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ungefähr

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

ungefähr adv.

Bd. 24, Sp. 650
ungefähr, adv. (I), adj. (II), subst. (III). die entstehung aus älterem âne vâr(e), âne gevær(e) ist th. 3, 1246; 4, 1, 1, 2070 ff.; 7, 1219 behandelt. ins nl. (ongeveer; Franck-van Wijk 471a) und schwed. (ungefär) gedrungen. vgl. ungefährd(e), ungefährlich. zur betonung, die in den mundarten schwankt, s. ob. sp. 34 C. das adj. ist theilweise gegentheil von gefähr; s. II 1. II. das adv. I@AA. formen. I@A@11) es gibt noch kein mhd. ungevâr = âne geværde (Lexer 2, 1878), s. th. 4, 1, 1, 2076, 1 e ε, kein mhd. ungevêr ebd. 2071; ebensowenig eigentlich mnd. oder mnl. (wb. 5, 725) formen derart. erst die belege des 15. jhs. bezeugen worteinheit bei dem zunächst noch nicht sehr häufigen neuen gebilde, dessen bestandtheile noch lange (un gevar circiter hist. volksl. 235, 68 Lil. 1504; uhn gfer forte Sachs 13, 265, 2 Keller; one gefAehr circiter Sebiz 393; ohnegefahr dass. Fleming d. ged. 1, 84), in der mundart (ōni gfār ungefähr Staub-Tobler 1, 261) noch heute, selbständig bleiben können. vgl. th. 4, 1, 1, 2076 1 e ε. wenn sich nun im laufe des 15. jhs. neben ongevar, ongever, ongeverd ein bequemeres ungevar, ungever, ungeverd stellte, so wurde diese vermischung durch verschiedene umstände begünstigt. die entwicklung von ân ôn > ûn (s. ob. sp. 4 C 1; th. 7, 1210; Müller-Fraureuth 2, 303b) traf einerseits mit genäselt verlängertem u~ (sp. 3, 7; Lenz vgl. wb. 73a), anderseits mundartliche kürzung von āne, ōn (Staub-Tobler 1, 880) mit ŭn, ŏn zusammen; das gleichbedeutende ungefährlich (s. d. ungevarlich wechselt mit ungevar herzog Ernst volksb. 297, 5 var. Bartsch) legte die volksetymologische umdeutung der präposition in das präfix sehr nahe, das adj. ungefähr (s. II), in dessen bildung un privativum und die präposition sich theilen, machte jene umdeutung unvermeidlich; erscheinungen wie unpîn (Lexer 2, 1923), ungebreht (2, 1831), unerwarnung der armen leut (städtechr. 29, 32, 9) beweisen deutlich die auf dem grenzgebiet der präp. und des präfixes bereits herrschende unsicherheit. vgl. un I B 2. dazu kam im deutschen wie im nl. eine erhebliche verdunkelung des sprachbewusztseins hinsichtlich des stammes dieser wortgruppe und seiner bedeutung. on ongevärd zufällig schreibt Zwingli gegenwurf wider Emser A 2a, wie es ein nl. zonder ongevaar (wb. 10, 1672) bei D. Heynsius gibt. sonder alle arglist ende ongeveerlichheyt (1459; mnl. wb. 5, 725) führt auf ein mnl. ongeveerlicheit = geveerlicheit, gevaer untreue, arglist und in Tenglers layenspiegel 18b findet sich: doch ist allweg die ungevaerd oder betrug darinn antzusehen, was Haltaus 1939 mit ungeworde in verbindung setzte (vgl. ein stammfremdes mnd. ungevorde = ungefährte Schiller-Lübben 5, 56b). I@A@22) der kampf zwischen ungefähr und ohngefähr ist, unter wesentlicher mitwirkung der wörterbücher, im 19. jh. durch den sieg der etymologisch falschen form für die schriftsprache zwar beendet, in den mundarten aber noch nicht erloschen. in der älteren literatursprache stehen oft bei demselben schriftsteller die verschiedensten formen neben einander; z. b. bei H. Sachs angfer (s. th. 1, 354), ohngefehr (th. 7, 1219), on-gfehr 8, 634, 5, ongefer 9, 36, 21, ungfehr 17, 117, 21, ungefehr 305, 15, ungfer 5, 29, 25 Keller, uhn gfer (s. o.). wenn Folz (meisterl. 15, 15 M.) on gefer, die hs. N 2 dafür vngefer setzt, wird die erste form wohl schon als veraltend empfunden sein. der gebrauch des 17. jhs. schwankt. Lessing schreibt ohngefähr fast nur in jugendwerken, in Göthes briefen überwiegt entschieden ohngefähr, in den werken ungefähr. während C. F. Bahrdt z. b. in seinem leben nur ohngefähr braucht, stellt Voss zeitmessung 28 wieder beide formen neben einander. die wörterbücher stehen im allgemeinen schon früh für die un-form ein, so Alberus, Hulsius-Ravellus, Reyher, Stieler (402, trotz 1384), Wächtler, Ludwig (1716), Spanutius, Apini gloss. nov., Steinbach, Frisch, Wachter; freilich fehlt es nicht an widerspruch (Kramer 1702, 2, 165a), der aber bald durch falsche etymologien beschwichtigt wurde. Schilter (thes. 3, 811) leitete es von ungewaro ab, Wachter (gl. 1727, 317 f.; 1737, 1742 f.) verlangte deswegen die schreibung ungewär, ungevär. sogar Weigand hat, noch 1852, im wb. d. d. syn. 1, 396 auf verderbnis aus unkiuuaru, ungewahr zurückgegriffen, nachdem Adelung dieser unmöglichen deutung ein ganz unverdientes ansehen verschafft hatte. Adelung lehrte (wb. 4, 855): 'die erste sylbe ist die vorsylbe un, welche im oberdeutschen gern in ein ohn gedehnet wird, daher auch dieses wort selbst noch von vielen hochdeutschen ohngefähr geschrieben und gesprochen wird, welches doch der analogie der übrigen mit un zusammengesetzten wörter zuwider ist ... die zweyte hälfte ist das alte gefahr, welches für gewahr gebraucht wurde oder vielmehr aus diesem letztern gebildet ist, so dasz ungefähr eigentlich unwahrgenommen bedeutet.' wie stark A. damit auf die literatur gewirkt hat, bezeugt ausdrücklich Heynatz antib. 