Verlieren, v. unregelm. ich verliere, du verlierst (O. D. verleurst), er verliert (O. D. verleurt); unl. verg.
Z. ich verlor, geb. Form, ich verlöre; Mittelw.
d. verg
Z. verloren, Befehlw. verliere (O. D. verleur). I) ntr. mit haben und der Fügung eines trs. in den Zustand kommen, daß man etwas nicht mehr hat, was man gehabt hat, es sei ein Gut oder Übel; um den Besitz eines Dinges kommen, durch irgend einen Zufall, durch Zusammentreffen der Umstände, besonders aber durch Unachtsamkeit; ein allgemeiner Ausdruck, von welchem sich einbüßen und um etwas kommen dadurch unterscheiden, daß diese nur von einem Gute, von etwas Gutem gebraucht werden. Alle drei unterscheiden sich aber von abhanden kommen, daß sie
auch gebraucht werden, wenn von unkörperlichen Dingen die Rede ist, abhanden kommen aber nur von körperlichen. Ein Tuch, einen Handschuh, ein Pettschaft an der Uhr verlieren. Das Verlorne suchen, wieder finden. Durch einen Schuß ein Auge, einen Finger verlieren. Durch einen Stoß einen Zahn verlieren. Das Gesicht, den Geschmack, das Gehör, die Gesundheit, seine Freiheit verlieren. Die Krankheit, das Fieber, das Kopfweh verlieren. Sein Vermögen und Leben verlieren. Das Herz, den Muth verlieren. Man muß die Hoffnung nicht verlieren. Den Kopf verlieren, uneigentlich, die Besonnenheit und Klugheit verlieren. Den Kopf verlieren, auch enthauptet werden. Die Zwietracht, die mit Gift ihr Leben nährte, Verliert den Hydrakopf durch einen Streich. Ramler. Verlieren Sie die Geduld nur nicht. Einen Sohn verlieren, sowol durch den Tod, als auch, um dessen Gegenwart kommen, ohne zu wissen, wo er sich befindet. Der verlorne Sohn im Evangelio. Einen Freund verlieren, entweder durch den Tod, oder durch Entfernung, oder durch Umstände, welche ihn nicht ferner einen Freund sein lassen. Ih habe an ihm einen Freund verloren. Kleine Kinder wissen noch nicht, was sie an ihren Ältern verlieren. Alles ging für mich verloren, Als ich Sylvien verlor — Gellert. Bei dem Handel, bei der Unternehmung ist gar nichts zu verlieren. Die Sonne verlor ihren Glanz, der Mond seinen Schein. Verloren gehen, verloren werden. Eine Sache verloren geben, in voraus glauben, daß sie verloren gehen werde, oder daß sie schon verloren sei und sich nicht wieder finden werde. I engerer und uneigentlicher Bedeutung 1) im Spiele verlieren, den Kürzern ziehen, und um das gesetzte Geld kommen, wenn um Geld gespielt wird. Viel Geld verlieren, im Spiele. Wer hat verloren? im Spiele. Ein Spiel verloren geben, in voraus überzeugt sein, daß man es verlieren werde, auch es für verloren erklären, wenn man es nicht bis ganz zu Ende spielen will. I Kriege verlieren, den Kürzern ziehen, auch das, was man bis dahin besaß, ganz oder zum Theil verlieren und zugleich die Hoffnung auf neuen Besitz verlieren. »Caracalla verlor gegen die Parther,« im Kriege. Semler (R.). Eine Schlacht verlieren, geschlagen werden und den Sieg, den man hoffte, verlieren. Eine Festung nach der andern ging verloren. Eine Rechtssache verlieren, die vor Gericht gesuchte Sache nicht erhalten, gewinnen. Er mußte gegen seinen Gegner verlieren weil er die ungerechteste Sache hatte. 2) Den Weg, die Spur verlieren, den rechten Weg, die Spur aus der Acht lassen, oder weil er, sie nicht zu erkennen ist, davon abkommen, und nicht mehr wissen wo er oder sie ist. Wir verloren in der Dunkelheit mehrmahls den Weg, fanden ihn aber glücklich wieder. Die Fährte verlieren, davon abkommen und sie nicht wieder finden. Der Hund jagt verloren, wenn er von der Fährte abkömmt, und nun einen Bogen macht um sie wieder zu finden. Auch wird verlieren oder verliesen allein, in der Schifffahrt gebraucht für, abkommen, abtreiben, nämlich vom rechten Wege, vom Ziele der Fahrt. Etwas aus den Augen, aus dem Gesichte verlieren, es nicht mehr sehen, weil es hinter einen höhern Gegenstand, oder weil es unter den Gesichtkreis gekommen ist. Ein verlorner Zapfen, bei den Tischlern, ein Zapfen, welcher nicht zu sehen ist, welcher zwischen geleimte und zusammengefügte Bretter eingelassen wird, wodurch dieselben desto mehr zusammengehalten werden. 