zucht,
f. ,
ahd. mhd. zuht,
as. tuht,
ags. tyht,
afries. tocht,
scheint erst im westgerm. nach der weise der alten verbalsubst. auf -ti
zu tiuhan
gebildet zu sein, während got. ustauhts
seinem eigenen sprachbereich angehören mag. so dürfte auch lat. ductim Walde
2 245
eine neubildung sein, vgl. die liste der adv. bei Kühner
lat. gr.2 1, 1011
ff. an. tykt,
f., schwed. tukt,
dän. tugt
sind lehnwörter aus dem mnd. jedenfalls hat es im westgerm. seine besondere bedeutung entwickelt, neben der es als verbalsubst. zu 'ziohan'
in seiner allgemeinen bedeutung nur in spuren erscheint. die erkennbare grundbedeutung ist die vom menschlichen besitzer beeinfluszte fortpflanzung von vieh, paarung, ernährung und pflege umfassend. diese wird darauf beruhen, dasz in einem viehhaltenden volke das verb ziehen
wie auch das zugehörige subst. verwandt wurden, um die beihilfe bei der geburt der hausthiere zu bezeichnen, was dann rück- und vorwärts, sowie auf pflanzen erweitert werden konnte. in der bedeutung '
ernährung, unterhalt'
wurde es auch vom menschen gebraucht (
vgl. bei ziehen): thia dagalichun zuhti gib hiut uns mit ginuhti Otfrid II 21, 33.
weitere belege bei Craff 5, 616; Lexer 3, 1170;
mnd. erwähnt bei Lübben-Walther.
diese im frühnhd. schon verschwundene bedeutung hat sich erhalten in leibzucht
th. 6, 616.
bei menschen ist aber vom leiblichen '
aufziehen'
das geistige '
erziehen'
nicht zu trennen, das dann die leitende bedeutung geworden ist, während bei thieren das wort sich auf das erstere beschränkt. so hat sich zucht
in zwei nach thier und mensch geschiedene bedeutungen gespalten. im nhd. war früher der plur. nicht übl., Stieler 2628,
der hinzufügt: poetae tamen dicunt die züchte,
so H. Sachs 8, 409
K.; Spee
trutznachtigall (1649) 146,
in neuerer zeit nur alterthümelnd Heine 1, 448
f. E.; Scheffel
w. 2, 172 (
Walthari),
auszerdem noch in den alten formeln mit, in züchten
s. u. II 10,
auch ohne umlaut: in künsten und zuchten Luther
briefe 5, 280.
gelegentlich erschien zuchten
als nom. pl.: solche newe zuchten Moscherosch
insomnis cura 53
ndr.; beides sind zuchten Zinzendorf
Londoner pred. 2, 319,
jetzt landwirthschaftlich in der bed. '
zuchtergebnisse',
s. den beleg bei II 5
am ende, sowie in zuss. wie saatzuchten.
umgelauteter gen. dat. sing. vereinzelt bei Bode
Montaigne 2, 352;
Tristram Schandi 4, 178.
zweifelhaft ist der umlaut in zücht (
n.?) gezücht
razza, specie Hulsius (1657) 284
a. II.
von der verwendung als allgemeines verbalsubst. zu ziehen,
wofür zug
gilt, finden sich spuren, zumeist in den älteren sprachstufen. I@11)
vom trans. ziehen
in ahd. âtumzuht Graff 5, 616,
mhd. âtemzuht
mhd. wb. 3, 939
b; Lexer 1, 103,
mnd. ademtocht Schiller-Lübben 4, 558,
in neuerer zeit volksthümlich Höfler 860
a. I@22)
von demselben für anlagen zum ableiten von wasser, als zucht Hertel
Thür. sprachsch. 266; Mothes 4, 522,
als abzucht Hertel (
auch anzucht); Mothes; Adelung.
dazu mnd. watertucht, agetucht (
an aquaeductus angelehnt) Schiller-Lübben 4, 558,
daraus mhd. eitzuht
mhd. wb. 3, 939
b. I@33)
zum intr. ziehen,
im ags. werod wæs on tyhte Cynewulf
Elene 53.
