schildern,
verb. das unter 1
behandelte verbum (
vgl. abschildern th. 1,
sp. 101),
abgeleitet von schilder,
maler (
s. gramm. 2, 273
anm.)
scheint durch niederl. einflusz in die schriftsprache eingedrungen zu sein; im 17.
und 18.
jh. wird es in eigentlicher bedeutung viel gebraucht, doch noch früher als bei schilderei verliert sich diese anwendung zu gunsten der übertragenen bedeutung, welche die neuere sprache allein noch dem worte beilegt. 11)
nld. schilderen,
pingere, depingere, quasi dicas clypeum formare sive pingere Kilian; schilderen,
abmahlen, pingere Schottel 1398; schildern,
et alia dialecto schillern (
so nd. vgl. Dähnert 407
a. Schütze 4, 49. ten Doornkaat Koolman 3, 122
b),
propr. arma et insignia penicillo collustrare, et effingere, sive delineare, deinde obtinuit quidlibet pingere, estque vox Belg. Stieler 1794; Adelung
lehrt, dasz schildern
eine engere bedeutung als malen
habe und sich auf die ausarbeitung der bildlichen darstellung durch licht, schatten, farbengebung beziehe. die unter a angeführten belege zeigen, dasz der sprachgebrauch dieser regel nicht entsprach. 1@aa)
im eigentlichen sinne, pingere, depingere (
vgl. schilderei);
im portrait darstellen: es liesz einst ein gewisser mann sich schildern: ein jeder sieht doch gern sein conterfeit. Brockes 1, 467; aufs mindste schildert ich den kopff mit groszer müh. 469;
im bilde: die sehnsucht schildert mir dein bildnîsz an die wände, dem zu der ähnlichkeit nichts als das leben fehlt. Günther 630.
von der malerischen nachbildung im gegensatz zur plastischen: was hat diese (
die malerei) für ein ander gesetz, für andre macht und beruf, als die grosze tafel der natur mit allen ihren erscheinungen, in ihrer groszen, schönen sichtbarkeit zu schildern? Herder
z. schön. litt. u. kunst 19, 43.
in poetischer sprache von den reizvollen bildern der natur: das tieffe blau der etwas külern lüffte erfüllen itzt gar viel gewölckte düffte, an deren gegenwurf der sonnen stral sich bricht; daher sie, voller glantz und licht, mit tausendfach gefärbten fremden bildern, mit groszen riesen, kleinen zwergen, mit vögeln, drachen, güld'nen bergen das firmament aus gold und silber schildern. Brockes 1, 206;
reflexiv, sich in farben darstellen: gleichfalls weiszt der regen-bogen und der lüffte heiters blau, der bewölckten wasser-wogen purpur, silber, gelb und grau samt der wolcken bunten bildern, dasz sie nur mit licht sich schildern. 274; offt sieht man mit purpurfarbnen bildern ein feld, das weisz wie schnee, sich schildern. 2, 9. schildern
dem zeichnen,
die farbige füllung und belebung dem umrisz gegenübergestellt: dasz die stets wechselnde natur fast nimmer einerley, nein, aber wohl in stets veränderlichen bildern, sowohl zu zeichnen als zu schildern, an reichthum unerschöpflich sey. Brockes 2, 15;
von einer stickerei: die kunst, mit der schildernden nadel auf muntre tapeten lachendes feld und lebende bilder in seide zu pflanzen. Zachariä 2, 95 (
morgen);
von dem bild, das ein spiegel zurückwirft: und diese spiegel! fordern sie nicht gleich das mädchen und den schmuck vereint zu schildern. Göthe 9, 297. 1@bb)
in neuerer zeit ist bei dem übertragenen gebrauche von schildern
meist keine erinnerung an die eigentliche bedeutung des wortes mehr wirksam, selbst nicht, wenn die zusätze dieser entsprechen (in lebhaften farben, mit wenigen zügen schildern
u. ähnl.);
dagegen hält die ältere sprache gern den grundbegriff bei der freien anwendung fest; es finden sich daher mannigfache abstufungen und übergänge, vom engsten anschlusz an die eigentliche bedeutung bis zum völligen verblassen der dem verbum zu grunde liegenden vorstellung: wenn daher der fabulist keine vernünftigen individua auftreiben kann, die sich durch ihre blosze benennungen in unsere einbildungskraft schildern, so ist es ihm erlaubt, und er hat fug und recht, dergleichen unter den thieren oder unter noch geringern geschöpfen zu suchen. Lessing 5, 393; beywörter, deren jedes dem leser ein besonderes bild in die gedanken schildert.
