fliehen ,
fugere, ahd. fliohan,
mhd. vliehen,
ags. fleon,
engl. flee,
mnl. vlien,
nnl. vlien,
gewöhnlich vlieden (
wann zuerst?),
die nd. idiotika verzeichnen kein vlien (
fugere),
sondern diese form bedeutet ihnen ornare, putzen (fleien),
auf vlieden
komme ich noch unter flut;
altn. flŷa,
schw. fly,
dän. flye.
die praet. lauten ahd. flôh, fluhun,
mhd. vlôch, fluhen (vlohen),
nhd. floh, flohen,
ags. fleáh,
nnl. vlood.
altn. aber schwach flŷði,
schw. flydde,
dän. flyede.
der imp. hat ahd. fliuh,
mhd. vliuch,
nhd. fleuch,
heute flieh
und ebenso die tertia sg. ahd. fliuhit,
mhd. vliuhet,
nhd. fleucht,
heute flieht.
hierneben erscheint nun das gothische þliuhan, þlauh
mit þ
für f,
wie in þlaqus (
sp. 1705), þlaihan (
sp. 1749),
vielleicht auch in þliugan (
sp. 1780). Schmeller,
der unter dem bairischen volk hin und wieder anlautendem tl
für kl, gl
begegnet ist: tlee klee, tlen klein, tlug klug, tlabm glauben, tlai gleich, tlanz glanz (
mundarten §. 475. 518),
hat kein tliegng, tliechen
aufgezeichnet, so denkbar sie wären. sprechfehler greifen ein in spielarten der dialecte. man wird von selbst und nach den gepflognen untersuchungen andrer wörter, welche die liquida nach dem f
tilgen, darauf geleitet, fliehen
unmittelbar mit fugere
und φεύγειν zu vergleichen. schwierigkeit macht nur, dasz weder anlaut noch inlaut zu recht verschoben sind. der lat. und gr. aspirata sollte deutsche media gegenüber stehn; höchst merkwürdig tritt sie vor in einem andern worte nahverwandtes begrifs, in biegen,
das im ags. bûgan
verti, flecti, fugere ausdrückt und dem lit. běgti,
lett. behgt,
böhm. běžeti, běhati,
poln. biegać
u. s. w. entspricht, diese alle bedeuten sinnliches laufen und hernach davon laufen, fliehen. was den inlaut angeht, so würden fugere,
φεύγειν anstatt ihrer media goth. tenuis und ahd. asp. gewarten lassen, wie ἀγρός, ager
zu akrs, achar
wird u. s. w., wovon sowol das h
in fliehen
als das g
in biegen
absteht, doch h
könnte aus ch
erwachsen scheinen. hauptaugenmerk musz aber hier das vortretende oder schwindende l
sein. wir sehen þliuhan
und fliohan
neben fugere, flectere
neben biugan
und běgti.
dem serb. idiom schmitzt l
in dug
für dlug, vuk
für vulk
u. s. w., dem it. in bianco, biado, fiore
u. s. w. jenes bairische schwanken zwischen tl, gl, kl
verständigt es uns über den analogen wechsel von fliohan
und þliuhan?
