süchtig,
adj. ,
morbidus, morbosus, morbifer; cupidus. herkunft und form. ableitung von 1sucht,
s. d. —
formalen schwankungen unterliegt hauptsächlich der stammvocal. das reguläre umlaut -ü
erscheint zuerst in obd. texten des 13./14.
jh. (Berthold v. Regensburg, Konrad v. Megenberg);
erst im 16.
jh. erhält es das übergewicht und setzt sich auch md. durch. doch schwanken noch die Luther-
drucke zwischen suchtig
und süchtig; Melanchthon
und Eck
bedienen sich der umlautlosen form, ebenso nd. lexikographen bis Kilian. im 17.
jh. findet sie sich indessen nirgends mehr. dasz in der schwäbischen ma. älteres süchtig
neuerem suchtig
weicht (
so Fischer 5, 1948),
ist —
auch unter den notwendigen einschränkungen (
s. o. Eck) —
eine anomalie. wieweit im übrigen älteres suchtig
einen lautstand, wieweit eine schreibgewohnheit spiegelt, musz hier dahingestellt bleiben. —
in den dialekten, und zwar obd. wie md., findet nicht selten entrundung des stammvocals statt: i-
formen sind für einzelne gebiete der Schweiz, für Tirol, Niederösterreich und Wien, für Franken (
Bayreuth),
Nordwestböhmen, sächs. Erzgebirge, Vogtland, Thüringen, Mansfeld bezeugt. literarisch tritt sichtig
gelegentl. schon im 17.
jh. (Butschky,
s. sp. 901, Chr. Günther,
s. sp. 899)
auf; ja ein vereinzeltes sichtick
gehört bereits (
als wb.-form)
dem 15.
jh. an. (
vgl. zum ganzen auch teil 10, 1, 751
unter sichtig 3 a.) —
ebenfalls im 15.
jh. findet sich einmal sochtigk (
md.)
notiert; dazu stellt sich söchtig
im heutigen ostpreuszischen platt; die o-
formen des subst. sind zu vergleichen. —
zu friesisch sjuchtich
vgl. fries. sjucht
unter 1sucht
sp. 859.
consonantische abweichungen sind selten. z-
anlaut (
einmal zuchtich,
md. 15.
jh.)
und spirantenschwund (
zweimal -sutiger, 12.
jh.; auch nassauisch sütig
ev. hierher gehörig)
haben in der formengeschichte des subst. analogien. die varianten des suffixauslauts liegen im rahmen des üblichen. bedeutung und gebrauch. II.
adjectiv. I@AA.
als physischer krankheitsbegriff. schon in der älteren zeit steht süchtig
zwar kaum an verbreitung, aber an geläufigkeit des gebrauchs hinter seinen synonyma zurück; im 16.
jh. erreicht es seine gröszte entfaltung, z. t. gewisz dank Luther,
um dann in der schriftsprache rasch abzuwelken; dagegen hält es sich in der umgangssprache und in den mundarten bis in die gegenwart, und zwar zumeist in einigen, genau abgrenzbaren, festen gebrauchsweisen. aus diesem sprachsociologischen sachverhalt ergibt sich das nicht natürliche bild, dasz die geschichte des wortes in so manchen seiner (
physischen)
bedeutungen nur oder vorwiegend aus wb.-niederschlägen abzulesen ist. anders liegt es mit den, von jedem sucht-
compositum (
als krankheitsterminus)
bildbaren zusammensetzungen, die ein gleichmäsziges und kräftiges leben wahren und deren einige (
wie bleichsüchtig, gelbsüchtig
u. ä.)
selbst heute noch der schriftsprache angehören. I@A@11) süchtig
zeigt einen körperlichen zustand an. I@A@1@aa) '
krank'
in allgemeinster verwendung, ohne dasz über art, schwere und dauer der krankheit etwas bestimmtes ausgesagt ist. in dieser ältesten bedeutung steht süchtig
dem verwandten siech
gleich, ist aber von vornherein seltener und seit beginn des 16.
jh. nur noch vereinzelt gebraucht. I@A@1@a@aα)
glossen- und wb.-belege seit dem 8.
