vergeben,
verb. tradere, ignoscere, toxicare. mhd. vergëben,
ahd. farkepan,
alts. fargeban,
mnd. vorgeven,
goth. fragiban,
ags. forgifan,
altfr. urieva.
zusammensetzung mit geben,
dessen bedeutung ver
entweder verstärkt oder ins böse umkehrt. die starke conjugation durchaus üblich. in der 1.
person sing. präs. hat der vocal, wie auch in anderen zeitwörtern, sich dem vocale des plurals angeglichen: ich vergebe.
durch mundartlichen einflusz hat Waldis vergebt (3.
sing. präs.)
Esopus 2, 41, 114
b (1, 225, 18
Kurz).
im oberd. wird wol, wo ich gib
gesagt wird, auch noch ich vergib
nachzuweisen sein, wie umgekehrt im md. (
z. b. Wetterau)
der imper. vergeb (
genauer vergäb)
lautet. in vielen mundarten hat das kurze e,
sowie auch das verlängerte ë
eine neigung zu ä;
es ist daher nicht verwunderlich, wenn neben geben
die schreibung gäben
vorkommt (
s. theil 4
1, 1665),
so auch die schreibung vergäbens Dasypodius 337
b, vergäben,
ignoscere Maaler 418
b zu erklären. 11)
ursprüngliche bedeutung fortgeben, hinweggeben. so in den älteren germanischen sprachen, gothisch: jah finþands at þamma hundafada, fragaf þata leik Josefa.
Marc. 15, 45;
ags. ðisum men ic forgife hors,
huic homini do equum. Aelfric
gram. 7 (
Bosworth 1882 310
b),
in gleicher bedeutung altfriesisch; alts. ik fargibu thî himiles slutilôs, that thu môst aftar mî allun giwaldan kristinum folke.
Heliand 3073;
ahd. cot almahtîco, dû himil enti erda gauuorahtôs enti dû mannun sô manac coot forgâpi, forgip mir in dînô ganâdâ rehta galaupa.
Wessobr. gebet 9; farkepan,
donare Steinmeyer-Sievers
gloss. 1, 276, 72;
dann abstracter: farkipit,
promittit. 1, 22, 20;
mhd. dô her alleʒ daʒ vergap, daʒ her hâte, sô behilt her ie di schuʒʒelin zu libe sîner muter.
myst. 1, 104, 4
Pfeiffer; waʒ hilfet al mîn rîchheit und swaʒ ich ie durch wîp gestreit, und op mîn haut iht hât vergeben, muoʒ ich sus pîneclîche leben? Wolfram
Parz. 810, 23;
so in der gerichtssprache des späten mittelalters, (
im besitze)
übertragen: alle gutter in dem gericht zu Auerbach gelegen, sollen anders nicht vereuszert noch vergeben werden, dan an demselben gericht.
weisth. 1, 477 (
Auerbach, von 1422); alle guter, die in solchem eigenthumb gelegen, müssen in dem gericht zu Zwingenberg vergiftet und vergeben werden.
ebenda. nhd. ist diese ursprüngliche bedeutung selten geworden, man gebraucht hingeben, ausgeben, hinweggeben;
von menschen, vergeben sein,
heute ergeben sein: wann wi ich gott vergeben bin, so stät doch in die welt mein sinn. Schwarzenberg 139, 1,
vgl. ahd. farkepan, firkepan,
deditus Steinmeyer-Sievers
gloss. 1, 104, 14. 18;
von dingen: aber die heilige munchtauffe ist so heilig .. das ein widerteuffer .. alle seine folgende werck und leben .. als einen uberflüssigen schatz seiner himlischen güter mitteilen, verkeuffen, vergeben, schencken, leihen, fürstrecken und darthun mag allen armen elenden christen. Luther 6, 24
b; jene menge platter scheidemünzen ... die leicht durch die finger schlüpfen und sich leicht vergeben lassen. Herder 1, 131; den ausgesetzten preis vergeben. Adelung 4, 1425; ein umstand macht, dasz Veit sein weib nicht völlig liebt und dasz er, was der frau gehört, der magd vergiebt. Logau 2, 233, 144 (429
Eitner). 1@aa)
besondere bedeutungen, verheiraten der töchter oder mädchen, die im hause leben: man sihet wol, dasz ihr eure tochter vergeben wolt. Schoch
studentenleben D; sie hörten .. der edelmann vergäbe seine zofe dem verwalter und weil die hochzeit eben in der schenke sein würde, so .. Weise
kl. leute 355; sie ist schon vergeben, antwortete jene, an einen sehr braven mann. Göthe 16, 26; meine hand ist schon vergeben;
im anschlusse an diese bedeutung ist vergeben
in einigen gegenden gleich ausstatten. Adelung
versuch 4, 1425. 1@bb)
ein amt, eine stelle vergeben: da gibts ämter zu vergeben! ich werde alle meine freunde und verwandten anbringen. Göthe 14, 113; unterdessen herrschte Granvella beinahe unumschränkt in dem staatsrath. alle ämter .. wurden durch ihn vergeben. Schiller
hist.-krit. ausg. 7, 115; bischofsrecht über jedes amt in schule und kirche! keine stelle vergeben, wenn nicht durch den hirten Christi! Gutzkow
zaub. v. Rom 6, 116; ein stipendium, eine bedienung vergeben. 1@cc)
bildlich: präsident. wie war das zu machen?
