ungefähr,
adv. (I),
adj. (II),
subst. (III).
die entstehung aus älterem âne vâr(e), âne gevær(e)
ist th. 3, 1246; 4, 1, 1, 2070
ff.; 7, 1219
behandelt. ins nl. (ongeveer; Franck-van Wijk 471
a)
und schwed. (ungefär)
gedrungen. vgl. ungefährd(e), ungefährlich.
zur betonung, die in den mundarten schwankt, s. ob. sp. 34 C.
das adj. ist theilweise gegentheil von gefähr;
s. II 1. II.
das adv. I@AA.
formen. I@A@11)
es gibt noch kein mhd. ungevâr = âne geværde (Lexer 2, 1878),
s. th. 4, 1, 1, 2076, 1 e
ε,
kein mhd. ungevêr
ebd. 2071;
ebensowenig eigentlich mnd. oder mnl. (
wb. 5, 725)
formen derart. erst die belege des 15.
jhs. bezeugen worteinheit bei dem zunächst noch nicht sehr häufigen neuen gebilde, dessen bestandtheile noch lange (
un gevar
circiter hist. volksl. 235, 68
Lil. 1504; uhn gfer
forte Sachs 13, 265, 2
Keller; one gefAehr
circiter Sebiz 393; ohnegefahr
dass. Fleming
d. ged. 1, 84),
in der mundart (ōni gfār
ungefähr Staub-Tobler 1, 261)
noch heute, selbständig bleiben können. vgl. th. 4, 1, 1, 2076 1 e
ε.
wenn sich nun im laufe des 15.
jhs. neben ongevar, ongever, ongeverd
ein bequemeres ungevar, ungever, ungeverd
stellte, so wurde diese vermischung durch verschiedene umstände begünstigt. die entwicklung von ân ôn > ûn (
s. ob. sp. 4 C 1;
th. 7, 1210; Müller-Fraureuth 2, 303
b)
traf einerseits mit genäselt verlängertem u~ (
sp. 3, 7; Lenz
vgl. wb. 73
a),
anderseits mundartliche kürzung von āne, ōn (Staub-Tobler 1, 880)
mit ŭn, ŏn
zusammen; das gleichbedeutende ungefährlich (
s. d. ungevarlich
wechselt mit ungevar
herzog Ernst volksb. 297, 5
var. Bartsch)
legte die volksetymologische umdeutung der präposition in das präfix sehr nahe, das adj. ungefähr (
s. II),
in dessen bildung un
privativum und die präposition sich theilen, machte jene umdeutung unvermeidlich; erscheinungen wie unpîn (Lexer 2, 1923), ungebreht (2, 1831), unerwarnung der armen leut (
städtechr. 29, 32, 9)
beweisen deutlich die auf dem grenzgebiet der präp. und des präfixes bereits herrschende unsicherheit. vgl. un I B 2.
dazu kam im deutschen wie im nl. eine erhebliche verdunkelung des sprachbewusztseins hinsichtlich des stammes dieser wortgruppe und seiner bedeutung. on ongevärd
zufällig schreibt Zwingli
gegenwurf wider Emser A 2
a,
wie es ein nl. zonder ongevaar (
wb. 10, 1672)
bei D. Heynsius
gibt. sonder alle arglist ende ongeveerlichheyt (1459;
mnl. wb. 5, 725)
führt auf ein mnl. ongeveerlicheit = geveerlicheit, gevaer
untreue, arglist und in Tenglers
layenspiegel 18
b findet sich: doch ist allweg die ungevaerd oder betrug darinn antzusehen,
was Haltaus 1939
mit ungeworde
in verbindung setzte (
vgl. ein stammfremdes mnd. ungevorde = ungefährte Schiller-Lübben 5, 56
b). I@A@22)
der kampf zwischen ungefähr
und ohngefähr
ist, unter wesentlicher mitwirkung der wörterbücher, im 19.
jh. durch den sieg der etymologisch falschen form für die schriftsprache zwar beendet, in den mundarten aber noch nicht erloschen. in der älteren literatursprache stehen oft bei demselben schriftsteller die verschiedensten formen neben einander; z. b. bei H. Sachs angfer (
s. th. 1, 354), ohngefehr (
th. 7, 1219), on-gfehr 8, 634, 5, ongefer 9, 36, 21, ungfehr 17, 117, 21, ungefehr 305, 15, ungfer 5, 29, 25
Keller, uhn gfer (
s. o.).
wenn Folz (
meisterl. 15, 15
M.) on gefer,
die hs. N 2
dafür vngefer
setzt, wird die erste form wohl schon als veraltend empfunden sein. der gebrauch des 17.
jhs. schwankt. Lessing
schreibt ohngefähr
fast nur in jugendwerken, in Göthes
briefen überwiegt entschieden ohngefähr,
in den werken ungefähr.
während C.