mhd. bei Jeroschim
mhd. wb. 3, 937
b,
sowie in zss. abe-, gegen-, überzuht,
die beiden letzten auch im pass. K. mhd. wb. 3, 939
b; 940
a.
hierzu afries. uptocht
aufgang der sonne und tochtmann '
anführer' Richthofen
afries. wb. 1089
a. I@44)
alt sind einige ausdrücke aus der rechtssprache für '
anspruch'
oder '
berufung',
entsprechend der anwendung von ziehen
und sich ziehen,
wofür einzelne belege bei Graff 5, 601,
reichlicher mhd. wb. 3, 924
a—926
a (
verstreut),
nachtr. Lexer 3, 1103
ff., ausführlich für mnd. tên, sik tên Schiller-Lübben 4, 529
aff. mhd. zuht '
berufung'
mhd. wb. 3, 931
b, 40 (
aus dem Ordensland), anzuht 939
b: he mut aver sweren, dat he't tie to rechter tücht (
dasz er es, das von ihm gekaufte gestohlene gut, mit recht als sein eigenthum beansprucht)
Sachsensp.3 1, 265
Hom. ferner ahd. heimzuht, widarzuht, zauganzuht Graff 5, 617. I@55)
in der bedeutung '
kette am pfluge, welche diesen mit den rädern zusammenhält' Adelung 4, 1741; Hübner 4, 1033.
belegt vom 15.
bis zum 18.
jh. in Mittel- und Ostdeutschland. IIII. zucht
für die aufzucht von hausthieren und kulturpflanzen, auch von dem gehegten und gepflegten wilde, erscheint seit dem 18.
jh. als ein landwirtschaftliches berufswort (
s. beleg bei zuchtjahr) Adelung,
wogegen bei Frisch
diese färbung nicht hervortritt 2, 483
c.
im 19.
jh. dringt die bedeutung ins allgemeine bewusztsein. II@11) zucht
als vom menschen geleitete fortpflanzung: gleicher weis würt .. auch bei uns in Franckreich .... grose zucht alleyn von eseln gehalten Sebiz
feldbau (1579) 161; dort stand das vieh, dessen zucht und verkauf Wilhelm mit gutem verstande beriet G. Keller 5, 154; und selbst die gestalt der thiere erfährt den umbildenden einflusz menschlicher zucht Lotze
mikrokosmus 1, 6; gesträucher ..., aus deren unschmackhaften wilden früchten durch geduldige zucht sich ein genieszbares obst erziehen liesze Peschel
völkerkunde1 441; doch thut man nicht gut, ein pferd vor dem 4. bis 5. jahre zur zucht zu verwenden Schwerz
prakt. ackerbau 643.
sprichwörtlich: wie die zucht, also die frucht Wander 5, 611,
nr. 31,
auch nach III
zu deuten. II@22)
nur ganz selten von der fortpflanzung schlechthin: von der klugheit der fische, wie sie daher ihre örter verändern, damit sie ihre zucht desto besser fortsetzen mögen Prätorius
winterflucht der sommervögel 134. II@33)
ort oder anstalt zur zucht: im östreichischen littorale ist 1773 eine zucht von spanischen widdern und ungarischen schaafen angelegt Nicolai
reise d. Deutschl. 4, 436; allein ich .... wuszte sie (
die raupen) .. nicht zu behandeln, so dasz kein schmetterling aus meiner zucht hervorging G. Keller 1, 99; uber fünfftzig hennen soll man in eyner zucht nit haben
M. Herr
feldbau (1551) 170
a. '
brutstätte': da waren tiefe stehende gewässer, die zucht von schlangen und gethieren Alexis
Roland von Berlin 2, 136. II@44) zucht
wird '
herkunft',
besonders zur bezeichnung des werthes, wie rasse: wenn wir bey pferden, ... wenn wir bey dergleichen bestien die zucht beobachten, was sollen wir thun bey diesen, die mehr trügen, als die anderen thiere (
den frauen)? Heinse 3, 544
Schüddekopf; eine schaar der niedlichsten, kleinen dachshunde, von reinster zucht Holtei
vierzig jahre 1, 354. II@55) zucht
wird das ergebnis der zucht, nicht immer deutlich von 1
oder 3
auseinandergehalten: die rinderzucht des Kajetan lobte er auch und bat mich, .. dasz ich ihm einige zukommen lassen möchte, er würde sich aus dieser zucht einen anfang zu der seinigen wählen Stifter 2, 263.