Wurm. auf die einfachste art ... und die karten sind noch nicht ganz vergeben. Schiller
hist.-krit. ausg. 3, 423 (
kab. u. liebe 3, 1); ich weisz wahrlich das capital, das am ende ein weib zu vergeben hat, ist sehr klein. Gutzkow
ritter vom geist 8, 55; der herr justizrath liesze ihr sagen, sie möchte diesen abend ihre gegenwart an niemanden vergeben, als an ihn. 3, 136. 22)
in übertragener bedeutung. 2@aa)
mit sächlichem objecte, weitergeben: eine rede vergeben,
etwas gesagtes weiter mittheilen: da sprach der herr .. koch, nem von den capon die besten, die feiszten, das wir sie entleiben, und lasz die magern drinnen bleiben. ein feiszter capon das erhort, vergebt den andern diese wort und sprach ... Waldis
Esopus 2, 41, 114
b (1, 225
Kurz). 2@bb)
aus der bedeutung hingeben entwickelt sich der begriff zurückgeben, zurückzahlen, vergelten (
vgl. heimzahlen): doch verhoff ich, es kum ein stund, dasz ich mich an dem losen, frechen tellerschlecker konnt füglich rechen und jm vergeben sein hochmuth. Ayrer 101
d (5, 2849
Keller). 2@cc)
eine sache aufgeben, d. h. hingehen lassen, was strafend zu verfolgen ich berechtigt bin, daher verzeihen. das strafbare tritt als object im acc., die person, der man verzeiht, im dativ zu. schon gothisch nachweisbar, ahd. durch concedere, remittere, ignoscere, indulgere u. ä. übersetzt (Graff 3, 119),
meist in kirchlicher bedeutung: mhd. vergebent im sîne missetât, wand er kein ander vrouwen hât, noch gewinnet noch gewan. Hartman
Iwein 8071;
nhd., absoluter gebrauch: vergeben heist: umsonst vergebens was erlassen. Logau 1, 110, 63 (111
Eitner);
mit fehlendem objecte: sie vergeben mir also? sagte er. Hermes
Soph. reise (1776) 1, 81; ich gestehe, es war schalkischer, als billig und ich verzeihe mir nur, indem ich ihnen vergebe. Göthe 21, 172; sieh ich hab eine quelle gefunden, die mein herze vollmacht und seegnet, einen groszen, groszen herrlichen freund und darum vergeb ich dir — vergeb ich dir — vergeb ich dir, so wahr mir gott vergebe im letzten zucken des todes, vergeb ich dir, alles will ich dir gutes thun für und für. Schiller
hist.-krit. ausg. 1, 60; und er (
der könig) vergab seinen feinden, welche mit viermalhunderttausend mann ganz Preuszen besetzt hielten. H. Heine 8, 35; vergib mir, wer du auch bist. Wieland 18, 252;
ohne dativ der person, mit acc. der sache: August war der mann nicht, der in ansehung des witzes die allzugroben ausschweifungen zu vergeben gewohnt war. Lessing 4, 15; wann die wirklich komischen fabeln gänzlich erschöpft wären, so könnte man die erfindung der weinerlichen charaktere noch eher vergeben. 4, 130; mein herr, ihre irrung ist sehr zu vergeben, und ihre verwunderung sehr natürlich. 1, 565; siehe, ich durste nach ruh, vergieb, vergieb auch den thränen. Klopstock
Mess. 8, 589;
mit object und dativ der person: und solche böse that dieses schendlichen verdampten bapst Alexandri solten die keiser, könige, fürsten und weltliche herrn den bepsten, ja bestien nimmermehr vergeben. Luther 8, 208; das er dem herzogen den tod seines lieben suns ... vergab.
