lechzen,
verb. ,
frequentativ zu lechen,
mhd. lechezen, lehatzen Lexer
handwb. 1, 1850. 11)
das wort hat seine alte heimat im bairischen sprachgebiete, sowie durch das fränkische bis ins östliche mitteldeutsch hinein, und geht theils auf das austrocknen und rissigwerden von gefäszen, so in der kärntnischen form lexen, lexnen, derlexnen Lexer 174,
und verbreiteter in der form verlechzen (verlechzgen
neben derlechezen, derlechszen, derlechsznen, entlechsznen Schm. 1, 1421
Fromm.),
und zerlechzen,
wo es auch düringisch und schlesisch verbreitet ist: die tapferkeit taugt ungeübt so wenig als zerlechzte nachen. Günther 144; das rad am born zerlechst. 809;
[] theils und in der einfachen form gewöhnlicher auf das durch das austrocknen der kehle bedingte kurze und heisze atmen, wie es die hunde haben: lehatzen als die hund,
hilare, proprie attinet canibus. voc. inc. theut. m 2
b; lechtzen,
defetisci, das maul offen haben, wie die ermüdeten hunde. Schottel 1355; lächzen,
hiare, hiante ore auram captare. Kirsch
cornuc.; des mir das herz gleich nach ir echzet, als ein hunlin (
lies huntlin), das an der sunnen lechzet.
fastn. sp. 333, 22;
übertragen auf das schwere atmen der menschen, das sonst gappen
oder jappen
genannt wird, so namentlich im östr.-bairischen als lechezen (Schm.), lechazen (Lexer): er kann vor durst nimmermehr lechatzen. Loritza
idiot. Viennense (1847) 82
b;
aber auch im norddeutschen (
auch in der form lächsen,
sp. 31): die mich so .. zumarterten, dasz ich kaum lechtzen und athem holen kondte. Luther
tischr. 224
a; es klopft das herz in unsrer brust vor freud und lust, wir lechzen vor vergnü
gen. Brockes
bei Weichmann 1, 21.
so brauchte Luther
das wort in der bibel: du leufest umbher, wie eine camelin in der brunst, und wie ein wild in der wüsten pflegt, wenn es fur groszer brunst lechtzet.
Jer. 2, 24; wie ein fuszgenger, der durstig ist, lechtzet sie (
τὸ .
στόμα ἀνοίγει setpuag.), und trinkt das nehest wasser, das sie krieget.
Sir. 26, 15. 22)
wol durch diesen letzteren gebrauch kam das ohnehin nicht häufige wort in der schriftsprache zu ehren und verbreitete sich nach und nach als ein stark malender, aber gewählter ausdruck für schmachten oder dürsten, im eigentlichen und bildlichen sinne; als welcher es heute einzig verwendet wird, in verschiedener fügung. 2@aa)
von personen, absolut: lechzen,
defetisci, et metaphor. ardenter inhiare, summa cupiditate appetere, rabide concupiscere, desiderio flagrare. Stieler 1100; jemand lechzt,
hat das brennende gefühl des durstes: ein lechzender wanderer, der lange nach einem tropfen frischen wassers schmachtete. Wieland 27, 306; sie sinkt am ufer hin, und lechzt mit dürrem gaumen. vom hunger angenagt, von heiszem durst gequält, an diesem wilden ort, wo ihrs an allem fehlt, wie angstvoll ist ihr loos! 23, 35 (
Oberon 7, 50); kühlten sich diese vom schweisz, und stillten trinkend ihr lechzen. Bürger 234
a; da reichtet ihr aus frischer quelle dem lechzenden die lebenswelle. Schiller
die künstler v. 360; wenn ihr, löwen der schlacht, söhne des edelsten stamms, dient an des kranken bett, dem lechzenden labung bereitet. Schiller
die Johanniter; lechzend auf dem warmen sattel sasz der Araber. Freiligrath
dicht. 1, 39;
in der edeln sprache auch von thieren: lechzend eilt sie (
die giraffe) durch der wüste nackte strecken. 151;
übertragen auf eine heftige seelische begierde: dasz mich das bild dieser treue und zärtlichkeit überall verfolgt, und dasz ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte. Göthe 16, 23; es sauset schon der sturm des gefechts um sie her, und erregt die gemüther gränzenlos; nichts hält sie zurück, und in muthigem drange schreiten sie lechzend heran, der todesgefahren begierig. 40, 355; herr, ich walle zu einem sterbenden mann, der nach der himmelskost schmachtet ... drum, dasz dem lechzenden werde sein heil, so will ich das wässerlein jetzt in eil durchwaten mit nackenden füszen. Schiller
graf von Habsburg; von persönlich gedachten dingen oder abstractionen: wie der gereizten birke saft floszen unsre thränen aufs waldgras und tränkten den lechzenden erdschwamm. Schubart 1 (1787) 2; die rastlos lechzende zwietracht.
