toll,
adj. und adv. ,
ahd. tol,
mhd. tol dol (
inlautend mit einfachem l),
alts. ags. dol,
mnd. dul,
nd. dull (düll Stürenburg 91
a),
nhd. toll,
früher auch doll;
dazu (
wahrscheinlich)
ahd. tala
in talamasca,
altn. dul (
einbildung, wahn Möbius 66),
östr. tell,
m. (
s.qualm 2)
von einer germ. wurzel dul,
deren nebenform dwal
im ahd. twëlan twal,
alts. dwëlan,
ags. dvëlan
erhalten ist, entsprechend einem goth. dvilan,
aus dessen prät. sing. das goth. adj. dvals (
toll)
und dvalmôn (
toll werden),
ahd. mhd. twalm (
s.qualm 2
und tolm)
abgeleitet wird. vgl. sanskr. dhvar
täuschen, beschädigen und Dief. 2, 646
ff. Fick
3 3, 155. Feist 28.
als grundbedeutung kann wol '
betäubt, bewusztlos'
angenommen werden, woraus sich dann die übrigen (
ähnlich wie bei taub)
entwickelt haben. [] II.
adjectiv. I@11)
des oder wie des verstandes und bewusztseins beraubt und darnach sich geberdend, benehmend, unsinnig, wahnsinnig, tobsüchtig (
s.tollhaus),
wütend, rasend, unbändig, ausgelassen, leidenschaftlich, zornig, heftig, thöricht, närrisch, unvernünftig, verrückt, stumpfsinnig, wirre, dumm, wunderlich u. dergl. je nach dem zusammenhange. I@1@aa)
von personen, ahd. tol,
stultus, pruriens Graff 5, 401;
mhd. und nhd. oft mit einem synon. adj. verbunden: ein vil tumber getelinc, trezzig und ouch dol, der mir all mîn vröude an der lieben brach.
minnes. 3, 252
b; ist er ze vrevel und ze dol, er wirt unfrô gemachet. Konrad
lieder 32, 155; mischent sich alle doll oder dum.
altd. wälder 1, 253; doll und thöricht und nimmermehr klug, die welt die führt ein thummer mut.
Ambras. liederb. 125, 1; dankest du also dem herrn deinem got, du tol und thöricht volk?
5 Mos. 32, 6; da dis der könig höret, ward er toll und thöricht. 2
Macc. 7, 39; das sie so toll und unsinnig gewesen sein. Luther
streitschriften (1521) 2, 70
neudr.; kinder, denen ihr eltern doll odder wansinnig sein worden.
von den guten werken 83
neudr.; und (
Nebucadnezar) wird leiblicher weise tholl und unsinnig, das er sieben jar grasz frist wie ein ochse. Mathesius
Sar. 83
b; wenn du der tolle rasende wütrich bist.
Hans Phriem v. 2242; (
sie) wirt endleich doll und unbesint. H. Sachs 13, 108, 26; die darinn (
in den sünden) gar verstocket sind, als ob sie gar sind toll und blind (
vgl. tollblind). 18, 156, 27; und ist das grobianisch gsind so ungesaltzen, doll und blind. Scheidt
Grob. v. 2284; du schwetzest uns wol all taub und doll. 1301; du bist unbescheiden, dol und thumb. H. Sachs
fastn. sp. 1, 129
neudr.; weil sie (
die bauern) tholl und einfeltig sind.
werke 17, 101, 20; was tolle, unverstendige leut mit iren kindischen anschlegen anheben, brengen nichts zu wegen. Waldis
Esop. 3, 97, 76; weil du der ding bist unerfahrn, gar viel zu toll und jung an jarn. 4, 95, 184; ein doller ungeschickter pfaff. Wickram
rollw. 80, 18; sein weib ... lieffe ihm alle ränke ab, also dasz er vermeinte, er müsse doll und thöricht darüber werden.
Simpl. 1, 207, 24
Kurz; dieser war ... eben so grob und toll gewest als die andern. Waiszel
chron. (1559) 12
a; der stoltz, toll und grob ist beidsamen.