Aimon bog. C; sie würden, so gütig sind sie, mich gewisz entschuldigen, aber ich selbst könnte es mir nicht vergeben. Hermes
Soph. reise (1776) 1, 4; indessen werden sie mir diese menschlichkeit vergeben, wenn ich ihnen sage, wie ich dazu gekommen bin. Göthe 17, 70; ich kniete nieder und bat ihn, er (
der papst) möchte mir diesen todschlag vergeben. 34, 108; eine niederlage hätte man dem herzog (
Wallenstein) in Wien verziehen, diese getäuschte hoffnung vergab man ihm nie. Schiller
hist.-krit. ausg. 8, 331. 2@dd)
besonders hat sich letztere bedeutung in der sprache der kirche festgesetzt für '
die sünden erlassen'.
dieser gebrauch ist schon sehr alt: goth. jah izvis dauþans visandans (
in) missadedim .. miþ gaqivida miþ imma, fragibands uns allos missadedins.
Kolosser 2, 13;
alts. quâðun that, that ni mahti giwerðan sô, grim werk fargeBan, bi ûtan god êno waldand thesaro weroldes.
Heliand 2323;
ahd. firgab in thiu sîn guatî thio iro missodâti. Otfrid 3, 14, 7;
mhd. ouch ist daʒ gewonlich, daʒ man dem sündigen man, swie swâre er schulde ie gewan, nâch riuwen sünde vergebe. Hartman
Iwein 8103;
nhd. ohne object: ob sie doch all busz wolten than und bessern ir sündig leben, ob in der herr noch thet vergeben. H. Sachs 3, 1, 137 (11, 9, 29
Keller); ich grüsze dich, du frömmster mann, der herzlich gern vergibet. P. Gerhard 44, 2
Gödeke; ich aber sollte nicht gedult mit meinen brüdern tragen, dem nicht verzeihn, dem du vergiebst? Gellert 2, 129;
mit object, doch ohne dat. der person: wenn wir fürnemen alle sünde rein aus zu beichten, so thun wir nicht anders, denn das wir der göttlichen barmhertzigkeit .. wöllen nichts lassen, das sie vergebe. Luther 1, 350; was vergibt gott, wenn wir für alle sünde gnug thun? was ists für ein gnade, die nichts umb sonst vergibt?
ebenda; die erbsünde wird in der tauff vergeben, nicht das sie nicht mehr sei, sondern das sie nicht zugerechnet werde. 6, 383
b; die absolution sei gottes wort, der die sünde vergibt. 6, 371; er hette solche gnade und gewalt vom bapst, wenn einer gleich die heilige jungfraw Maria gottes mutter hette geschwecht oder geschwengert, so kündte ers vergeben. Luther
Hans Worst 50
neudr.; auff das jr aber wisset, das des menschen son macht habe auff erden, die sünde zu vergeben, sprach er ..
Matth. 9, 6; es steht bei deiner macht allein, die sunden zu vergeben, das dich forcht beide, gros und klein, auch in dem besten leben. Luther
bei Wackernagel kirchenl. 3, 7
nr. 5, 2; (
gott) der, ob wir ihn gleich hoch betrübt, doch bleibet gutes muts, die straf erläszt, die schuld vergibt und thut uns alles guts. P. Gerhard 79, 13
Gödeke; (
ich) schwöre dir, sohn: ich will die sünde vergeben. Klopstock
Mess. 1, 144;
mit object und dativ der person: vergib jnen und uns alle unsere schulde, tröste sie und nim sie zu gnaden. Luther 1, 328; were nicht der glaube not gewesen, das jm seine sünde vergeben würden, warumb hette jn Christus gefoddert? 1, 402
b; vergib uns unser sünde. 5, 292
b; und warum vergibstu mir meine missethat nicht, und nimpst nicht weg meine sünde?