F. Bahrdt
z. b. in seinem leben nur ohngefähr
braucht, stellt Voss
zeitmessung 28
wieder beide formen neben einander. die wörterbücher stehen im allgemeinen schon früh für die un-
form ein, so Alberus, Hulsius-Ravellus, Reyher, Stieler (402,
trotz 1384), Wächtler, Ludwig (1716), Spanutius, Apini
gloss. nov., Steinbach, Frisch, Wachter;
freilich fehlt es nicht an widerspruch (Kramer 1702, 2, 165
a),
der aber bald durch falsche etymologien beschwichtigt wurde. Schilter (
thes. 3, 811)
leitete es von ungewaro
ab, Wachter (
gl. 1727, 317
f.; 1737, 1742
f.)
verlangte deswegen die schreibung ungewär, ungevär.
sogar Weigand
hat, noch 1852,
im wb. d. d. syn. 1, 396
auf verderbnis aus unkiuuaru, ungewahr
zurückgegriffen, nachdem Adelung
dieser unmöglichen deutung ein ganz unverdientes ansehen verschafft hatte. Adelung
lehrte (
wb. 4, 855): '
die erste sylbe ist die vorsylbe un,
welche im oberdeutschen gern in ein ohn
gedehnet wird, daher auch dieses wort selbst noch von vielen hochdeutschen ohngefähr
geschrieben und gesprochen wird, welches doch der analogie der übrigen mit un
zusammengesetzten wörter zuwider ist ... die zweyte hälfte ist das alte gefahr,
welches für gewahr
gebraucht wurde oder vielmehr aus diesem letztern gebildet ist, so dasz ungefähr
eigentlich unwahrgenommen
bedeutet.'
wie stark A.
damit auf die literatur gewirkt hat, bezeugt ausdrücklich Heynatz
antib. 2, 520: '
seitdem A.
sich für u.
erklärt hat, schreiben viel mehr schriftsteller als sonst u.'
der verständige widerspruch des antibarbarusverfassers drang ebensowenig durch als H. Brauns
mahnung: 'ungefähr,
gewöhnlicher ohngefähr'
orthogr. gramm. wb. (1793) 270
b.
die form ohngefähr
tritt als nachzügler auch im 19.
jh. noch auf (
z. b. Tieck
krit. schr. 2, 174; W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 294; Auerbach
dorfgesch. 2, 48; K. v. Hase
werke 4, 507;
zu lehrhaften zwecken Brunner
absichtslose missethat 823;
gesucht Nietzsche I 6, 243),
und wörterbücher (Kluge, Paul, Heyne)
erläutern wohl ungefähr
unter ohngefähr;
doch ist nicht daran zu denken, die vollkommen eingebürgerte form u.,
in die wir uns zu tief hineingefühlt haben, wieder zu verdrängen und die sprachliche entwicklung etwa rückgängig zu machen. in mundarten werden, wie in der älteren lit., verschiedene formen neben einander geduldet; z. b. ānifār, ānigfār, ōnegfōr, ōgfōr, ungfār, ugfär Staub-Tobler 1, 880; õgfár, ũgfár Schmeller 1, 741; Martin - Lienhart 1, 125;
im obersächsischen sagen noch alte leute ohngefähr,
sonst heiszt es auch da ungefähr, u'gefähr Müller-Fraureuth 2, 304
a. 598
b. I@A@33)
zu den übrigen formerscheinungen sind zunächst immer die grundworte gefahr, gefähr, gefährde
u. s. w., sodann angefehr
u. s. w., ohngefähr, ohngefährd
u. s. w. zu vergleichen. hier seien nur noch vermerkt das literarisch bis ins 17.
jh. reichende (
in mundarten noch heute übliche) ungefahr, ungevare
herzog Ernst volksb. 273, 1; 296, 30
Bartsch, ungefohre Montanus 496, 11, ungefahren
Endinger judenspiel 987 (
vgl. mnl. ongeferen
wb. 5, 725
und ungefährden), ungfüer
ebd. 25
neudr. (
vgl. th. 4, 1, 1, 2081 one vier,
luxemb. onggefeier
wb. 315
a und ein von Schmidt-Petersen 149
b angesetztes ongifir;
nl. ongeveirlijk), ungeferns
flugschr. 3, 200
Clemen (
dazu gefahrs
th. 4, 1, 1, 2062),
und das subst. ungefähre,
f. Unger-Khull 609
b. I@BB.
die bedeutung ist natürlich der von ohngefähr
gleich (
s. d.).
in der geschichtlichen entwicklung der grundvorstellung '
ohne absicht der schädigung'
ist einerseits mehr die theilvorstellung der schädigung, anderseits die der absicht betont. I@B@11)
die (
absichtliche)
schädigung, rechtsverletzung, schädigender irrthum werden ausgeschlossen. arglos, ehrlich, ruhig, nicht beunruhigt, vergnügt u. dgl.: sie wöllen danczen unde schwanczen mit der lanczen ungefer
Neithart Fuchs 1091; wa ich mich liebs ym hertz verstee, da will ich ungevar suochen
Hätzlerin 238, 237; die trancken wein ungfer
Forsters frische t. liedlein 103
neudr. nach 2
hinüber weisend: trüwlich und ungefehr Kirchhofer
sprüchw. 119.
vgl. 2 h; treulich und ohne gefährde Wieland
suppl. 6, 117.
auch objectiv sicher, ge wisz, genau (
vgl. th. 4, 1, 1, 2071): es was auch an der zeit fürwar, das datum mercken ungefar, dusent fünff hundert dryzehn iar Gengenbach 391
Gödeke. in der form ohngefehre: erstlich solt er (
der abt) sagen bald, was er von seinem herren (
dem kaiser) halt, zum andern, wo es gwis ohngfehre hie mitten auff dem erdreich were Eyering 1, 166; die tieffe, breite, länge und was man sonst so miszt, das weisz er ungefehr und rechnets ohne masz auf einem nagel her P. Fleming 160;
vgl. 47; auf wettergrimm ... auf regnen, blitzen, steinen kommt ungefähr die sonn daher, von näuem häll zu scheinen Rompler
erst. gebüsch 180,
wenn hier nicht bed. 2 f '
wohl einmal'
vorliegt. veraltet. I@B@22)
absicht wird verneint. I@B@2@aa)
ohne böse absicht: und er tuot keins dirr ding on ungluck,
dafür var. ungevar, und on hasz
erste d. bib. 4, 129, 26 (
num. 35, 22
f. Luther
bibel 3, 315
Weim.);
fortuitum homicidium der ungefehr geschicht Alberus 22
a; ungefehr verletzen Lehman
flor. 3, 288.