2, 520: 'seitdem A. sich für u. erklärt hat, schreiben viel mehr schriftsteller als sonst u.' der verständige widerspruch des antibarbarusverfassers drang ebensowenig durch als H. Brauns mahnung: 'ungefähr, gewöhnlicher ohngefähr' orthogr. gramm. wb. (1793) 270b. die form ohngefähr tritt als nachzügler auch im 19. jh. noch auf (z. b. Tieck krit. schr. 2, 174; W. v. Humboldt ges. schr. 4, 294; Auerbach dorfgesch. 2, 48; K. v. Hase werke 4, 507; zu lehrhaften zwecken Brunner absichtslose missethat 823; gesucht Nietzsche I 6, 243), und wörterbücher (Kluge, Paul, Heyne) erläutern wohl ungefähr unter ohngefähr; doch ist nicht daran zu denken, die vollkommen eingebürgerte form u., in die wir uns zu tief hineingefühlt haben, wieder zu verdrängen und die sprachliche entwicklung etwa rückgängig zu machen. in mundarten werden, wie in der älteren lit., verschiedene formen neben einander geduldet; z. b. ānifār, ānigfār, ōnegfōr, ōgfōr, ungfār, ugfär Staub-Tobler 1, 880; õgfár, ũgfár Schmeller 1, 741; Martin - Lienhart 1, 125; im obersächsischen sagen noch alte leute ohngefähr, sonst heiszt es auch da ungefähr, u'gefähr Müller-Fraureuth 2, 304a. 598b. I@A@33) zu den übrigen formerscheinungen sind zunächst immer die grundworte gefahr, gefähr, gefährde u. s. w., sodann angefehr u. s. w., ohngefähr, ohngefährd u. s. w. zu vergleichen. hier seien nur noch vermerkt das literarisch bis ins 17. jh. reichende (in mundarten noch heute übliche) ungefahr, ungevare herzog Ernst volksb. 273, 1; 296, 30 Bartsch, ungefohre Montanus 496, 11, ungefahren Endinger judenspiel 987 (vgl. mnl. ongeferen wb. 5, 725 und ungefährden), ungfüer ebd. 25 neudr. (vgl. th. 4, 1, 1, 2081 one vier, luxemb. onggefeier wb. 315a und ein von Schmidt-Petersen 149b angesetztes ongifir; nl. ongeveirlijk), ungeferns flugschr. 3, 200 Clemen (dazu gefahrs th. 4, 1, 1, 2062), und das subst. ungefähre, f. Unger-Khull 609b. I@BB. die bedeutung ist natürlich der von ohngefähr gleich (s. d.). in der geschichtlichen entwicklung der grundvorstellung 'ohne absicht der schädigung' ist einerseits mehr die theilvorstellung der schädigung, anderseits die der absicht betont. I@B@11) die (absichtliche) schädigung, rechtsverletzung, schädigender irrthum werden ausgeschlossen. arglos, ehrlich, ruhig, nicht beunruhigt, vergnügt u. dgl.: sie wöllen danczen unde schwanczen mit der lanczen ungefer Neithart Fuchs 1091; wa ich mich liebs ym hertz verstee, da will ich ungevar suochen Hätzlerin 238, 237; die trancken wein ungfer Forsters frische t. liedlein 103 neudr. nach 2 hinüber weisend: trüwlich und ungefehr Kirchhofer sprüchw. 119. vgl. 2 h; treulich und ohne gefährde Wieland suppl. 6, 117. auch objectiv sicher, ge wisz, genau (vgl. th. 4, 1, 1, 2071): es was auch an der zeit fürwar, das datum mercken ungefar, dusent fünff hundert dryzehn iar Gengenbach 391 Gödeke. in der form ohngefehre: erstlich solt er (der abt) sagen bald, was er von seinem herren (dem kaiser) halt, zum andern, wo es gwis ohngfehre hie mitten auff dem erdreich were Eyering 1, 166; die tieffe, breite, länge und was man sonst so miszt, das weisz er ungefehr und rechnets ohne masz auf einem nagel her P. Fleming 160; vgl. 47; auf wettergrimm ... auf regnen, blitzen, steinen kommt ungefähr die sonn daher, von näuem häll zu scheinen Rompler erst. gebüsch 180, wenn hier nicht bed. 2 f 'wohl einmal' vorliegt. veraltet. I@B@22) absicht wird verneint. I@B@2@aa) ohne böse absicht: und er tuot keins dirr ding on ungluck, dafür var. ungevar, und on hasz erste d. bib. 4, 129, 26 (num. 35, 22 f. Luther bibel 3, 315 Weim.); fortuitum homicidium der ungefehr geschicht Alberus 22a; ungefehr verletzen Lehman flor. 3, 288. bis auf die mundarten, z. b. Schöpf 121, und die terminologie der d. rechtsgeschichte (Brunner absichtslose missethat im ad. strafrecht 822 ff.; zeitschr. f. rechtsg. 32, 52 ff. vgl. ungefährwerk, -busze u. s. w.) erloschen. vgl. b. I@B@2@bb) ohne absicht überhaupt (Paul aufgaben der lexikographie 74), ohne berechnung, wahl. vgl. undankes, unwillens: er kerett zu seim bett durch rast. und als er ungevar dar dast, do ergriff er ain schwartze bruch Folz in Kellers erz. 228, 29; wenn der son unwissend und wider seinen willen ungefehr seinen vatter schlüge Luther tischr. 403a; vgl. a; noch bett sy dennocht alle zyt ungefar, wie es sich gyt, abrahemsch, tütsch und latyn Murner narrenb. 45, 116; offt fahet man fische ungefehr, da man nicht meinte, das einer wer Petri 2, q q viv; dafür von ungefär Lüpkes seemannsspr. 