jh.: moruida suhdic
ahd. gll. 1, 211;
morbidi suhtige
ebda 2, 763;
morbidus suhtih
ebda 3, 361;
languentem suhtiker
ebda 1, 214;
infirmi suhtike
ebda 1, 110/11;
infirmis suhtige (suhdige)
ebda 1, 156/57;
morbidus suchtig, suchtick, zuchtich Diefenbach
gl. 367
c;
morbosus vol sucht, suchtig, sochtigk
ebda; in Schöppers
synonyma (1550) 50
Schulte-K. nimmt unter dem stichwort infirmus in der mit kranck, siech
beginnenden reihe süchtig
bereits die letzte stelle ein; in wbb. des 16.-18.
jh. wird süchtig
noch des öfteren mit morbidus, morbosus, languens, languidus, aeger interpretiert; auch Adelung
vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875
kennt noch die bedeutung '
krank',
constatiert aber mit recht, dasz sie '
im hd.'
nicht mehr üblich sei. I@A@1@a@bβ)
literarische belege: obar suhtige legent sie henti, inti sie habent uuola
Tatian 243, 4 (
super egrotos manus imponent, et bene habebunt); etelîche werdent vergihtic vor zorne, etelîche anders sühtic Berthold v. Regensburg 1, 106
Pfeiffer; der gute herre sente Job, der gar arme was worden und ser suchtich
altdt. pred. 1, 26
Schönbach; sint das di sellige frawe vormals gesehen wart, sam gantz suchtigk, ... wart si gesehen in gantzer und volkomelicher gesuntheit
legende der st. Hedwigis (1504) cc 1
a;
mit näherer bestimmung: wenn man ain underzäpfel macht ..., daz ist den läuten gar guot, die sühtig sint mit dem fieber Konrad v. Megenberg
buch d. natur 293
Pfeiffer; der selve bischof was suchtich ind hadde ein krankheit an dem heufde, dat he under ziden lach dach ind nacht sonder gesicht und spraeche as ein doit minsche, as in die krenkde overquam
chr. d. dt. städte 13, 442 (
zum j. 1499);
redensartlich: jener baum, an dessen frucht Plato schöpfte solche lust, dasz
er sich gantz süchtig asz Zesen
Prirau (1680) 177. I@A@1@a@gγ)
auch bei sachlichem beziehungswort (glied
u. ä.): man musz nicht darum ein glied abschneiden und hinwegwerfen, ob es ungesund, süchtig ... ist Luther 8, 299
b Jen.; mit näherer bestimmung: (
quecksilber) verderbt die âdern und macht diu lider sühtig mit dem siehtum, der paralis haizt Konrad v. Megenberg
buch d. natur 477
Pfeiffer; bildlich: des neidigen munt ist plaich und suchtig Vintler
blumen d. tugend 9139
Zingerle. I@A@1@bb)
mit vorliebe wird es auf schwerere krankheitsformen oder auf chronische gesundheitsstörungen angewandt. I@A@1@b@aα) '
mit einer ansteckenden krankheit behaftet'
; schon sehr früh von tieren: ne una ovis morbida omnem gregem contagiet, zu morbida die gl. suhtigaz
ahd. Ben.-regel 28
bei Steinmeyer, kl. ahd. sprachdenkm. 235;
vgl. ainem süchtigen oder reidigen schaff
urk. z. gesch. d. univ. Tübingen 139 (
zum j. 1524);
von menschen: so sie getrunken mit den süchtigen kranken aus einem becher Lemnius
geh. d. natur (1672),
cit. im wb. d. dt. spr. (1821) 227;
noch Stieler
stammbaum (1691) 2016
und Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1037
a verzeichnen für süchtig
die bedeutung contagiosus bzw. contagioso. —
speciell '
von einer seuche ergriffen',
insbes. '
pestkrank'
: pestilens suchtiger Diefenbach
gl. 431
b;
vgl. pestiferus, pestilenticus, pesticus suchtig, sichtick
ebda und pestilentus, pestilenticus suchtig
nov. gl. 290
a. I@A@1@b@bβ) '
mit einem dauernden schweren leiden behaftet, siech': es ist aber nicht yederman tuglich zuo solchen vormundern, als minderjärig, synnlosz, süchtig, arm, die nicht vermügen umb die vormundschafft mit irem aygen guot genuog zuo thuond Tengler