Hiob 7, 21; da nu Jhesus jren glauben sahe, sprach er zu dem gichtbrüchigen, sei getrost, mein sohn, deine sünde sind dir vergeben.
Matth. 9, 2; wo jr aber den menschen jre feile nicht vergebet, so wird euch euer vater ewre feile auch nicht vergeben. 6, 15; und wer etwas redet wider des menschen son, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den heiligen geist, dem wirds nicht vergeben, weder in dieser noch in jener welt. 12, 32; nu wil ich gon, für mich zu gott mein opffer thon und auch für euch, ob ihr miszhandelt, hett nit im rechten weg gewandelt, das es euch gott auch wolt vergeben. H. Sachs 2, 1, 3 (6, 31, 23
Keller); du rufst und er erhört dich schon, spricht liebreich: sei getrost, mein sohn! die schuld ist dir vergeben. Gellert 2, 134; sind meine sünden mir vergeben; hat gott mir sünder heil und leben in seinem sohn verliehn? 2, 168;
oft mit andern, ähnliches bedeutenden wörtern zusammengestellt oder ihnen gegenübergesetzt: mein newer bund sol deste mehr darumb komen, das sie jenen bund nicht gehalten haben, auff das solche sünde durch den neuen bund vergeben und vergessen werde ewiglich. Luther 7, 33; (
aber das leben ist noch nicht ganz rein oder heilig,) doch weil er ist im werck der reinigung oder heiligung und jmer fort sich heilen leszt, durch den Samaritan .. wirds jm gnediglich umb des worts willen, da durch er sich heilen und reinigen leszt, zu gut gehalten, geschenckt und vergeben.
Hans Worst 37
neudruck; ich wüste nichts böses von ihm und dafern er gleichwohl etwas begangen .. so wolte ichs ihm nicht allein .. von grund meines hertzens verziehen und vergeben haben, sondern auch, wann er sich wider gott vergriffen, neben ihn dessen barmhertzigkeit und begnadigung anruffen.
Simpl. 2, 231, 20; der alte herr hat einmahl die affection auf den erstgebohrnen geworffen, also wird ihm alles verziehen und vergeben. Weise
comödienpr. 127; und so sei denn alles vergeben und vergessen. 21, 172; ich mochte mich weiter nicht bemühn; ich hab ihm verziehn, aber nicht vergeben. Göthe 4, 346; ach von gott und welt vergeben und vergessen werd ich sehn alles, was nicht recht geschehn. Bürger 75
a.
in den zusammenstellungen von vergeben
mit vergessen
und verzeihen
ist heute vergeben
wol der kräftigste ausdruck, indem es mehr ein erlassen aus innern moralischen gründen anzeigt, verzeihen
und besonders vergessen
aber nur ein absehen von verdienter strafe ist. 2@ee)
dann aber sinkt vergeben
zu einem höflichkeitsausdruck herab, den man möglichst demütig wählte: vergeben sie mir, das bild ist ungeschickt grosz. Göthe 17, 82. 33)
hinweggeben, abgeben, so dasz sich der wert dessen, wovon man abgibt, verringert, daher abbruch thun, verringern. 3@aa)
mit der zu schädigenden sache als object: (
der) wenn es die noth erforderte, seine autorität gewaltig zeigte, dieselbe zwar nicht miszbrauchte, seinen respect indessen nicht vergab.
