[]säen,
verb. samen auswerfen, serere. eine ableitung aus der europäischen wurzel sê
gleicher bedeutung, die selbst wol nur aus indogerm. sê '
loslassen' (
gr. ἵημι u. a.)
abgesondert ist. dieselbe bildung, europ. sêyô,
liegt vor in lit. sju
und altslav. sèj
säe; vgl. ferner lat. sēvi, Sēja,
die saatgottheit, cambr. heu
säen, altir. síl
same. Fick
4 1, 563.
innerhalb des germanischen ist sie vertreten durch goth. saian,
altn. sá,
dän. saae,
schwed. s,
ags. sâwan,
mittelengl. sowen,
engl. sow,
altfries. sea,
alts. sâian,
mnd. segen, seien,
neund. seien,
holl. zaaien,
ahd. sâjan,
mhd. sæjen.
aus dem germ. stammt auch lapp. sajet,
säen. Thomson 168.
die formen des deutschen wortes zeigen starkes schwanken: das j
hat sich theils als spirans erhalten, gewöhnlich in der schreibung g,
theils mit dem vorausgehenden vocal zum diphthong ai, ei
verbunden, und dies ist in heutigen mundarten die häufigste form; daneben kommt ausfall vor und übergang in andere spiranten, nämlich w (
vgl. ags. sâwan)
und h.
alles dieses schon im ahd. Graff 6, 54
belegt die formen: sâjan (saiin), sâan, sâwan (zi sauuenne, sauuiu), sâhen (sahenne).
mhd. begegnen sæjen, sægen, sêgen, sâgen, saigen, seigen, saien, seien, sæn, sæwen, seuwen, sæhen,
md. noch sêen, sêwen, sêhen,
s. Lexer
handwb. 2, 574.
ebenso im ältern nhd. serere, hd. sewen, sehen, seen ... seyen, sewen, segen. Dief.
gloss. 529
b;
semen, sementis ... das sehwen, oder die zeit zu sehwen. Alberus
dict. Ji 3
b;
circumsemino ich sehwe umbher.
ebenda; obsero ich ubersehe
ebenda; dasz zum sewen gehort
ebenda; ager sationalis, den mann sehwet 4
a; sAeyen Maaler 341
a; ackern, sêen, mäen. Aventinus
chron. 1, 202, 32; gersten soll man auff trockene acker säyen. Sebiz 23; der will verderben ee dann zytt, der jm nit segt, und andern schnyt. Brant
narrensch. 58, 16. Stieler 1661
hat säen
und so meist nach ihm, Schottel 1414 seen.
denselben formenreichthum zeigen die neueren hd. mundarten: saia Tobler 375
b, säje Hunziker 215, säije Seiler 247, saien, seien, seigen Schmid 445, sá'n Schm. 2, 197; sân, sânen Lexer 211, segen, seien Frischbier 2, 336.
in den nd. mundarten nur saien
und segen: saien
brem. wb. 4, 569. Schütze 4, 4; seien
oder saien ten Doornkaat Koolman 3, 169
b, sei'n Danneil 191
a, sejen, seien Schambach 189
b, saigen Woeste 222
b, seien, saien 235
a.
die flexion ist ursprünglich reduplicierend, vgl. lat. sero,
das wol aus dem alten perf. stammt. so goth. saiso,
altn. seri, sori,
im heutigen isländ. durch sáði
ersetzt, ags. seów,
engl. sew,
wofür jetzt sowed
eingetreten ist, während das starke part. sown
fortbesteht. den einzigen rest dieser flexion im deutschen bietet der Heliand (
Cott.): thus geng thar is fiond after thuru dernian hugi,endi it all mit durthu oBarseu. 2545.
sonst stets in schwacher bildung: alts. sâida,
mnd. segede, seyede,
ahd. sâta,
mhd. sâte
und mit angleichung an den vocal des präs. sæte,
md. auch sêwete: und seweten mit getruwer hant.
pass. 92, 33
Köpke. 11, 1@aa)
im eigentlichen sinne, samen ausstreuen, serere: und Isaac seete in dem lande, und kriegt desselben jars hundertfeltig. 1
Mose 26, 12; stelle dich zu jr (
der weisheit), wie einer der da ackert und seet, und erwarte jre gute früchte.
Syr. 6, 19; sihe, es gieng ein seemann aus zu seen, und es begab sich, in dem er seet, fiel etliches an den weg.
