Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
gewalt stFM.
1.1 in religiösen Zusammenhängen
1.1.1 auf Gott bezogen
1.1.2 bezogen auf den Teufel
1.1.3 einer der neun Engelchöre
1.1.4 bezogen auf heidnische Götter
1.2 bezogen auf Naturphänomene
1.3 in gesellschaftlichen Zusammenhängen (zur rechtl. stark differenzierten Verwendung vgl. DRW 4,675-697)
1.3.1 herrschaftliche Gewalt
1.3.2 ‘Herrschaftsbereich’ (nicht immer deutlich von 1.3.3 zu trennen)
1.3.3 im weitesten Sinne ‘Verfügungsgewalt’ (nicht immer deutlich von 1.3.2 zu trennen)
1.3.3.1 ‘Befugnis’
1.3.3.2 bezogen auf rechtliche Vormundschaft
1.3.3.3 ‘Amtsgewalt’
1.3.3.4 ‘Schutz, Obhut, Verwahrung’
1.3.3.5 im Sinn von ‘Eigentum, Besitz’
1.3.4 ‘Vermögen, Befähigung zu etw.’
2 negativ wahrgenommene, meist außerhalb einer Legitimation stehende Macht (häufig in negativ konnotierten Verbindungen, entspr. lat. violentia ), ‘Gewalttat, Gewalttätigkeit’
3 phras. (vgl. ausführlicher Friedrich, PhrasWB , S. 164f.)
3.1 ~ unde gewer(de) zur Bezeichnung von Verfügungsgewalt und Besitz
3.2 sprichw. (häufig in Verbindung mit genâde oder rëht , vgl. ausführlicher TPMA 4,459-469 )
1 (auf Legitimation basierende) Verfügungsgewalt über Menschen und Güter in den verschiedenen Lebensbereichen (entspr. lat. potestas), ‘Macht, Herrschaft’ 1.1 in religiösen Zusammenhängen 1.1.1 auf Gott bezogen: daz den gewæren namen drin / ein gewalt ân underscheit / mit drin namen sî bereit RvEBarl 10807; des vater und des sunes und des heiligen geistes ist ein natur, ein gewalt, ein gotheit, ein wille, ein werch PrOberalt 110,36; owi, Jesu, wie michel din tugende vnd din gewalt ist Konr 10,139; ich geben mich an des almehtien godes gewalt, / wande mine sunden sinth so manichfalt, / dat ich si alle nith nemach genennen SüklU 9 1.1.2 bezogen auf den Teufel: [Christus] si ledigot von des tiufels gewalt mit sinem hern pluͦt Konr 20,9; bitz du, groze vrowe, quemes / ind dem vinde sin gewalt benemes MarlbRh 37,6; des Endecristes gewalt ist also gros, das nieman ist sin genos Mechth 4: 27,125 1.1.3 einer der neun Engelchöre: er gab iegelichem chôre sînen namen: / einen namete er engele, den anderen hôchengele, / den dritten gestuole, den vierden hêrscefte, / den vinften namete er gewalte, den sehsten fursten, / einen namete er cherubîn, den anderen sêraphîn Gen 11; di ordenunge dar enmiten / in dru sich ouch geteilt hat, / als der gotliche rat / uf sin lob sie hat gehaft: / gewalt, vursten, herschaft Pass I/II (HSW) 37030 1.1.4 bezogen auf heidnische Götter: Vulkânus ist ein hôher got, / des gewalt in sîn gebot / betwungen daz gesmîde hât RvEBarl 9722. 9813 1.2 bezogen auf Naturphänomene: owê, winter, dîn gewalt wil uns aber twingen KLD: GvN 1: 1,1; der natûre grôz gewalt RvEBarl 6529; sô hêt der stern kreft und ander crêatûr kain gewalt gehabt über den menschen BdN 489,3. 