125, 43; sintemahl die Deutschen .. aus der anzahl vieler ungefehr in die asche gemachte striche ... ihr bevorstehendes glücke zu ergründen vermeinen Lohenstein Arm. 1, 30b; er ... thut alles ungefähr, liebt, haszt, verfolget, flieht B. Neukirch ged. 175. veraltet. noch bei Hippel in der zusammensetzung ungefährbesuch, ein dem besuchten eigentlich gar nicht zugedachter b. I@B@2@cc) ohne besondere veranlassung, ohne (guten) grund, ohne berechtigung: so fallen sye (die heuschrecken) in das mOer ... solichs tregt sich ungefar zuo, und nit .. das ynen ... die flügel solten nasz werden Eppendorff Plin. 11, 198; nach lib. sap. 2, 2 ex nihilo (vgl. th. 7, 1219; Staub-Tobler 1, 880, 1): ich kam ungefähr hieher, sterb auch wieder ungefähr Gryphius poet. wälder 1, 192; vgl. von nichts, von ohngefähr, ein nichts, ein o. Göthe 1, 53 Weim.; wenn ich von unterschiednen nahmen der blumen, welche sie (wer weisz, ob ungefehr) einst überkamen, die ersten lettern nehm' und füge, so scheint es, dasz darin was sonderliches liege Brockes vergnügen 4, 44. veraltet. bes. in der litotes: von Bacchus der auch führt hörner nicht ungfähr Fischart jesuiterhütlein 236, 250 Hauffen; durch unser schuld und bresten, und nit ungefaar habend wir allein den namen desz regiments, sonst mit der thaat habend wirs gar verloren Simler 5a; wie kömts? fürwahr nicht ungefehr Schoch vom studentenleben m 7v; denn es kömt nicht ungefähr Grob versuch. 125; die lieder stehen wohl nicht u. zu letzt Herder 5, 345; vgl. von ungefähr, nicht von ungefähr Wander 4, 1430. 5, 1782; Staub-Tobler 1, 880, 1. so schon nitt ongeverd(e) Keisersberg post. 1, 3a; baum der seligkeit 12b; post. 3, 10b. heute ohne die präpos. nicht mehr gebräuchlich. I@B@2@dd) zufällig; vgl. ungeschicht: so kumpt einr ungefar darzuo und fragt mich, was ich pei der tuo fastnachtsp. 334, 19 Keller; ungevar es sich schicket, das ich durch ain venster plicket Hätzlerin 116, 7; wir sind alle ungefehr und plumbs weise dazu komen Luther vorr. über Daniel 7, 390 Bindseil; vgl. angeverde plumpsweis 34, 1, 68, 25 Weim.; sein pferd unter ihm erschossen war, ein anders bekam er ungefahr Opel-Cohn 67; Ditfurth volksl. d. bayer. heeres 3; dasz die welt .. aus eitel durcheinander schwermenden sonnenstäublein ungefehr (casu) zusammen gewachsen .. wäre Lohenstein Arm. 1, 454a; da fiel ich ungefähr ihm in den arm; da blieb ich ungefähr, so wie ein funken auf seinem mantel, ihm in seinen armen Lessing 3, 77 (Nathan 3, 2, 97); ohne sie zu kennen, ritt ich ungefähr hin Herder 25, 242; ich stand ungefähr dieser tagen hinten am hollunderzaun Göthe 16, 62 Weim. (Pater Brey 86); da er ganz mit seiner arbeit beschäfftigt, ungefehr aufsah, als eben die dame bey seiner werkstatt vorbey fuhr Laroche frl. v. Sternheim 1, 89; ich ging u. auf der gasse Hafner lustsp. 1, 90; er sah sich im obern theil um und fand u. eine unterirdische treppe Grimm sagen 1, 10; diesz hörte u. ein stadtknecht und zeigte es seinen herren an Aurbacher volksb. 145; als einst er zum brevier griff ungefähr Droste-Hülshoff 2, 60. heute unüblich geworden und durch von ungefähr (s. III) verdrängt. die bedeutung hat sich im subst. ungefähr erhalten. s. III 2 b. I@B@2@ee) wie mhd. er ist sîn gevære niht (wälscher gast 10418, th. 4, 1, 1, 2067, 4 b) 'er versieht sich seiner nicht' heiszt, bedeutet u. auch unversehens, plötzlich: sag unverzagt, wass ist das gheim, dass dir ungfüer ist gefallen ein Endinger judenspiel 25 neudr.; ungfehr fellt jhm ein trauren drein J. Ayrer 1512, 10 Keller; welcher ihm ungefähr wär ins gesichte geworffen worden pol. maulaffe 156; nachdem ein lauter lerm ihn ungefehr erwecket v. König ged. 205; niemals wird gott von etwas ereilt, ... das ihm ungefähr käm Bodmer Noah 7, 260; Pedro, rasend, springt ungefähr dem Basko an kopf Göthe 38, 177, 9 Weim. improvisaden, dinge, die uns ungefehr einfallen Apini gl. (1728) 273. nicht mehr schriftsprachlich. Staub-Tobler a. a. o. 1. I@B@2@ff) vielleicht, etwa, etwa einmal, irgend wie (wo, wann), wohl, beispielsweise. vgl. mnd. ane geverdes vielleicht: ungefehr vileicht Alberus T t j a; villeicht möcht einer ungefehr sagen Xylander Polyb. 107; wer dich gen Rom trüge und herwider und setzet dich ungefehr einmal unsanffte nider, so were es alles verloren Fr. Wilhelm sprichw. reg. i i y β 134; an esiger spys, ungfar (beispielsweise) digen fleisch, kesen und zigern inventar von 1600 bei Staub-Tobler 1, 881; so ist der mensch: heut blühet er, und morgen, wenn ihm ungefehr ein wind rührt, ligt er nider P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 440a; verschont sie ungefähr die strenge flucht der zeit Cronegk 2, 33; allein unter diesem herumschlagen musz ich mich ungefähr ... gestoszen haben Hafner lustsp. 