leyenspiegel (1518) 9
a; diese kinder ... von ihrn verkehrten eltern süchtig auff die welt kommen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 16;
noch in einem teil des heutigen schweizerdeutschen heiszt süchtig '
mit langwieriger, auszehrender krankheit behaftet',
vgl. Staub-Tobler 7, 289. —
aber auch von chronischen krankheitszuständen leichterer art, '
kränkelnd'
; so im älteren nd.: suchtich
maladif; morbidus, morbosus, valetudinarius thes. theut. ling. (1573) Ee 4
a; süchtig,
i. e. kräncklich, ndl. zuchtig, ziekelyk Kramer
niderhochdt. dict. 2 (1719) 210
a; sügtig
kränklich Dähnert
plattdt. wb. (1781) 472 (
für Pommern und Rügen);
und in einem teil des heutigen schwäbischen: suchtig
kränkelnd Fischer 5, 1948;
auch unpersönlich gebraucht: on dit famil. einen süchtigen körper haben
être valétudinaire, maladif, être sujet à plusieurs infirmitées du corps Schwan
nouv. dict. 2 (1784) 746
b. I@A@1@cc)
prägnante gebrauchsweisen. '
fieberkrank': (
der löwe) ist sô haizer nâtûr, daz man wil, er sei stætes sühtig oder fiebrig Konrad v. Megenberg
buch d. natur 143
Pfeiffer; darumb gibt man in (
lautern wein) den sühtigen läuten, wan er hitzt niht vast
ebda 351. — '
aussätzig': suchtich
für ûtzettisch
nach Schiller-Lübben 4, 459
in den nd. Loccumer bibl. erz. des 15.
jh. — '
gelähmt'
oder etwas schwächer '
gichtkrank'
: paraliticus gichtiger, suchtiger Diefenbach
gl. 412
a (15.
jh.). — '
rheumatismuskrank' (
mit dem gesücht
behaftet),
von tieren: ist es sach, das der habich das gesüchte in den glaichen hat ..., mit demselben smaltz sol man salben die süchtig stat des habichs Mynsinger
v. d. falken, pferden u. hunden 41
lit. ver. — '
räudig'
von tieren: vgl. den bereits unter 1 b
α citierten schwäbischen beleg von 1524,
ferner: Emilien ... jetzundt nun mit schwerer sorgfeltiglicher sucht (
gemeint ist die pest) ungestallt gemacht ... als ein süchtigs vieh
buch der liebe (1587) 117
b. —
neuerdings hat süchtig
in medicinischer fachsprache die bedeutung '
dem dauernden, übermäszigen gebrauch von rausch- oder betäubungsgiften verfallen, rauschgifthörig'
angenommen; in diesem sinne ist das wort eine ableitung aus 1sucht I B 3 d,
und alles dort gesagte gilt auch hier: dasz die kranken zum groszen teil süchtige, also wirklich psychopathische individuen sind
dt. zukunft v. 22. 4. 1934,
s. 18. I@A@1@dd)
auf wunden und dgl. angewandt, drückt süchtig
eine krankhafte, den normalen heilungsverlauf hemmende weiterbildung aus. die bockssgallen reutet ausz bösz süchtig fleisch '
wildes fleisch' Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 62. —
bes. süchtige wunde '
eine wunde, die sich entzündet, schwärend wird': dadurch wird die wunden süchtig, unnd will keine heilung annemen J. Agricola
chirurgia (1643) 10; süchtig
signifie aussi ce qui ne se guerit pas aisement, et se dit des plaies Schwan
nouv. dict. 2 (1784) 746
b; bei offenen wunden wende man ja nicht etwa die unverdünnte arnicatinktur an, denn dadurch würde die wunde 'süchtig' und der schmerz erhöht werden (1872)
bei Staub-Tobler 7, 289.
die mundarten weisen den gebrauch z. t. noch auf, vgl. Schöpf
tirol. 727 ('
schmerzhaft entzündet'),
Baierns maa. 2, 267 ('
entzündet'
für Bayreuth), Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587 ('
entzündlich, eiterig'), Frischbier
preusz. 2, 387 ('
schwer heilend').