Ganskönig H 4
b; wann niemand schon so toll und grob, der deinen namen nicht wolt preisen. Weckherlin 369 (33
Göd.); er schreit, als wenn er toll und töricht wäre,
insaniae fuisse detonat Stieler 2282; hier (
beim röm. carneval) wird vielmehr nur ein zeichen gegeben, dasz jeder so thöricht und toll sein dürfe als er wolle. Göthe 29, 229; toll und thörig 4, 49; ich bin so wild! so toll! dasz ich gar nicht weisz, was ich anfangen soll. 11, 96;
Meph. zu Faust. an dir gesellen unhold, barsch und toll, ist wahrlich wenig zu verlieren. 12, 171 (
Faust 3259
Weim.).
noch öfter steht toll
allein und zwar I@1@a@aα)
attributiv, z. b.: die tolen engele Karajan
sprachdenkm. 42, 8; ein toller narr
Sir. 31, 37; weh den tollen propheten, die irem eigen geist folgen.
Hesek. 13, 3; die leben hin nach fleisch und blut, ... on zaum, geleich der tollen jugent. H. Sachs 7, 340, 16; recht thut man noch, dasz man die bawren zu Fünsing nennt die thollen lawren. 17, 101, 7; die tollen leut zu Dölpelbach. Waldis
Esop. 4, 90, 76,
vgl. 63; welcher (
Minos und Numa) ein jeder mit tandtmeeren die tollen gemein hat regiert. Frank
mor. enc. 45, 2
Götz.; dasz tolle heiligen gefunden werden, welche vermeinen, dasz das sein ernst gewesen sei. Schuppius 649; doller bischof Weckherlin 151
Göd.; es gibt ein überaus tolles (
ehe-)paar.
kunst über alle künste 117, 9; das ist ein tolles völkchen. 126, 7; diese tolle zigeunerin.
Simpl. 3, 169, 10
Kurz; ich glaube, liebe Louisse, dasz ihr undt ich dolle generals sein würden. Elis. Charl. (1871) 37; es rannten die tollen verwandten herbei. Göthe 1, 215; der tollen jugend anmaszliches wesen. 3, 248. I@1@a@bβ)
substantivisch der, die tolle, ein toller, eine tolle,
z. b.: einen tollen aber erwürgt wol der zorn.
Hiob 5, 2
f.;
[] den tollen macht der wein noch töller. H. Sachs 19, 133, 12. 136, 23; die tollen handeln unfürsichtig. 284, 21; der koch handthieret wie ein toller herum.
kunst über alle künste 158, 15; doch redet ein toller in freiheit weise sprüche, wenn ach! weisheit in sklaven verstummt. Göthe 1, 215; ist vielleicht nur die welt ein groszer kerker? und frei ist wohl der tolle, der sich ketten zu kränzen erkiest. 382; sag', welch ein muthwill tolle! dich treibt? 11, 110. I@1@a@gγ)
prädicativ toll sein, werden, machen,
z. b.: ie stöltzer (
seiend) ie töller. Keisersberg
post. 3, 45
a; o ir Preuszen, wenn ir nich toller weret denn eure bienen, so dürftet ir darumb keinen zank haben. Waissel
chron. (1559) 12
a; aber mein volk ist toll, und gleuben mir nicht.
Jer. 4, 22; dann niemand ist doch also doll, der solche gottslestrung glauben woll. Fischart
nachtrab 1809; bistu kerl toll (
tobsüchtig), so musz man dich mit ketten umfangen.
kunst über alle künste 186, 10; jene menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen sprechern, die wir in Frankreich laut hören auf straszen und markt. Göthe 1, 364;
