grausamkeit,
f. ,
abstraktbildung zu grausam (
s. d.),
seit dem 15.
jh. 11)
zu grausam A;
von einem schaudern erregenden aussehen oder verhalten. überwiegend in der bedeutung c,
während die bedeutungen a
und b
nur schwach ausgeprägt sind. in glossierungen und lexikographischen buchungen entsprechen ausdrücke wie ferocitas (
md. 1440) Diefenbach
gloss. 231
a;
peinligkeit, austeritas, attrocitas voc. teut.-lat. (1482) m 7
a;
atrocitas (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gloss. 58
a;
sœuitia Frisius
dict. (1556) 1173
b;
crudelitas ebda 346
b;
immanitas ebda 650
b;
crudelitas, immanitas, sœvitia, atrocitas, feritas Stieler
stammb. (1691) 697;
crudelitas, immanitas, sœvitia Steinbach (1734)
dt. wb. 1, 636. 1@aa)
von affektbedingten verhaltensweisen, '
wildheit, heftigkeit, erregung': die richter sOellen nichts volfgen ausz zoren und ausz grauszamkayt A. v. Eyb
spiegel der sitten (1511) 103
a; grosser vberflusz bringt grausamkeit. sacietas ferociam parit ... wo vberflusz ist allezeit, dasselb gebirt grosz grimmigkeit Eyering
prov. (1601) 2, 706.
auch in nicht persönlicher beziehung, '
heftigkeit, ungestüm': allzeit ein leen (
lawine) mit grausamkeit kam, der er mit geschicklichkeit und onerschrocknem gmüt entreit
Teuerdank 89
Goedeke; wenn schon die gifft (
die pest) auff freyen plan, mit grausamkeyt herkeme: vnd die inn eyl zehen tausent mann, zu deiner rechten neme Ringwaldt
handbüchl. (1598) 59. 1@bb) '
schrecklichkeit'. 1@b@aα)
von schreckenerregenden, meist natürlichen gegebenheiten: ein landtfarer freuoet sich, so er wirt gefragt von grawsamkeit des meres vnd von gelegenheit frembder, weytter lennder A. v. Eyb
dt. schr. 1, 72
Herrmann; der mon ... erklAeret durch seinen schein vnnd liecht die grausamkeyt nAechtlicher finsternisz Ryff
anatomi (1541) A 2
b; da (
im sturm auf dem meer) must, herr, unser leben recht in der grausahmkeit des tieffen abgrunds schweben Rist
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 2, 313
b. 1@b@bβ)
mehr '
schändlichkeit',
von anstöszigem, abscheu oder entrüstung erregendem: die durchAechter der hailigen (
märtyrer) die in jrer poszhayt und grausamkayt waren erplindet, haben sy für toren gehalten A. v. Eyb
spiegel der sitten (1511) 37
a; ein solches christenthum, solch ein prophetisch lehren, dasz durch das heüchlen nur die laster pflegt zu mehren, herr Tankmar, dasz war dir und mir vor langer zeit, ja vielen jahren schon ein bild der grausahmkeit Rist
Parnasz (1652) 682; bOeses vor guts vergelten ist eine grawsamkeit Chr. Lehman
floril. polit. (1662) 3, 113. 1@cc) '
strenge, härte, gewalttätigkeit, roheit',
durchweg von einem persönlichen verhalten. seit dem 16.
jh. rasch zunehmend und innerhalb des älteren wortgebrauchs überhaupt am häufigsten bezeugt. diese bedeutung erreicht um die mitte des 18.