Felsenburg 3, 71. 3@bb)
häufiger, jedoch nur aus der neuern nhd. sprache nachweisbar, einem, einer sache vergeben,
und als object ein wort, das das maasz, die stärke des vergebens bezeichnet: ich vergab, wie ich gesagt habe, meiner würde in der that so viel, dasz ich herrn Selten nicht bat sich zu entfernen. Hermes
Soph. reise 1, 79; sehen wir nicht, dasz er (
Sokrates) seiner weisheit nichts zu vergeben glaubte, indem er diese Theodota auf eine scherzhafte art in der kunst liebhaber zu fangen unterrichtet? Wieland 2, 240;
präsident. herr prior, sie sind mein freund, der älteste meiner freunde —
prior. ich habe genug für diese freundschaft gethan — meinen pflichten kann ich nichts vergeben. Gotter 3, 113; im augenblick recht zu thun, meine pflicht nicht zu versäumen, meiner ehre nichts zu vergeben, das ist meine sorge. Göthe 24, 163; Philipp II selbst vergab seinem spanischen stolze so viel, dasz er sich öffentlich für seinen (
Egmonts) schuldner bekannte. Schiller
hist.-krit. ausg. 9, 7; er (
der hochmut) ist vom stolz, als ehrliebe
d. i. sorgfalt, seiner menschenwürde in vergleichung mit anderen nichts zu vergeben, .. unterschieden. Kant 5, 304; ihre briefe, in denen freilich ihr stolz und ihr schicklichkeitsgefühl sich nichts vergaben. Gutzkow
ritter vom geiste3 8, 291; die grosze sorge, welche uns von jugend auf jeden augenblick am kleide zieht, ist die, dasz wir uns nichts vergeben. Freytag
handschr. 2, 356;
ohne dativ: dasz ihr vom rechte nichts vergeben, sei euch ein lohnend stolzes glück. Uhland (
Cannstadt 1834) 103;
mit fehlendem, leicht zu ergänzendem objecte: führe ich thatsachen an, die meinem vater zur ehre gereichen, so werden viele mir schuld geben, dasz ich, mich selbst und die meinigen zu rühmen, der wahrheit vergeben habe. Schiller
hist.-krit. ausg. 9, 187; dann aber trifft er (
der vorzügliche mensch) auf die rohe welt und um auf sie zu wirken, musz er sich ihr gleichstellen; hierdurch aber vergibt er jenen hohen vorzügen gar sehr. Göthe 26, 297;
A. vergib dir nur, dem ort vergibst du nichts.
T. verzeihe mir der ort, dasz ich es litt. 9, 159. 44)
aus demselben begriffe '
hingeben, drangeben'
entwickelt sich, ohne dasz eine schlimme nebenbedeutung dazu tritt, die bedeutung '
aufgeben': sînt ir der meide helffen welt und ich darzû raten sol, sô gevellet mir daʒ wol, ab alsô ûwer willen ist, daʒ wir eʒ sparn zû dirre vrist, wir mogen vergebin lîcht daʒ spil.
Hagen-Büsching ged. des mittelalters 1, 29, 2831.
schon im mhd. scheint in solcher bedeutung hauptsächlich nur das particip vorzukommen, es tritt ganz als adjectiv auf udn hier stellt sich gern schlimme nebenbedeutung ein; aus der participiellen bedeutung '
der aufgegeben worden ist'
entwickelt sich das adjectiv '
wert, dasz er aufgegeben werde, unwürdig, schlecht.'
so findet es sich von menschen gesagt, selten: dasz sich (
in winkelbierschenken) vergebene leute enthalten, dabei man nicht sicher ist. auch dasz sich vergebene landfahrer, spieler und ehehalten drein setzen. Schmeller 1, 866
Frommann. ganz besonders von dingen gebraucht, wertlos, mit vergeblich
gleichbedeutend: dô streit mit eime hunde ein swîn, eʒ wolde verre kiuscher wesen. nu seht, ir kriec was sô vergeben, ir triuwe, ir zuht, ir kiuscheʒ leben koufte ich niht umbe eine vesen.
minnes. 3, 28
b Hagen; nhd. das erst darumb unnütze wort den menschen versencken in ewige verdamnisz, das ist vermischens halb, wan die selbigen vergebne wort vermischen sich etwan in andere ding und wort, daʒ sie todtsünd werden. Keisersberg
sünden des munds 51
a; leret doch der elend mensch in seinem besten buch, de anima, das die seel sterblich sei — wie wol viel mit vorgebenen worten ihn haben wolt erredten, als hetten wir nit die heiligen schrifft. Luther
adel deutscher nation 67
neudruck; und kompt zuletzt das hochwirdige sacrament nicht allein in ein vergeben unfruchtbarn brauch, sondern auch in verachtungen.
werke 1, 81; und befelh dem lieben wind ... die ubrigen vergeben wort, wie die pappenblumen und dürren blätter. 1, 60; wo wollt ihr hinaus mit euren vergebnen gedanken.
briefe 3, 356; solcher uberschwencklicher vergebner und unnützer pracht und unkost. Mathesius 48
b; daher die leidige, vergebene und arme hoffart kompt. 54
a; pracht und vergebne hoffart. 78
a; mein klägliches geschrei war bei diesem leichtglaubigen volck nicht vergeben.