bis auf die mundarten, z. b. Schöpf 121,
und die terminologie der d. rechtsgeschichte (Brunner
absichtslose missethat im ad. strafrecht 822
ff.; zeitschr. f. rechtsg. 32, 52
ff. vgl. ungefährwerk, -busze
u. s. w.)
erloschen. vgl. b. I@B@2@bb)
ohne absicht überhaupt (Paul
aufgaben der lexikographie 74),
ohne berechnung, wahl. vgl. undankes,
unwillens: er kerett zu seim bett durch rast. und als er ungevar dar dast, do ergriff er ain schwartze bruch Folz
in Kellers erz. 228, 29; wenn der son unwissend und wider seinen willen ungefehr seinen vatter schlüge Luther
tischr. 403
a;
vgl. a; noch bett sy dennocht alle zyt ungefar, wie es sich gyt, abrahemsch, tütsch und latyn Murner
narrenb. 45, 116; offt fahet man fische ungefehr, da man nicht meinte, das einer wer Petri 2, q q vi
v;
dafür von ungefär Lüpkes
seemannsspr. 125, 43; sintemahl die Deutschen .. aus der anzahl vieler ungefehr in die asche gemachte striche ... ihr bevorstehendes glücke zu ergründen vermeinen Lohenstein
Arm. 1, 30
b; er ... thut alles ungefähr, liebt, haszt, verfolget, flieht B. Neukirch
ged. 175.
veraltet. noch bei Hippel
in der zusammensetzung ungefährbesuch,
ein dem besuchten eigentlich gar nicht zugedachter b. I@B@2@cc)
ohne besondere veranlassung, ohne (
guten)
grund, ohne berechtigung: so fallen sye (
die heuschrecken) in das mOer ... solichs tregt sich ungefar zuo, und nit .. das ynen ... die flügel solten nasz werden Eppendorff
Plin. 11, 198;
nach lib. sap. 2, 2 ex nihilo (
vgl. th. 7, 1219; Staub-Tobler 1, 880, 1): ich kam ungefähr hieher, sterb auch wieder ungefähr Gryphius
poet. wälder 1, 192;
vgl. von nichts, von ohngefähr, ein nichts, ein o. Göthe 1, 53
Weim.; wenn ich von unterschiednen nahmen der blumen, welche sie (wer weisz, ob ungefehr) einst überkamen, die ersten lettern nehm' und füge, so scheint es, dasz darin was sonderliches liege Brockes
vergnügen 4, 44.
veraltet. bes. in der litotes: von Bacchus der auch führt hörner nicht ungfähr Fischart
jesuiterhütlein 236, 250
Hauffen; durch unser schuld und bresten, und nit ungefaar habend wir allein den namen desz regiments, sonst mit der thaat habend wirs gar verloren Simler 5
a; wie kömts? fürwahr nicht ungefehr Schoch
vom studentenleben m 7
v; denn es kömt nicht ungefähr Grob
versuch. 125; die lieder stehen wohl nicht u. zu letzt Herder 5, 345;
vgl. von ungefähr, nicht von ungefähr Wander 4, 1430. 5, 1782; Staub-Tobler 1, 880, 1.
so schon nitt ongeverd(e) Keisersberg
post. 1, 3
a;
baum der seligkeit 12
b;
post. 3, 10
b.
heute ohne die präpos. nicht mehr gebräuchlich. I@B@2@dd)
zufällig; vgl. ungeschicht: so kumpt einr ungefar darzuo und fragt mich, was ich pei der tuo
fastnachtsp. 334, 19
Keller; ungevar es sich schicket, das ich durch ain venster plicket
Hätzlerin 116, 7; wir sind alle ungefehr und plumbs weise dazu komen Luther
vorr. über Daniel 7, 390
Bindseil; vgl. angeverde plumpsweis 34, 1, 68, 25
Weim.; sein pferd unter ihm erschossen war, ein anders bekam er ungefahr Opel-Cohn 67; Ditfurth
volksl. d. bayer. heeres 3; dasz die welt .. aus eitel durcheinander schwermenden sonnenstäublein ungefehr (
casu) zusammen gewachsen .. wäre Lohenstein
Arm. 1, 454
a; da fiel ich ungefähr ihm in den arm; da blieb ich ungefähr, so wie ein funken auf seinem mantel, ihm in seinen armen Lessing 3, 77 (
Nathan 3, 2, 97); ohne sie zu kennen, ritt ich ungefähr hin Herder 25, 242; ich stand ungefähr dieser tagen hinten am hollunderzaun Göthe 16, 62
Weim. (
Pater Brey 86); da er ganz mit seiner arbeit beschäfftigt, ungefehr aufsah, als eben die dame bey seiner werkstatt vorbey fuhr Laroche
frl. v. Sternheim 1, 89; ich ging u. auf der gasse Hafner
lustsp. 1, 90; er sah sich im obern theil um und fand u. eine unterirdische treppe Grimm
sagen 1, 10; diesz hörte u. ein stadtknecht und zeigte es seinen herren an Aurbacher
volksb. 145; als einst er zum brevier griff ungefähr Droste-Hülshoff 2, 60.
