scherbe,
f. bruchstück, namentlich von zerbrochnem geschirr, irdener topf. II.
Form. eine ableitung zu dem starken verb., das im ags. als sceorfan,
abbrechen, gewöhnlich in verengter bedeutung '
abnagen'
erhalten ist, vgl. auch scherf.
auszerhalb des germanischen stellt Kluge 299
a kirchensl. črěpŭ '
scherbe',
lett. schkirpta '
scharte'
und schkérpele '
holzsplitter'
dazu. vielleicht eine weiterbildung der wurzel skero-,
die in scheren
vorliegt, vgl. Grimm gramm. 2, 185.
die bildung selbst ist auf das deutsche sprachgebiet beschränkt: alts. scerva
in hauan sceruino
testarum Prud. gl. 480,
testularum 490,
s. zeitschr. f. d. alterth. 15
s. 525
f., mnd. scherve '
schale',
während in der bedeutung '
scherbe'
die weiterbildung schervele
fungiert Schiller-Lübben 4, 81
b,
mnl. scherf, scherve,
testa, frustum testulae, fragmentum testaceum, testa confracta, fragmentum fictile Kilian,
holl. scherf,
nnd. scherwe Woeste 227
b,
ahd. scirbi, scirpi, schirbe Graff 6, 540,
mhd. schirbe, scherbe Lexer
handwb. 2, 753
f., nhd. ist scherbe
herrschend; gleichwol ist die behauptung Weigands 2, 565,
das e
stamme aus dem nd., nicht begründet, da scherbe
auch im oberd., namentlich im bairischen, und in Nürnbergschen denkmälern vorkommt, vgl. die belege bei Lexer
a. a. o. wir haben wol zwei verschiedne ableitungen,
ahd. scirbî
und *scerba,
anzunehmen. neben dem schwachen fem. scherbe
begegnen vielfache abweichende bildungen: I@11) scherbe
als schwaches masc., vgl. Lexer
a. a. o., ebenso im ältern
nhd., scherbe
oder scherben,
m. Frisch 2, 174
b: er (
Job) vergruob sich in den mist, und mit einem scherben kratzet er den grind ab der haut. Keisersberg
emeis 44
b; einen teighafen yn einem hafenscherben.
kuchenmeisterei a 5
b;
in der bibel stehen masc. und fem. neben einander: und er (
Hiob) nam eine scherben und schabet sich.
Hiob 2, 8; weh dem, der mit seinem schepffer haddert, nemlich, der scherben mit den töpffern des thons.
Jes. 45, 9; gifftiger mund und böses hertz, ist wie ein scherben mit silberschaum uberzogen.
spr. Sal. 26, 23;
so noch im 19.
jahrh. in der bedeutung '
blumentopf',
s. unter 4.
heutzutage ist das masc. besonders in den bair.-österr. mundarten gebräuchlich, s. Schm. 2, 463. Schöpf 600 (
neben üblicherem scherp',
f. 601). Hügel 135
b,
ebenso schwäb. Schmid 459,
dagegen schweiz. scherb,
f. Hunziker 219,
kärntn. scherbe, scherben,
f. Lexer 216.
auch Adelung
führt der scherben
auf. zuweilen wird scherben
zu scherm
abgeschliffen, s. Castelli 240. Frommann
mundarten 6, 113.
so schon im 16.
jahrh.: ain neuen hafen oder scherm.
quelle vom jahre 1500
bei Schm.
a. a. o.; (
ich) musz heimlich jhn (
den harn) bekummen, wenn sie ein scherm voll misset. Ayrer 3080, 37
Keller. I@22) schirb, scherb, scherp
als starkes masc., mit dem plur. schirbe, schirbi, schirber,
s. Lexer
mhd. handwb. 2, 758.
nhd. häufig scherb
im nom., aber scherben
in den cas. obl., vgl. z. b.: mein gantzer cörper auch durch dises leydens schmach ist wie ein alter scherb gedrücknet und entlebet. Weckherlin 90 (
ps. 22, 15);
aber: und (
die heuchler) dencken schon an mich nicht mehr, dan an ein alten scherben. 140 (
ps. 31, 18).
schweiz. scherb
und scherba Tobler 385
b,
vgl. 9,
a. I@33) schirben, schirpen,
als starkes fem., plur. schirbene,
s. Lexer
handwb. 2, 754: schirbene von glase scharf under in genuc da streut.
pass. 124, 12
Köpke. I@44)
vielfach wird scherbe
durch die deminutivbildung scherbel vertreten, s. daselbst. IIII.
Bedeutung. II@11)
allgemein, etwas abgebrochenes, splitter, bruchstücke, trümmer, in der ältern sprache auch von metall oder holz: daʒ alumbe begunden zirben sîn verhouwene schildes schirben.