Simpl. 3, 303, 21; ich musz bekennen, dasz ... ich mein gemüth ermundert und mich nicht wenig der vergebenen eitelkeit ... geschämet hatte. Philander (1677) 1, 59; alle diese scheinende herrlichkeit ist ein gelehntes, geborgtes wesen, welches allein auff vergebener hoffnung und vielen verheiszungen bestehet. 1, 87; der gute vater ... sahe, dasz sein sohn nicht allein in die vergebene weitläufftigkeit geführet würde. Weise
erzn. 83
neudruck; wolten sie den vergebenen grillen nicht länger nachhängen.
kl. leute 67; also solte sie sich nicht mit vergebenen thränen bemühen, seinen ... unerbittlichen schlusz zu hinterziehen. Lohenstein
Armin. 1, 909; Ottonis II vergebene expedition. Hahn
hist. 2, 103; Leonis IX vergebene bemühung. 3, 2; (
die bekanntmachung des handschriftenverzeichnisses) würde dem bibliothekar auf ewige zeiten so manche vergebene mühe, so manchen zeitverlust machen. Lessing 9, 3; ich habe dir wegen des bildes vergebne sorge gemacht. Göthe
in Bettinas br. 2, 110; doch were solche ziehr ein nichtigs thun bei mir, so ich nicht liebe hätte ... (
es wäre) nur einer schellen schall, die mit vergebnem hall uns in die ohren dringet. Opitz 3, 107; es ist die sorge eures herzens, die euch vergebne schrecknisse erschafft. Schiller 411; jahr aus, jahr ein, bei tag und nacht halt' ich immer vergebene wacht, niemand pocht mehr an unsre pfosten, es musz mir der schlüssel beinahe verrosten. Platen 161;
adverb: warumb tobet der heiden hauff, die leut reden vergeben ... die räth rathschlagen eben wider gott .. Wackernagel
kirchenl. 3, 94, 127.
in kunstausdrücken erhalten, baukunst: vergebner boden,
ein unter dem fuszboden von brettern zwischen dem gebälke von leisten und schlechten brettern gemachter boden, auf welchen man sand schüttet, um die wärme im zimmer zu erhalten. Jacobsson 4, 508
a. vergeben
in der bedeutung ohne entgelt, gegenleistung, umsonst, auch adverbial: vergeben gab,
donum Dief. 190
b; den spruch Christi er schnell fürwendt 'gends umbsunst ir hand es vergeben' (
das wort gottes).
N. Manuel 46, 362
Bächtold; was ein bett drin, das brucht man nit, das lich man uns ouch vergäben. Th. Platter 62; ich welt im vergäben dienen. 55. 55) vergeben,
geben mit schlimmer absicht, etwas hingeben um einen zu verderben, schaden thun. 5@aa)
das object (
etwa etwas verderbliches)
fehlt und ist zu ergänzen, der schaden leidende im dativ, dasjenige wodurch der schaden entsteht, durch präposition beigefügt; noch im mhd. in umfänglichem gebrauche: ouwê wie uns mit süeʒen dingen ist vergeben! ich sihe die [bittern] gallen mitten in dem honege sweben. Walther 124, 35
Lachmann; und kriegent an mir starke beidiu tôt unde leben; mit disen zwein ist mir vergeben. ich stürbe gerne, möhte ich nû enlàt er aber mich, an dem mîn leben behalten ist. nune mag ich ouch ze dirre frist weder mir noch ime geleben wol, sît daʒ ich âne in leben sol. Gottfried
Trist. 18547; dem miste Jôb ze teile wart, in riuwe âʒen in die maden; Susannen wart mit luge vergeben: die vunden alle helfe an dir (
Christus).
minnes. 1, 372
Hagen; ganz besonders häufig vergeben
mit gift, vergift,
so schon mhd.: Antipater wolde ertôden sînen vater und mit vergift im vergeben, ûf daʒ er vrî mochte leben nach sînes herzen willekur.
pass. 44, 98
Hahn; so auch in den glossarien des 15.
jahrh., toxicare, vergebin mit vergift. Dief. 590
b;
im nhd. finden wir nur noch die verbindung mit vergift, mit gift: wer zu besorgen, jm wer mit gifft vergeben worden. Wickram
rollwagenb. 88
b; Domitianus hat seinem bruder Tito mit solcher speisz und gifft vergeben. Forer
fischb. 116
b; er (
der papst) nam vom türckischen keiser Bajatzet zweihundert tausent ducaten und vergab mit gifft des Türcken bruder Gemes. Fischart
bienenk. 131; dem Socrati ward mit gift vergeben, dem Hannibal — so übel gelohnet, dasz er .. landflüchtig herum schwaiffen muste.
