FLIEHEN vb. (1)
ahd. fliohan,
mhd. vliehen.
as. fliohan,
mnd. vlēn;
mnl. vlien,
nnl. vlieden, vlien;
afrs. fliā;
ae. fleón,
me. flēn,
ne. flee
aus germ. *fleuhan
sowie mit anderem anlaut got. þliuhan
und an. flýja,
norw. dän. schwed. fly
aus germ. *fleuhjan.
da unsicherheit über den ursprünglichen anlaut besteht (entweder nach dem got. ‐þ‐
mit entwicklung zu ‐f‐
im nord- und westgerm. oder altes ‐f‐
mit sonderentwicklung im got.) bleibt die weitere etymologie unklar. (2)
es ist die beseitigung des grammatischen wechsels zugunsten des ‐h‐
innerhalb des germ. vorauszusetzen, wodurch formenzusammenfall mit wohl unverwandtem fliegen vb. im germ. vermieden wird. aufgrund der semantischen und formalen nähe beider wörter kommt es aber in den dt. sprachstufen in allen formen zu überschneidungen, vgl. DWB22
und fliegen vb. B.
ab dem 17. jh. werden beide wörter zunehmend konsequent unterschieden. (3)
im präs. sing. sind die varianten fleuchst, fleucht, fleuch
bezeugt; nach dem 19. jh. nur noch in der verbindung was kreucht und fleucht
(vgl. DWB22 a
). 1
sich fernhalten, sich entfernen. a
meiden, vermeiden, scheuen. transitiv. ab dem 19. jh. veraltend: ⟨790/802⟩ nalles sár erflaucter forahtun fleohes uuec dera heilii
benediktinerregel 190,28 S. u830 uuahhet giuvesso in ziti giuuelihha betonti thaz ir sit uuirdige gihabete zi fliohanne thisiu alliu thiu dar zuouuertiu sint
Tatian 2146,5 S. ⟨v1022⟩ unde daz anderênze bilde sî daz sie sculde flihên unde samolîh netûên Notker
1,3,279 ATB. ⟨E12.jh.⟩ mer vluͤcht er daz man in lobt dan ob man in schildet
altdt. pred. 1,305 Sch. ⟨1215/6⟩ swer den hunger schiuhen wolde,/ den vrâz er ouch vliehen solde Thomasin
10036 R. ⟨u1300⟩ sie wolde auch weicher bette enbern,/ daz sie irs wirtes bette floch/ unde sich von senftekeide enzoch,/ wa sie des stade mohte han
hl. Elisabeth 1663 LV. hs.1.h15.jh. wildu nach lob und er trachten/ .. so scholt du fliechen wurfel spil,/ unchausch, leithaus und trachait vil
dt. facetus 118 Sch. 1510 wie pistu
(tod) in sollicher graussamerfigur!/ dich scheucht unnd fleucht all creatur
schausp. v. sterbenden menschen 14 LV. ⟨1558⟩ drey ding sind, die wir fast fliehen sollen. ein vngelerter artzt, ein zwo kochte speiß oder die vbel kocht ist, vnnd ein boͤser wirt
Bebel, facetiae (1568) 219b. 1619 auch habe ich alle vmbschweiff geflohen, so viel als ich gekönt habe, vmb weniger verdruß willen des lesers, vnd habe also .. vnderlassen den gebrauch der geometrischen wörter
Fabris, fechtkvnst 181. ⟨1656⟩ man soll .. alle die jenigen, so mit dieser kranckheit behafftet, .. sampt deren wohnungen, darauß solche personen gestorben, wie auch andere inficirte oerter meiden und fliehen J. Schmid
speculum (1675) 547. 1731 der sonst weise heyde, Bias, hat gleichfals gantz wiedrige gedancken von dem ehstande geheget, und denselben zu fliehen, nicht undeutlich angerathen Fritsch
theol. gesch. (1730)2,408. 1767 daß sie stark genug gewesen wäre ihn zu fliehen, ihn gar nicht mehr zu sehen, das ist nicht zu vermuthen Wieland
Agathon (1766)2,31. 1803 man flieht die farben, weil es so schwer ist, sich ihrer mit geschmack und anmuth zu bedienen Goethe
IV 16,200 W. ⟨1859⟩ während die Österreicher in Mailand herrschten, .. wurde in jedem kaffee ein österreichischer offizier geflohen wie die pest Lassalle
ges. reden u. schr. 1,38 B. 1934 dem sohn ist alles heimlich zugedacht .., der die arbeit flieht, und der mit matten weibern hurt? Tügel
Blehk 141. 1997 warum also die eine universität fliehen und an der anderen für das studium (mehr) bezahlen?