428,4 1.3 in gesellschaftlichen Zusammenhängen (zur rechtl. stark differenzierten Verwendung vgl. DRW 4,675-697) 1.3.1 herrschaftliche Gewalt: imperium: gewalt vel gebot SummHeinr 2:341,01.09; genuoge liute hânt den site, / daz sie vil lobent und schône lebent, / sô sie ze grôzem gwalte strebent; / als sie in denne erstîgent, / daz sie von den êren nîgent / mit maneger slahte missetât Eracl 1850; dû scolt dir einen wîsen man suochen, / der nâh dir daz lant habe in sîner gewalt, / deme daz liut sî undertân Gen 2054; allen den den got geriht und andern gewalt hât gegeben ûf ertrîche SpdtL 149,20; swer lant unt liute hât gewalt, / der sî den slehten sleht, den manicvalden manicvalt RvZw 98,4; Persen ist mir undertân, / Parthis unde Indiân / di stênt an mîner gewalt SAlex 5677; so sol er daz selbe lehen von nieman anderm han wan von der herschefte, und sol enkain unser erbe gewalt hain daz selbe lehen ieman anderm ze lihene UrkZürich 7,65 (a. 1298). – bezogen auf die Macht der Minne: diu Minne nie gewan / grœzern gewalt an deheinem man Iw 1608; minne, dîn gewalt ist wît. / minne, ich bin dir undertân: minne, wis gewaltic mîn KLD:GvN 22: 4,6; minne ist sô gewaltec / daz ir dienent elliu lant: / ir gewalt ist manecvaltec KLD:UvL 30: 3,3; o minnebant, din suͤssú hant hat den gewalt, si bindet beide jung und alt Mechth 5: 30,7; frouwe guot, du hâst gewalt: / minne dienet dir vür eigen SM:JvW 3: 2,7; ir güete kêre mirz ze guote, / die mîn herze und al den lîp / âne valsch in ir gewalt betwungen hât SM: UvS 15a: 1,5 1.3.2 ‘Herrschaftsbereich’ (nicht immer deutlich von 1.3.3 zu trennen): er was geheizen Omin. / wîten ginc der gwalt sîn, / michil was sîn heriscraft SAlex 100; din gewalt wirt also wit, / daz dir in ertriche / nechein kuninc ne mac gelichen TrSilv 501; ich wil mich dâ hin neigen / dâ sîn gewalt ende hât / und mîner sêle wirdet rât Wig 8184; aller schatz under erde vergraben tiufer denne ein pfluoc gât, der gehœret zuo dem küniclîchen gewalt SSpAug 116,17; ein iklich man, der hus unde hof hat, der hat gewalt unde vride also verre, alse sine troufe vellet, daz da nimant gesten noch gevarn mac wider sinen willen StRFreiberg 33,23 1.3.3 im weitesten Sinne ‘Verfügungsgewalt’ (nicht immer deutlich von 1.3.2 zu trennen) 1.3.3.1 ‘Befugnis’ Zenophilus, min geselle, / wir sulen des sendes phlegen. / den gewalt hat uns geben / der riche keiser Constantin TrSilv 693; des küneges marschalc von Îrlant, / in des gewalt und in des hant / ez allez stuont, stat unde habe Tr 8730; die frauw hatt die burg in ir gewalt Lanc 204,20; er sol sô er aller baldeste mac ze dem rihter komen, unde sol sich in des rihters gewalt mit sînem lîbe ergeben SpdtL 140,6; die râtman haben die gewalt, daz sie richten uber [...] vnrechte wage vnde vnrechte schephele vnde uber vnrecht spisekovf vnde uber meynkouf UrkBresl 18 (a. 1261); welcheme brûdere von dem meistere oder von dem, der den gewalt von deme meistere hat, bevolhen wirt die sorge der sîchen StatDtOrd 33,13; wer aus der gewalt heirat, den pezzert mein frau [die Äbtissin des Klosters] nach genaden WeistGr 6,183 (14. Jh.) 1.3.3.2 bezogen auf rechtliche Vormundschaft: darzuͦ sprach er [Gott beim Schöpfungsakt] si [die Frau] solte wesen undir mannes gewalte / und allis dinges undirtan swaz ir gebute der man GenM 18,20; die zeit und der sun in dez vater gewalt ist, so mag er ân dez vater willen und wort sein erbtail niht versetzen noch verchumbern noch anwerden noch verchauffen StRMünch 284,3. – jmd., der gerichtlich durch einen Vormund vertreten wird: hat ein man gesinde, iz si knecht oder mait, di in sinem brote sin, he habe si gemietit und ungemiettit, di heizen sin gewalt, also daz he vor si klagen unde antwerten mac, ab he wil StRFreiberg 257,9; ist, daz ein man pfandunge irteidinget uf einen vormunden unde uf sine gewalt ebd. 147,15 u.