B. ha, bist du toll?
R. toll, aber klug! 10, 220; sind sie toll, Philine? rief Wilhelm aus —, die öffentliche strasze zum zeugen solcher liebkosungen zu machen. 18, 211; wie? noch unschlüssig? seid ihr toll? seid ihr wahnwitzig? Schiller 2, 268 (
räuber, trauersp. 2, 16). — toll werden: die blasen dir sonst den kopf so voll, dasz du davon würdst gleichsam toll (
betäubt). Ferber
armbrustschieszen (1610) P 3
b; toll werden,
hebescere Maaler 404
b; toll werden von zorn,
ira in rabiem verti Stieler 2282; endlich ... werde ich tolle (
aufgebracht, zornig), .. und frage den kerl, ob er mich äffte. Ellner
unw. doct. 781; (
es ist) kein mensch so klug, dasz er nicht eben toll bei der gemeinsten sache werden könnte. Göthe 10, 221; seitdem bin ich ganz toll geworden über das toll gewordene volk. Börne 1, 310; ist es nicht zum toll werden! Klinger 1, 397. toll, wie toll (
seiend, werdend): von solcher redt gieng er (
der im letzten augenblick vor der hinrichtung begnadigte) halb todt und doll (
betäubt) hinab.
Zimm. chron.2 4, 202; ich rief, vor freuden toll: ach prächtig! J. Paul
Kampanerthal 22; sie lag ohnmächtig nieder und das ganze haus war wie toll. Göthe 11, 51; und alles tanzte schon wie toll. 12, 54 (
Faust 953
Weim.); toll sein, werden
auf: ich war auch so tolle auf die kerl, dasz gar keiner von den schurken mit hand anlegen wolte.
Schelmufsky 77,
neudruck der vollst. ausgabe; personen .., die auf den freund toll werden, wenn er ausplaudert. J. Paul
Hesp. 1, 105;
mit genitiv: des mustu mir versprechen, das sy ist mannes dol (
vgl.mannes-, manntoll, männertoll).
liedersaal 2, 587, 91; sie war noch nicht so klostertoll um das, was ihrem herz entquoll, aus heiligkeit zurückzuschlürfen. Thümmel
d. heil. Kilian 11. toll machen,
amentare Dief. 29
c,
hebetem facere Maaler 404
b,
stupefacere Stieler 2283: das pucken (
bücken nach den beeren im walde) het mich machet tol (
betäubt, wirre), das ich verfelt im wald der strasz! H. Sachs 3, 573, 7; oftmals voll macht endlich toll (
vgl. 1,
c). Logau 1, 2, 13; er macht die richter toll.
Hiob 12, 27; dergleichen reden ... können mich toll machen. Göthe 19, 94; dem einen hat sie einen schnippischen korb gegeben, dem andern hat sie einen sohn toll gemacht. 11, 14; sich toll machen, stellen. Denzler 288
a. toll machen auf: sieben neuntheile von meinen lieben schreibenden landsleuten auf mich toll und rasend zu machen, das ist alles, was ich mir vornehme. Lessing 12, 206.
mit andern verben: sich toll reiten (
im reiterkampfe, beim endlosen hin- und herreiten). Wilw. v. Schaumburg 59; erzeig dich so gerecht, als sie sich zeigen doll. Weckherlin 124; er lachte sich toll. J. Paul
uns. loge 2, 55. I@1@bb)
von thieren: der man kan wol von unglück sagen, der mit eim solchen weib ist erschlagen, gantz ohn verstandt, vernunft und sin, geht als ein dolles viech dahin. H. Sachs 14, 83, 5; ir seit vorwar gar tolle thier. Waldis
Esop. 3, 49, 17;
[] denn Israel leuft wie ein tolle kue.
Hos. 4, 16; ein toller (
wütiger) hund. Kirchhof
wendunm. 268
c. Waldis
Esop. 4, 96, 109.
rockenphil. 643 (4, 69); ein toller hund laufet nicht uber sieben tag. Pistorius
thesaur. 10, 21; wenn mich kein toller hund gebissen hat. Arnim
schaub. 1, 60; er ist von einem hund gebissen worden, von dem er nicht weisz, ist er toll oder nicht. Gotthelf
erz. 3, 335; zu morgens geht er wie ein toll schaf oder schleffet auf mittag hinein. H. Sachs
fastn. sp. 1, 79
neudr.; die rosz .. wurden toll und schellig.
eselk. 295;
sprichwörtlich er reitet ein tolles pferd,
er hat sich eines gefährlichen handels unternommen. Frisch 2, 37
b; wie oft hab ich mit einem wort verjaget manche dolle katzen. Weckherlin 176
Göd.; und stelt' er (
der gefangene spatz) sich auch noch so tol (: wol), und flög' er ewig kreuz und queer nach allen fenstern hin und her. Bürger (1778) 126; der vogel schosz wie toll in zickzackzügen um die schüler. Immermann
Münchh. 3, 169; tolle hummel Stieler 2282, bienen Waiszel
chron. 12
a. I@1@cc)
im engern sinne, toll
aus trunkenheit, aus schlemmerei: und solt ich werden taub und toll (
ganz betrunken).
