Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
leich stm.
1. der leich ist ein dôn oder ein gedœne, d. h. ein tonstück, in welchem das thema in manigfaltigen veränderungen ausgeführt wird.
2. der leich konnte eben so wohl auf einem instrumente vorgetragen werden als von einer singstimme; auch konnte gesang und spiel mit einander vereint sein. in beiden fällen konnte der vortrag einstimmig oder mehrstimmig sein; doch war der leich ursprünglich und vorzugsweise auf den vortrag einer menge berechnet, und es hatte die gespielte melodie oder die musik den vorrang über den text, so daß dieser sich jener unterordnete.
3. so wie sich die leiche in hinsicht auf den dôn durch manigfaltigen wechsel auszeichneten, so muste, wenn gesungene worte damit verbunden wurden, auch in den versen dieselbe manigfaltigkeit eintreten; und diese manigfaltigkeit ist es, durch die sich der leich von den lieden unterscheidet. auch mehrere durchaus gleichförmige strophen oder liet konnten ein ganzes ausmachen: bei jedem neuen liede (bei jeder neuen strophe) kehrte aber dieselbe weise wieder. — Zur geschichte der leiche bemerken wir hier nur, daß Lachmann (über die leiche der deutschen dichter im Rhein. museum für philologie 1831) und Wolf (über die lais, sequenzen und leiche Heidelberg 1841) sie aus den sogenannten prosen oder sequenzen (ursprünglich modulationen des halleluja am schlusse der antiphonen) herleiten (also ihnen einen kirchlichen ursprung geben), die schon früh, wie in dem leiche auf den sieg des fränkischen königs Ludwig über die Normannen bei Saucourt, auch deutsch über weltliche gegenstände gedichtet wurden: dagegen waren nach Wackernagel (mehr episch gehaltene) leiche bereits in der ältesten volkspoesie vorhanden; man mochte den inbegriff von tanz und spiel und gesang der menge, insofern musik dieselbe leitete, leich nennen. später fand nach demselben eine wechselwirkung zwischen der dichtung des volkes und der geistlichen statt, so daß diese deutsche dichtungen für das volk den volksmäßigen leichen nachbildeten und umgekehrt, namentlich seit dem zwölften jahrhundert, die sequenzen aus der lateinischen kirchendichtung auf das deutsche gebiet übertrugen, wodurch dann die alte form der leiche so umgestaltet wurde, daß von nun an beide zusammenfielen. auf die leiche der höfischen lyrik der edeln wirkten dann später noch die lais, altepische nationalgesänge der Franzosen, deren form nachher in die lyrik aufgenommen wurde, und die descorts, die französischen nachbildungen der sequenzen. s. handb. der d. lit. s. 40. 65. 226. altfranz. lieder und leiche s. 178 fg. 230 fg. vgl. auch Liliencron in H. zeitschr. 6,91. — sîn (Volkers) leiche lûtent übele, sîn züge sint rôt: jâ vellent sîne dœne manegen helt tôt Nib. 1939,1. der von Gliers rühmt die leiche von Hartmann von Aue und andern: alse guote man, daʒ man an leichen ir genôʒ niemer mêr gevinden kan MS. 1,43. b. tanzliet, leich er kan MS. H. 3,330. b. nâch disen liden sang ich dô einen leich mit noten hô und ouch mit snellen noten gar frauend. 422. der leich vil guot ze singen was: manc schœniu vrowe in gerne las das. 426,2. der (spilman mit sîner harpfen) huob den wunneclichen schal mit sîner hübschen seiten spil: tenze und süeʒer leiche vil lieʒ er dâ lûte erklingen. dar zuo begonde er singen troj. 5449. — leich gleichbedeutend mit leis Kön. leseb. 934,11. vgl. leis. — leich für franz. lai Trist. 3507 fg. einen leich von der vil stolzen friundîn Grâlandes des schœnen das. 3585. huob er aber an einen senelîchen leich de la curtoisie Tisbê, den harpft er alsô schône das. 3613. er vant ouch ze der selben zît den edeln leich Tristanden das. 19205.