die übertragung ist alt mhd. wb. 3, 937
b; Lexer 3, 1171; Dasypodius 467
a; Frisius 575
b u. ö.; Maaler 523
b; roszweiblin oder stuten, von denen man will ein zucht haben guter füllen Mich. Herr (1551) 184
b; aus seiner eignen zucht hat er (
der osnabrückische bauer) in einiger menge nichts zu verkaufen als schweine und gänse J. Möser 6, 85; ein kranz von roten und weiszen rosen — eigene zucht Fontane I 2, 349.
gelegentlich im plur.: dasz die zuchten gänzlich miszrathen seien
nat.-zeit. nach Sanders II 2, 1781
c.
abzucht in diesem sinne Höfler 860
a. II@66)
für die nachkommenschaft von freilebenden thieren war es beliebt, besonders in der barockpoesie: nidus .. Virg. die zucht, die jungen Frisius 866
b; diser vogel liebet sein zucht seer Heuszlin
Geszners vogelbuch 180
a; kein thier bringt seine eigene zucht um Steinbach 2, 1103; es hegt in jenem schloszder igel seine zucht Sigm. v. Birken
fortsetzung der Pegnitz-schäferey 71; man sieht fast sichtbarlich die aufgequollne knospen spalten und ihre grüne zucht, die zarten blätter, fast sichtbarlich entwickeln und entfalten Brockes
ird. vergnügen 5, 30.
hierzu schlangen-, natterzucht Kramer 2, 1479
a, otternzucht. II@77)
ebenso beruht auf lateinischem vorbilde die umschreibende anwendung, welche nur die art als solche bezeichnet (
s. d. lat. wbb. bei foetus, progenies, proles): und stiesz in offen katz und hundt und buch daselbst die schöne zucht Fischart
Eulenspiegel 109
Hauffen, last frey die schäfflein lauffen die schwanen-weisze zucht Spee
trutznachtigall (1649) 45; der glatten pferde wohlgenährte zucht Schiller 14, 282
G. II@88)
auf menschen ist zucht
in verschiedener weise angewandt. II@8@aa)
als '
herkunft',
in der dichtung des 17.
u. 18.
jh.: ein reis von groszer zucht (
ein erbprinz) Gottsched
neueste ged. (1750) 5. II@8@bb) '
spröszling', '
nachkommenschaft',
frühnhd. Frisius 575
b; 1069
b; Dentzler (1716) 2, 365
a; die himmelisch zucht und geburt (
Jesus) Zwingli
d. schr. 1, 95; damit die zarte zucht in einer weichen wiegen mag sanft, bequem und ruhig liegen? Brockes
ird. vergnügen 4, 285.
noch neuerdings von einer lebhaften, groszen kinderschar: nebst einer muntern zucht von kindern Bode
Yoricks empfinds. reise 2, 151; allerlei junger, schreiender, polternder gottessegen ist da, eine zucht jeglichen alters Rosegger I 6, 205; en tugt gören Schütze 4, 268.
wie '
sippe, art': wie Luther und etlich siner zucht fleischlich fürgeben Nas
antipap. eins u. hundert 2, 104
b; (
es hat) daselbst Zwinglius seine schöne zucht ausgebrütet Dannhawer
catechismus-milch 4, 107.
daher das zornige oder ironische verfluchte, böse, schöne zucht
u. ä., die sich oft mit dem unter III 7
erwähnten ausdrücken berühren. II@8@cc)
danach vom literarischen erzeugnis: die liebe eines scribenten gegen seine witzige zucht Rabener 2, 186. II@99) zucht
ist ein gemeines frauenzimmer: (
der kamerad) will sich aber mit seiner bestellten zucht in die sträuche verkriechen, denn ins losement durft er sie nicht bringen Schweinichen 110
Österley. siehe zuchtel. II@1010)
vulva vaccae Schmid
schwäb. wb. 551.