frankf. allg. ztg. 86/16,1. –
fehlen, fernbleiben. jünger überwiegend vom schlaf u. dgl.: ⟨u1200/10⟩ al werltlîchiu schandein flôch:/ werdekeit sich in sîn herze zôch Wolfram
Parzival 6476,3 L. ⟨u1300⟩ daz houbet rihte er uf und gesaz,/ der selige, den untugent ie vloch
väterb. 29533 DTM. 1465 darumb
(weil ihr anständig wart) fliet üch der helle pin
berner weltgerichtssp. 387 S. 1549 das dich als vnglück flühen muͤß Aal
Johannes 225 HND. 1585 die hoffertigen sie
(weisheit) fleucht/ vnd alle heuchler hefftig scheucht
kirchenlied 5,71b W. ⟨v1690⟩ daß euch alles unglück fliehe! Feinler
priester (1694) 91. 1783 der schlaf flohe mich, und statt dessen war es, als wenn eine furie an meinem bette stünde Salzmann
Carlsberg 1,32. 1800 ihn floh/ die ruh, .. / ins freie trieb es ihn Schiller
8,335 nat. ⟨1855⟩ Gunzo, den vielgelehrten, floh der schlummer, wieder und wieder las er die blätter seines fleißes Scheffel
2,68 P. ⟨1892⟩ solch leere einsamkeit, ../ daß trübsinn in das herz des wandrers schlich/ .. und seinen mund/ das heitre lachen floh für manchen tag
F. W. Weber
ges. dicht. 3,349 W. b
flüchten, weglaufen; zuflucht suchen. überwiegend intransitiv. hauptgebrauch: u830 nim thaz thegankind inti sine muoter inti fliuh in Egyptum
Tatian 29,2 S. ⟨v1022⟩ tannân fluhen sie in strophades insulas târ sie Eneas fant Notker
1,3,324 ATB. ⟨1187/9⟩ nicht wan das sie
(Trojaner) verzageten/ und vlihen begunden,/ in were zu den stunden/ nicht ubeles da getan Heinrich v. Veldeke
Eneide 6709 DTM. ⟨E13.jh.⟩ hie nâch dô flôch si
(Maria) zehant/ Herodem in Egypte lant Walther v. Rheinau
214320 P. ⟨1.h14.jh.⟩ ich fliuh von dir mit allen sinnen/ unde enkan dir niht entrinnen
erlösung 11,81 B. ⟨u1460⟩ sand Johanns der tauffer, der in seiner můtter leib heylig gewesen ist und all súnd in die wúst geflohen hat, nit wirdig was sein hend Jhesu Christo in sein schaittel zu legen Hartlieb
dialogus 256 DTM. 1530 und der löw gieng stetz vor anhen; den forchtend die lŭt und fluchend in die hŭsser
Morgant 58 LV. ⟨1588⟩ was wollet jhr doch thun am tage der heimsuchung ..? zu wem wolt jr fliehen vmb huͤlffe ..? Gregorii
richter (1593)43. 1645 in eussersten nöhten muß man zu den eussersten mittelen fliehen Harsdörffer
gesprechsp. (1641) 5,257. 1675 nun die obgemeldte christlichen fürsten, die zum könig geflohen waren, sprachen zu dem könig Dagoberto Saltzmann
Octavianus F2b. 1707 wenn ich bedacht, daß .. alle meine gute freunde in der stunde meines todes von mir weichen, von mir fliehen und mich verlassen würden Menantes
manier 267. 1751 Frygund! sagt sie, liebst du mich?/ o so komm, und fleuch mit mir! hier hilft nichts, als sich entfernen;/ sonsten muß Mathild’ und du, laster noch verüben lernen Schönaich
Hermann 59. 1809 die kleine Schweiz wollte nicht, daß das haus Habsburg sie unterdrückte, und die zahlreichen und sieggewohnten schaaren desselben flohen mit schimpfe bedeckt aus ihren thälern Herrmann
nationen 13. ⟨1852⟩ ein vagabund, der schlechter streiche halber vor der polizei aus einer stadt in die andere fliehen muß Holtei
erz. schr. (1861)12,139. 1914 die fliehende feindliche abteilung .. ist die letzte, die sich noch auf ungarischem gebiet befindet
amtl. kriegs-depeschen [1916]1,165. 1962 die ständigen versuche verzweifelter menschen, durch die mauer zu fliehen, haben zu häufigen schießereien geführt
