krebs,
m. cancer. II.
Formen und verwandtschaft. I@aa)
hd. in doppelter bildung, stark und schwach, ahd. chrëpaʒo
und chrëpaʒ (
nach chrebeʒ Schm. 2, 378);
auch nhd. lebt noch die schwache form neben der starken, oberd.: funfzig fuder krebsen ich sah. Schnelzl
lobspr. 91; der krebsenrichter zu mir sprach.
das.; gen. sing. des krebsen. Hohberg 1, 308
b. 310
a u. s. w.; so noch bair., östr. Der starke pl. hiesz früher auch krebes
oberd. (
neben krebs,
s. z. b. II, 1): die krebes wie allwegen der gebrauch ist abzubereiten. Kirchhof
wendunm. 157
b. I@bb)
auszerdem nur nd., nl., und blosz starkformig: mnd. crevet,
dann creft, krieft,
s. Dief. 94
b,
nov. gl. 70
b,
nnd. kräft,
aber auch noch brem. krevet,
gött. krëwet;
nl. kreeft,
aber nrh. krefs Dief. 94
b.
Nordisch nur durch entlehnung, schwed. älter kräfveta,
jetzt kräfta
f. nach dem nd. (
durch nordd. fischer eingeführt?),
in Schonen aber merkwürdig genug hd., kräbs,
daneben halb nd. kräfs
u. a., s. Rietz 351
a.
ebenso dänisch kräbs
nach den früheren wbb., seit Molbech
aber des hd. gewandes entkleidet kräft (
wie früher schon in der bedeutung 3).
das altn. wort ist krabbi
m., s. krabbe. I@cc)
auch die franz. sprache entnahm eigner weise das deutsche wort, écrevisse,
altfr. escrevisse,
auch neuprov. escrevici, escrabissa,
also mit zugesetztem s-,
wie öfter rom.; ohne dieses henneg. graviche,
wallon. grevess (Diez 613, 2.
ausg. 2, 272).
dem frz. wieder entlehnt altengl. crevise
und dieses neuengl. umgedeutet crayfish, crawfish (crabfish)
fluszkrebs, dial. auch noch scraffish. I@dd)
auswärtig klingen an finn. crapu, crawun,
gael. cruban,
auch gr. κάραβος,
lat. carabus,
skr. çarabhas,
doch mangelt die lautverschiebung. der krebs
findet aber seinen heimischen anhalt, wie krabbe,
in der wurzel von krabbeln, kribbeln,
als der krabbelnde oder kriechende (
vgl. krebs
als käfer, wurm II, 2);
die endbildung erinnert an die von mhd. elbeʒ,
ahd. alpiʒ
schwan (3, 402),
vgl. gramm. 2, 220. 213. I@ee)
noch ist eine merkwürdige nebenform zu erwähnen. I@e@aα)
die altmd., genauer mrh. glossen zu Heinr. summ. geben criuz
cancer Germ. 9, 20;
ähnlich im 15.
jh. ein gleichfalls zum mrh. neigendes gl. krouz
cancer Dief. 94
b.
aber auch ein voc. v. 1421,
das bair. scheint, hat kreuss
cancer Dief.
n. gl. 70
b,
ein tirol. ebend. chrewsz,
wie die hs. B des Megenberg chrewzen
pl. 162, 33. 249, 1. 466, 27 (
daneben krebsen 248, 24);
es heiszt noch östr. kroisz, krjosz (!) Höfer 2, 167, kruis Fromm. 6, 335, krois Schröer
mundarten des ungr. bergl. 15,
letzteres vielleicht zum md. zu zählen. und selbst nd., in Ditmarschen kraut, kreut
masc. krabbe (Richey 416, Groth
Quickb.). I@e@bβ)
das alles stellt wesentlich éine alte form dar, die da noch in spuren über alle drei hauptmundarten verstreut auftaucht. diesz kreusz, krouz, criuʒ
oder wie die reine form war, ist verschieden von krëbeʒ
und ihm doch nicht fremd; es hat die gleiche endbildung (
s. d zuletzt)
und einen nahverwandten stamm. dieser liegt wol vor in dem nd. kraueln,
engl. crawl,
auch scrawl
gleich krabbeln (
engl. scrawl
ist eine krabbenart). IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11)
der krebs,
das bekannte fluszthier. II@1@aa)
er erscheint in mancherlei redensarten: einen krebs im beutel haben,
nicht gerne geld ausgeben, '
fickenfaul'
sein. Adelung;
die krebse kneipen,
und dieses bezeichnet auch geiz, aber hier wird ein wirklicher krebs im beutel
gedacht sein, der die hineinkommende hand kneipt. daher vom krebsen: ein diener soll in schweren spitzen geschäften die krebsz mit seines herrn handschuch ausz den löchern ziehen, sonst wird er die hände ohne schaden nicht davon bringen. Lehman
flor. 1, 139,
bildlich, wie die kastanien aus dem feuer holen.