Marc. 4, 3; ist ein jeder leibeigener schuldig, ... zu sähen, zu mähen, auch schären. Grimm
weisth. 2, 238; du solt aber den samen inn dem du sAeyest, gleich ausztheylen und inns erdrich werffen. Sebiz
feldb. 489; sie seen ihnen (
die Jesuiter den Tartern), sie erndten ihn, sie pflanzen ihnen. Schuppius
schrift. 375; mit zwey gängen säen heisset, wenn der säemann in einer beete furche am beete hinab gehet, und die eine halbe beete mit saamen bewirfft, hernachmals die andere furche an diesem beete wieder herauf gehet, und also die andere helffte auch besäet. mit einem gange säen aber heisset, so der säemann mitten auf dem beete gehet, und den saamen aussäet.
öcon. lex. 2100. 1@bb)
mit angabe des objects. 1@b@aα) samen säen: ir solt umb sonst ewren samen seen.
3 Mose 26, 16; so wird er deinem samen, den du auff den acker geseet hast, regen geben.
Jes. 30, 23; der säemann säet den samen, die erd' empfängt ihn. Claudius 1—2, 23.
im besonderen: getreide, weizen, erbsen säen
u. dergl.; so strewet er (
der ackermann) wicken, und wirfft kümel, und seet weitzen und gersten, jglichs wo ers hin haben wil, und
[] spellt an seinen ort.
Jes. 28, 25; do gieng er (
der bauer) fur graf Wilhalmen, bat den, er welt im ein vierteil oder zwai deren wolgeschmackten erpsen zustellen, damit er die noch bei zeiten sehen kint.
Zimm. chron. 3, 520, 33; gersten soll man auff trockene acker säyen. Sebiz
feldb. 23; vor sechzig jahren säete noch niemand buchweizen ins moor; und jezt wird er überall gesäet. Möser
phantas. (1775) 1, 218; ich bitte dich um einen von den kleinen grünen blumen äschen, ich will etwas säen. Göthe
briefe 7
s. 9
Weim. ausg. (
an Ch. v. Stein). 1@b@bβ)
mit angabe der aus dem samen aufgehenden pflanze, bei getreide u. s. w. von α nicht zu trennen: die gsähten kreuter (
waren) gar zerrült, und von den sewen ausz gewült. B. Waldis
Esopus 3, 94, 191. 1@b@gγ) einen acker säen (
wofür gewöhnlich besäen,
vgl. 3,
b):
mnd. dat se mogen dat lanth segen, de wyssche meygen.
urk. bei Schiller-Lübben 4, 168
b. 1@cc)
häufig im gegensatz zum ernten, sprichwörtlich: wer nich sejet, dei kann nich arnen. Schambach 189
b; säen ist nicht so beschwerlich als ernten. Göthe 17, 263; ir seet viel, und bringet wenig ein.
Haggai 1, 6; sie seen weitzen, aber disteln werden sie erndten.
Jerem. 12, 13; ich hon uch zu mehen usz gesant, das er nit gesehet hot mit der hant.
Alsfelder pass. 1396
Grein. 1@dd)
so auch von sachen, die eigentlich kein samen sind; mit anspielung auf Cadmus, der drachenzähne aussäte: nicht hoffe, wer des drachen zähne sä't, erfreuliches zu ärnten. Schiller
Wallenst. tod 1, 7. salz säen,
sprichwörtlich (
vgl.salz): da streit Abi Melech wider die stad denselben gantzen tag, und gewan sie ... und zubrach die stad und seet saltz drauff.
richter 9, 45; daʒ chorn hieʒ er alleʒ abmæigen, daʒ salz an den akker saien.
kaiserchron. 336, 17
Diemer. eine geschichte vom salzsäen s. Kirchhof
wendunm. 1, 165. 22, 2@aa)
am nächsten schlieszen sich an die grundbedeutung die stellen an, wo es von der thierischen zeugung und ähnlichem gebraucht wird: kain tier sæt seinen sâmen slâfend oder wachend ausʒwendig seins weibes schôz, ân allein der mensch. Megenberg 117, 18; so dises mit der feldarbeit so ceremonisch zugeht, wie vil heiliger ist die ehearbeit, unnd also zureden, dasz ehelich ackeren unnd säyen der kinder zuhalten und ehrlich zubegehen. Fischart
ehezuchtb. (1597) E 3
b. 2@bb)
ganz ähnlich vom menschlichen leichnam, der in die erde gelegt wird, um daraus verjüngt wieder zu erstehen: es wird geseet verweslich, und wird aufferstehen in herrligkeit ... es wird geseet ein natürlicher leib, und wird aufferstehen ein geistlicher leib.
1 Cor. 15, 43. 44; eh' wir es (
das leben) endigen, und ehe der tod uns zum zweiten mal säet. J. Paul
biogr. belust. 1, 41; der Herrnhuter todtengarten mit seinen flachen beeten, worin gärtner aus Amerika, Asia und Barby gesäet waren.
flegelj. 1, 102; selbst du (
Jesus) wurdest gesät; doch entsprossest du der verwesung nicht! Klopstock 5, 116. 2@cc)
sodann ganz allgemein, hervorbringen, schaffen; in ausgeführterem bilde: auch sonst ist für krieg und menschheit die behauptung schimpflich und unwahr ... dasz erst länder zu gräbern umgeackert werden müssen, um einige helden zu säen. J. Paul
dämmerungen 61; dasz alle von der natur gesäeten genies aufgehen und ihren wuchs erreichen. 88; diebe, die der krieg gesäet, läst der friede reichlich finden. Logau 2, 53, 100.
