niederträchtig,
adj. und adv. ,
gegensatz zu hochträchtig (
theil 4
2, 1636),
doch mit reicherer, auch noch sinnlicher begriffsentwickelung. II.
in sinnlicher bedeutung, die manchmal schon an die übertragene streift. I@11)
sich niedrig tragend, gesenkt, geneigt: es solt ein züchtiger man mit nidertrechtigen augen ansehen, was man im für hat gesetzt. Keisersberg
narrensch. 50
a; ähren, die sich naigen und niderträchtig sich, weil sie fruchtreich, erzaigen (
vgl. II, 5,
b, β). Weckherlin 765. I@22)
niedrig, tief liegend: dieses thier (
die genethkatze) wonet in niderträchtigen orten, bei den flieszenden bächen. Forer
Gesners thierb. 100
b (an niedrigen orten. Horst 243); oder werden etwan ausz dem magen .. oder andern niderträchtigen orten des leibs zu dem haupt hinauff verschickt. Uffenbach
neues rossbuch 2, 44; damit die demütigkeit bei inen so vil nidertrechtiger sei, henken sie die an die solen. Bebel
facet. (1589) 50
a. I@33)
von geringer höhe, niedrig, kurz, klein, manchmal mit dem nebenbegriffe des unscheinbaren, ärmlichen. I@3@aa)
von menschen und thieren: humilis homo, ein nidertrechtig kurtz mensch. Murmelius 57; ein niderträchtigs oder kleins rind,
bos humilis Maaler 306
c; ein nidertrechtig vöglein. Agricola
sprichw. 209
a; das nashorn ist in der grösz als der helfandt, aber nidertrechtiger von painen.
unter einem holzschnitt A. Dürers (1515)
in Parsons nashorn, übersetzt von Huth (1747) 5; der tachsz ist ein klein nidertrechtig thier. Stumpf 2, 290
a; der büffel ist hinten etwas niderträchtiger dann vornen. Forer
Gesners thierb. 31
b.
noch jetzt baier.-österr. von kurzbeinigem vieh gebräuchlich, s. Schm.
2 1, 1728. Schöpf 468. I@3@bb)
von bäumen, pflanzen und deren theilen: welcher paum (
die stechpalme) an ettlichen wälden .. sehr hoch und grosz auffwächszt, anderen beumen gleich, doch bleiben der selben auch zuom theil nidertrechtig. Bock
kräuterb. 349
b; palma minor oder humilis, die niederträchtigen palmen. Hohberg 1, 615
b; der quittenbaum ist niederträchtig und kan nicht stark uber sich wachsen noch höher aufkommen.
a. weish. lustg. 321; zwei balsamstöcklein niederträchtig gleich den rautenstöcklein. 554; das ander geschlecht (
des ferulkrautes) ist niderträchtiger und kleiner. Tabernaem. 223
b; die gemeine kreuzwurz wächst niderträchtig (
gedruckt niderächtig) und weit um sich und wird nicht viel über spannen hoch. 462
b; doch ist der stengel nidertrechtiger. Thurneiszer
erdgew. 70; ein niederträchtiges blat. Hohberg 3, 1, 604
a; darumb soll man fleiszig und wol bedenken, das die niderträchtigen räben am füglichsten gesetzt (
werden) an unebene zwerche ort. Herr
feldbau 47
b; ein hoher starker baum musz von dem winde liegen; ein niederträchtig strauch, der bleibet stehn durch biegen. Logau
zugabe 7; stehn die pappeln dort so prächtig um des nachbars gartenhaus; und bei uns wie niederträchtig nehmen sich die zwiebeln aus (
vgl. II, 2). Göthe 3, 59. I@3@cc)
von gebäuden: casa, ein nidertrechtig hus, ein schlecht burenhus. Murmelius 120;
schweizerisch ein niederträchtiges häuschen. Stalder 2, 237. IIII.
