knochen,
m. os, bein. II.
Heimat, formen, verwandtschaft. I@11)
seine heimat. I@1@aa)
es ist ins hd. erst gegen die nhd. zeit eingeführt aus dem mitteld. für das rein hd. bein,
das im oberd. heute noch den vorrang hat, wie noch mehr nl. dän. been,
schw. ben,
während engl. eben nur bone
besteht. in der mhd. zeit zeigte sich knoche
bisher nur selten und nur in md. quellen: (
gott) zôch an sich menschen knochen (: zerbrochen). Frauenlob
spr. 236, 15 (
MSH. 2, 351
a),
legte menschliche gliedmaszen an (
s. unter II, 4),
wo die éine oberd. hs., die den spruch enthält, trotz des reimes das wort in knoten
änderte. in des münches not 373 (
von einem Zwingewer
lieders. 2, 392,
d. i. wol aus Zwenkau bei Leipzig): alle sîne knochen wurden im zubrochen von manigem herten slage. Haupt 5, 444; tôdenknochen
in gräbern. md. evangel. Haupt 9, 280. I@1@bb)
mnd. knoke
os Dief. 402
a,
der betreffende voc. setzt aber hinzu bênknoke
vel knokebên;
auch in einem mehr mitteld. voc. des 15.
jh. das. knoken
os; nd. knaken
pl. 217
c 15.
jh., knoken
Rein. vos 3397, knake
os Dief.
n. gl. 274
b, Chytraeus
c. 19. spondile
wird Dief. 548
b erklärt nd. mit ruggeknake,
md. mit rockenknoche,
hd. mit ruckebein,
vergl. nd. ruchknoke
spina 546
c.
noch heute ist nd. knake
das herschende, doch auch knoke
z. b. götting. Schambach 106
b.
nnl. knok,
bei Kilian knoke.
dagegen im engl., ags., altn., dän. fehlend, während sie doch knöchel
in eignen formen haben (
s. dort),
vgl. 2,
b. I@1@cc)
auch oberdeutsche vocab. zeigen es schon im 15.
jh., aber meist in der bed. des im oberd. früher eingeführten knöchel
u. a., s. II, 1. 2; Dasypodius, Frisius, Maaler
dagegen kennen es nicht, noch Schönsleder
i. j. 1618
und der Schweizer Denzler 1716
nicht (
nur bein),
obschon letzterer knöchel
hat. vgl. Fischart
unter knochenspilterer.
noch jetzt ist das wort der südl. rede im allgemeinen fremd (
doch vgl. 2,
a). I@1@dd)
doch auch in seiner md. heimat, wo es im leben fast allein herscht vor bein (
so wenigstens in der östlichen hälfte des md. gebietes),
hat es für edleren gebrauch doch dieses nicht verdrängen können. wie Frisch
es als vulgär bezeichnet für bein,
so braucht es Luther
in der bibel nur dreimal, sonst immer bein
oder gebein;
und man denke sich z. b. Gretchens lied wer fühlet, wie wühlet der schmerz mir im gebein
mit knochen!
vgl. auch die zusammensetzungen. I@22)
nebenformen. I@2@aa)
ganz fremd ist es doch dem hd. nicht: denn eine nd. entlehnung ist doch nicht möglich bei dem oberpfälzischen knacken
knochen, oder bei knuecken
knochen Schm. 2, 370. 371,
bei knocke
knöchel (H. Sachs);
s. auch II, 5
und knucke,
wegen des k
unter knöchel I,
c. das wort musz danach auch dem hd. sprachschatz in der vorzeit eigen gewesen und nur bis auf diese reste erstorben sein, wie ähnlich im nord. und ags. I@2@bb)
bedeutsam ist auch eine md. nebenform die knuche,
knochiger auswuchs am körper (
osterl., F. Bech).
sie wiederholt sich im nord. in schwed. knoka
fem. knöchel (
alt und noch dial.) Rietz 338
a,
norw. knoke
f. neben knôk
m. vom hervorstehenden knochen am knie und elbogen Aasen 227
a. I@33)
verwandtschaft. I@3@aa)
das knocke
knöchel heiszt aber auch knorren, knotiges holz u. a., wie knöbel, knübel
knöchel auch knorren, knoten bedeuten. so kann denn auch nd. knagge (
s. d.)