Ilias 4, 440. 2@bb)
statt der person wird der theil des körpers als subject genannt, der den brennenden durst vorzugsweise fûhlt; so namentlich mund, lippen, zunge, kehle: das blut stieg mir davon in wangen und augen, mein mund lechzte. Arnim 1, 345; seine lippen lechzten, seine glieder zitterten vor verlangen. Göthe 18, 111; ihre wangen glühten, es lechzt' ihr mund. 33, 258;
[] von allen zuerst wachte Berthold auf, ein heftiges weh schraubte seinen kopf zusammen, seine zunge lechzte. Arnim
kronenw. 1, 436; und wenn ihr auge schwimmt, wenn im halb offnen munde die blasse zunge lechzt, dann schlägt die schäferstunde. Wieland 17, 57 (
Idris 1, 85); des maulthiers zunge, so lechzend als ein ausgebrannter stein. 22, 165 (
Oberon 4, 35); seine stärke war gesunken; lechzend hieng die zung am gaum. Bürger 72
b; die zunge lechzt, die lippen glühen. Uhland
ged. 317; was ist das für ein durstig jahr! die kehle lechzt mir immerdar, die leber dorrt mir ein.
s. 66;
dann aber auch das herz, die brust, die seele: ach, möcht ich nur ein wasser han, dasz ich mein lechzets herz erquicket. J. Ayrer 231
c (1152, 9
Keller); wie auch mein lechzend herz nach labung schmachtet, nichts rühr ich an, bis ihr mir zugesagt ... Schiller
Tell 5, 2; meine schwachheit, mein verbleichen, und die brust, so stündlich lechzt, wird des kummers siegeszeichen, der aus unsrer trennung wächst. Günther 263: dann lechzete und schmachtete seine ganze seele; aber die saiten stillten das lechzen, wie die kalte bleikugel im mund den durst ablöscht. J. Paul
Hesp. 2, 97; des bundes kelch erquicke dich noch, wenn das herz dir durstet, die seele lechzt in der märtyrerstunde! Klopstock 6, 198. 2@cc)
der durst selbst wird als lechzend
hingestellt: lechzender durst. Klinger 6, 137; du hast gefühlt der sonne gluth, des durstes lechzen. Göthe 33, 260. 2@dd)
es heiszt lechzen nach etwas: nach einem trunke lechzen,
ex desiderio potus laborare Stieler 1100; Stolbio kam die nacht gar krank nach hause und lechzete nach nichts als nach einem trunke.
polit. stockf. 205; er .. lechzte nach quellen benöthigter fluth. Günther 926; sollst uns nicht nach weine lechzen! gleich das volle glas heran! Göthe 1, 154; alle (
die fische auf dem sand) sie liegen lechzend nach salziger flut.
