wermut,
m. (
auch f. und vereinzelt n., s. u.), '
artemisia absinthium'.
formen und verbreitung. ae. wermōd,
ne. wormwood (
varianten zu beiden formen im n. e. d. 10, 2, 2, 320
und 10, 2, 3, 312);
as. wer(i)môda,
mnd. wermôde, -mede;
mnl. wermoede (
mnd. und mnl. varianten s. Schiller-Lübben 5, 769
und Verwijs-Verdam 9, 2285);
ahd. uuerimuote (8.
jh.)
ahd. gl. 1, 544, 16
St.-S.; uueramote (8./9.
jh.)
kl. ahd. sprachdenkm. 39
Steinmeyer; uuermota (10.
jh.)
ahd. gl. 3, 573, 18
St.-S.; wermuota (12.
jh.)
ebda 1, 800, 4; vuormota (9./10.
jh.)
ebda 3, 573, 19; warmǒta (12.
jh.)
ebda 3, 311, 19 (
zusammenstellung der ahd. formen bei Gröger
d. ahd. u. as. kompositionsfuge [
diss. Zürich 1910] 472
f. und in zs. f. dt. wortforsch. 2 [1902] 230
f.);
mhd. wermuot, wermuote, wermüete (
der umlaut erklärt sich wohl aus einer alten jô-
bildung neben dem ô[n]-
stamm, vielleicht auch aus einer anlehnung an formen wie diemüete);
nhd. wermut.
aus dem dt. entlehnt ist schwed. wermut
und dän. vermut (
s. Hellquist
31332
und ordbog over det danske sprog 26, 1238),
ferner frz. vermout (
s. Bloch-Wartburg
dict. étym. [
21950] 637)
sowie —
aus mnd. wermede —
lett. vẽrmedes, vẽmeles (
s. Wissmann
bei Marzell
wb. d. dt. pflanzenn. 1, 421). — wermut
findet sich —
das gebiet der westrheinischen mundarten ausgenommen, die ebenso wie das nniederl. alsem
für wermut
haben (
s. Frings
Germania romana 142
f.) —
mundartlich in zahlreichen varianten und umbildungen über den gesamten deutschen sprachraum verbreitet (
s. Marzell
wb. d. dt. pflanzenn. 1, 422
f.),
stellenweise zur komposition umgestaltet: wurmkrut Koch
flora d. reg.-bez. Osnabrück 534;
oder bis zur einsilbigkeit verschliffen: würmt Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 583; wermt Tschernich
dt. volksn. d. pflanzen a. d. nördl. Böhmen 11;
auch mit metathesis des r: wrömt, wremt, wrömp Mensing
schlesw.-holst. 5, 721.
herkunft und gebrauch. die herkunft dieses westgerm. wortes ist dunkel, s. Wissmann
bei Marzell
wb. d. dt. pflanzenn. 1, 421.
während die sprachliche einordnung des ersten bestandteils noch nicht befriedigend gelungen ist —
die zuweilen erwogene und von manchen formen, besonders der mundarten, nahegelegte zuordnung zu warm
oder wurm
hat sich nicht erweisen lassen —
sieht man im zweiten gemeinhin das auch in armut
vorliegende westgerm. suffix -ōdi.
die tatsache, dasz das o
der zweiten silbe nicht selten noch in glossen des 12./13.
jhs. undiphthongiert erscheint, ist jedoch kein sicherer beweis dafür, dasz es sich um ein suffix und nicht um ein kompositionsglied handelt; denn im nebenton konnte o
erhalten bleiben (
s. Schatz ahd. gramm. § 25).
hingegen wird die annahme, dasz dasselbe suffix wie in armut (
ahd. arm-uotī,
f.)
vorliegt, durch das ursprüngliche genus fem. gestützt, das noch im mhd. gebräuchlich ist, woneben formen anderen geschlechts vereinzelt und unsicher bezeugt sind (
s. Wissmann
bei Marzell
a. a. o. und Diefenbach
gloss. 5, 8).
erst seit dem 16.
jh. wird das genus fem. langsam durch das masc. zurückgedrängt, wohl infolge einer anlehnung an mut,
das ursprünglich als neutrum, aber schon im mhd. als masc. erscheint, vgl. teil 6, 2782
und mhd. wb. 2, 1, 242.