Parz. 215, 24; wan dâ von sper und schilte und helm lît daʒ velt bestreuter scherben.
d. jüng. Tit. 1233, 4;
vgl. auch stahels scherbe Ulr. v. Türheim
Willeh. 213
a bei Lexer
handwb. 2, 753; das soltintz vor besinnen und das holz wol laussen gedigen, so sæh man nit schirbi da ligen.
des teufels netz 11120
Barack. zur bezeichnung von etwas wertlosem: also das si enweder geb um din (
des pfaus) schon veder und jr ist al din gewerb (
dein werben) alz ainer alten wannen scherb. Laszberg
lieders. 3, 623;
von gebrochenen steinen: wan dâ nâch lâgen aller steine scherben.
der jüngere Tit. 5378, 3. II@22)
später in eingeschränkter bedeutung: bruchstück von irdenem oder gläsernem geschirr, zerbrochener topf; so schon alts. havanscerva
s. oben scherb
testa, ostracon Dasypodius. Schottel 1397,
testa, fictilia quassa Steinbach 2, 398,
fragmentum vasis testacei, testa, testa confracta Frisch 2, 174
b: dat isern was gemischet mit gropen (
topf) scherven unde mit hore.
deutsche chron. 2, 78, 26; do quam de besengde Laurencius unde warp enen kelek an de wage, dat deme keleke en scherven (
var. scerf, schirbel) utbrac. 168, 25; dô wart der richter zornig und liz in .. legen in einen kelre .. und liz under in legen typhinis (
topfes) schirben und glas.
d. mystiker 1, 71, 12
Pfeiffer; als, wenn ein töpffen zuschmettert würde .. also, das man von seinen stücken nicht eine scherbe findet, darin man fewer hole vom herde.
Jes. 30, 14; wer einen narren leret, der flicket scherben zusamen.
Sir. 22, 7; die scherben seynd noch da, haben aber keinen klang. Abele 4, 178; da sasz der arme krancke mann (
Hiob), .. und schabte sich mit einer scherben, damit er das eiter wegschabte. Schuppius 167;
Gianettino (
wirft das glas mit macht auf die erde): hier liegen die scherben. Schiller
Fiesko 1, 5; meine sehnsucht, einer kirche in den schoosz zu kommen, die .. durch ein geweihtes todtenbein, — durch eine scherbe aus der haushaltung eines erzvaters, und durch andere dergleichen raritäten uns in dem frieden mit uns weiter bringt, als die weisheit eines Garve. Thümmel
reise (1794) 4, 121; dô hieʒ er ieglîchen sînen kruoc bî einzegen schirben ûf lesen. Konr. v. Fussesbrunnen
kindheit Jesu 2631
Kochendörffer; und weisz nit, wie si ungefer ein hafen mit dreck rausz wirt schwingen, das mir die scherben am hals behiengen (
hängen blieben).
fastn. sp. 330, 19; dann zertrümmre mein pokal in zehntausend scherben. Bürger 50
a; sie (
die kugel) ist von thon, es gibt scherben. Göthe 12, 123; nichts seht ihr, mit verlaub, die scherben seht ihr; der krüge schönster ist entzwei geschlagen. H. v. Kleist 3, 118
Hempel (
zerbr. kr. 7).
so sprichwörtlich: aus den scherben erkennt man den topf — und aus der weisch das getreide. Simrock
sprichw. 8968; man siehts am scherben noch, was der topf gewesen. 10416;
mundartlich Frommann 6, 416, 21,
vgl. auch Wander 4, 145
f. häufig kleine thonstücke u. dergl., ohne beziehung darauf, dasz sie von zerbrochnen gefäszen stammen: das kot aber und scherben laszt ir am weg ligen. S. Franck
moriae encomion 67
b.
so berg der scherben
nach ital. monte testaccio,
auch übertragen: ein tempel ist die welt, kein berg der scherben. Immermann 13, 250; wenn's götter gäb', auf diesem berg der scherben (
Rom) vermöcht' ein gott selbst nicht mehr frucht zu ziehn. Geibel 3, 101. II@33) zu scherben gehen, werden,
zerbrechen, zertrümmert werden: in scherben zerfallen,
abire in fragmenta Frisch 2, 174
b; vom alter rost das eysen, vom alter würd der haffen zu scherben. Lehmann (1630) 10; wenn des nachbars junge einen krug zerbricht, so können wir leicht sprechen, es sey leicht versehen, dasz zerbrechliches gefäsz in stücken geht. aber warum machen wir nicht diese geduldige auslegung, wenn unser eigenes gefäsz aus versehen zu scherben wird? Chr. Weise
kl. leute (1679) 303; wehe dem, der zu sterben geht, und keinem liebe geschenkt hat; dem becher, der zu scherben geht, und keinen durst'gen getränkt hat. Rückert
ges. poet. werke (1882) 7, 482.