ich will ihn durch ein anderes beispiel erklären, altsl. glubok'',
russ. glubokiy,
poln. głęboki,
böhm. hluboki
wird serb. illyr. zu dubok,
woran sich lit. dubus,
goth. diups,
ahd. tiufi,
nhd. tief
schlieszen. diups, tief
stehn aber im ablaut zu daupjan, taufen,
wie auch fundere, fundus, profundus
zusammen gehören. dem þliuhan
und fliohan
entsprechen auf keltischem sprachgebiet gal. teich,
ir. teith,
armor. techet
und welsches ffoi;
da dem ir. der anlaut tl
nicht fremd ist, könnte ein älteres tleich, tleith, floi
für ffoi,
vorangegangen sein, die ganz in den kreis des goth. þliuhan
einträten. auch das sl. teku
curro, teschtsch
currere nicht zu übersehen. wie nun, sollen in deutscher zunge fliehen
und biegen
dasselbe wort sein? sicher nicht, so weit unsre geschichte reicht sind sie unterschieden und jedes derselben behauptet seine eigenheit, so manches sonst bei ihnen in flexion wie bedeutung übereinstimmt. da aber früherhin die wurzeln jeder sprache andre gestalt und andres masz angenommen haben können, mögen auch diese verba in einer vorgeschichtlichen urzeit, zu welcher sich die vermutung wol erheben darf, einander näher gestanden haben, damals, wo auch fugls, vogel, flügel, feder
sichtbar zu fliegen gerechnet werden musten, die wir historisch von einander gesondert halten. durch betrachtung des wortes fliehen
wird auch die für feder, fedach, vogel
u. a. m. aufgestellte möglichkeit eines ausgefallnen l
beleuchtet und bestätigt worden sein. bedeutungen des fliehens. 11)
wie schon gesagt ist das sinnliche laufen, das im lit. běgti,
sl. běžeti
fortgilt, für unser fliehen
in die abstraction des davon laufens, entrinnens, entweichens, entspringens übergetreten, wobei die art und weise des entkommens meist unbezeichnet bleibt. das lat. fugere
ist ganz eigentlich celeriter discedere, exsilire, wovon bei Plautus exsilium,
actus exsiliendi, fuga. darauf dasz auch unser fliehen
ursprünglich springen ausdrückt führt unser floh,
der springende, und entspringen, fugere ist dann die abgezogne vorstellung. am sinnlichsten klingen die imperative: mach dich auf und fleuch zu meinem bruder Laban in Haran,
vulg. consurgens fuge ad Laban fratrem meum (
gal. agus eirich, teich;
welsh cyfod, ffo at Laban;
lit. kelkis ir běgk).
1 Mos. 27, 43; fleuch in Egyptenland (
vulg. fuge in Aegyptum;
ahd. fliuh;
ags. fleoh;
ir. agus teith;
gal. agus teich;
welsh a ffo;
lit. ir běgk).
Matth. 2, 13; ach du liebes vogelin, fleuhe nicht! ich gönne dirs von herzen. Luther
tischr. 2, 25; spare nur die späten thränen, leide, bitte, schwöre, geh und fleuch! Günther 284; geh, wahrheit, schnell und fleuch! 530; fleuch nasse traurigkeit! 795; jene rose lockt zum brechen, hüte dich, ihr dorn kann stechen. jener busch reizt deinen sinn, fleuch! die natter lauret drinn (
latet anguis in herba). Boie
im Göttinger musenalm. 1774
s. 161; fleuch! mein bogen tönt. mein köcher rasselt goldner pfeile voll. Bürger 27
b; fleuch, unhold, fleuch! 71
b; doch fleuch, gedank an sorg und grab! Gotter 1, 280.
bei Ossian
steht dies teich!
fuge! worin ich älteres tleich =
goth. þliuh
ahne, sehr oft, eben wie in den märchen des Hochlands, z. b. bei Campbell 3, 121.
zumal in beschwörungsformeln, schon in der bei Marcellus: tet un cre son co bregan gresso!
oder in griechischen, lateinischen, deutschen: φεῦγε,
φεῦγε,
κριθή σε διώκει. fuge uva, ne cancer te comedat! fuge, fuge (
spring, spring) lepuscule, et tecum aufer coli dolorem! fuge, fuge, et omnis nervorum dolor de pedibus meis et omnibus membris meis! fleuch blatter und nicht zubrist! das gebeut dir herr Jesu Christ;
wie sonst: inspring haptbandun, infar wîgandun!; gang ût nesso mid nigun nessiklînon!
mythol. 1184.
matt tönt gegen das alte fleuch!
unser heutiges flieh!
oder gar fliehe! flieh auf! hinaus ins weite land! Göthe 12, 31. 22) sieg! die feinde fliehen; der verräther, der räuber ist geflohen; das heer flieht, der linke flügel flieht schon; darum alle die herbergen wurden betrübt, sie schrien und klagten und fluhen (omnia castra turbata sunt et vociferantes ululantesque fugerunt).