heute unüblich geworden und durch von ungefähr (
s. III)
verdrängt. die bedeutung hat sich im subst. ungefähr
erhalten. s. III 2 b. I@B@2@ee)
wie mhd. er ist sîn gevære niht (
wälscher gast 10418,
th. 4, 1, 1, 2067, 4 b) '
er versieht sich seiner nicht'
heiszt, bedeutet u.
auch unversehens, plötzlich: sag unverzagt, wass ist das gheim, dass dir ungfüer ist gefallen ein
Endinger judenspiel 25
neudr.; ungfehr fellt jhm ein trauren drein J. Ayrer 1512, 10
Keller; welcher ihm ungefähr wär ins gesichte geworffen worden
pol. maulaffe 156; nachdem ein lauter lerm ihn ungefehr erwecket v. König
ged. 205; niemals wird gott von etwas ereilt, ... das ihm ungefähr käm Bodmer
Noah 7, 260; Pedro, rasend, springt ungefähr dem Basko an kopf Göthe 38, 177, 9
Weim. improvisaden, dinge, die uns ungefehr einfallen Apini
gl. (1728) 273.
nicht mehr schriftsprachlich. Staub-Tobler
a. a. o. 1. I@B@2@ff)
vielleicht, etwa, etwa einmal, irgend wie (
wo, wann),
wohl, beispielsweise. vgl. mnd. ane geverdes
vielleicht: ungefehr vileicht Alberus T t j a; villeicht möcht einer ungefehr sagen Xylander
Polyb. 107; wer dich gen Rom trüge und herwider und setzet dich ungefehr einmal unsanffte nider, so were es alles verloren Fr. Wilhelm
sprichw. reg. i i y
β 134; an esiger spys, ungfar (
beispielsweise) digen fleisch, kesen und zigern
inventar von 1600
bei Staub-Tobler 1, 881; so ist der mensch: heut blühet er, und morgen, wenn ihm ungefehr ein wind rührt, ligt er nider P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 440
a; verschont sie ungefähr die strenge flucht der zeit Cronegk 2, 33; allein unter diesem herumschlagen musz ich mich ungefähr ... gestoszen haben Hafner
lustsp. 1, 14 (
vgl.e).
nur noch mundartlich; Staub-Tobler
a. a. o. 3. 5; Martin-Lienhart 1, 125, 2;
mnd. wb. 5, 56
a.
in der schriftsprache mischen wir die hauptbedeutung g
ein (eine empfindung, wie u. ratten und mäuse haben mögen Göthe 21, 21, 4
Weim.; laienspiegel, arzneibüchlein, ... reisen, was der fassungskraft der menge u. gemäsz ist Ranke 2, 56)
und beschränken gern u.
im gegensatz zu etwa, vielleicht,
die besonders dann dem ausdruck der eventualität und möglichkeit dienen, auf quantitätsang aben. Weigand
syn. 1, 396; Paul 153
b. I@B@2@gg)
die heutige hauptverwendung bei unbestimmten an gaben, für deren vollständige genauigkeit man nicht einstehen kann, hat die älteren formelhaften ausdrücke âne vâre, ône geværde '
sine dolo'
u. dgl. zur voraussetzung, die seit dem ende des 13.
jhs. (sine dolo, hoc est an gevarde
in einer lat. urkunde von 1272
Württemb. urkb. 7, 180)
in der rechts- und geschäftssprache so massenhaft auftreten, dasz sie, bald abgeschwächt und entwerthet, in die gewöhnliche rede dringen. soll ursprünglich die behaftung, der rechtsnachtheil bei ungenauer oder unzutreffender angabe abgewehrt und der dolus dabei ausgeschlossen werden (
vgl. Staub-Tobler 1, 882;
nl. daar wil ik af sijn
mnl. wb. 5, 725),
so bleibt nach dem verfall des mittelalterlichen rechtslebens in ungefähr
als erben der alten formeln von rechtsnachtheil und dolus allmählich nichts mehr übrig, die ungenauigkeit der angabe wird zur hauptsache ('
der rechten wahrheit und genauerer bestimmung unvorgreiflich, nur so hin ohne genaue bestimmung' Weigand
syn. 3, 1171).
erst mit der loslösung aus dem satzzusammenhang und mit der einseitig äuszerlichen bindung an die zahl- oder maszangabe erlischt die grundbedeutung völlig. ähnlich hat sich ungefährlich
entwickelt; auch da sind die älteren verbindungen noch aus der grundbedeutung zu verstehen; z. b. alle sinen egendom, dat sin dorpere, hove, hoffeacker, holt, velt, water, weide ... als dat alle ... in der graveschaff Waldeken twisschen den marcken Landouwe (
nun folgen grenzangaben) ... ungeverlech gelegen sint
urk. 1412
bei Bauer-Collitz 304; und soll man da eim ze kofen geben ein stein anken oder ein halben oder ein fierling ungefarlich, so vil er vergelten mag
quelle von 1427
bei Staub-Tobler 1, 884, 3; das ist ungevarlich als man zalt ... 1415 jar
städtechron. 5, 144, 2; maicht dit zo samen ... ongefeirlich oeverslagen drij mael hundert dusent man
pilgerfahrt des ritters von Harff 108; ein .. wald ... in der breite sibenzehen (meilen), drunder und drüber ungeferlich
Garg. 230
neudr. doch gehört die ausbildung der bedeutung '
ungenau, nur annähernd'
für diese wortgruppe immerhin dem 14.