während im 16.
u. 17.
jh. beide genera nebeneinander gebraucht werden (
selbst vom gleichen autor, vgl.: die bittere wermut Luther 34, 1, 64, 13
W.; uber den wermuth
ders. 9, 589),
setzt sich im 18.
jh. entschieden das masc. durch, das fem. auf ausnahmefälle zurückdrängend: in der wermuth Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 87; der wermuth viel Lichtwer
fabeln (1748) 79; heilende wermuth Klopstock
oden 2, 100
M.-P.; mit solcher wermuth Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 4, 32; ich will von kelchen nur den einen pflücken / der wermuth, um aus seinem bittern borne ... zu trinken Rückert
ges. poet. w. (1868) 1, 354. 11)
artemisia absinthium: von der wermuot. absinthium haizet wermuot. daz ist gar ain pitter kraut Konrad v. Megenberg
buch der natur 380
Pfeiffer; item vor den scholern gingen dy juncfrowen ... alle mit uff gelosten horn, vnnd hatten alle krentcze von wermute adder bibosz Stolle
thür. chron. 158
lit. ver.; von weronmuot ... die wolriechende eschenfarbe bletter des wermuots sint zerspalten als der wein rautten bletter, eyn wenig grOesser vnd am geschmack bitterer Bock
kreutterb. (1539) 95
b; der gemein wermuth ist jedermenniglich bekat, hat ein widerwillischen, starcken, abschewlichē geruch vnd sehr ein vnlieblichen bitteren geschmack Tabernämontanus
n. kräuterb. (1588) 1
b; von hieran bisz zur carwansera Aggis sind 5 meilen, wAechst sehr viel wermuth Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 238
a; wermuth, römischer
absynthium ponticum oder
italicum ist kleiner als der gemeine, aber edler, ... auch eines bittern zusammen ziehenden und scharffen geschmacks, wird auswerts der garten-bethen gesetzt Hübner
cur- u. reales lex. (1712) 1361; man behauptet, sie (
die ge. meinen glanzschleichen) lebten von aromatischen pflanzen und liebten besonders den wermuth Oken
naturgesch. 6 (1836) 595;
vgl. auch ebda 3, 2 (1841) 762: die wermuthe ... 1. der küchen-w. ... 2. der beyfusz ...; es duftete schwer nach wacholder, wermut, schafgarben E. v. Keyserling
Beate u. Mareile (1903) 24.
die starkriechende, bitterschmeckende pflanze (
s. d. belege oben)
spielt als gewürz, in der heilkunde und als zaubermittel eine grosze rolle, s. hdwb. d. dt. aberglaubens 9 (1938/41) 497
ff. infolgedessen findet sich wermut
häufig in medizinischer literatur, in viehzucht- und rezeptbüchern, besonders des mhd. und des älteren nhd.: ez ist auch ain wunder, daz diu wermuot zwuo aigenchait an ir hât, die sint widerwärtig an ainander. si hât die art, daz si entsleuzt und waicht den menschen, der des bedarf, und hât auch die art, daz si zesamen zeuht und streng macht, aber den, der des bedarf Konrad v. Megenberg
buch der natur 381
Pfeiffer; man mag auch sieden wermüt, das kraut oder die wurtzel ... vnd darzuo tuon ain lauge ... vnd damit mag man den habich wäschen an den stetten, da die schaben sint Mynsinger
v. d. falken 51
lit. ver.; vgl. auch ebda 44; auch ist guot dz mā das kind bade in wasser darin pfirsich laub v wermuot in gesotten seind (1513) Eucharius Rösslin
der frauen rosegarten 97
