schwärmen,
verb. als schwarm, mit, im schwarme fahren oder gebahren; auf deutschem boden nach der hier reich entfalteten bedeutung des substantivs mannigfach entwickelt, ahd. sweremen,
mhd. swermen,
mit der umlautlosen nebenform swarmen (Lexer
handwb. 2, 1342),
die sich auch noch nhd. findet: nachts und tags in dem binenkorb zu schwarmen. Fischart
bienk. 238
a;
und einem gelegentlichen, durch tonerhöhung aus schwärmen
entstandenen schwirmen: schwärmen, schwirmen,
bacchari, grassari Schm.
2 2, 647; die poltergeister schwirmen gar starck heutte. El. Charl. v. Orleans
briefe s. 612.
die entwickelung des sinnes folgt der von schwarm. 11)
als wort der bienenzüchter, von vorgängen in den bienenstöcken, wenn alte bienen einen jungen stock abstoszen oder der junge den stock verläszt: schwärmen, als der bienen waisel, oder die mutter der biene,
examinare, examen emittere, schwärmen, oder summen als schwärmende biene,
bombum facere, bombire, schwärmen,
cum nova regina avolare, alium locum manendi quaerere Frisch 1, 243
a;
vgl. auch ausschwärmen
th. 1, 964;
so ahd.: confluere cisamine suerimen.
Haupts zeitschr. 15, 15, 640;
educunt suerement 39, 360;
und später, bis auf jetzt: daʒ si (
die bienen) swärmen wellent. Megenberg 290, 21; wann die bynen schwermen oder sonst zerströwet werden. Herr
feldbau (1556) 132
a; man höret und erfehret auch, dasz etliche stöcke unterweilen im mayen zeitlich schwermen. Höfler
bienenk. (1614) 129; wenn sie (
bienen) vor mittag schwermen, so hangen sie nicht lange. Colerus
hausb. (1640) 406; die bienen haben geschwärmet,
apiculae examen emiserunt Stieler 1951; schwärmen, wird von denen jungen bienen gesagt, welche aus denen starck besetzten alten stöcken im may oder junio, so der bienen ordentliche schwärmenzeit, mit ihrem eigenen könige oder weisel ausziehen, und eine andere herberge suchen.
öcon. lex. 2240; die vielen menschen .. machten das schlosz einem bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will. Göthe 18, 292; sie (
bienen) sind bereit, brummen, und schwermen.
froschmäus. Gg 4
a. 22)
von daher in weiterem sinne, von dem, was schwärmenden bienen vergleichbar aus- oder umherzieht (
vgl. auch schwarm 1,
b): die fliege schwärmt um das licht; das schwärmen der käfer. Bettine
tageb. 32; mit frohem leben schwärmt das insekt in dem sonnenstrahl. Schiller 10, 377; nur das volk der frösche schwärmte noch im sumpf, und quackte laut.
Göttinger musenalm. 1771
s. 49
neudr.; auch schwärmen so wild an dem bache die mücken. Voss
Luise 1, 26;
im bilde oder vergleiche: heben dann endlich die hirn-hummeln gar völlig an zu schwärmen.
Simpl. 1 (1713), 271; nur der gewissenswurm schwärmt mit der eule. Schiller 3, 474 (
kabale u. liebe 5, 1); die schuld schwermt um verterb, wie mutten um das licht. Lohenstein
Sophonisbe s. 1; vögel, krähen, dohlen schwärmen, schwärmen um einen baum, ums nest; die krähn in frischer furche schwärmen dem pfluge nach, und schrein und lärmen. Voss 5, 9;
von kühen, in einer sehr freien fügung: so eilt die satte schaar, von überflusz geschwängert, mit schwärmendem geblöck gewohnten ställen zu. Haller
schweiz. ged. 30;
gern von menschen: ins freie hinaus, in den straszen umher schwärmen,
vergl. auch herumschwärmen
theil 4, 2, 1182; da schwermen sie umb der liebsten wohnung bei eiteler nacht herumb.
