tief,
adj. und adv. ,
gegensatz zu hoch. II.
adj. gemeingermanisch, goth. diups,
alts. diop,
ags. deóp,
mnd. dêp,
altn. diupr,
ahd. tiuf diuf, tiof diof, deaf, teof, tief,
mhd. tiuf (
s.teuf), tief,
md. tîf (
darnach die schriftdeutsche aussprache des wortes)
aus einer wurzel dup dûp (
goth. vorauszusetzen ein diupon daup dupum
sich senken, tauchen, s. taufe, taufen),
indogerm. dhub dhup, dheub dheup,
wozu auch lit. dubùs
tief, hohl, altsl. duplĭ
hohl, gehört. Feist
nr. 127.
vgl.tobel und tümpel. I@11)
im eigentlichen sinne I@1@aa)
von oben weit nach unten (
unter die oberfläche)
ausgedehnt, sehr niederwärts sich erstreckend: weder hohes noch tieffes
Röm. 8, 39 (noch die hoch noch die tief
cod. Tepl.); thiu fuzze teof ist (
puteus altus est).
Tatian 87, 3; ther puzz ist filu diofêr. Otfrid 2, 14, 29; er macht das das tieffe meer seudet wie ein töpfen
Hiob 41, 22; dem were besser, das ... er erseufft würde im meer, da es am tieffesten ist.
Matth. 18, 6 (daʒ er gesenkt werd in die tief des meers
cod. Tepl.); dann wöllen wir abfahren auf dem tieffen meer. H. Sachs 12, 422, 28; den hammer werf' ich in den tiefsten see. Schiller 14, 289 (
Tell 1, 3); wie man die see immer tiefer findet ie weiter man hineingeht. Göthe
br. 2561 (8, 146); des sees tiefe wasser. Bodmer
Karl v. Burgund 25, 27
neudruck; tieffer wasserflusz,
flumen altum Maaler 402
b; stille wasser sind gern tief. Stieler 2279. Wander 4, 1813
f.; ein entsaftet land, das ... ... die tiefen risse zeigt. Fleming 27; tief loch,
vorago Denzler 286
b; (
er) masz auch nit, wie tief wer das loch. S. Brant 66, 35; was meinst du, ist das loch wohl tief? Gellert 1, 205; tiefe kluft
buch d. l. 184
d; eine sehr tiefe höle,
spelunca infinita altitudine Stieler 2278; die tiefsten schächte. Kant 9, 158; ich rait durch gräben und tieffe mos. Kaufringer
ged. 3, 589; Jerusalem ward ... mit vast tieffen klingen, gräben und thälern umbgeben und verwart. Rauwolff
reise 328; dann sie in tieffen thälern saszen. Murner
En. (1559) H 2
b; in einem tiefen grunde, ... da durch ir wege gingen.
Bocc. 60, 38
K.; ein tiefer weg,
ein hohlweg. städtechron. 10, 195, 27 (
vom j. 1452),
ein mit tiefem kothe bedeckter, morastiger weg: der wec wart finster und tief.
Iwein 5791; die weg wurden allenthalben so tief B. Zink 10, 9; tief und kothig weg 147, 2; die strasz war sehr kotig und tiff. H. Sachs 17, 365, 4; tiefer morast,
palus profunda Aler 1898
a, koth Haller
tageb. 123
Hirz.; tieffer schnee,
nix ineluctabilis Aler 1898
a.
Bocc. 61, 11
K.; tiefer staub (
bildlich) Schiller 3, 310; tiefe (
tief eindringende) wurzeln schlagen 6, 110; tieffere furhen machen,
altius imprimere sulcum Maaler 402
b; tiefe (
gegensatz seichte) schüssel,
gabata Stieler 2279, wunde,
vulnus altum. ebenda; hei was er tiefer wundendurch die helme sluoc!