Klein; so dir noch der lAessze die ader vfflaufft vnd geschwüllt, nim ruten, wermuot vnd gerst. zerstossz die stuck. mach dorusz ... ein pflaster vnd leg es vff die vffgeloffen ader Gersdorff
wundarzney (1517) 16
a; absynthium, wermut, eltz, daruon braucht man das kraut vnnd samen, bereyt dauon sirop, wein vnnd getrAenck, Oel, würmsalben, pillulen vnnd puluer, trücknet auch dauon auff den auszgepreszten safft, vnd wirt ein wasser daruon gedistilliert Ryff
confectb. (1548) a 2
b; wann man die rosz ... in einen stall zeucht, soll man jhnen frisch grasz abschneiden ... vnnd zuessen geben, vnnd man soll jhnen auch geben wermuet, sonnengürtel, wegwart ... vnder dem gras, je mehr sie diser krAeuter essen je besser es ist Seutter
roszartzney (1588) 12; fr schmertzen des haupts ... seud wermut in wasser vnd zwag das haupt damit wol warm vnd verbinds hernach mit warmen tchern Gäbelkover
artzneyb. (1595) 1
b; den magen belangend, denselbigen widerumb zu recht zu bringen, damit er die speisz annehme vnnd bey sich behalte, so merck vnd brauche darzu disz folgende recept. du solt nehmen krausemntzen, wermut, jedes ein hand voll: imber, calmus, muscaten, klein zerschnitten, jedes ein halbes quintlin Würtz
wundartzney (1624) 120; man soll auch biszweilen den pferden drre wermuth mit saltz zu essen geben J. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 13;
vgl. weiterhin: Noel Chomel, öcon. lex. (1750) 8, 2324;
M. R. Buck
med. volksglauben a. Schwaben (1865) 41; Villard
hdwb. d. ges. medizin (1888) 1, 10
a; Dorstewitz-Ottersbach
drogenkde. (1921) 36; Th. Meyer
arzneipflanzenkultur (1922) 93
f.; doch bleibt es als bezeichnung einer arzneipflanze nicht auf dieses schrifttum beschränkt: ich wil den nechsten gehn marck lauffen und gut krefftige würtzel kauffen: als wermut, fenchel, bethonien H. Sachs 14, 268
lit. ver.; eim knaben grawt für der ertzney, das nicht ein wermut drunter sey A. Lobwasser
Calumnia E 5; wermuth ist nicht allzeit gesund Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Hhh 4
a; lasz uns genieszen, du (
ein pferd) in dem schatten, zu dem ich dich lenke, frisches, kühlendes gras, von der weiszlichen blume durchwebt und der goldnen, auch hebt dort dein erkohrnes gewürz, heilende wermuth ihr haupt Klopstock
oden 2, 100
M.-P.; seine incomparable visceral tropfen waren ein extrakt von wermuth und hopfen Kortum
Jobsiade (1799) 2, 33; aber es schwächten die vielen wäss'rigten speisen so den magen, dasz jetzt pfeffer und wermuth nur hilft Göthe I 5, 258
W.; hier hab ich himmelskehr, der jungfrau'n wermuth, der stärkend in dem bade muth erwecket, liebstöckel, herzenstrost und immenblatt Brentano
ges. schr. (1852) 6, 243;
gelegentlich als name eines zaubermittels: wenn man wermuth bey sich trAegt, kan man nicht beschryen werden J. G. Schmidt
gestr. rocken-philos. (1706) 2, 126; nimm mirhen, weyrauch, wermut ... zerstosz alles und beräuchere die kammer oder den keller, darinnen man die milch haben will, alle acht tage einmal, desgleichen im stalle ... so kann sich kein böser wurm darinnen erhalten. man kann auch dem vieh und der milch keine büberei tun (18.
jh.)
