grausam,
adj. ,
ableitung von grau,
m. (
s. d.),
seit etwa 1300
bezeugt; mhd. grûwesam (grûesam, grûsam).
das wort ist im hd. sprachgebiet heimisch, es scheint von der md. literatur bzw. der ordensdichtung seinen ausgang zu nehmen und schnell ins obd. zu gelangen; im 15.
jh. dringt es auf schriftsprachlichem wege auch ins nd. vor: grû(w)sam Schiller-Lübben
mnd. wb. 2, 159; Lasch-Borchling
mnd. handwb. 1, 2, 184;
daraus entlehnt dän. grusom Falk-Torp
norw.-dän. etym. wb. (1910) 1, 352
und aus diesem engl. gruesome Murray
a new engl. dict. 4, 2, 430
b.
die dt. mundarten (
die nd. freilich seltener)
kennen das wort heute in einer qualitätsarmen bedeutung (A 4),
die auf dem älteren, in der schriftsprache abgestorbenen bedeutungskomplex A
beruht. in den jüngeren schriftsprachlichen bedeutungen B
und C
ist grausam
den mundarten unbekannt, von vereinzelten schriftsprachlichen einflüssen abgesehen. AA.
im anschlusz an grau,
m. kennzeichnet grausam
bis zur mitte des 18.
jhs. als objektives merkmal personen und sonstige gegebenheiten hinsichtlich ihres verhaltens oder aussehens als schrecklich, wild, hart u. ä. in dem sinne, dasz zugleich die schauder erregende wirkung auf eine betroffene person mit einbegriffen wird, oder (
s. 5)
es kennzeichnet den zustand des schauderns einer betroffenen person selbst. der auf die erregung eines schauderns oder auf das schaudern als von auszen ausgelösten zustand gerichtete aspekt ist in den einzelnen bedeutungen stets wirksam. überaus häufig lexikographisch oder glossierend für ausdrücke wie horridus (1470) Diefenbach
gl. 280
c;
terribilis (
md. 15.
jh.)
ebda 580
b;
barbarus (
Hagenau 1516)
ebda 68
b;
bemerkenswert ist die wiedergabe von grausam
durch zahlreiche lat. bezeichnungen wie acer, acerbus, atrox, crudelis, barbarus, bellicosus, ferus, horribilis, immanis, superbus, sanguineus, teter, tristis, tyrannicus, uehemens bei er. Alberus
dict. (1540) Dd 2
b,
ferner die zu grausam
gestellte synonymenreihe vnmenschlich, thierisch, viehisch, rauch, scharpff, grimme, greuwlich, heszlich, abscheuhlich, scheutzlich, vnfletig, grausam anzusehen bei Schwartzenbach
formular (1580) 45
b.
demgegenüber ist für die einengung des wortgebrauchs am ende des 17.
jhs. (
s. bes. unten 3)
kennzeichnend: grausam
immanis, atrox, crudelis, durus, horridus, sœvus, trux Stieler
stammb. (1691) 697. A@11)
am stärksten ausgeprägt in der kennzeichnung von gegebenheiten, die furcht, schrecken und entsetzen hervorrufen. seit dem 17.
jh. verliert die bedeutung an gewicht, der gebrauch tritt zugunsten von 3
und 4
mehr und mehr zurück. A@1@aa)
im umkreis von '
schrecken erregend',
je nach sachzusammenhang und situation variierend, auch mit nebenbedeutungen wie '
ungestüm, roh, drohend'
u. ä.: A@1@a@aα)
von personen und tieren: dar nach in der selben nacht irschein myme gesichte daz vierde tier an slichte, groz, starc, gruesam, wunderlich
Daniel 5765
Hübner; auch ward er verkauft eim grausamen wutrich (
tyranno crudelissimo)
erste dt. bibel 3, 3, 35
Kurr.; es war ein solich vngeschickt grausam thier das jh durch wunder eyn teyl seiner gestalte hie sagen muosz
Wigoleys (1493) b 6
a; grausame tyrannen werden sich frchten, wenn sie mich hOeren, vnd bey dem volck werde ich gtig erfunden (
timebunt me audientes reges horrendi)
weish. 8, 15; es seind aber die Schwaben die diese länder bewonet, ... ein grausam volck gewesen (1579) Chr. Entzelt
altmärk. chron. 73
Bohm; also ward die welt des grossen schreckens und des grausamen wtterichs (
Attila) schnell losz Rätel
Curäi chron. (1607) 24; als der stoltze Holofern seine grausam Ammoniter ... nach Bethulia gefhret, strtzet ihn ein schwaches weib Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 14; der saure Thraso (
der prahlerische soldat in Terenz'
unuch') schlägt durch blosses ansehn wund ... er sieht so grausam aus, dasz er kaum selbst sich traut Warnecke
poet. vers. (1704) 39. A@1@a@bβ)
von ereignissen, zuständen, handlungen, affekten u. dgl.: des selben nachtis zu schreit ungelucke gruwesam. daz leben man do benam dem kunge Balthasaren
Daniel 4753
Hübner; also sei wir dein (
Christi) wartunde in dem grausamen tage des vorchtsamen letzten gerichtes Johann v. Neumarkt
hl. Hieronymus 81
Benedict; die grausam vnd tötlich pestilencz Arigo
decameron 3
Keller; wenn die werck gethan seyn: vnnd alszo nit auff gottlichenn wolgefallen szondernn auff yhre gethane werck yhre zcuuorsicht: das ist aüff den sand vnnd wasser bawenn: dauon sie zcületzt eynen grawsam fall thun mussen (1520) Luther 9, 234
W.; o was grosser forcht werden haben alle fynd Cristi, so sie befinden das dyn volck (
das heer Karls V.) sich vor dem grausamen todt nit fOercht Cronberg
schr. 4
ndr.; kOempt der kerl auch geschlichen dar, vnd thut mich, seim verstande nach, dergleichen hie vor nie geschach, mit worten grausam richten aus Hayneccius
Hans Pfriem 39
ndr.; (
der fürst) gebeut derhalb, von gehlingem und grausamem zorn entrüst, seinen dienern ..., mich in einen wilden wald ... zuführen Wetzel
reise d. söhne Giaffers 170
lit. ver.; die grawsame kriege der newen fränckischen könige, Pipini vnd Caroli des grossen, wider die Sachsen Micraelius
altes Pommerland (1640) 1, 156; wolten die götter! es kOenten ... meine thrAenen zu grausamen snd-fluthen werden Ziegler
asiat. Banise (1689) 1.
in berührung mit 3: in den pyramiden hoft er selbst mehr als särge zu finden, und er hat auch den grausamen einfall, eine pyramide mit pulver übern haufen zu schmeissen, um sich vom inhalt dieser ehrwürdigen alterthümer zu überzeugen (1753) Haller
tageb. (1787) 1, 106.