verm. schriften (1784) 3, 261; schildre uns doch die schönen Leipzigerinnen, die dir zu gesichte gekommen sind. Hölty 227
Halm; da sie (
die dramatische poesie) .. uns die leidenschafften und geheimsten bewegungen des herzens in eigenen äuszerungen der personen schildert. Schiller 2, 4; ich habe räuber geschildert, und räuber bescheiden zu schildern wäre ein versehen gegen die natur. 372; keine farben sind stark genug Alba's unersättlichen blutdurst zu schildern. 4, 104; bei ihm geht ein abbé mit einer schönen dame, die aber mit wenig zügen so geschildert ist, dasz einem kein liebesverhältnisz einfallen kann, bei sternhellem himmel spazieren. Göthe 54, 140; und so schilderte sich nach und nach das element, worauf der junge herzog nach seiner rückkehr wirken sollte. 48, 174; und von der gunst der frauen sagst du nichts. die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern. Göthe 9, 187.
in neuerer sprache: etwas als gut, als unentbehrlich schildern.
der dichter schildert eine schöne gegend, die schrecken einer schlacht, den sturm auf dem meere. Adelung;
auch die musik vermag zu schildern.
vielleicht von schildern,
malen aus ist zu erklären, wenn nach Dähnert 407
a gesagt wird: de jung hett schillert,
hat von einem andern abgeschrieben. 1@cc)
in technischer sprache: schildern der wachstuchtapeten,
das einmalen von verzierungen, deren umrisse eingepreszt werden in tapeten. Jacobsson 3, 602
a;
ein gleiches verfahren bei der herstellung bunten kattuns wird ebenfalls schildern
genannt; nd. schillerdeeren
zur bezeichnung damit beschäftigter arbeiterinnen. Schütze 4, 49,
s. schilderer 2.
bei den seeleuten vom anstreichen der masten, raaen u. ähnl. Bobrik 593
b. 22)
vereinzelt schildern,
als fehlerhafte bildung von schild,
meist im part. prät.: geschildert,
scutatus Steinbach 2, 413;
von mit schilden bemalten kirchenfenstern: die fenster lodern, dunkelbunt geschildert. Freiligrath 3, 20;
wildgeflügel ist geschildert,
wenn die brust eine charakteristische federbekleidung hat (
s. schild 12,
a). es hat geschildert,
wenn die färbung sich eingestellt hat. Behlen
lex. d. forst- u. jagdk. 5, 480; schildern, sich anschildern,
das beschleichen der hühner mit einem bemalten gestell. ebenda; s. schild 13,
e. 33)
der älteren soldatensprache entstammt schildern
im sinne von wache stehen, als posten auf und abschreiten (
vgl. schildwache);
in älterer sprache häufig in der form schillern,
die im niederd. üblich ist: schillern,
excubitorem agere. Schottel 1398. schilderen,
schildwacht stehen Kramer
teutsch-ital. wörterb. bei Weigand
4 2, 573; an dem tor der festung schillern,
ad portam castelli noctu vigilias agere; ausschillern,
vigilias conficere Stieler 1793; ich schildere (stehe schildwache),
excubias ago. Steinbach 2, 413;
nd. und md. schillern
brem. wb. 4, 654. Dähnert 407
a. Schütze 4, 49. Woeste 229
a. ten Doornkaat Koolman 3, 122
b. Frischbier 2, 272
a. Bernd 253. Kehrein 346. Schmidt 184;
schweiz. schiltere Hunziker 220; 80 muszquetierer, die da schillern (
auf wache ziehen, im gegensatz zu den chargen, die davon befreit sind). Troupitzen
kriegskunst (1638) 10); etliche schillerten vor andere und kamen tag und nacht niemal von der wacht.
Simplic. 1, 390, 21
Kurz; gott ist der christen hülf und macht, ein feste citadelle. er wacht und schiltert tag und nacht, thut rond und sentinelle.
wunderhorn 1, 151
Boxberger; er wacht und schillert tag und nacht. 152.
scherzhaft: indesz die jungen spatzen auf und nieder vorm fenster schildern, eine ehrengarde. Herwegh
ged. eines lebend. (1841) 1, 167;
sprichwörtlich: de bange is de moot schillern,
darf nicht das werk selbst mit verrichten, sondern musz aufpassen, dasz keine störung eintritt. brem. wb. 4, 654.
nach Dähnert 407
a auch von den honneurs, die posten und wachen erweisen: vör em wart schillert.
freierer gebrauch, wartend auf und abschreiten: der Spanier schildert oft ganze stunden unter dem fenster seiner geliebten. Adelung;
nd. ik heb' fan nacht twê stünde bî hör schildern must. ten Doornkaat Koolman 3, 122
b.
dann allgemein, warten, einem lange entgegensehen, wach bleiben, wachend arbeiten, so besonders allgemein im niederd., s. brem. wb. 4, 654. Dähnert 407
a. Woeste 229
a. ten Doornkaat Koolman 3, 122
b;
doch auch oberd. in freierem sinne, vgl. Schm. 2, 407. Seiler 253
a.