1, 14 (vgl.e). nur noch mundartlich; Staub-Tobler a. a. o. 3. 5; Martin-Lienhart 1, 125, 2; mnd. wb. 5, 56a. in der schriftsprache mischen wir die hauptbedeutung g ein (eine empfindung, wie u. ratten und mäuse haben mögen Göthe 21, 21, 4 Weim.; laienspiegel, arzneibüchlein, ... reisen, was der fassungskraft der menge u. gemäsz ist Ranke 2, 56) und beschränken gern u. im gegensatz zu etwa, vielleicht, die besonders dann dem ausdruck der eventualität und möglichkeit dienen, auf quantitätsang aben. Weigand syn. 1, 396; Paul 153b. I@B@2@gg) die heutige hauptverwendung bei unbestimmten an gaben, für deren vollständige genauigkeit man nicht einstehen kann, hat die älteren formelhaften ausdrücke âne vâre, ône geværde 'sine dolo' u. dgl. zur voraussetzung, die seit dem ende des 13. jhs. (sine dolo, hoc est an gevarde in einer lat. urkunde von 1272 Württemb. urkb. 7, 180) in der rechts- und geschäftssprache so massenhaft auftreten, dasz sie, bald abgeschwächt und entwerthet, in die gewöhnliche rede dringen. soll ursprünglich die behaftung, der rechtsnachtheil bei ungenauer oder unzutreffender angabe abgewehrt und der dolus dabei ausgeschlossen werden (vgl. Staub-Tobler 1, 882; nl. daar wil ik af sijn mnl. wb. 5, 725), so bleibt nach dem verfall des mittelalterlichen rechtslebens in ungefähr als erben der alten formeln von rechtsnachtheil und dolus allmählich nichts mehr übrig, die ungenauigkeit der angabe wird zur hauptsache ('der rechten wahrheit und genauerer bestimmung unvorgreiflich, nur so hin ohne genaue bestimmung' Weigand syn. 3, 1171). erst mit der loslösung aus dem satzzusammenhang und mit der einseitig äuszerlichen bindung an die zahl- oder maszangabe erlischt die grundbedeutung völlig. ähnlich hat sich ungefährlich entwickelt; auch da sind die älteren verbindungen noch aus der grundbedeutung zu verstehen; z. b. alle sinen egendom, dat sin dorpere, hove, hoffeacker, holt, velt, water, weide ... als dat alle ... in der graveschaff Waldeken twisschen den marcken Landouwe (nun folgen grenzangaben) ... ungeverlech gelegen sint urk. 1412 bei Bauer-Collitz 304; und soll man da eim ze kofen geben ein stein anken oder ein halben oder ein fierling ungefarlich, so vil er vergelten mag quelle von 1427 bei Staub-Tobler 1, 884, 3; das ist ungevarlich als man zalt ... 1415 jar städtechron. 5, 144, 2; maicht dit zo samen ... ongefeirlich oeverslagen drij mael hundert dusent man pilgerfahrt des ritters von Harff 108; ein .. wald ... in der breite sibenzehen (meilen), drunder und drüber ungeferlich Garg. 230 neudr. doch gehört die ausbildung der bedeutung 'ungenau, nur annähernd' für diese wortgruppe immerhin dem 14. bis 15. jh. an wie z. b. one vier 1362 städtechron. 9, 996 a. 2 (âne være th. 4, 1, 1, 2081, 3) und on gefer Folz meisterl. 15, 15 lehren. s. h. im heutigen gebrauch trägt bei quantitätsangaben etwa der persönlichen annahme, der möglichkeit, den umständen rechnung, während u. sich mehr auf die thatsächliche unbestimmtheit der angabe bezieht. Paul 153b. noch äuszerlicher beiläufig (Weigand syn. 3, 839), annähernd, beinahe, fast u. s. w. weil ich die warheit sagen muoss, ist mir für wahr ein harte buess, so redt ich, dass es ungefahren geschehen ist bey acht jahren Endinger judenspiel 56 neudr.; dass mag ungefehr ietzunder sein acht jar ebd. 53 neudr.; sie samelten mer ain schar bei zwölf hundert un gevar und zwölf schlangen wie vor H. Schneider hist. volksl. 235, 68 Liliencron; hat der böss geist ... unfähr ainer viertel stund lang getobt Nas antip. 1, 45b; so allgemein bis heute, vor- und nachgestellt. dann auch bei masz- and artbestimmungen: darnach setz auf die seyten ein puncten c ungfer zuo mittel der form Dürer messung G iiii c; so weit erstrecket sich ungefehr das frische haff Micrälius Pomm. 1, 7; es ist ungefehr der brieff auff diesen schlag verfast gewest Harsdörffer gespr. 1, K viib; dies u. ist die bedeutung .. der landwehr Arndt schr. 1, 301. bei verben, nach h hinüberführend, so ziemlich: u. voraussehen Göthe IV 11, 77 Weim.; sie wissen so u., wie ich stehe Mozart bei Jahn 3, 489; Martin - Lienhart 1, 125, 1; so gut wie: wäre P. nicht u. widerlegt Lessing 10, 152; der verfasser habe nur gegründete erinnerungen benutzt. das heiszt u. keine Voss antisymb. 2, 138; einigermaszen: denn sobald die apocalyptischen zeiten, wenigstens nicht u., bestimmt werden können, so Stilling 3, 10. 'undeutlich': so wie man u. und dunkel empfand Adelung lehrg. 2, 29 (vgl. h). I@B@2@hh) obenhin, überhaupt, im allgemeinen, in bausch und bogen, ohne die näheren umstände (das nähere) angeben zu können u. dgl.: etwas nur u. wissen Adelung; nur u. messen, schätzen; wir nehmens u. Martin-Lienhart 1, 125, 2; er nimmt's ugfär, wie de tüfel d' bure Staub-Tobler 1, 881, 4; trüli und ungfor, wie die bure d' pflume fressen ebd.; auch oberflächlich, ohne bedacht ebd. (vgl. und weis auch all ir zal und schar mit ganczer zal, nit on gefer Folz meisterl. 