Nibel. 1882, 2;
bildlich mînes herzen tiefiu wunde diu muoʒ iemer offen stê
n. Walther 74, 16; die wunden sind tief. Klopstock 10, 236.
tiefliegend: wir glaubten unter uns einen see zu erblicken, in dem ein tiefer nebel ... das ganze thal ausfüllte. Göthe 16, 227; tiefe augen,
oculi depressi Stieler 2278; sîn (
des rosses) ougen tief,die gruoben wît.
Parz. 256, 23; das tiefe haus des rauches,
die hölle Zigler
Banise 200, 5
Bobert.; des tiefsten kerkers kluft (
das grab). Gryphius
lyr. ged. 350
P.; im tiefsten thurme (
gefängnisse) das leben ausschmachten. Schiller 2, 137; die tiefsten (
dem mittelpunkte nächsten) materien Kant 8, 303;
bergmännisch das tiefste,
der unterste tiefste theil eines grubenbaues, der tiefste bau in einem bergwerke, der unterste theil einer lagerstätte. Veith 492
f.; bis gott im ... sein tiefstes bescheret. Mathesius
Sar. 128
b;
mit maszbestimmung: der ort ist wol sechs elen tief Stieler 2278;
hoch herab, tief hinabfallend: das dünne wasser (
des staubbaches) theilt des tiefsten falles eile. Haller
die alpen v. 355; hinter den groszen höhen folgt auch der tiefe, der donnernde fall. Schiller 14, 24 (
braut von Mess. 1, 3); tiefe ebbe
im gegensatze zur hohen flut (
bildlich) 13, 192;
mhd. weit herabhängend, lang: ouch gap der künec ... sô manegen rîchen manteltief unde wît.
Nib. 1309, 2; der phelle (
des sattels) was ze rehte tief.
Erec2 7586. eine tiefe neigung, verbeugung (
des hauptes, nackens, oberkörpers u. s. w.): ein tieffe nidernaigung
herzmaner 10
b; während der tiefsten verbeugung, in der ich vor ihnen stand. Thümmel
reise 1 (1791), 118. I@1@bb)
in wagerechter richtung (
von vorn nach hinten)
sich weithin erstreckend: daʒ tiefe gevilde.
Lanzelet 7097; dô riten si von dannen in einen tiefen walt.
Nibel. 869, 1; in das tief meer (
auf die hohe see) faren Maaler 402
b;
nautisch tief in see sein (
holl. diep in zee sijn),
die offene see haben Bobrik 690
b; fackeln in der tiefen strasze (
weit hinten am unteren ende der strasze). J. Paul
Tit. 2, 107; die (
eis-)höhle ist weit, tief Göthe 16, 248; (
wenn sie) am feuer in der tiefen halle sasz. 9, 29 (
Iphigenie 2, 1); sie sahen in die tiefe (
in den saal hinein vertheilte) versammlung. Klopstock
Mess. 4, 228;
mit angabe des maszes: die bühne, das zimmer ist zwanzig fusz tief
u. dgl., mhd. auch breit: funfzic clafter tief
aneg. 23, 18,
s. Bezzenberger
beitr. 3, 83. I@22)
uneigentlich, manchmal in einander übergreifend. I@2@aa)
ins innerste eindringend, auf den grund gehend, ergründend: tiefe meisterschaft, die an ir sinnen was behaft.
pass. 296, 29
Hahn; tieffe gedanken (
vergl. e),
cogitationes acerrimae, attentissimae Denzler 286
b; in tiefen gedanken sein Ernstinger
raisbuch 185, sitzen Göthe 23, 65; tiefen gedanken geweiht und ernster betrachtung. Klopstock
Mess. 1, 596; ein tiefer denker, forscher
u. s. w.: des tiefen untersuchers geist. Klopstock
od., krit. ausg. 2, 16; aller künste tiefe kenner. Gotter 1, 198; Ekhof war es, der dem tiefen Britten, dem leichten Gallier den lorbeerzweig entwand! 343; den tiefsinn kann einzig der tiefe verstehn. Geibel
juniusl. 369. I@2@bb)
gleichsam tief (
ins herz, ins mark)
eindringend und dadurch wie eine tiefe wunde schmerzend; von sorgen und leiden, die heftig, sehr grosz und stark sind: tiefer schmerz, tiefes leid, elend, tiefer kummer, jammer, tiefe sorge
u. s. w.; dâ ich von mînen sorgen tief gefrîet was. Konrad
troj. krieg 18928; der vater in tiefer trauer. Moritz
A. Reiser 700, 23
neudruck; das tiefste leiden Schiller 3, 402; in seinen augen kämpften heiszer groll und heiszer jammer. C.
