schief,
adj. obliquus, zunächst nd., später ins mittel- und hochdeutsche eindringend: nd. schêf Schiller-Lübben 4, 83
b.
brem. wb. 4, 624. Dähnert 402
b. Sghütze 4, 29. Danneil 184
a. Woeste 228
a. ten Doornkaat Koolman 3, 105
b, scheyff Dief.
nov. gloss. 267
b. 368
b, scheiv Mi 75
b, scheif Schambach 181
b,
nld. scheef,
obliquus, transversus, limus, tortus, flexuosus, distortus Kilian;
diesem nd. nld. schêf
entspricht dem sinne und der form nach altnord. skeifr,
dän. skjæv,
schwed. skef,
sowie ags. scáf
in skáffót,
pansa Wright - Wülcker
voc. 37, 37,
mitteld. scheib (
Niederhessen) Vilmar 344, schaip (
Unterharz) Liesenberg 190, scheib (
Nordhausen) Schultze 43
a, schêf Weinhold 82
b,
dieses scheib
könnte man zu dem alten starken verbum scîban,
rollen, kugeln stellen, wenn die bedeutung von schief
es zuliesze (
s. Frommann 5, 167, 133);
bei B. Waldis schib:
[] gleich, ungleich, seltzam, schib und scheckit.
Esop. 2, 31, 164
Kurz. in der chronik des Nicolaus v. Jeroschin
in der form schîf
im reim auf brîf (25249); schif,
obliquus in einem alten vocabular Dief. 387
a; Schottel 1395
verzeichnet scheif,
obliquus, Stieler 1779 schieb, schief, scheif, schef, schöf;
das ebenda aufgeführte schiebicht,
obliquus tritt durch das inlautende b
der mitteld. form scheib
nahe. Steinbach 2, 394
hat nach schlesischer aussprache schef, scheef
und führt als andere formen schöf
und schief
an. bei Frisch 2, 156
c noch schäf
und scheif
neben schief.
in der volksthümlichen sprache des eigentlichen hochdeutschen gebietes ist schief
nicht heimisch geworden, an seiner stelle findet sich als characteristische bildung mhd. schiec
mhd. wb. 2, 2, 108
b. Schmeller 2, 368.
bemerkenswert ist auch das mitteld.- und oberdeutsche wort schepp,
schief Schmeller 2, 436. Vilmar 344 (
Oberhessen). Sartorius 106. 11)
abweichend von der loth- oder wagerechten richtung, dann abweichend von der irgendwie gegebenen graden richtung oder lage, daher auch für krumm: schiefe linie,
linea obliqua, schiefer cylinder,
cylindrus scalenus, schiefer kegel,
conus scalenus Frisch 2, 156
c; schiefe hölzer,
ligna transversa Stieler 1779; scheefe pfähle,
obliquae sublicae Steinbach 2, 394; der schiefe thurm von Pisa; schiefe fläche, schiefe ebene,
letzteres auch zur bezeichnung der für experimente hergestellten oder zu mechanischen zwecken bestimmten vorrichtung. Jacobsson 7, 204
a;
dann auch in bildlichen wendungen: er geräth auf eine schiefe bahn, er gleitet auf einer verhängnisvollen schiefen ebene abwärts;
als schiefer winkel
faszt man stumpfe und spitze winkel im gegensatz zum rechten zusammen; ein schiefer stamm,
der mit der erdoberfläche einen schiefen
winkel macht Jacobsson 7, 206
b, schiefes blatt,
das von seiner natürlichen richtung abweicht. ebenda; oder, dessen bau unsymmetrisch ist. Campe; schiefer halm, schiefe wurzel,
wenn ihre richtung zwischen die senkrechte und wagerechte fällt. ebenda. die seeleute nennen einen wind schief,
dessen richtung dem kurse fast entgegengesetzt ist. Bobrik 587
b.
sprichwörtlich: d'r is gên pot so schêf, of d'r findt sük noch wol 'n deksel to. ten Doornkaat Koolman 3, 105
b; auff ein scheiff duppen, gehört ein scheiffdeckel. Henisch 770, 40; dâ krîg' ek scheiwe stêwel von,
das thue ich nicht, das lehne ich ab. Schambach 181
b.
in volksthümlicher steigerung windschief,
wo wir jetzt an wind,
ventus denken, während wahrscheinlich der erste bestandtheil auf ein altes adj. wind,
gewunden zurückzuführen ist, das dem nordischen vindr,
goth. invinds
entspräche. Frommann 5, 181;
im vergleich: so scheif as de weag na Oaken (
Aachen), as ne bricke (
krummholz) 162, 133 (
grafschaft Mark); schêf as vierlanner bên, seggen de Altonaer. Wander 4, 161;
im nd. gern verbunden mit schell
krumm. brem. wb. 4, 632. Woeste 228
a.