in übertragener bedeutung. II@11)
geringen standes, niedriger abkunft: ich will andern von den königen zu reden gern gönnen, und mich mit dem niderträchtigen völcklein uberwerfen. Fischart
groszm. 47 (
ie parleray des gens de bas estat. Rabelais);
henneb. '
ein mädchen nennt sich selbst niederträchtig,
um zu sagen, dasz sie nur von gemeinen ältern abstamme'. Reinwald 2, 91. II@22)
dem äuszern ansehen nach unedel, würdelos, scheuszlich, widerwärtig: schwarz und weisz, eine todtenschau, vermischt ein niederträchtig grau. Göthe 2, 231; niederträchtigers wird nichts gereicht, als wenn der tag den tag erzeugt. 2, 267; je weiter ich kam, meine kleidungsstücke anzulegen, desto niederträchtiger erschien ich mir. 25, 349; man sieht (
im schwangern zustande) ganz niederträchtig aus! 20, 228. II@33)
dem inhalte und der wirkung nach höchst unangenehm und verdrieszlich, peinlich und widrig: S. ich bin die ganze nacht aufgewesen, um akten und rechnungen zu corrigiren.
B. eine niederträchtige beschäftigung! Schiller 14, 220; das ist eine niederträchtige geschichte. Freytag
handschr. 1, 180; ein verwettertes, niederträchtiges asthma (
a whoreson rascally tisick) setzt mir so zu. Tieck
Troil. u. Cress. 5, 3. II@44)
dem inneren ansehen, dem werte, der macht und eigenschaft nach II@4@aa)
gering, schwach: herr der du allgrosz, allmächtig, am besten sehen kannst, was klein und niderträchtig. Weckherlin 203. II@4@bb)
gering geschätzt, verworfen, verächtlich: mhd. sît daʒ ich so nidertrehtic bin, daʒ ich ir minne enberen muoʒ.
minnes. 1, 107
a;
nhd. got, der die hoffart und boszhafftigen von anfang nit hat wellen dulden und sy nydertrechtig macht.
Basler chron. 1, 61, 20 (
vom j. 1528); alt dürfen sie (
die privatdocenten) auch nicht in diesem unbesoldeten zustande werden, wenn sie nicht niederträchtig werden sollen.
Frankfurter gel. anz. (1772) 655, 19
neudruck. II@55)
in bezug auf das innere leben, denken und empfinden, sowie auf die äuszerung desselben durch wort und handlung. II@5@aa)
niedergehenden, auf niedriges, nicht auf hohes gerichteten sinnes: wie ... setzt ir ewer hertz und gedanken so niderträchtig.
Amadis 54
K.; wird ihm von selbigem (
dem vater) ein starker verweisz wegen seiner niederträchtigen liebe gegeben, mit der versicherung, dasz er in nimmermehr vor seinen sohn erkennen wolle, wenn sich sein herze nicht der gemeinen kaufmannstochter entschlüge, im gegentheil das vorgeschlagene adeliche fräulein erwehlete.
Felsenburg 1, 128; sie schalt ihren neffen aus wegen seiner niederträchtigen neigung gegen ein gemeines mädchen. Nicolai
Seb. Nothanker 1, 219. II@5@bb)
ohne hochmut und stolz, gegensatz zu hochträchtig 1. II@5@b@aα)
herablassend, freundlich und leutselig gegen personen niederen standes, wie noch in ober- und mitteldeutschen mundarten Fromm. 2, 96. 3, 215. 6, 404. Stalder 2, 237. Schmid 406. Schm.
2 1, 644. Lexer
kärnt. wb. 66. Schöpf 468. Schmidt
westerw. id. 124. Kehrein
volksspr. in Nassau 1, 294. Weinhold
schles. wb. 65
a. Albrecht
Leipziger mundart 176
a;
holsteinisch se is so nieder trächtig,
sie spricht mit jedem Schütze 3, 147; wie christlich! wie niederträchtig! niederträchtig? herablassend soll es bedeuten und bezeichnet es auch vollkommen ... bei uns zu lande ist es gang und gäbe. Holtei
Chr. Lammfell 1, 133; niederträchtig
als gegensatz zu hoffärtig Gotthelf
geld u. geist (1859) 331. II@5@b@bβ)
unterwürfig, demütig, bescheiden, submissus. Maaler 306
c.
voc. 1618
bei Schm.
2 1, 1728,
vgl. 644
und Lexer 66. Schöpf 468. Heynatz 2, 294
f.: zum aller demuotigsten und niderträchtigisten etwas begären,
infimis precibus aliquid petere. Maaler 89
b; eine dienstbare, niderträchtige, gottselige und getreue (
hausfrau).