F. Meyer
Jenatsch 33. I@2@cc)
vom innersten (
nicht offenliegenden, geheimnisvollen)
leben und empfinden: (
gehorsam,) welcher rührt aus des hertzens tiefen hölen. S.
Dach 568; sprach er aus tiefem gemüt Steinhöwel
Es. 88
b; tiefe gemüther sind genöthigt, in der vergangenheit so wie in der zukunft zu leben. Göthe 25, 98; was sinnst du mir, o könig, schweigend in der tiefen seele? 9, 87 (
Iphigenie 5, 3); sein tiefes, verschlossenes herz 20, 255; tiefst,
tiefinnerst: ich habe dir mein tiefstes herz entdeckt. 9, 21 (1, 3); da der jüngling ... in das tiefste herz mir schaute. Schiller 14, 55 (
braut von Mess. 2, 1); verhaszt in tiefster seele bist du mir. 13, 276 (
jungfr. von Orl. 3, 9); des groszen wink im tiefsten marke (
vgl.mark 3,
e) spüren. Eichendorf
ged. 165; meines busens tiefstes innres leben. W. v. Humboldt
sonette 291.
elliptisch: im tiefsten (= im tiefsten innern,
s. inner 2,
b und tiefinnerst): im tiefsten froh Göthe 4, 23; ward die gemüthsruhe des knaben im tiefsten erschüttert. 24, 41; ich hatte das schönste herz in seinem tiefsten verwundet. 26, 118. I@2@dd)
sonst von inneren, starken empfindungen und leidenschaften: tiefe hoffnung Aler 1898
a; tiefe wünsche der brust. J. Paul
flegelj. 1, 114; tiefe freude
Hesp. 3, 237, liebe Niebuhr
kl. schriften 1, 47, seelenbewegung Immermann
Münchh. 3, 228; tiefes mitleid
schriften 4, 210, tiefstes verlangen Tieck 4, 321; tiefe herzenstrauer Göthe 31, 196; und du trägst die tiefe lücke im herzen. 10, 183; der alten götter tiefer hasz auf euch! 9, 77 (
Iphig. 4, 5); tiefe sünde Gryphius
lyr. ged. 3, 320
P.; das tiefste laster
im gegensatze zum kleinsten Gryphius
trauerspiele 674
P.; die tiefste lust
im gegensatze zum höchsten ruhme. 50. I@2@ee)
gleichsam eine grosze tiefe habend und deshalb unergründlich, unermeszlich oder verschlossen, verborgen, geheim, dunkel; geheimnis- oder bedeutungsvoll. I@2@e@aα)
von gott (
dem unergründlichen)
und seinen werken, worten und gedanken: die tiefen ding gotz
cod. Tepl. 1 Cor. 2, 10; er ist tiefer denn die helle
Hiob 11, 8; sein wort ist tieffer denn sein abgrund
Sir. 24, 39; herr, .. deine gedanken sind so seer tief
ps. 92, 6. I@2@e@bβ)
sonst tiefe worte, sinne, gedanken, dinge
u. s. w., vgl. a. thô er .. thaʒ gotnissi ruarta mit worton filu diafê
n. Otfrid 5, 8, 24; (
sie) kêrte dô mit wortezi diafemo antwurte. 2, 14, 74; unde er tiefe sinne gebirgit in sînen scriften. Notker 32, 7; er sprach von im ... diz wort und disen tiefen sin. Konrad
Silv. 3215; der tiefe sinne niht verstên kan, der sol die âventiure lesen. Thomasin
w. gast. 1108; du hâst mir hiute disen tac geseit von tiefen dingen, von vier kreften, von vümf sinnen, und einlef künsten. 9665; (
sie las) tiefe rede von der minne.
minnes. 2, 298
a; dise rede ist ein tief rede und hât vil grôʒ bezeichenunge. Schönbach
altd. pred. 1, 125, 5; er (
gott) offenbart was tief und verborgen ist.