Der krebs wird beim sieden rot, daher rot wie ein krebs (
vgl. krebsrot): man spricht, ein färlin jung gebroten und gsotten krebs sind frölich todten (
todte). Scheit
grob. R 3
a,
rot ist die farbe der fröhlichkeit. Vom krebsessen eine redensart: esz sie krebs darfür. Fischart
groszm. 558
Sch., rat an eine frau, deren mann abends trunken heim kommt. II@1@bb)
eigen werden krebs
und baumwolle
zusammengestellt. eine pfaffenköchin sagt zu ihrem herrn: lieber herr, ich hab üch auch lieb als min eigen eer und min eigen scham (quia usque adeo cumulatis honoribus et pudicitia est gravata als ein kreps mit boumwollen ...).
de fide concub. 91, 17
Zarncke; mancher ist mit ehren beladen wie ein krebsz mit baumwoll. Lehman
flor. 1, 175; (
so lange) bisz ein krebs baumwolle spint und man mit schne ein feür anzünt.
klopfan, weimar. jahrb. 2, 113; bis ein krebse baumwoll spinnt, bis ein licht den schnee anzündt.
liebesbrief 18. jh., wunderh. 4, 123. 137; wenn dar krabes baomwoll speint. Meinert
volksl. des Kuhländchens 28.
Wie hier als spinner, erscheint er als schneider, dies in folge seiner 'scheren': wie .. könnten sonst so viel verständige leute den krebs für einen schneider ansehen?
Don Quixote Lpz. 1767 2, 267 (
nicht im span. orig.). II@1@cc)
die meisten redensarten kommen vom krebsgange (
s. d.): die frag .. weil das wörtlein neutral undeutsch .. wie man es auf gut deutsch geben möchte. als habens etliche verdeutscht 'keinerlei',
d. i. weder fisch noch fleisch, sondern ein verdeckt essen krebs, die eben so bald hinter sich als vor sich gehen.
die alte wahrheit mit eim neuen titul, Opel
u. Cohn 30
jähr. krieg 390,
die krebse
sind recht eigentlich weder fisch noch fleisch (
vgl. das sprichwort vom krebsen
und fischen
unter krebsen 1); was ich begin, hat keinen sinn, thut mir alles widerstehn, es geht vergebens, recht wie der krebs.
Ambr. lb. 87, 5; der thor bessert sein leben wie der krebs seinen gang. Simrock
spr. 10276; wandeln .. nach dem krebs. Fischart
groszm. 623
Sch.; war immer bange, als er (
der höfliche Peter Fix) sich so wie 'n krebs rücklings abführen that, dasz er auf seine drei buchstaben fallen würde.
Siegfr. v. Lindenb. (1790) 1, 213.
Merkwürdig auch 'auf krebsen gehn': wer on verdienst will han den lon und uf eim schwachen ror will ston, des anschlag wurt uf krebsen gon. Brant
narr. 57
überschr., vgl. 130
a,
wie krebse statt der schuhe gebraucht oder ähnlich. II@1@dd)
daher bei den buchhändlern krebse,
die unverkauft zurückkommenden bücher: büchlein, glänzend im roten gewand wie gesottene krebse, kauft euch jeder wie ich, geht ihr wie krebse retur. Rückert
lieder u. sprüche 192.
schweiz. gilt es überhaupt von nichtswerten dingen oder menschen. II@1@ee)
von seinem vor- und rückwärtsgehn auch folg. bei Fischart: er (
der papst) ist ihr hinderst und förderst wie ein krebs, ist das A und O.
bien. 1588 43
a.
ein sprichw. sagt: der krebs will einen hasen erlaufen Eyering 2, 447,
von lächerlich unmöglichem; der volkswitz machte es freilich möglich, s. kinderm. 3, 256, Haupt 1, 398. II@1@ff)
eigen ist folg.: und wie haben dir seine (
Albas) soldaten gefallen? gelt! das ist eine andre art von krebsen als wir sie sonst gewohnt waren. Göthe 8, 240,
Egm. 4.