knorren u. ä. zu dem knacken
unter I, 2
stimmen, sodasz der begriff knochen nur eine einzelne anwendung eines allgemeineren begriffs hervorstehender knorren sein mag, der urspr. der wurzel eigen war. denn man wird die knochen
zuerst am lebendigen körper bezeichnet haben (
ostfr. gilt knâk
noch so, der nackte todte knochen heiszt vielmehr bunk Fromm. 4, 133,
altfr. bunke),
und zwar nach den hervorstehenden und im gebrauch wichtigsten theilen, also eben nach den knöcheln
an händen, füszen, beinen (
s. das norw. unter 2,
b).
diese heiszen auch ausdrücklich selbst knoten
und knorren,
deutlich bezeichnet als die harten runden theile. die bed. holzstück in knocke,
pflock in knagge
könnte dann von den fleischentblöszten knochen entlehnt sein (
vgl. bes. knochen II, 2
astknorren),
wie sich das ähnlich bei kegel
zeigt, denn man brauchte diese knochen einst wirklich als werkzeuge der art. auch in kaule (
kugel)
und keule
sind die bed. des schlägels und des runden so vereinigt, die keule
selbst ist von holz wie von knochen (
vgl. knüchel). I@3@bb)
so kommt aber knochen
mit knoten
und knopf überein in seinem begriffskern des runden und zugleich festen, und vielleicht auch im ursprung, wenn sie auf eine einfachere wurzel knu
zurückgiengen (
s. sp. 6).
alle drei zeigen auch in der ausgestaltung der formen und der bed. auffallende übereinstimmung. s. weiter knoten, knopf,
besonders die nebenformen knoger
und knügel (
sp. 1452), knoder
und knüder, knöber
und knübel. I@3@cc)
die ältere wurzelgestalt scheint sogar vorzuliegen in altn. knûi
knöchel, pl. knûar,
norw. knue (
auch gnue, nue),
dän. und dial. schwed. kno (Rietz).
und davon sind reste übrig auch auf deutschem boden in ditm. knoern
pl. Groth
Quickborn (1853) 46,
oder wäre das dän. einflusz? aber selbst im hd. noch in mhd. zeit: er sluog in grôʒe biulen mit sînen herten kniulen.
lieders. 3, 152,
von einem narren, der sich so an neckenden kindern rächt, es können nur die knöchel der faust gemeint sein, das wort klingt aber wie das demin. zu einem alten knû,
knochen, knorren; vgl. knäuel 5,
das dazu gehören könnte. das alles aber erinnert in form und sache zu sehr an knie,
goth. kniu,
als dasz man es nicht trotz lat. genu
u. s. w. dazu halten sollte als wurzelverwandt, denn gerade auch am knie
ist offenbar der vortretende runde knochen das was zuerst als zu bezeichnen auffallen muszte (
s. norw. knoke
vom knie unter 2,
b). I@3@dd)
übrigens erscheint unter den zu knoten
gehörigen wörtern geradezu auch die bed. knochen in altn. knûta
f. Egilsson 469
b, hrossknûta
pferdeknochen 403
b;
bei Fritzner 357
b ist knûta (
und hnûta)
das hervorragende ende des knochens, wie schwed. knota
f., hd. knoten (
und knochen II, 1),
vergl. den heldennamen Hartknot
Garg. 107
b gleich Hartknoch (
mehr dazu unter knoten).
ebenso zeigt knopf II, 16
die bed. knochen, eig. rundes knochenende. I@3@ee)
noch merkwürdiger aber wiederholt sich in der sippe die häufige doppelheit des anlauts in kn-
und n (hn-).
denn wie das norw. knue
knöchel auch nue
heiszt (Aasen 140
a),
das knoke
unter 2,
b auch noke (227
a),
so heiszt das bair. knacken
auch nacken
knochen Schm. 2, 675,
das vielleicht das hd. nacken (
ahd. hnach)
in die verwandtschaft zieht als den knochigen theil des halses. vgl. ferner westf. nüekel
gleich knüekel
knöchel Fromm. 3, 366,
schwäb. noggel
faust Schmid 408
neben knugel
knöchel, schweiz. noggel
klotziger mensch Stalder 2, 240
neben knocke
klotz (knock
hügel neben nock
das.).
und dieser anlaut wird vielleicht in die älteste germ. zeit gerückt durch ital. nocca
knöchel an fingern und zehen, s. Diez 420 (2, 48),
vgl. it. sp. nuca,
fr. nuque
nacken, mlat. nucha (
s. II, 3,
a).