Simpl. 1, 154, 28; sobaldt sich immer erfindet, dasz der ritter schuldig ist, wil ich verschaffen, dasz ihm mit gifft vergeben werden musz.
buch der liebe 253, 4; ja wolst mir auch mit gifft vergeben, das du denn möchst in uhnzucht leben? H. Sachs 3, 1, 173 (11, 140, 18
Keller); könig, es wirt dir mit gifft vergeben. 3, 2, 281 (12, 518, 4
Keller); merck: du hast mir mit gift vergeben, wann ich brüff wol, das ich musz sterben. 3, 2, 114 (12, 429, 7
Keller); meins manns halb ich im willen hab, ime mit gifft zu vergeben, davon er enden soll sein leben. J. Ayrer O 56
a (1, 294, 15
Keller);
bildlich: mit lieb ist ihr vergeben, mit blindem herzensgift. Spee
trutzn. 41, 79
Balke; einem vergeben,
mhd. auch moralisch durch geben verderben, daher bestechen: dô gedâht er aber wie er einer vrowen, diu sie hete in grôʒer huote, vergebe mit deme guote, daʒ sie daʒ kint verriete durch lôn unde durch miete. Albrecht v. Halberstadt
in Germ. 10, 240. 5@bb)
die nähere präpositionale bestimmung fehlt oft, dann ist stets nhd. mit gift
zu ergänzen (vergeben
nimmt also dieselbe entwickelung wie vergiften,
welches auch ursprünglich hingeben, schenken bedeutet).
so schon in der ältern sprache: Suetonius saget, taʒ er (
Nero) sînero muoter diccho vergeben uuolti.
Boethius 5
bei Graff 4, 120,
mhd. vergebin, vergeben,
nd. vergeuen,
toxicare Dief. 590
b, vergheuin,
venerare 610
b; wiʒʒe, daʒ der sun dîn Alexander vlîʒet sich, wie er mit gelubde mich verzîhe, daʒ ich dir sulle vergeben und mit vergift nemen eʒ leben.
pass. 44, 56
Hahn; Florimundus Remondus meint, ihm (
Eduard III.) sei durch ein clystir vergeben. A. Gryphius (1698) 1, 351 (482
Palm); da fing ich an mit meiner sackpfeiffe so gut geschirr zu machen, dasz man den krotten im krautgarten damit hätte vergeben mö
gen. Simpl. 1, 16, 22
Kurz; dasz aber du meinst dem ritter sein tranck in dem brunnen zu vergifften, keins wegs zu thun ist: denn ... so man denn schon uber ein dem ritter vergeben wolt, möcht ein anderer vor jm kommen und zuvor ausz der fläschen trincken.
buch der liebe 60 (1587
Galmy); man find von keim teutschen keiser, der vom geschütz erlegt seie, aber sonst wol dasz jnen ein sacramentloser mönch im sacrament vergab.
Garg. (1590) 455; so hat er .. gemercket, dasz sie jm wolten vergeben. Kirchhof
wendunm. 409
a; dieselben (
medici) begaben sich mit mir und befanden, dasz hertzbrudern vergeben worden.