Dan. 2, 22; es ist seer tieffe, wer wils finden?
pred. 7, 25; hie merke die tieffe geheimnis. J. Böhme
morgenr. cap. 3, 29; also ist dein raht .. so tief. Weckherlin 314; des propheten tiefstes wort. Göthe 3, 280; einen sehr tiefen sinn hat jener wahn. 31, 151; eure antwort legt dem loose, das diesem hause endlich gefallen, einen so tiefen als schrecklichen sinn bei. Klinger
betr. (1803) 1, 326; ernste tiefe gesänge Lenz
ged. 59
Weinh.; mann, der mit meinem vater so tiefe dinge sprach. Klopstock 9, 330; ich musz dir die tiefsten sachen sagen. Bettine
br. 1, 208; er denkt gar zu tiefe sachen. Schiller 12, 40 (
Wallenst. lager 9); tiefstes geheimnis 6, 110; die tiefsten geheimnisse der kunst. Klinger
betr. (1803) 1, 94; den geheimen wegen einer tiefen natur nachzuspüren. Bettine
br., zueignung; nur der grosze gegenstand vermag den tiefen grund der menschheit aufzuregen. Schiller 12, 7 (
Wallenst., prolog);
subst. das tiefe
im gegensatze zum hohen (
erhabenen): wenn eine zeit in der kunst für das hohe und tiefe schwärmt, so ist der geschmack verdorben, denn der wahre sinn ... für das tiefe und hohe ist immer nur das vorrecht einzelner begabter, die andern beten nach. Grillparzer
2 9, 83. I@2@ff)
wie aus tiefem grunde, aus dem innersten kommend, heraufgeholt: ein tiefes gefühl
s.gefühl II, 5,
e, γ und tiefgefühl; tiefer seufzer Maaler 402
b; dô holte der arme Heinrich tiefen sûft von herzen. Hartmann
a. Heinr. 379; er (
der beichtvater) beschlosz mit einem tiefen und heiligen seufzer. Schiller 3, 562; höre mein tiefes gebet. Klopstock
Mess. 8, 55. I@2@gg)
sonst als gegensatz zu hoch. I@2@g@aα)
in bezug auf rang, stand und würde: ich, herr! dein tiefster unterthan. Günther 137; in tiefster ehrfurcht eines knechts. Immermann
schriften 4, 167; auf einer tieferen stufe stehn
u. dgl.: es handelte sich um ein herabsteigen auf eine tiefere stufe (
der malerei). G. Keller
ges. werke 3, 44. I@2@g@bβ)
in bezug auf gesinnung und handlung: tiefe demut
profunda humilitas Stieler 2279; er bleibt in tieffer demut und befilcht sich in gottes hut. H. Sachs 15, 350, 12; die tiefste (
niedrigste) that. Klopstock
Mess. 6, 561. tieffer dienste demuth. Logau 2,
zugabe 101. I@2@g@gγ)
in bezug auf stimme und ton: tiefe stimme,
vox gravis, depressa Stieler 2279. Denzler 286
b; nie hatte er eine so tiefe ernste stimme gehört. Arnim
kronenw. 1, 48; buszgesang in tiefen traurigen tönen. Moritz
A. Reiser 404, 2
neudr. (
s. auch ton); basso, tiefste singstimme Kürzinger
unterricht zum singen (1792) 6; den tiefsten pasz her schnarchen.