und dasselbe wiederholt sich bei knoten (nodus
u. a.),
vielleicht bei knopf (
s. knuffen). I@3@ff)
auch auswärtige verwandtschaft deutet sich wol an z. b. in ehstn. nuk
knöchel an fusz und finger; vgl. auch kymr. cnwcc
knoten, knorren (cna
runder knoten, knorren u. ä.),
niederwend. knyża
fingerknöchel; an knûta
knochen aber erinnern poln. gnat
knochen, slov. gnát,
böhm. hnát. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
knöchel, wie schwed. knok, knauk
m. Rietz 337
b: knochen am fuesz,
occanus vel enkel. voc. inc. teut. n 3
b; handknochen,
gausapium, kubel (
l. knubel). l 1
a; knoch
condolus, nodus. voc. th. 1482 q 8
b (
doch s. dazu knochig 2); knoch,
talus. Alberus p 3
b (
nur so),
wie in einem mrh. voc. 15.
jh. knoche
talus Dief. 572
b; sie (
die landsknechte) laszen hosen machen mit einem überzug, der hengt bisz auf die knochen. Uhland
volksl. 526; die vers (
ferse), knochen, fuszbret, pallen und ganze solen (
fuszsohle). Mathesius
Sar. 93
b,
in der schilderung eines fuszes. vgl. vorhin it. nocca (I, 3,
e).
s. auch knöchen. II@22)
knoten, knorren überhaupt (
s. I, 3,
a). II@2@aa) knoch
oder knauf
auf dem flachs, adula. voc. th. 1482 r 1
a,
wie knopf, knoten
auch. II@2@bb) knoch
oder knopf
an holz, vertex. das. r 1
a,
aststück, knorren; s. knüchel und knocke m. 3,
vgl.knöbel (
knöchel) 2. II@2@cc)
auch knoche
von knorren an den gliedern, wie gleichfalls knöbel 2, knaust 3,
ergibt sich aus knochig 2,
vgl.knöchel 5. II@33)
gewöhnlich und jetzt allein von den gebeinen. II@3@aa) knoch
hinten am nack, nucha.
voc. theut. 1482 q 8
b,
genick, das lehnt sich noch an 1
oder 2
an, woraus die allgemeine bed. sich erst entwickelt hat. II@3@bb)
dann auch von andern einzelnen knochen, wie von den rückenknochen (
s. I, 1,
b),
nd. rukeknoke
spondile Dief.
n. gl. 346
a, wirbelknochen.
von den kiefern, backenknochen: als wie ein junger löw, im fall der seine knochen im maule, seine mahn auf beiden schultern merkt ... Opitz 1, 14.
nd. auch von den zähnen: de den Roland sên will, môt den mund vull knaken hebben.
brem. wb. 2, 817. stirnknochen, augenknochen: augenbraunen die auf einem scharfen oder stumpfen knochen so oder so sich schlängeln. Lessing 2, 202 (
Nath. 1, 2). halsknochen, schädelknochen, brustknochen, herzknochen, zwischenknochen
u. s. w., doch ist da oft das oberd. bein
mehr in geltung geblieben (
vgl. I, 1),
auch im wissenschaftlichen gebrauch. II@3@cc)
vom gebein
des lebenden körpers überhaupt (
ein collect. von knochen
ist nicht gebildet worden): ich kan ihm ein kol gekochen (
eine drohung), das ihm gnacken alle knochen.
fastn. sp. 931, 30,
darin laufen aber eig. drei bed. zusammen, glieder, gebeine und gelenke (
denn diese '
knacken'
ja); seine (
des behemoth) knochen sind wie fest erz, seine gebeine sind wie eiserne stebe.
Hiob 40, 13; die wunde geht bis auf den knochen; es friert mich bis auf die knochen; so wie nur ein rauher wind weht, wird man auf den treppen des hauses bis auf die knochen durchgeweht. Niebuhrs
leben 2, 299; es ist nichts an ihm als haut und knochen. Frisch 1, 528
c. Steinb. 1, 887; er ist stark von knochen (Ludwig),
von starkem knochenbau; das fleisch hab ich alles herab gelebt, und nun frieren die knochen mir immer so. Claudius 4, 37,
ein greis sagts; warum schaudert mir so durch die knochen? Schiller 138
b; meine knochen sind schon mürb. Schubart (1825) 3, 84; fort! fort! indesz unsere deutschen knochen scharten in ihre klingen schlagen. Schiller 174
a (
Fiesco 5, 4); nun fühl ich erst dasz mir das mark nicht mehr in den knochen sitzt wie vor alters. Göthe 11, 22; die knochen voll von rittermark. 1, 106; steckt doch mark in jedem knochen. 3, 252. II@3@dd)
bildlich: alle (
autoren des alterthums) hielten sich am nächsten, wahren, wirklichen fest, und selbst ihre phantasiebilder haben knochen und mark. Göthe 37, 21. II@3@ee) todtenknochen (
schon mhd., s. I, 1,
a): sandte hin und lies die knochen aus den grebern holen.