satirisch-bildlich: dasz Damon nicht die schwulst des krancken fingers dämpft, das bringt ihm keinen schimpf, die ursach ist ja wichtig: es hat sein vornehm kind mit fleisch und blut gekämpft, der satan kam darzu, da ward die wunde sichtig Joh. Chr. Günther
ged. (1735) 531. —
auch: ein süchtiges geschwür
un ulcère malin Schaffer
neues franz.-dt. wb. II 3 (1838) 321; ein süchtiger schaden,
bildlich: dannenhero kan ich mich in die schäden nicht finden, welche durch die priesterliche trauung solten so süchtig werden, dasz sie nimmermehr zu heilen wären J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 2, 319;
ferner: '
ein böser finger
ist süchtig,
wenn die entzündung nicht rot, sondern gläsern aussieht, also eitrig ist' Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587. I@A@22) süchtig
zeigt eine körperliche veranlagung an. I@A@2@aa)
vom menschen oder menschlichen körper: '
zu erkrankungen neigend, von schwacher constitution'
; selten bezeugt, vgl. corpora obnoxia süchtig, bauwfellig, kranckheiten underworffen Frisius
dict. (1556) 894
a;
ähnlich Maaler (1561) 395
b;
aber noch in den neueren maa. vorkommend, so im hennebergischen: süchtig
leicht empfänglich für krankheiten, leicht anzustecken Spiesz 249;
im nordwestböhmischen: sichtich
zu krankheiten neigend Blumer 89;
in Wien, wo insbes. eine constitutionelle neigung zu geschwürbildungen gemeint ist: i hab a sichtige natur, bei mir thuat alles glei g'schwiern Hügel 149;
doch auch im preuszischen, dort mit der sonderbedeutung '
zum ausschlag disponiert': wir (
kinder) sind alle süchtig Frischbier 2, 387. I@A@2@bb)
insbes. von der haut: '
von krankhafter gewebestructur, so dasz jede verletzung zu bösartigen entzündungen führt und die heilung nur langsam und schwer erfolgt': er hat eyn süchtige hawt, das ist: sein hawt ist bosze zuo heylen Joh. Agricola 750
sprichw. (1534)
nr. 532; ja man nennt
ferner die haut süchtig, die keine gute und geschwinde heilung annimmt Joh. Jac. Schmidt
bibl. medicus (1743) 494;
seit Adelung
vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875
erscheint die wendung eine süchtige haut haben
mit dem angegebenen sinn als stehender beleg in wbb.; auch mundartlich kommt sie vor, vgl. er hat eine süchtige haut
eine solche, die bei leichten verwundungen schwärt, eitert, schlecht heilt Frischbier
preusz. 2, 387;
anders gefärbt: meine haut is heite ganz sichtig
schmerzhaft, gegen berührung empfindlich Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587. —
vereinzelt auch süchtiges fleisch,
das auf eingriffe sofort mit krankhaften veränderungen reagiert: die ander ursach ist, weil das fleisch in ungesunden leybern süchtig sey Joh. Nas
antipapist. eins u. hundert (1567) 2, 170
b. I@A@33)
neben zeitbegriffen nimmt süchtig
die bedeutung '
von krankheiten heimgesucht, erfüllt',
im bes. auch '
seuchenreich'
an; von bestimmten lebensaltern: du meinest leichte, das alter sei ein edeler hort? nein, es ist suchtig, arbeitsam, ungestalt, kalt Joh. v. Saaz
ackermann aus Böhmen 46
Bernt-Burdach; von bestimmten jahreszeiten oder von den zeitläuften schlechthin: zudem dasz ihm seine arme hausfrau in dieser suchtigen zeit auch krank worden Melanchthon 3, 1087
Bretschneider; ein süchtig jar kumpt den ärtzten zuoguot Michael Herr
sittl. zuchtbücher (1536) 44
b;
mit erläuterndem zusatz (
der eigentlich in dieser, gerade auf das allgemeine gehenden verwendung von süchtig
nicht ganz sprachgemäsz ist): der herbst würt hitzig und süchtig von schnuppen unnd husten (
wenn Jupiter im löwen steht) Michael Herr
feldbau (1551) 23
b. I@A@44)
neben krankheit
und verwandten begriffen gewinnt süchtig
die function eines specialisierenden beiworts, im sinne von '
ansteckend, um sich greifend, epidemisch': zum andern ist der auszsatz ein suchtige, anklebige plage Luther 8, 391
W.; denselben garten zu keinem andern werk brauchen, denn ... zu häusern, darin die kranken, sonderlich der pestilenz und andern süchtigen, fährlichen plagen behauset und versorget werden Luther
br., sendschr. u. bedenken 5, 692
de Wette-Seidemann; etliche die das podagra und etliche süchtige kranckheiten haben Murner
bei Hutten 5, 454
Böcking; von solcher uberflüssigkeit des groszen gewessers wirt das erdtreich also mit groszen dunsten umgeben, das durch die sommerlichen wurcklikeit der sonnen ... ein eilender zufelliger und suchtiger sterben kommen wirt J. Carion v. Berentikaim
prognosticatio d. gr. wesserung (1522) a 4
a;
metaphorisch: ist keyn suchtiger, fligender plag dan der falsche wane und unglaub Luther 9, 557
W.; noch Frisius
dict. (1556) 999
b scheint etwas ähnliches zu meinen: pestilens süchtig, pestilentzisch, das ein ursach der pestilentz ist oder die pestilentz bringt.