bibel 1483, 115
a =
richt. 8, 21; alles floh über hals und kopf; das mädchen mit dem kleinen munde ist sonst zum fliehen aufgelegt, ich aber kam zur guten stunde, worin man hübsch zu bleiben pflegt. Kl. Schmidt
im mus. alm. 1774
s. 196; wenn um das götterkind Auroren in finsternis werden rosen geboren, sie fleucht ( ? fleugt), so leicht, so hoch gemeint, die sonn ihr auf die fersen scheint. Göthe 3, 132; ist eure hand, ist eure tafel leer, so flieht der näscher schwarm. Wieland 9, 5; die falschen freunde fliehen; das scheue reh flieht mit schnellen schritten.
dem suchen
und folgen
gegenüber steht fliehen
und meiden. 33) die zeit flieht unaufhaltsam,
fugit irreparabile tempus; ach erinnrung der zeit, die floh. Klopstock 2, 218; geniesze, weil die jahre fliehen. Gotter 1, 439; nicht schneller flieht die schäferstunde. 1, 276; flohene freuden ach, säuseln im winde. Göthe 10, 325; wünsche, triebe, phantasien, alles ist euch jetzt noch frei, lieben könnt ihr, ihr könnt fliehen ohne vorwurf, ohne reu. Gotter 1, 130; unser ganzes leben flieht mit ihr (
der liebe) geschwinder. 1, 39; o wenn die weibliche thräne leicht flieht, so entflattert ja noch leichter das weibliche lächeln. J. P.
Tit. 2, 63; die geschwulst, das fieber flieht,
weicht; die wolke, der schatte flieht; der mensch vom weibe geborn lebt kurze zeit, gehet auf wie eine blume und fellet abe, fleucht wie eine schatten (
so) und bleibt nicht.
Hiob 14, 2. 44)
praepositionen bei fliehen. 4@aa) vor, für:
goth. gaþlauh faura im.
Marc. 14, 52; kuni nadrê, hvas gataiknida izvis þliuhan faura þamma anavairþin hatiza?
Luc. 3, 7,
bei Luther: wer hat euch denn geweiset, das ir dem zukünftigen zorn entrinnen werdet?; und bawet daselbs einen altar, darumb das im daselbs gott offenbart war, da er flohe fur seinem bruder.
1 Mos. 35, 7; aber Mose floh fur Pharao.
2 Mos. 2, 15; da ward der stab zur schlangen und Mose floh fur ir. 4, 3; und ganz Israel floh fur irem geschrei.
4 Mos. 16, 34; also zogen hinauf des volks bei drei tausent man und die flohen fur den mennern zu Ai.
Jos. 7, 4; und wenn sie uns entgegen eraus fahren, wie vor hin, so wollen wir fur inen fliehen. 8, 5; warum bist du vor mir geflohen?; und sie flohen fur im.
2 Sam. 10, 13; der hase flieht vor den hunden; ich fliehe, glaub es nur, vor leichen und vor särgen so flüchtig und erhitzt, als diebe vor den schergen. Günther 795; es rennt der mensch, es fliehet vor ihm das bewegliche ziel. Göthe ...
statt vor einem fliehen
hat man den bloszen dativ versucht, er flieht mir =
flieht vor mir: so fliehet dem gierigen raube des habichts die bebende taube. Halem
poesie u. prosa. bei entfliehen
ist dieser dativ in der ordnung (
sp. 520). 4@bb) von,
im 16
jh. oft anstatt vor,
weil man von dem fort flieht, vor dem man flieht, doch in andern fällen ist der wechsel unstatthaft: bedenken stäts die letzten zeit macht fliehen von den sünden weit. Schwarzenberg 115, 2; so ich zuo kainer reichstat zeuh und auch von niemand schantlich fleuh. 138, 1; wo komstu her? und wo wiltu hin? sie sprach, ich bin von meiner frawen Sarai geflohen.
1 Mos. 16, 8; laszt uns fliehen von Israel. 2
Mos, 14, 25; trawren und seufzen wird von inen fliehen.
Es. 51, 11; und sie giengen schnelle eraus und flohen von dem grabe (
goth. jah usgaggandans af þamma hlaiva gaþlauhun).
Marc. 16, 8; darumb meine liebesten fliehet von dem götzendienst.