jhs. ihre äuszerste grenze; vgl.: grausamkeit ... ist eigentlich nichts anders, als eine allzu harte und übermäszige strenge, welche alle regeln und schrancken der billigkeit und menschheit überschreitet
Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 1335. 1@c@aα)
meist persönliche haltung und handlung zusammennehmend: er hat vil lieber den todt lyden wOellen vnd alle grausamkeit des babst, dann verschwygen die warheit H. v. Cronberg
schr. 1, 26
ndr.; zum andern, das die tyranney ein wurtzel der grausamkeyt sey H. Sachs 2, 212
lit. ver.; etliche (
knaben) werden hinber in Asia zu viechhirten gebraucht, dasz sie hunger, durst, frost, hitz vnd andere beschwerligkeiten gewohnen, vnd zum kriegswesen tchtig werden, insonderheit dasz sie zugleich daselbst erwilden vnd grausamkeit lernen in der einOede beym viech Schweigger
reiszbeschr. (1619) 170; welches (
urteil) nach kaum gefelltemvrtheil mit ... grawsamkeit vollnzogen ist Spee
tugendbuch (1649) 112; treib (
gott) ab die grausamkeit des alten hOellen-drachen Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 328; sie wolte ihre zarte haut der grausamkeit eines blutdürstigen schwarzrocks (
eines flohs) entziehen
Leipziger avanturieur (1756) 1, 200. 1@c@bβ)
mehr als persönliche haltung, eigenschaft: die feindt ... hieben mit dem schwerd darnider alles das sie nur antraffen, so gar, dasz auch weder die vnschuldt der kleinen kind, noch die schwachheit der alten ... die tyrannische grawsamkeit jres barbarischen hertzens mOecht erweichen
theatrum amoris (1626) 96; die grausamkeit hatte ihn dermassen verhAertet, dass eines wolmeynenden diener trewer rath nichts mehr bey ihm wircken mOegen Moscherosch
gesichte (1650) 541; der marschall Marillac wurde durch den scharfrichter ebenfalls seiner (
Richelieus) grausamkeit geopfert Ziegler
schauplatz (1695) 1382
a; Mars, der das arme reich verheert, ... und voller wuth und grausamkeit das feld mit leichen deckt Stoppe
Parnasz (1735) 398. 1@c@gγ)
auf tat und handlung zielend, meist im sinne von '
gewalttat': welcher krieg (
der Römer gegen die Karthager) alle andere, daruon wir wissen tragen ..., mit grausamkeit vnnd lasterhafften thaten weit vbertroffen hatt Xylander
Polybius (1574) 65; wo sie (
die Ungarn) aber zu zogen, da vbeten sie vnmenschliche grausamkeit Binhardus
thür. chron. (1613) 67; mich verwundert nicht, dasz der heydnische philosophus Timon zu Athen viel galgen aufrichtete, daran sich die menschen selber auffknüpffen, und also ihrem elenden leben durch eine kurtze grausamkeit ein ende machen solten Grimmelshausen
Simpl. 38
Scholte; eben so begreiffet man, dasz es eine grausamkeit ist, wenn man einen umb seine gantze zeitliche wohlfahrt bringen will, weil er sich nicht nach unserm willen in allem richtet Chr. Wolff
vern. ged. v. d. menschen thun (1720) 595; wir finden, dasz gemeine windmacher beständig in ihren erzählungen alle gefahr, mühe, traurigkeit, krankheiten und todesfälle, mordthaten und grausamkeiten eben so wohl vergröszern, als die freude, schönheit, lustbarkeit und pracht Dusch
verm. schr. (1758) 223.
ähnlich: die schOenheit ist eine kurtze grausamkeit, gebietung, tyranney
la beltà è una breve tirannia Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 407
a. 1@c@dδ)
in spezieller beziehung auf die zurückhaltung oder das abweisende verhalten begehrter mädchen: ich sterb aus lauter grausamkeit der liebsten Zesen
verm. helikon (1656) 2, 41; stolzer schönen grausamkeiten sind noch immer ungemein. auch die spröden unsrer zeiten können ewig spröde seyn Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 66. 22)
zu grausam C;
gefühllosigkeit und das durch diese bestimmte, anderen qual oder leid zufügende verhalten, verbunden mit lust, willkür oder auch einsicht in die notwendigkeit solchen verhaltens. seit der mitte des 18.