3) Ohne den gehofften Nutzen, ohne die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen, anwenden. Mühe und Arbeit bei einer Sache verlieren. I verlieset große arbeit. Iain 10, 192. Dabei verliert man nur sein Geld. »Da siehet man, daß dein Vertrauen nichts ist, und deine Almosen verloren sind.« Tob. 2, 22. Alle Ermahnungen, Vorstellungen und Schläge sind an, oder bei ihm verloren, fruchten nichts. An ihm ist Hopfen und Malz verloren. Ih mag kein Wort weiter darum verlieren, vergeblich sagen. »Verlorne Wünsche,« vergeblich gehegte. Schiller. Die Zeit verlieren, sie unbenützt verstreichen lassen, oder auch zu einer ganz vergeblichen Bemühung verwenden. Verlieren Sie keine Zeit, lassen Sie sie nicht ungenützt verstreichen, eilen Sie. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, es ist die höchste Zeit. In bessern wollen, heißt nur seine Zeit und Mühe verlieren. Sie verlieren mit unnützen Klagen die kostbarste Zeit. »Ein verlorner Augenblick ist jetzt für mich ein verlornes Jahrhundert.« Weiße. Wie jener Kaiser einen Tag für verloren halten, an welchem man nichts Gutes gethan hat. I anderer uneigentlicher Bedeutung ist es in folgender Stelle gebraucht: Nicht ja Odysseus nur verlor den Tag der Zurückkunft, Voß, für, konnte nicht an dem bestimmten oder gehofften Tage zurückkehren. 4) Verloren gehen, sein, zu Grunde gehen, ganz und ohne Rettung unglücklich sein. Wenn er in ihre Hände fällt, so ist er verloren. Er ist ein verlorner Mensch. »Verloren ist eine weibliche Seele ohne wahre Frömmigkeit.« Ad. I engerer Bedeutung ist in der Bibel und biblischen Sprache verloren gehen, ewig unglücklich werden, verdammt werden. I Kriege nennt man die verlorne Schildwache, die äußerste nach dem Feinde hin, welche am meisten in Gefahr ist und verloren gegeben wird, auch gemeiniglich verloren gehet
d. h. niedergemacht oder gefangen wird. Noch wird verlieren 5) in einigen weitern uneigentlichen Bedeutungen gebraucht, wo theils der Begriff einer Verminderung, Abnahme, theils einer halblichen, nicht ganz und förmlich vorgenommenen Verrichtung herrschend ist. So heißt im Schiffbaue verloren gearbeitet, was an Dicke oder Breite abnimmt und spitz zuläuft. Eine verlorne
Lippe, im Schiffbaue, eine Lippe mit einem schräg abgeschnittenen also spitz zulaufenden Ende. S. Lippe. Etwas verloren machen, so obenhin machen, um es hernach besser, sorgfältiger zu machen. Eine verlorne Verzimmerung, im Bergbaue, eine Verzimmerung, die nur so lange angebracht wird, bis man die ordentliche Verzimmerung macht. Eben so wird daselbst verlornes Holz eine zur Vorsicht und Sicherheit der Arbeiter angelegte Verzimmerung genannt, womit eine Hauptverzimmerung durch einen Bruch oder rollig Gebirge getrieben werden muß, die aber, wenn die Hauptverzimmerung zu Stande ist, wieder herausgerissen wird. Den Umriß eines Dinges nur verloren zeichnen, gleichsam um erst zu versuchen. Einen verlornen Zug thun, in der Markscheidekunst, den Tagezug nur so ungefähr wie in der Grube verrichten. Mit verlorener Schnur vermessen lassen, nur zu seiner Nach= richt durch den Markscheider sein Feld bis zur Grenzscheide abziehen und abpfählen lassen, ohne die bei ähnlichen Vermessungen üblichen Feierlichkeiten dabei vorzunehmen. Ein verlorenes Treiben, bei den Jägern, ein Treiben vor einem Jagen, da Hecken, Feld= und Vorhölzer ab und in Ganzen abgetrieben werden, im Fall sich Wild daselbst verhielte; auch