Ausgesagt von lage, stellung, bewegung: dar is dryerleye beweginge, ummelopende, scheef unde recht.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 83
b; eine scheefe bewegung,
obliquus motus Steinbach 2, 394; schiefe stellung, schiefe lage
oft in bildlichen wendungen: er brachte mich dadurch in eine schiefe lage, ich befinde mich in diesem hause in einer schiefen stellung. die mauer, der tisch, die säule steht schief, die mütze sitzt schief; er hatte ... die schlafmütze schief auf dem kopfe. Eichendorff
werke (1864) 3, 3; der baum wächst schief; schief liegende fläche,
planum inclinatum. Frisch 2, 156
c; er hält den kopf, die schultern, sich schief. der wagen hängt schief,
ruht nicht im gleichgewicht; derb: der magen hängt schief,
wenn man starken hunger hat oder sich nicht wol im magen fühlt; in gleichem sinne: hörstu, myn alderleveste leff, myn mage ys so rechte scheff, make my eynen warmen bry gerade.
fastn. sp. 974, 2. scheef ab schneiden,
oblique abscindere Steinbach 2, 394; scheef schriven Schütze 4, 29; schief laufen: he läpt so scheif as ennen hond von Aerdangen. Wander 4, 161, 30; sich die stiefel schief laufen.
eigenthümlich: wand nun sumelich tummer gief, wirfet den gelouben schief uf diz schone wunder (
zweifel hegt).
passional 531, 18
Köpke; ähnlich: widdirsprêche er den brîf unde hîlde dî redde schîf, daʒ er denne wêre vorbannen ein ketzêre.
N. v. Jeroschin 25249; schief treten,
fehl gehen, sich irren: wande er was getreten schief in ergerunge ein teil zu vil.
pass. 204, 35
Köpke. [] etwas geht schief, es geht schief aus, läuft schief ab,
es nimmt eine verkehrte, üble wendung, miszlingt: es geht schäf,
vulg. non recta via res procedit. Frisch 2, 156
c; dat geit scheef Schütze 4, 29;
in der gaunersprache: die sache geht schiwes; wie kann es uns so schief gehn, sagte er, da wir es eigentlich sind, welche die republik aufrecht erhalten. Klopstock
gelehrtenrep. 223; es wird unruhig und geht schief aus. Göthe 8, 199; P. H. sah wohl, dasz das ganze schief ging. 37, 303; ging es schief, nun, so vergriff er sich. Wieland 10, 321; o! das henkersding geht schief! Göthe 7, 94; und geht's auch schief, wir hauen uns heraus. Grillparzer 4, 51; die schlacht ging schief. 8, 40; die anstalten zu meinem wunder sind so gut getroffen, dasz ich sehr wenig von den puppenspielern müszte gelernt haben, wenn es schief ablaufen sollte. Thümmel
reise 4, 114.
frei: der gang der welt ist dumpf und schief. Rückert 347;
ebenso: es steht schief mit unserem unternehmen,
es droht zu miszlingen; wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen, steht aber doch immer schief darum; denn du hast kein christenthum. Göthe 12, 131;
nd. se sünt ümmer to scheewen,
sie thun immer das gegentheil. Schütze 4, 29; schief gegenüber sehen,
den blick wenden, wie sonst gewöhnlich schräg gegenüber: da wo Schellhafers haus die festen mauren endet, ragt, wenn man seinen blick schief gegenüber wendet, ein glänzend haus empor. Zachariä
renommist 3, 58. schief sehen,
den blick nicht grade auf etwas richten, so dasz ein verschobenes, falsches abbild entsteht. etwas schief ansehen,
falsch auffassen (
anders unter 3); er will nicht mehr verdrehen und schief sehen. Fichte (1846) 8, 54;
dem gleichen vorstellungskreise entspringen wendungen wie: etwas in einem schiefen lichte sehen, zeigen, darstellen; etwas von einer schiefen seite, einem schiefen gesichtspunkte aus betrachten (
vgl. u. 3).