in einigen solcher anwendungsbereiche besteht von anfang an neigung zur intensivbedeutung (
s. 4 a).
bei unwetterbezeichnungen: wie wol die nacht finster waz vnd daz weter grausam Arigo
decameron 75
Keller; (
der herr) wird ynn einer dicken wolcken komen, das ist mit blix, donner und grausamen gewitter Luther 16, 410
W.; diesz grausam ungewitter Simon Dach 773
Öst. bei akustischen bezeichnungen: in dem einer ... an das fenster kame ..., mit grober grausamer stym sprach? wer ist da niden der vns nicht schlaffen lat Arigo
decameron 85
Keller; da ich den einsidler so nahe bey mir sahe, fieng ich ein solch grausam geschrey an, als ob er mir im selben augenblick das hertz ausz dem leib hätte reissen wollen Grimmelshausen
Simpl. 23
Scholte. A@1@a@gγ)
von orten und gegenständen, besonders waffen, oft mit dem nebensinn des drohenden, gefährlichen, unwegsamen; ferner von aussehen, gestalt u. ä.: der meister machte vier rat (
auf die die hl. Katharina geflochten werden soll), ein werc also gruwesam, daz manigem sin herze erquam an angestlichem schricke
passional 683, 19
Köpke; der ritter alt von dannen keret mit der knigin durch ein wald grausam vnd wildt Schondoch
ged. 148
Heintz; do er sein haubt ein klein in die höhe richt, nicht anders sache dann das grausam mere Arigo
decameron 76
Keller; der alt bOese feind mit ernst ers jtzt meint, gros macht und viel list sein grausam rstung ist Luther 35, 456
W.; demnach in wie vill groszer gferden ich offt bin gsin mins lybs und lAebens, erstlich als ich gedient han in den grusamen gebirgen (
als hirtenjunge) Th. Platter 3
Boos; derer (
der Hessen) leiber zur arbeit gantz erhartet, ihre glieder eng beysammen, ihre angesichter grausam und ihre gemther von noch viel grosser stAercke Prätorius
ber. vom Katzenveite (1665) A 6
a; so mag mir denn der tod ein grausames gesichte machen: ich werde doch nur lachen, wenn er mit allen pfeilen droht Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 946. A@1@a@dδ)
vereinzelt mit dem moment '
erstaunlich, bewunderungswürdig': wie grawsam zu beschreiben, herr, ist doch deiner thaten pracht! der feind wird heucheln bey dir treiben, von wegen deiner grossen macht (
zu psalm 66, 3) Opitz
psalm. (1637) 173; dasz ist ein grausams wunderwerck, wo kompt in die wiltnusz der zwerg? mein frau mutter mir hat war gesagt Ayrer
dramen 1033
Keller. A@1@bb)
im umkreis von '
ekel, abscheu, ablehnung hervorrufend'
; vgl. teter grusam (15./16.
jh.) Diefenbach
gl. 581
c;
odor fœdus, execrandus grausamer geruch Er. Alberus
dict. (1540) n 3
b; grausam
s. v. execrabilis Frisius
dict. (1556) 500
a;
deuotus verfluocht, erschrocklich, grusam, greüwlich
ebda 406
b; himmelschreyende, grausame sünde
facinus nefandum Stieler
stammb. (1691) 2239. A@1@b@aα) '
ekelhaft, scheuszlich',
vor allem von geruch und aussehen: der heilige lichame (
der öffentlich aufgebahrten hl. Elisabeth) inwas nit gruwesame, an zu sehen eislich: erbere unde minniclich was si me zu schouwene, der lude muot zu frovwene
leben d. hl. Elisabeth 9384
Rieger; die sibent (
plage) was bOeser grausamer gestanck
summerteil d. heyligen leben (1472) 7
a; im ersten öffnen hat es (
das öl) ein grausam geruch, darumb soll man ohren und naszlöcher verstopffen Wirsung
artzneyb. (1588) 122
b; dass kein halbfaulend aas so grausam riechen kan Gryphius
trauersp. 441
Palm; dasz man auch an dem ort, wo es (
das wasser eines teiches) doch am niedrigsten stehet, keinen grund wahrnehmen kan; derowegen solches auch gantz schwartz und grausam aussiehet Rohr
Oberhartz (1739) 50. A@1@b@bβ) '
abscheulich, entsetzlich, schändlich',
personen, äuszerungen, verhalten usw. als sündhaft und lasterhaft kennzeichnend: die do assen sweinein vleisch und das grausame (
Jes. 66, 17:
abominationem) (14.
jh.) Jelinek
mhd. wb. 329; wie ... allerley grawszam laster regiren (1520) Luther 9, 266
W.; wenn sie nicht so gern und grawsam fluchten Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Ee 4
a; es kan aber kein graussamerer todschlAeger seyn, als der sich selbsten erwrget Harsdörffer
teutscher secretar. (1656) 2, 59; hier zu lande hOeret man leider die kinder von denen eltern mehr donner-aasz, rabenaasz, junge teuffel und mit dergleichen grausamen nahmen mehr benennen, als alt mAenngen oder alt weibgen J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphilos. (1708) 1, 44; man musz erstaunen, wenn man diese grausamen wirkungen (
der musik auf die jugend) betrachtet, die bey den alten ganz unerhört, unmöglich ... waren Scheibe
crit. musicus (1745) 9; die (
personifiziert dargestellte) verzweiflung that die grausamsten flüche J. E. Schlegel
w. (1761) 5, 282. A@1@cc)
der wortgebrauch steht zuweilen deutlicher unter dem aspekt der subjektiven wirkung der schrecklichen oder abscheulichen gegebenheiten: tusent hundert (
versuchungen) alleine brenget er (
der teufel) dem menschen zu tegelichen spate, vru, grusam des libes ougen
Daniel 2573
Hübner; die getorsten der Medier vnd Persier herspitz widerstand thun, wiewol dern namm vorhin bey allen Griechen fast grausam was Boner
Herodot (1535) 94
b; dasz kriegen zwar offt ein nothdurfft, aber in seiner art ein vnmenschlich ding, vnd auch wilden thieren abschewlich grausam vnd schrecklich sey Lehman
floril. polit. (1662) 1, 475.
in der wendung es ist grausam zu hören, zu sehen
u. ä.: warn ir so vil ... die sturben, das es grausam ze sagen wer Arigo
decameron 6
Keller; wir ... handlen widder die christliche liebe vnd einigkeit. dieses ist ihr (
der '
Meisznischen pfaffen') vrtheil von vns, welches schrecklich vnd grausam zuhören, und ist vnser notturft, das wir solch stoltz, freuelich, vnchristlich vrtheil verleggen (1539) Luther
briefw. 8, 471
W.; damit ihre wildheit noch grausamer anzusehen ist Mandelslo
morgenl. reisebeschr. 100
Olearius. A@22)
bisweilen kennzeichnet grausam
personen und tiere spezieller im hinblick auf ihr wildes, grimmiges, wütendes verhalten insofern, als dieses schauder und schrecken erregt. die bedeutung ist wenig ausgeprägt, ihre belegdichte zeigt abnehmende tendenz; vgl. ferox grusam (
md. 1414) Diefenbach
gl. 231
a;
sœuio ich bin grausam Alberus
dict. (1540) Dd 3
a;
saevus grausam
nomencl. lat. germ. (1634) 252: dâ streit ein helfant wilde mit einem grimmen (
var. d. 15.