bis 15.
jh. an wie z. b. one vier 1362
städtechron. 9, 996
a. 2 (âne være
th. 4, 1, 1, 2081, 3)
und on gefer Folz
meisterl. 15, 15
lehren. s. h.
im heutigen gebrauch trägt bei quantitätsangaben etwa
der persönlichen annahme, der möglichkeit, den umständen rechnung, während u.
sich mehr auf die thatsächliche unbestimmtheit der angabe bezieht. Paul 153
b.
noch äuszerlicher beiläufig (Weigand
syn. 3, 839), annähernd, beinahe, fast
u. s. w. weil ich die warheit sagen muoss, ist mir für wahr ein harte buess, so redt ich, dass es ungefahren geschehen ist bey acht jahren
Endinger judenspiel 56
neudr.; dass mag ungefehr ietzunder sein acht jar
ebd. 53
neudr.; sie samelten mer ain schar bei zwölf hundert un gevar und zwölf schlangen wie vor H. Schneider
hist. volksl. 235, 68
Liliencron; hat der böss geist ... unfähr ainer viertel stund lang getobt Nas
antip. 1, 45
b;
so allgemein bis heute, vor- und nachgestellt. dann auch bei masz- and artbestimmungen: darnach setz auf die seyten ein puncten c ungfer zuo mittel der form Dürer
messung G iiii c; so weit erstrecket sich ungefehr das frische haff Micrälius
Pomm. 1, 7; es ist ungefehr der brieff auff diesen schlag verfast gewest Harsdörffer
gespr. 1,
K vii
b; dies u. ist die bedeutung .. der landwehr Arndt
schr. 1, 301.
bei verben, nach h
hinüberführend, so ziemlich: u. voraussehen Göthe IV 11, 77
Weim.; sie wissen so u., wie ich stehe Mozart
bei Jahn 3, 489; Martin - Lienhart 1, 125, 1;
so gut wie: wäre P. nicht u. widerlegt Lessing 10, 152; der verfasser habe nur gegründete erinnerungen benutzt. das heiszt u. keine Voss
antisymb. 2, 138;
einigermaszen: denn sobald die apocalyptischen zeiten, wenigstens nicht u., bestimmt werden können, so Stilling 3, 10. '
undeutlich': so wie man u. und dunkel empfand Adelung
lehrg. 2, 29 (
vgl. h). I@B@2@hh)
obenhin, überhaupt, im allgemeinen, in bausch und bogen, ohne die näheren umstände (
das nähere)
angeben zu können u. dgl.: etwas nur u. wissen Adelung; nur u. messen, schätzen; wir nehmens u. Martin-Lienhart 1, 125, 2; er nimmt's ugfär, wie de tüfel d' bure Staub-Tobler 1, 881, 4; trüli und ungfor, wie die bure d' pflume fressen
ebd.; auch oberflächlich, ohne bedacht ebd. (
vgl. und weis auch all ir zal und schar mit ganczer zal, nit on gefer Folz
meisterl. 15, 15
Mayer; on geferden
blind drauflos Murner
schelmenz. 25, 26;
th. 4, 1, 1, 2075; glaub nicht ohngeferth Spangenberg
Saul 1470; ohngefehr und obenhin P. Fleming
ged. 1, 186); dabei behalten wir uns vor zu bestimmen, was wir u. für verkäuflich halten Göthe 48, 55, 14
Weim.; ungefähr sagt das der pfarrer auch
Faust 3460; ich weisz nur u., dasz zwei männer am fenster erschienen Laube 1, 14; u. erlangen wir so (
durch die nord. überlieferung) eine vorstellung von den sächsischen liedern Scherer
litg. 103.
manche ausdrücke stellen sich zwischen g
und h;
z. b. wenn ich nur so u. den tag des besuches wüszte. IIII.
adj. von dem im 16.
jh. aus dem adv. gewonnenen adj. ist ein gegentheil des alten adj. gefähr
zu scheiden. II@11)
dieses ist freilich vom sprachgefühl verdunkelt und mit jenem zusammengeworfen, doch sein vorhandensein unzweifelhaft und durch unfährlich, ungefährlich 2
und 3 a
bestätigt: als viel auff erden allein nur darumb krieger werden und achten es für ungefehr, ob gleich ihr herr der teuffel wär Moscherosch
ges. 2, 747,
wo die bed. '
nicht schädigend, nicht besorgniserregend (
vgl. th. 4, 1, 1, 2073, 3),
gleichgültig' (
vgl.es is e leichte gfar, es ist keine gefahr,
das ironische es ist eine gefahr
ebd. 2067 g. 2066 f
α;
s. auch 2072, 2 b; Staub-Tobler 1, 880)
sein musz. die möglichkeit, dasz u.
hier subst. sei, wäre an sich nicht zu bestreiten; vgl. die unsicherheit bei gefähr
th. 4, 1, 1, 2069, 1 d;
aber selbständige substantivierung von ungefähr
zeigt erst das 18.
jh.; s. III.