von einer steinernen mauer: erst schosz man fast,liesz jn kain rast, man macht die maur zuo scherben. Soltau
histor. volksl. 1, 183.
vielfach in freierer und übertragener verwendung, vergl. auch mundartlich z schâri gên,
zu scheitern gehn, nach und nach verschwinden Frommann 2, 90, 16: nun ist dise ordnung keiser Hein. j. ein guote polliceische ordnung, wol dienstlich zuo gemeinem nutz, aber sie gehet schentlich zuoscherben und trümmern. S. Franck
chron. der Teutschen (1539) 89
a; wir ... machten jnen also heysz daz jr etlich ausz forcht vom thurn sprangen und zuscherben fielen.
weltb. 232
b; den nagel, woran Zeus den ring der welt, die sonst in scherben gieng, vorsichtig aufgehangen. Schiller 11, 65;
so auch: darauf befahl er ihr, sie solle ihm zu essen geben .. er sagte es ihr aber in einem solchen tone, dasz sie glaubte, ihr kopf wäre schon in scherben. Eichendorff
werke (1864) 6, 549. II@44)
sodann wird scherbe
auch von unzerbrochenem irdenem oder gläsernem geschirr gesagt, topf, napf: scherb (der) jrrdin geschirr,
testa Maaler 349
c; scherbe, sagt man auch von einigen ganzen gefäszen, sonderlich irdenen .. brunz-scherbe,
matula figulina, garten - scherbe, blumen - scherbe,
vas testaceum ad florum plantationem in horto Frisch 2, 174
b;
in dieser bedeutung ist das masc. am üblichsten, auch heute noch. häufig in mundarten (
vergl.scherbel) Schm. 2, 463. Lexer 216. Schmid 459. Sartorius 107,
österr. speciell für '
nachttopf' Castelli 240. Hügel 135
b.
so schon spätmhd., vgl. die belege bei Schmeller
a. a. o.: wem diu gelider wê tuon .. der (
dörre) hitzig rauten in ainem scherben. Megenberg 417, 30; yn einem verglesten scherben.
kuchenmeist. c. 4; so sol man .. den driacers und den pfeffer brennen in ainem scherben. Heinr. Mynsinger
von d. falken u. s. w. 29
Haszler; das man kein kolln noch fewer in scherben oder hefen den kremern darauf gestat noch verhenge, darmit der pruck nit schaden geschehe. Tucher
baumeisterb. 259, 28
Lexer; wie man siehet an einem baum, der in ein scherben oder topf gesatzt ist, der wurzelt nicht weit um sich. Luther
tischreden 4, 197, 26
Bindseil; ja (
die römische kirche) ist S. Magdalena scherben voll kostbarer specerei. Fischart
bienenkork 51
a; der leichnam des bösewichts dagegen zerspringt wie die steinerne scherbe. Herder
z. litt. u. kunst 19, 246; ich .. lauf ins haus, will ihm einen scherben süsze milch, und ein gut stück brod dazu holen. Miller
Siegwart 1, 63; ain scherb gehöret zu der gluot, den stürtzt er für ain eysenhuot. Cl. Hätzlerin 2, 67, 403.
zuweilen in speciellerer bedeutung, vergl. die composita blumenscherbe (
th. 2, 165), brunzscherbe (2, 442), lichtscherbe (6, 890), nachtscherbe (7, 213), probierscherben (7, 2153), seifenscherbe (
s. das.),
ferner gartenscherbe, laszscherbe, milchscherbe Schm.
a. a. o., hausscherbe
u. a. m. gartenscherben, kellerscherben
werden in einer Erfurter waarentaxe von 1622
unter den töpferwaaren genannt. scherbe
allein für nachttopf: in alle kamer prunczscherben .. in der herren kammer verglast sust weisz scherben zu iedem pet ein. Tucher
baumeisterb. 296, 37
Lexer; einen nachtstul mit einer zubrochenen scherben. A. Gryphius 1, 835;
besonders aber für blumentopf: darnach (
sie) eynen groszen schönen scherben von magiolita name darein man nägelein masaron oder basilicho seczet. Steinhöwel
decam. 280, 7
Keller (4, 5); die jungfrauwen zeugen sonderlich das erste (
kraut, tausendschön) in jhren gärten und scherben für den fenstern. Tabernaemont. 819 I; man steckt ein blümlein auff den hut und nicht den scherben mit dem stock. Lehmann 189; wozu hätt' ich sonst den myrthenbaum jahrelang im scherben gepflegt! Hebbel
werke (1891) 2, 89 (
Mar. Magd. 1, 1); aine ain näglinstock het kauft; als diselb der hundshummel rauft, fing sie in, steckt in inn den scherben. Fischart
dicht. 2, 37
Kurz (
flöhh. 1317); die scherben vor meinem fenster bethaut' ich mit thränen, ach! als ich am frühen morgen dir diese blumen brach. Göthe 12, 190. II@55)
in vergleichen: meine kreffte sind vertrockent, wie eine scherbe.