europa-arch. 17,2,D 437 C. 2000 schwärme kleinster fische fliehen vor den schatten unserer bewegung
zeit 37,86. c
schwinden, vergehen. jünger oft von der zeit, wohl in anlehnung an lat. tempus fugit: ⟨u1120⟩ also fliehent elliu fiantlichiu dinch uondes mennisken herzen
jüng. physiologus 8,33 W. ⟨u1280⟩ dû solt ouch haben dhein reht/ zuo allen dingen diu ich hân/ .., wan dû hâst mîn gespott sêr./ von dir fliech sæþld und êr Jansen Enikel
weltchr. 57 MGH. ⟨M14.jh.⟩ vroyde und wunne werden sy halden, und smertze und weynen wirt vlyen Cranc
63 Z. ⟨1463⟩ disz leben den menschen kurtz ist vnd gelych aim fliechenden troͮme Niclas v. Wyle
translationen 125 LV. ⟨v1510⟩ wen̄ das in das er hoffet .. ist zergenglich, es zerstüpt im vnd verfert im vnder den henden als ein rouch vnd flücht von im als ein schat Geiler
bilgerschafft (1512)22d. 1572 dieweil dann kein hitz vnnd kaͤlt einander leiden moͤgen, so fleucht die feuchte Thurneysser
Pison 27. 1602 der mensch vergist so leicht,/ das schnell dahin sein leben fleucht Sommer
zorn spiegel L1a. 1682 dein gedächtniß bleibt uns hier./ dieses wird nicht von uns fliehen,/ und dein nahme lebt in mir Morhof
ged. 337. ⟨1714⟩ fugit irrevocabile tempus:sie fleucht ohne wiederkehren Mel
schau-bühne (1732)1,287. 1774 doch endlich floh die trunkenheit,/ worinn er sich verloren Hölty
1,74 M. 1808 wir müssen das gescheidter machen,/ eh’ uns des lebens freude flieht Goethe
Faust 2,83 ak. ⟨1878⟩ jahre flohn; der blonde knabe/ war zum jüngling aufgeschossen
F. W. Weber
ges. dicht. 3,22 W. 1954 die zeit schlägt um; des lebens stunde flieht Schneider
sonette 120. 1995 die frau zieht sich zurück, und so kommt die reise nach Europa zustande, die auch der fliehenden manneskraft aufhelfen soll
frankf. allg. ztg. 89,B5. 2
fliegen. a
sich mit hilfe von flügeln durch die luft bewegen. seit dem 20. jh. nur noch in der festen verbindung was kreucht und fleucht: hs.10.jh. also aro uoragoumenda ze ulione iungen sine
rhfrk. psalmenübersetzung 303,13 S. hs.u1470 sie kan alsô wol werben/ daz ich ie muoz ersterben/ in ir dienste nâch ir wîbes güete./ sie machet daz ich wæþn ich künde fliehn in falken art
meisterlieder kolmarer hs. 108,51 LV. 1520 diewil du
(strauß) dich also groß achtest diner federn halb, so thů eins vnd fliehe mit vns
(anderen vögeln) in die wett
spiegel d. wyßheit 43b. 1568 Cupido sprach, on all geschicht/ fleüh ich daher auß frembden landen,/ .. so hoͤr ich hie mein namen nennen Holtzwart
lustgart 152a. 1611 es hatte ihrer keiner darvon gewust, dacht als ein ieglicher, die gebratene taub würde jhm ins maul fliehen Helvicus
jüd. hist. 1,171. 1669 es fliegen auch bey nacht eine art kefer, so sie kackerlae nennen, flihen an die leute, stossen an und fallen nider Andersen/I.
reise-beschr. 15 O. 1739 es schien ein sammel=platz vieler tausend singender vögel zu seyn, die da .. von einen prächtigen busch zum andern flohen Kindermann
reise 139. ⟨1778⟩ sie
(nacht) fleucht mit siebenfachen flügeln zwischen erd’ und himmel, jeder flügel entschwinget thau der trocknen welt herunter
F. Müller
(1811)1,56. 1810 fleuch’ in dem flakkern/ taumelnder träume,/ bild des milden mägdleins,/ fleuch in gesichten/ labend und lieb’voll/ mir durch den muth Fouqué
held 1,51. 1882 der dämon fleucht/ mit spitzen flügen durch die nachtC.