altbernisches arzneib., in: schweiz. arch. f. volkskde. 6, 57. 22)
vergleiche, bildliche anwendungen etc., die an 1
anschlieszen. 2@aa)
vergleiche, anknüpfend an die hervorstechende eigenschaft der pflanze, die bitterkeit: bitter als die wermuot (
amara quasi absinthium prov. 5, 4)
erste dt. bibel 8, 14
lit. ver.; bitter wie wermut
spr. Sal. 5, 4; also widersins got hasset ein trurigen geber, trurigkeit ist yn der speisz gotz als wermuot bitter Joh. Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 190
a; Salomon (
schreibt) von einer nerrischen frauwen. ir end ist bitter als wermuot
ebda 183
b; denn die lebsen der huren sind ein honigseim süsz, senfft und lind, ihr kehl glat wie das baumöl gut, zu-letzt doch bitter wie wermut H. Sachs 19, 243
lit. ver. (
vgl. auch: ihre lippen sind ... bitter wie wermuth Dannhawer
catech. [1657] 2, 156); ich hätte mein wort gehalten und das arme mädchen geheirathet, obschon sie so voll zorn und bitterkeit steckt wie der wermuth A. v. Arnim
s. w. 7 (1857) 277. 2@bb)
im bilde: es ist alles vnkrauts vol! der wol gemuot in eren pluot, das ist nun alles wermuot
liederb. d. Hätzlerin 244
Haltaus, wir elende Adams-kinder seynd gar offt wie die weintrauben unter der presz, wie ein rosen unter den dOernern ... wie ein garten, in deme lauter wermuth wachset, wie ein meer-ufer, so von stAeten wellen angestossen wird ... Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 150; die erste herrschung der Erato hatte ... einen heuteren himmel; ihre erste zeit war ein rechter frühling voller blumen ohne stacheln und bitterkeit. aber es zohen bald trbe wolcken auf, und die wAermuth fand sich unter die sssen gewAechse Lohenstein
Arminius (1689) 1, 300; vergib, dasz ich die wahrheit sagte; aber wermut kann auch arznei sein Mörike
w. 22, 57
Maync; auch als element eines dichterischen stimmungsbildes: welch gemisch von grünen leichenhügeln! gelbe blümchen breiten teppiche darüber, wilder wermut überragt die hügel (1771) Hölty
ged. (1870) 34
Halm; vier trübe monden sind entflohn, seit ich getrauert habe; der falbe wermut grünet schon auf meiner freundin grabe (1775)
ebda 115. 2@cc)
als beiname eines mitglieds der fruchtbringenden gesellschaft: Hans-Ernst von BOerstel. der bittere. wermut. treibet die gift G. Neumark
palmbaum (1668) 234. 33) '
etwas bitteres'. 3@aa)
als entsprechung von lat. absinthium,
gr. ἀψίνθιον findet sich in der ersten dt. bibel (
offenb. Joh. 8, 11) wermut
als name des sternes, der flammend vom himmel fällt und flüsse und brunnen auf der erde bitter macht: vnd ein michler stern brinnent als ein fackel viel vom himel. vnd viel auf das dritteyl der flosz vnd auff die brunnen der wasser, vnd der nam des sterns ist geheissen wermuot. vnd das dritteyl der wasser wart gemacht wermuot, vnd manig leút sturben von den wassern, wann sy waren gemacht bitter (
et cecidit de caelo stella magna ardens tanquam facula et cecidit in tertiam partem fluminum et in fontes aquarum. et nomen stellae dicitur absinthium; et facta est tertia pars aquarum in absinthium, et multi hominum mortui sunt de aquis, quia amarae factae sunt apoc. Joa. 8, 11)
erste dt. bibel 2, 490
lit. ver.; vnd es fiel ein grosser stern vom himel, der brandte wie eine fackel, vnd fiel auff das dritte teil der wasserstrOeme, vnd vber die wasserbrnne, vnd der name des sterns heisst wermut. vnd das dritte teil ward wermut, vnd viel menschen storben von den wassern, das sie waren so bitter worden (
καὶ τὸ ὄνομα τοῦ ἀστέρος λέγεται ὁ Ἄψινθος.
καὶ ἐγένετο τὸ τρίτον τῶν ὑδάτων εἰς ἄψινθον)
off. Joh. 8, 11.