Simpl. (1684) 3, 91; das volk schwärmte haufenweise um die hütte her. Wieland 8, 187; der bursche ist drauszen herumgeschwärmt. Kotzebue
dram. sp. 1, 294; das sie nur sind gewest tischfreundt, die umb mich schwermbten in dem glück. H. Sachs
fastn. sp. 3, 66, 311; morgen hat er ein andern wohn, und thut also schwerment umb wandern.
werke 15, 256, 20; es schwärmt ein ältrer bruder, den ich kaum gesehen, im reich herum. Göthe 10, 213; hier und da erscholl der ruf, er habe sich mit frechen menschen in einen bund gegeben, schwärme nun mit losgebundnem muthe, seiner neigung mit unverwandtem auge folgend, froh- und leichtgesinnt am rande des verderbens. 214;
von soldaten, theils in der technischen sprache, wo das kommando: schwärmen!
die auflösung einer strengen zugordnung in flüchtige einzelbewegungen anordnet (
vgl. auch schwärmfeuer),
theils frei, vom umherschweifen: die soldaten schwärmen auf dem lande,
milites in agris grassantur. Steinbach 2, 535; werden wir uns lang noch die hände wärmen. da die feinde schon frisch im feld herum schwärmen? Schiller 12, 18 (
Wallenst. lager 4); ohne heimath musz der soldat auf dem erdboden flüchtig schwärmen. 52 (
Wallenst. lager 11);
von gedanken, personificationen: ein schöner traum, der um den schleyer der wahrheit schwärmt. Klinger 10, 213; ihm schwärmen abwärts die gedanken nach seines vaters hallen. Göthe 9, 4; es ist umsonst! weit schwärmen die gedanken, und kehren ohne ladung mir zurück. Grillparzer 3, 185; liebe schwärmt auf allen wegen, treue wohnt für sich allein. Göthe 10, 217;
von einem thun: indem ... die schwärmende thätigkeit eine entschiedene richtung erhält. Göthe 17, 264 (
vgl. dazu unten 3,
b);
und in abgeblasztem sinne selbst nur eine laute thätigkeit hervorhebend: ohngeachtet die schönste musique gemacht wurde, auch trompeten und paucken nebst allen canonen wechselsweise schwermeten.
Felsenb. 4, 97;
so auch von hitze, wenn sie so stark ist, dasz es summt: geh, heitz ein, das die stubn thu schwermen, das sich die frosting gest thun wermen. H. Sachs
fastn. sp. 5, 4, 99;
in unpersönlicher fügung, es schwärmt,
von einem gedränge: wie es auch bisweilen unter den schulerern gangen ist, da das buch sententiarum war auffkomen, und einer oder zween darüber geschrieben hatten, da schwermete es darnach alles mit schreibern. Luther 6, 235
a. 33) schwärmen,
mit dem begriff des lustigen, geräuschvollen treibens, des lebens in saus und braus (
vergl.schwarm 2,
c): schwärmen,
dissolute vivere, faire desbauches Schottel 1412; die bauern schwärmen,
rustici bacchantur Steinbach 2, 535; wir haben die gantze nacht geschwärmt,
per totam noctem debacchati sumus. ebenda; schwärmen, schreyen und lermen als besoffene unordentliche leute,
bacchari, bacchantium more tumultuari Frisch 2, 243
a; so schwermten dieselben bis der tag anbrach.
westphäl. Robinson 154; nur zu schwärmen (
im hofleben), das war meine sache. Göthe 19, 275; wir traten ins wirthshaus, und nur die zechende, schwärmende menge in den vorsälen hemmte die invectiven die er gegen sich und seine altersgenossen ausstiesz. 25, 261; gestern nachts geschwärmt, heute früh von projekten aus dem bette gepeitscht.
briefe 1, 263
Weim. ausg.; alle meine leute schwärmen schon den ganzen tag bei der weinlese. Eichendorff 2 (1864), 179; das wir die stuben wermen, dan wöl wir waidlich schwermen.
meisterl. fol. 23,
nr. 21; nach dem bad wöll wir weidlich schwermen, essen, trincken, singen und schreyen. H. Sachs 17, 391, 7; sie schwärmen in der fülle, die wollust macht sie mehr als sorg und kummer grau. Günther 584;
thiere. (
die frau ist) beim schmause, aus dem haus, zum schornstein hinaus!