der hausball 22, 14
neudruck. I@2@g@dδ)
vom satten ton der farbe, besonders von einem hohen grad des dunkels (tief oder vinster,
teter. voc. 1482 gg 5
b): der himmel war ganz klar .., das blau viel tiefer als man es in dem platten lande gewohnt ist. Göthe 16, 299; über mir das erhabenste tiefste blau. J. Paul
holzschnitte 139; der untreu wird die treu entgegengesäzt, wie das höchste licht dem tiefsten schatten. Butschky
Patm. 195 (145); der tiefste schleier deckt unser geheimnisz. Klinger 2, 45; doch er flieht zur tiefsten dunkelheit. Lenau 2, 229; der tiefe wald (1,
b)
kann auch den dunklen dichten wald bedeuten: in den tiefsten wald fliehen. Lenau 1, 329. I@2@hh)
die tiefe
nacht (
A 2,
b, β)
ist die weit vorgerückte, finstere nacht: da ist man ... in die tiefe nacht ... im schwarm geblieben. Schuppius 105; als es noch war tiefe nacht. Fleming 419; (
ich sehe dich) in tiefer nacht, wenn auf dem stege der wandrer bebt. Göthe 1, 65; dasz er (
sternenglanz) die tiefe nacht zerstreue. W. v. Humboldt
sonette 69;
bildlich: sei glücklich, geh, mich lasz in tiefster nacht (
s.nacht B, 3,
b, β). Schiller 13, 290 (
jungfr. v. Orl. 4, 2). I@2@ii) tiefer
oder starker schlaf,
sopor altus Maaler 402
b; tiefer schlaf hat über seine augen sich ausgebreitet. Geszner 1, 143; als alles um dich her in tiefem schlaf begraben lag. Schiller 13, 215 (
jungfr. v. Orl. 1, 10). tiefe stille (
still wie in einer tiefe),
altum silentium: dise tîfe stille. Jeroschin 12572; tiefe stille herrscht im wasser, ohne regung ruht das meer. Göthe 1, 73; die todtenstille wird immer tiefer. 17, 364; eine lange tiefe stille (
pause) Schiller 5, 1, 182, tiefe pause 2, 180. 187. 194; tiefes schweigen folgt seinen worten. Freytag
ges. werke 8, 172; tiefe ruhe, tiefer friede (
der auf tiefem grunde ruht, sicher und dauerhaft ist)
summa quies, placidissima pax: als waltete im reich der tiefste friede! 13, 189 (
jungfr. von Orl. 1, 1). I@2@kk)
zeitlich weit zurückliegend, gleichsam im dunkel der vergangenheit: so hatte sie einst in der tiefen kindheit gesagt. J. Paul
flegelj. 3, 65,
vgl. tiefliegend. IIII.
adverb nach den bedeutungen des adjectivs: ahd. tiupho diofo tiefo,
mhd. tiefe tief,
alts. diopo deopo diapo,
ags. diópe deópe,
mnd. dêpe. II@11)
im eigentlichen sinne. II@1@aa)
senkrecht nach unten: (
den tod hat) thiu hella ... diofo firswolgan (
tief hinabgeschwelgt). Otfrid 5, 23, 266; er schriet in tiefe in daʒ verch.
Rabenschlacht 810; (
bildlich) daʒ Hector ... nâch hôhem prîse tiefe gruop. Konrad
tr. krieg 4007; tret si mit den füeʒentiefer in daʒ bluot.
Nib. 2056, 3; er gieng da mitten in dem meer gantz tief hinein. Murner
En. (1559) K 3
b; die stillen wasser fressen tief. H. Sachs 8, 277, 3; dasz wir die felder bauen, nach ehr' und güttern stehn, tief in das erdreich gehn. S. Dach 453; was nit tief sein wurtz setzt, das felt leicht ab. Frank
sprichw. 1, 106
b; (
bildlich) tugend die tief eingewurtzlet hat Maaler 402
b; dann sie (
unzüchtige sitten) sind so ... tief eingewurtzelt. Scheidt
Grob. s. 3
neudruck; fundament tief in grund gelegt. Maaler 402
b; (
bildlich) die moralische welt, die so tief, tief auf der physischen ruht. Klinger
betr. (1803) 1, 181; der pfeil ist tief eingedrungen, der stich ist nicht tief kommen. Stieler 2278; tief eindringender pflug. Voss
Virg. georg. 1, 45; tiefer hinunter gehen,
altius descendere Steinbach 2, 814; viele klafter tief untersinken Tieck
Troil. u. Cress. 1, 1; dasz er tief (
von schnee und eis) bedeckt liegt.