Ambras. liederb. 164, 11; wein und most machen tolle
Hos. 4, 11; die trunkenheit macht einen tollen narren noch töller.
Sir. 31, 37; sie führn ihn zur tabern so doll. Fischart
Garg. 50
a; wann sie (
vom trinken) schon dolle köpf gewinnen. Scheidt
Grob. v. 2046.
namentlich in der reimverbindung toll und voll,
ebrietate insanus Weismann
lexic. bipartit. 2, 377
a (
nd. dull und vull Dähnert 95
c. Danneil 42
b): so wurden sie zu Rom merken, das die Deutschen nit alletzeit tol und vol sein. Luther
an den adel 32
neudr. (
werke 1, 298
b); wie seit ir nu so vast doll und vol. Murner
schelmenz. 41
a; welcher .. tag und nacht im sausz lebte und ohn underlasz toll und voll zu finden war. Kirchhof
wendunm. 120
b; dieser kam einmal in den tempel toll und voll, singend und springend.
pers. baumg. 4, 6; er gar oft toll und voll heim kam.
ehe eines weibes 293; er ist toll und voll. Lichtenberg 3, 74; sich toll und voll saufen, fressen: ja, fressen sich hie doll und voll. Fischart
Domin. v. 3503; hast du dich schon toll und voll gesoffen? Gryphius 1, 642; sich toll und voll trinken
Pierot 2, 58;
seltener voll und toll: bistu abends voll und toll, so sauf dich morgens wider voll, vertreib den gestrigen rausch mit dem heutigen. Lehmann 758, 41. I@1@dd) toller kopf, verstand, sinn
u. s. w.: toler muot
kindheit Jesu 101, 37; des was mîn herz sô do dol. Rubin 4, 10; doller verstand,
obtusum, retusum, plumbeum ingenium Dasyp. (1556) C 2
c. Maaler 91
b. 404
b; also thut im auch ein reuter, der gibt sich dahin in krieg, .. hat auch keine verheiszung, der er sich trösten köndte, denn allein seinen tollen sinn. Luther 5, 314
a; wo ein herr nach seinem tollen kopf regiret (
vgl. tollkopf)
von den guten werken 88
neudruck; entblöszt die tolle brust, drinn keine redligkeit je einen sitz erkohr! Gryphius
trauersp. 576
P.; einem die ohren toll machen,
aures alicui obtundere Weismann
lexic. bipartit. 2, 277
a; es wird mir toll ums herz! Klinger
theater 2, 368; schon so oft hast du mir (
mit vorwürfen) den kopf so toll gemacht. Göthe 11, 9; du darfst mir den kopf nicht toller machen. 112; kluge vorsicht mehr als toller muth den feldherrn ziert. Schiller 6, 146 (
Phöniz. 2, 4); es ist dein bild besudelt und entehrt, das er in seinem tollen hirne nährt. Lenau 2, 53. tolle sucht,
s. tollsucht. I@1@ee)
in bezug auf gedanken, anschauungen und handlungen eines oder wie eines tollen: die tollen gedanken ires ungerechten wandels.