in der derben sprache: er hat schief geladen,
ist angetrunken, besonders auf nd. gebiete Frommann 2, 75, 16. 5, 73, 106. 136,
a, 10. Vilmar 344. Danneil 184
a;
in demselben sinne auch nur: hai es schê
f. Woeste 228
a. Frischbier 2, 270
b. er ist schief gewickelt,
in groszem irrthum Albrecht 199
b;
nd. hei is scheiw wickelt. Wander 4, 161, 31. 22)
auf wuchs und körpertheile bezogen: ein scheifer kerl,
homo detortis cruribus, schiefer hals,
collum obstipum Stieler 1779; der schäfe beine hat,
valgus Frisch 2, 156
c; er ist schief gewachsen, hat schiefen wuchs, schiefe schultern, schiefes gesicht, ist schief; Gudowen sone mit dem scheven munde.
quelle bei Schiller - Lübben 4, 83
b; grad auf wie ich! seede de scheefe dansmester,
von leuten, die ihre eigene schwäche verkennen. Schütze 4, 29; schief von rücken wie ein kahn, dürr von rippen wie ein span. Rückert
poet. werke (1882) 4, 91. sich schief lachen,
wie sich pucklicht lachen;
übertragen: weil eine falsche besetzung der titelrolle dem ganzen stücke ein schiefes gesicht andichtete. H. Laube
Grillparzers leb. 173.
eine reihe von redensarten bezieht sich gutmütig spottend und tröstend auf das verwachsensein: je schever, je lever; een beten scheef dat levet,
wenn jemand eine verwachsene heiratet brem. wb. 4, 625; ein bischen schief bringt unter die haube. Simrock
sprichw. 8991; 'n bäten scheef is vörnehm. Firmenich 1, 233, 68; en beten scheev ist likerst leev,
aus kleinen fehlern macht sich die liebe nichts. Dähnert 402
b; 'n bîtje schêf hed god lê
f. ten Doornkaat Koolman 3, 105
b; 'n bitjet schêf dat swirt am besten (
holländert am besten beim schlittschuhlaufen). Frommann 4, 360, 29 (
Ostfriesland),
vgl. Wander 4, 160;
ohne beziehung auf verwachsenheit: scheiber kerl,
als ausdruck der verachtung. Vilmar 344,
vgl. nd. scheefe deef Schütze 4, 29,
ebenso krummer kerl. 33) schiefer mund, blick, schiefes gesicht
als ausdruck von verdrieszlichkeit, miszgunst, neid: jemanden mit schiefen blicken betrachten, ihm schiefe blicke zuwerfen, ihn schief ansehen; schiefe miene, ein schiefes gesicht zu etwas machen; man
[] sieht nichts als gerunzelte stirnen und schiefe gesichter; ein schiefes maul machen; (
ich) habe während eines dreitägigen aufenthaltes wohl schiefe gesichter gesehen, aber sonst nichts unangenehmes erfahren. Grillparzer 15, 128; Pervonte sieht mit ziemlich schiefen mienen der anstalt zu. Wieland 18, 210; wenn man fürs künftige was erbaut, schief wird's von vielen angeschaut. Göthe 2, 237; Margretlein zog ein schiefes maul. 12, 145. jemandem ein schiefes maul machen,
als beleidigende geste, vgl. Danneil 184
a. 44)
frei auf unsinnliches übertragen: schiefer sinn, schiefes urtheil, etwas schief auffassen, schief anfangen, schief darstellen;
dagegen etwas schief aufnehmen,
mit miszvergnügen aufnehmen, sich beleidigt fühlen: und sie wollen doch wohl nicht behaupten, dasz unter verblümten, bilderreichen worten nothwendig ein schwanker, schiefer sinn liegen musz? Lessing 10, 174; er urtheilte immer schief von dem was grade vor ihm stand. Wieland 20, 219; schiefes spiel (
eines schauspielers) vergibt man dem schwachen kopf. Schiller 3, 586; sehr schiefe exempel sind uns aufgestoszen. Göthe 33, 9; zum unglück ist in der ganzen welt nichts schiefer, als die schönen herren und damen, und so wurden seine gemählde gerade eben so schief. 112; mannichfaltig ist die complication des halben, schiefen und falschen in diesen wenigen worten. 36, 222; ich wurde abermals dran erinnert, wie eine sentimentale stimmung das ideale auf einen einzelnen fall anwendet, wo es denn meistens schief ist. 43, 157; im wart nu also schiefe die vernunft und des herzen sin.
pass. 32, 88
Köpke; auch manches matte schiefe lied sich mit dem reinen schmerz vereinte. Göthe 2, 153; als sie unter euch gewandelt, spracht ihr manches schiefe wort. J. Kerner
ged. (1847) 201. 55)
besonderes: in Westfalen von der sauren, angegangenen milch, der schêwe dinstag
heiszt ebenda der dinstag der karwoche. Woeste 228
a.