in späterer literarischer überlieferung wird die bibelstelle gelegentlich zitiert: als die dritt weposaun erschallt, da fül ain groser stern alsbald vom himel, welcher wermut his, der verbittert pronnen und flüsz Fischart
s. dicht. 2, 323
Kurz; die vorstellung, den kopf unter die schale ziehen zu können (
wie die schildkröte) und nichts zu fühlen, zu sehen und zu denken — diese vorstellung war (
für Leonhard Hagebucher) zu beseligend, um nicht bitterer zu sein als jener stern wermut, der alle brunnen und wasserflüsse der erde untrinkbar machte W. Raabe
s. w. II 1, 86
Klemm. 3@bb)
auch die verbindung von wermut
und galle
zur bezeichnung von etwas bitterem ist biblisch: secht ich speise ditz volck mit wermuoten vnd ich gib in das wasser der gallen zuo eim tranck (
ecce ego cibabo populum istum absinthio et potum dabo eis aquam fellis Jer. 9, 15)
erste dt. bibel 9, 38
lit. ver.; sihe, ich wil dis volck mit wermut speisen vnd mit gallen trencken
Jer. 9, 15; gedenck der armkeit vnd meins vbergangs, der wermuoten vnd der gallen (
recordare paupertatis et transgressionis meae, absinthii et fellis lam. Jer. 3, 19)
erste dt. bibel 9, 215
lit. ver.; gedenck doch, wie ich so elend vnd verlassen, mit wermut vnd gallen getrenckt bin
klagel. Jer. 3, 19;
hierzu: aber das ist viel schwerer, so er (
der teufel) selbs jnnwendig (
in den menschen) treibt, da er die hertzen angreifft, martert und plagt mit seinen verlipten, feurigen pfeilen, das ist: mit schrecken und angst der sunde und gottes zorns, da er dem menschen ... ein trüncklin schenckt, nicht von bitter wermut und galle, sondern das da heisst hellen angst (1535) Luther 41, 138
W.; dein abgemelter oberherr hat dich ins finster gesetzt und mit wermut und gallen getrenckt Zacharias Müntzer
bepstl. gesch. (1566) 521; was flOeszt, betrbter, wohl mehr gall und wermuth ein (
als der tod)? Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 165
Neukirch; wohl in anlehnung an die obengenannten bibelstellen entstand Luther
s übersetzung von '
radix germinans fel et amaritudinem': eine wurtzel ..., die da galle vnd wermut trage
5. Mos. 29, 18 (
erste dt. bibel: ein wurtz der gall vnd der bitterkeit 4, 227
lit. ver.);
s. auch Zürcher bibel (1531): ein wurtzel ... die gall v wermuot trage;
anschlieszend an die biblische wendung: wie wol sich dise gallen und wermut tragende wurtzel (
der papisten) segnet dafur und spricht: es wird so bOese nicht (1524) Paulus Speratus
bei Luther 15, 128
W.; damit er den leuten eine wurzel, die galle und wermuth trage, mOege beibringen (1621) Jac. Böhme
s. w. 7, 31
Schiebler; wie solten wir als bittre wurtzel seyn, die gallen saft und falben wermut trAeget Harsdörffer
poet. trichter 3 (1653) 529;
auch sonst findet sich wermut
und galle
häufig zusammen genannt, um einen besonderen grad der bitterkeit auszudrücken, oft im gegensatz zu etwas süszem (
honig, zucker u. dgl.): aber dennoch helt es, das die trawrigkeit (
Christus nicht mehr leiblich zu haben) nicht so gar mus durchbittert werden, wie dagegen auff jener seiten (
von papst und Türken) die freude nicht gar durchsüsset und durchzuckert ist. sondern wie dieselbe alzeit mit wermut und galle verderbet ist Luther 49, 267
W.; ich weisz wol das dir der tod deines mans nit sszholtz ist gewesen, sonder wermuot vnnd gallenn Seb. Franck
Germaniae chron. (1538) 229
a; er nach gereichtem honig vnd zucker gall v wermut aufzustellen pfleget
theatrum amoris (1626) 410; narrheit macht einem sein stand vnd wesen gut vnd ssz, wens gleich wermuth vnd gall ist Lehman
floril. polit. (1662) 2, 550; wenn ... der mund mit wermut und gallen verbittert wird Butschky
Pathmos (1677) 202; einem all sein honig zu einem bittern wermut und gall werden
venir cangiato ad uno ogni suo miele in assentio e fiele Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1335
b; der zucker unsers lebens ist nur ein schaum, der gall und wermuth deckt B. Neukirch
ged. (1744) 40;
vgl. auch: die kräuterlust ist uns mit wermuth angegAellet Morhof
teutsche ged. (1682) 187;
und: liebeszwang schafft gallen-herbe lust, flOess't wermuth auf den mund Lohenstein
Ibrahim Sultan (
Breslau o. j.) 34;
ebenfalls mit einem negativ bewerteten partner zusammengenannt wird wermut
in folgenden belegen des 16.
u. 17.