s. zuchtel. II@1111)
die jetzt vorherrschende bedeutung 1
und 2
hat besonders in neuerer zeit zusammensetzungen in unbegrenzter menge erzeugt: viehzucht, pferde-, rinder-, bienenzucht u. ä.; zuchtvieh,
zuchtmaterial; zuchtbock, -bulle, -eber, -esel, -hengst, -ochse, -stier, -widder; zuchtkuh, -sau, -stute; zuchtbiene,
-ente, -gans, -pferd, -schaf, -schwein (
auch diese als weiblich in der regel gemeint).
von dem durch zucht erzielten: zuchtfohlen, -kalb, -kamel, -raupe, -seide,
-rasse. weiter zuchtbehälter, -garten, -gestüt, -schäferei, -raum, -stube; zuchtgebiet, -gegend; zuchtbetrieb, -ordnung, -verband, -genossenschaft, -versuch, -ergebnis, -ziel u. a. m. IIIIII. zucht '
erziehung'. III@11)
allgemein, mit einschlusz der unterweisung: pedia zucht Diefenbach
nov. gl. 284
b; maisterschafft oder zucht
pedagogium voc. theut. (1482) t 4
b;
paedia zucht, underweysung Frisius 939
a;
disciplin, die zucht, unterweisung, wissenschaft, kunst Spanutius 224; weil dann nun e. e. sün in aller tugent auffwachsen, mir auch in die zucht ergeben sind Casp. Scheit
frölich heimfart A 2
b; einen in die zucht geben Kramer 2, 1479
a; Schubart
leben u. gesinnungen 2, 154, in die zucht thun Lindenborn
Diogenes 1, 53; die zucht des Telemachs war fremden aufgetragen Gottsched
ged. (1751) 1, 386; jede zucht und kunst beginnt zu früh, wo die natur des menschen noch nicht reif geworden ist Hölderlin 2, 132
Litzmann. im allgemeinen nicht mehr üblich. III@22) zucht
ist die mit absicht und energie geübte einwirkung auf das verhalten und die ausbildung des charakters, besonders der jugend. sie gibt dabei den negativen factor ab im unterschiede von der unterweisung und belehrung, die einen positiven beitrag leisten Kant 2 (1838), 537
Hartenst. durch den zwang unterscheidet sie sich von der erziehung: die cultur der zucht (disciplin) ... ist negativ und. besteht in der befreiung des willens von dem despotismus der begierden Kant 7 (1839) 313
Hartenst. oft ergänzen sich zucht und lehr Thym
Thedel v. Wallmoden 6
ndr.; z. u. lehre Herder 12, 81; lehre und zucht Aurbacher
volksbüchlein 61; zucht und belehrung Schiller 6, 177
G. von den verschiedenen elementen des begriffs tritt bald das eine, bald das andere mehr hervor, wie auch der wechsel der anschauungen sich geltend macht. III@2@aa)
der in der regel auf das sittliche und geistige gerichteten zucht
tritt die äuszere gegenüber: fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äuszerliche zucht Luther
catech. 5.
haupst.; bei starken menschen ist auch die geistige zucht gute vorübung zum kriegerstand Scheffel
w. 1, 255. III@2@bb)
die zucht
ist eine thätige wirkung, die von einer person auf eine andre geht: und (
gott) öffenet inen das ohr zur zucht
Hiob 36, 10; dein zucht, herr, hat mich geleret S. Franck
sprichw. (1545) 1, 91
b; siehst du, was eine zucht wie die meinige wunder wirkt? W. Hauff 5, 110.
viele wendungen wie einen in zucht nehmen
deutsche erzähler des 18.
jhs. 171
Fürst; Chph. von Schmid
ges. schr. 4, 7;
einen unter seine zucht bringen S. Franck
chron. Germ. (1538) 26
a;
jemand unter seiner zucht haben
theater d. Deutschen (1768) 12, 515; unter der zucht halten Luther 17, 1, 274
W.; in der z. halten Dentzler (1716) 2, 365
a; Göthe 47, 310
W.; sich in der z. haben Viebig
das schlafende heer 1, 43;
jemand in zucht halten Moltke
ges. schr. 4, 128; in guter, strenger, scharfer z. halten; in z. und gehorsame halten Frisius 1157
a; das volk in zucht und zaum halten Schleiermacher I 5, 100; die zucht handhaben Kramer 2, 1479
a; gute z. halten Kramer 2, 1479
a;
paedagogos qui sollen zucht halten Luther 34, 2, 408
W. daher neben guter
oder böser,
neben weiser z., rauhe, strenge, scharfe, harte, straffe, genaue z.,
der gegenüber die milde, sanfte, weiche, weibische, hätschelnde z.