15, 15 Mayer; on geferden blind drauflos Murner schelmenz. 25, 26; th. 4, 1, 1, 2075; glaub nicht ohngeferth Spangenberg Saul 1470; ohngefehr und obenhin P. Fleming ged. 1, 186); dabei behalten wir uns vor zu bestimmen, was wir u. für verkäuflich halten Göthe 48, 55, 14 Weim.; ungefähr sagt das der pfarrer auch Faust 3460; ich weisz nur u., dasz zwei männer am fenster erschienen Laube 1, 14; u. erlangen wir so (durch die nord. überlieferung) eine vorstellung von den sächsischen liedern Scherer litg. 103. manche ausdrücke stellen sich zwischen g und h; z. b. wenn ich nur so u. den tag des besuches wüszte. IIII. adj. von dem im 16. jh. aus dem adv. gewonnenen adj. ist ein gegentheil des alten adj. gefähr zu scheiden. II@11) dieses ist freilich vom sprachgefühl verdunkelt und mit jenem zusammengeworfen, doch sein vorhandensein unzweifelhaft und durch unfährlich, ungefährlich 2 und 3 a bestätigt: als viel auff erden allein nur darumb krieger werden und achten es für ungefehr, ob gleich ihr herr der teuffel wär Moscherosch ges. 2, 747, wo die bed. 'nicht schädigend, nicht besorgniserregend (vgl. th. 4, 1, 1, 2073, 3), gleichgültig' (vgl.es is e leichte gfar, es ist keine gefahr, das ironische es ist eine gefahr ebd. 2067 g. 2066 f α; s. auch 2072, 2 b; Staub-Tobler 1, 880) sein musz. die möglichkeit, dasz u. hier subst. sei, wäre an sich nicht zu bestreiten; vgl. die unsicherheit bei gefähr th. 4, 1, 1, 2069, 1 d; aber selbständige substantivierung von ungefähr zeigt erst das 18. jh.; s. III. deutlicher ist das adj. in der bed. 'absichtslos, nicht feindlich verletzend': wann jhm (dem pfarrer) ein ungefehres wort entfahre, könne (er) es nicht wider zuruck ziehen Zinkgref ap. (1628) 316; o der teuffelischen reputation bey gemeinen jungen leuten! da ausz einem ungefähren wort .. ohn einigen bösen vorsatz und gedancken deines nechsten, du ihn ... aufziehest Moscherosch ges. 1, 609 (gegentheil gefähr etwa in der verb. gefähre nachstellung th. 4, 1, 1, 2069, 3). wiederbelebt in der sprache der rechtsgeschichte: vor ungefähren beschädigungen (vaþaverk) Wilda strafr. 545. 'absichtslos, nicht absichtlich poetisch geformt': wie aber die .. reimwörter von der ungebundnen und ungefehren rede abgelernet ... worden, lehret Harsdörffer trichter 3, 74. fortuitus spielt in den 3 letzten beispielen wohl immer hinein. ein nachklang des alten gefähr (th. 4, 1, 1, 2069) 3: am abhang weich gestreckt, liegt man ... auf ungefährem rasen Voss sämmtl. ged. 5, 233; die bed. ist hier etwa placidus, wozu I B 1 zu vergleichen. undeutlich den ungefehren weg L. H. v. Nicolai 2, 78. veraltet. II@22) das aus dem adv. ungefähr entwickelte adj. scheint den mundarten abzugehen; doch s. ungefährd(e), adj. es als sprachfehler (Günther recht u. sprache 37) zu bekämpfen, liegt kein grund vor. nicht alle bedeutungen des adv. sind beim adj. ungefähr vertreten. vgl. wieder ungefährd(e). II@2@aa) zufällig, plötzlich (s. I B 2 d, e): das ungefahre glück Rompler erstes geb. 177; die ungefähren zufälle Birken lorbeerhayn 64; von ungefähren fällen kan man kein urtheil fellen Francisci das alleredelste pferd 176; zufall Gottsched schaub. 2, 252; Lessing 9, 366, 25; A. G. Kästner verm. schr. 1, 3 (in prädicatsstellung); Bräker 2, 251; Kant 8, 230; einfall Klopstock briefe 16 Lappenberg; eine ungefehre wirkung der natur Chr. Wolff v. d. absichten der nat. dinge 374; dem ungefehren spiel der träumenden phantasie Wieland Ag. 1, 28; sachen Margar. Klopstock werke 11, 15; eine ungefehre posse Lessing 9, 272, 18; dieses ungefähre zusammenströmen Bode Mont. 5, 437; entdeckung Göthe 20, 416 Weim. etwas ungefähres Fouqué gefühle 1, 225. dazu subst. das ungefähre der zufall: die elenden sätze des ungefähren A. v. Haller tageb. s. beob. 1, 55; wir blicken so gern in die zukunft, weil wir das ungefähre ... heranleiten möchten schr. d. Götheges. 11, 1. vgl.auf das ungefähre hin, unter c. veraltet. II@2@bb) etwaig: nach ungeferer gelegenheit eines jeden vermügen Schütz Pr. 3, y iv e; male dir an jedem morgen die ungefähren lagen und leidenschaften vor, worein du am tage kommen kannst J. Paul 7/10, 169. vgl. I B f. unüblich. im wesentlichen tautologisch: dies ist nur ein ungefähres beispiel jener organischen verschmelzung Gutzkow ritter v. geist 1, 225 (vgl.ungefähr beispielsweise), wir mischen freilich c ein. II@2@cc) hauptsächlich nach I B 2 g und h, ohne dasz eine scharfe scheidung hier möglich wäre: das du aber dein ungefere zeit auf halb ocktober ontstelest, auf zu sein, ist wol spot Magdalena Paumgartner briefw. 