F. Müller 1, 22; er liegt tief im nest. Göthe 1, 156; tief habe ich diese hand getaucht in blut. Schiller 2, 334 (
räub., trauersp. 5, 8); wenn du .. eine thurmhöhe tief unter dem boden im kerker liegst. 3, 417 (
kab. 2, 6); tief lag ich in bangen gemäuern gefangen. Tieck 4, 315; es gibt tief in der erde liegende höhlen. Kant 9, 264; die tiefer unten gelegenen gegenden. 252; wir sahen den gipfel des Rigi, der tiefer hinab mit wolken umhüllet war. Göthe 43, 202. —
nautisch: ein schiff, das sehr tief geht,
einen groszen tiefgang hat Bobrik 690
a; ein tief verbundenes schiff,
wenn es in der kuhl oder über dem obersten deck bis zu seinem bord noch eine beträchtliche höhe hat 690
b. II@1@bb)
von oben nach unten, gegen den boden, tief
neigen, beugen, bücken
u. s. w., ahd. einem diofo genîgen,
sich vor ihm tief verneigen Otfrid 3, 3, 28,
s. neigen I, 2;
mhd. wan daʒ ich tiefe nîge. Walther 18, 20; in valsche neig im tiefeder ungetriuwe man.
Nibel. 830, 3;
nhd. er buckt sich dief.
Zimm. chron.2 4, 255, 22; sich vor einem tief neigen,
profunde revereri aliquem Stieler 2279; gar tief müssen wir uns jetzund für manchen ketzer biegen. Soltau
volksl. 466 (
vom j. 1622); (
der) sein haupt zum tiefsten bückt. Logau 2, 3, 58
v. 22; (
er) neigte sich tief anbetend. Klopstock
Mess. 5, 235; er bückt sich tief. Gotter 1, 159; (
ich habe vor ..) tiefstens mich gebückt. Göthe 41, 155; beide verneigen sich tief. Schiller 3, 64; senket die fahnen tief! 148 (
Fiesko 5, 12); den hut tief ins gesicht gedrückt. 4, 74;
bildlich: du hast mich tief gebeugt, .. tief, tief vielleicht zu grabe gebeugt. 3, 477. II@1@cc)
von vorn nach hinten: tief in dem wald drinnen. Rädlein 878
b; sich tief ins land flüchten. Steinbach 2, 815; tief in der Schweiz. Göthe
br. 338 (2, 268); die Schweden werden bis tief in Hinterpommern zurück gedrückt. Schiller 8, 384; tief drinn in der Sierra Morena zeigt man einen brunnen euch. 5, 1, 14 (
don Carlos 1, 1); nicht aber für rathsam achteten jene tiefer ins land zu spähen. Voss
Od. 14, 356; ferne der heimath, tiefst im fremden wald. Lenau 1, 92; (
der chor) stand tief im schattenraum. Tiedge
werke 5, 39; sie wendete sich noch tiefer ab (
gieng vom fenster aus noch weiter ins zimmer zurück). G. Keller
ges. werke 2, 255. II@22)
uneigentlich. II@2@aa)
gleichsam in die, in der tiefe: da war Abraham freilich tief genug verborgen. Luther 3, 375
b; die natur hat die wahrheit tief verstecket. Stieler 2278; er hat sich tief in dessen gemeinschaft eingelassen. Aler 1898
a; tief versank das rauschende getümmel. Tiedge
Urania 4, 224. II@2@bb)
in bezug auf das eindringen und erforschen (
s. tiefdenkend, -denker, -dringend, -sinnend
u. s. w.): thû thâr sie (
die geistliche nahrung) diofo suachis. Otfrid 3, 7, 35; einem ding tief nachsinnen. Denzler 286
b; je tiefer dasz man sinnt. Göthe 7, 102; tief zu denken .. ist vielen gegeben. Geibel
juniusl. 368;
eindringlich, sehr: swie tiefe si in bâten.