jhs. 2@aa)
am häufigsten im sinne einer willkürlichen oder mutwilligen, durch keine notwendigkeit gerechtfertigten gewalttätigkeit. 2@a@aα)
komplex, gesinnung, haltung und handlung umgreifend: ihr (
Sara Sampsons) leben soll das andenken meiner (
Marwoods) verachteten liebe auf die nachwelt nicht bringen; meine grausamkeit soll es thun. sieh in mir eine neue Medea! Lessing 2, 295
L.-M.; das unzählbare heer seiner henker ..., die auf Albas stimme von stadt zu stadt herumstreiften, und mit hohnsprechender grausamkeit ströme von blut vergossen Schiller 4, 99
G.; alles dieses zeigt uns an, dasz diese anstalten werke der nothwendigkeit, nicht der grausamkeit sind. der mensch hat nur allzusehr ursache, sich vor dem menschen zu schützen Göthe I 24, 66
W.; ein stilles gefühl groszer gemeinsamer verschuldung heiligte den kampf, hielt hier grausamkeiten gegen die überwundene partei im eigenen busen des vaterlandes zurück Immermann
w. 18, 28
Hempel; diese auswanderung der juden war eine folge der grausamkeit und habsucht der ersten kreuzfahrer Moltke
ges. schr. (1892) 2, 103; war der erste kommandant (
eines kz) ein narr gewesen, mit furchtbaren, unvoraussehbaren fällen von grausamkeit, so war der neue ein nüchterner mann A. Seghers
d. siebte kreuz (1950) 7. 2@a@bβ)
als persönliche gesinnung und haltung, die neigung zu gewalttätigem handeln ausdrückend: der nationalhasz flieszt aus eben den quellen (
wie der nationalstolz) ... der blosze gedanke von einem volke kann bey einem andern volke die triebe des zornes, der rachbegierde, der eyfersucht, der grausamkeit und der Aeuszersten verachtung zugleich erregen Zimmermann
nationalstolz (1758) 17; der gegensatz von grausamkeit und mutterliebe Vischer
ästhetik (1846) 3, 16; solche martern, wie sie die grausamkeit des kaisers Franz über Pellico verhängte, blieben den preuszischen demagogen freilich erspart Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 4, 612; Salome, die der verführerische ruf mordlustiger grausamkeit umgab Carossa
d. tag d. j. arztes (1955) 42. 2@a@gγ)
von einer gewalttätigen handlung: in dem zwischenraum dieses und des vorhergehenden aufzuges, musz man sich vorstellen, dasz Atreus seine grausamkeiten begangen habe. sie waren zu schrecklich, als dasz sie der dichter ... dem zuschauer hätte zeigen sollen Lessing 6, 212
L.-M.; wenn ich nur nicht zur jetzigen zeit von so schrecklichen ungerechtigkeiten, gewaltthätigkeiten, gewaltsstreichen und grausamkeiten hörte Klinger
w. 12 (1809) 263; zunächst ist der mord (
bei den Melanesiern) nicht selten mit grausamkeiten verknüpft, die an die grenzen des unmöglichen streifen: fidschianische häuptlinge lieszen feinde in der weise töten, dasz man ihnen einen stab in den kopf hinein hämmerte Ratzel
völkerk. (1885) 2, 226; und durch die wissenschaftliche, vielmehr pseudowissenschaftliche rassenlehre begründet und rechtfertigt man ... jede eroberung, jede tyrannei, jede grausamkeit und jeden massenmord Klemperer
l. t. i. (1949) 142. 2@bb)
gefühlsroheit, neigung zu mutwilligen quälereien und diese selbst. 2@b@aα)
meist als komplexes verhalten, die zugrunde liegende rohe gesinnung mit einschlieszend: ihr (
der gesetze) wille ist, nach seiner meinung gar nicht, einem vetter dasjenige zu vergönnen, was man einem vater, wenn er es als vater begehrte, ohne grausamkeit nicht versagen könnte Lessing 6, 104
L.-M.; es wäre grausamkeit, einen raschen jungen liebling der musen zu überzeugen, dasz die menschen das nicht sind, wofür man ... sie zu halten pflegt Gleim
briefw. 1, 84
Körte; diese unschädlichen thiere aus dem ruhigen aufenthalt in ihren schattigen wäldern wegzuschleppen ... das ist eine muthwillige grausamkeit und ein offenbarer beweis der härtesten fühllosigkeit Forster
s. schr. (1843) 1, 57; ich sah deutlich, dasz er (
der prüfer) von seiner nachmittagsruhe kam, also zu grausamkeiten geneigt sein muszte Fontane
ges. w. (1905) II 2, 232; grausamkeit ist ein hauptingrediens der liebe und ziemlich gleichmäszig auf die geschlechter verteilt: die grausamkeit der wollust, die grausamkeit des undanks, der unempfindlichkeit, des unterjochens und maltraitements Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 343.