jhs.: graussam) wurm
Wolfdietrich B 512, 2
dt. heldenb. 3; es war dir zwar nicht vnmglich, die gottlosen im streit den gerechten zu unterwerffen, oder durch grausame thier (
bestiis saevis) oder sonst etwa mit eim harten wort, all zu gleich zuschmettern
weish. 12, 9; so grawsam nie kein kriegsman war, als wenn ein weib wird zornig gar Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Ss 7
a; ein zchtiger (
ist) ... nicht stOerrisch (murrisch) oder sawrsehend, sondern ernsthafft: streng, nicht grawsam (wterisch) (
non sœvus) Comenius
janua ling. (1657)
nr. 832.
etwa '
trotzig, hochmütig': wo du hingest so sey gericht, vnd hab ein grausam, frech gesicht Scheit
Grobianus 4690
ndr. A@33)
etwas weniger auf die wirkung der zu kennzeichnenden personen, tiere, sachen gehend als mehr auf deren verhalten oder zustand, diese als hart, roh, grob u. ä. charakterisierend. seit dem 15.
jh.; der zusammenhang mit der begrifflichen grundlage '
schauder erregend'
bleibt bis zum ende des 17.
jhs., so lange grau,
m. noch schriftsprachlich geläufig ist, gewahrt; dann beginnt die um die mitte des 18.
jhs. erreichte verselbständigung (
s.C)
dieser zunehmend häufiger bezeugten bedeutung, während die bedeutungen 1
und 2
mehr und mehr zurücktreten; vgl.: intollerabilis dolor grausamer schmertz Alberus
dict. (1540) Dd 3
a;
importunus grimm, vnbillich, grausam, vnleydlich, überlAegen, vndultig, vnrwig Frisius
dict. (1556) 662
a; grausame, unerträgliche mühe
fatica terribile, insupportabile Kramer
t.-ital. 2 (1702) 76
c; grausam
crudelis, immanis Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 636; man ist mit den bürgern grausam umgegangen
exstitit in cives magna crudelitas ebda. eine begriffsumschreibung kennzeichnet die äuszerste grenze dieser bedeutung vor ihrem übergang in den jüngeren bedeutungsbereich C: wer in der rache gegen die feinde oder andere die ihn beleidigen, ihnen mehr böses bezeiget, als er von ihnen beleidiget worden, oder auch mit wiszen und willen in abwendung des schadens härtere mittel gebrauchet, als nöthig ist; der selbe ist grausam Chr. Wolff
vern. gedancken v. d. menschen thun (1720) 594. A@3@aa) '
hart, streng, roh, unerbittlich'. A@3@a@aα)
von personen: seind auch die mtter iren kinden grausam so sie die in dem bad kratzen vnd ryben zuo irer gesundtheit ... neyn sag ich, sunder sy seind vil mer gantz voller miltigkeyt, vnd gttigkeit Keisersberg
paternoster (1515) O 4
a; aber ich wil die Egypter vbergeben in die hand grausamer herrn, vnd ein harter kOenig sol vber sie herrschen
Jes. 19, 4; da sehen wir, das Jesaia seine rede genomen hat von eim esel treiber odder sonst eym grausamen tyrannen. denn da ist last, rhute und treiber uber das arme thier Luther 19, 144
W.; ey meinst, das got so grausam sey, das er dich umb ein apfel töd? solche dein forcht ist nit von nöt. drumb isz! thus unverzagt wagen (
die schlange zu Eva) Hans Sachs 1, 37
lit. ver.; der grausame tyrann wolt sie nit lassen leben Zinkgref
auserl. ged. 47
ndr.; also seynd die tyrannen gemeiniglich voller furcht, und gegen ihre unterthanen sehr grausam Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 869; ich bin von natur gar nicht grausam. und dreyssig oder viertzig laqueyen habe ich nicht nieder gestossen, so lang ich lebe Stranitzky
ollapatrida 147
Wiener ndr.; welcher richter ist so grausam, dasz man gar nicht bitten darff? Günther
ged. (1735) 857; wenn ich ... gezwungen grausam seyn und menschen opfern musz? J. E. Schlegel
w. (1761) 1, 10.
ähnlich schon: doch, du, here, bist guderterende unde dine barmherticheit is grôt; hîrumme help mi jo nu, wente ik se den gruwesamen bitteren dôt (1489)
des dodes danz 922
Baethcke. seit dem ende des 17.
jhs. gern von sich versagenden frauen und mädchen: schOene grausame, deswegen heist sie grausam, weil sie aus seinen confusen schreiben (
einem liebesbrief) nicht errathen kan, was der narr haben will: es wundert mich, dasz er nicht geschrieben: schOenes ungethm oder schOene bestie Chr. Weise
erznarren 58
ndr.; (
die männer) fordern, ich weisz nicht was vor eine besondre erkenntlichkeit davor (
für ihre aufmerksamkeiten). wenn diese nicht sogleich fertig ist: so sind sie mit den beywörtern der undanckbaren, grausamen, unempfindlichen, felsenharten
etc. augenblicklich da
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 233
Gottsched; an Sylvien. über ihre unempfindlichkeit. wie lange willst du grausam seyn, du göttin meines herzens? Neukirch
ged. (1744) 26.
anders vereinzelt von tieren im hinblick auf deren schwächere empfindungsfähigkeit: ich will nicht sagen, was der winter bey den eid-gewAechsen (
wohl: erdgewAechsen), bey den grausamen thieren, auch bey der natur des menschen vor wolthAetige und sonderbahre wirckung spren lAesset Chr. Weise
neu-erleutert. polit. redner (1684) 17. A@3@a@bβ)
von ereignissen, handlungen, zuständen usw., oft in dem sinne des kaum noch erträglichen: dis sey gnug von dem heidnischen opffer, vnd der grausamen marter 2.