aber die literarischen belege sind in dieser zeit bereits versiegt; offenbar lebt die bedeutung nur noch in umgangssprache und mundart weiter, von wo aus sie dann im 18.
jh. wieder ans licht taucht: (A. v. Klein)
dt. provinzialwb. I 2 (1792) 181
vermerkt (
aus Bayern, Jülich, Berg) süchtig '
ansteckend',
das wb. d. dt. spr. (
Prag 1821) 227
das gleiche, mit dem hinweis: '
in dieser bedeutung hat sich diesz wort in der volkssprache noch erhalten'
; vgl. ferner, mit demselben ansatz, Schmeller-Fr.
bayer. 2, 220
und Gerbet
Vogtland 425. I@A@55)
ausgehend von A 4
erscheint süchtig
neben sachwörtern in der bedeutung '
inficierend, krankheit verursachend oder befördernd, ungesund'. I@A@5@aa)
z. b. von miasmenhaltiger luft: die teufel nemen gwalt kranckheit zu schicken und den luft verderben, das er suchtig wird Eck
predigten 5, 14 (
cit. bei Scherz 2, 1595);
bildlich: hette ich nimmermehr ... geglaubet, das di luft zu hofe so sichtig und deinem gedächtnüsse so gefährlich, das es dir auch das andänken einer person, so dich so inbrünstig ... libet, auszuwinden vermöchte Butschky
hd. kanzelley (1659) 66. I@A@5@bb)
gewisse (
meist fette)
speisen gelten als süchtig,
gesundheitschädigend: so ists auch sonsten ein sehr süchtiger fische (
der aal)
fischbüchlein (17.
jh., bei Endter in Nürnberg o. j.) 77; die jungen tauben fresz ich auch nicht gern, um dasz sie süchtig seyn Scherffer v. Scherffenstein
geist- u. weltl. ged. 1 (1652) 689; bey uns wird das zahme schweinefleisch zwar vor sehr nahrhaft, dabey aber süchtig und ungesund geschätzet J. Th. Jablonski
allg. lex. d. künste u. wissensch. (1721) 702
a; daher man, auszer scorbut oder geschwüren und einigen brust- und augenbeschwerungen, die theils von den süchtigen grönländischen speisen, theils von kälte und schneeglanz herrühren mögen, ... selten etwas von denen in Europa gewöhnlichen krankheiten hört Cranz
hist. v. Grönland (1770) 1, 61. I@A@5@cc)
wollene kleidungsstücke und bettfedern werden süchtig
genannt, weil sie leicht ansteckungskeime übertragen oder weil sie krankheiten (
entzündungen)
verschlimmern, schmerzen mehren und die heilung hemmen: das wüllin ist süchtig
la lana è contagiosa, fà inciprignire ogni ulcera ò piaga Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1037
a; federbette, wolle
etc. sind süchtig,
eine böse seuche hängt sich leicht daran; feather-beds, wool etc. are catching, infectious or noisom Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1922; wollen zeug ist süchtig
die krankheit nach und nach vermehrend Adelung
vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875;
ähnlich Campe 4, 745,
mit der bedeutungsangabe '
das heilen erschwerend'
; mundartlich: '
auch bettfedern
sind süchtig,
bei zahnschmerzen darf man den kopf nicht auf federkissen legen' Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587. I@A@5@dd)
finger, insbes. fingernägel heiszen in ähnlichem sinne süchtig;
die finger, weil sie durch berührung krankheiten übertragen: aber mit den händen musz man den schaden inwendig nicht angreifen, denn sie seyn süchtig J. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 51; '
auch mit süchtigem zeigefinger
darf keine wunde berührt werden' Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587;
die fingernägel, weil durch sie hervorgerufene verletzungen sich entzünden und eitern bzw. weil das kratzen an einer wunde mit den fingernägeln zu infectionen führt: die nägel an den fingern sind süchtig