deutlicher ist das adj. in der bed. '
absichtslos, nicht feindlich verletzend': wann jhm (
dem pfarrer) ein ungefehres wort entfahre, könne (
er) es nicht wider zuruck ziehen Zinkgref
ap. (1628) 316; o der teuffelischen reputation bey gemeinen jungen leuten! da ausz einem ungefähren wort .. ohn einigen bösen vorsatz und gedancken deines nechsten, du ihn ... aufziehest Moscherosch
ges. 1, 609 (
gegentheil gefähr
etwa in der verb. gefähre nachstellung
th. 4, 1, 1, 2069, 3).
wiederbelebt in der sprache der rechtsgeschichte: vor ungefähren beschädigungen (vaþaverk) Wilda
strafr. 545. '
absichtslos, nicht absichtlich poetisch geformt': wie aber die .. reimwörter von der ungebundnen und ungefehren rede abgelernet ... worden, lehret Harsdörffer
trichter 3, 74.
fortuitus spielt in den 3
letzten beispielen wohl immer hinein. ein nachklang des alten gefähr (
th. 4, 1, 1, 2069) 3: am abhang weich gestreckt, liegt man ... auf ungefährem rasen Voss
sämmtl. ged. 5, 233;
die bed. ist hier etwa placidus, wozu I B 1
zu vergleichen. undeutlich den ungefehren weg L. H. v. Nicolai 2, 78.
veraltet. II@22)
das aus dem adv. ungefähr
entwickelte adj. scheint den mundarten abzugehen; doch s. ungefährd(e),
adj. es als sprachfehler (Günther
recht u. sprache 37)
zu bekämpfen, liegt kein grund vor. nicht alle bedeutungen des adv. sind beim adj. ungefähr
vertreten. vgl. wieder ungefährd(e). II@2@aa)
zufällig, plötzlich (
s. I B 2 d, e): das ungefahre glück Rompler
erstes geb. 177; die ungefähren zufälle Birken
lorbeerhayn 64; von ungefähren fällen kan man kein urtheil fellen Francisci
das alleredelste pferd 176; zufall Gottsched
schaub. 2, 252; Lessing 9, 366, 25; A. G. Kästner
verm. schr. 1, 3 (
in prädicatsstellung); Bräker 2, 251; Kant 8, 230; einfall Klopstock
briefe 16
Lappenberg; eine ungefehre wirkung der natur Chr. Wolff
v. d. absichten der nat. dinge 374; dem ungefehren spiel der träumenden phantasie Wieland
Ag. 1, 28; sachen Margar. Klopstock
werke 11, 15; eine ungefehre posse Lessing 9, 272, 18; dieses ungefähre zusammenströmen Bode
Mont. 5, 437; entdeckung Göthe 20, 416
Weim. etwas ungefähres Fouqué
gefühle 1, 225.
dazu subst. das ungefähre
der zufall: die elenden sätze des ungefähren A. v. Haller
tageb. s. beob. 1, 55; wir blicken so gern in die zukunft, weil wir das ungefähre ... heranleiten möchten
schr. d. Götheges. 11, 1.
vgl.auf das ungefähre hin,
unter c.
veraltet. II@2@bb)
etwaig: nach ungeferer gelegenheit eines jeden vermügen Schütz
Pr. 3, y iv e; male dir an jedem morgen die ungefähren lagen und leidenschaften vor, worein du am tage kommen kannst J. Paul 7/10, 169.
vgl. I B
f. unüblich. im wesentlichen tautologisch: dies ist nur ein ungefähres beispiel jener organischen verschmelzung Gutzkow
ritter v. geist 1, 225 (
vgl.ungefähr beispielsweise),
wir mischen freilich c
ein. II@2@cc)
hauptsächlich nach I B 2 g
und h,
ohne dasz eine scharfe scheidung hier möglich wäre: das du aber dein ungefere zeit auf halb ocktober ontstelest, auf zu sein, ist wol spot Magdalena Paumgartner
briefw. 237; wie der ungefehre abrisz zeiget Gäbelkover
artzneybuch 1, 382/3; ein ungefähre blinde linig L. Hulsius
erster tractat 69; ein ungefährer überschlag Rabener 2, 245; augenmasz Lessing 10, 257; blick Wieland 12, 61; inhalt Göthe 47, 257, 12
Weim., vom ungefähren nachsprechen A. W. Schlegel
Athen. 1, 13; zielen
Shakespeare 4, 210; mit einem leichten ungefähren zug des pinsels Stifter 1, 45. annäherung Niebuhr
r. gesch. 1, 189; entfernung Gutzkow 3, 24; aequivalent Schopenhauer 5, 601; richtigkeit Mommsen
r. gesch. 1, 122; wahrscheinlichkeit 1, 312; ahnung Gaudy 2, 78; begriff Gervinus
gesch. d. d. dicht. 2, 325; ungefähres rathen R. Hildebrand
sprachunt. 224; eine schöne ... verkäuferin hatte den ungefähren wuchs von Malva Auerbach 17, 115; verlauf Keller 8, 352; bedarf Bismarck
gedanken 2, 135; den ungefähren zusammenfall der ... grenzlinie zwischen laub- und nadelwald ... mit den mittelalterlichen stammesgrenzen Hoops
waldb. 186. nur im ungefährsten entwurfe R. Wagner
mein leben 3, 108; nur eine sehr ungefähre (
unsichere) rechnung 3, 178
volksausg. auf eine ungefähre art
ohne dasz man es im einzelnen genau zu nehmen brauchte Schwabe
bel. 1, 211; Rabener 1, 153; R. Wagner
m. leben 3, 150 (
von seinem klavierspiel); die belegstellen waren in ungefährer weise angegeben Justi
Winckelmann 1, 200.