das Heckjagen, Beijagen. Die verlorene Wehre nennen es die Jäger, wenn bei dem Klopf= und Streifjagen an beiden Seiten Jagdleute angestellt werden, damit nichts herausbrechen kann; auch die Seitenwehre. Bei den Stückgießern heißt der Aufguß des Metalls, welcher bei Gießung der Mörser und Kanonen am Ende ihrer Mündung, der Zusammendrückung und Festigkeit wegen noch zugegeben wird, verlorener Kopf; man sägt denselben nachher ab, damit der Mörser oder die Kanone die gehörige Gestalt bekomme. II) rec. Sich verlieren, nach und nach und fast ohne daß man es merkt aus unserer Gegenwart sich entfernen oder gerathen, aufhören gegenwärtig zu sein, mit den Sinnen empfunden zu werden; ohne Bestimmung der Art und Weise. Es verlor sich einer nach dem andern, einer nach dem Andern entfernte sich unbemerkt. Sich aus den Augen, aus dem Gesichte verlieren, aufhören gesehen zu werden, es sei, weil es zu weit entfernt ist, oder weil es von andern Gegenständen verdeckt wird, oder aus einem andern Grunde. Sich unter der Menge verlieren, unter die Menge gerathen und darunter nicht mehr gesehen oder unterschieden werden können. Eine so kleine Sache verliert sich leicht, geht leicht verloren. Die Schmerzen haben sich verloren, haben aufgehört. Die rothen Flecke auf der Haut werden sich sobald nicht verlieren, werden sobald nicht vergehen. Die Farbe verliert sich, sie gehet aus, vergehet. I weiterer uneigentlicher Bedeutung sagt man von den Farben auch, sie verlieren sich, wenn sie unmerklich in andere übergehen, so daß man keine Grenze derselben unterscheiden kann. »Ein goldener Saum verliert sich am Ende der Flügel (des Schmetterlings) ins Grüne.« Geßner. Die Umrisse einer Zeichnung verlieren sich, wenn sie so unkenntlich werden oder sind, daß man sie vom Grunde wenig unterscheiden kann. Auch gebraucht man sich verlieren von den Gegenständen auf einem Gemählde, wenn sie sich immer mehr in den Hintergrund zurückziehen und sich unsern Augen entziehen. Bei den Kupferstechern verlieren sich die Schnitte, wenn sie unmerklich in andere Schnitte oder in die Grundfläche übergehen. »Pracht, Größe und Würden verlieren sich in der Nacht des Grabes.« Ad. Von dem allmähligen Übergehen und Vertheilen eines Baumstammes in Äste und Zweige sagt man auch sich verlieren, und bei den Pflanzenlehrern ist ein sich verlierender Stamm (Truncus deliquescens) einer, der sich in die Zweige vertheilt, und dann als Stamm nicht weiter sichtbar bleibt. Diese Erfindung verliert sich in das höchste Alterthum, man kann sie in die ältesten Zeiten hinauf versetzen, ohne bestimmt erforschen zu können, wann sie gemacht ist, weil sie sich unsern Forschungen gleichsam entzieht. Sich in Nachdenken, in Gedanken verlieren, in so tiefes Nachdenken, in so tiefe Gedanken gerathen, daß man sich selbst darüber vergißt. O, wie verlor mein Geist sich in verträumten Bildern. Cronegk. Als ich in der Ahndung (Ahnung) Bilder tief verloren saß. Kretschmar (R.). Daher sich verlieren, sich selbst gleichsam aus den Augen oder Gedanken verlieren, sich vergessen, und, was oft eine Folge davon ist, sich verirren, einen Fehltritt begehen. Ir ganzes Glück auf ewig zu zerstören, Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören. Wieland. III) * * trs. verloren gehen machen, höchst unglücklich machen, ins Verderben bringen. Du verleusest mich gar. Iain 3, 79. Dieses verleusen, wie auch verliesen, war ehemahls für verlieren in allen Bedeutungen gewöhnlich, und unser Verlust ist noch von dieser Form gebildet. I
N. D. wird verliesen oder verleisen auch noch dafür gebraucht. Daher, er ist verlesen, er ist verloren. Nach dem häufigen Übergange des r in s, und umgekehrt wurde späterhin aus verliesen verlieren. — D. Verlieren. D. — ung. S. auch der Verlust.