ähnlich ohne object: statt in einer entfernung von 365 stunden der vorausgeschrittenen säenden geschichte keuchend mit der feder nachzueggen. J. Paul
unsichtb. loge 3, 60. 33)
dann überhaupt, etwas ausstreuen, ohne rücksicht, ob daraus etwas anderes hervorgeht. 3@aa) brachten sy ein grosse schüssel herfür und schutten den branntenwein darein und sayten zucker darauff.
rollwagenb. 49, 25
Kurz. sterne säen: diu êrst sach ist, daʒ an dem tail des gestirnten himels, dâ diu strâʒ scheint, vil zesamen gesæter stern sint. Megenberg 78, 21; denn der unendliche hat in den himmel seinen namen in glühenden sternen gesäet, aber auf die erde hat er seinen namen in sanften blumen gesäet. J. Paul
Hesp. 2, 248; die sternen in der lufft stehn dünn, und bleich gesät. Gryphius (1698) 549;
[] zu zeugen ihrer pracht vergüldet sie (
die schönheit) die sterne und sonnen säet sie, wie leichte körner hin. Withof
acad. ged. 1, 278. blitze säen,
mit bezug auf ihre erfrischende wirkung und den befruchtenden regen, der ihnen folgt: wenn der uralte heilige vater mit gelassener hand aus rollenden wolken segnende blitze über die erde sä't. Göthe 2, 84; (
vom Vesuv ausgeworfene steine), deren wucht, durch gluten und dampf geschleudert, bald umher auf aschige höhn rubine reichlich sät ... Platen 116
a.
mit hervorhebung des zerstreuens: und ich wil sie unter die völcker seen, das sie mein gedencken in fernen landen.
Sacharja 10, 9. 3@bb)
selten bezeichnet das object die fläche, auf welche etwas gesäet wird (
wie bei besäen,
vgl. 1,
b, γ): einen weg säen,
s. Schm. 2, 197
f.; daz tzelt und auch sein umbehank waz von sameyd reich getzirt, bla in bla gewolkent, geschetigt (
schattiert), runt gesaiget. Suchenwirt 25, 49. 3@cc)
besonders in gewissen redensarten, um die häufigkeit des vorkommens eines gegenstandes zu bezeichnen: hier liegen die steine wie gesät,
so dicht und gleichmäszig vertheilt; diese mohrische völker und sclaven brachten so viel leuse auff das schiff, dasz sie hin und wieder so häuffig krochen, als wenn sie hin gesäet wären. Andersen
reisebeschr. von Olearius 48
a; der canal (
in Venedig) gesäet voll schiffe. Göthe 27, 104; die brüder dick gesät .. sie liegen wie gemäht.
wunderh. 1, 114
Boxberger. etwas ist dünn gesät,
findet sich nur selten und vereinzelt: aber solche (
die gottes wort gerne hören) sind gar dünne geseet, der falschen christen sind allzeit viel mehr, denn der fromen. Luther 6, 337
a; frohme weiber und gutte freunde, seyn dünne gesäet. Butschky
Patm. 129; sie (3
handschriften) haben fast durchgängig die lesarten des Domitius, und ganz eigene, welche aufmerksamkeit verdienten, sind sehr dünne gesäet. Lessing 8, 504; schon an sich sind ehemänner dünn gesäet, noch dünner aber ein ehemann, mit welchem
u. s. w. J. Paul
vorsch. d. ästhetik 3, 148;
so auch schweizerisch: nitt dik g'säit si. Seiler 247
b. 44) säen
in bildlichem sinne. 4@aa)
im ausgeführten bilde: nur in die furche der zeit bedenkst du dich thaten zu streuen, die, von der weisheit gesät, still für die ewigkeit blühn? Schiller 11, 45. bösen samen säen
und dergl.: solch leben neidet der bös feindt mentschlichs geschlechts, seiet seinen samen auch darzu.
Zimm. chron. 1, 459, 14; o du seier des teufels, du seiest den bösten somen yn die herzen. Keisersberg
narrensch. 143
a; es hat der teuffel in der helln, Beelzebub und sein geselln, unter der mutter gottes namen gesäet solchen bösen samen. Alberus
fab. (1590) 65
b.
so in dem biblischen ausdruck: unkraut unter den weizen säen.
im gleichnis: da aber die leute schlieffen, kam sein feind, und seete unkraut zwisschen den weitzen.