subst.: auf das ungefähre hin
ins blaue hinein R. Wagner
leben 3, 293; wir wollen es mal nur so im ungefähren (
in bausch und bogen) nehmen. IIIIII.
das substantivierte ungefähr (
vgl.ungefährd)
erscheint zuerst in präpositionalen verbindungen, die völlig substantivischen charakter nicht immer verbürgen. vorbilder von ungeschiht, van wanschichte
u. dgl. erster beleg mit dem plur. von ungefährde: der ettwo von ungevärden oder mit fleisz hört die sünd des, der da peichtet Keisersberg
schiff d. penitentz 22
b (
zum plur. Murner
gäuchmatt 2020;
schelmenz. 64, 14; Montanus 439, 19);
seit der mitte des 16.
jhs. wird von ungefähr
immer häufiger und andere verb. schlieszen sich an; unsicherheit über den subst. charakter erhellt aus Lohenstein
Arm. 2, 980
b: die ergiessungen der wässer rührten nicht ungefehr her (
vgl. I B 2 c).
der selbständige gebrauch des subst. das, ein ungefähr (
plur. die ungefähre: zusammentreffen der ungefähre Herder 5, 432; Hippel 9, 239; Rahel 1, 169;
nicht üblich geworden, von Adelung
verworfen)
ist im 18.
jh. entwickelt und ins schwed. übernommen. das ungefähr
im rechtlichen sinne ist kein wort der alten rechtsquellen, sondern der neueren rechtswissenschaft. das th. 7, 1220, 3
bei Logau
angenommene subst. ohngefehr
ist in wirklichkeit das adv., und zwar wie oben bei Keisersberg
dem fleiszig
entgegengesetzt. ein ungevärd
s. ungefährd(e). die ungefähre
der zufall Unger-Khull 609
b.
substantivierung auch im sprichwort: āgfärt p'reicht och Staub-Tobler 1, 881; Gotthelf
bei Wander 5, 1782; Lehman
flor. 2, 629. III@11)
in verbindung mit präpositionen. III@1@aa)
von ungefähr;
wie I B 2 a: von ungefähr geschehen (vaþaverk) '
ohne nachstellung, bösen willen' Wilda
strafr. 545.
mnl. met ongevalle;
nl. bij ongeval.
wie I B 2 b: der dichter streute wol nicht mit forsatz hexameter ein, sondern är machte sie fon ungefär Klopstock
über spr. u. dichtkunst 1, 32.
sonst unüblich. wie I B 2 c: kein wohlstand kömmt von ungefehr Neumark
fortgepfl. lustw. 1, 273; so v. u. Morhof
unterricht 1, 150; von ungefähr sind diese frauen nicht hieher gekommen Göthe 11, 318, 678
Weim.; glaubt man, es sei v. u., und es bedeute nichts, dasz Laube 4, 124;
vgl. nicht ungefähr.
wie I B 2 d: zuo disem streit ... kam von ungefer der jung herr Richhart Wickram 2, 153, 16; Göthe
bei Bohner 79; von u. kreuzten sich unsere wege Kröger
schuld 91;
so heute allgemein an stelle des einfachen u. (
s. d.),
das schon Adelung
in dieser bed. als veraltend empfand. zum unterschied von durch zufall: wer verirrt ist und unbewuszt den rechten weg wieder trifft, kommt, wenn er nicht weisz, wie er sich plötzlich wieder auf ihm findet, durch zufall darauf, und wenn er auszer absicht und berechnung sich wieder darauf sieht, von ungefähr Weigand
syn. 3, 1171.
auch so v. u. maler Müller 1, 228; ganz v. u. Fichte 2, 330; wie v. u. Lenz 3, 130
Tieck u. s. w. wie I B 2 e: wenn man ihn v. u. in seinem arbeitszimmer überfällt Ayrenhoff 3, 194, 12; da kam mir ein einfall von ungefähr Göthe 16, 107 (
prolog zu d. n. offenb. 3)
Weim.; Hannswurst der erb von u. Hafner
lustsp. 1, 22;
schriftsprachlich veraltet. wie I B 2 f: heftig wie sie ist, thut sie sich noch einmal v. u. (on gferd
gelegentlich Staub-Tobler 1, 880) ein leides Göthe 22, 93, 8
Weim.; ich .. wollte nur noch v. u. anfragen, ob vielleicht Fontane I 4, 363;
schriftsprachlich nicht recht mehr üblich. während wir heute in der schriftsprache v. u.
in der bed. I B g
verschmähen, bieten es die mundarten (wie viel wird das v. u. kosten?
auch ver u. Müller-Fraureuth 2, 598
b)
und Klopstock: diesz so v. u. ist meine vorstellung von dieser schlacht 9, 213, 253; 10, 313; 11, 9, 238; 12, 361;
von Campe
als ungewöhnlich getadelt. wie I B h: ich versprach meinem vetter v. u. alles Hafner 1, 25.
vgl.g.
unüblich. III@1@bb)
durch u.: dennoch möcht ich das körnchen, so bisweilen, durch u. oder suchen, mir in die hand fiele, nicht gern wieder wegwerfen Bürger 1, 318. par ungefehr
zufällig Askenasy 39.
vgl.durch ein u. III@1@cc)
auf u.: auf u. und gut glück J.
