grausamlich,
adj. ,
seit dem 14.
jh. bezeugte weiterbildung zu grausam (
s. d.),
vorwiegend (1)
in dessen älterem bedeutungsbereich A
stehend; seit dem 18.
jh. nur noch dünn in einer qualitätsarmen bedeutung (2)
bezeugt. in älterer sprache überwiegt adjektivischer, seit der mitte des 16.
jhs. adverbialer gebrauch. als adv. älter auch mit der erweiterten endung -lichen. 11)
von der auf die wirkung einer sache zielenden bedeutungsgrundlage '
schauder erregend'
her als objektives merkmal personen und sonstige gegebenheiten als '
grimmig, schrecklich, hart'
kennzeichnend. die bedeutungsbreite veranschaulichen glossierungen und lexikographische entsprechungen wie atrociter (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 58
a;
metuendus (15.
jh.)
ebda 360
a;
immanis (
obd. 15.
jh.)
ebda 287
b;
peinlich, austere, attrociter voc. teut.-lat. (1482) m 7
a;
toruus gemma gemmarum (1508) C 4
b;
sœuiter Frisius
dict. (1556) 1173
a;
tyrannice ebda 1340
b;
crudeliter ebda 347
a; Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 636. 1@aa) '
wütend, grimmig'
; wenig ausgeprägt und nur älter: jr werden sssen mAeget (
die an dem verwundeten Wigalois den tod ihres herrn rächen wollen) nicht geparent also, stellet ab euer grausamlichs hassen gegen disem tugentlichen hOelden
Wigoleys (1493) d 1
b; denn Goffroy der war ein zorniger grausamlicher vnd freysamer mann
buch d. liebe (1587) 274
d; das rossz aber stellet sich grausamlich, ... vnd schlug jhn mit eim hinderfusz so hart
ebda 25
a. 1@bb)
überwiegend, aber schon seit dem 16.
jh. mit abnehmender tendenz, in der bedeutung '
schauder, schrecken, abscheu erregend'. 1@b@aα)
im sinne eines gewichtigen '
schrecklich', '
auf schreckliche weise'
; von personen, tieren, handlungen, vorgängen, zuständen, seltener von sachlichen gegebenheiten: zu hand man da sach ain grausamlich tyer gan, daz waz frayslich getann
d. gr. Alexander 3947
Guth; sturm wetter man dick sicht so grusamlich gebarn, das die von jungen jarn gar dick erschrecken müessen meister Altswert 212
lit.-ver.; die wolffen giengen ain weil nach mit grausamlichem hẃln Hartlieb
dial. mirac. 309, 16
Drescher; dardurch ranne ein dief und greusamlich wasser, das nit zu gründen
Wilwolt von Schaumburg 185
Keller; do sach er ... ainen grauszamlichen feürigen vnd geschwOebleten brunnen Keisersberg
schiff d. penitentz (1512) 107
a; nachdem er (
Theodosius) sie (
die stadt) durch sein kriegsvolk eröbert, grausamlich hatte gewütet Luther
tischr. 1, 807
W.; dem Cristus selb hett kund getan, wie grusamlich das fegfür brönt
N. Manuel 123
Bächtold; in derselben nacht kam ein grausamlicher schreck und forcht in die von Zrich (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 2, 312: Dirodorus ... sagt von den Celten in gemein, wie sie weren grausamlich an zusehen Schill
ehrenkranz (1644) 186; sonderlich die Hiberen grausamlich darinn hauseten A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 125.
mit dem nebensinn '
seltsam, erstaunlich': da die (
aus dem himmel fallenden) flammen nyder in den lufft komen, da tailten sy sich gar in vil land und tetten vast grausamleich, als bedeẃtten sy ain grosz wunder und zaichen (
terribiliter ac mirabiliter movebatur) Hartlieb
dial. mirac. 301, 28
Drescher; ich mag doch wol von wunder sagen! hat vch (
die narren) der tüffel zuosamen tragen in meins lieben vettern (
des groszen lutherischen narren) magen? das ist ein grausamlicher fal. wie kanstu sie verdauwen al? Murner
luther. narr 473
Merker. 1@b@bβ) '
abscheulich, scheuszlich, schändlich': ich mag nicht becheren mein syn zw deiner fleyschlicher mynn. dein will ist grawssamleich vnd dein leben süntleich
marter d. hl. Margareta 325
in: zfda. 1, 170; er (
ein toter graf) erschain ainer verschlossen frawen ... und was gar unsauber und grawssamlich (
vultu lurido ac macilento) Hartlieb
dialog. mirac. 370, 7
Drescher; auch fiel auff mich die grausamlich anfechtung, ob ich von got ausserwelt wer zuo der seligkeit Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 107
ndr.; in diesen letzten zeiten, da allerley laster grausamlich im schwang gehn
theatrum diabolorum (1569)
titelbl.; das haupt ist grausamlich verhönt, mit einem dornen krantz gekrOent Angelus Silesius
hl. seelenlust 67
ndr. 1@cc) '
streng, hart, gewaltsam, roh',
von personen, handlungen, vorgängen u. ä.; im 16./17.
