bösen; mit gedult und nachgeben gewinnt man am maisten; unbillichheit reche mit gedult; wilt du bei leuten wohnen, so schick dich auf gedult.
bei Lehman
z. b.: stillschweigen und gedult stillt viel zorn (
d. i. zwist, feindschaft); gedult kan wol ein zech borgen (
ein unrecht nachsehen), schenkt sie doch nicht, fährt nicht mit dem kopf hindurch; gedult lädt gewalt zu gast. ist das eisen weich, so hammerts der schmidt.
auch zu diesem gedult
gehörte als zeitwort dulten, einen dulten,
z. b.: nichts ist einem verständigen mann rühmlicher als einen scheltenden dulten, dann wann der gescholtene stillschweigt, so fallen die scheltwort dem schelter wider in seinen busen. Lehman 2, 104. II@2@ee)
auch als persönlich erscheint die geduld,
theils vom geduldigen selber begrifflich, z. b.: gedult ist unsers herrgottes esel. Lehman
flor. 1, 265,
sie musz alles tragen, vgl. Frank
unter c; gedult (
acc.) will jederman reiten.
das., theils wie eine göttin: Patientia ist gen himmel geflogen, Treu und Ehr über meer gezogen. Henisch 1410, 44; die schaf haben auch zorn, die Gedult selbst könt oft viel ding nit leiden. Lehman 1, 267,
wie jetzt noch von einem '
muster von geduld'
z. b. sie ist die Geduld selbst (
doch der studierte sagt schulmäszig die personificierte geduld);
auch ohne den art.: weinen werd ich, wer kann sich die kummer lindernden thränen ganz versagen — von ungeduld frei flieszt sittsam, ihr thränen! auf den gräbern in marmor gehauen sitzt schweigend vielleicht so still in der traurigkeit fromme Geduld und lächelt den Schmerz
an. Cronegk 2, 62,
eine fromme duldende gestalt, zugleich wol als göttin der geduld gedacht. so von einer geduldigen: auch in meine finstern irren konntest du dich finden, himmlische geduld. Hölderlin
ausgewählte w. 1874
s. 271 (
Hyper. 2, 73),
wie einem ungeduldigen zugerufen wird du ungeduld!
vergl. auch bei Göthe: glaube, liebe, hoffnung .. schufen ein liebliches gebilde, eine Pandora im höhern sinne, die Geduld. 56, 130 (19, 122
Hempel); die christliche religion hilft durch glauben, liebe, hoffnung gar anmuthig nach. daraus entsteht dann die geduld
u. s. w. 23, 149 (18, 369). II@33)
in schwächerem sinne, geduld
bei mühe, unannehmlichkeiten, unbequemlichkeiten aller art, wo dulden
nicht oder nicht mehr in gebrauch ist, geduld
aber jetzt vorzugsweise, sodasz es sich von seinem nächsten angehörigen nun löst und entfernt. vergl. dazu sich gedulden,
früher sich dulden. II@3@aa)
z. b. die geduld
hoher herren wird gerühmt, wie die des churfürsten Friedrichs III. bei den festlichkeiten zur einweihung der universität Halle: mit was für andacht, mit was für gedult hat er nicht alda (
in der kirche) die ganze festivität ausgewartet? Thomasius
kl. schr. 663; die abermahls hierbei (
bei den promotionen) bezeigte gedult unsers durchlauchtigsten stifters. 664; als nun der kaiser sie sämmtlich mit geduld angehöret. Hoffmannswaldau.
auch dazu gehörte aber urspr. dulden,
z. b. in einem briefe Luthers 2, 249
mit einem anliegen an den churfürsten und der bitte, e. gn. wolle mich gnädiglich drinnen dulden (
s. u.gebet II, 1,
a),
nicht unwillig werden gegen mich. II@3@bb)
ferner z. b. die geduld
des erziehers, der auch die unarten des zöglings ruhig erträgt (
duldet)
und darob nicht ermüdet oder verzagt; daher bei Adelung geduld
auch gleich langmut (
vergl. Henisch
unter 2,
d); eines gedult versuchen und misbrauchen Aler 857
a.
die geduld
des gärtners, den weder die schwierigkeiten der witterung u. dergl. noch die langsamkeit des gedeihens unruhig oder unwillig machen. da mischt sich in den begriff des duldens der schwierigkeiten deutlicher ein oder tritt hervor das ruhige ausharren, das trotz jener des zieles sich sicher fühlt, wie es denn auch im sprichwort heiszt: man musz geduld haben und der besserung hoffen,
ferendum et sperandum. Stieler 347; geduld! geduld! bis es besser wird.
das. vergl. dazu geduldig 3. II@3@cc)
so ist das ruhige aushalten von langerweile eine besondere geduldprobe,
d. h. der begriff hat sich zugleich recht ins kleine gezogen; z. b.: des gestrengen junkers rittersitz wird zuerst vorgenommen (
bei der beschreibung) .. es gehört eine ziemliche geduld dazu, wenn man alles will durchlesen. Rabener (1755) 1, 127,
anders als wenn Luther 8, 258
a von worten spricht, welche kein from biderman mit gedult lesen kan,
d. h. ohne zornig zu werden. überhaupt auch gleich ausdauer, z. b. er hat an keinem orte lange geduld ( Adelung),
hält es nirgends lange aus. auch langes warten müssen ist eine geduldprobe;
s. dazu sich gedulden. II@44)
im anschlusz an diesz warten müssen hat sich der begriff der zeit auch in den vordergrund gestellt, von dem abwarten einer frist, die man einem gewährt. II@4@aa)
schon mnd. z. b.: do beden (
baten) de cardenale dult drier dage, dat se mochten er dink untrichten.