Makk. 7, 42; ob nun got auch ... den ... verdampten frewel der pauren zuo Hessen ... grawsam gestrafft Regius
v. luther. wunderzaychenn (1524) A 3
a; von wegen seiner (
Attilas) grawsamen tyranney dermassen erschrocken Binhardus
thür. chron. (1613) 13; unsre, unsre grosse schulden, die so grawsam, die so schwer auf uns liegen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 3, 302; ich hatte zwar befehl, wenn sie nicht gutwillig bey seite giengen, feuer unter sie zu geben; allein ich war zu gewissenhaftig darzu, eine so grausame ordre zu bewerkstelligen. wie leichte hätte ich einen oder den andern auf der stelle erschieszen können Stoppe
Parnasz (1735) 531; der vögel zartes geschlecht lockt er (
der mensch) in heimliche netze, und würgt die sänger des heiligen walds. bey scharen würget er sie für seine blutige tafel; so grausam würget der sperber sie nicht (1747) Giseke
poet. w. 113
Gärtner. A@3@a@gγ)
von gegenständen, besonders folterungswerkzeugen: und ist mit grausammen ketten gefangen, gen Rom gefrt worden
das d. hl. apostel Petrus gen Rom nicht kommen (
o. j.) C 3
a; es kamen hencker und steckenknecht mit grausamen folterungs-instrumenten Grimmelshausen
Simpl. 57
Scholte; ich glaube aber doch, dasz es besser sey, wenn man durch andere harte und grausame mittel die feinde zur raison bringt, dasz sie sich dergleichen ungewöhnlicher art (
mit vergifteten waffen) zu streiten enthalten sollen, als dasz man gifft mit gifft compensirt Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 200
a.
geradezu '
empfindungslos, leblos': der anblick aber so vieler vom grimmigen Sylla eingeAescherter gebAeue verursachte mich des Sylla raserey zu verfluchen, welcher nicht nur wider die grausamen steine, sondern auch wider die leutseligen gOetter seine rache ausgebt ... hatte Lohenstein
Arminius (1689) 1, 683
b. A@3@bb)
seit dem 17.
jh. auch enger '
barbarisch, unzivilisiert, roh': Trck soll so viel heissen als ein zerstOerer, oder vilmehr vnd eygentlich wild, viehisch vnd grausam Schweigger
reyszbeschreib. (1619) 140; denn Machmets mutter wird uns selbst erwürgen lassen sie ist ja ein frech kind der grausamen Circassen, die nur ein blutig tuch aus blut-lust beten an Lohenstein
Ibrahim sultan (
o. j.) 112; bedencket wie grausam und unnatürlich es ist, ein kind an diese welt gebohren zu haben, und stracks nach der geburt dasselbe mit gewalt von sich stossen
discourse d. mahlern (1721) 2, 180; denn ich halte dieses für grausam und barbarisch, wenn man die unglückseligen, da, wenn sie schon niedergeschlagen sind, verhönet Schwabe
belust. (1741) 2, 362; durchstreich die ganze welt, schau alle völker an, wie wild und grausam man sie auch erdenken kann, ... sie fühlen sämmtlich ihr gewissen, ob gleich in keinem solchen grad, als wir etwan empfinden müssen, die wir in einem bessern staat, nach den gesetzen, unser leben zu führen, uns mit fleisz bestreben Triller
poet. betracht. (1750) 1, 64.
in der kennzeichnung von orten und gegenden kann in diesem sinne die bedeutung '
abgelegen, einsam'
erreicht werden: ich weisz dasz jhr grosse lust zur bulerey habet, vnd voll venus safft seyd, derhalben vbergebe ich sie euch, gehet mit jhr an den grawsamesten orten dieses waldes, vnnd brauchet beyde ewer lust genugsam an sie, vnd richtet sie also zu, dasz sie keines menschen gleich ist
schausp. engl. comödianten 29
Creizenach; kommen aus den wäldern und grausamern örtern zu den wonhaften gegenden Prätorius
winterfl. d. sommervögel (1678) 134. A@44)
neben den bedeutungen 1—3
geht eine qualitätsarme bedeutung einher, in der das wort bis ins 18.
jh. hinein immer häufiger gebraucht wird. A@4@aa)
intensivierend; vgl. er ist grausam trunken Stieler
stammb. (1691) 2332; es ist eine grausame höhe, weite, strecke Rädlein (1711) 406
b. A@4@a@aα) '
heftig, stark, nachdrücklich, schnell'.
im ersten beleg noch stark von 1 a
β her bestimmt: doch irschrac er sere davon daz daz her so gar gruwesam unde mit kraft da here quam (2.
Makk. 14, 17:
repentino adventu adversariorum)
buch d. Makkabäer 10 825
Helm; (
nach der predigt) sein viel loser handtwercksknechte und allerley gemeines gepöbels in der kirchen geblieben, haben alda einen grausamen aufruhr ... geubet (
Magdeburg 1524)
städtechron. 27, 146; der geist ergreiff die (
die tafel) mit geferden vnd warff sye grausam zuo der erden Murner
v. d. fier ketzeren 1083
Fuchs; die grausame schöne der Diliramma J. Wetzel
reise d. söhne Giaffers 37
lit. ver.; bisz der kOenig nach grausamer anbetung der Minerven, wegen der grossen vbelthat mit seinen geheimen rAethen sich zu bereden gieng (
satis adorata Minerva rex ad consilium ... secessit) Opitz
Argenis (1644) 1, 391; schlAegt derselbe (
Siegfried) mit so grausamer stAercke auf das eisen, dasz es davon entzwey, und der ambosz fast halb in die erden sanck (1726)
volksb. v. geh. Siegfried 264
ndr.; er (
ein '
stutzer') sah, in welcher angst ihr Balacin gewesen, und nahm sich grausam vor, Banisen durchzulesen (1745) Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 175.
häufig von witterungserscheinungen (
vgl. unter 1 a
β);
stärke und heftigkeit eines unwetters kennzeichnend: mithin legten sich die grausame wind allgemach Grimmelshausen
continuatio 85
Scholte; von dieser zeit an herrschten fürchterliche orkane in der luft, welche überall grausam wüteten (1756) Kant
w. 1, 445
Cassirer. ebenso von hitze und kälte: so wir in disem Oelbad (
der letzten ölung) sitzen, o got, so gilt es dOetlich schwitzen. daz mag wol sin ein grusam hitzen Murner
badenfahrt 30, 64
Michels; fiel unversehenlich ein solche grusame kelte an
Zimmer. chron. 23, 235
Barack; eine erschröckliche feuerflamm, die mich von einer grausamen hitz zu seyn bedunckte Grimmelshausen 2, 522
Keller; so lang alsz mir gedenckt, habe ich keinen grauszamern winter undt kalte auszgestanden, alsz nun Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. 12
Holland. bei akustischen bezeichnungen (
vgl. unter 1 a
β), '
heftig, laut': der münche mit einer grausamen stymme im zuo schrye Arigo
decameron 221
Keller; da das die heyden sahen, machten sie ein solch grausam geschrey, dass es auch der kOenig auss Persia erhOerte
buch d. liebe (1587) 16
d; doch habe ich in meiner schwachheit noch so viel verspüret, dasz das schiff vermuthlich an einen harten felsen zerscheiterte, indem es ein grausames krachen und prasseln verursachte Schnabel
insel Felsenburg 105
Ullrich. gelegentlich mehr '
schändlich, schlimm',
von 1 b
her: du hättest nicht so grausam lügen dürfen (1741) J. E. Schlegel
w. (1761) 3, 187. A@4@a@bβ)
in adverbialem gebrauch oft vollends sinnentleert, '
überaus, sehr': er ... was gar grausam freuntlich gegen armen leuten (
Augsburg 15.