zur zucht gehört die ruthe: wo aber nicht noch eine zeitlang die ruthe kritischer zucht über ihn herscht Bürger
briefe 2, 116
Strodtmann; aber gott der allmechtige hat mich ettliche zeit her yn der zucht und staupe so hart gehalten Luther 23, 338
W. III@2@cc)
die zucht
vom standpunkt des erzogenen, der sich ihr unterwirft oder entzieht: die z. annehmen, .., sich der z. unterwerfen Kramer 2, 1479
a; sich unter eine z. bequemen Göthe 16, 155
W., beugen J. Grimm
kl. schr. 1, 237; nur unter einer zucht .., wie die der frau Billa Winckler, konnte das erziehungsexperiment gelingen W. Raabe
Horacker 70; er ist nit mer desz alters under der zucht zeseyn Frisius 54
b; der zucht entwachsen L. v. François
die l. Reckenburgerin 1, 149, entronnen Stifter 2, 52, entlaufen A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 335, entfliehen Kretschmann 2, 57, sich entziehen Kramer 2, 1479
a; die z. an einen nagel hencken, die z. vergessen, die z. in die schühlein werffen 1479
b. III@2@dd)
gegenstand der zucht
ist die jugend, in erster linie die kinder für die eltern: disciplina heist ... die zucht, wie man die schüler helt, hart, meszig, lose
etc. Scheräus 98; jugend- und kinderzucht Stieler 2628; mein vater empfing mich mit einem ochsenziemer, denn er war in seiner zucht ganz gerecht und scharf genug
Leipziger avanturieur 1, 33; denn sie (
frau Regel Amrain) muszte den geschmack und das urteil des sohnes (
bei der wahl der braut) nur loben ..., so dasz sie sich aller weitern zucht ... endlich enthoben sah G. Keller 4, 184; väterliche, elterliche zucht. III@2@ee)
in demselben sinne wird zucht
geübt in der kirche, im heere, im bürgerlichen leben, wobei die bedeutung auch in die des ergebnisses der zucht, s. u. 5,
übergeht: das man frawen klöster lasz schuolen sein der zucht ains christlichen wäsens Eberlin v. Günzburg 1, 30
ndr.; zucht der kirche Dahlmann
gesch. d. frz. revolution 345; christliche, kirchliche, geistliche z.; göttliche z. Lehmann
flor. 1, 149; z. und gottesforcht Moscherosch
insomnis cura 74
ndr.; wo aber zucht ist und gebet, da hat der böse keine macht Fontane I 1, 68; nicht in der strenge der zucht allein liegt die heilende kraft der militärischen disciplin Jhering
geist d. röm. rechts 1 (1852), 253; dem österreichischen heer fehlte die zucht der unbedingten unterordnung Ranke 30, 315; kriegerische, militärische z.; die zucht und zwang der gesetze Bas. Faber (1587) 371
a; individuelle freiheit und staatliche zucht Meinecke
Boyen 1, 56; bürgerliche z. Schumann
nachtbüchl. 244
Bolte. III@2@ff)
in weiterem sinne durch die umstände, das schicksal, das eingreifen gottes: die strenge zucht der noth Riehl
deutsche arbeit 119; die zucht des gewissens Hippel
kreuz- und querzüge 2, 149. III@33) zucht
ist strafe Frisius 208
b; Westenrieder 692; darumb straffestu seuberlich die, so da fallen, und erinnerst sie mit zucht, woran sie sündigen
weish. Sal. 12, 2; und solten dan sich etlich diser zucht vermeinen sich zu rötten durch die flucht und von sich die straff zu verrucken Weckherlin 2, 64
lit. ver.; zucht und straff Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 150; strafe und zucht Schelling
w. 2—4, 168.
veraltet. hieraus erklärt sich wohl die versicherung mein zucht,
etwa '
straf mich der teufel!'