ö. 1.3.3.3 ‘Amtsgewalt’ mir hat der kvnic riche / disen gewalt verlihen, daz er [bezogen auf gewalt ] si min. / ich sol hie ebtessinne sin ReinFu K,2145; dirre rat hat ouch den gewalt dise gesetzede ze bezzerne unde ze beswerene mit allen den dingen, damite dise selbe setze stete blibe WüP 7m,2; ez sullen oͧch die schephen, di iezund sind, sitzen in dem gewalt und sûllen allen den gewalt haben, den schephen durch reht haben sûllen UrkFriedb 115 (a. 1331); ein rihter niht mag schuldig wesen, / das er gen gote manslegig sî, / ob im der gewalt wonet bî, / das er über das bluot ze rihten hât Ammenh 5474; einen stab in seiner [des Büttels] hant. dô ist mit bezaichent der gewalt, den er von dem gericht hât, und sein ampt RbRupr 58. – daraus abgeleitet ‘Beauftragter, Stellvertreter’ da sant an einem morgen / der senat sin gewalt / das man in [Tarquinius] sold verderben, / ersterben Mügeln 355,4; tue wir des nicht, so schol in der herzog in Osterreich oder sein gewalt unsers guets als vil in antwurten da von si gerichten werden ir schadens gar und ganz mit unserm gueten willen an alle chlag und an allez furbot UrkPölt 340 (a. 1341); UrkHohenz 3,177 (a. 1348). 3,128 (a. 1344); StRFreiberg 78,13 1.3.3.4 ‘Schutz, Obhut, Verwahrung’ so schult ir ivch mineme trehtine beuelhin mit libe unde mit sele unde schult in vil innechliche bitten, daz er ivch in sinem gewalte habi unde daz er ivch bewâre uor deme leidigem viande Spec 83,5; sælde, vreide, herze, lîp / hât ich einem wîbe in ir gewalt gegeben SM:UvS 19: 1,4; sô sal man denselben schaz bewaren mit drîn slozzen unde mit drîn sluzzelen, der sol einer sîn in des meisteres gewalt, der ander in des grôzen commendûres gewalt, der dritte in des trisêreres gewalt StatDtOrd 97,32; ist dâ nieman der sich sîn [des Erbes] underwinde, sô sol es sich der herre underwinden mit sînen boten, unde sol daz guot in sîner gewalt haben jâr und tac unvertân, unde sol warten ob sich ieman dar zuo ziehe SpdtL 109,19. 125,5; SSpAug 210,20; OberBairLdr 35. – ‘Gefangenschaft, Geiselhaft’ des wart der rîter sigehaft. / in sîn gewalt muos er sich geben Wig 2137; Parz 287,29; he gaf sich in des vinds gewalt, / he ded im manschaf in sin hende MarlbRh 17,32; wir wollen uch die in uwern gewalt geben die uch diß gethan hant Lanc 97,36. 68,5. – mich hânt gedanke manicvalt / sô genomen in ir gewalt, / daz ich beswæret sêre bin RvEBarl 13830 1.3.3.5 im Sinn von ‘Eigentum, Besitz’ das ditz puech den ungeleübigenn zehannden köme und ze dem gewalt [ ad potestatem ] der hochvertigen HvHürnh 3,9; nu bint unser secke ûf, und in swelches gewalte du in [den Becher] vindest den tœte BuchdKg 24,4; daz lêhen [des Geächteten] wirt dem herren ledic, [...], daz eigen dem küniclîchen gewalt, ob er niht erben hât SpdtL 119,8; wan, der sînen willen und sich selber læzet, der hât alliu dinc gelâzen als wærlîche, als sie sîn vrî eigen wæren und sie besezzen hæte in ganzem gewalte Eckh 5: 195,6 1.3.4 ‘Vermögen, Befähigung zu etw.’ pei dem gewalltt der verstandenhait [ apud potentiam intellectus ] ist nichtes nichtt müelich und alle ding sint wissenlich auf dem weg der weschaidenhait HvHürnh 26,6; ich han enheinen gewalt denne alleine, das ich súndegen mag Mechth 2: 24,60 2 negativ wahrgenommene, meist außerhalb einer Legitimation stehende Macht (häufig in negativ konnotierten