weish. Sal. 11, 16; mit ewrn tollen, nerrischen, unnutzen gesetzen. Luther
streitschr. (1521) 2, 105; das ist doch gar ein dolles fragn. Gilhusius
gramm. 35; ein doller spot Frank
mor. enc. 69, 32
Götz.; der toll zorn thut mehr schaden als drei dreschflegel. Lehmann 926, 54; gott wöll in behüten vor der gottlosen tollen wüten. H. Sachs 18, 157, 1; das tolle lieben ist, im steten tode leben. Philander (1650) 1, 111;
[] wie gut ist es, in kurzer zeit bei seinem dienst gar reich zu werden, und doch noch dolle wort ausgieszen, wie man dabei musz vil einbüszen. Weckherlin 76
Göd.; für einen rasenden wäre meine rede zu klug, und für einen träumenden zu toll. Lessing 1, 334; (
echo) schreiet im posaunentone die tollste schmeichellüge nach. Tiedge 35, 69; es ist war, das sie ein doll leben zu Strasburg geführt hat. Elis. Charl. (1867) 294; die genialisch tolle lebensweise unserer kleinen gesellschaft. Göthe 26, 344; tolle laune 20, 296; ich würde ... einen tollen streich machen. 15, 13; löblich wird ein tolles streben, wenn es kurz ist und mit sinn. 3, 174; die .. dich mit der tollen sucht zum grosen mann ansteckte. Schiller 2, 123; tolle zeiten hab' ich erlebt, und hab' nicht ermangelt selbst auch thöricht zu sein, wie es die zeit mir gebot. Göthe 1, 363; kein tolleres versehen kann sein, gibst einem ein fest, und lädst ihn nicht ein. 2, 250. tolle sachen
u. dergl.: das seind mir tolle sachen.
kunst über alle künste 181, 9; schlaffen, spielen, schertz und lachen und kein kummer toller sachen. Günther 79; ich glaube nicht, dasz man jemahlen dollere sachen erlebt hat, als die, so in unsern seculo vorgehen. Elis. Charl. (1871) 35; mir widersteht das tolle zauberwesen. Göthe 12, 114 (
Faust 2337
Weim.); das tolle zeug, die rasenden geberden ... sind mir bekannt, verhaszt genug. 124 (2533).
substantivisch das tolle: endlich erscheint ein weibliches ding, ... lustig bis zum tollen. Lessing 7, 147; ich weisz nicht, ist es das tolle dieses einfalls, aber er fängt an, mich zu reizen. Schiller 14, 137 (
neffe als onkel 1, 4); man musz oft etwas tolles unternehmen, um nur wieder eine zeit lang leben zu können. Göthe
gespr. 911 (4, 333)
Biedermann; denn sie kannten mich beim theater und wuszten, dasz ich in solchen dingen keinen spasz verstand, und dasz ich verrückt genug war, mein wort zu halten und das tollste zu thun. 928 (5, 35); dreister griff gebührt dem dreisten, doch ins tolle stürmt ein toller.
F. W. Weber
Dreizehnl. 150. I@1@ff) der tolle koller,
wie der rasende, wütende koller
eines pferdes (
th. 6, 1617): der tolle koller zeigt sich, wenn das pferd wütet und tobt und sich selbst mit den zähnen beiszt, mit der brust an die krippe und mit dem kopfe an die mauer läuft
u. s. w. Jacobsson 6, 305. I@1@gg)
von lebend gedachten sachen und abstractionen: ich sprach zum lachen, du bist toll, und zur freude, was machestu?
pred. 2, 2; das tolle liebesfeuer. Schuppius 649; entblöszt das tolle schwerdt! Gryphius
trauersp. 443
P.; ach! hätte dich ... die tolle see bedeckt. 459; wenn nicht der tolle nord sich um die segel müht. 581. die tollen flammen er (
Zeus) regnete sie all zusammen. Lenz
ged. 192
Weinh. I@22)
übertragen auf sachen. I@2@aa) toll machen,
in rasche bewegung setzen, verschwinden machen, entwenden: die erste wahr, die ich einkramte, war ein rantzen, den ich einem seckler toll machte.
Simpl. 3, 323, 18
Kurz; demnach einer aus uns erdappt ward, als er einer vornehmen frau auf dem alten markt ihren schweren beutel doll machen wolte. 1, 432, 4. I@2@bb)
von wunderlichen, auffallenden oder verdorbenen dingen: der cattun ist mir zu toll,
zu bunt Schmidt
westerw. idiot. 256. Kehrein
volksspr. in Nassau 1, 405; man ... frisiret ihm die tollsten perücken auf den kopf. Göthe 57, 231;
vom holze: anfaulend, morsch Schambach 50
b;
von der butter, wenn sie hart und ungeschmeidig wird. Heyse 2, 1243. I@2@cc)
von gliedern, ohne gefühl und empfindung (
vgl.dumm 2, taub 2): werden ihm die füsz und schenkel dumm, dol und unempfindlich (
vgl.tollfusz). Ryff
thierbuch 50. 244. I@33) toll
drückt aber auch gute eigenschaften aus, indem der begriff des ausgelassenen und lärmenden übergeht in den von lustig und fröhlich, der des wunderlichen und auffallenden in den von bewundernswert, zum verwundern gut, grosz und schön gewachsen, stattlich, tüchtig, gewandt, wacker, brav u. dergl., s. Schm.