jh.)
städtechron. 5, 197; warumb schlegst mich so grausam ubel Hans Sachs 21, 23
lit. ver.; dieser see ist grausam tief Thurneisser
von wassern (1572) 269; der hOellen pein ist grawsam bittr Hollonius
somnium vitae humanae 27
ndr. ab solchen handel erschracken sie abermals ... ber alle massen gantz grausam sehr Agyrta
grillenvertreiber (1670) 42; man hat mich versichert, dasz ich an dem herrn einen frtrefflich, abscheulich ..., unerhOert und grausam gelehrten mann finden werde Stranitzky
ollapatrida 103
ndr.; mein kopf thut grausam weh Zachariä
poet. schr. (1763) 2, 51.
archaisierend: könnt ich sprechen vom groszen heer, vom grausam gewaltigen heer, was der könig Ottokar hat. was nutzt's? Sperl
söhne d. herrn Budiwoj (1927) 211. A@4@bb)
eine quantität bezeichnend, '
grosz, viel'
; vgl. immania saxa rauche, grosse, oder grausame velsen Frisius
dict. (1556) 650
a: der (
Apollonius) samnete ein volc grusam, da mit quam er zu Jamniam (1.
Makk. 10, 69:
congregavit exercitum magnum)
buch d. Makkabäer 4999
Helm; man findet an dem orte noch einen hauffen ... grausame grosse steine, darunter die todtgeschlagenen Wenden ligen sollen (1579) Entzelt
altmärk. chron. 153
Bohm; anno 1526 ... fiel ... ein grausamer schnee, schier eines halben mans hoch Hennenberger
erclerung d. pr. landtaffel (1595) 92; wegen der grausamen distantz desz centri der welt von uns Mögling
mechan. kunstkammer (1629) 62; jener (
bär) war absonderlich ein so grausam thier, dasz er sich im bAernkasten nicht konte wenden Lehmann
hist. schauplatz (1699) 539; ein dörfgen wo grausam koth lage Haller
tageb. 88
Hirzel. A@4@cc)
die heutigen mundarten, von den nd. freilich die westelbischen ehre als die ostelbischen, bewahren die auf der älteren begrifflichen grundlage stehende qualitätsarme, verstärkende bedeutung, die der schriftsprache zusammen mit den übrigen bedeutungen unter A
um die mitte des 18.
jhs. verloren geht; vgl. dazu die mundartwbb. —
aus den hd. mundarten gelangt grausam
in seiner alten verstärkenden bedeutung gelegentlich wieder in jüngere schriftsprachliche denkmäler: aber du lieber himmel! wie komm ich denn so auf einmal zu dem ganzen grausamen reichthum? Schiller 3, 491
G.; (
sie) kamen bald vor einen groszen wald, der war voll von vielen tausend vögeln, da war ein grausamer gesang, prächtig in die blaue luft hinein br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 59; unterdessen sollten sie grausam dank haben Gotthelf
s. w. 19, 201
Hunziker-Bl.; sehen sie, das ding hier hat dem baron von Warden grausames geld gekostet Polenz
Grabenhäger (1897) 2, 130; (
die gebärende) liegt in ihrem blute und schreit so grausam wie ein tier P. Dörfler
d. lampe d. törichten jungfrau (1930) 375. A@55)
in der bedeutung '
schaudernd, in angst und schrecken versetzt, befindlich'
kennzeichnet grausam
einen durch äuszere einwirkung hervorgerufenen persönlichen zustand: perterrere grusam machen (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 430
b; volge nach dem herrenn am Ölberg, dem, nach seiner synnlichait grusam was vom tod, also fast, das er erzüteret, erblaicht, traurig ward, vnd switzt vor angst als bluot Keisersberg
trostspiegel, an: granatapfel (1510) gg 1
d; als ein solch jämerlich ... ding in der religion war, das, wo man hinder sich dencket, einem bang und grausam werden muos Sleidanus
reden 46
lit. ver. mehr '
erstarrend',
von den augen: zum fünfften so gondt jm (
dem kopfverletzten) die augen für das haubt, vnnd werden jm grausam jm gesicht Gersdorff
wundartzney (1528) 24
a. BB.
in der seit der zweiten hälfte des 17.
jhs. einigen schriftstellern geläufigen bedeutung '
erschütternd, entsetzlich',
meist mit dem nebensinn '
böse, schlimm',
an grauen,
n. (
s. d. A 1 c; 2 b)
angelehnt, seitdem das ältere grausam A
durch das absterben von grau,
m. seine bisherige begriffliche stütze verliert. diese bedeutung erlangt neben A
und C
keine breitenwirkung, sie ist wenig profiliert, rückt aber gelegentlich in die nähe einzelner bedeutungen unter C.
vielleicht nicht zufällig tritt dieser wortgebrauch gehäuft bei einigen schriftstellern aus dem schles., böhm., mähr. sprachgebiet und bei solchen aus dem nd. raum auf: princessin! wir bekennen ..., dass wir unrechtmäszig dich betrübet, dass wir ein stück (
mit deiner ermordung) an dir verübet, welches aller zeiten zeit wird grausam nennen Gryphius
trauersp. 250
Palm; doch ich sehe und empfinde nur zuwohl den grausamen ausgang dieses unternehmens (
des ewigen krieges mit gott), welches uns (
Beelzebub und Satan) in einer traurigen niederlage, und schändlichen flucht des himmels verlustig gemacht Bodmer
samml. crit. poet. schr. (1741) 1, 9; die wege der sterblichen, auch ihre grausamsten irrwege laufen immer doch der hohen macht in die hand, ... die ... alles zum beszern lenket Herder 23, 77
S.; begegnete seiner (
des Herkules) Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame dinge (
entführung, lebensgefahr, unwillkommene anträge u. dgl.), so betete er erst, eh er ihr zu hülfe eilte Göthe I, 22, 262
W.; es musz sein! — grausamster zwang. es hat sein müssen! — bester trost
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 61; der grausame krampf (
eines tollwütigen) wich, und der Gilg rastete mit klebrigem haar Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 232.