d. i. wenn man sich damit verwundet, so heilet die wunde nicht leicht, sondern schwäret Adelung
vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875;
danach spätere wbb.; auch mundartlich: də fingrnegl sei sichtich '
man soll eine wunde, eine eiternde stelle nicht mit den fingernägeln berühren, kratzen, ... da die wunde dadurch inficiert werden könnte' Blumer
nordwestböhm. 89;
in das gebiet des aberglaubens gehört es, wenn der spitzfinger in dem sinne als süchtig
bezeichnet wird, dasz er einer andern person, auf die er hinzeigt, schaden bringt, vgl. zs. f. hd. maa. 6, 310
und Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587. I@A@5@ee)
nach dem volksglauben sind auch eine reihe metallgegenstände, und zwar nähnadel, schere, spiegel (
dagegen nicht die stecknadel) süchtig;
berührt man mit ihnen eine wunde bzw. sticht man mit nähnadel oder schere ein geschwür oder eine eiterblase auf oder tritt man mit einer wunde oder entzündung vor den spiegel, so verschlimmert sich das leiden, vgl. Jecht
Mansfeld 104
a; Albrecht
Leipzig 220; Göpfert
sächs. erzgeb. 47; Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587; Blumer
nordwestböhm. 89.
stecknadeln sind nur dann süchtig,
wenn man sie vom wege aufhebt; dann übertragen sie die krankheiten des verlierers, vgl. Müller-Fraureuth
a. a. o. 2, 269 (
s. v. nadel)
und 587. I@BB.
als geistiger krankheitsbegriff. zum sprachlichen vorgang vgl. 1sucht II,
kopf. auch hier läszt sich, wiewohl das material geringer ist, der übertragene gebrauch über seine noch bildhaft empfundenen frühstufen bis zum grundsinn A
zurück, anderseits bis an die schwelle der neuen bedeutung C
hin verfolgen. auffallend ist freilich die sprunghaftigkeit der belege. voller wirkt sich der impuls dieser entwicklungsstufe in den compositionen (
die von den entsprechenden subst. ableitbar sind),
wie sehnsüchtig, eifersüchtig
u. a., aus. I@B@11) süchtig
deutet auf einen geistig-seelischen zustand oder eine eigenschaft. es liegt übertragener gebrauch der bedeutung A 1
vor. I@B@1@aa)
moralisch krank, '
sündlich'
; ein früher beleg zeigt den übertragungsact bereits in der lat. vorlage vollzogen und aus ihr ins deutsche herübergenommen: si inquieto vel inoboedienti gregi pastoris fuerit omnis diligentia adtributa et morbidis earum actibus universa fuerit cura exhibita, dazu die glosse indi suhtigeem iro tatim
ahd. Ben.-regel 2
bei Steinmeyer, kl. ahd. sprachdenkm. 198;
erst im 16.
jh. findet sich diese gebrauchsweise wieder bezeugt: etlich mit der geschrifft schertzen werden und irer süchtigen begirden damit dienen Capito
was man halten soll von der spaltung zw. Luther u. Carlstadt (1524) a 4
b; wie dan die böse lust ... ein süchtige neigung zu allem argen ist Machholth
formular (1560) 48
b;
ähnlich, ein wenig schwächer: dermaszen haben sie sich mit unnützer hoffnung selbs verführt und betrogen, dasz sie mit einer süchtigen verwegenheit zum streit auszgezogen seind Xylander
Plutarchus (1580) 313
b; '
unrein, befleckt': denn das ansehen, das aus unkeuscher brunst, aus einem süchtigen und lüsternden hertzen fleust, ist des hellischen fewers schuldig H. Roth
brautpredigten (1596) 2, 4
a. I@B@1@bb)
seelisch krank: also den leib die faulheit frist, wenn dein gemüt dir süchtig ist A.