237; wie der ungefehre abrisz zeiget Gäbelkover artzneybuch 1, 382/3; ein ungefähre blinde linig L. Hulsius erster tractat 69; ein ungefährer überschlag Rabener 2, 245; augenmasz Lessing 10, 257; blick Wieland 12, 61; inhalt Göthe 47, 257, 12 Weim., vom ungefähren nachsprechen A. W. Schlegel Athen. 1, 13; zielen Shakespeare 4, 210; mit einem leichten ungefähren zug des pinsels Stifter 1, 45. annäherung Niebuhr r. gesch. 1, 189; entfernung Gutzkow 3, 24; aequivalent Schopenhauer 5, 601; richtigkeit Mommsen r. gesch. 1, 122; wahrscheinlichkeit 1, 312; ahnung Gaudy 2, 78; begriff Gervinus gesch. d. d. dicht. 2, 325; ungefähres rathen R. Hildebrand sprachunt. 224; eine schöne ... verkäuferin hatte den ungefähren wuchs von Malva Auerbach 17, 115; verlauf Keller 8, 352; bedarf Bismarck gedanken 2, 135; den ungefähren zusammenfall der ... grenzlinie zwischen laub- und nadelwald ... mit den mittelalterlichen stammesgrenzen Hoops waldb. 186. nur im ungefährsten entwurfe R. Wagner mein leben 3, 108; nur eine sehr ungefähre (unsichere) rechnung 3, 178 volksausg. auf eine ungefähre art ohne dasz man es im einzelnen genau zu nehmen brauchte Schwabe bel. 1, 211; Rabener 1, 153; R. Wagner m. leben 3, 150 (von seinem klavierspiel); die belegstellen waren in ungefährer weise angegeben Justi Winckelmann 1, 200. subst.: auf das ungefähre hin ins blaue hinein R. Wagner leben 3, 293; wir wollen es mal nur so im ungefähren (in bausch und bogen) nehmen. IIIIII. das substantivierte ungefähr (vgl.ungefährd) erscheint zuerst in präpositionalen verbindungen, die völlig substantivischen charakter nicht immer verbürgen. vorbilder von ungeschiht, van wanschichte u. dgl. erster beleg mit dem plur. von ungefährde: der ettwo von ungevärden oder mit fleisz hört die sünd des, der da peichtet Keisersberg schiff d. penitentz 22b (zum plur. Murner gäuchmatt 2020; schelmenz. 64, 14; Montanus 439, 19); seit der mitte des 16. jhs. wird von ungefähr immer häufiger und andere verb. schlieszen sich an; unsicherheit über den subst. charakter erhellt aus Lohenstein Arm. 2, 980b: die ergiessungen der wässer rührten nicht ungefehr her (vgl. I B 2 c). der selbständige gebrauch des subst. das, ein ungefähr (plur. die ungefähre: zusammentreffen der ungefähre Herder 5, 432; Hippel 9, 239; Rahel 1, 169; nicht üblich geworden, von Adelung verworfen) ist im 18. jh. entwickelt und ins schwed. übernommen. das ungefähr im rechtlichen sinne ist kein wort der alten rechtsquellen, sondern der neueren rechtswissenschaft. das th. 7, 1220, 3 bei Logau angenommene subst. ohngefehr ist in wirklichkeit das adv., und zwar wie oben bei Keisersberg dem fleiszig entgegengesetzt. ein ungevärd s. ungefährd(e). die ungefähre der zufall Unger-Khull 609b. substantivierung auch im sprichwort: āgfärt p'reicht och Staub-Tobler 1, 881; Gotthelf bei Wander 5, 1782; Lehman flor. 2, 629. III@11) in verbindung mit präpositionen. III@1@aa) von ungefähr; wie I B 2 a: von ungefähr geschehen (vaþaverk) 'ohne nachstellung, bösen willen' Wilda strafr. 545. mnl. met ongevalle; nl. bij ongeval. wie I B 2 b: der dichter streute wol nicht mit forsatz hexameter ein, sondern är machte sie fon ungefär Klopstock über spr. u. dichtkunst 1, 32. sonst unüblich. wie I B 2 c: kein wohlstand kömmt von ungefehr Neumark fortgepfl. lustw. 1, 273; so v. u. Morhof unterricht 1, 150; von ungefähr sind diese frauen nicht hieher gekommen Göthe 11, 318, 678 Weim.; glaubt man, es sei v. u., und es bedeute nichts, dasz Laube 4, 124; vgl. nicht ungefähr. wie I B 2 d: zuo disem streit ... kam von ungefer der jung herr Richhart Wickram 2, 153, 16; Göthe bei Bohner 79; von u. kreuzten sich unsere wege Kröger schuld 91; so heute allgemein an stelle des einfachen u. (s. d.), das schon Adelung in dieser bed. als veraltend empfand. zum unterschied von durch zufall: wer verirrt ist und unbewuszt den rechten weg wieder trifft, kommt, wenn er nicht weisz, wie er sich plötzlich wieder auf ihm findet, durch zufall darauf, und wenn er auszer absicht und berechnung sich wieder darauf sieht, von ungefähr Weigand syn. 3, 1171. auch so v. u. maler Müller 1, 228; ganz v. u. Fichte 2, 330; wie v. u. Lenz 3, 130 Tieck u. s. w. wie I B 2 e: wenn man ihn v. u. in seinem arbeitszimmer überfällt Ayrenhoff 3, 194, 12; da kam mir ein einfall von ungefähr Göthe 16, 107 (prolog zu d. n. offenb. 3) Weim.; Hannswurst der erb von u. Hafner lustsp. 