jhs.: dann schmehen thut dem menschen sonderlich wee und ist im weermut unnd ein stachlichter dorn in seinem hertzen C. Huberinus
spiegel der hauszucht (1553) 127
b; wie nun solcher liebes-zwang nur iederzeit wermuth im munde und eckel im hertzen mit sich fhren wird ... Ziegler
asiat. Banise (1689) 206; viele sind ihrer, die auff der welt nichts als mangel und wermuth geprfet haben
pers. baumgarten 35
bei Olearius
reisebeschr. (1696). 3@cc)
die gegenüberstellung von wermut
mit honig, zucker
u. dgl. (
vgl. auch unter b)
ist durch alle perioden der dt. literatur hindurch ein beliebtes mittel, um einen gegensatz zwischen etwas bitterem und etwas süszem, etwas unangenehmem und etwas angenehmem zu veranschaulichen: zwai vaz ligent an dem weg Jovis, daz ist an der strâz gotes, ainz vol wermuot (daz ist ain pitter kraut) und ainz vol süezes honiges Konrad v. Megenberg
buch der natur 155
Pfeiffer; das selbige wort wird dir die bittere wermut wol zu honig machen Luther 34, 1, 64
W.; wann mans (
die anfechtungen) uns also würtzet und suesz macht, szo geth es ein und schmeckt woll, wan man uber den wermuth also zcucker uberherh schmiret, das er sagt: ich mein es hertzlich gueth
ebda 9, 589; dem ist eben, als leckte er hie honig vnd mste dort ewiglich wermut essen Joh. Agricola
sprichw. (1534) T 1
b;
vgl. auch: wer hie honig lecket, der musz dort ewig wermut essen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) G 4
b; die andere schutzwehr ist die edle justitia vnnd gerechtigkeit, wann man recht schaffet den witwen vnd weisen vnnd keine verkehrte vrtheil fället, noch das süsse recht in bittere wermuth verwandelt Michael Walther
erläuterung d. propheten Daniel (1645) 1, 616; ... was kan uns sonst aus wermut zucker machen Logau
sinnged. 183
lit. ver.; schikkt etwa gott ein kreutz, so euch das ssze lieben mit wermuht untermischt, ... ... wohlan! so nehmt es an G. Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 2, 269; schweig, mein herz, ... ... lerne dein verhängnüsz tragen, koch aus wermuth honigseim! Joh. Chr. Günther
s. w. 1, 22
lit. ver.; auf zucker wächst des wermuths schärfe wie jezt mein creuz auf eurer lust
ebda 179; so glaube, dasz der trost von deinem angedencken den schärfsten wermuth mir mit zucker überstreut
ebda 61; Noah hatte sie mit der kränkenden zeitung verschonet, die bey ihm selber in wermuth die süsse wollust verkehrte Bodmer
Noah (1752) 136; zwei geschmäcke theilt' er aus, honig und wermuth Göthe I 7, 13
W.; vielleicht ist diese rheumatische episode ... nichts, als der wermuth, ohne den das schicksal nur selten seinen honigkuchen reicht (23. 3. 1843) Hebbel
br. 2, 240
Werner (
ebda 249: der rheumatismus war wirklich, wie ich dir schrieb, der wermuth, nun haben wir auch den honig [4. 4. 1843]); und war er (
der vater) nimmer ein honigseim, so war er ein wermuth jetzt A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 1, 325; es werden lauter einzelne sprüche daraus (
aus den aufzeichnungen Pestalozzis), deren weisheit in den roten linien (
des papiers) wie der honig in bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr geschmack ist bitterer wermut
qu. a. d. j. 1918;
vgl. auch die wendung wermut versüszen '
etwas bitteres angenehmer machen': dan ob schon wenig (weil gering der mensch selbs) niemand solt verdriessen: so schätz ich doch, dasz dise ding des lebens wermut vil versüssen: fruchtreiche arbeit, müh und fleisz, ein wol verdienend-frommer wandel, ... errungner reichtumb ohn rechts handel Weckherlin
ged. 2, 439
Fischer; wer seine stunden fredig grszt, hat ihren wermut halb versszt Drollinger
ged. (1743) 175; eine geliebte voll inbrunnst lieben. diesz ist die eine schöne bekümmernisz, die unsers lebens wermuth versüszen kann Götz
verm. ged. (1785) 2, 220.