M. Weiszenburg
Catonis praecepta moralia (1588) b 8
a. I@B@1@cc)
geistig krank; mit näherer bestimmung: mîn sin wirt witzen sühtig
minneburg (
Wiener hs.) 25
a,
cit. bei Lexer
nachtr. 372;
eine späte wiederaufnahme des wortes aus bewusztem sprachwillen: sie (
die bewohner der groszen stadt) sind alle siech und süchtig an öffentlichen meinungen Nietzsche 6 (1896) 259
Kögel; in beiden fällen liegt weniger übertragener als bildhafter gebrauch vor. —
auf einer anderen linie erscheint Luthers seuchtig in fragen und wortkriegen
1. Tim. 6, 4 (
νοσῶν περὶ ζητήσεις καὶ λογομαχίας; languens circa quaestiones et pugnas verborum) —
vgl. teil 10, 1, 699 —
in späteren citaten öfters als süchtig ..., '
von abnormer geistiger artung, verrannt, fanatisch',
z. b. bei Zell (1523),
s. Ch. Schmidt
elsäss. 347,
und bei Spreter (16.
jh.),
s. Fischer
schwäb. 5, 1948;
vgl. auch Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1922;
eine ähnliche wendung, aber noch deutlicher nach C
hinüber gefärbt, im schweizerdeutschen (
kanton Schaffhausen): süchtig im fragen
z. b. wenn einer gleichsam eine sucht an sich hat, unnütze fragen zu tun Staub-Tobler 7, 289. I@B@22) süchtig
deutet auf geistige wirkungen. es liegt übertragener gebrauch der bedeutung A 5
vor. '
moralisches verderben bringend, zur sünde verführend': (
der Antichrist) mit dem bizze vol unvlot und mit suchtiger predegot
hist. d. alden ê 996
lit. ver.; nach langer überlieferungspause ähnlich: denn derselben bekandtschafft klebt schon ein so süchtiger kitzel an, dasz ihrer viel ... sich in den tieffsten schlam abscheulicher boszheiten stürtzen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1184
b;
etwas schwächer: ja wenn ein diener auch mit der grösten unschuld das hefft der herrschafft in die hand bekäme, wäre dieses doch so süchtig, dasz der allerbeste einen gran der begierde bekäme
ebda 2, 590
b. — '
schaden stiftend': '
übertragen auf menschen, die auf alles genau aufmerken und dadurch, dasz sie das geschehene weiter sagen, andere in schaden oder üblen ruf bringen' Müller-Fraureuth
obersächs. u. erzgeb. 2, 587. I@CC. '
von einem (
krankhaft übersteigerten)
trieb erfüllt'.
zur bedeutungsentwicklung ist das unter 1sucht III
einleitend bemerkte zu vergleichen. in noch erheblich stärkerem masze, als es bereits beim subst. zu constatieren war, fällt die vertretung des neuen wortsinnes den compositionen zu (
wie sie von jedem zusammengesetzten subst. dieser stufe gebildet werden können: geldsüchtig, ehrsüchtig
u. s. w.).
zeitweise, im 17., 18.
und frühen 19.
jh., scheint das simplex in der bedeutung '
cupidus'
literarisch ganz ungebräuchlich gewesen zu sein (
vgl. Stieler, Kramer, Adelung, Campe, Heinsius).
seit der mitte des 19.
jh. aber begegnet es gelegentlich wieder, wenn auch gewandelt in gehalt und gebrauch; und es gilt für diese bedeutung wie für die entsprechende des subst., dasz (
mit ausnahme der sonderentwicklung A 1 c)
einzig in ihr das simplex süchtig
noch heute schriftsprachlich verwendungsfähig ist (
wenn es auch —
im gegensatz zum subst. —
einen gewissen preciösen charakter nicht verleugnet). —
was umgekehrt den terminus a quo betrifft, so ist der vorsprung gegenüber dem subst. (
s. u.C 1 a)
sehr merkwürdig. ins unwahrscheinliche würde er wachsen, wenn bereits anfang des 14.
jh., in den versen: wenig wispiln suchtig machint vil vligin fluchtig
Dalimil 44, 53
fontes rer. Boh. suchtig (
das im tschechischen original ohne entsprechung ist) '
gierig, stechsüchtig'
bedeutete. es ist wohl zu verstehen: '
wenige schwache (
kränkliche)
hornissen behalten über viele fliegen die oberhand'. I@C@11) süchtig
mit abhängigem logischem object. I@C@1@aa)
mit genitiv, '
gierig nach etwas',
in moralisch abwertendem sinne; dieser sprachgebrauch gehört dem 16.
jh., ja im grunde nur Luther
an: (
ein bischof sei) nit eyn weynseuffer, nit eyn schelder, nitt schendlichs geniesz süchtig, sondern yderman eben, unstreyttig, nit geytzig Luther 10, 2, 112
W.; niemant aber unter euch leyde als eyn mörder, odder dieb, odder ubelthetter, odder frembds guottis süchtig
ebda 12, 384;
wo süchtig
c. gen. sonst noch vorkommt, handelt es sich um citat oder verwendung der letztgenannten Luther
-stelle (
aus der auslegung des 1.