2 1, 602. Höfer 3, 231. Schöpf 746. Lexer
kärntn. wb. 63
f. Schmid 131. Stalder 1, 289. Tobler 145. Schmidt
westerw. idiot. 256. Schütze 1, 267.
[] I@3@aa)
von personen: mhd. ûf sînem helme zimet wol ein kranz von reines wîbes hant, dâ von er mac wol werden tol. Winsbeke
s. 57; ich hân dich gemachet dol, daʒ du ein biderp man bist worden.
lieders. 2, 21, 86;
nhd. ich glaub wol, dasz es sehr verdriesz, die landsknecht und manch dollen reuter, weil sie die münch vertringen leider. Fischart
nachtrab 855.
mundartlich ein toller bue, ein tolles mensch, tolle leut
u. s. w. (
s. die angeführten wörterbücher): einen hübschern und töllern sehe. man nicht bald. Gotthelf
erz. 2, 191. I@3@bb)
von thieren: eine tolle (
schöne, wohlgewachsene) kuh, ein tolles kalb
u. s. w. Stalder, Lexer
und Schöpf
a. a. o. I@3@cc)
von sachen: ich war so kühn, meinen hut mit einem dollen (
schönen) federbusch zu zieren wie ein officier.
Simpl. 1, 229, 31
Kurz; doch brachte ich ... so viel zu wegen, dasz er mir ein doll kleid machen liesze auf die neue mode. 3, 22, 19; e tolls bettli Tobler 145; isch Basel nit e schöni tolli stadt? Hebel (1843) 1, 154; wixe, waxe meinen faden, mach ein tollen (
guten, festen) knopf daran. Lexer
kärntn. wb. 290
a; ein tolles haus, eine tolle (
hübsche) predigt. Schmid 131. Schm.
2 1, 602. Kehrein
volksspr. in Nassau 1, 405; ein tolls (
groszes) glas. Schöpf 746. I@44)
endlich hat toll
auch active bedeutung, toll
machend: aszen wir von jener tollen wurzel, die die sinne bethört? Schiller 13, 16 (
Macb. 1, 5).
s.tollapfel-, -beere, -kirsche, -kraut, -trank
u. a. IIII.
Adverb. II@11)
auf tolle weise: sprich auch nit also tholl und thumb. H. Sachs 19, 65, 34; es gieng toll und bund über die eck her.
Simpl. 3, 328, 4
Kurz; den andern tag gieng es noch töller her. 272, 22; es müszte toll hergehen, wenn .. H. L. Wagner
die kindermörderin 9, 18
neudr.; aber wie ich sehe, so geht die post noch doller bei euch, weillen ihr in einem tag 4 von meinen brieffen entpfangen habt. Elis. Charl. (1871) 686; um wohl französch zu schreiben, musz man die sprache gar wohl können, sonsten kompts doll heraus. 325; dull denken,
sich wunderliche gedanken machen Richey 45. II@22)
auf lustige weise: auf der hochzeit gings toll her. Schmidt
westerw. idiot. 256;
auf schöne, wackere, tüchtige weise (
s. I, 3): zuletzt ward ich auch heimlich geneidet, .. dasz ich mich so doll hielt.
Simpl. 1, 249, 8
Kurz; der pfarrer hat toll (
schön) gepredigt. Lexer
kärntn. wb. 63; (
du) predigst für dich doll (
kräftig, stark) hinweg. Fischart
nachtrab 2921;
sehr, stark, viel: toll essen, trinken, schlafen
u. s. w. Schöpf 746.