Verbindungen, entspr. lat. violentia), ‘Gewalttat, Gewalttätigkeit’ stîg und wege sint in benomen: / untriuwe ist in der sâze, / gewalt vert ûf der strâze, / fride und reht sint sêre wunt Walth 8,25; KvWLd 2,47; beide gewalt vnde vnrecht Herb 2675; daz sî den kempfen bringe dar / der sî gewaltes bewar Iw 6034; doch ist ez alsô dar komen von gewalt unde mit getwancsal, daz ez nu reht ist SpdtL 134,12; haimsuche, diupstal, vraefel unde allen gewalt StRAugsb 13,18; owê gewaltes, den sî an mir begât! MF:Reinm 11: 5,16; die guotes vil / hânt mit rîcheit manicvalt: / die vürhtent weltlîchen gewalt, / und maneger arbeit überkraft / von ir guote und vîentschaft RvEBarl 5236; BdN 361,17. – oft in der Wendung mit ~ ‘mit Kraft, Gewalt’ mit gewalte niemen erwerben mac die maget NibB 57,1; [dass] in der ungefüege stich / mit craft und mit gewalte / zuo der plânîe valte KvWTurn 219; Herb 18136; he inwolliz dannin vuri mit unrechtir giwalt Mühlh 154,19; da brachen sie den vride an im unde an sime gute unde roubeten im daz abe mit gewalt oder stalen im daz abe dupliche StRFreiberg 134,6; deu frauwe hiet iez in ir gewalt gehabt, vntz sis der bischolf entwert mit gewalte [lat. sine iure ] UrkEnns 3,194 (a. 1252); trûren mit gewalte hât gankert in mîns herzen grunt KLD:BvH 9: 3,1. – ‘Heeresmacht’ der vil süezzen, der ich diene, / singe ich disen sang vor Wiene, / dâ der künig lît mit gewalt SM:KvL 5: 5,6; ô Terramêr durh Tybalt / ze Oransche kom mit dem gewalt / und iuch des hers vluot besaz Wh 252,12; Galahut sant im zwenczig tusent ritter. sie kamen mit großem gewalt den konig zu beschútten Lanc 237,13. – mit ~ nëmen: wer dem ander sin tuͤr ufstoͤzzet und sin kannen abe brichet oder ander sin guͦt nimt, raublich oder dieplich, frevelich oder mit gewalt, bi naht oder bi tage WüP 40,3; daz er die schonen Elenam / zv crichen mit gewalt nam Herb 3518; sie namen Troylun mit gewalt. / doch werte sich der degen balt ebd. 5116; Athis D 43; diu gewaltærinne Minne / diu was ouch in ir sinne / ein teil ze sturmelîche komen / und hæte ir mit gewalte genomen / den besten teil ir mâze Tr 964; so wolt er komen und die kint mit gewalt nemen und yn beiden ir lip thun nemen Lanc 63,29 3 phras. (vgl. ausführlicher Friedrich, PhrasWB , S. 164f.) 3.1 ~ unde gewer(de) zur Bezeichnung von Verfügungsgewalt und Besitz: der selbe hat das gut land / in gewalt und in gewer HvNstAp 4364; ich wil die vil guoten flêhen umbe ein ding daz ich doch hân / in gewalt und in gewer KLD:BvH 17: 1,3; KvWSchwanr 475; daz ich den selben hof inne haben sol in gewalte vnd in gewer UrkCorp (WMU) 1121,11; demi man [...], die diz guit in giwalt undi giwerin heit Mühlh 120,5; swer ein guot in gewalt und in gewerde hât âne widersprâche vierzic jâr [...], daz ez der mit rehte iemer mêre haben sol PrBerth 1:574,18 3.2 sprichw. (häufig in Verbindung mit genâde oder rëht, vgl. ausführlicher TPMA 4,459-469 ): wan es ist ein altes wort, / das man ofte hat gehôrt: / swâ unadel gewaltes pfligt, / unart vil dik dem angesigt Ammenh 9687; weistu wol daz gnâde bî gewalte zimt? KLD:Rub 15B:3,7 (vgl. → genâde 6); ouch hand ir, waͤn ich, dik gehôrt, / das vor mir ist gesprochen ein wort: / pfersichboum, [und] unrehter gewalt, / das die [beide] kûme werdent alt Ammenh 9087; gewalt witzen an gesigt, / daz sprichwort wart bewæret dâ Ottok 31213
MWB 2 685,47; Bearbeiter: Diehl