F. Meyer
s. w. 1,100 L. 1936 was da fleucht und was da kreucht, muß sich irgendwie erkennen Euringer
chr. 110. 1995 vertraut gemacht mit allem, was da fleucht und kreucht, gerät der leser und vorleser wie von selbst in heitere ferienstimmung
frankf. allg. ztg. 86,L34. b
sich schnell ereignen, vollziehen, bewegen. seit dem 19. jh. selten: ⟨u1147⟩ jâ flouch des bâbes pan/ allenthalben in die cristenhait
kaiserchr. 16853 MGH. ⟨u1230/40⟩ dâ flôch mîn vater herfür/ und lief bî dem netze hin Stricker
Daniel 4512 R. 1472/3 der tochter schreyen vnd klagen vernam in ein fremde sache dauchte, palde in der tochter kamern ee sein yemant ware genomen het geflochen kame Schlüsselfelder
decameron 353 LV. 1626 es steht an der tyran, vnd mit der schnelligkeit/ kan er nicht, wie er pflegt, zur rach vnd zorren fliehen Werder
Tasso, Jerusalem 15b. 1657 weil ein übel gerüchte unter den leuten flohe, als habe er bloß aus haß oder forcht unschuldige leute hinrichten lassen Grottnitz
Tacitus 710. 1725 da gebehrden nichts verfiengen, ließ er auch wol stürmische worte fliehen A. Schmid
justiz-rad 60. 1790 es heben, es kräuseln/ sich fliehende wellen Goethe
I 12,152 W. ⟨1819⟩ wo die verwesung durch die hügel schreitet,/ wie wolkenschatten über gletscher fliehn,/ und ihm sein heereslager zubereitet Houwald
s. w. (1858)1,108. 1854 plötzlich war ein angstschrei von seinen lippen geflohen Fritze
erinnerungsbl. 243. 1928 Barbara saß mit fliehendem atem, und eine verwirrte verzweiflung durchriß ihr gesicht Bronnen
film 317. 1973 der schein von kerzenlicht flieht über nasse kleidung, bricht sich auf bierflaschen Lenz
vorbild 387. c
sich durch wurf‐, schußenergie o. ä. durch die luft bewegen; auch stieben: ⟨u1150⟩ durch den scilt floch der ger/ unde machet manegen helt ser Lamprecht
Alexander V (1923)929 M. (2.h13.jh.)hs.u1430 da stachen sie anderwert zuhauff, und Lancelot stach yn von dem roß so das er floh
Lancelot 1,626 DTM. ⟨M14.jh.⟩ dem pert vloich rouch und vuir us sinre naesen
seelentrost 1,219 P. u1538 Mascha und Ubbo lieffen wie riesen mit grosser ungehür in einander und strichen mortlich zusamen, also das das feur von denslegen aus dem harnisch floch Kantzow
chr. Pommern 2,7 G. 1628 bald flohen daraus vnzehliche schösse, welche brennend vnd platzend, als wann es donnerte, weiter als auff hundert schritte sich außtheileten Myricianus
Thomas, spiegel 41. 1665 Chutildis .. präsentirte ihrem liebhaber einen überaus schönen göldenen apffel, so bald aber einer desselben ansichtig ward, flohen vergiffte pfeil heraus
schatz-kammer trauer-reden 3,470. 1724 ich wolt ihr ein paar ohrfeigen geben, daß ihr der kopf bis auf Constantinopel flihen solt Stranitzky
haupt- u. staatsaktionen 2,204 WLV. d
im wind wehen, flattern: ⟨1536⟩ hebent den ancker auff, laß den segel fliehen Vielfeldt
spigel (1545)24a. 1584 er
(sieht) in des ein gros volck mit fliehenden fehnlein gericht auff die seinen, so vber den Rein gekommen, daher ziehen Bünting
braunschw. chr. 1,31a. 1613 den andern tag liessen wir vnsere segel wider fliehen vnd fuhren auff das hohe meer Wild
reysbeschr. 107. 1695 sein langes und kästen=braunes haar flohe ihm mit vielen locken um die schultern Ziegler u. K.
schau-platz 49b.Bartels