Matth. 13, 25; siehe, du säest unkraut unter den waizen. Kästner
sinnged. 1, 134. 4@bb)
an dieses biblische gleichnis knüpfen anwendungen wie: gedanken in jemandes herz säen; saeget der tufel in din hercze gedanke, so rede mit dime gemute da von nicht.
der väter buoch 47, 23
Palm; ich wil mein gesetz in euch säen. 4
Esra (1743) 9, 31; sollte der stolz nicht ein unkraut sein, das von einem feinde der menschlichen natur auf unser herz gesäet worden? Gellert
bei Campe
s. v. unkraut; kommt jetzt, ihr geister alle, die in die seele mordgedanken sä'
n. Schiller
Macbeth 1, 10.
andere verwendungen im anschlusz an das gleichnis vom sämann: der seemann seet das wort. diese sinds aber, die an dem wege sind, wo das wort geseet wird, und sie es gehört haben, so kompt als bald der satan, und nimpt weg das wort, das in jr hertz geseet war.
Marc. 4, 14, 15; swaz im was benebene, an die sewete er gotes wort.
pass. 303, 35
Köpke; waz wil der man, der so vil worte sewen kan. 546, 62. 4@cc) säen
allgemeiner vom menschlichen thun, mit rücksicht auf dessen erfolg; auch hier besonders in biblischen oder an die [] bibel anknüpfenden ausdrücken: der gottlosen erbeit wird feilen, aber wer gerechtigkeit seet, das ist gewis gut.
spr. Sal. 11, 18; denn das bösz ist schon gesäet, aber seine zerstörung ist noch nicht kommen. 4
Esra (1743) 4, 28; sie wollen pflanzen für die ewigkeit, und säen tod? Schiller
don Carlos 3, 10.
sehr häufig dem ernten gegenüber gestellt: wer unrecht seet, der wird mühe erndten.
spr. Sal. 22, 8; darumb seet euch gerechtigkeit, und erndtet liebe.
Hosea 10, 12; denn was der mensch seet, das wird er erndten. wer auff sein fleisch seet, der wird von dem fleisch das verderben erndten. wer aber auff den geist seet, der wird von dem geist das ewige leben erndten.
Gal. 6, 7. 8; dasz der nachdrucker sich schämen sollte, zu erndten, wo er nicht gesäet hat. Lessing 11, 181; sin vil tugentlicher mut sewete uf der erden, daz er mit grozen werden uf dem himele darna sneit.
pass. 379, 17
Köpke; was ihr gesä't, hat er geerntet. Göthe 9, 58.
so auch in einigen sprichwörtlichen redensarten: wer wind säet, wird sturm ernten; denn sie seen wind, und werden ungewitter einernten.
Hosea 8, 7;
ähnlich: ihr sätet blut, und steht bestürzt, dasz blut ist aufgegangen. Schiller
Wallenst. tod 5, 11.
ohne object: die mit threnen seen, werden mit freuden erndten.
ps. 126, 5;
darnach: den helden machten nicht schlachten, wunden ... sondern eine in thränen gesäete, und in reimen geerntete liebe. J. Paul
jubelsen. 53. 4@dd)
dagegen wird in andern verbindungen nicht das hervorbringende, sondern das hervorgebrachte, der beabsichtigte oder eingetretene erfolg, als object zu säen
gesetzt; so geht es über in die bedeutung '
herbeiführen, veranlassen, verdienen'
u. s. w.: wie ich wol gesehen habe, die da mühe pflügeten, und unglück seeten, und erndten sie auch ein.
Hiob 4, 8; es ist auch ein närrischer brauch entstanden, so wol bey den eltern als præceptoren, dasz sie zwischen den brüdern ein æmulation säen und mehren. Schuppius
schr. 733; also wurden zweiffelhafftige ausz den zweiffelhafftigen sachen gesäet. 770; ich glaubte vergnügen zu säen und sehe ich erndte thrähnen. Leisewitz
Jul. v. Tarent 67, 10
neudr. (3, 2); auch beurtheilte er (
Oranien) sein eigenes betragen zu richtig, um ... bei dem könig auf einen dank zu rechnen, den er nicht bei ihm gesäet hatte. Schiller 7, 283; der schlusz, dasz der wahn des todes die wahrheit desselben säe. J. Paul
Titan 3, 23. 4@ee)
vom bilde des ausstreuens ausgehend (
vgl. 2,
a): dasz .. die damen gleicherweise grobe sachen essen, nicht um satt zu werden ... sondern um zu zeigen, dasz sie selber keine schau- oder scheinkörper sind, um so mehr, da ihre Pariser schau- oder schein-wangen .. so leicht diesen irrthum weiter säen. J. Paul
Katzenb. 1, 94.