Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
bor stf.
1. in der adverbialen zusammensetzungenbore, enbor.
a. in der höhe, in die höhe, empor. enbore Hartm. v. gl. dô man die wage enbore solde haben aneg. 34,71. die engel habent dich enbor das. 37,60. ein tavel hienc enbor Iw. 19. von nidere ûf enbor haben Iw. 49. er stach in enbor ûʒ deme satele hin, über den satel hin Iw. 176. 199. sîn hende habet er enbor Wigal. 7113. Sâturnus louft sô hôch enbor Parz. 493,1. vgl. 539,17. er huop sich zem sprunge enbor das. 567,12. werc daʒ hie stuont enbor Parz. 589,12. er gie enbor weiter hin (hôher) Trist. 13594. ir herze daʒ vuor rehte enbor als eʒ gevidert wære Trist. 5242. des vert enbor dîn lop mit süeʒem sange Gfr. lobges. 33, 13. den truoc sîn muot ze hôhe enbor Barl. 60,12. 102,33. 97,25. die sâʒen ûf der tugende bün schône werdeclîche enbor troj. 9. a. diu stimme klanc hôch enbor troj. 9. b. 23. b. rucke uns zuo im enpor vaterunser 925.
b. höchlich, in hohem grade, sehr: vgl. das folgende bor.
α. in bejahenden sätzen. ir sît einander enbor holt seid sehr gute freunde Reinh. f. 1654. er fröwete sich enbore vil daʒ er ein schâf vunden hete Leyser pred. 63,30. dô si stuont enbor lange (borlange?) mit sorgen bevangen, zuo disem sêre wart ir nôt mêre Tundal. 54,80.
β. in verneinenden sätzen. dar umbe stuonden zwencic schüzzen si ne wâren inbore nüzze nicht viel, wenig nütze kaiserchr. (heidelb. hs. 361) 1. d sô getâne tougen (so l. st. totigen) in mac ich inpor wol gelouben, sô ich iʒ dicke hôre sagen kaiserchr. heidelb. hs. 11. c. ouch inist is inpor lanc, daʒ ich dir eine messe sanc das. 88. b. — enbor steht aber auch in dem sinne von 'wenig, nicht sehr' ohne hinzugefügtes ne, was als ungenauigkeit oder als eine art ironie gefaßt werden muß. Doch ließe sich in einigen hierher gehörigen stellen die negationspartikel ne ergänzen. der wec dûht (nedûht?) in enbor lanc Kolocz. 250, wofür in der kaiserchr. (heidelb. hs. 361,70. b) steht der wec ne duhte in niht lanc û. so auch gr. Ruod. B, 5: ich hân behalden den diep wa (? eteswâ?) hie enbore verre bî, und H, 27: do crouch der arme herre von der stat enbore verre. deme gab er die brieve de wâren ime en bore libe das. β, 3. in porlanc kchr. 132. b. eʒ enstê enborlangen Tundal. 58,56. in por lanc dar nâch sô lâgen si tôt Leys. pred. 79,33. dar nâch was enborlang myst. 1,40,24. —
2. in dem bor, das adjectiven und adverbien vorgesetzt wird, und den begriff von überragen, übermaß bezeichnet, und sich noch in der Schweiz erhalten hat (s. Stalder 1,105). dieses bor steht:
a. in bejahenden sätzen. vil kûme wart der Riuʒe von der ungevüege brâht, dô het er im borschiere gar schnell einer niuwen erdâht Ortn. 55. — gewöhnlich steht aber bor ungenau, oder mit einer ironie so daß ein verneinender sinn entsteht 'nicht sehr viel' d. i. 'sehr wenig, gar nicht.' bei den stellen, die hierher gehören, kann es jedoch wieder zweifelhaft sein, ob nicht ein ne ergänzt werden muß; vgl. oben enbor. — swie hêre der chunich wâre, daʒ was got bormâre. durch des überhuores sunde vil manige chestige er in ane sante das war Gott gleichgültig (oder mit tilgung des punktes hinter bormâre 'das war doch in Gottes augen höchst wichtig wegen der sünde der vielweiberei'?) Genes. fdgr. 2,30,11. mich minnent ouch die mir sint doch bormære die mir gleichgültig sind MS. 1,9. b. diu sehste heiʒet trâkheit. siu (sine?) ist des strîtes bor gemeit. si kumet blickende hinde nâch; ir ist zuo strîte lützel gâch Diut. 1,295. swer mir nimpt mîn êre der geniuʒet es borvil wenig, d. i. gar nicht Lanz. 1147. under allen den vrouwen was borvil (enbor vil W) ieman baʒ getân schwerlich war eine frau schöner Lanz. des borvil ieman warte (daʒ es enbor vil ieman marcte W) worauf durchaus niemand gefaßt war Lanz. 6393. dâ (dane?) wær eim andern man borwol (enborwol W) da würde sich ein anderer durchaus nicht wohl befinden Lanz. 1692. si wurden dâ berâten, als si des state hâten mit vil guotem fiure: daʒ (daʒn?) was in dâ bortiure das war ihnen da nichts weniger als selten Er. 7042. eʒ (eʒn?) prîset in borsêre, wirt im des siges an mir gejehen: wan so ist im dicke baʒ geschehen Er. 8568. darnâch was (enwas?) eʒ porlanc Ernst 588. über lang 596. ein paternoster langet borverre nichl sehr weit myst. 1, 284,20.
b. in verneinenden sätzen.daʒ mir êr bore unchunt ne was nicht gänzlich unbekannt N. Boeth. 183. daʒ neist bor-reht zala das. 209 (Gr. 2,1011). mich ne dunkit ir borvil pf. K. 149,20. och ne stêt eʒ por lenge, ê des glustes geduenge in aver ane gât Genes. fdgr. 2,21,8. sîn puoʒe ne was por guot das. 26,6. daʒ aver scol werden daʒ ne mach nieman erwenten. mannes gewerf ne hilfet porvile nicht gar viel ube is got niene wile Genes. fdgr. 2,37,1. des ne bistêt hie pore vile nicht sehr viel, d. h. nichts das. 51,9. ne dûhte iʒ in sâ porlenge das. 42,7. got daʒ ne wolte, noch porlange ne dulte das. 42,30. porlanc iz dô ne stuont ê Joseph sach einen troum guot das. 53, 11. unt ne wâre doch des gebotes pornôt der befehl wäre nicht eben hoch nöthig gewesen das. 70,43. iʒ ne dûhte mich poregrôʒ, gebete mir dâ mite ein mîn gnôʒ das. 71,6. done stuond iʒ borlange Roth. 1387. 5094. ihne werde in borsenfte niet werde sie wenig schonen Roth. 2675. wunder diu niman borwol mac ircelin fundgr. 2,114,27. w. gast 70. b. — die enmöhten nâch sîm werde daʒ gezelt vergelten borwol (enbor P.) Lanz. 4765. dar über mohte dehein ros borwol oder nimer komen Lanz. 7045.