vereinzelt von der abwehrenden haltung junger mädchen (
vgl. oben 1 c
δ): mein mädgen schwieg, und sah mich an; ein zeichen, die grausamkeit fieng an sich zu erweichen, geschmolzen durch die fühlbarkeit Göthe I 37, 30
W. 2@b@bβ)
gelegentlich mehr auf die persönliche gesinnung zielend: die gräfin Löbau hatte die grausamkeit dem fräulein vorwürfe über ihr betragen zu machen S. v. Laroche
fräulein v. Sternheim (1771) 1, 345; dasz er aus leichtsinn dich betrübte — aus leichtsinn, nicht aus grausamkeit Schubart
s. ged. (1825) 2, 167; er schäumt und tobt, dem einzgen sohne fluchend; zur grausamkeit verhartet sich die wuth A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 244; die älteren brüder, die mit jener naiven grausamkeit, die den heranwachsenden generationen nun mal eigen ist, achtlos über den vater hinwegschreiten wollten, und keine rücksicht für seine eigenart kannten Polenz
Grabenhäger (1898) 2, 24. 2@b@gγ)
nur vereinzelt stärker auf entsprechende handlungen und vorgänge zielend: 'sie sollen thun, was sie verlangen wird.' 'so werde ich eine neue grausamkeit an ihr begehen. mit unrecht tadelt sie die verzögerung einer ceremonie (
der eheschlieszung), die itzt ohne unser äuszerstes verderben in dem königreiche nicht vollzogen werden kann' Lessing 2, 272
L.-M.; noch immer so munter, noch immer so boshafft ... so unbarmhertzig einen leidenden auszulachen, einen klagenden zu verspotten, alle diese liebenswürdige grausamkeiten, enthält ihr brief Göthe IV 1, 167
W. mit dem blick auf das qualvolle eines zustandes: wenn sie sich auch über die grausamkeit oder nützlichkeit der trennung (
von ihrem mann) einige hausbackene gedanken zurecht gezimmert, so fehlte ihr für die neue anregung, die sie hinzufügen sollte (
liebesbriefe mit gedanken über die trennung zweier liebender zu verfassen), jeder einfall G. Keller
ges. w. (1889) 5, 115. 2@cc)
in einem erst etwas später einsetzenden gebrauch bringt grausamkeit
mehr notwendigkeit und wertindifferenz eines geschehens oder einer handlung zum ausdruck als mutwillen und willkür; '
unerbittlichkeit, schonungslosigkeit, radikalismus': (
Herder) hatte den vorhang zerrissen, der mir die armuth der deutschen literatur bedeckte; er hatte mir so manches vorurtheil mit grausamkeit zerstört Göthe I 28, 8
W.; aber auch das unerbittliche (ich möchte sagen die grausamkeit) der natur lernte ich früh mit trauer erkennen Kerner
bilderbuch (1849) 217; so hat sich auch J. Grimm ... neuerdings von Lachmanns standpunkte (
über die entstehung des Nibelungenliedes) abgekommen erklärt, der ihm die grausamkeit der kritik zu weit trieb Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 335. 33)
vereinzelt grausam B
entsprechend, aber nicht ohne berührung mit 2,
im hinblick auf eine beängstigende und beklemmende atmosphäre: (
die verhandlung, die) mit dem harten bluturteil über alle (
besiegten) endigte. die geheimnisvolle grausamkeit, mit welcher ein so groszes mehr bei der abstimmung sich offenbarte, dasz gar nicht gezählt wurde, das unmittelbar darauf erfolgende vortreten des scharfrichters, ... die starre unbarmherzigkeit der mehrheit ..., alles dies stellte sich anschaulich dar G. Keller
ges. w. (1889) 6, 237; Paris ... ist eine schwere, schwere, bange stadt. und die schönen dinge, die da sind, machen mit ihrer strahlenden ewigkeit doch nicht ganz gut, was man durch die grausamkeit und wirrheit der gassen und die unnatur der gärten, menschen und dinge leiden musz (1902) Rilke
br. 1902 bis 1906 (1929) 57.