Petr. 61
a; nicht hochmüthig, doch auch nicht niederträchtig.
Plesse 3, 73; je höher und gröszer je demütiger und niederträchtiger. Zinkgref
apophth. 2, 21; erweiset selbs euch niderträchtig und dienet ihm mit dankbarkeit. Weckherlin 126; alle thun, was sie wollen, nur die nicht, welche zu befehlen haben, die sind der andern niederträchtige knechte. Gotthelf
schulm. (1859) 1, 114. —
in tadelndem sinne, zu bescheiden, zu unterwürfig, kriechend: eine so niederträchtige bitte. Wieland 12, 112; niederträchtige (
vorher kriechende) demuth. Schiller 1, 21. II@5@b@gγ)
kleinmütig, verzagt: niderträchtigs kleinmtigs gmt,
humilis animus et imbecillus Maaler 306
c; wer niederträchtig weint, ist keiner hülffe wehrt. Günther 84. II@5@cc)
gegensatz zu hoch, erhaben, edel, fein. II@5@c@aα)
dem ausdrucke und der handlungsweise nach niedrig, verwerflich, unedel, gemein: ein lobspruch hohes dings erfordert sinn und wort, darinnen nichts gerings und niederträchtigs sei. Rompler 82; die besten sachen verlieren ihren preisz, wenn sie entweder in allzu niederträchtige oder allzu schwülstige worte eingekleidet werden. Bünau 1, B 1
b; weder zu hochtrabend noch auch zu niederträchtig schreiben.
vorr. zu Günthers
ged. 3; eine niederträchtige schreibart. Rabener 2, 32; ein niederträchtiger witz. 1, 99; du bist niederträchtig, vogt, aber deine rede thut mir nicht weh. Pestalozzi 1, 17; du hast ... niederträchtig vom hohen geschrieben. Göthe 56, 85; alberne späsze und niederträchtige verspottungen. 48, 146; selbst bei Blumauer ist es gelegentlich der schroffe gegensatz vom .. erhabenen und niederträchtigen, was uns belustigt. 46, 214; wozu alle diese kleinen niederträchtigen künste? 36, 48; es gibt fälle .., wo jeder trost niederträchtig und verzweiflung pflicht ist. 17, 189; einen niederträchtig behandeln
u. dgl.; um mich an allen den schafsköpfen zu rächen, die mich so niederträchtig herumgezerrt haben. Klinger 3, 78; auch quälen muszt du mich?o grausam! niederträchtig! Wieland
Oberon 6, 75. II@5@c@bβ)
besonders in sittlichem verstande, höchst gemein und verworfen eine schändlich niedrige gesinnung habend und zeigend, infam: hätte deine fromme mutter dich je unkeusche umarmungen niederträchtig dulden sehen? Geszner 2, 79; kinder schlecht und niederträchtig erziehen. Rabener 3, 15; der niederträchtigste eigennutz. 1, 107; das niederträchtige anerbieten. Lessing 3, 442; so handelt ein niederträchtiger, ein nichtswürdiger. Göthe 10, 72; abscheuliche, niederträchtige kupplerin! 20, 96; da wär ich ja wie andre niederträchtig. 41, 133; niederträchtiger, du lügst. Herder
Cid 34; niederträchtge nur verschonet feige niederträchtigkeit.
ebenda; ich bin verloren, wenn sie der niederträchtge sind. Schiller 5, 1, 126 (
don Carlos 2, 9); ein niederträchtiger schurke! Schlegel
Heinrich IV. zweiter theil 2, 4; niederträchtige seele. Kotzebue
dram. werke 2, 219; mich wunderts, dasz die knaben des königs vor niederträchtigem werk sich scheuen, sie sind ja .. gewöhnt, bei nacht zu tödten. Freytag
ahnen 1, 190. II@66)
als adverb dient es manchmal nur zur bezeichnung eines hohen grades: ja besiegt, und niederträchtig feige, sind sie überwunden. Herder
Cid 61;
gewöhnlich mit ironischem nebensinne: das war niederträchtig klug gehandelt; du bist ja niederträchtig gelehrt
u. dergl.; dasz andere mich für so niederträchtig höflich halten. Zelter
an Göthe 243.