zschr. f. d. philol. 20, 179.
zu mein
vgl. th. 6, 1916. III@44)
in Thüringen und Böhmen war ausgang des mittelalters zucht '
gefängnis': in dem selbin jare ... machte (
ein rath zu Erfurt) dorinne (
in dem thurme im rathshofe) unden uf der erden eine zcucht unde ein beheltenisz unde nanten das das paradisz H. Cammermeister
chron. 93; so mus der beklagte in die zucht und dornoch aus der zucht magk er sich widerumb löhsen und ledigen mit genugksamen pfande (
um 1500)
Olmützer gerichtsordn. 12
Fischel; Jelinek 996 (2
bel. aus Olmütz). III@55) zucht
bezeichnet weiter das, was sie bewirken soll: man lehrt zucht Maaler 523
b; Brant
narrenschiff 9
Zarncke; Kramer 2, 1479
a;
und lernt zucht Kramer.
ähnlich: an zucht gewennen, underweysen oder gestalten in zucht und meisterschafft Maaler 523
b; indem ich ... dergleichen frevelnde knaben zur zucht verwies Göthe IV 28, 219; wo aber strafe ist .., da ist zucht H. Kurz
Sonnenwirth 1, 12; lang wurde auch bei den leibesübungen auf zucht gesehen J. v. Müller
w. 2, 79.
der erzogene lernt die zucht auf sich selbst anzuwenden, so liegt darin selbstbeherrschung, beschränkung der begierden, unterwerfung unter allgemeine ordnung. Frisius
glossiert damit continentia 322
a;
moderatio 830
a;
modestia 830
a.
in dieser bedeutung wird es in der regel durch ein begleitendes wort erläutert: ohne innere zucht fährt er mit ungesitteten spottreden heraus B. v. Arnim
Günderode 2, 121; die kraft der menschen und der nationen liegt in der zucht und der opferfähigkeit P. de Lagarde
d. schr. 30.
übertragen: der umstand, dasz der .. raum des theaters ... ein metall der stimme und eine zucht der sprache forderte G. Freytag 14, 130.
feste verbindungen: ein grosz beyspiel der zucht oder enthaltung Boltz
Terenz 4
b; zucht und masz Görres
ges. schr. 2, 3; Lange
gesch. d. materialismus 36; regel u. z. Göthe 5, 287
W.; zucht u. sitte Mommsen
röm. gesch. 2
4, 87; H. Laube
ges. schr. 2, 19; sittliche z. E.
M. Arndt 6, 47; Ranke 3, 70; z. u. tugend Rachel
sat. ged. 39
ndr.; Lehmann
floril. 3, 155. III@66) zucht,
auf eine menschliche gemeinschaft, volk, heer, schule usw. bezogen, bezeichnet den zustand, in dem sie der ihr nothwendigen sittlichen oder gesetzlichen ordnung sich unterwirft, vgl. 2,
ende: der vorige rector der stadtschule ... hatte auf zucht, religion, vernünftiges lesen ... gehalten J. H. Voss
antisymb. 2, 179; auch in Florenz vermiszt er (
Dante) die alte einfalt und zucht Ranke 40—41, 185; deutsche, römische, spartanische zucht (
als gute, strenge zucht); die frantzosche zucht ist recht ellendt und erbärmlich Elisab. Charlotte 5, 203
Holland. eng verbunden zucht und ordnung,
von Eberlin von Günzburg
bis heute, oft beim älteren Göthe. III@77) böse zucht
u. ä. ist als zustand oder eigenschaft ein schlechtes verhalten oder ein schlechter charakter: eine verfluchte zucht! eifert er, wenn zwey schüler jugendlich ungezogen über die strasze gehen, lehrer und schüler verdienten gepeitscht zu werden
portraits (1779) (
von G. Chr. E. Westphal?) 194.
besonders die ironischen in mundart und umgangssprache beliebten wendungen: eine schöne, nette, feine zucht! was ist das für eine zucht!
so bekommt zucht
alleine die bedeutung '
lautes, lärmendes benehmen' Brenner-Hartmann
Bayr. maa. 2, 268; Brendicke
Berliner ma. 196.