1 Cor. 10, 14; von dem er auch fleuhet. Mathesius 112
b; und muthig von der armuth fliehen durch guten winds und glücks beistand. Weckherlin 353; so dasz von ihrer vollen wange gesundheit und vergnügen fliehn. Gotter 1, 79; geflohn, geflohn ist auch von mir die jugend schon. 1, 437. 4@cc) aus: er ist aus dem land, aus der stadt geflohen. 4@dd) in: wohin fleuchst du? in die wüsten, in das gebirge; der sol in der stedte eine fliehen, das er lebendig bleibe. 5
Mos. 4, 42; und ein iglicher floch in seine hutten.
1 Sam. 4, 10; wenn sie euch aber in einer stad verfolgen, so fliehet in eine andere (
goth. þliuhaiþ in anþara).
Matth. 10, 23. 4@ee) zu: also musz ein mensch in allem mangel, gebresten und anligen zu gott fliehen, in um hilf bitten. Keisersberg
seelenpar. 150
a; ich flieh zu deinem wort. Weckherlin 266; Ulysz, hier siehst du uns zur tiefsten demuth fliehn. J. E. Schlegel 1, 204; was fleuchst du zu des todes thoren? E. v. Kleist 1, 3; wer gläubig zu ihm flieht, den schirmet sein panier. Gotter 2, 468; und fleucht hin zu ihr. Herder
bei Merk 2, 11.
s. zuflucht. 4@ff) auf: alsdenn, wer in Judea ist, der fliehe auf die berge.
Marc. 13, 14. 4@gg) über: der dieb floh über die mauer und entkam; jetzo fliehet eine weisze taube, wie eine grosze schneeflocke, blendend über das tiefe blau. J. P.
Hesp. 2, 247. 4@hh) unter: wer unter den mantel einer frau floh, war gerettet. 55)
gleich φεύγειν und fugere
steht auch fliehen
tr. und den tod, den feind fliehen
gleichbedeutig mit dem intr. vor dem tode, vor dem feinde fliehen: ob du es gebeutest, ich gee auf einen acker und sammel die eher, die da fliehen die hend der schneidenden.
bibel 1483, 123
a =
Ruth 2, 2,
vulg. spicas quae fugerint manus metentium (
die LXX und Luther
haben das nicht); fleuch die lüste der jugend,
goth. juggans lustuns þliuh.
2 Tim. 2, 22; fliehet die hurerei,
φεύγετε τὴν πορνείαν, fugite fornicationem.
1 Cor. 6, 18; fleuch die bulerin, das du nicht in ire stricke fallest.
Sir. 9, 3; fleuchs auch nicht zu seer. 13, 13; die eule, als eine die den tag fleucht. Kirchhof
wendunm. 63; dén haben sie lieb, mich fliehen sie.
Terenz 1499, 119
a; er flieht,
scheut die arbeit,
laborem fugit; fleuh, fleuh, sorglos zu sein, die pest, die lieb, den wein. Weckherlin 815; fleuch diese, folge dér zum myrrhenberge nach. Günther 546; lebst du, wie sichs gebührt, fleuchst ungerechtigkeit. Canitz 137; Menalk floh kummervoll den reiz der schönsten flur. E. v. Kleist 1, 65; jeder sucht den tod zu fliehn. 1, 99; jetzt fliehet mich die lust. 1, 141; fleuch ihr angesicht. Gotter 1, 13; flieh die schwarze kammer. 1, 52; das mädchen floh den tanz, der jüngling floh den wein. 1, 306; mich fliehen alle freuden, ich sterb vor ungeduld, an allen meinen leiden ist nur die liebe schuld; mich hat Tydeus sohn bis zu den schiffen geflohen. Stolberg 11, 261; ich flohe diese träume, noch hab ich niemand sie vertraut. Schiller 265
a. fliegen
und flieszen,
die sonst dem fliehen
so nah stehn, verstatten diesen tr. begrif nicht oder kaum, s. fliegen 11. flieszen 19. 66)
von mischung des fliegens
und fliehens
war sp. 1781
die rede, so nah verwandt müssen beide sein, als das fliegen
dem laufen
und springen
ist. 77)
ableitungen von fliehen
sind floh
pulex und flucht,
goth. þlauhs.