ps. 22, 16; meine zunge ist trocken, wie eine scherbe. Schiller
räuber 3, 2
schauspiel. II@66)
häufig steht scherbe
im sinne von '
bruchstück'
in freierer oder bildlicher verwendung: die überbliben scherben vermögens.
quelle bei Schmid 459; welch' eine öde, weite ebene, hoch von ruinen (
das forum in Rom) .. die scherben einer groszen welt umhergeworfen! J. Paul
Titan 4, 75; die zweite welt ist ein monte testaceo aus menschen-scherben. 2, 134 (
vgl.berg der scherben
unter 2);
von einem zerschmetterten schädel: umirrend mit den scherben des haupts von land zu land. Rückert
ges. poet. werke (1882) 1, 73 (
d. gräber von Ottensen 2);
im bilde: weh dem der fürstengunst zerbricht! husch! fleischen ihm ins angesicht die splitter und die scherben. Schiller 1, 252. II@77)
als ausdruck der gebrechlichkeit von alten, schwächlichen leuten, s. Schm. 2, 463. Schöpf 601.
in anderm sinne wol scherbel '
liederliche weibsperson' Kehrein 1, 344: was schetterst lang, du alter scherb? Birck
doppelspiler 13;
wortspielend: vor deiner thür stehet ein elender tropff, welcher darumb arm, weil er nur ein armb hat, den er durch ein schusz vor Ofen verlohren ... er hätte bevor wissen sollen, dasz es nirgends mehr scherben gibt, als beyn kriegen. Abr. a S. Clara
Jud. (1690) 2, 18;
auch von thieren: ein alter scherb'm,
alte weibsperson, altes stück rind Schöpf 601. Schm. 2, 463;
alte oder doch magere kuh Kehrein 1, 344. güllschirwe
schlechter gaul, mähre Schmeller
a. a. o. allgemein für schlechtgewordene dinge Hügel 135
b. II@88)
technisches. II@8@aa)
im österreichischen hüttenwesen ein kleiner, flacher thontiegel, worin die probengeriebe zum schmelzen in den windofen gesetzt werden. Scheuchenstuel 207. II@8@bb)
in Goslar am Rammelsberge ein masz, nach welchem die getriebenen gänge gezählt werden, bestehend in einem viereckigen hölzernen kasten ohne boden, der etwa 4
centner faszt; ähnliche gröszere kästen auch in Freiberg. Jacobsson 3, 579
a. Frisch 2, 174
b. II@8@cc)
ein masz, womit die harzschlacken zum vorschlagen der erze beim schmelzen abgemessen werden, 3—3½
centner fassend, auch harzschlackenscherben Jacobsson
a. a. o. II@8@dd)
stücke von irdenen gefäszen und sandsteinen, die zu pulver gestoszen und zum cement verwandt werden. ebenda (
vgl. 2). II@8@ee)
im schiffsbau eine fuge zwischen zwei planken, die sich verlängern sollen. sie heiszt stuvscherbe,
wenn die köpfe grade abgeschnitten und gegen einander gestoszen sind; plattscherbe
oder lasching,
wenn die enden der breite nach über einander liegen und keilförmig abgeschrägt sind; langscherbe,
wenn die enden der länge nach übereinander liegen und durch keilförmige ausschnitte verbunden sind. Bobrik 586
b. II@8@ff)
ein name der traubenkirsche, prunus padus. Nemnich,
vgl.scherbken
und scherpenholz. II@8@gg)
name eines strauchs, schlingbaum, schlinge, viburnum lantana. Nemnich,
vgl.scherpen,
scherpchen. II@99)
mundartliche besonderheiten: II@9@aa)
schweiz. scherb,
m., überrest von einem brote. Tobler 385
b. II@9@bb)
schädel, kopf, so hess. scherbel (
vgl. daselbst),
und nd. scherwe,
z. b.: he is nitt ganz helle mär in der scherwe. Woeste 227
b. II@9@cc)
hierher hess. scherbe,
gesichtszüge, in der volksaussprache schirm
oder schirn?
vgl. Vilmar 347.