ungewichtiger und mit neigung zu blosz verstärkender bedeutung, besonders bei autoren aus dem nd. gebiet: sonst warst du so weit vom prahlen entfernt, wo hast du das prahlen so grausam gelernt? Göthe I 3, 245
W.; ich sah (
im traum) ein wildes feuer, und grausam fremde männer drohten mir, ich sollte sterben Tieck
schr. (1828) 1, 94; die frau (
deine im sterben liegende mutter) hat aber grausame sehnsucht nach dir Raabe
hungerpastor (1864) 1, 223; blickte alles volk ... mit grausen und entsetzen ... nach einem groszen himmelswunder ... dieses greuliche wunderzeichen ... zog einen grausamen schwanz hinter sich her
ders., s. w. I 3, 1
Klemm; ach, frau Trude (
die Regentrude) ..., ihr habt so grausam lang geschlafen, dasz alles laub und alle creatur verschmachten will Storm
s. w. (1899) 2, 237; am andern morgen erschrak die junge gräfin das zweitemal in ihrem leben, aber grausamer als das erstemal. denn hinan zu ihr auf dröhnenden hölzernen bohlen ritt der graf von Blois in voller rüstung die schräge der turmtreppe Binding
Angelucia (1937) 13. CC.
in den 50
er jahren des 18.
jhs. gewinnt grausam
eine für alle bedeutungen des wortes bestimmend werdende neue, von der wortfamilie weitgehend gelöste begriffliche grundlage im anschlusz an die alte, neben der qualitätsarmen (A 4)
nahezu zur alleinherrschaft gelangte bedeutung A 3. grausam
charakterisiert seitdem personen, handlungen, verhaltensweisen u. dgl. entweder im hinblick auf die zugrunde liegende persönliche haltung und den inneren zustand der unempfindlichkeit, gefühllosigkeit und gefühlskälte in dem sinne, dasz eine neigung besteht, jemanden empfindlich zu treffen, oder, aus der sicht des betroffenen, mehr im hinblick auf die wirkungen solchen verhaltens. C@11) '
zwang ausübend, gewalttätig, brutal, blutrünstig, zu solchem verhalten neigend'
; dem älteren gebrauch unter A 3
verhältnismäszig nahestehend. C@1@aa)
von personen und deren organen: die Medea hatte er (
der maler) nicht in dem augenblicke genommen, in welchem sie ihre kinder wirklich ermordet; sondern einige augenblicke zuvor, da die mütterliche liebe noch mit der eifersucht kämpfet. wir sehen das ende dieses kampfes voraus. wir zittern voraus, nun bald blosz die grausame Medea zu erblicken (1766) Lessing 9, 21
L.-M.; ein fleischer ist immer grausam, blut ist ihm am ende blut Hippel
lebensläufe (1778) 1, 338; jener (
Mazarin) war menschlich und sanft, dieser (
Granvella) hart, gebieterisch, grausam Schiller 7, 130
G.; ganz vorzüglich gut erzählte er die blut'gen hofgeschichten aus den tagen des don Pedro, den man 'könig Grausam' nannte H. Heine
s. w. 1, 396
Elster; David, dieser 'mann nach dem herzen gottes', ein grausamer, wollüstiger, heuchlerischer despot D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 6, 23; sie hatte geglaubt, die sieger würden sich durch harte, grausame gesichter und wüstes gewese von den einwohnern unterscheiden Feuchtwanger
Simone (1950) 181.
von tieren nur vereinzelt und in vermenschlichender bestimmung, '
reiszend, dazu neigend, lebewesen anzufallen': jedes ... menschliche landthier, was ... den klauen eben so dürftiger, hungriger, und um so grausamerer thiere ... ausgesetzt ist Herder 5, 137
S.; bei aller nothwendigkeit des raubs sind, den fall der eifersucht ausgenommen, die wölfe nicht grausam Jac. Grimm
Reinhart fuchs (1834) xxiii. C@1@bb)
von verhaltensweisen, handlungen, vorgängen: in diesem lande war es, wo die weiber die grausame that an dem Itys verbten Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 206; er ... ergriff die zeitungen, um sich an den berichten von den grausamen metzelungen, die die reichsexecutionsarmee unter den preuszischen heeren zuletzt angerichtet hatte, ... das herz zu laben Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 54; wenn ein kranker ... zuletzt der heilkunde gemäsz geschnitten und gebrannt wird, so klagt er, dasz der arzt ihn grausam umbringe Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 177; die grausame ausbreitung des christlichen glaubens Scherer
litteraturgesch. 740; wurde er ... nach Innsbruck abgeführt und dort nach grausamen martern ... verbrannt Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 128; Diokletian verfolgte die christen, denen ihr meister mehr bedeutete als die kaisermacht, aufs grausamste Carossa
winterl. Rom (1947) 13. C@22) grausam
kennzeichnet die neigung zu einem ungerechten und willkürlichen, dem empfinden anderer gegenüber gleichgültigen verhalten und dieses verhalten selbst, ferner die empfindlichen und unverdient harten wirkungen solchen verhaltens auf die betroffene person. C@2@aa) '
ohne triftigen grund herzlos, gefühllos gegenüber dem empfinden und dem leid anderer'. C@2@a@aα)
von personen und personifizierten mächten: he, Norton! er schläft noch. aber bin ich nicht grausam, dasz ich den armen teufel nicht schlafen lasse? wie glücklich ist er! — doch ich will nicht, dasz ein mensch um mich glücklich sey (1755) Lessing 2, 270
L.-M.; und du, sey nicht grausam; und lasz mich weinen! (1759)
ebda 2, 394; lasz seyn, dasz meiner forderungen eine unbillig und vermessen war, muszt du mir darum auch die billigen versagen? hart kann die tugend seyn, doch grausam nie, unmenschlich nie Schiller 5, 2, 402
G.; so (
durch gefangennahme der geflohenen liebenden) belohnen grausame menschen treue liebe Göthe I 21, 70
W.; halt mich für hart und grausam nicht, Medea! glaub mir, ich fühl dein leid so tief als meines Grillparzer
s. w. I 2, 181
Sauer; so gut wie du auch bist — manchmal ... bist du so kalt, so grausam — so herzlos! Gerhart Hauptmann
einsame menschen (1891) 63.