aufz.; so spürt ihr doch dasz das (
der neue arzt) eine andere art von krebsen ist als die quacksalber bisher. 11, 45,
Lila 1; eine frau und ein knecht sind nicht nur ganz verschiedene krebse ... Gotthelf 2, 118,
Uli d. kn. cap. 10.
nl. heiszt een looze kreeft
ein '
loser vogel',
durchtriebener kerl. II@1@gg)
bei Stieler 1033 kleine krebse
von kleinen kindern, wie krabben,
die auf dem boden krabbeln, vgl. krebschen,
butterkrebs. II@1@hh)
mit dem allen ist natürlich der bei uns heimische krebs gemeint, fluszkrebs, bachkrebs, teichkrebs (
vgl.krabbe seekrebs);
bei den naturforschern ist es aber gattungsname geworden für die krustenthiere, mit vielen arten und bestimmenden zusammensetzungen, die gewöhnliche art unterscheiden sie als scherenkrebse. II@22)
bemerkenswert ist aber, dasz auch andere '
krabbelnde'
insecten und würmer unterm volke den namen führen. so heiszt der maikäfer thür. auch kritzekrebs (
s. kitzkäfer),
die schädliche maulwurfsgrille, gryllus gryllotalpa auch ackerkrebs, erdkrebs Nemnich 3, 84,
in Mekelnburg de bös krevt,
s. K. Schiller
zum thier- u. kräuterb. 1, 6
a;
ein kornwurm heiszt auch kornkrebs (
s. d.).
wäre das alt, so wäre die gewöhnliche bed. nur der rest einer allgemeinen. ebenso war griech. κάραβος ein krebs und ein käfer (
vgl. σκαραβαῖος).
freilich kann die bed. 4
in jenem krebs
mitwirken, da es fressende, schädliche thiere sind; bei K. Schiller
a. a. o. tritt diese auffassung einmal deutlich auf. II@33)
das sternbild cancer,
καρκίνος: unde gât die sunne in den crebs. Haupt 6, 358 14.
jh.; und ist (
im august) der mon im kreps, so guot anschleg hinter sich gehen.
laszt. u. pract. des dr. Grillen A 3
b,
daher Fischart
groszm. 637
Sch.; wie lang der tag im krebs sich streckt. Brant 112, 13; denn Schnätzler (
der dichterling) hat mit dem Phoebus, der ins glühende zeichen des krebses tritt, geringen verkehr. J. Paul
biogr. bel. 1, 143. II@44)
die krankheit cancer,
καρκίνος (
d. i. krebs),
γάγγραινα (
vgl.kanker 2). II@4@aa)
eigentlich: cancer, krebs.
voc. opt. Wack. 36, 86, Megenberg 320, 33; der siechtag (
krankheit) des kreps bleibt nit, er friszt stets um sich. Keisersb.
narrenschiff 143
a; und ir wort frisset umb sich wie der krebs.
2 Tim. 2, 17 (
goth. steht gund
eiterbeule); der kreps ist ein schaden, der dem pferd die haut und fleisch weit hinweck friszt. Seuter 71; ist es denn ein frauenzimmer? 'ja, dasz sie der krebs fresse!' A. Gryph. 1, 846 (
seugamme 14); weil es schlechterdings zu nichts hilft, den krebs nur halb schneiden zu wollen. Lessing 10, 236.
die adern um das geschwür gewinnen ähnlichkeit mit krebsfüszen. Auch eine krankheit von bäumen heiszt der krebs, baumkrebs,
wie kanker: der krebs ist eine krankheit der bäume, davon die rinde an etlichen orten aufläuft und als eingekerbet zu sein scheinet. alsdann fänget ein ast nach dem andern an abzusterben. Hohberg 3, 1, 341
a. II@4@bb)
bildlich: de modekrevet heft al stive (
schon stark) üm sik gefreten. Lauremberg 2, 279; des aberglaubens krebs, der viele lehrer (
professoren) plagt. Hagedorn 2, 73; gram ist der krebs der schönheit. Herder
volksl. 1, 149
nach Shakspeares beauty's canker
tempest 1, 2 (
bei Schlegel wurm); der eifersüchtige krebs (
krebs der eifersucht) auf der brust ist nie ganz zu schneiden, wenn ich groszen heilkünstlern glauben soll. J. Paul
Hesp. 3, 126; von Kotzebue datiert der krebs der verflachung und der demoralisation in der schauspielkunst. Devrient
schauspielk. 3, 229. II@4@cc)
zusammengesetzt brustkrebs, magenkrebs, mutterkrebs, knochenkrebs
u. a., baumkrebs. II@55)
ein brustharnisch in plattenform (
im gegensatz zum früheren gestrickten eisenhemde, ringpanzer),
gewiss von der ähnlichkeit mit der krustendecke des krebses, die auch panzer
genannt wird (
vgl. a zuletzt Abr. a S. Cl.); krebs, platt, prustplech, halsperge,
thorax. voc. 1482 r 4
a. Dasypod. 282
c;
eigen in einem voc. des 16.