diese bedeutung berührt sich manchmal mit I 8 b. III@88)
insbesondere ist zucht
das selbstbeherrschte verhalten in bezug auf den geschlechtstrieb, in naher berührung mit scham. diese bedeutung hat sich im nhd. neben der von II
zur herrschenden entwickelt, in berührung und gegenwirkung mit dem gegentheil unzucht. III@8@aa)
allgemein: dasz ich euch mägdlein liesze das tet mein grosze zucht Uhland
volks. 246; diese schamhafte liebe der zucht musz den poeten in der wahl seiner bilder leiten Breitinger
crit. dichtk. 1, 92; alle zucht felt ab, wo in eym dorff oder stat ein hurenpfaff ist Eberlin v. Günzburg 2, 32
ndr.; impudicus ohne zucht Corvinus (1623) 243; alle zucht hindan setzen Dentzler (1716) 2, 365
b.
feste verbindungen zucht und scham, zucht und sittsamkeit, zucht u. reine sitte, z. und ehrbarkeit.
auch z. und ehre,
bis zum beginn des 17.
jh. in dieser bedeutung besonders beliebt. III@8@bb)
meist vom weiblichen geschlecht '
ehrbarkeit der frau', '
keuschheit des mädchens': und andre schand, die ich hie schweygen will umb zucht frumer weybszbild willen Clemens
flugschr. 1, 349; weyl du dein weiblich zucht und ehren mit eym unedlen thest verseren H. Sachs 2, 32
K.; aus jungfräulicher zucht bedachte sie drey tage sich S. Gessner
schr. (1778) 2, 99. III@8@cc)
so heiszt es geradezu '
jungfräulichkeit',
besonders bei dichtern des 17.
jh.: der sultan leider! heischt die blüthen meiner jugend, die blumen meiner zucht zum opfer seiner brunst Lohenstein
Ibrahim Sultan (1701) 32; zucht losieret auf ihrer stirn Weckherlin 1, 116
lit. ver. III@99) zucht
im mhd. sinne (
mhd. wb. 3, 938
a; Lexer 3, 1170
b)
als inbegriff des durch die höfische erziehung gebotenen verhaltens, erhält sich noch im 16.
jh. (Frisius
für civilitas 230
a;
elegantia hofzucht 468
a,
urbanitas 1412
a),
dann, allgemeiner, als '
anstand', '
gutes benehmen'
bis in die classische literatur. heute nur noch mit bezug auf mittelalterliche verhältnisse: Neyphile, ... die nitt minder von zucht und miltikeit (
di cortesi costumi) geornirett was als von tugent und schöne Arigo
decam. 29
K.; das wir gantz frech werden, et obliviscimur etiam der weltlichen zucht Luther 20, 481
W.; wie verschieden also urtheil über die würde der menschheit ..., über anstand und zucht Herder 3, 199.
für die durch die sitte gebotene ehrenbezeugung sagte man bis ins 17.
jh. zucht und ere beweisen, bieten, entbieten, erbieten. mit z.
und in z.
für '
schicklich', '
anständig': und zeiget die weil auff ein haus, da ein kindlin mit zucht und heymlich seine not ausrichtet Luther 26, 533
W. erhalten in ausdrücken wie: hübsch in zucht u. ehren lustig seyn. frau rath Göthe
br. 1, 108
Köster. III@1010)
aus dem mhd. bewahrt sind auch die plural-formeln in züchten
u. ä. für '
anständig'
und '
sittsam': wär es nicht gut, wenn sich die universitäten in züchten und ehren einverstünden, was sie eigentlich erziehen wollten? Hippel
lebensläufe 3, 2, 5; das holde gelächter, welches Dorothea in allen züchten öfter hören liesz G. Keller 3, 199; mit züchten Frisius 411
a u. ö.; Stieler 2629,
bes. in den formeln er sprach mit züchten, mit züchten zu reden, mit züchten zu melden, zu schreiben
u. ä., auch einfach mit züchten,
scheint grade noch bis Wieland
zu reichen. nicht über das 16.
jh. erhält sich zucht halb Wirsung
artzneybuch (1588) 313
b, zucht und zimlichkeit halben Fischart
Eulensp. 17
Hauffen.