Petribriefs 1523, 1.
Petr. 4, 15),
z. b. bei Hedio
ablenung uff Tregers büchlin (1524) a 3
a und Brieszman
etl. trostsprüche (1525) c 6
b. I@C@1@bb)
mit nach,
nicht mehr unbedingt verurteilend; umgangssprachlich: er ist sehr süchtig darnach
er trachtet mit aller macht darnach, er sehnet sich mit aller begierde darnach; he catches, snaps, aims or aspires, at it u. s. w. Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1922;
und mundartlich: nach etwas ganz süchtig sein
heftig nach etwas verlangen Schöpf
tirol. 727; süchtig
gierig nach etwas, nach einer gewissen speise lüstern Staub-Tobler 7, 289. I@C@22)
alleinstehendes süchtig. I@C@2@aa)
vereinzelt in mundartlicher dichtung, mit der bedeutung '
von einem (
zunächst noch unbestimmt gelassenen)
leidenschaftlichen verlangen ganz besessen': do weard ar röcht sichtig, ear laszt nimmer aus, dös wild muasz ar kriagn C. v. L.
ged. im tiroler dial. (1854) 154 (
cit. bei Schöpf 727). I@C@2@bb)
in gehobener sprache, die das wort fast schon verloren hatte, erscheint süchtig
neuerdings ab und an wieder, nunmehr als adjectivisches analogon zu 1sucht III B 2 (
vgl. das dort über bedeutungsinhalt und wertigkeit gesagte),
freilich seltener als das subst.; '
triebhaft wuchernd': wohl traf ich wunderblumen an, die bis zum haupte süchtig mich umrankten R. Wagner (1897) 10, 371;
ähnlich (
mit stärkerer fühlbarmachung des unruhigen, ziellosen): aus dem ehrgeizigen und schüchternen, weichen und stolzen jüngling (
Grillparzer) voll süchtiger phantasie ist ein empfindlicher und nervöser mann, ein bittrer, galliger greis geworden Gundolf im
jb. d. fr. dt. hochst. 1931, 14;
ganz in die sphäre des unbewuszten verlegt, '
von einer inneren, nicht weiter ausdrückbaren, aber unwiderstehlichen sehnsucht getrieben': dort lehnte ein junges mädchen weit hinaus. ihr schlanker leib strebte wie süchtig der gesunkenen sonne nach H. Stehr
drei nächte2 (1909) 258. I@DD.
völlig isoliert im rahmen der sonstigen bedeutungsentwicklung steht folgende stelle da, wo süchtig
den sinn '
gewichtig, glaubhaft'
zu fordern scheint: endlich mag ein jeder wissen, daz ich in dieser historia von der Frantzosen niederlag, was durch viel suchtige zeugen mir gesagt worden, erzehlet habe Scherdiger
novae novi orbis historiae (1591) 507;
eine überraschende parallele bietet sich in einer wb.-notiz des 15.
jh. an: pondosus suchtig Diefenbach
nov. gl. 297
b;
es wird ponderosus '
gewichtig'
zu lesen sein, das auch übertragen verwendet werden kann. wie süchtig
auf diese linie kommt, dafür fehlt freilich die erklärung —
es sei denn, man versuche zum adverbgebrauch (
s. II)
eine brücke zu schlagen. IIII.
adverb. im Schweizerdeutschen wird süchtig
als adverb mit bekräftigender function, zur beteuerung oder vereindringlichung des gesagten verwendet, '
über die maszen, leidenschaftlich, heftig, ungemein, sehr, wirklich'.
zu dieser recht verbreiteten, wohl aus der grundbedeutung '
krankheit'
im sinne von '
abnorm'
zu verstehenden gebrauchsweise vgl. Stalder 2, 418; Hunziker
Aargau 265;
vor allem Staub-Tobler 7, 289
f., wo eine reihe belege vom 18.
jh. bis zur gegenwart gegeben sind.