Odyssee 22, 387;
auf heftige seelische regungen gewendet: nach blut lechzen,
sanguinem sitire. Stieler 1100; nach eines andern weibe lechzen,
infici cupiditatibus adulterinis, alterius in uxorem furiosa cupiditate incensum esse. ebenda; ihre nach vergnügen lechzende einbildungskraft. Wieland 1, 128; ich lechze nach rache. Klinger 2, 222; er, ein seltsames gefäsz, das immer leer und inhaltsbedürftig nach gegenständen lechzte. Göthe 29, 97; von jetzt an lechzte ich nach dem tage meiner freiheit, wie ich nach rache lechzte. Schiller 707; so muszten ja im kampfe mit wünschen und mit sorgen, im kranken lechzen nach der geliebten seele, alle deine freuden einschlafen. J. Paul
Hesp. 3, 100; er lechzete nach dem bruder.
flegelj. 2, 23; ich lechze nach blut. Kotzebue
dram. sp. 2, 258; fast lechzend nach liebe. Gutzkow
ritter v. geist 6, 358; vor diesem war man bei der eichel in fried und sicherheit vergnügt; jetzt lechzt man nach der fürsten speichel, und sucht gefahr, wo purpur liegt. Günther 203; es (
ein weib) scheut den rauch und lechzt nach faulen tagen. 978; ich dürste, kaum bin ich noch! lechze nach hülfe! Klopstock 5, 287; todte gruppen sind wir, wenn wir hassen, götter, wenn wir liebend uns umfassen, lechzen nach dem süszen fesselzwang. Schiller
die freundschaft v. 45; bind mir das schwert zur seite! der wolf der lechzt nach blut. Uhland
ged. 359;
die seelische regung selbst steht als subject: die gerechte wuth des königs lechzt nach seines günstlings blut. Wieland 10, 293;
sonst die seele, das herz: und unsere seele lechzt nach entschlüpftem labsale. Göthe 16, 39; und meine seele lächst nach balsam, der noch itzt auf ihren lippen wächst. Lohenstein
Sophonisbe s. 94,
v. 527;
[] und die seele lechzt mit sehnen, wie ein matt und durstig reh, nach der hülf aus Salems höh. Günther 14; meine seele lechzte nicht nach troste mehr. Klopstock 7, 108; mein herz, ach, lechzt nach dem gesang. Göthe 13, 84.
bildlich: vermittelst einerlei scharfen aufmerksamkeit, vermittelst einerlei feurigen einbildungskraft, wird der dichter, der diesen namen verdient, dort ein stilles thal, und hier die ruhige sanftmuth; dort eine nach regen lechzende saat, und hier die wartende hoffnung. Lessing 5, 70. 2@ee) lechzen
mit zu
und folgendem infinitiv: Segestens hasz, mit dem er nun so lang schon vergebens lechzt, mich zu tödten. Klopstock 10, 194; was wir lechzen zu erzielen, wo es herz und sinnen fehlt. Göthe 3, 131. 2@ff)
selbst lechzen
mit ob
und nachfolgendem abhängigen satze, mit höchstem verlangen suchen: dann aber späh, und lechz umher mit regen sinnen, ob keine bronnen in der näh, daraus du schöpfen mögest, rinnen! Freiligrath
dicht. 1, 150;
vgl. dazu auch anlechzen
theil 1
sp. 395. 2@gg) lechzen
transitiv, mit dem acc. durst,
durst heftig empfinden, hat Klopstock
gewagt: wie, wer durst lechzt, schnell sich erkühlt, sich erlabet an dem labsal! 2, 40;
und ähnlich blutgier lechzen: die blutiger lechzten, entrannen dir nie! 6, 244.
natürlicher klingt uns die transitive fügung in vertretung der fügung oben d: blut lechzen,
ähnlich wie blut dürsten
th. 2, 1751
und dem lat. sitire sanguinem nachgebildet, ist auch namentlich im part. blutlechzend
bezeugt, s. theil 2, 186.