auch hier, wie unter A 3 a
α,
von zurückhaltenden frauen und mädchen, aber weniger gefestigt und leichter, oft ins scherzhafte hinüberspielend: die grausame thut, als ob sie mich gar nicht kenne Lessing 3, 338
L.-M.; unser hauswirth hatte eine tochter, die eben nicht dafür bekannt war, lange grausam zu seyn Knigge
roman m. lebens (1781) 1, 118; o, grausame freundin, können sie noch zweifeln, dasz ich sie anbete Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 420. C@2@a@bβ)
von handlungen und verhaltensweisen, die auf die gesinnung einer person zurückzuführen sind: (
frauen,) welche, eine nach der andern, der Marwood einen mann abspänstig zu machen drohten, von welchem sie sich am ende auf das grausamste hintergangen sahen (1755) Lessing 2, 333
L.-M.; gerechtigkeit ... (
wird) nur gegen wesen, die frey handeln, ausgeübt ... es würde den meisten fremd klingen, zu sagen: man handele gegen ein thier ungerecht. aber dasz menschen gegen ein thier grausam handeln können, daran zweifelt niemand Kästner
verm. schr. 2 (1772) 20; trenne grausam nicht zwey herzen, die der liebe heilig bündnisz knüpft Schiller 13, 242
G.; (
da) brach sie (
ein vorher als hexe gefoltertes mädchen) in ein so lautes gelächter aus, dasz ... wer es mit angesehen und gehört, nicht meinen sollen, dasz sie fast erlegen war einige stunden früher, unter den grausamsten züchtigungen Alexis
Roland (1840) 1, 314; ich musz ... bekennen, dasz mein alter freund ... ein unerbittlicher verfolger dieser musikalischen thierchen (
der heimchen) war. oft, wenn er ... mit den friedlich gefalteten händen in seinem lehnstuhl sasz, habe ich ihn darauf ansehen müssen, wie doch der gute alte mann so grausamer dinge fähig sein könne Storm
s. w. (1900) 3, 142; wie könnte ich euch so grausam betrügen? ja, freund, der Schwedenkrieg ist aus! Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 332. C@2@bb)
das moment des mutwillens, der freude an der qual anderer tritt stärker hervor, z. t. geradezu im sinne von '
satanisch': was findest du denn also für ein grausames vergnügen, einen elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den kopf zu schlagen, als ihm die hand zu reichen (1767) Lessing 10, 25
L.-M.; grausam handelt Amor mit mir! o! spielet, ihr musen, mit den schmerzen, die er, spielend, im busen erregt Schiller 11, 164
G.; recht genau wurde die streitige frage, ob nothwehr, ob grausamer übermuth den wildschützen ums leben gebracht, ... doch nicht erörtert Holtei
erz. schr. (1861) 4, 36; (
der arzt) Heuteufel pinselte ihn (
gegen eine halskrankheit) grausam, lehnte aber jedes privatgespräch ab H. Mann
d. untertan (1949) 187. C@2@cc)
das moment des gar zu harten, ungerechten, nicht zu rechtfertigenden an einem rücksichtslosen, schonungslosen verhalten, einer solchen äuszerung usw. wird betont: oder ich werde ihre übersetzungen des Anakreons ganz grausam kritisiren (1758) Lessing 17, 154
L.-M.; junger mann, euer muth ist zu kühn für eure jahre. ihr habt einen grausamen beweis von der stärke dieses menschen (
mit dem der angesprochene kämpfen will) gesehn
Shakespeare 4 (1799) 174; (
des kindes) gegenwart ergötzte mich, und dabei hab ich es aufs grausamste vernachlässigt. was that ich zu seiner bildung, nach der es so sehr strebte? nichts! Göthe I 23, 140
W.; 'der war ja ein schändlicher patron!' 'ich möchte ihn nicht so grausam verurteilen' wagte ich zu antworten G. Keller
ges. w. (1889) 3, 166; ich erlebte ja nur, dasz ihr aus gründen, die ich weder anerkennen noch überhaupt nachfühlen konnte, mit grausamer härte begegnet wurde Ina Seidel
d. unverwesl. erbe (1954) 124. C@2@dd)
im hinblick auf gegebenheiten, die an sich gefühllos sind, denen aber aus der sicht des von ihnen betroffenen die persönliche note des unerbittlichen, herzlosen, zu harten beigelegt wird, bringt grausam
mehr die subjektive wirkung dieser gegebenheiten zum ausdruck, '
empfindlich, unverdient hart treffend'. C@2@d@aα)
von mächten, gewalten, objektiv gesehenen vorgängen u. ä.: seine umstände zwangen ihn, sich diese leichtigkeit (
im reimen) mehr zu nutze zu machen, als es dem vorsatze ein dichter zu werden, zuträglich ist. er schrieb, und die grausame verbindlichkeit, dasz er viel schreiben muszte, raubte ihm die zeit, die er seiner liebsten wissenschaft ... hätte weihen können (1754) Lessing 6, 395
L.-M.; so lange der grausame tag (
νηλεὲς ἦμαρ,
der todestag) mich verschonet Voss
Odyssee 150
Bernays; dasz sie mir so grausam weggeschwunden, all der zukunft langersehnte stunden Hölderlin
ges. dichtungen 1, 56
Litzmann; verwundet im innersten ..., zurückgestoszen von allen seiten ..., wuszte sie sich keinen rat, und als mein vater zu ihr kam, da war's zu spät, sie zu heilen. das schicksal kann ganz im stillen, ganz leise, leise, viel grausamer sein als in dem donner, mit welchem es dann und wann über die welt hinfährt. es kann sogar grausam sein in der hülfe, welche es in der letzten, höchsten not darbietet W. Raabe
s. w. I 6, 51; heidnische märchen, die den grausamen weltlauf zu einem süszen abenteuer verfälschen C.
F. Meyer
d. heilige (1910) 79; so werden sie mir also einen strick daraus drehen ... nicht doch ... an stricken hängt man mörder. aber die ursachenkette ist manchmal grausamer als solch ein strick, denn sie hat sie ... in diese tat mit hineinversponnen A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 432; wir erfuhren, dasz erde der gärten und weinberge besonders häufig den erreger dieser grausamen krankheit (
des wundstarrkrampfs) enthält Carossa
d. tag d. jungen arztes (1955) 25.
diesen mächten kann die note des mutwilligen, satanischen beigelegt werden, so dasz ihr wirken als besonders ungerecht, ihre wirkung unter umständen als ungeheuerliche ironie empfunden wird: (
der in einer miszzudeutenden situation überraschte Essex:) grausamer zufall! ... wozu soll ich mich entschlieszen? schweige ich: so fällt das verbrechen auf mich. sage ich die wahrheit: so werde ich der nichtswürdige verkläger meiner geliebten (1767) Lessing 10, 60
L.-M.; aber still! die goldne bubenträume hört in ihrer nacht die zukunft nicht — schon so manche früchte schöner keime logen grausam mir ins angesicht Hölderlin
ges. dicht. 1, 75
Litzmann; da habe er (
Mozart) ... durch ein gemisch von groszmüthigem enthusiasmus und grausamem spiel seiner künstlerphantasie getäuscht, sich entschlossen die ältere ... tochter zu heirathen O. Jahn
Mozart (1856) 3, 162
anm. 45; es ist vielleicht nur ein grausames blendwerk der phantasie, aber ich höre über der sorge doch ein helles glöcklein klingen, das von guter zeit bimmelt und singt (1890) G. Freytag
br. an seine gattin (1912) 400. C@2@d@bβ)
selten von gegenständlichem: wo sein (
des opferlammes) unschuldig blut den jaspis färben wird, und den grausamen stahl des priesters, den es liebet Götz
verm. ged. (1785) 1, 93; der tribun ... befahl, die pferde von ihren grausamen zäumen zu befreyen Niebuhr
röm. gesch. (1811) 3, 223.