1, 22; schriftsprachlich veraltet. wie I B 2 f: heftig wie sie ist, thut sie sich noch einmal v. u. (on gferd gelegentlich Staub-Tobler 1, 880) ein leides Göthe 22, 93, 8 Weim.; ich .. wollte nur noch v. u. anfragen, ob vielleicht Fontane I 4, 363; schriftsprachlich nicht recht mehr üblich. während wir heute in der schriftsprache v. u. in der bed. I B g verschmähen, bieten es die mundarten (wie viel wird das v. u. kosten? auch ver u. Müller-Fraureuth 2, 598b) und Klopstock: diesz so v. u. ist meine vorstellung von dieser schlacht 9, 213, 253; 10, 313; 11, 9, 238; 12, 361; von Campe als ungewöhnlich getadelt. wie I B h: ich versprach meinem vetter v. u. alles Hafner 1, 25. vgl.g. unüblich. III@1@bb) durch u.: dennoch möcht ich das körnchen, so bisweilen, durch u. oder suchen, mir in die hand fiele, nicht gern wieder wegwerfen Bürger 1, 318. par ungefehr zufällig Askenasy 39. vgl.durch ein u. III@1@cc) auf u.: auf u. und gut glück J. F. Christ bei Justi Winckelmann 1, 379; R. Wagner 3, 187. es aufs u. ankommen lassen. III@22) das auszerhalb präpositionaler verbindungen selbständig substantivierte ungefähr bildet im allgemeinen zu dem sinnverwandten zufall eine willkommene ergänzung; bezeichnet dieses in der hier in betracht kommenden bedeutung gern äuszerlich das geschehende, die begebenheit, das ereignis, so greift ungefähr tiefer auf das verursachende, bewirkende, waltende zurück. Weigand syn. 3, 1171. vgl. 1 a. III@2@aa) die bedeutung I B 2 a (b) hat sich in der sprache der rechtsgeschichte erhalten: man unterschied nur willen und ungefähr (vili und vadhi, voluntas und casus), das u. umfaszte beides: culpa und casus Wilda strafr. 578; handloses u. 597; immer wiedergabe des altn. vâði, das durch ableitung vongefahr (ebd. 545 a. 2) nahegebracht wurde; Falk-Torp 1337; mit allen völkern geringerer kulturstufe teilten die Germanen die unfähigkeit, hinsichtlich einer rechtswidrigen handlung zwischen böser absicht (ahd. fâra, dank, ags. geweald, altn. vili) und bloszem ungefähr zu unterscheiden Schröder rechtsg. 82; behandlung des ungefährs 348; typisches u. Brunner absichtslose missethat 824. ungefähr(s)busze, -eid (Wilda 557, 595; zeitschr. f. rechtsg. 23, 54; vaþabot, vaþaeiðr), -haftung, -sache, -werk (vaþaverk) u. dgl. Brunner forschungen 498 f. heute mischen wir den begriff des zufalls hier mit ein, den das alte strafrecht eigentlich nicht kennt. Brunner abs. missethat 823. vgl. ungefährlich 3 a und c. verneinung des zweckvollen (vgl. I B 2 b, c) kommt auch in Nietzsches ohngefähr wieder zum vorschein: von ohngefähr — das ist der älteste adel der welt, den gab ich allen dingen zurück, ich erlöste sie von der knechtschaft unter dem zwecke I 6, 243; der himmel ohngefähr ebd. III@2@bb) nach I B 2 c: ist es ein ungefehr, das sie so singen heiszt? Brockes ird. vergnügen 4, 57; es war kein u., dasz er da war M. Meyr a. d. Ries 2, 319. III@2@cc) überwiegend wie I B 2 d. noch nicht im 17. jh., nicht bei Walch, Frisch, Wachter, Zedler, Kramer, Kramer-Moerbeek. als häufig gebraucht von Adelung bezeugt, 'sowohl eine ungefähre begebenheit zu bezeichnen, als auch dasjenige unbekannte wesen, von welchem nach der philosophie des groszen haufens die zufälligen begebenheiten ... abhängen sollen und welches auch wohl der blinde zufall, das schicksal genannt wird': das ungefehr (all chance) ist eine ordnung, die wir nur nicht beachten können Brockes übers. des Pope vom menschen br. 1, 282; ist nicht des weltregierers grösze ... gekränkt, wenn ihr ein ungefehr erdenkt Schwabe bel. 3, 342; der mensch? wo ist er her? zu schlecht für einen gott; zu gut fürs ungefehr Lessing 1, 256; nothwendigkeit und u. .. haben sich in die regierung der welt getheilt Wieland 7, 88; A. v. Haller ged. (1882) 54; prediger des ungefährs Herder 7, 11; durch ein u. oder durch den wurf der zufälle 12, 31; einem tausendfachen u. von gefahren 5, 128; ein ball des ungefährs Thümmel reise 3, 32; der würfel u. bestehn A. W. Schlegel Shak. 9, 208 (chance); der wurf oder der zug eines looses ist ein zufall, der von dem u. herbeygeführt wird Eberhard syn. 5, 92; und ich soll dort dem ungefähr dich übergeben, das niemals wohl uns mehr zusammenführt? Grillparzer 8, 113; je fester die situationen schlieszen, so dasz sie auch ein mögliches u. nicht scheint durchbrechen zu können Ludwig 5, 416; ein u., eine laune, und die schlinge ziehe sich zu Fontane I 2, 251; heute klingt es etwas gewählt und poetisch, es war ein u. (Adelung, Campe) sagen wir kaum noch, ungefähre für zufälligkeiten (s. o.) ist nicht mehr verständlich. mehr oder weniger feste verbindungen: dem albernsten u. Herder 16, 21; blindes Schwabe 1, 197; Schopenhauer 1, 250; bloszes M. Mendelssohn 2, 326; böses Ludwig 2, 429; garstig Göthe 3, 136 Weim.; glücklichs Weichmann Niedersachsen 4, 195; glückselig Geibel 4, 67; liebes J. G. Michaelis bei Adelung; aufs liebe u. Arndt sämtl. w. 1, 14; mörderisches Herder 13, 394; wildes Fouqué bilders. 1, 411; zwittrigt Denis lieder Sineds 265, 8 usw. III@2@dd) wie I B 2 h: und nun schien mir des wanderns schönes leben ein gang vom paradies ins ungefähr, ein planlos irren und ein blindes streben Arent-Conradi-Henckell dichtercharaktere 296. —
33575 Zeichen · 821 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Ungefähr