Meph. wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen? Göthe 12, 121. 44) schwärmen,
vom gedankenleben des menschen, das aus der bestimmten richtung gerät: wenn sie (
die einbildungskraft) schwärmt,
d. h. sich nicht behutsam innerhalb der schranken der erfahrung hält. Kant 3, 237. 4@aa)
im 16.
jahrh. und später gern in religiösem sinne, auf irrgläubigkeit zielend (
vgl.schwarm 2,
a)
und schwärmer: wie oft hat jn (
den Carlstadt)
d. Philips vermanet zu Wittemberg, er solt nicht so mit dem Mose, mit den bilden, mit der messe und beicht schwermen? Luther 3, 53
a; das lied, so man zum grabe singet, nu lasst uns den leib begraben .. hat ein guter poet gemacht, genant Johannes Weis, on das er ein wenig geschwermet hat, am sacrament. 8, 393
a; er (
Jesus) wird ihr erster sohn geheiszen, nicht, dasz sie andere nach ihm gebohren wie Helvidius geschwärmet, sondern, dasz sie keinen für ihm gebohren hat. Opitz 3, 208; schwärmen, ausschweiffende meynungen in religions sachen haben, einem führer oder verführer anhangen, dabey ein geschrey von seiner meynung machen, sich absondern von der alten gemeine,
fanaticum esse, in globo errantium hominum esse, segreges coetus instituere. Frisch 2, 243
a; dogmatisch schwärmende wiszbegierde. Kant 2, 6; nicht so bey uns! denn wer in Franken nicht schwärmen darf, der mags in Preuszen thun. die meinungen und die gedanken läszt Friedrich gern auf ihrem werth beruhn. Göckingk 2, 154. 4@bb)
auch im weltlichen sinne, zunächst als hartes wort für ungeordnetes geistiges gebahren und dessen ausdruck, verrückt sein: das du auch daher schwermest, ich schende die priesterschafft, .. lasz ich fürüber flieszen. Luther 1, 376
b; habe ich der tollen und immerschwermenden welt die eitelkeit unsers zeitlichen lebens in einem offentlichen spiell wollen fürbilden. Hollonius
somn. 5
neudr.; dasz er .. mit der faust auf den tisch schlug, mit den fingern schnappete, und grausam schwermete.
Salinde 302; mein herr thut grausam schwermen und fluchen, ich soll sein tochter wider suchen. J. Ayrer 439
a (2206, 4
Keller); laszt uns Cleopatren auch weyrauch reichen dar, man schick' ihr bild nach Rom, man lasz' ihr ampeln brennen, und sie, so wie sie schwermt, sich eine göttin nennen. Lohenstein
Cleopatra 89, 270;
so schwärmen
gedanken, vorstellungen u. a.: (
da) über dieses ein und andere falsche vorurtheile in meinem gehirne schwermeten.
Felsenb. 2, 97; in dem höheren grade dieser störung schwärmen durch das verbrannte gehirn allerlei angemaszte überfeine einsichten. Kant 10, 18; das talent .. regellos verfahren und schwärmen zu lassen, würde vielleicht originale tollheit abgeben. 242; da der menschliche verstand über unzählige gegenstände viele jahrhunderte hindurch auf mancherlei weise geschwärmt hat. Kant 3, 165; es schwärmt jemand, es schwärmt in seinem kopfe,
wenn er verworrene vorstellungen hat, und solches durch seine urtheile und handlungen im hohen grade äuszert. Adelung; hier schwärmt kein zauberlied, das geister wiederruft. Günther 520; kein dämon schwärmt ihr im gehirne, ihr blick ist finstrer ränke leer, ihr athem nicht von kummer schwer. Gotter 1, 111;
auch mit acc. (
vgl. nachher d): und was wolt das geben für lermen, wenn jeder wolt was eigens schwermen.