in bildlichem zusammenhang: halt inne! ... du würdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame schlinge (
durch einen eid, der die endgültige trennung von der geliebten bekräftigt) gelegt zu haben! G. Keller
ges. w. (1889) 2, 87. C@2@ee)
in der beziehung auf empfindungen, innere zustände und sonstige gegebenheiten, die an ein empfindendes subjekt gebunden sind, tritt die wirkung auf das subjekt vollends in den vordergrund, '
qualvoll, schmerzlich, überaus empfindlich': unterdessen verbleiben sie nicht lange in dieser grausamen ungewiszheit (1754) Lessing 6, 119
L.-M.; wieder eine nacht, die ich auf der folter nicht grausamer hätte zubringen können!
ebda 2, 270; der kusz der letzte, grausam süsz, zerschneidend ein herrliches geflecht verschlungner minnen Göthe I 3, 21
W.; schon einigemal im leben, aber nie so grausam hab ich den schmerz empfunden, der mich nun ganz elend macht ... ich sasz bei ihr ... und ich hatte sie schon verloren
ebda 24, 149; der entfaltung qualenkämpfe wühlen grausam durch das innre Platen
w. 1, 45
Hempel; ich fühle, dasz ich den tod, den qualvollen tod hinabgosz (
mit einem gifttrank); er raset in mir, er foltert mich mit grausamen qualen, er zerreiszt mir das herz Holtei
erz. schr. (1861) 4, 197; noch lag viel glanz über der flur, aber kein grausamer mehr, der den augen weh tat Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 35; auf ... in ihrer todesblässe fernen und doch so grausam nahen gesichtern Hohlbaum
Stein (1934) 193. C@33)
in einem seit dem anfang des 19.
jhs. bezeugten literarischen gebrauch sind gefühls- und wertindifferenz die beherrschenden momente, während das moment der neigung, jemanden empfindlich zu treffen, zurücktritt. grausam
charakterisiert verhaltensweisen u. dgl. aus der sicht des betroffenen in dem sinne, dasz sie notwendig sind und ertragen werden müssen, wobei leicht ein mit einem gewissen lustgefühl gesuchtes leiden das wissen um zwang und notwendigkeit begleiten kann. C@3@aa)
so besonders intellektuelle verhaltensweisen, äuszerungen, einsichten und kritische verfahren als '
unerbittlich, radikal, schonungslos, scharf, hart, kalt, klar'
kennzeichnend: sagen sie mir lieber, mit ihrer grausamen bestimmtheit, was sie von mir erwarten, und wie und auf welche weise sie mich aufopfern wollen Göthe I 23, 218
W.; ich habe ... die lücken, die ich mit grausamer scheere hineingeschnitten, wieder zusammengefügt und übermalt
ders., IV 28, 6; dasz Lachmanns 20 lieder so stehen bleiben können ist mir unwahrscheinlich, einige darunter sind zu schwach und anderwärts die ausscheidungen zu grausam Jac. Grimm in:
briefw. zw. Jac. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 121; masz er mit grausamem scharfsinn die schwäche seiner natur und die schwere seiner schuld Storm
s. w. (1900) 1, 308; ich ahnte darin die grausame weisheit des vaters, der es für genug züchtigung halten mochte, wenn man mich meinen eigenen gedanken überliesz Carossa
eine kindheit (1922) 100; nirgends ist der weltweite abstand zwischen der militärischen gesinnung des ersten und der des zweiten weltkrieges so grausam deutlich wie hier Klemperer
l. t. i. (1949) 67; (
er) gab sich mit groszer klarheit diesen grausamen wahrheiten hin A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 321.
wohl von hier aus auch allgemeiner von personen und handlungen im sinne eines starken '
unerbittlich, radikal'
ohne besondere hintergründigkeit: indem es (
das salische kaiserhaus) ... Cluny stärkte, züchtete es den anspruch auf die herrschaft gottes durch den papst, es züchtete sich selbst den grausamsten feind heran Pinder
d. kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 136; prinzip und ideal war (
beim militär) ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen (
einer studentischen verbindung), nur ward es grausamer durchgeführt H. Mann
d. untertan (1949) 48. C@3@bb)
in jungem wortgebrauch komplex und stark atmosphärisch bedingt. dem leichten lustgefühl am leiden auf seiten des betroffenen korrespondieren auf seiten der solche empfindungen auslösenden personen und verhaltensweisen momente des freudlosen und gelangweilten: und mit grauen, grausam traurigen augen griff er (
der dachs der urzeit) sich ein menschenhirn zum frasz R. Dehmel
ges. w. (1906) 2, 90; das lächeln auf seinem fahlen gesicht ist nun wirklich ein teufelslächeln, grausam, eisig — und verzweifelt. als ich, beginnt er langsam, noch ein schüler war, sagte ich einmal ...: ich bin das verderben der welt Jelusich
der löwe (1936) 129; so gab nun Dora ihren groszen ball. sie lachte in dieser minute hinter ihrem fächer ihr fremdes, schmachtend grausames kreolinnenlachen ... vielleicht entschied es sich heute für Knust. denn mit leutnant von Gierschke schien es aus zu sein H. Mann
ausgew. w. 1 (1951) 473. C@44)
qualitätsärmer und verstärkend: wenig tage nachher (
nachdem der wolf geschworen hatte, kein lebendes tier mehr zu reiszen) überfiel ihn ein grausamer hunger (1759) Lessing 8, 57
L.-M.; sie hätten ... mich heute schon gesehen, oder von mir gehört, wenn nicht ein grausamer fleis mich gefangen hielte Göthe IV 21, 156
W.; die vielen Polen, die jetzt hier zusammentreffen, machen den ministern grausame kopfschmerzen Börne
ges. schr. (1829) 11, 127; wenn er auch nach Freiligraths, das ohr der logik in grausamer dissonanz zerreiszender redefigur, 'mit seinem hirne hungernd pflügt' W. Riehl
dt. arbeit (1861) 261; ich bin gottlob wohl, leide aber in meinem kinde, das einen ganz grausamen keuchhusten hat (1883) C.
F. Meyer
an Rodenberg 179
Langm.; die leute in der stadt hatten bei der grausamen hitze einen schönen durst Storm
s. w. (1900) 4, 305; obgleich er den ganzen tag noch nichts zu sich genommen hatte ..., war er sich seines hungers doch nicht bewuszt, sondern nur einer allgemeinen grausamen erschöpfung Ina Seidel
d. labyrinth (1922) 51; heute aber gab es doch eine böse und grausam lange minute. in ganz kurzen abständen überflogen uns starke geschwader, so dichtgedrängt und so tief, dasz uns zittern und schüttern umdröhnte Klemperer
l. t. i. (1949) 192.