    Adelung (1793–1801) · +4 Parallelbelege

    Ungefähr , adj. & adv. welches besonders in einer dreyfachen Bedeutung gebraucht wird. 1. * Was man nicht wahr genommen,…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    ungefähr

    Goethe-Wörterbuch

    ungefähr [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    ungefährAdj.

    Pfälzisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    un-gefähr Adj. : 'annähernd, schätzungsweise, etwa', -g(e)fähʳ (-gəfēʳ , -gəfEʳ; -gf-) [verbr., Lambert Penns 157]; vor …

  4. Sprichwörter
    Ungefähr

    Wander (Sprichwörter)

    Ungefähr 1. Dat kommt nich von Ungefähr, dat komt von ganz wat anners här, säd de Dêrn, da harr se 'n dicken Bûk krêgen.…

  5. Spezial
    ungefähr

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    un|ge|fähr I adj. aproscimatif (-s, -iva) II adv. apresciapüch, incër, feter, zirca, inzirca, söporjö, püch sö püch jö, …

Verweisungsnetz

49 Knoten, 44 Kanten

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit ungefaehr

10 Bildungen · 10 Erstglied · 0 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von ungefaehr

un- + gefaehr

ungefaehr leitet sich vom Lemma gefaehr ab mit Präfix un-.

Zerlegung von ungefaehr 2 Komponenten

ung+e+faehr

ungefaehr setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

ungefaehr‑ als Erstglied (10 von 10)

ungefährd(e)

DWB

ung·e·faehrde

ungefährd(e) , adv. , adj., subst., aus âne geværde, th. 4, 1, 1, 2075 f., seltener als ungefähr und schriftsprachlich im 18. jh. erloschen.…

ungefährdet

DWB

ungefaehr·det

ungefährdet , part.-adj. adv. von gefährden th. 4, 1, 1, 2078. vgl. ungefähret; mnd. ungevêrdet, ungevêret ohne gefahr. zum mnl. ongeveert s…

ungefährdlich

DWB

ungefährdlich Jelinek 308 ; österr. weisth. 2, 233, 39; städtechron. 1, 29; ungefardlich (16. jh. ) Diefenbach-Wülcker 885 . s. ungefährlich…

ungefährlich

DWB

ungefaehr·lich

ungefährlich , adj. adv. , gegentheil von gefährlich, doch bes. in bedeutung 3 selbständiger und reicher entwickelt als dieses, deutlich auf…

ungefährlichkeit

DWB

ungefaehrlich·keit

ungefährlichkeit , f. , gegentheil von gefährlichkeit 2 ( vgl. ungefährlich 4), erst im 19. jahrh. häufig. zwar kommt schon 1459 mnl. sonder…

ungefährt(e)

DWB

ung·e·faehrte

ungefährt(e) , n. , gegenstück zu gefährt(e). mhd. ungeverte; mnd. ungevorde. vgl. ungefahr 2 , unfahrt, unfuhr. von dem alten reichtum des …

Ungefährwerk

DERW

ungefaehr·werk

Ungefährwerk, N., ›absichtslos schädigen- de Handlung‹, Brunner E. 19. Jh., s. unge- fähr, un, Gefahr, Werk,