es begegnet ferner die gegenüberstellung von wermut
mit positiv bewerteten abstrakten, die einen gegensatz ausdrücken soll: dieses wAere die liebe gottes, welche die seele so vergngte, dasz ihr alle andere wollust zu wermuth ... wrde Lohenstein
Arminius (1689) 1, 139
b; wo ihr der wermuth viel und wenig lust genossen Lichtwer
fabeln (1748) 79; worte des trostes gabst du uns, nicht wermuth Herder 18, 279
S.; von Babylons ältesten geht alle nichtswürdigkeit aus, welche ... die frucht der gerechtigkeit in wermuth verwandeln (
die päpste) Raumer
Hohenstaufen 4 (1824) 27. 3@dd)
die schon bei einigen vorangegangenen belegen zu beobachtende vorstellung eines flüssigen extraktes (
vgl.wermutsaft)
wird besonders deutlich in wendungen wie mit wermut tränken;
in der ersten dt. bibel und bei Luther (
vgl. auch unter b mit galle und wermut tränken): er hat mich derfúllt mit bitterkeiten, er hat mich getrenckt mit wermuoten (
replevit me amaritudinibus, inebriavit me absinthio lam. Jer. 3, 15)
erste dt. bibel 9, 214
lit. ver.; er hat mich mit bitterkeit gesettigt vnd mit wermut getrenckt
klagel. Jer. 3, 15;
später vereinzelt in dichterischem gebrauch: war ich es nicht, der aus der liebe kelche dir honigseim drey sommer eingeschenkt? und giebt es viel verliebter mädchen, welche die reue nicht mit wermuth daraus tränkt? Goekingk
ged. (1780) 1, 108; als mich hungerte, da fütterte man mich mit schlangen, als mich dürstete, da tränkte man mich mit wermut Heine
s. w. 3, 428
E.; wermut einschenken
u. ä.; besonders bei Lohenstein,
später nur vereinzelt: er dulde aber nunmehr unertrAegliche schmertzen, weil ... ihre thrAenen ihm eitel bittere wermuth einschenckten Lohenstein
Arminius (1689) 1, 164
b; wir schenkten dem Anton nicht süszre wermuth ein
ders., Cleopatra (1680) 5, 174; die gOetter schencken uns keinmal nicht wermuth ein
ders., Sophonisbe (1680) 9; ihr dauert mich, ihr armen schächer, stets schenket ihr euch wermuth ein Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 1, 129;
vgl. auch: aber das glck verAenderte ihm bald sein freundliches angesicht, so es ihm zuvor gezeiget, und schAenckte ihm die bitterkeit eines vermuths ein Prätorius
glückstopf (1669) 1;
ähnlich: wenn auch die welt mit wermuth den lebensbecher füllt (1820/40) Böhme
volksth. lieder (1895) 188;
ebenfalls vereinzelt in wermut tauchen: man wird das brot, das ihnen (
anrede) gereicht wird, in wermuth tauchen Mich. Beer
s. w. (1835) 680; (ein tropfen) wermut im becher der lust, der freuden
u. ä.: was mich betrifft, so kann ein tropfen wermuth einmal in einen becher meiner lust nicht schaden (26. 9. 1780) Heinse
bei Gleim
briefw. 2, 14
Körte; damit unter dieses tiefempfundene lob ihrer männlichkeit und ihres verstands sich doch auch von tadel ein weniges mische, ein tröpfchen wermuth in einen becher voll wein: so sage ich ihnen ... K. Fr. Cramer
Neseggab (1791)
st. 3, 128; wermut sind die letzten tropfen in der liebe goldpokale Heine
s. w. 1, 238
E.; die antwort auf diese frage ... ist der wermuth in dem becher seiner freuden, der wurm, der an der wurzel seiner grösze nagt Droysen
Alexander d. gr. (1833) 236; diese nach barschaft war der wermuth in den becher ihres glückes, es bestand eine neben buhlerschaft, welche manchen tag vergiftete Gotthelf
ges. schr. (1855) 1, 121; nur ein einziger tropfen wermut ist im becher meines glückes: Siena! Weigand
renaissance (1903) 3, 123;
ähnlich: ihre (
anrede) briefe wirken auf mich wie kunstwerke, die eine geliebte person darstellen. nur der eine tropfen wermut ist fast immer darin, den ihre kränklichkeit und melancholie hineinmischt (6. 3. 1836) Pückler
briefw. (1873) 3, 323; und doch in seiner (!) freude fällt ein groszer tropfen wermut E. v. Handel-Mazzetti
d. arme Margaret (1911) 282;
und: der becher der freuden wird mir durch die leiden mit wermuth vergällt Joh. Chr. Günther
s. w. 1, 10
lit. ver.; sah ich im heiligthum, von wolkendunkel dichtumflossen einen goldnen becher, gefüllt mit starkem wein, durchbittert mit wermuth Schubart
s. ged. (1825) 2, 213. 3@ee)
seit dem 17.