jh. prust
vel krexs Dief. 588
a.
nd. krevet Chytr. 219. II@5@aa)
eigentlich: item so gabe ich dem meister zu Aschaffenburg uf einen krebs mir zu machen 1 gulden ... item daruf han ich Muschkatblut geben vir gulden, wan der krebs gemacht wirdet, dasz er den sol lassen beschieszen (
s. 1, 1567), und ist daʒ er bestet ... Conr. v. Weinsberg
einnahmen- u. ausg. reg., bibl. des lit. ver. 18, 18, 15.
jh.; die hatten alle ganze krebisse an und glissen als ein spigel schone. Haupt 8, 321, Liliencron 2, 85
b,
zu dem ganz
vgl. 319 ganze hosen, Soltau 291 halbe hosen; ob ewr. mt. die iiij
c (400) kreps nit mög geschicken, so welle mir doch ewr gnad ij
c schicken und etwe vil spiesz.
urk. Maximilians 220; gewer, die allein sein zu beschirmen und nit zu schedigen, als da sein ein banzer, krebs (
unterschieden?), isinhut, schilt, ein 'ganze kürisz' armschinen. Keisersberg
wannenkrämer 99
b; da schosz er her und schosz mich vorn auf den krebs, dasz der pfeil zu spreiszeln ging. Götz v. Berl. 65 (37); denn wie .. man .. rück und krebs daraus (
aus blei) schlage, darein man die leute, so hofer oder buckel haben, schraufe. Mathes.
Sar. 106
b, rücke
für rückenharnisch, wie der brustharnisch auch kurz brust
heiszt vorhin; darzu mit einem harnisch, als rucken, krebs, bickelhauben und einer armschin .. gerustet.
Arnstädter stadtrecht § 100, Michelsen
thür. rechtsd. 64; die eisenhüte haben sie an den füszen, das schwert auf dem kopf, schild und krebs hangen auf dem rücken. Luther 1, 262
b,
verkehrte welt; und benantlich mit banzerermeln und armzeugen, rücken und krebsen, auch ringkrägen und sturmhauben gerüst sein. Fronsp. 1, 35
a; armzeug, rucken und krebs.
Garg. 200
b.
Im 17.
jh. auszer gebrauch gekommen, doch noch im Frisius
Zür. 1697, Denzler 1716, Aler 1723,
und Abr. a S. Clara
gibt noch eine genaue beschreibung: einige rechnen auch den so genannten krebs mit unter die arten der panzer, ob sie schon eine arbeit der plattner ist und aus viel tausend kleinen eines fingers breiten und etwan zwei zoll langen stücklein bestehet, welche auf beiden seiten mit löchlein versehen und also zusammen geheftet sind, dasz sie nach art der fischschuppen sehr trangs (
gedränge) über einander liegen und dergestalt in und aus einander geschoben werden können, dasz der, so mit angethan, nichts desto gehinderter freie bewegung haben und anbei dadurch schusz- und stichfrei sein kan.
etwas für alle (1711) 2, 382.
auch dän. kräft,
franz. crévisse. II@5@bb)
es erhielt sich aber in geistlichem gebrauche nach bibelstellen: er wird gerechtigkeit anziehen zum krebs und wird das ernste gericht aufsetzen zum helm.
weish. Sal. 5, 19; umbgürtet ewre lenden mit warheit und angezogen mit dem krebs der gerechtigkeit und an beinen gestifelt.
Eph. 6, 14; angethan mit dem krebs des glaubens und der liebe und mit dem helm der hoffnung.
1 Thess. 5, 8,
im orig. θώραξ,
goth. brunjô,
auch in der schweiz. übers. kräbs
hier und Sir. 43, 22,
wo bei Luther harnisch; umbgurt eur lent mit der warheit, ziecht an den krebs der grechtigkeit. Schmelzl
aussend. 8
b; der lenden gurt sei klarer warheit schein, die nie erliegt, der krebs gerechtigkeit. Opitz 3, 144. II@66)
ein belagerungswerkzeug: in denen belagerungen wurden die böcke, katze und der krebs die mauern zu zerbrechen gebrauchet. Hahns
hist. 1742 5, 221.
vgl. Pfeiff.
Germ. 4, 156.