jh., mit langsam zunehmender bezeugungsdichte: also geben vnns die manigfaltigen plagen gotes des herrn ain vrkund des strengen grausamlichen vrtails, daz hernach künftig ist Keisersberg
predigen teutsch (1508) 113
a; dasz ... er sein ehelich weib ... sehr grausamlich schlahe Luther
briefw. 8, 262
W.; sag die wahrheit oder ich dich so grawsamlich martern als nie erhOeret ist
engl. comedien u. trag. (1624) R 5
a; die plagen, welch ihm (
Jesus) grausahmlich sein edle glieder zerren Rist
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 2, 211; sie wolle sich lieber lassen brennen, und sterben, weder noch einmal so grausamliche pein leiden: welches ihr widerfahren würde, wann sie auff ihrer unschuld beharrete Er. Francisci
der höllische Proteus (1695) 115. 1@dd)
in qualitätsarmer bedeutung. 1@d@aα)
intensivierend, '
heftig, stark, sehr': so du got hyn usz an die strasze wurffest in das kott esz were eyn grusamlich grosz erschrecklich sunde (15.
jh.) J. Wolff
beichtbüchl. 32
Battenberg; ob sy wider den Luther vnnd seinen anhang noch vil hefftiger vnd grawsamlicher ergrymmendten Regius
v. luth. wunderzaychenn (1524) A 3
a; dasz erdtrich an manchem ort grausamlichen hoch übersich gegen dem himmel steigt Seb. Münster
cosmogr. (1550) 3; das schreckt mich grawsamlich Rollenhagen
spiel v. reichen manne 145
Bolte; es schlugen die hohen wellen grausamlich hinter an das schiff Mandelslo
morgenländ. reisebeschr. (1696) 118
Olearius; wann der hirsch im sept. auf die brunst tritt, stinckt er wie ein bock ... bOerlet grausamlich Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 582. 1@d@bβ)
einem distanzierenden und abschwächenden '
erbärmlich, elendiglich, schändlich'
nahestehend, meist adverbial in einem gewalttaten umschreibenden zusammenhang; vorwiegend von c,
aber auch von b
β her: vnd da sie meineten, jre snde solten verborgen, vnd vnter einem blinden deckel vergessen sein, wurden sie grausamlich zurstrewet, vnd durch gespenster erschreckt
weish. 17, 3; Holophernus, der aylfft tyrann, ... der bracht viel künigreich in weh ..., die leut sehr grausamlich ermört H. Sachs 1, 227
lit. ver.; verurtailt zum tod ân alle gnad obgenanten Lucium Opimium und ander, so sich grausamlich aller hertikait wider all freund obgenanter zwaier brüeder Gracchon geflissen hetten Aventin
bayer. chron. 1, 495
Lexer; so wirstu (
Agamemnon) doch auszrichten wenig, wann Hector vnd sein starcke menig die Griechen grausamlich vmbbringen Spreng
Ilias (1610) 6
a; die wurden ... grausamlich hingerichtet Birken
verm. Donaustrand (1864) 55. 22)
ein nur schwach ausgeprägter, ungewichtiger und wenig profilierter jüngerer gebrauch (
seit dem späten 18.
jh.)
setzt bis weit ins 19.
jh. hinein, oft in distanzierender absicht und mit archaisierender wirkung, in etwa den qualitätsarmen gebrauch unter 1 d
fort, steht aber in einem sehr allgemeinen sinne unter dem einflusz von grausam C. 2@aa) '
zu gewalttaten geneigt, schändlich'
u. ä., stets ohne gewicht: ermordet nicht so grausamlich euch selbst und mich in euch Wieland
s. w. 4, 145
Hempel; eben so (
waren in einem alten buch abgebildet) auch grausamliche völkerschlachten, wo es gar wild herging Gaudy
s. w. (1844) 4, 126; überhaupt geht es hier fürchterlich zu ... ein grausamlicher wildschütze, Melcher mit namen, ... wird gerichtet, mit zangen zerrissen ... er hat zweihundet ein und funfzig mordthaten eingestanden Holtei
erz. schr. (1861) 15, 80; grausamlich müssen die unsern im Morgenland geschlachtet haben Rosegger
schr. (1895) I 13, 30. 2@bb)
aus der sicht des betroffenen, '
empfindlich, erbärmlich, elendiglich': grausamlich hats mich gejuckt Laukhard
leben (1791) 1, 328; hier oben aber — wie grausamlich sonne und rosen stechen sie mich! Heine
s. w. 2, 103
E.; man hat beispiele, dasz menschen auf solche weise grausamlich erstickten Holtei
erz. schr. (1861) 13, 118; alles sieht und fühlt sich wie im unangenehmsten herbst. man friert grausamlich Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 3, 179.