Dietrichs flucht 4328; (
ich) ermant in also hoch und tief. H. Sachs 8, 296, 18; muszt die frau auf das tiefest ermahnen, dasz sie dir bekenne, ob si an der sache schuldt trag oder nit.
Galmy 299; II@2@cc)
in bezug auf das innere leben und empfinden: (
dasz er) in muat sô diofo lâʒit. Otfrid 5, 23, 36; die so tief blind sein, das ... Luther 2, 119, 24
Weim.; sich etwas tief zu hertzen gehen lassen. Steinbach 2, 814; (
das glück) greift uns wieder tief zum hertzen. S. Dach 235; du (
Venus) kannst dich tief in unsre hertzen senken. 417; so wird es mich sehr tief schmerzen. Klinger
betr. (1803) 2, 60; die dolche der zunge verwunden oft tiefer, als der geschliffene stahl 191; der herzog fühlte es schnell und tief .. Schiller 8, 327; (
sie) scheinen tief bewegt. 5, 1, 83 (
don Carlos 2, 4); allzu tief verehr' ich meines königs majestät. 5, 2, 188 (1, 6); niemand wird tiefer traurig, als wer zu viel lächelt. J. Paul
Hesp. 2, 94; denn diesz (
schelten seiner mutter) schlug ihn immer noch tiefer nieder. Moritz
A. Reiser 43, 34
neudruck; für das deutsche gefühl ist es tief empörend, dasz .. Gervinus
gesch. des 19.
jahrh. 1, 245; das empörte mich aufs tiefste. C.
F. Meyer
nov. 1, 20. II@2@dd)
gleichsam aus der tiefe, aus dem inneren herauf: tief athem holen,
imo latere spiritum petere Steinbach 2, 814; tief geholter athem Aler 1898
b (
s. tiefgeholt); tief seufzen Immermann
schriften 4, 287, tief aufstöhnender seufzer Stolberg 11, 24, tief aufflötender laut Bürger 61
a, tief aufgährender zorn Pyrker
Tunis. 9, 349; tief aus dem herzen hingesungen nehmt diese lieder herzenein. Göthe 3, 322
H.; ach! die schuld im busen schattet tief herauf in ihren blick. Tiedge
Urania 3, 332. II@2@ee) tief singen,
canere voce depressa (
s. I, 2,
g, γ) Aler 1898
a; jene note .. musz um einen halben ton tiefer gesungen werden. Kürzinger
unterricht zum singen (1792) 20; hoch oder tief klingende töne. Moritz
A. Reiser 46, 23
neudruck; II@2@ff)
von der farbe, s. tiefblau,
tiefbraun,
tiefschwarz u. s. w. II@2@gg) tief in die nacht hinein,
multa nocte (
s. I, 2,
h) Steinbach 2, 814; so schwatzten wir zusammen tief in die nacht. Göthe 25, 354; die nacht scheint tiefer tief hereinzudringen. 41, 318 (
Faust 11499
Weim.). II@2@hh) tief ruhen, schlafen (
s. I, 2,
i): so legt der müde sich noch einmal vor der pforte des todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten weg zu wandern hätte. Göthe 8, 297; doch meine mutter schläft nicht tief. 12, 183 (
Faust 3507
Weim.). II@2@ii)
zeitlich, in dunkler vergangenheit (
s. I, 2,
k): meiner ahnen prahlerische kette, die tief im heidenthum sich untertaucht. Schiller 5, 1, 29 (
don Carlos 1, 2). II@33)
mit den unten folgenden adjectiven und participien ist tief
nur durch zusammenrückung lose verbunden, meist nur die stärke und intensität des begriffes ausdrückend.