Lüb. chr. 1, 21,
gewiss auch mhd. gedult.
nhd.: bit euch, wollet vier wochen gedult mit mir tragen, ich will euch erbarlich bezallen.
Wilw. v. Schaumb. 35; habe gedult mit mir, ich wil dirs alles bezalen.
Matth. 18, 26. 29; etliche tage mit seinem schuldner geduld haben. Adelung.
auch das alte gedult
als waffenruhe 1,
a schlieszt sich vielleicht hier an, abwarten und frist zur sicherung von friedensverhandlungen? II@4@bb)
daher selbst einem geduld geben: gebt mir auf einen augenblick geduld. H. v. Kleist 2, 362 (
prinz v. Homb. 5, 5),
frist zu ruhigem besinnen, wo denn das subj. des begriffes völlig vom geduldigen auf den geduldeten übertritt. anders mit geben: er gibt sich viele geduld,
laboris est patientissimus. Steinbach 1, 303,
wie sich mühe geben. II@4@cc)
daher auch kleine geduld,
auf kurze zeit: recht! recht! eine kleine geduld, und ich stehe so vor ihnen da! Lessing 2, 141 (
Em. Gal. 2, 7); sie sind meine polemischen briefe müde. ich glaube es sehr gern. aber nur noch eine kleine geguld .. 6, 256; nicht doch! eine kleine geduld! Schiller XI V, 210 (
paras. 2, 1
a. e.).
im 16.
jahrh. vielmehr ein kleines geduld: habt ein kleins gedult.
Amadis 77. 88, kleins
als masz der frist. so messe
als masz, die zeit bis zur nächsten messe: noch eine messe geduld, und wir werden es sehen. Lessing 6, 268,
warten wir bis zur nächsten büchermesse. II@55)
die geläufigen wendungen und verbindungen. II@5@aa) geduld haben,
von jeher (
ahd., ags.)
und noch jetzt: das er gedult habe, wens übel gehet.
ps. 94, 13; ich bitt dich, herre, hab mit ir geduld! Uhland
volksl. 423.
dagegen die gedult verlieren Rädlein 330
a, der gedult müde werden Ludwig 707
a.
früher auch kräftiger tragen
für haben,
zu dulden
als ein last tragen stimmend (
s. schon 4,
a aus Wilw.): also trug er gedult.
Hebr. 6, 15; musz ich mich verwundern, wie sonderlich wir Deutschen so lange gedult können tragen und das edele papir mit ihren (
der schlechten poeten) ungereimten reimen beflecken. Opitz
poet. B 3
b; ach geister, tragt geduld! A. Gryphius 1, 330; er (
Christus) trug geduld. Gellert
geistl. lieder (1757) 8.
früher auch, dem haben
entsprechend, gedult nemen,
fassen: nu trost in sein hausfraw und sprach zuo im: nim gedult darüber, der herr was vil leicht gemt (
ärgerlich), daʒ er dich nicht verbören mocht.
gesta Rom. 152.
noch jetzt geduld fassen,
anders sich in geduld fassen. II@5@bb)
die praepositionen dabei. bemerkenswert in geduld,
geduldig, wie in ruhe, in frieden: in guter geduld bliben. Hirsch
münzarchiv 7, 16 (14.
jahrh.); bleib in gedult bestehen. Henisch 1409, 50,
wie in gedult leben
das. (
s. unter 2,
c),
s. auch unter 2,
b und sich in geduld fassen
vorhin; was ihr auch schweres mögt zu leiden haben .. tragts in geduld! es kann sich ändern, schnell. Schiller
Tell 1, 2.
jetzt lieber mit, etwas mit geduld ertragen,
auch schon im 16.
jh.: und leide es mit groszer gedult. 2
Macc. 7, 20;
früher auch sich mit gedult fassen (III, 1343).
Diesz mit
auch von dem, welchem die geduld gilt: e.
f. gn. wolten mit mir alten vergessen (
vergeszlichem) man gedult haben. Luther
br. 6, 209; dan in Walles mszen die menner by den wibren in kindsnöten sin, domit sy denn hernach dester mer gedult mit den wibren heigin (
habeant). Th. Platter 66.
seltner gegen, über,
z. b.: deine gedult gegen einen so gottlosen buben. Olearius
pers. baumg. 4, 8; man träget woll gedult über die menschen, sie sein gut oder böse. 1, 3. II@5@cc)
bemerkenswert noch die geduld
als faden gedacht, der zu stark gespannt reiszt (
vergl.geduldsfaden): da risz ihm der faden der geduld,
mundartlich auch blosz der faden,
z. b. tirol. es bricht der (letzte) faden,
die geduld geht aus Schöpf 113; fast wollte seine geduld reiszen, als ein galanteriehändler hereingelassen wurde. Göthe 18, 266 (
Wilh. Meister l. 3, 5); da risz mir die geduld;
es ist allgemeingültig, vgl. schon im 16.
jh. gedult zu hoch angespant 2,
a, wo doch urspr. an den bogen gedacht sein mag. bildloser: hier gieng unserm helden .. die geduld gänzlich aus. Wieland 2, 177.
ein merkwürdiges andres bild: gedult schmelzen,
patientia exerceri, ferrea uti patientia, er musz gedult schmelzen. Aler 857
b.
endlich der mahnende zuruf geduld!
an andere oder sich selbst: geduld! vielleicht genest sie heute. Gellert (1784) 1, 115; gedult! gedult! wenn's herz auch bricht. mit gott im himmel hadre nicht. Bürger
ged. 1778
s. 96.
aber auch als drohung, eigentlich ironisch (
wie warte nur): geduld! wir sprechen uns weiter. Voss 1, 123 (
Luise 3, 1, 452).