F. Christ
bei Justi
Winckelmann 1, 379; R. Wagner 3, 187. es aufs u. ankommen lassen. III@22)
das auszerhalb präpositionaler verbindungen selbständig substantivierte ungefähr
bildet im allgemeinen zu dem sinnverwandten zufall
eine willkommene ergänzung; bezeichnet dieses in der hier in betracht kommenden bedeutung gern äuszerlich das geschehende, die begebenheit, das ereignis, so greift ungefähr
tiefer auf das verursachende, bewirkende, waltende zurück. Weigand
syn. 3, 1171.
vgl. 1 a. III@2@aa)
die bedeutung I B 2 a (b)
hat sich in der sprache der rechtsgeschichte erhalten: man unterschied nur willen und ungefähr (vili und vadhi, voluntas und casus), das u. umfaszte beides: culpa und casus Wilda
strafr. 578; handloses u. 597;
immer wiedergabe des altn. vâði,
das durch ableitung von vâ
gefahr (
ebd. 545
a. 2)
nahegebracht wurde; Falk-Torp 1337; mit allen völkern geringerer kulturstufe teilten die Germanen die unfähigkeit, hinsichtlich einer rechtswidrigen handlung zwischen böser absicht (
ahd. fâra, dank, ags. geweald, altn. vili) und bloszem ungefähr zu unterscheiden Schröder
rechtsg. 82; behandlung des ungefährs 348; typisches u. Brunner
absichtslose missethat 824. ungefähr(s)busze, -eid (Wilda 557, 595;
zeitschr. f. rechtsg. 23, 54; vaþabot, vaþaeiðr), -haftung, -sache, -werk (vaþaverk)
u. dgl. Brunner
forschungen 498
f. heute mischen wir den begriff des zufalls hier mit ein, den das alte strafrecht eigentlich nicht kennt. Brunner
abs. missethat 823.
vgl. ungefährlich 3 a
und c.
verneinung des zweckvollen (
vgl. I B 2 b, c)
kommt auch in Nietzsches ohngefähr
wieder zum vorschein: von ohngefähr — das ist der älteste adel der welt, den gab ich allen dingen zurück, ich erlöste sie von der knechtschaft unter dem zwecke I 6, 243; der himmel ohngefähr
ebd. III@2@bb)
nach I B 2 c: ist es ein ungefehr, das sie so singen heiszt? Brockes
ird. vergnügen 4, 57; es war kein u., dasz er da war
M. Meyr
a. d. Ries 2, 319. III@2@cc)
überwiegend wie I B 2
d. noch nicht im 17.
jh., nicht bei Walch, Frisch, Wachter, Zedler, Kramer, Kramer-Moerbeek.
als häufig gebraucht von Adelung
bezeugt, '
sowohl eine ungefähre begebenheit zu bezeichnen, als auch dasjenige unbekannte wesen, von welchem nach der philosophie des groszen haufens die zufälligen begebenheiten ... abhängen sollen und welches auch wohl der blinde zufall, das schicksal genannt wird': das ungefehr (
all chance) ist eine ordnung, die wir nur nicht beachten können Brockes
übers. des Pope vom menschen br. 1, 282; ist nicht des weltregierers grösze ... gekränkt, wenn ihr ein ungefehr erdenkt Schwabe
bel. 3, 342; der mensch? wo ist er her? zu schlecht für einen gott; zu gut fürs ungefehr Lessing 1, 256; nothwendigkeit und u. .. haben sich in die regierung der welt getheilt Wieland 7, 88; A. v. Haller
ged. (1882) 54; prediger des ungefährs Herder 7, 11; durch ein u. oder durch den wurf der zufälle 12, 31; einem tausendfachen u. von gefahren 5, 128; ein ball des ungefährs Thümmel
reise 3, 32; der würfel u. bestehn A. W. Schlegel
Shak. 9, 208 (
chance); der wurf oder der zug eines looses ist ein zufall, der von dem u. herbeygeführt wird Eberhard
syn. 5, 92; und ich soll dort dem ungefähr dich übergeben, das niemals wohl uns mehr zusammenführt? Grillparzer 8, 113; je fester die situationen schlieszen, so dasz sie auch ein mögliches u. nicht scheint durchbrechen zu können Ludwig 5, 416; ein u., eine laune, und die schlinge ziehe sich zu Fontane I 2, 251;
heute klingt es etwas gewählt und poetisch, es war ein u. (Adelung, Campe)
sagen wir kaum noch, ungefähre
für zufälligkeiten (
s. o.)
ist nicht mehr verständlich. mehr oder weniger feste verbindungen: dem albernsten u. Herder 16, 21; blindes Schwabe 1, 197; Schopenhauer 1, 250; bloszes
M. Mendelssohn 2, 326; böses Ludwig 2, 429; garstig Göthe 3, 136
Weim.; glücklichs Weichmann
Niedersachsen 4, 195; glückselig Geibel 4, 67; liebes J. G. Michaelis
bei Adelung; aufs liebe u. Arndt
sämtl. w. 1, 14; mörderisches Herder 13, 394; wildes Fouqué
bilders. 1, 411; zwittrigt Denis
lieder Sineds 265, 8
usw. III@2@dd)
wie I B 2 h: und nun schien mir des wanderns schönes leben ein gang vom paradies ins ungefähr, ein planlos irren und ein blindes streben Arent-Conradi-Henckell
dichtercharaktere 296. —