jh. findet sich wermut
auch auszerhalb der genannten verbindungen für etwas bitteres: welchen vortheil die eyverschtigen weiber nicht zu hoffen haben, die ... von ihrer zunge nur wermuth ausschtten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 101
b; wunderlich! rief Laertes. es scheint, als wenn so etwas (
die küsse Philines) niemals nach wermuth schmecken könne Göthe I 21, 159
W.; (
königin im schauspiel:) o halt ein! halt ein! verrath nur könnte solche liebe seyn; beym zweyten gatten würd' ich selbst mir fluchen, die einen todtschlug, mag den zweyten suchen. (
Hamlet:) das ist wermuth (
wormwood, wormwood)
Shakespeare 3 (1798) 250; der eine kostete den wermuth meines zornes gänzlich aus Immermann
w. 16, 138
Hempel; ich will von kelchen nur den einen pflücken, der wermuth, um aus seinem bittern borne statt rausch der lust zu trinken weise reue Rückert
ges. poet. w. (1868) 1, 354. 44)
dass. wie wermutwein;
wohl aus dem kompositum gekürzt: (
Tretterl:) beliebt euer gnaden bey uns einzusprechen — auf wie viel personen soll geheitzt werden — wir haben alle gattungen weine — rothe Menescher, einen Brunner — einen wermuth — auch Egersauerwasser Meisl
theatr. quodlibet (1820) 6, 177;
vermutlich wurde die kürzung durch einflusz von frz. vermouth '
wermutwein'
geläufig, das allerdings seinerseits im 18.
jh. aus dem dt. entlehnt ist (
s. D. Behrens
üb. dt. sprachgut im frz. [1923] 58
und Bloch-Wartburg
dict. étym. [1950] 637
a)
u. vielleicht schon die bedeutung '
vin d'absinthe'
für wermut
voraussetzt: vermout,
m. (
de l'allem. wermuth
vin mêlé d'absinthe)
wermuthwein Mozin
wb. d. frz. spr. 2 (1856) 1239
a; bei dem kühlen wein, dem würzigen wermut
Westermanns monatshefte 324, 749
b bei Sanders
erg.-wb. (1885) 631
c; wermut
auch für den aus dem kraute bereiteten geistigen trank; im gewöhnlichen leben einen wermut trinken (
ein glas wermutwein) Heyne
dt. wb. 3 (1895) 1372; wermut, wermutwein, vermouth di Torino
ein ursprünglich um Turin (
Italien)
beheimateter, jetzt nachgeahmter würzwein. man versetzt wein mit weinigem oder alkoholischem auszug von wermutkraut (
auch tausendgüldenkraut, chinarinde, enzian, kalmus)
sowie mit zucker und sprit d. gr. Brockhaus 20 (1935) 240
b f.; Klaus sackte (
in einem lokal) auf einen stuhl. 'ein glas wermut vielleicht?' fragte der wirt ... teilnehmend Kluge
Kortüm (1938) 50; der gastwirt in Kirchheimbolanden schuldet mir eine kiste Champagner, zwei dutzend flaschen Malaga, wermut und einige ingwerschnäpse E. Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 158;
bei Gutzkow
ritter 3 (1850) 300
findet sich eine bildliche anwendung, in der wermut
wohl schon den wermutwein bedeutet: ja, Wildungen, sie sind auch so ein Nicodemus, der nur manchmal bei nacht in den hof der wahrheit kommt! sie wissen das bessere und handeln nicht immer darnach ... ich habe sie gestern mit Champagner gelabt, ich darf ihnen heute wermuth reichen.
auch als spezielle bezeichnung für eine ungarische weinart: man bereitet in Ungarn ... auch 'gekochte weine' aus eingedampftem most, die unter den namen 'wermut' und 'senf' in den handel kommen (aber weder wermut noch senf enthalten)
Meyers konv.-lex. 19 (
61908) 915
b.