Simpl. 2, 21, 9
Kurz; da erinnerte sich hertzbruder gleich, wann und durch wen ihm wäre vergeben worden, nemlich durch diejenige, die gern seine stelle im kriege betreten hätten. 2, 21, 15; sein abschied thät mir herzlich weh, vornemlich weil ihm vergeben worden. 2, 31, 6; wann ich nicht wüste, was es gewesen sei (
nämlich taback), so hätte ich gedacht, sie hätten mir und meiner frauen vergeben wollen, dann wir sind zu sterben kranck darauff worden. Schuppius 631; was für kabalen habt ihr angezettelt, mich aus dem weg zu räumen? mir im wein oder in chocolade zu vergeben? Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 135 (
räuber 4, 2); der (
der weinschenk) wirt dem könig ansagen eben, wie sie im hab wöllen vergeben, mit gifft wöllen nemen das leben. H. Sachs 3, 1, 172 (11, 137, 5
Keller); der negst weg summa summarum, wer, das man dem könig vergeb, wenn, wo der könig lenger leb, nit lang verschwiegen bleiben mag dieser handel, der an dem tag. 3, 1, 178 (11, 155, 5
Keller); das wer ein grosz unghrechtigkeit, solt meinem bruder ich vergeben.
ebenda (11, 155, 12
Keller); doch mir zu schweigen nicht gepürt, weil ewer fraw umb hülff und rat mich selbert angesuchet hat, wie man sol einem mann vergeben. 2, 4, 10 (9, 40, 24
Keller); nach dem in auch sein boszheit trieb, seim vatter auch selb zu vergeben, nach dem er im zu lang wolt leben. 3, 1, 171 (11, 132, 24
Keller);
sprichwörtlich: gut latein, damit man ratzen und mäusen vergeben könnte. Schuppius 797; und füren solch ein gifftig leben, eim storck mocht man damit vergeben, der doch all gifft verdauen kann, schlangen, krotten und scorpion. B. Waldis 2, 16;
bildlich: pfui ausz mit diesen allegationen, sie solten eim vergeben, wann einer nit ausz dem kelch der babilonischen dirnen getruncken hat. Fischart
bienenk. 34
b. 5@cc)
seit mitte des vorigen jahrhunderts tritt vergeben
mit persönlichem objecte auf. es ist also wie vergiften
construiert, diese änderung beruht vielleicht auf analogiebildung mit andern zeitwörtern: sehen sie nur, wie er da steht, als ob er mich mit gifte vergeben wollte. Gellert 3, 357; Cleopatra, in der geschichte, ermordet ihren gemahl, erschieszt den einen von ihren söhnen und will den andern mit gift vergeben. Lessing 7, 133; ja! wenn ich an die messe gedenke, so möchte ich gleich die verdammten juden alle auf einmal mit gift vergeben, wenn ich nur könnte. 1, 308. 5@dd)
aus den mundarten sei angemerkt: 'vergeben
heiszt im österreichischen nur vergiften. vergeben (
verzeihen)
ist unbekannt, dafür nur fazaign'. Castelli
niederöstr. wb. 122. 66)
unrichtig, falsch geben, besonders im kartenspiele gebräuchlich, karten vergeben: die karten sind vergeben. Adelung
versuch 4, 1, 1424. 77)
reflexiv sich vergeben.
zu den meisten oben angeführten bedeutungen finden sich reflexive bildungen. 7@aa)
zu 1,
sich hinwegbegeben: wenn das weiblin brüten will, so vergibt es sich für dem mänlin auff ein sonders und heimlichs ort.
M. Sebiz
feldb. (1580) 115; sich zur ehe vergeben,
sich verheiraten: das kind auch nicht ohne wissen und willen des vatters sich vergebe. Luther
br. 2, 517; vergieb dich nicht, du bist uns noch nicht unwerth (
sagt die mutter zum sohne, der sich verheiraten will). Auerbach
dorfgesch. 4, 43. 7@bb)
zu 2,
c, ungestraft hingehen: sie haben eine gestalt und gewisz auch ein herz, denen sich viel vergeben läszt. Göthe 21, 75; und zu schwere thaten sind geschehen, die sich nie vergeben und vergessen. Schiller 497
b. 7@cc)
zu 5:
Diag. nach der apotheke lauf ich und vergebe mich mit gift.
Zel. arzenei'n zu kaufen, lieber, brauchts des arztes unterschrift. Platen 284. 7@dd)
zu 6,
sich im kartenspiele vergeben,
karten falsch geben. Adelung
versuch 4, 1, 1424. 88)
die verschiedenen, jetzt noch üblichen bedeutungen des wortes faszt Schleiermacher
geistreich im rätsel zusammen: himmlische tugend, scheuszlicher mord, fehler im kartenspiel, alles ein wort.
rätsel u. charaden 46.