froschmäus. Ll 1
a;
in einer formel derber abweisung: was, schwärmen sie? (
sind sie bei troste?) Gotter 3, 331. 4@cc)
als milderes wort, zur bezeichnung einer überwiegenden phantasie und begeisterung; erst in der litterarischen bewegung seit etwa 1770
ausgebildet, von Campe
zuerst verzeichnet: er schwärmet in der religion, liebe, freundschaft;
von Schiller
dem begriffe nach bestimmt: das sentimentalische genie hingegen ist der gefahr ausgesetzt, über dem bestreben, alle schranken von ihr zu entfernen, die menschliche natur ganz und gar aufzuheben, und sich nicht blosz, was es darf und soll, über jede bestimmte und begrenzte wirklichkeit hinweg zu der absoluten möglichkeit zu erheben oder zu idealisiren, sondern über die möglichkeit selbst noch hinauszugehen oder zu schwärmen. 10, 499;
in verschiedener anwendung: einer schwärmt, eines herz, geist schwärmt,
u. a.: gemach Vollmar ... sie kommen ins schwärmen. 2, 351; es musz reizender seyn mit diesem mädchen zu bulen, als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen. 3, 453 (
kab. 4, 3); Natalie ist dein! (
rief Friedrich aus). ich bin der zauberer, der diesen schatz gehoben hat. er schwärmt, sagte Wilhelm, und ich gehe. Göthe 20, 306; Hermine schwärmte, sie sang begeistert: ihn wiederzusehen, ihn, meinen Romeo. Arnim
Hollins liebeleben 81; so schwärmt die kranke fantasey in Klärchens sanfter schöner seele, stets sanft und zärtlich. Wieland 9, 232 (
v. 1775);
Nathan. sie schwärmt!
Daja. allein so fromm, so liebenswürdig!
Nathan. ist doch auch geschwärmt! Lessing 2, 197; begreifst du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter, als gut handeln ist? 205; ich bin ein junger laffe, der immer nur an beyden enden schwärmt; bald viel zu viel, bald viel zu wenig thut. 339; ach, theure lady! ihr seid auszer euch, die langentbehrte freiheit macht euch schwärmen. Schiller 12, 488 (
M. Stuart 3, 1); träumend sitz' ich hier oben, in schwärmende sehnsucht versunken. Körner 1, 58; ich hab geliebt, ich hab geschwärmt, ich preis' auch das ein glück. Geibel 1, 12; über, für, von etwas
oder einem schwärmen: zu jener zeit, als meine einbildungskraft über Musarion und Agathon brütete, schwärmte ich wohl selbst ein wenig über diesen punct. Wieland 24, 159; nicht alle lassen ihm gerechtigkeit widerfahren: dafür schwärmen auch alle die für ihn, die ihn näher kennen. Göthe 20, 40;
auch wohin schwärmen,
in noch näherem anschlusz der bedeutung an oben 2: wo schwärmt der knabe hin? mit welchen farben mahlt er sich seinen werth und sein geschick? 9, 167. 4@dd)
dieses schwärmen
selbst transitiv, mit dem acc. des im schwärmen bewirkten; besonders eine häufige fügung Klingers: ich schwärmte glühende träume von edelen thaten. 1, 31; während eure kranke einbildung mich als verräther schwärmte. 2, 75; so süsz schwärmt' ich eure rettung, und den dank des volkes! du störst nun diesen traum. 121; so schwärmte das volk einen verworrenen traum von gleichheit. 333; längst zehrte die leidenschaft die träume auf, die du in meine junge phantasie geschwärmt hast. 347; tritt er, den dein herz so standhaft schwärmte, auf die seite der aufrührer? 391; ist diesz ein traum, den ich von frühster jugend, im vergessen meiner selbst, geschwärmt habe! 411; (
er) schwärmte in seine saiten alle die wonne, die sein herz empfand. 10, 131;
doch auch anderweit: auch thät ich bei der schätze flor viel gluth und reichthum schwärmen. Göthe 2, 197. 4@ee) schwärmen
reflexiv: die tugend, vereinigt mit der liebe, soll .. ihn in das gefühl zurückführen, worin wir uns einst so selig schwärmten. Klinger 1, 158; (
er) schwärmte sich auf seinem rosse in gespannter phantasie zum ritter der tugend, zum rächer der unschuld. 3, 144. 55) schwärmen,
weidmännisch, vom jagdhund (
vgl.schwarm 2,
c und schwärmer 6,
a): ein anderer fehler ist, dasz er schwärmet, das ist mit den augen hin und her gaffet, die nase nicht auf der erde behält oder auch alle fährten, hasen und fuchsfährten anfällt. Heppe
jagdlust (1783) 1, 45.