2 kön. 23, 16 (
v. 14 menschenknochen); mit deinen knochen wil ich noch birn abwerfen. Schottel 1118
a,
will dich überleben, vgl. bein
A, 6,
schwäbisch ich werde mit deinen knochen noch die birnen herabkeien. Schmid 626. II@3@ff) thierknochen, knaupelknochen
u. ä.: zwei hunde an einem knochen kauen selten klein.
so rindsknochen, eselsknochen, pantherknochen (Göthe 40, 169)
u. s. w. II@44) knochen
pl. dient als kraftwort für die glieder, deren wichtigster bestandtheil sie ja sind. so schon bei Frauenlob (I, 1,
a),
es gleicht der zweiten bedeutung die bein
erhielt. II@4@aa)
für die glieder überhaupt: ên hemd up dem staken, dat andere up den knaken (
brem. wb.),
von einem der nur zwei hemden hat, eins zum trocknen aufgehängt, eins auf dem leibe; maniger heft der mummen gesmecket, dat he licht und heft de knoken gestrecket (
todt). Soltau 2, 25 (
v. j. 1492); sie haben meinen alten knochen dergestalt zugesetzt (
im kampfe), dasz ich wie gemörselt bin. Göthe 42, 348; gebt mir doch ein glas branntwein! meine knochen fallen auseinander. Schiller 120
a; dasz wir vor hunger und elend schier (
bald) nagen müssen die eigenen knochen. 320
a; wenn ihnen 'nmahl wie dem alten Jost die knochen erst immer so frieren, sehen sie denn gelten ihre bonmots nicht mehr. aber edel und gut gewesen sein, das gilt denn noch und wärmt und ölt die knochen von innen heraus. Claudius 4, 58; wenn sie nur wüszten was ich nicht alles schon gethan, um den theologen aus den knochen zu kriegen. Kinkel
erzähl. 179. seine knochen brauchen,
tüchtig arbeiten, volksm.: gewehnt sie auch in dieser zeit (
die töchter) ... woll zugebrauchen ihre knochn mit waschen, melken, backen, kochn. Ringwald
laut. warh. (1621) 258; hätte er gearbeitet und seine knochen gebraucht ... so wäre er nicht verhungert. E. Helmer
prinz Rosa-Stramin (1857) 38. II@4@bb)
besonders auch von den beinen (
füszen),
wie ja bein
selbst diesen übergang erfahren hat: was aber war sein lohn? er brach einst seine knochen und kam in rechtem ernst als krüppel hergekrochen. Canitz (1734) 295, fracto crure; er schlägt den hund auf die knochen. Steinbach 1, 887
als beleg für die angabe '
zuweilen für fusz'; so aber musten ich und der frembde oben auf der spitze katze inne halten (
ruhig aushalten) und unter währenden schlagen wie eine mauer auf den knochen stehen.
Schelmufsky 2, 66,
von duellanten; tanz, mädchen, tanz, die schuhe sind noch ganz. sind sie dann zerbrochen, so tanzen wir auf den knochen.
thüring. volkslied. nd. flink up den knaken,
schnellfüszig (
br. wb.).
ebenso bair. knuecken (I, 2)
verächtlich für '
fusz'. II@55)
übertragen, von menschen. II@5@aa)
tirol. knochen
bursche, bald kräftig bald verächtlich gemeint, an enzknochen, sackrischer knochen
ein tüchtiger bursche. Fromm. 5, 107 (
nicht bei Schöpf).
vergl. den namen Hartknoch I, 3,
d und als beinamen Hans von Schaumberg der Knoch
städtechron. 2, 439,
aus Franken v. j. 1449.
s. dazu knöbel 2,
b, knaus 3,
wonach es von der 1.
oder 2.
bed. entnommen sein wird (
vgl. nl. knokkel
grobian).
aber diesz wie das folg. und das schweiz. knüchel
sind als schwerlich aus dem md. entlehnt für die geschichte des wortes wichtig, s. I, 2. II@5@bb)
im Bregenzerwalde knochen
geizhals, s. knopf 13,
c. II@5@cc)
brandenb. ist knochen
ein hartes scheltwort, besonders für geringere mädchen Danneil 110
a;
als scheltwort auch ostfries. knake Stür. 114
b, Fromm. 4, 133,
verstärkt âsknake,
das wol auch mit dem einfachen worte gemeint ist.